Einer von drei Texten von Kerry über die drei grundlegenden Prinzipien des Qigong:
Diese Notizen beziehen sich zwar konkret auf das Üben der Liu Zi Jue - Heilenden Laute, da dies die hauptsächliche Methode ist, auf die wir uns in diesen pandemischen Zeiten zum Schutz der Gesundheit konzentrieren, doch gelten die folgenden Inhalte nicht nur für diese eine Qigong-Methode oder nur für Qigong-Anfänger, sondern betreffen das Üben aller Arten von Qigong, ob still oder in Bewegung, und jedes Niveau des Übens. Im Qigong ist es immer so, dass die einfachsten Methoden und grundlegendsten Anweisungen die tiefgehendsten sind, und man immer wieder konsequent zu diesen zurückfinden muss, unabhängig davon, wie fortgeschritten man ist, wie viele Methoden oder Übungs-Formen man gelernt oder welche Erfahrungen man schon gemacht hat.
Es gibt drei Grundprinzipien, die einem ermöglichen, in den sogenannten Qigong-Zustand einzutreten. Diese Prinzipien beachtet man bei allen Qigong-Methoden. Je tiefer man in den Qigong-Zustand findet, desto stärker und freier fließt das Qi, und desto offener wird man als Organismus für die Feinheiten dieses Flusses und die durch ihn ausgelösten Empfindungen.
Das erste der drei Prinzipien ist:
Tiaoshen 調身 - Regulation des Körpers
Bevor man zu üben beginnt, egal, ob es eine bewegte Übung ist oder eine Übung im Stehen, Sitzen oder Liegen, ist es wichtig, körperlich tief entspannt zu sein. Wenn man im Qigong von Entspannung spricht, dann meint man nicht nur den Körper, sondern in erster Linie das Qi selbst. Entspannung heißt, das Qi zu öffnen und ihm zu ermöglichen, im Körper besser zu fließen, den Körper besser zu durchdringen und alle Bereiche des Körpers zu erreichen.
Natürlich findet Entspannung zunächst auf einer relativ oberflächlichen Ebene des Körpers statt, auf der Ebene der Sehnen, der Muskeln und des Bindegewebes. Dort beginnt man, davon geht man aus, und dann versucht man, die Entspannung noch tiefer gehen zu lassen, was mehr Übung erfordert.
Bewegt man sich von der Oberfläche nach innen, lösen sich auch die Spannungen in den großen Gelenken, in Schultern, Hüften, Knien, und im Weiteren auch in den kleineren Gelenken, im Kiefer, in den Ellbogen, Handgelenken, Sprunggelenken und in allen Abschnitten der Wirbelsäule von der Schädelbasis bis zum Kreuzbein.
Wenn man den Körper dermaßen scannt und entspannt, von der äußersten bis hin zur innersten Ebene, von den größten bis zu den kleinsten Gelenken, dann ist es am besten, oben zu beginnen und nach unten zu gehen - vom Kopf zum Hals und zu den Schultern, zu den Armen, Händen und Fingern, die Brust und den oberen Rücken hinunter, zum Bauch und zum unterem Rücken, zu Hüften, Becken und Gesäß, und dann die Beine hinunter zu den Füßen und Zehen.
Indem man lernt, auch die kleinsten Gelenke zu entspannen, lockern sich spürbar auch Bereiche des Gesichts und der Kopfhaut. Das Entspannen der winzigen Gelenke der Finger und Zehen, des Steißbeins und der Wirbelsäule ermöglicht einen volleren und offeneren Fluss von Qi und Blut, von den Fingerspitzen und Zehen zu Gesicht, Kopf, Gehirn, und durch den ganzen Körper.
Unsere lebenswichtigen Organe befinden sich alle nahe der Wirbelsäule. Daher ist es besonders wichtig, diese Fähigkeit der Entspannung und Lockerung zu entwickeln, damit die Wirbel und auf einer tieferen Ebene das Rückenmark keine Spannung halten (hier wird es besonders offensichtlich, dass ich vom Qi spreche: es geht um den Qi-Fluss im Rückenmark). Selbst bei Grunderkrankungen wie z.B. Arthritis, oder bei Rücken- oder Gelenkverletzungen ist es möglich, diese Tiefenentspannung zu erreichen, die den Fluss von Qi und Blut öffnet und die gesamte Körperstruktur stärkt.
Der Körper reagiert auf jede Spannung, auf äußere und auf innere (durch Gefühle oder Gedanken) - wenn man eine feste Faust macht, erzeugt dies Spannung im übrigen Körper; steife Schultern oder ein fester Kiefer erzeugen Spannung; wenn man sich beim Qigong-Üben zu sehr um perfekte Bewegungen bemüht; in tiefere Positionen geht, als die Muskeln gewohnt sind; oder wenn man sich in irgendeiner Weise dazu drängt, die körperlichen Grenzen zu überschreiten, immer dann erzeugt man Spannung. Und jede körperliche Spannung spiegelt sich in Psyche und Geist wider und umgekehrt. Wenn man mit einem Hammer auf den eigenen Daumen schlägt, wird die Reaktion sowohl körperlich sein wie auch emotional. Wenn man glaubt, Kälte nicht aushalten zu können, dann ziehen sich die Schultern zusammen, der Körper spannt sich und man friert buchstäblich ein.
Der Körper ist Form, fest und sichtbar. Es stellt die Struktur der Existenz dar, einer Existenz, welche im großen Bogen durch alle Lebensphasen eine Entwicklung durchläuft und sich dabei stetig wandelt. Der Geist und die Emotionen sind unsichtbar, ohne Form und Substanz. Gedanken und Gefühle bewegen sich schnell, sie kommen und gehen, verbinden unsere äußere mit der inneren Existenz, transformieren und erschaffen die wahrgenommene Wirklichkeit. Geist und Körper arbeiten zusammen, um die tiefsten Ebenen der menschlichen Existenz mit den äußersten Grenzen der physischen Form zu integrieren.
Der Teil unserer Existenz, der sowohl sichtbar als auch unsichtbar ist und sowohl eine physische als auch nicht-physische Qualität hat, ist der Atem. Er ist Luft, er ist feucht, er regt die Zirkulation von Qi und Blut im ganzen Körper an, er bewegt Qi und Blut, er entsteht, wenn wir geboren werden, und hört auf, wenn wir sterben.
Wenn man also lernt, wie es für das Üben von Qigong erforderlich ist, sich auf den tiefsten Ebenen zu entspannen, dann ist es wichtig, dies mittels des Atems zu tun. Man lässt den Atem Spannungen im Körper und im Geist lösen. Indem man auf natürliche Weise atmet, leicht und mühelos, in einem gleichmäßigen und kontinuierlichen Fluss zwischen Ein- und Ausatmen, und sich dabei die Zeit nimmt, alle großen und kleinen, innersten und äußersten Körperbereiche zu entspannen, entwickelt man die eigenen Qigong-Fähigkeiten.
Die Regulierung des Körpers ist ein wesentlicher erster Schritt der Qigong-Übungspraxis. Sie ist aber auch eine nützliche Methode für den Alltag - entspannt im Körper zu bleiben bedeutet sicherzustellen, dass man sich wohl fühlt, egal in welcher Situation, und die körperliche Energie nicht damit verschwendet, Spannungen im Körper aufrechtzuerhalten. Sich im Körper wohl zu fühlen heißt sich auch psychisch, geistig wohler fühlen zu können, was sicherlich der Gesundheit hilft und der Fähigkeit, das Leben zu genießen!