Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie
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Tuesday, April 21, 2020

Das Sitzen in Stille und die sich erhebenden Wolken

Hier noch zwei Nachträge zu den letzten Texten. Zwei Nachträge - ein Bild und ein Gedicht - zum Thema des Sitzens in Stille, die nicht erklären, sondern zur Intuition sprechen wollen.




Dieses Bild des Malers und Kalligraphen Mi Fu 米芾 (1051-1107) heißt „Turm der sich erhebenden Wolken“.

Die Kalligraphie rechts oben auf dem Bild stammt vom Kaiser Huizong der Song-Dynastie:

天降時雨山川出雲 - Der Himmel lässt den zeitlichen Regen fallen, Berge und Flüsse bringen die Wolken hervor.

Von den dargestellten Bergen und Wolken könnte man auch sagen, dass sie ein Bild der inneren Landschaft während der Qigong-Meditation vermitteln.









Der andere Nachtrag ist dieses Gedicht des Philosophen Zhu Xi:

聞道無餘事翛然百慮空
何心分彼我无地著穷通
昨日青衿子明朝白髮翁
天機元自爾不是故匆匆

Ich habe den Weg vernommen, nichts bleibt zu tun,
In einem Augenblick sind alle Ängste vergangen.
Wozu unterscheiden zwischen andren und mir,
Nichts widersetzt sich dem tiefen Erfassen der Dinge.
Der Jüngling von gestern, gekleidet in Grün,
Ist morgen ein Alter mit weißem Haar.
Das Geheimnis des Himmels, es ist, wie es ist,
Es braucht kein Eilen und Hasten.

Monday, April 20, 2020

Sitzen in Stille: Das „Betrachten des Atems“

Hier ist nun eine genauere Beschreibung der Übung des „Betrachtens des Atems“ .

Diese Methode des ruhigen Sitzen ist einfach und sehr wirkungsvoll und eine wichtige Ergänzung zum bewegten Qigong. Es war Prof. Lin Zhongpeng vom Chinese College for Advanced Studies in Beijing, der mich in den Details dieser Übung unterrichtet hat.

Das Wichtigste bei der Praxis des ruhigen Sitzens ist, tiefe geistige Ruhe einkehren zu lassen und die zufällig entstehenden Gedanken nicht zu beachten. Es ist das Yin, aus dem das Yang - die innere Bewegung, der warme, belebende Fluss des Qi - entsteht, es ist die tiefe Ruhe, die zu den tiefgreifenden Wirkungen des stillen Sitzens auf die Gesundheit führt.

Man setzt sich aufrecht auf einen Stuhl, ohne sich anzulehnen. Dies war und ist eine auch in China weitverbreitete Meditations-Haltung, und sie ist für die meisten Menschen die einfachste.

Die Hände werden auf Knie oder Oberschenkel gelegt. Man hält den Rücken gerade, aber nicht steif. Die Augen werden ganz oder halb geschlossen. Der Kopf ist aufrecht, der Blick ist leicht nach unten gerichtet.

Zuerst spürt man das Ein und aus des eigenen Atems. Mit der Zeit wird sich dieser beruhigen und feiner werden und langsamer. Wenn man auf diese Art sitzt, mit halbgeschlossenen Augen, ruhig atmet und den Blick nach unten richtet, ohne zu fokussieren, dann erscheint die Nasenspitze wie ein weißer Fleck. Man richtet die Aufmerksamkeit dorthin, und lässt sie in Folge weiter nach unten sinken, bis sie ungefähr auf Nabelhöhe angelangt ist. Die Aufmerksamkeit schwebt quasi vor dem Unterbauch, während man das Ein- und Ausströmen des Atems spürt.

Wenn man die Aufmerksamkeit verliert, bringt man sie wieder zurück zum Atem und vor den Unterbauch. Nur leicht konzentrieren, die Aufmerksamkeit bleibt während des ganzen Zeit des ruhigen Sitzen entspannt und gelöst.

Zu Beginn genügen fünf bis zehn 10 Minuten. Im Laufe der Zeit kann man natürlich auch länger sitzen.

Zum Abschluss hebt man die Hände langsam und legt die Handflächen auf die Augen, bis man spürt, dass man aus dem meditativen Zustand aufgetaucht und wach ist und klar.

Saturday, April 18, 2020

Ruhiges Sitzen – Qigong-Meditation

Um die Vitalität zu stärken und das Qi zu regulieren, gibt es verschiedene traditionelle chinesische Methoden.

Bei uns sind die diversen Bewegungsübungen, sowohl aus dem Taiji als auch aus dem Qigong sehr beliebt, und für viele auch gut verständlich. Alle diese kann man unter dem alten Begriff Daoyin 導引 zusammenfassen, als Übungen, die dem Qi in seiner natürlichen Bewegung helfen, indem der Körper bewegt wird.

Auch Atemübungen sind gut verständlich und nachvollziehbar, vor allem, wenn es sich um klassische Atemübungen handelt wie die Heilenden Laute. Tuna 吐納 ist die alte Bezeichnung dafür, Aufnehmen des Neuen (des unverbrauchten Qi der Natur) und Ausstoßen des Alten (des verbrauchten, trüben, kranken Qi).

Doch die höchste Kunst des Qigong liegt in der Meditation. Es gibt eine Fülle an Methoden, die fortgeschrittenen zeichnen sich durch äußerste Einfachheit aus. Bei ihnen ist keine Rede mehr von geistiger Führung des Qi, von der Konzentration auf Körperbereiche oder vom Kreisen des Qi entlang bestimmter Bahnen.

Einfachheit heißt schlicht: geistige Sammlung und Versenkung in die Ruhe. Die Wirkungen entstehen von selbst. Es sind Stille und Leere, die den Urgrund des Qi bilden, ja den Urgrund des Lebens darstellen. Findet man in diese Stille und Leere, dann verortet man sich am schöpferischen Anfang der Welt und es wird einem die kreative, heilende Kraft des Ursprungs zuteil. Man erlebt sich als Teil eines Prozesses, der auf Chinesisch shengsheng buyi 生生不已 genannt wird: Leben generieren ohne Ende.

Versenkung in die Stille und Leere – doch auch damit könnte man in die Irre gehen. Meditation darf nicht zu einem weltfremden Tun werden. Dies wurde von der konfuzianischen Schule des Stillen Sitzens betont, aus Sorge, dass die Konzentration auf die Leere und die Bemühung um Ausschaltung von Gedanken zum Selbstzweck würden, und der Mensch sich dem gewöhnlichen Leben und den Aufgaben des Alltags entfremden würde.

Durch Natürlichkeit hingegen und Wuwei 無為, Nicht-Tun, können sich die Dinge in aller Volkommenheit richten. Die klassische Passage findet in den Analekten des Konfuzius, wo es heißt: „Der Meister sprach: Wer durch Nicht-Tun das Reich in Ordnung hielt, war Shun. Was tat er? Er brachte sich selbst in Ordnung und wandte das Gesicht nach Süden, nichts weiter.“

Hier ist nun eine der alten Qigong-Meditations-Techniken: Der Name ist „Das Betrachten des Atems“.

Diese Methode stammt ursprünglich aus dem buddhistischen Surangama-Sutra , wo sie als das „ Beobachten der eigenen Nasenspitze“ die 14. der 25 aufgeführten Methoden darstellt. Sowohl der Dichter Su Dongpo 蘇東坡 (1037-1101) als auch der neokonfuzianische Philosoph Zhu Xi 朱熹 (1130-1200) haben die Methode übernommen, jedoch in einem etwas anderen Sinn als dem ursprünglich buddhistischen verwendet.

Bis heute ist diese Methode eine der wesentlichen, fortgeschrittenen Meditations-Techniken des Qigong, vor allem auch, weil sie von Chen Yingning 陳攖寧 (1880-1969) als Meditations- und Heilmethode befürwortet und unterrichtet wurde. Chen Yingning war als Laie der große Erneuerer, Säkularisierer und Modernisierer des Daosimus im 20. Jahrhundert, und er wird bis heute einer der einflussreichsten Spezialisten in den Künsten des Lebenspflege gesehen.

Zhu Xi hat diese Methode in seiner „Ermahnung zur Regulation des Atems“ aufgezeichnet. Sein Text ist ursprünglich sehr knapp, ich habe diesmal in meiner Übersetzung sehr paraphrasiert.

Tiaoxi Zhen 調息箴 - Ermahnung zur Regulation des Atems

鼻端有白,我其觀之。隨時隨處,容與猗移。靜極而噓,如春沼魚。動極而翕,如百蟲蟄。氤氳開闢,其妙無窮。誰其屍之,不宰之功。雲臥天行,非予敢議。守一處和,千二百歲。

“Das Weiß an der Spitze der Nase, ich betrachte es. Diese Methode kann überall und jederzeit angewendet werden, solange man sich friedlich fühlt und gelöst. Man soll nichts tun, das dem Körper nicht behagt.

Erreicht die Stille ihren Höhepunkt, ist es wie bei Fischen, die im Frühjahr an die Oberfläche der Wasser steigen und den Atem ausblasen. Erreicht die Bewegung ihren Höhepunkt, ist es wie bei Insekten, die in der Erde überwintern und ihre Energie innen bewahren.

Haben sich Meditation und Bewegung des Qi zu einem tiefen Stadium entwickelt, dann wird man in Nebel und Dunst erleben, wie sich das Qi von Himmel und Erde mit dem des Menschen vermischt, und sich das Schöpferische (Qian 乾) und das Empfangende (Kun 坤) öffnen und schließen. Die Wunder in all dem sind unerschöpflich.

Wer beherrscht dieses Geschehen? Es gibt keinen Herrscher, all dies geschieht aus sich selbst. Es ist wie in den Wolken zu liegen und dem Himmel zu folgen, wie könnte ich es in Worte fassen. Die Einheit zu bewahren und Wohnstatt zu nehmen in der Harmonie, über tausend Jahre mag das Leben dann währen.”

Ich werde in den nächsten Tagen noch ergänzende Bemerkungen und Erläuterungen dazu schreiben. Es ist zwar schon alles da in Zhu Xis Beschreibung, doch ist mir bewusst, dass es noch weitere Erklärungen braucht, damit man dann auch weiß, wie tun.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...