Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie
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Saturday, February 6, 2021

Everything Is Going to Be All Right - Alles wird gut sein

Hier ist ein Gedicht des irischen Dichters Derek Mahon, der Anfang Oktober des letzten Jahres gestorben ist. Im Frühjahr, zu Beginn der Pandemie, hatte der irische Sender RTE jede seiner Nachrichtensendungen mit dem Vortrag dieses Gedichtes beendet. 

"Ein wachsames Herz", wie notwendig im letzten Jahr, und wie notwendig auch heuer!

Everything Is Going to Be All Right

How should I not be glad to contemplate 
the clouds clearing beyond the dormer window 
and a high tide reflected on the ceiling? 
There will be dying, there will be dying, 
but there is no need to go into that. 
The poems flow from the hand unbidden 
and the hidden source is the watchful heart. 
The sun rises in spite of everything 
and the far cities are beautiful and bright. 
I lie here in a riot of sunlight 
watching the day break and the clouds flying. 
Everything is going to be all right.

Ich habe mich an einer Übersetzung versucht:

Alles wird gut sein

Wie soll ich mich nicht freuen an der Betrachtung
der sich über dem Dachfenster lichtenden Wolken
und der sich an der Decke spiegelnden Flut?
Es wird ein Sterben geben, es wird ein Sterben geben,
aber darauf muss man nicht eingehen.
Die Gedichte entfließen der Hand, ungerufen,
und die verborgene Quelle ist das wachsame Herz.
Die Sonne geht auf, trotz allem,
und die fernen Städte sind schön und hell.
Ich liege hier in einem Aufruhr von Sonnenlicht
betrachte den Anbruch des Tages und die fliegenden Wolken.
Alles wird gut sein.


Saturday, June 20, 2020

Das unvertäute Boot

Diese Texte habe ich vor Jahren schon einmal für eines der Innsbrucker Seminare verwendet. Hier sind sie nochmals, in leicht veränderter Übersetzung: zwei Gedichte aus der Tang-Dynastie und zwei Zitate aus dem Zhuangzi, zusammen mit  Bildern des Malers Pu Ru 溥儒 (1896-1963), einem Cousin des letzten chinesischen Kaisers.

Das "unvertäute Boot" ist ein Bild, das ursprünglich von Zhuangzi verwendet und von Dichtern späterer Zeiten immer wieder aufgegriffen wurde. Es steht für das Sich-dem-Weg-Überlassen, in einer weiten, offenen Landschaft, in der das eigene Innen mit der Grenzenlosigkeit des Außen kommuniziert, es steht für eine Haltung der Freiheit und Gelöstheit von Banden, für Absichtslosigkeit und Unbekümmertheit, die dem daoistischen Ideal des Nicht-Tuns (wuwei 无为) zugrundeliegen.

Solch eine Haltung ist den "Gelehrten der Flüsse und Seen" eigen, die im 15. Kapitel des Zhuangzi erwähnt werden: "Diejenigen, die sich zu den Mooren und Seen begeben, müßig in der Wildnis leben, an einsamen Orten nach Fischen angeln und das Nicht-Tun zu ihrem einzigen Anliegen machen, die Gelehrten der Flüsse und Seen, gelassene Müßiggänger, die sich von der Welt zurückziehen."

Wuwei ist auch ein Leitgedanke der Qigong-Praxis. Den inneren Schwerpunkt zu verlagern, vom Tun aufs Lassen, vom Lernen aufs Verlernen, vom Vermehren aufs Vermindern, vom alltäglichen Kreisen der Gedanken in den Angelpunkt der inneren Stille und Leere, dies sind Wege, sich der kreativen Bewegung des Universums zu öffnen, dem Qi, das für die Chinesen die unablässige, schöpferische Aktivität des sich entfaltenden Lebens darstellt.



一住寒山萬事休,更無雜念掛心頭
閒書石壁題詩句,任運還同不繫舟。

寒山

Auf dem Kalten Berg hat alles Tun ein Ende,
keine wirren Gedanken bedrängen mein Herz.
in Muße schreibe ich Gedichte an Felsen und
treibe mit dem Strom wie ein unvertäutes Boot. 

Han Shan 寒山 (8. Jh.)








 
巧者勞而知者憂,無能者無所求,
 飽食而敖遊,汎若不繫之舟,虛而敖遊者也。

 Der Schlaue müht sich und der Weise ist voller Sorgen.
 Der Un-Fähige hingegen, er strebt nach nichts.
 Er isst sich satt und wandert ohne Ziel. 
 Dahintreibend wie ein unvertäutes Boot, 
 ist er ein leerer und unbeschwerter Wanderer. 

 Zhuangzi 莊子 (- 4. Jh.) Kap. 32.1: Lie Yukou 列禦寇 





市南子曰:少君之費,寡君之欲,雖無糧而乃足。君其涉於江而浮於海,望之而不見其崖,愈往而不知其所窮。送君者皆自崖而反,君自此遠矣。故有人者累,見 有於人者憂。故堯非有人,非見有於人也。吾願去君之累,除君之憂,而獨與道遊於大莫之國。方舟而濟於河,有虛船來觸舟,雖有惼心之人不怒;有一人在其上, 則呼張歙之;一呼而不聞,再呼而不聞,於是三呼邪,則必以惡聲隨之。向也不怒而今也怒,向也虛而今也實。人能虛己以遊世,其孰能害之!

Der Meister vom Südmarkt sprach: Verringere deinen Aufwand, vermindere deine Wünsche, und du wirst auch ohne Verpflegung genug haben. Du wirst die Flüsse befahren und auf das Meer hinaustreiben. Schau, soweit du vermagst, du wirst das andere Ufer nicht erblicken können; reise weiter und immer weiter, du wirst nie ein Ende finden. Sind dann diejenigen, die dich verabschiedet haben, vom Ufer nach Hause zurückgekehrt, wirst du wirklich fern sein. 

Wer Menschen besitzt, hat Mühen, wer von Menschen besessen wird, hat Sorgen. Darum besaß Yao weder Menschen, noch ward er von ihnen besessen. Ich möchte, dass du dich deiner Mühen entledigst und deine Sorgen abtust, und allein mit dem WEG ins Land des großen Nichts reisest. 

Durchquert jemand einen Fluß in einem Boot und stößt gegen ein einhertreibendes leeres Boot, so wird er, selbst wenn er ein reizbares Gemüt besitzt, nicht zornig werden. Ist jedoch jemand auf dem Boot, so wird er ihn anrufen und verlangen, dass er den Weg frei mache. Wird sein erster Ruf nicht gehört, wird er ihn nochmals anrufen. Wird sein zweiter Ruf nicht gehört, und er muss ihn ein drittes Mal anrufen, dann folgt sicher eine Reihe von Beschimpfungen. Dass er in jenem Fall nicht zornig wurde und diesem Fall schon, liegt daran, dass in jenem Fall das Boot leer war und in diesem Fall besetzt. Vermag ein Mensch leer zu sein, um in der Welt zu wandern, wer könnte ihm dann noch ein Leid zufügen?

Zhuangzi 莊子 (- 4. Jh.) Kap. 20.2: Shanmu 山木 Der Baum auf dem Berg




 江村即事 

 釣罷歸來不繫舟,江村月落正堪眠
 縱然一夜風吹去,只在蘆花淺水邊。

 Improvisation über den Weiler am Fluss 

 Zurückgekehrt vom Fischen lasse ich mein Boot unvertäut.
 Tief steht der Mond über dem Weiler, ruhig schlafe ich ein.
 Mag der Wind auch die ganze Nacht wehen, 
 es wird doch bleiben, 
 im seichten Wasser inmitten des blühenden  Schilfs. 

 Sikong Shu 司空曙 (~720 - ~790)

Tuesday, April 21, 2020

Das Sitzen in Stille und die sich erhebenden Wolken

Hier noch zwei Nachträge zu den letzten Texten. Zwei Nachträge - ein Bild und ein Gedicht - zum Thema des Sitzens in Stille, die nicht erklären, sondern zur Intuition sprechen wollen.




Dieses Bild des Malers und Kalligraphen Mi Fu 米芾 (1051-1107) heißt „Turm der sich erhebenden Wolken“.

Die Kalligraphie rechts oben auf dem Bild stammt vom Kaiser Huizong der Song-Dynastie:

天降時雨山川出雲 - Der Himmel lässt den zeitlichen Regen fallen, Berge und Flüsse bringen die Wolken hervor.

Von den dargestellten Bergen und Wolken könnte man auch sagen, dass sie ein Bild der inneren Landschaft während der Qigong-Meditation vermitteln.









Der andere Nachtrag ist dieses Gedicht des Philosophen Zhu Xi:

聞道無餘事翛然百慮空
何心分彼我无地著穷通
昨日青衿子明朝白髮翁
天機元自爾不是故匆匆

Ich habe den Weg vernommen, nichts bleibt zu tun,
In einem Augenblick sind alle Ängste vergangen.
Wozu unterscheiden zwischen andren und mir,
Nichts widersetzt sich dem tiefen Erfassen der Dinge.
Der Jüngling von gestern, gekleidet in Grün,
Ist morgen ein Alter mit weißem Haar.
Das Geheimnis des Himmels, es ist, wie es ist,
Es braucht kein Eilen und Hasten.

Friday, April 17, 2020

Pingxin 平心 - Das Befrieden des Herzens

Eine TCM-Erklärung für das Herz kommt noch. Ich möchte hier etwas anderes ansprechen, nämlich dass man mit dem Wort Herz (xin 心) quasi direkt im Herz des Qigong angelangt ist.

Xin heißt nämlich auch Geist oder Seele, und xiuxin 修心, den Geist oder die Seele zu kultivieren, meint all die meditativen Techniken des Qigong. Das Herz befrieden, durch Stille und Ruhe ist das absolute Zentrum, die Mitte (auch xin 心) allen Tuns im Qigong.

"Von alters her waren Reichtum und Ruhm nichts als ein flüchtiger Traum; unter den Unsterblichen gab es keine, die nicht die Bücher studiert hätten."

Dies ist ein chinesischer Spruch, der bedeutet, dass weltlicher Erfolg und hohe Position unwirklich sind wie die Gebilde eines Traums. Nur die Heiligen Weisen und Unsterblichen wissen um die Methoden zur Pflege der Lebenskraft, doch selbst sie brauchen dazu ein Leben des Studiums der daoistischen  Schriften.

Und was die Methoden zur Pflege der Lebenskraft betrifft, so wird gesagt, dass keine das Befrieden des Herzens (pingxin 平心) übertrifft.

In diesem Sinn habe ich ein paar Gedichte übersetzt, die dieses Befrieden des Herzens zum Thema haben. Gedichte des exzentrischen Mönchs Han Shan 寒山, der vor gut 1200 Jahren auf dem Kalten Berg (Han Shan 寒山) im Süden Chinas lebte und überall auf dem Berg auf Felswänden seine Gedichte hinterließ, Gedichte mit stark buddhistischem und manchmal auch daoistischem Flair. Nach seinem Tod wurden diese dann gesammelt und herausgegeben, und haben bis in unsere Tage ihre Anziehungskraft bewahrt. Hier sind ein paar dieser Gedichte, als Motivation für das ruhige Sitzen, ruhige Atmen, Beruhigen des Herzens, Beruhigen des Geistes...

時人尋雲路
雲路杳無蹤
山高多險峻
澗闊少玲瓏
碧嶂前兼後
白雲西復東
欲知雲路處
雲路在虛空

Die Menschen der Welt suchen nach dem Wolken-Weg,
doch dunkel ist dieser, ohne eine Spur.
Hoch sind die Berge, die Abgründe oft felsig und steil,
In die weiten Täler fällt kaum ein Schimmer Sonne.
Grüne Wände vor mir und auch hinter mir,
Weiße Wolken im Westen und dann wieder im Osten.
Möchtest du wissen, wo der Wolkenpfad liegt?
Dort ist er, in der Leere des Himmels.

閑遊華頂上
日朗晝光輝
四顧晴空裡
白雲同鶴飛

Gemächlich erstieg ich den Gipfel des Huading,
Heiter war der Tag, die Morgensonne strahlte.
Ein klarer Himmel streckte sich nach allen Seiten.
Weiße Wolken begleiteten die Kraniche im Flug.

閑自訪高僧
煙山萬萬層
師親指歸路
月掛一輪燈

Ich machte mich auf, einen weisen Mönch zu besuchen,
Unzählige Berggipfel ragten auf im Dunst.
Der Meister selbst wies mir den Weg zurück,
Ein rundes Licht hing der Mond am Himmel.

一住寒山萬事休
更無雜念掛心頭
閒書石壁題詩句
任運還同不繫舟

Auf dem Kalten Berg finden all meine Sorgen ein Ende,
Keine wirren Gedanken bedrängen das Herz.
Müßig beschreibe ich Felswände mit Versen,
Im Fluss des Lebens treibend wie ein unvertäutes Boot.

Das „unvertäute Boot“ ist ein Zitat aus dem Zhuangzi: Die Schlauen mühen sich ab, die Weisen sorgen sich, doch die Unfähigen suchen nichts. Sie essen sich satt und treiben ziellos dahin, wie ein unvertäutes Boot.


    Hanshan 寒山 und Shide 拾得 (Shide heißt Findling)

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...