Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Monday, May 31, 2021

Die Fische gedeihen im Wasser, die Menschen gedeihen im Weg...

Liu Zongyuan 柳宗元 (773–819) 

Der alte Fischer 漁翁

漁翁夜傍西岩宿
曉汲清湘燃楚竹
煙銷日出不見人
欸乃一聲山水緑
回看天際下中流
岩上無心雲相逐

Unter dem westlichen Felsen verbringt der alte Fischer die Nacht. 
Am Morgen schöpft er das klare Wasser des Xiang,
Entfacht aus Bambushölzern ein Feuer.
Die Nebel lichten sich, die Sonne bricht durch, 
Kein Mensch mehr zu sehen.
Plötzlich ein Platschen von Rudern 
im Grün der Gewässer und Berge.
Von der Mitte des Stromes blickt er zum Rande des Himmels,
Über den Felsen jagen einander die Wolken, 
Absichtlos.


Wasser stellt ein immer wiederkehrendes Bild der alten daoistischen Philosophie dar. Der daoistische Philosoph Zhuangzi 庄子 lässt im fünften Kapitel seines Buches Konfuzius sprechen:

Die Fische gedeihen im Wasser, die Menschen gedeihen im Weg. Die im Wasser 
gedeihen, tauchen durch die Teiche und finden Nahrung zur Genüge. Die im Weg gedeihen, deren Leben wird durch Nicht-Handeln sicher. Darum heißt es: Die Fische vergessen einander in den Strömen und Seen; die Menschen vergessen einander in den Künsten des Weges.

Und in Kapitel 15 heißt es:

Sich in die Dickichte und Teiche zurückziehen, müßig in der Wildnis leben, an einsamen Plätzen nach Fischen angeln, das Nicht-Tun als einzige Sorge - das ist das Leben, das die Gelehrten der Flüsse und Meere lieben. Gemächliche Müßiggänger sind sie, die sich von der Welt zurückziehen,.

Im Laozi 老子 finden sich viele Stellen, an denen das Dao im Bild des Wassers veranschaulicht wird. 

So im achten Kapitel: Höchste Güte ist wie das Wasser, es nützt allen Dingen und liegt nicht im Streit mit ihnen. Es wohnt an den tiefen Orten, die alle verachten. Darum ist es nahe dem Dao.

Und in Kapitel 43: Das Schwächste auf der Welt überwindet das Stärkste auf der Welt. Was nicht ist, dringt ein in das, was keinen Zwischenraum hat. Daher weiß ich um den Vorteil des Nicht-Tuns. Die Lehre ohne Worte, den Vorteil des Nicht-Tuns, nur wenige unter dem Himmel können dies erreichen.

Auch für die Künste des „Nährens des Lebens“ - also für das, was man heute als Qigong bezeichnet - gelten die vom Wasser abgeleiteten Eigenschaften des Fließens, der Weichheit und Anpassungsfähigkeit, der Unterordnung, der Gestaltlosigkeit, der Leere, des Nicht-Tuns und Nicht-Streitens und der unbehinderten Kommunikation.

Im Heshanggong 河上公, einem der ältesten Kommentare zum Laozi, heißt es zu Kapitel 43:  

... Was nicht ist, bezieht sich auf das Dao. Das Dao besitzt weder Form noch Substanz. Darum kann es kommen und gehen, selbst dort, wo es keinen Raum gibt. Es kann sich den Geistern verbinden und allen Wesen helfen. Ich sehe, dass es nicht-tut, und doch wandeln und vollenden sich die zehntausend Wesen. So erkenne ich den Vorteil des Nicht-Tuns für die Menschen. 

... In Nachahmung des Dao spreche ich nicht, ihm als Lehrer folge ich mit dem Körper. Das Dao nachahmend, handle ich nicht, ich reguliere meinen Körper, und Essenz und Geist werden gefördert. 

... All dies geschieht ohne Anstrengung oder Mühe. Aber nur wenige können es dem Dao gleichtun, indem sie durch Nicht-Tun den Körper und das Reich regulieren. ...

Hier wird auf die Art und Weise Bezug genommen, durch die das Leben genährt, reguliert und wandlungsfähig erhalten werden kann. Dies geschieht nicht durch aktives Handeln, sondern durch Nicht-Tun (wuwei 無為). Das Leben zu nähren, heißt nicht, am Qi zu arbeiten und es durch Absicht und Anstrengung zu vervollkommnen, sondern bedeutet zu lassen, zu lösen und zu öffnen, um den Menschen an die Natur - in den chinesischen Texten meist Himmel (tian 天) genannt - rückzubinden und als deren schöpferische Aktualisierung (als vom Yang belebte Gestalt) von Grund auf zu regenerieren.

Hierzu eine Passage aus dem 15. Kapitel des Zhuangzi: 

Wenn der Körper sich müht, ohne zu rasten, wird er verschleißen; wenn die Essenz ohne Unterlass verbraucht wird, ermüdet sie, und Müdigkeit führt zur Erschöpfung. Es ist die Natur des Wassers, dass es klar ist, wenn nicht mit anderen Dingen vermischt, und eben, wenn nicht aufgewühlt. 

Wird es jedoch durch Dämme gehemmt und kann nicht fliessen, dann wird es seine Klarheit verlieren. In seiner Klarheit ist es ein Symbol der Tugend (De 德) des Himmels. Darum heißt es: Rein zu sein, echt und unvermischt, still, eins und unwandelbar, ohne Geschmack und ohne Tun, sich im Handeln nach den Wirkungen des Himmels zu richten: das ist der Weg, den Geist zu pflegen.

Alles, was lebt, wird starr und stagniert, wenn es die Fähigkeit zu Öffnung und Kommunikation verliert und sich dadurch von den Prozessen der Natur isoliert. Yangsheng 養生, das Nähren des Lebens oder die Unterstützung und Entfaltung des Lebenspotentials, bedeutet: sich durchgängig zu machen, zu öffnen, um kommunizieren zu können und die Fähigkeit zu Transformation und Bewegung zu erhalten. Transformation und Bewegung, diese beiden sind grundlegende Eigenschaften des Qi und damit des Lebens. 

Yangsheng 養生, das Nähren des Lebens und eng damit verwandt Yangshen 養神, das Nähren des Geistes, sind Verfahren, diese Öffnung, Kommunikation und auch Verfeinerung zu erreichen und das Leben so transparent werden zu lassen, dass es sich immer wieder aus dem schöpferischen Urgrund - dem Dao als Quelle der Lebenskraft, dem ursprünglichen Qi (yuanqi 元氣) - zu erneuern vermag.

Die Aktivität des Dao als natürliche Entfaltung, Differenzierung und Transformation des Qi findet zu jedem Augenblick statt. Was das eigene Leben betrifft, so ist der Ort dieser Aktivität der eigene Körper. Das Leben als sich entfaltendes Qi kann jedoch nicht ergriffen und kontrolliert werden, als Potential wurzelt es in der - dem Wasser gleich - form- und gestaltlosen Dimension des Dao. Diese ist dem Bewusstsein und der Kontrolle nicht zugänglich. Darum geht es auch im Qigong in erster Linie darum, ruhig zu werden und still, dabei in der konkreten Erfahrung zu bleiben und nichts hinzuzufügen. Und wenn man solcherart davon Abstand hält, der Welt seinen Willen aufzuzwingen und seine Wünsche und Erwartungen auf das Leben zu projizieren, dann können die natürlichen Aktivitätsmuster des Dao „durchklingen“ und zur Wirkung kommen, dann gibt es nichts, das nicht fördernd wäre", wie es im Yijing, dem Buch der Wandlungen, lautet.

Das bedeutet nun aber nicht, nichts zu tun. Es mag paradox klingen, aber Nicht-tun geschieht nicht durch „nichts tun“. Nicht-tun kann sehr wohl etwas Aktives sein, das Subjekt des Tuns ist jedoch nicht das planende und kontrollierende Ich. Nicht-tun ereignet sich dann, wenn das eigene Tun zum Wirken des Dao wird, und dies ist nur möglich durch einen langen Prozess des Lernens, von der einen Seite, oder des Verlernens, von der anderen Seite betrachtet. Es verlangt sehr wohl ein Üben, Differenzieren und Verfeinern, es verlangt kontinuierliches Tun. Es gibt kein einfaches „drop out and tune in“, kein passives „simply go with the flow “.

Laozi formuliert dies folgendermaßen:

Zu lernen bedeutet, täglich hinzuzufügen. Das Dao zu praktizieren, heißt täglich zu vermindern. Vermindern und weiter vermindern, bis man beim Nicht-Tun anlangt. Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.

Die Stille, das Lassen und das Nicht-Steuern - grundlegende 
Prinzipien des Daoismus - liegen den Übungen des Qigong als Übungen des Nicht-Tuns zugrunde. Durch sie erlernt man allmählich Verhaltensweisen, die es einem erlauben, zumindest ein wenig Teil des großen Prozesses zu sein, der im Begriff Dao zwar einen Namen trägt, doch letztlich unbegreiflich bleiben muss. Der aber verkörpert werden kann.

Und durch diese Verkörperung werden sich auch praktische Resultate dieses Tuns/Nicht-Tuns einstellen. Diese betreffen sicher die Gesundheit, sie können aber natürlich auch darüber hinausgehen. So können größere Offenheit, Spontaneität, mehr Lebendigkeit oder auch Inspiriertheit Folgen dieser Verkörperung sein. Oder vielleicht auch ein anderer Bezug zur Natur, wie z.B. von Liu Zongyuan im Gedicht oben vermittelt.

Saturday, May 29, 2021

Eine einfache Massage zur Stärkung von Nieren-Qi und Essenz

Das heutige Video ist eine Ergänzung zu der Übungsfolge, die ich vorgestern auf diesem Blog hier und auf Youtube gepostet habe. 

Zusätzlich zu den verschiedenen Qigong-Übungen wie Qigong-Gehen, Fanhuangong, Yuanminggong, Dadao Ziranfa etc. hatte Prof. Cong bei seinen Seminaren in Deutschland und Österreich auch diese Massage unterrichtet.

Mit fortschreitendem Alter wird das Ursprungs-Qi schwächer, was sich im Körper als Überfülle des Qi oben und einem Mangel unten zeigt. Durch Übungen wie z.B. dem Taiyi Yuanminggong kann man dem entgegenwirken, und nicht nur durch diese, sondern eben auch durch diese Massage.


Thursday, May 27, 2021

Inmitten der Bewegung die Ruhe suchen - eine Qigong-Übungsstunde

Im heutigen Videos zeige ich eine Übungsfolge von Prof. Cong Yongchun. Die einzelnen Übungen habe ich schon früher auf diesem Blog und auf Youtube gepostet, hier sind sie in einem sinnvollen Zusammenhang. 

Zuerst wird das Qi mittels der großen Kreisbewegung (Öffnen, Schließen, Heben und Senken) harmonisiert, das heißt,  die geordnete Bewegung des Qi nach oben, unten, hinein und hinaus wird gefördert.

Daran schließen sich die Übungen vom Ursprünglichen Licht an (Taiyi Yuanming Gong 太乙元明功 und Da Lianxing 大練形). 

Und schließlich folgen Übungen zur Regulation der Meridiane (Jingluo Daoyin 經絡導引).

Die Übungen sind einfach, leicht zu merken und leicht mitzuüben. Und damit findet man auch leichter in die Ruhe. Dongzhong qiu jing 動中求静 - Inmitten der Bewegung die Ruhe suchen", dies ist eines der wichtigsten und wesentlichsten Prinzipien des Qigong. 


Tuesday, May 25, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Fünfte Übung

Heute geht es wieder weiter mit den Weichen und Entspannten Übungen. Hier ist die fünfte Übung.

Die Händen werden vorne auf Brusthöhe gehoben, mit den Handflächen nach oben. Dann die Hände nach vorne führen und die Arme zur Seite ausbreiten. 

Die Hände drehen, während sich der ganze Körper nach links dreht. Die linke Handrücken wird auf den Punkt mingmen 命门 (LG 4 - unterhalb des 2. Lendenwirbels) gelegt, die rechte Hand drückt etwas seitlich oberhalb des Kopfes nach oben. 

Zurück zur Position mit den ausgebreiteten Armen (die Handflächen sind nun nach unten gerichtet). Die Hände nach innen ziehen und dann nach außen drücken.

Die Hände seitlich senken und die Bewegung zur anderen Seite wiederholen.

Nur so weit zur Seite drehen, wie es angenehm ist. Wie bei allen Qigong-Übungen geht es nicht um die schöne und exakte Form, sondern um die Wirkung auf das innere Qi, die erst durch die Verbindung von Bewegung, Atem und Aufmerksamkeit zustande kommt. 

Das gesunde Qi entwickelt sich durch Yin-Qualitäten, das heißt je lockerer, weicher, natürlicher, unbemühter, auch nachlässiger das Üben, desto besser und tiefgreifender die Wirkungen. Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will", das ist keine der Tradition des Qigong entspringende Redensart.

Die Bewegung hilft, das Qi der Wirbelsäule zu regulieren (Lenkergefäß dumai 督脉, Konzeptionsgefäß renmai 任脉, Gefäß des Großen Durchgangsweges chongmai 冲脉) sowie der inneren Organe zu regulieren. Letzterer Meridian (chongmai) heißt auch Meer der Fünf Speicher- und Sechs Durchgangsorgane, da Qi und Blut aller Organe durch ihn genährt wird. 

Die Übung fördert die Beweglichkeit im Rücken, Rückenschmerzen können durch diese Bewegung gelindert werden, auch durch Wind und Kälte (fenghan 风寒) hervorgerufenen Problemen wirkt sie entgegen.

Friday, May 21, 2021

„Kleine Fülle“ - eine spezielle Qigong-Übung

Die 24 Jieqi 節氣, die solaren Zeitpunkte - und perioden des Jahres habe ich auf diesem Blog schon mehrmals erwähnt. Ein jeder von ihnen ist durch eine bestimmte Qualität des Qi (im Sinne von Klima, Wetter, Atmosphäre) charakterisiert. 

Heute ist wieder einer dieser Zeitpunkte (mit der Sonne auf 0° Zwilling), genannt Xiaoman 小滿 - „Kleine Fülle". Der Name bezieht sich einerseits auf das noch im Wachsen begriffene Yang-Qi - dessen äußerste Ausdehnung erst in einem Monat mit der Sommersonnenwende erreicht ist - und andererseits auf die Phase der Milchreife des Getreides, auf die ja noch weitere Phasen bis zur Ernte folgen, darum kleine" und nicht große Fülle".

Dem daoistischen Meister Chen Tuan 陳摶 (871-989) wird eine Folge von Yangsheng-Übungen für diese 24 Zeiteinteilungen des Jahres zugeschrieben, die sogenannte Daoyin-Methode des Chen Xiyi für die 24 Jieqi (Chen Xiyi ershisi jieqi daoyinfa 陳希夷二十四節氣導引法). Mittels dieser Übungen wird das Qi des Menschen mit dem (derzeitigen) Qi der Natur in Einklang gebracht, im Sinne des Prinzips tianren heyi 天人合一 Himmel/Natur und Mensch sind eins".

Heute möchte ich eine dieser Übungen zeigen, die Daoyin-Übung für die „Kleine Fülle". Das Wetter des Zeitabschnitts „Kleine Fülle" ist üblicherweise warm bis heiß, und aufgrund häufigen Regens meist auch feucht, dies ist belastend vor allem für das Qi der Milz, deren Aufgabe das Transportieren und Transformieren (yunhua 運化) ist und deren Funktion durch Feuchtigkeit beeinträchtigt wird.

Die Übung dient  dazu, das Qi des ganzen Körpers in seiner Expansion zu unterstützen, entsprechend dem sich entfaltenden Yang-Qi der Natur, sowie das Qi von Herz und Milz zu stärken. Damit kann Problemen mit dem Qi der Lunge, Spannungs- und Engegefühlen in der Brust, beschleunigtem Puls, Reizbarkeit, Schmerzen, Hitzeempfindungen in den Gliedmaßen und ähnlichen Symptomen, die sich zu dieser Zeit entwickeln können, entgegengewirkt werden.  

Die Übung wird mit gekreuzten Beinen sitzend ausgeführt, falls dies nicht möglich ist, sitzt man auf einem Sessel. Im Video zeige ich beide Variationen. Abwechselnd drückt man mit den Händen über dem Kopf nach oben. Dies wird dreimal gemacht (oder auch öfter), danach werden bei geschlossenem Mund die Zähne 36x aufeinander geklappt (kouchi 扣齒). Anschließend wird der Speichel, der sich im Mund gesammelt hat, geschluckt und in der Vorstellung ins Dantian gesandt (yanjin 咽津). Den Abschluss bildet eine kurze oder längere Phase des ruhigen Ein- und Ausatmens (tuna 吐納), wobei nur durch die Nase geatmet wird.

Diese Übung gilt bis zum nächsten Zeitpunkt mangzhong 芒種 „Körner mit Grannen", wenn sich die Sonne auf 15° Zwilling befindet. „Körner mit Grannen" ist heuer am 5. Juni.  


Wednesday, May 19, 2021

Das innere Wetter - über das Qi-Klima der inneren Landschaft des Körpers

Innerer Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit - nei feng 内風, han 寒, Wärme 熱, shi 濕 - all dies sind Fachbegriffe der Traditionellen Chinesischen Medizin. In der TCM dreht sich alles um Qi, seine Eigenschaften und Funktionen. Wenn von innerem Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit die Rede ist, dann handelt es sich auch um Qi, und zwar um bestimmte Qualitäten oder Zustände des Qi, die im Körper erzeugt werden können, ohne dass man dem entsprechenden Wetter im Freien ausgesetzt gewesen wäre.

Im gesunden Organismus reguliert das Qi auf natürliche Weise das „innere Wetter“, das Körperklima. Funktioniert die Regulation, dann bleibt das Qi gemäßigt - es wird nicht zu heiß, nicht zu kalt, nicht zu feucht, nicht zu trocken, nicht zu klebrig, nicht zu nass - und es fließt frei und reibungslos - nicht zu turbulent, nicht zu ruckartig, nicht zu langsam - durch alle Yin- und Yang-Bereiche des Körpers.

Doch zu bestimmten Zeiten, durch manche Umstände, durch persönliche Angewohnheiten und durch den Zustand der eigenen Gesundheit können sich negative Einflüsse auf gewisse Aspekte des inneren Klimas oder Wetters ergeben, die den Qi-Fluss behindern und die Funktionen des Körpers stören. Bevor schon sich solche Störungen der Qi-Prozesse zu einem tatsächlichen Ungleichgewicht entwickeln, ist es möglich, diese inneren klimatischen Bedingungen in den verschiedenen Körperbereichen wahrzunehmen. Jeder, der regelmäßig Qigong praktiziert, kennt diese Wahrnehmungen, auch wenn er zum entsprechenden Zeitpunkt vielleicht nicht versteht, was es ist, das er fühlt. Es ist z.B. möglich, Kälte und Nässe an den Fußsohlen zu fühlen, während man an einem heißen Sommertag Qigong praktiziert, oder man spürt während des Qigongübens einen kühlen Wind im Rücken, oder hat kalte, frierende Hände, selbst dann, wenn man sich bei geschlossenen Fenstern in einem beheizten Raum befindet.

Dies ist es, worüber ich hier schreibe - Körperempfindungen, die dem Wetter gleichen und Hinweise auf das innere Klima geben und darauf, wie das Qi funktioniert, während es zu Ausgleich und Balance strebt. Diese sollten nicht verwechselt werden mit den ganz konkreten Empfindungen, die man hat, wenn man wetterempfindlich ist und sich bei schlechtem Wetter draußen aufhält (und man sich sorgt, dass Kälte, Feuchtigkeit oder Hitze von außen mit dem Wind in den Körper getrieben werden könnten - eine simplifizierte TCM-Erklärung dafür, wie man krank werden kann, wenn man dem Wetter ausgesetzt ist).

Beide Arten von Körperempfindungen (das „innere“ und das äußere Wetter) können manchmal unangenehm sein, aber erst durch ein Verständnis der natürlichen Transformationen des gesunden Qi kann man zwischen dem inneren Qi-Klima und den von außen stammenden Witterungseinflüssen zu unterscheiden lernen.

Der Körper ist ein großer funktionaler Zusammenhang des Qi, dieser kann metaphorisch als eine Landschaft betrachtet werden, die sich laufend verändert, je nach Tageszeit, Monat, Jahr, über den Verlauf des ganzen Leben. Das innere Klima des Qi bewegt und verändert sich mit der Landschaft, und es wandelt sich auch entsprechend dem Gleichgewicht der gesunden Qi-Prozesse. Die Struktur des Körpers und die inneren Organe sind die wichtigsten Aspekte der Landschaft, von der hier die Rede ist. Im Klima dieser Landschaft drücken sich all die Qi-Prozesse des lebendigen Organismus aus, deren ständige Anpassung und Modulation eben diese innere Landschaft erhalten.

Normalerweise sind wir im Alltag nicht so gut auf das innere Klima eingestimmt. Man fühlt sich im Allgemeinen wohl, oder wenn nicht, reagiert man automatisch und versucht etwas zu tun, was zu mehr Wohlbefinden führt. Ist einem kalt, zieht man sich einen Pullover über, fühlt man sich unbeweglich und steif, bewegt man sich oder verändert die Position, wird einem schwindlig, legt man sich hin, ist man gereizt, oder überhitzt und verschwitzt, fühlt man sich nach einer kühlen Dusche sicher besser.

Aber warum spürt man diese Empfindungen von Kälte, Schwindel, Hitze etc. überhaupt, wenn man relativ gesund ist, nicht dem Wetter ausgesetzt war und sich eigentlich zuhause wohl fühlen könnte?

Oft liegt es an dem, was man tut - wenn man zu lange sitzt, steht oder sich konzentriert, kann sich in verschiedenen Bereichen des Körpers Kälte manifestieren, wechselt man die Position nicht oft genug oder schläft nicht genug oder zu lange, kann sich Feuchtigkeit ansammeln, die Gelenke schmerzen dann oder fühlen sich steif an, da das Qi nicht stark genug fließt, um die Feuchtigkeit zu bewegen.

Schaut man zu lange auf digitale Bildschirme oder überlastet sich geistig, während man an einem Projekt arbeitet, kann dies das Yin-Qi überhitzen. Da das Shen-Qi 神氣 des bewussten Denkens - der Yang-Aspekt unserer Existenz -, im Yin-Qi verankert ist, wird es dann mangels Verankerung (und auch, weil die Augen „das Fenster des Shen Qi“ sind) wie ein turbulenter Wind aufsteigen und zu Schwindel führen. Überhitzt man Geist und Körper, indem man das Yang-Qi durch übermäßige geistige Arbeit und Konzentration in die Höhe treibt, und vergisst dann auch noch, genügend Wasser zu trinken, wird das heiße Yang-Qi nicht nur aufsteigen, sondern der durch es erzeugte innere Wind wird das Qi austrocknen und es brüchiger machen. Emotional verursacht dies dann mangelnde Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Reizbarkeit, körperlich kann es zu übermäßigem Schwitzen führen.

Dies sind nur einige wenige Beispiele für mögliche Qi-Reaktionen, verbunden mit dem inneren Klima, die jeder fühlen und normalerweise regulieren kann.

Darüber hinaus kann es während des Übens von Qigong und auch kurz nachher, sehr deutliche Empfindungen geben, die mit dem inneren Klima des sich entwickelnden gesunden Qi zusammenhängen. Durch alle Phasen des Qigong-Übens, vom anfänglichen Entspannen und Ruhigwerden, dem „Eintritt in den Qigong-Zustand“ bis zum Abschluss, wenn die Übung beendet wird und man in den „Normalzustand“ zurückkehrt, kann man das Wirken des Qi (die Transformationen des Qi) wahrnehmen, auf eine Art und Weise, wie man normalerweise nicht fühlt. Diese Empfindungen sind ein normales Phänomen der Qigong-Praxis, unterscheiden sich aber von den Empfindungen, die ich oben beschrieben habe.

Wenn man sich die Zeit nimmt, still zu werden, in den Qigong-Zustand eintritt (rujing 入静) und sich auf den Atem konzentriert, wird sich das Qi in der tiefen Entspannung von Körper und Geist wie eine sanfte, weiche, warme Brise bewegen, ungehindert, von innen nach außen, zum Kopf, zu den oberen Extremitäten, zum Rumpf, zu den unteren Extremitäten, durch alle Schichten von Gewebe, Muskeln, Knochen, Gefäßen und Organen. Diese warme Brise fühlt sich sehr angenehm an. Das innere Qi und der Atem verbinden sich dann und transportieren gesunde Feuchtigkeit, was zu weiterer körperlicher Entspannung führt und diese Prozesse weiter fördert. Fährt man mit dem Üben fort, egal, ob es sich dabei um eine stille oder eine bewegte Übung handelt, wird die warme, klärende Brise das gesunde Qi auf eine besondere und nachhaltige Weise verändern und erfrischen - ein Effekt, der nur durch das Üben von Qigong möglich ist. Dies ist übrigens einer der Gründe, warum Qigong in China traditionellerweise wichtiger als jede Art von Medizin angesehen wurde und wird, wenn es um den Schutz und die Wiederherstellung von Gesundheit geht.

Das Qi, das sich wie eine warme Brise durch den Körper bewegt, wird kühles, kaltes, auch feuchtes und nasses Qi an die Oberfläche und zu den Extremitäten bringen. Dies kann sehr rasch geschehen und sich sich wie kühle, über die Wirbelsäule laufende Wassertropfen anfühlen, die die Finger und Zehen kalt oder die Fußsohlen nass werden lassen etc.

Übt man Qigong regelmäßig über einen längeren Zeitraum, wird es zu weiteren Klärungen und Öffnungen kommen, dann, wenn das verfeinerte Qi die feinsten Durchgänge - alle Hohlräume und Körperbereiche - durchdringen kann. Hitze, Kälte und Feuchtigkeit - durch geistige Überbelastung, Überarbeiten, zu langes Sitzen etc. verursacht - werden vom Kopf in die Hände und Füße und durch die Haut nach außen geleitet. Dies kann zu vorübergehendem Juckreiz führen, zu feuchten Händen und Füßen, und zu Schwitzen in den Achselhöhlen, den Ellbogen und Kniekehlen. Sobald diese Reaktionen einsetzen, fühlt man sich leichter und kühler in Kopf und Körper, die Augen werden klarer, die Reizbarkeit vermindert sich und positive Gefühle der Freude können zusammen mit dem geklärten Qi entstehen. Das tägliche Üben ermöglicht einem, sich freier und freudiger zu fühlen, selbst in belastenden Zeiten wie diesen, in denen jeder unter starkem Druck steht.

Innere Landschaft, inneres Klima, inneres Wetter, dies sind klassische chinesische metaphorische Beschreibungen der inneren Qi-Umgebung, die verwendet werden, um die Wirklichkeit von Körper und Gesundheit als Qi zu verstehen. Durch das Üben von Qigong ist es möglich, diese Wirklichkeit sinnlich zu erfahren. Durch die Kunst des Qigong lernt man, die Qualitäten des Qi (eben dieses innere Klima) im eigenen Körper (in der inneren lebendigen Landschaft) zu fühlen und zu unterscheiden. Durch die Kunst der traditionellen chinesischen Medizin lernt man, die Qualitäten des Qi im Körper eines anderen zu fühlen und zu unterscheiden.

Und all die vielen Wege, auf denen man mehr von diesen Künsten lernt, zusammen mit den verschiedenen Modellen und Bezugssystemen, die man zum Verständnis braucht (den Theorien von TCM und Qigong), helfen einem, etwas über sich selbst und die Wirklichkeit zu lernen, die die Chinesen das Wahre Qi (Zhen Qi 真氣) nennen.

Monday, May 17, 2021

Eine Qigong-Übungsstunde

Es ist schon einige Zeit her, dass ich eine ganze Qigongstunde zum Mitüben gepostet habe. Heute ist es wieder einmal soweit.

Das heutige Video hat drei Abschnitte: 

  • Regulation des Qi mittels Öffnen, Schließen, Heben und Senken, entsprechend der Grundbewegungen des Qi im Körper: sheng 升 , jiang 降, chu 出, ru 入 - Bewegung nach oben, nach unten, nach außen und nach innen.
  • Daoyin des Qi mittels der ersten vier Weichen und entspannten Übungen.
  • Übungen der Heilenden Laute entsprechend der Jahreszeit: die Übung für das Qi der Leber (shaoyang 少阳 - junges Yang) mit dem Laut xu 嘘 (sprich: hsü) und die Übung für das Qi des Herzens (laoyang 老阳 - altes Yang) mit dem Laut he 哈 (sprich he-a).


Friday, May 14, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Vierte Übung

Hier ist die vierte der „Weichen und Entspannten Übungen".

Die Arme werden auf Schulterhöhe gehoben, dann dreht man den Körper zur Seite, bringt die Hände vor die Brust und drückt nach vorne. 

Einige Male nach links und rechts wiederholen. Beim Drehen werden die Arme entspannt gehalten, Schultern, Ellbogen, Handgelenke und Finger bleiben locker, beim Drücken entsteht etwas Spannung in den Armen. Die Kraft kommt von unten, sie entspringt bei den Füßen und wird von den Hüften nach oben übertragen.  

Diese Übung vermehrt die Kraft des inneren Qi, darüber hinaus wird der Daimai 带脉  - das Gürtelgefäß, i.e. der um die Hüften verlaufende Sondermeridian - aktiviert und reguliert, wodurch sich auch die Bewegung des Qi nach oben und unten verbessert. 

Wednesday, May 12, 2021

Jiangzaocha 姜枣茶 - Tee aus Ingwer und roten Datteln

Letztes Jahr haben wir einige traditionelle chinesische Rezepte gepostet, die der Harmonie des Qi in der heißen Jahreszeit helfen: Mungbohnensuppe, Suppe mit Kudzu und Mais und Chrysanthemen-Goji-Beeren-Tee.

Hier nun ein weiteres Rezept: Jiangzaocha 姜枣茶 - Tee aus Ingwer und roten Datteln

Wie ich schon im Posting zur Zeitperiode „guyu 穀雨 - Getreideregen" angesprochen habe, ist es in den Übergangszeiten des Jahres wichtig, dafür zu sorgen, dass sich das eigene Qi den wechselnden Bedingungen anpasst und seine Harmonie bewahrt. 

Es ist normal, dass sich im Winter und im Frühling kaltes (oder auch feuchtes) Qi im Körper ansammelt, jemand, der schon länger Qigong praktiziert, kann dies auch wahrnehmen. Wenn das Wetter heißer wird, öffnet sich der Körper, doch hat das Yang-Qi nach der kalten Jahreszeit oft nicht die nötige Kraft, um das angesammelte feuchte und kalte Qi loszuwerden.

Im „Inneren Klassikers des Gelben Kaisers“ heißt es :„Im Frühling und Sommer muss das Yang genährt werden“. Darum dieser Tee aus Ingwer und roten Datteln, er wirkt der Erschöpfung des Yang-Qi entgegen und unterstützt dessen Ausbreitung und Verteilung im Körper. Durch das gestärkte Yang kann kaltes und feuchtes Qi beseitigt werden, und der Organismus wird gut auf den Sommer vorbereitet. Man kommt besser durch die heißen Monate und fühlt sich im Juli und August viel wohler. Das heiße Wetter ist auch eine Belastung für das Qi von Milz und Magen, dem wirkt der Tee entgegen, indem er Milz und Magen tonisiert.

Der Tee schafft Raum für die Prozesse, durch die Kälte und Feuchtigkeit zerstreut und ausgeleitet werden, wärmt die Mitte, korrigiert das Qi, stellt das Yang wieder her, trocknet Feuchtigkeit, schützt den Magen, fördert die Verdauung, nährt das Blut und stärkt das Herz.


Rezept:

6 Chinesische rote Datteln (hongzao 红枣 Jujubae Fructus)
6g Goji-Beeren (gouqizi 枸杞子 Lycii Fructus)
6 Scheiben Ingwer, ungeschält
1/2 l Wasser

Zubereitung:

Die Datteln vor dem Kochen entkernen und zerkleinern, damit die Inhaltsstoffe besser herausgekocht werden können. Alle Zutaten einen Topf mit kaltem Wasser geben und zum Kochen bringen. Zehn bis fünfzehn Minuten köcheln lassen. 

Man kann auch eine größere Menge zubereiten und im Kühlschrank aufbewahren. Vor dem Trinken aufwärmen.

Bei chinesischen Kräuterrezepturen werden die Kräuter nicht gegessen. Das gilt auch hier, Datteln, Goji-Beeren und Ingwer auf keinen Fall essen!

Täglich können ein bis zwei Tassen getrunken werden, aber nur in der ersten Tageshälfte! Den Tee nachmittags und abends nicht trinken.

Jetzt in der Übergangszeit zum Sommer* ist der Tee für jeden geeignet. Diejenigen, denen sogar im Sommer leicht kalt ist, können den Tee auch bis zu Herbstbeginn trinken.

Ingwer bekommt man überall. Goji-Beeren und rote Datteln kauft man am besten in einer Apotheke, die TCM-Kräuter führt. Rote Datteln können nicht mit anderen Datteln ersetzt werden.


*Von lixia 立夏 - Sommerbeginn - bis zu rufu 入伏, dem ersten Tag der chinesischen Hundstage, d.h. von Anfang Mai bis ca. Mitte Juli.

Monday, May 10, 2021

Die Harmonie der sechs Richtungen - ein Übungsvideo

Ein weiteres Video aus dem Augarten, mit einer Übungssequenz von Prof. Cong, in der das Qi in alle Richtungen - hinauf und hinunter, nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten - bewegt und dadurch geordnet und reguliert wird.

Die sechs Raumrichtungen werden auf Chinesisch liuhe 六合 genannt, sie bedeuten den durch Himmel, Erde und die vier Himmelsrichtungen umfassten Raum (oder überhaupt das ganze Universum) und dessen innere Verbindungen, Beziehungen, Einflüsse und Wirkungen.

Das chinesische Wort für Universum verweist ebenfalls auf den durch sechs Richtungen bestimmten Raum, verwoben mit den Aspekten von Wandel und Zeit. Universum heißt auf Chinesisch yuzhou 宇宙. Im Shizi 尸子 (4. Jh. v. Chr.) wird yuzhou folgendermaßen definiert: yu 宇 bedeutet oben, unten und die vier Himmelsrichtungen, zhou 宙 bedeutet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Universum ist im chinesischen Verständnis eine in beständiger Entfaltung begriffene raum-zeitliche Manifestation des einen schöpferischen ursprünglichen Qi, es existiert in ihm nichts, das nicht lebendig wäre. Nicht nur ist alles lebendig, es steht auch alles in Beziehung. Ganying 感应 “Wirken und Antwort”, lautet der chinesische Ausdruck dafür (das sind die oben erwähnten Verbindungen, Beziehungen, Einflüsse und Wirkungen).

Qigong zu üben heißt sich in diesem lebendigen, schöpferischen Universum zu erleben, wobei einem die Orientierung an den Richtungen des Raums ermöglicht, sich in der Mitte zu verorten. In der lebendigen Mitte vermag man den schöpferischen Grund der Wirklichkeit zu erahnen (und vielleicht auch zu berühren), dessen Teil und Manifestation man als Mensch ist. Der schöpferische Urgrund, von so manchen chinesischen Künstlern beeindruckend und direkt dargestellt und vermittelt, stellt auch den Grund der eigenen Lebendigkeit dar.

Der konfuzianische Philosoph Zhang Zai 张载 (1020-1077) drückt dies in seiner berühmten West-Inschrift" so aus: „Qian 乾 - das Schöpferische, der Himmel - ist mein Vater, Kun 坤 - das Empfangende, die Erde - ist meine Mutter. Ich, dieses winzige Wesen, trage sie vermischt in mir und finde mich in ihrer Mitte. Das, was alles zwischen Himmel und Erde ausfüllt, ist mein Körper, das, was Himmel und Erde lenkt, meine innere Natur. Alle Menschen entstammen demselben Schoß wie ich, alle Wesen sind meine Gefährten…“

Der Philosoph Cheng Hao 程颢 (1032-1085), der in seiner Lehre diesen Gedanken der Einheit aller Wesen und Dinge folgte, meinte: „Der Schüler muss zuerst verstehen, was mit Menschlichkeit (ren 仁) gemeint ist. Derjenige, der menschlich ist, ist ohne Unterscheidung eins mit allen Wesen. … Im Dao gibt es nichts, das im Widerspruch dazu stehen würde, selbst das Wort „groß“ genügt nicht, dies zum Ausdruck zu bringen. Das Wirken von Himmel und Erde ist unser Wirken. Meister Meng (Mengzi 孟子) sagt, dass alle Dinge vollständig in uns sind. Darüber müssen wir nachsinnen, und wir müssen realisieren, dass dem wirklich so ist, wodurch sich eine Quelle immenser Freude auftut. Sinnen wir darüber nach und realisieren es nicht, dann gibt es zwei Dinge (Selbst und Nicht-Selbst), die im Gegensatz zueinander stehen. Selbst im Versuch der Vereinigung von Selbst und Nicht-Selbst bilden wir noch keine Einheit, wie könnte sich dann Freude einstellen? Die West-Inschrift hingegen ist der perfekte Ausdruck der Einheit. Wenn wir uns mittels dieser Idee kultivieren, dann gibt es weiter nichts zu tun. Wir müssen zwar etwas tun, und niemals innehalten und vergessen, aber dürfen auch nicht dem Wachstum helfen. Tun ohne die geringste Bemühung, das ist der Weg geistiger Kultivierung.“

Dies sind ursprünglich natürlich keine Texte zum Qigong, und doch gilt all dies auch für das Tun im Qigong: Es gibt eine innere Einheit der Dinge, die der eigenen Existenz zugrunde liegt. Diese gilt es zu entdecken, sich dieser zu erinnern und aus dieser zu handeln, doch immer vollkommen natürlich, ohne künstliches Streben und ohne Bemühung.

Die innere Instanz, auf die sich diese Texte beziehen, wird auf Chinesisch yuanshen 元神 genannt, „Ursprünglicher Geist“. In der nüchternen zeitgenössischen chinesischen Qigong-Sicht der Dinge wird der Ursprüngliche Geist als die Fähigkeit des Organismus zu Selbstorganisation und tief gehender Regulation verstanden, sozusagen die tiefste und innerste Instanz, durch die der Organismus immer wieder in sein Gleichgewicht und zu seiner Gesundheit findet. Dies ist sicher ein wichtiger Aspekt, besagt er doch, dass auch dann, wenn man Qigong zu rein gesundheitlichen Zwecken übt, es das Wesentlichste und Wichtigste ist, zu lassen, zu entspannen, zu reduzieren und diese (körperlich-geistige) innere Instanz nicht zu behindern, aus deren Wirken sich die Gesundheit immer wieder zu regenerieren vermag.

Man könnte dies auch die innere Instanz der Selbstheilung nennen, eine Funktion, die erst in Stille und vollkommener Natürlichkeit vollständig zu wirken beginnen kann. „Störe nicht mit deinem Normalbewusstsein den Ursprünglichen Geist!“, so drückte dies Prof Cong aus. Das innere Führen, Lenken und Leiten des Qi, die mit dem Qigong-Üben verbundenen Absichten, die Vorstellungen, die das Üben überfrachten und so vieles mehr, all dies kommt aus oberflächlichen Schichten des Bewusstseins, sozusagen aus einem falschen Zentrum, und hat nichts mit der inneren Mitte und dem Wirken des Ursprünglichen Geistes zu tun. Darum ist man im Qigong immer gut beraten, um es mit Laozi 老子 zu sagen, „täglich zu vermindern. Vermindern und weiter zu vermindern, bis man beim Nicht-Tun anlangt. Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.“

Doch das Wirken des yuanshen 元神, des „Ursprünglichen Geistes“ geht über die körperliche Gesundheit, hinaus. So geht es in den obigen kurzen Textausschnitten nicht um die Regulation des Qi und die Gesundheit, sondern um das Verhältnis des Menschen zur Welt und um das Verständnis des Sinns und des eigenen Wesens. 

Dieses kann sich manchmal in einem die ganze Persönlichkeit umkrempelnden Erlebnis manifestieren. Lu Jiuyuan (1139-1193), einer der Begründer der neokonfuzianischen „Schule des Geistes“, las eines Tages in einem alten Buch (wohl dem oben erwähnten Shizi 尸子) und stieß auf die oben zitierte Passage mit der Erklärung des Begriffs Universum, yuzhou 宇宙: „Die vier Richtungen des Raums zusammen mit dem, was oben ist und unten, heißen yu 宇, was Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, heißt zhou 宙.“ Indem er dies las, erlebte Lu eine augenblickliche Erleuchtung und rief: „Das ist die Unendlichkeit. Mensch, Himmel und Erde und alle Wesen finden sich in dieser Unendlichkeit. Alle Angelegenheiten des Universums fallen in den Bereich meiner Pflicht, meine Pflicht schließt alle Angelegenheiten des Universums ein.“ Und bei einem anderen Anlass bemerkte er: „Das Universum ist mein Geist, mein Geist ist das Universum.“

Dies sind nur ein paar Gedanken zu einer simplen Qigong-Übung, um deren Rahmen einmal etwas weiter zu fassen. Die Übungen des heutigen Videos werden damit nicht komplizierter.


Friday, May 7, 2021

Einfache Massage zur Erhaltung der Gesundheit - Alle vier Übungen

Wir befinden uns seit schon über einem Jahr in einer Ausnahmesituation. Die Lage bei uns in Europa bessert sich zwar, doch ist ist sie immer noch angespannter als im Mai des letzten Jahres, und die Pandemie ist bei weitem noch nicht vorbei.

Der Untertitel des Studios der Weißen Wolken gilt immer noch: „Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie“. So sind die vielen Inhalte zu verstehen, die diversen Übungen, angefangen bei den „Heilenden Lauten“ bis zu den derzeitigen „Weichen und Entspannten Übungen“, die Diätratschläge, die verschiedenen Massagen usw.

In China konnte die Pandemie durch die Kombination von westlicher mit traditioneller chinesischer Medizin rasch und effektiv beendet werden, im April letzten Jahres, nach einer Phase des strengen Lockdowns von 40 Tagen, war sie mehr oder minder vorbei. Auch die wenigen lokalen Ausbrüche danach waren durch die Kombination von raschen Lockdowns und kombinierter westlich-chinesischer Therapie rasch unter Kontrolle. Und beim bisher größten Wiederausbruch im Jänner in der Provinz Hebei kam dann aufgrund ihrer hohen Effektivität ausschließlich nur mehr die TCM zum Einsatz.

Was können wir daraus lernen? Ich bin kein Arzt, es wäre nicht seriös, würde ich die konkreten Kräuterrezepturen, die in China verwendet wurden und im Bedarfsfall immer noch eingesetzt werden, hier auflisten. Diese können und dürfen nur unter Aufsicht eines TCM-Arztes eingenommen werden. TCMconnect, die Initiative österreichischer TCM-Ärzte zur Covid-Prävention, Begleitung und Nachsorge ist die entsprechende Adresse hierfür. Hier ist noch einmal der Link zu TCMconnect.

Doch gibt es auch chinesische Corona-Behandlungsprotokolle jenseits der Kräutermedizin, auch diese haben für uns eine Relevanz und sind vielfach sehr praktikabel. Darum konzentriere ich mich hier auf dem Blog vor allem auf diese Qigong-, Diät- und Massage-Methoden.

Die „Selbstmassagen zur Erhaltung der Gesundheit“, zu denen ich schon ein paar Videos und Postings hier auf dem Blog gemacht habe, gehören z.B. zu den einfachen adjuvanten Corona-Behandlungsmethoden chinesischer Spitäler.

Auf Chinesisch heißt die Methode die „Massage der Acht Schwachstellen“ (ba xu 八虚). Xu 虚 heißt wörtlich leer, hier übersetzt man das Wort am besten als „erschöpft“,  „geschwächt" oder „schwach“. Im Numinose Achse" (Lingshu 灵枢) genannten Teil des Inneren Klassikers des Gelben Kaisers (Huangdi Neijing 黄帝内经) - im Kapitel „Pathogene Eindringlinge“ (Xieke 邪客) - findet sich die von mir schon in Teilen zitierte relevante Passage bezüglich der „Massage der Acht Schwachstellen“. 

Der Gelbe Kaiser fragt darin den Arzt Qi Bo: „Die Menschen haben acht Schwachstellen, was kann durch sie diagnostiziert werden?“ Qi Bo erwidert: „Krankheiten der inneren Organe“. Auf weiteres Nachfragen des Gelben Kaiser erkärt Qi Bo: „Pathogenes Qi, das Lunge und Herz angegriffen hat, sammelt sich in den Ellenbeugen, pathogenes Qi, das die Leber angegriffen hat, sammelt sich in den Achselhöhlen, pathogenes Qi, das die Milz angegriffen hat, sammelt sich in den Hüften, und pathogenes Qi, das die Niere angegriffen hat, sammelt sich in den Kniebeugen.

Die Acht Schwachstellen sind Angelpunkte, an denen die Gelenke gestreckt und gebeugt werden, es sind wichtige Orte, die vom Zhenqi (真气) durchflossen und von den Blutgefäßen durchzogen werden. Pathogenes Qi und Blut dürfen sich dort nicht verfangen oder stagnieren, sonst werden Meridiane, Sehnen und Gelenke verletzt. Die Bewegungsfähigkeit der Gelenke leidet in Folge und es kann zu Krämpfen kommen.“

Soweit das Lingshu. Im weiteren zitiere ich Dr. Xie Zhanqing 谢占清 vom Zweiten Krankenhaus für Integrative Westliche und Traditionelle Chinesische Medizin der Stadt Baoding in der Provinz Hebei:

„Die Massage der Acht Schwachstellen ist sehr vielseitig, einfache Erkältungen bis hin zu schweren Krankheiten können damit behandelt werden. Darüber hinaus ist sie auch eine sehr effektive Methode zur generellen Unterstützung der Gesundheit.

Xie zhi suo cou, qi qi bi xu 邪之所凑,其气必虚. Dies ist ein Leitsatz der TCM: „Wo sich pathogenes Qi sammelt, ist das (körpereigene) Qi notwendigerweise geschwächt."

Erschöpfung und Schwäche (xu 虚) sind wie das schwache Glied einer Kette. Bei einer Krankheit kommen meist innere und äußere Ursachen zusammen. Der Mangel an Zhengqi (正气 aufrechtes, gesundes Qi) ist die innere Ursache der Krankheit, das eingedrungene pathogene Qi (xieqi 邪气) stellt wiederum eine wichtige Bedingung dafür dar, dass sich eine Krankheit überhaupt manifestiert.

Das Coronavirus ist als heißes (manchmal auch kaltes) und feuchtes toxisches Qi qualifiziert. Um einer Coronainfektion vorzubeugen bzw. um diese zu behandeln, müssen die Verbreitung des pathogenen Qi kontrolliert und das gesunde, aufrechte Qi des Körpers verbessert werden.

Es ist das Yang des menschlichen Organismus, das die Hitze-, Kälte- und Feuchtigkeits-Pathogene des Coronavirus bekämpft, deshalb ist die Stärkung des Yang eine Schlüsselmaßnahme zur Corona-Vorbeugung, Behandlung und Rehabilitation.

Im „Yixiao Michuan" (医效秘传 „Geheime Überlieferung medizinischer Wirkungen") heißt es: „Bewegung erzeugt Yang, Ruhe erzeugt Yin". Darum ist die Klopfmassage der Acht Schwachstellen eine geeignete, bewegte (Yang), regulative Behandlung von durch das Coronavirus ausgelösten Lungenentzündungen.

Durch die Ellenbeuge verlaufen der Herz-, der Herzbeutel- und der Lungenmeridian. Ist der Fluss dieser drei Meridiane blockiert, entstehen unmerkliche Schädigungen an Herz und Lunge, was zu Erkrankungen dieser beiden Organe führt. Zerstreut man das stagnierende pathogene Qi (des Herzens und der Lunge) durch Klopfen der Ellenbeugen, dann kann sich das gesunde Qi erholen und das pathogene Qi findet keinen Ort mehr, sich festzusetzen.

Ein Prinzip der traditionellen chinesischen Medizin besagt: San fen zhi, qi fen yang 三分治,七分养 „Drei Teile Behandlung und sieben Teile Pflege“. Basierend auf diesem Prinzip wurde diese Massage zur unterstützenden Behandlung von Corona-Patienten ausgewählt.

Geklopft wird mit der leicht gewölbten Handfläche. Durch die Massage werden eine Reihe komplexer biochemischer Prozesse angeregt, durch die Giftstoffe aus den tiefen Körperschichten an die Oberfläche geholt und ausgeleitet werden. Dies verbessert die Immunantwort des Körpers und stabilisiert die Gesundheit.

Meine Patienten werden instruiert, gleich morgens nach dem Aufstehen die Acht Schwachstellen zu beklopfen, jede Stelle zumindest 30 Mal, und dies nach Möglichkeit während des Tages zu wiederholen. Sie lernen damit, selbständig pathogenes Qi auszuleiten und das gesunde Qi zu stärken. Mit der Zeit erzielen viele von ihnen gesundheitliche Wirkungen, die ihre Erwartungen und Vorstellungen bei weitem übertreffen."
 
Hier ist das schon angekündigte Video mit allen vier Selbstmassagen zur Erhaltung der Gesundheit.


Wednesday, May 5, 2021

Qigong im Grünen - Die ersten drei Weichen und Entspannten Übungen

Heute ist Lixia 立夏 - Sommerbeginn", einer der 24 Jieqi 节气, der 24 Stationen der Sonne im Jahreslauf (die Sonne steht heute genau am Nordost-Punkt der Ekliptik).

Der Morgen war schön genug, darum wurde das Studio der Weißen Wolken nach draußen verlegt, unter einen blauen Himmel ins Grün des Wiener Augartens, für ein Übungsvideo mit den ersten drei der Weichen und Entspannten Übungen.

Das Foto, das ich auch als Thumbnail für das Video verwendet habe, entstand anlässlich eines Besuchs bei Prof. Xia Shuangquan 夏双全, Kerrys Lehrer für Medizinisches und Klinisches Qigong. Es zeigt einen Teil des Kräutergartens der TCM-Universität Guangzhou.

 

Monday, May 3, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Dritte Übung

Hier ist die dritte der „Weichen und Entspannten Übungen".

Ein vorgestellter Ball aus Qi wird zwischen den Händen gehalten, zuerst nach links und rechts bewegt, und dann mit einer Hand gehoben, während die andere Hand nach unten drückt.

Durch diese Übung werden die Qi-Funktionen der inneren Organe, insbesondere das Qi von Niere, Milz und Magen, unterstützt und reguliert.

Das Ende des Videos ist etwas abrupt. Es gab kleinere Probleme, das plötzliche Ende war so nicht beabsichtigt. :)


Saturday, May 1, 2021

Einfache Selbstmassage zur Erhaltung der Gesundheit - Teil 4

Der vierte Teil der einfachen Selbstmassage zur Erhaltung der Gesundheit. Im Lingshu 靈書 heißt es  Befindet sich xieqi 邪氣 (pathogenes Qi) in den Nieren, so stagniert es in den Kniekehlen.“

Die Massage der Kniekehlen bringt nicht nur das stagnierende Qi in Bewegung, man stärkt auch das Qi der Nieren und kann Schmerzen im unteren Rücken behandeln. 

Man massiert ein paar Minuten lang. Man verwendet wieder die Handflächen beider Hände, um mittels leichten Klopfens oder Schlagens zu massieren. Die Wärme in den Handflächen hilft, die Meridiane durchgängig zu machen. Nicht zu stark klopfen oder schlagen, um die Haut nicht zu verletzen. 

In der Kniekehle befindet sich ein wichtiger Akupukturpunkt weizhong 委中 (der 40. Punkt des Blasenmeridians, in der Mitte der Kniekehle), der mittels der Massage stimuliert wird. Ein Merksatz von Qigong und TCM sagt: Bei Schmerzen im Rücken, suche weizhong." Sowohl akuter als auch chronische Rückenschmerzen können über diesen Punkt behandelt werden.

Bei all den vier Massagen gibt es auch einen zusätzlichen Effekt. Durch Verwenden der Handflächen werden die vielen Akupunkturpunkte der Hand sowie die sechs Handmeridiane (Lunge-, Herzbeutel-, Herz-, Dickdarm-, Dreifacher Erwärmer- und Dünndarm-Meridian) aktiviert, indirekt durch die Vernetzung der Bahnen und den Kreislauf des Qi durch den ganzen Körper auch die sechs Fußmeridiane (Milz-, Leber-, Nieren-, Magen, Gallenblasen- und Blasen-Meridian. Diese Massage wirkt somit lokal und auch als Behandlung für den gesamten Körper.

Wie bei den anderen Massagen braucht es nicht viel Aufwand, man massiert ein paar Minuten lang. Die Anfangsintensität der Massage sollte eher gering sein, mit der Zeit kann sie die etwas erhöht werden. Der Effekt stellt sich nicht sofort ein, bei regelmäßiger Massage wird er jedoch immer mehr spürbar. 


Ganzheitsmedizinischer Kongress in Wien zu Covid 19 - Therapie, Prävention und Nachsorge

Über die wichtige, wesentliche und äußerst erfolgreiche Rolle, die die TCM in der Pandemiebekämpfung und -kontrolle in China spielt, wird in...