Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie
Showing posts with label Heilende Laute - Übungsdetails. Show all posts
Showing posts with label Heilende Laute - Übungsdetails. Show all posts

Monday, June 22, 2020

Sechs Heilende Laute - Weitere Bewegungsdetails

Unsere Initiative ist nun in der letzten Woche angelangt. In all diesen Wochen und Monaten haben wir uns am meisten auf die Übungen der Heilenden Laute konzentriert, darum möchte ich hier noch ein paar zusätzliche Informationen geben, gedacht als Hilfe zum Verständnis und zur Vertiefung der Übungspraxis.

Ursprünglich waren den (Atem-) Übungen der Sechs Laute keine Bewegungen zugeordnet. Diese kamen erst später dazu. Über einen Zeitraum von über 1000 Jahren wurden an unterschiedlichen Orten in China Bewegungsfolgen entwickelt, von ihrer Verschiedenheit braucht man sich jedoch nicht irritieren zu lassen. Alle Bewegungsfolgen haben etwas Gemeinsames: sie orientieren sich an den Meridianverläufen bzw. an der Lokalisation von bestimmten Akupunkturpunkten.

Das trifft auch auf unsere Übungen zu. Hier ein paar Details, die man den Videos nicht so leicht entnehmen kann.

Leber:

Die Übung beginnt mit einem Öffnen und Schließen der Hände. Beim Öffnen, während des Einatmens weitet man bewußt den Brustkorb, beim Ausatmen entspannt man ihn. 

Bei der seitlichen Drehung im weiteren Verlauf der Übung bleibt das Becken nach vorne ausgerichtet. Beide Bewegungsdetail lassen den Impuls besser beim Lebermeridian ankommen.

Herz:

Die Übung beginnt ebenfalls mit einem Öffnen und Schließen der Hände. Herz- und Dünndarmmeridian verlaufen auf der Kleinfingerseite der Hände. 

Die Bewegung richtet sich danach: Beim Öffnen weisen die Kleinfingerkanten der Hände nach außen, beim Schließen nach innen. Auch beim Heben sind die Kleinfingerkanten der Hände in Kontakt. Auf diese Art kommt der Impuls beim Herzmeridian an.

Dass die Hände hinter dem Kopf verschränkt werden und der Kopf etwas nach hinten gelegt wird, stimuliert Herz- und Dünndarm-Meridian.

Milz:

Die Übung beginnt mit einem Öffnen und Schließen der Hände. Beim Öffnen, während des Einatmens weitet man bewußt den Bauch, beim Ausatmen entspannt man ihn.

Das Milz- und Magen-Qi bewegt sich entlang der vertikalen Achse, hinauf (Milz) und hinunter (Magen). Die durch gleichzeitiges Heben und Senken der Hände entstehende Spannung unterstützt den natürlichen Fluß von Milz und Magen-Qi.

Lunge:

Der Lungenmeridian verläuft am Daumen. Darum dreht man zu Beginn beim Öffnen den Daumen nach außen, beim Schließen wenden sich die Daumen zueinander. Beim Heben schauen die Daumen nach oben. Alles Details, die das Qi im Lungenmeridian stimulieren.

Wenn die Hände gehoben sind (beim Ausatmen mit „Hei“), sind die Handflächen nach oben gerichtet. Man kann sich in dieser Position etwas spielen und versuchen, die Hände so zu halten, dass Daumen und Daumenballen deutlicher spürbar werden.

Niere:

Beim Schließen zu Beginn werden die Hände zu den Körperseiten und hinter den Körper gebracht, dann werden Hände zu lockeren Fäusten geballt und auf den Rücken gelegt. Man verwendet hierbei die Yang-Seite der Hände (Handrücken), der Kontakt mit dem Rücken stimuliert eine Reihe von Punkten auf dem Blasenmeridian, dem Yang-Meridian, der mit dem Nierenmeridian (Yin) ein Paar bildet.

Die Hände werden daraufhin hinter den Beinen hinunterbewegt, damit führt man das Qi bis zu den Füßen und unterstützt so das Nieren-Qi. Auch die tiefe Stellung (das Setzen) während der Bewegung hat diesen Effekt.

Dreifacher Erwärmer:

Der Meridian verläuft am Ringfinger, an der Außenseite von Hand und Arm. Darum schauen sowohl beim anfänglichen Öffnen und Schließen als auch beim folgenden Heben die Handrücken zueinander.

Darüberhinaus gibt es noch ein zusätzliches Detail, das für alle sechs Übungen gilt:

Zu Beginn, beim Öffnen, bewegt man auch die Knie etwas nach links und rechts (öffnet mit den Knien), beim Schließen bewegt man die Knie etwas zueinander (schließt die Knie). Beim Heben bleiben die Knie geschlossen, beim Ausatmen mit dem Laut kommen die Knie in die Ausgangshaltung zurück. 

Man kann versuchen, das auf den Videos zu entdecken. Es ist nicht so leicht auszumachen wegen der schwarzen Farbe meiner Hose, aber wenn man danach sucht, sieht man es vielleicht.

Ich hoffe, dass diese Details beim Üben hilfreich sind. Sie sollen das Üben erleichtern und es mit der Zeit zu vertiefen helfen, auf keinen Fall sollen sie das Üben komplizieren. 

Wenn es einem so geht, dass die Details zu viel Konzentration beanspruchen, kümmert man sich (einstweilen) nicht darum. Entspannung und Ruhe beim Üben sind wichtiger als die Genauigkeit der Bewegung.

Wie schon oben erwähnt, ursprünglich waren die Sechs Heilenden Laute Atemübungen, sechs Arten der Ausatmung, ohne zugehörige Bewegung. Daraus ersieht man, was das Wesentlichste ist: 

Es sind die sechs Ausatmungen mittels der sechs Laute hsü - hea- hu- hei - tschui - hsi. 

Darum ist es auch möglich, die Übungen der Heilenden Laute ohne Bewegungen allein als Atemübungen zu praktizieren. Dies kann im Sitzen, Stehen oder auch im Liegen erfolgen.

Monday, May 11, 2020

Heilende Laute - Mundpositionen

Wir sind jetzt schon in der neunten Woche dieser unserer Initiative, und wir werden diesen Blog auch weiterhin für diejenigen, die Interesse haben, weiterführen.

Ich glaube, dass TCM- und Qigong-Inhalte viel zu wichtig sind, als sich nur kurz in der ärgsten Krise damit zu beschäftigen. Sie fehlen in der öffentlichen Diskussion über das Virus, sie sind nicht Teil der öffentlichen Gesundheitsstrategien, sie sind, um es auf den Punkt zu bringen, bei uns undenkbar. Undenkbar, obwohl es sich um ein klar und rational organisiertes Wissen handelt, das auch in der modernen Welt einen Platz hat und sich in ihr bewähren kann. Nicht nur sich bewähren kann, sondern vor allem auch Anstöße geben könnte, um sowohl das Denken als auch die Vorstellung von Wissenschaft zu erweitern. Mehr dazu anderntags.

Heute möchte ich wieder auf ein paar für das Üben der Heilenden Laute wichtige Details eingehen.

Die Bewegungen, die wir mit den Lauten kombinieren, orientieren sich am Meridian-System. Durch die Bewegungen hilft man der Aktivierung des Qi in den entsprechenden Funktionskreisen, also den Organen und zugehörigen Meridianen. Die Details dazu schriftlich zu beschreiben, ist etwas umständlich, damit warten wir am besten, bis wieder normale Qigong-Stunden stattfinden können oder bis ich, was ich schon seit längerem vorhabe, über Zoom Stunden abhalten werde.

Hier sind die Mundpositionen bei der Ausatmung. Es gilt immer noch: Nicht zu genau sein! Das Prinzip der Natürlichkeit ist sehr wichtig. 

Der He-ii-Laut für die Lunge: Man öffnet den Mund einen Spalt, zieht die Mundwinkel zur Seite und lässt den Unterkiefer ein wenig sinken. 

Der Hsüü-Laut für die Leber: Den Mund nur einen Spaltbreit öffnen, dabei die Mundwinkel etwas nach hinten ziehen. Durch diesen Spalt ausatmen.

Der Huu-Laut für die Milz: Die Lippen runden. Wie durch einen Schlauch ausatmen.

Der Tschueeii-Laut für die Nieren: Den Mund nur einen Spalt öffnen. Die Mundwinkel etwas nach innen ziehen ziehen. Vorne an den Lippen entsteht etwas Spannung.

Der He-aa-Laut für das Herz: Den Mund halb öffnen, die Zunge ist unten im Mund und die Wangen etwas nach hinten ziehen.

Der Hsii-Laut für den Dreifachen Erwärmer: Eine Mundposition wie beim Lächeln. Genau so wie Mile-Fo 弥勒佛, der Maitreya-Buddha im Foto links.

Ich weiß schon, dass damit nicht alle Unklarheiten und Unsicherheiten ausgeräumt sind. Aber ich hoffe und denke schon, dass früher oder später, vor allem durch die eigene Übungserfahrung, die Atmung für jeden immer klarer und leichter und wirkungsvoller werden wird. Das Qi-Immunsystem baut sich ja auch nicht von heute auf morgen auf, sondern wird dadurch stärker, dass man über einen längeren Zeitraum Bewegung, Atmung, Lebensstil, Ernährung etc. auf eine natürliche und nicht bemühte Art und Weise in den Alltag einbaut.

So ist es auch mit der Atmung und den Heilenden Lauten. Die Theorie macht nur Sinn, wenn man sie über die Praxis umzusetzen versucht. Und es sind die Schwierigkeiten, die man hat, die einen weiterbringen. Durch Antworten kommt man nicht weiter, abgesehen davon, dass es auch unmöglich ist, gleich die Antworten zu haben. Weiter kommt man nur durch Fragen. Aber gleich die rechten Fragen zu haben, ist auch nicht einfach, können die rechten Fragen doch nur durch die Praxis kommen.

Während ich das schreibe, kommt mir ein wunderbares Zitat des Philosophen Xunzi über das Lernen in den Sinn. Er schreibt zwar nicht über Qigong, aber das Zitat eignet sich hervorragend dafür: 

„Das Lernen des Edlen tritt ein durch sein Ohr, heftet sich an seinen Geist, breitet sich durch seine vier Gliedmaßen aus und zeigt sich in seinen Handlungen. Sein geringstes Wort, seine kleinste Bewegung kann dann als ein Vorbild dienen. Das Lernen des Gemeinen tritt durch sein Ohr ein und kommt aus seinem Mund wieder heraus. Mit einem Abstand von nur 4 Zoll zwischen Ohr und Mund, wie kann er lange genug davon Besitz ergreifen, dass es seinen sieben Fuß großen Körper veredeln könnte?“

Wednesday, April 29, 2020

Heilende Laute - Übung für die Niere

In der Traditionellen Chinesischen Medizin hat die Niere als Organ (Shen Zang 肾脏) eine einzigartige Stellung, da sie sowohl die Yin 阴-Basis der substanziellen Existenz darstellt als auch die grundlegende Yang 阳-Antriebskraft der aktiven Existenz, d.h. aller Lebensaktivitäten.

Die wichtigste Yin-Funktion des Nieren-Qi ist, dass es das Jing 精, d.h. das Essenz-Qi, enthält bzw. speichert, das der Mensch im Moment der Zeugung erwirbt und das ausschlaggebend ist für sein Entwicklungspotenzial auf allen Ebenen. Dieses Essenz-Qi ist ein Erbe der Vorfahren; es entfaltet sich langsam während des ganzen Lebens, besonders deutlich aber bei entscheidenden Lebensereignissen wie Geburt, Pubertät oder bei Beginn und Ende des weiblichen Menstruationszyklus‘ (in der chinesischen Medizin werden diese als „Tore“ verstanden, die man zu bestimmten Zeiten des Lebens durchschreitet).  Das Jing determiniert die Fähigkeit eines Menschen, physische oder psychische Traumata zu verarbeiten und auch die Art und Weise, wie man altert und bei schwindenden Ressourcen würdevoll den Alterungsprozess bis hin zum Tod durchlebt. Es zeigt sich sowohl in der Yin-Substanz als auch in der Yang-Funktion: im physischen Körper als Stärke der Knochen, als Funktionieren von Gehirn und Nervensystem, als Schärfe des Gehörs und als Fähigkeit zur Fortpflanzung. Mental und physisch ist es die Antriebskraft, der Funke, um Ideen und körperliche Bewegung in Gang zu setzen, um zu arbeiten, Kinder zu zeugen, künstlerisch tätig zu werden usw.

Wie ich bereits im Text über die Methode für das Milz-Qi erwähnt habe, ist die Milz die Grundlage der erworbenen Gesundheit, die Milz verarbeitet die Nahrung, die für das tägliche Überleben notwendig ist, das Yang-Qi der Milz transformiert die Nahrung in verschiedene Aspekte der täglich benötigten Qi-Energie. Es ist jedoch das zugrunde liegende, essenzielle Yang-Qi der Nieren, das das Qi der Milz (und aller anderen Organe) „zündet“ und sie dazu motiviert, ihre Funktion auszuüben. Aus diesem Grund wird das Yang der Niere auch als Xiang Huo 相火, als „Minister-Feuer“ bezeichnet – es stellt das Feuer dar, das es braucht, um während der gesamten Lebenszeit alle Funktionen am Laufen zu halten und die verschiedenen Qi-Funktionen zu motivieren, die in der Zeit zwischen zwei Herzschlägen, zwischen dem Ein- und Ausatmen, geschehen. Es ist nicht nur die Antriebskraft für diese Funktionen, sondern es ermöglicht auch, dass Dinge zur Reife kommen, dass sich Zyklen von Aktivitäten vollenden und dann wieder neu beginnen können, immer und immer wieder. 

Die Qualität und die Quantität des Jing sind endlich, vorbestimmt zum Zeitpunkt der Zeugung, und es ist nicht ersetzbar. Der Fokus aller traditionellen chinesischen Gesundheitspraktiken, wie Medizin, Qigong, Kampfkünste und sogar der Religion, ist es, das Essenz-Qi zu bewahren und es nicht zu vergeuden. Das Ziel ist ein reicher Vorrat an Jing für den Fall, dass es notwendig wird, auf alle Ressourcen zurückzugreifen, um extreme* Situationen oder Krankheiten zu überstehen. Das Jing wird im Laufe des Lebens langsam und von selbst verbraucht; es durch extreme Verhaltensweisen oder Gewohnheiten zu verschwenden, bedeutet, die Lebenszeit und/oder -qualität zu beeinträchtigen.

Obwohl das Jing nicht reproduzier- oder ersetzbar ist, kann man es mit einem großzügigen Vorrat an Qi stärken und absichern; Qi, das man sich durch Atmung, Ernährung, Übungen, Schlaf und - am wichtigsten – durch eine Beruhigung der überaktiven Geistestätigkeit erwirbt. So sorgen normale, tägliche Gewohnheiten einerseits für gesunde Organe, feste Muskulatur und eine gute Energieversorgung; sie sind andererseits aber auch dafür verantwortlich, ob oder ob nicht das vorhandene Reservoir an Essenz-Qi angezapft werden muss. 

Die Methoden der Heilenden Laute sorgen in jeder Lebensphase für ein besseres Gleichgewicht. Der spezielle Schwerpunkt der Methode für das Nieren-Qi ist das Zusammenziehen der Qi-Kraft an dem Ort, wo es gebraucht wird: im Bereich des Dantian 丹田 und der Nieren, wo das Jing gespeichert wird, und im unteren Rücken, wo sich das Mingmen 命门, das „Lebenstor“ öffnet und den Yang-Qi-Fluss der Nieren in den tiefsten Schichten des Körpers stimuliert. Es hilft dabei, „überschüssiges Feuer“ von oben (von Herz und Geist) nach unten zu bringen und „überschüssige Kälte“ (aufgrund eines schwachen Yang-Qi der Milz oder eines generellen Erschöpfungszustandes) unten aufzuwärmen.

Ein Hinweis zum Abschluss: Um all das zu erreichen, ist es notwendig, die Methoden der Heilenden Laute für das Qi regelmäßig zu üben, auf entspannte Art und Weise, in positiver Stimmung, mit ruhigem Geist und sanfter, feiner Atmung. Und die Methode für das Nieren-Qi sollte ganz besonders entspannt geübt werden. Es ist wichtig, das Qi nicht zu erschöpfen, während man versucht, es aufzubauen. Dies bedeutet auf natürliche Weise, ohne geistige oder körperliche Anspannung, zu üben, bei der sinkenden Bewegung (wenn man in die Knie geht) und auch nicht bei Dauer und Häufigkeit der Ausführung der Übung die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten. Das bringt Freude am Üben und den größten Nutzen!

* "Extrem" ist in der TCM alles, was die Gesundheit aus dem Gleichgewicht bringen kann: äußere Umstände oder Krankheitserreger, innerer Druck oder Begierden, unangemessene oder übermäßige Nahrungsaufnahme, Sport, Arbeit oder sexuelles Verhalten. Es betrifft außerdem auch alles, das zu plötzlich, zu stark oder zu lang anhaltend auftritt (wie Wetter, Viren, erzwungener Isolation usw.).

Wednesday, April 22, 2020

Heilende Laute - Übung für das Herz

Xin Zang 心藏 wird das Herz auf Chinesisch genannt. Es ist das Organ des Herz-Qi, der Monarch der körperlichen, seelischen und geistigen Landschaft unserer Existenz.

Auf der körperlichen Ebene regiert das Yang-Qi des Herzens das „Xue 血“ (das Blut und den Qi-Aspekt des Blutes), und es erzeugt den Puls, indem es Blut – und Qi in Zusammenarbeit mit der Lunge - rhythmisch zirkulieren lässt und zu jedem Teil des Organismus bringt. Genau wie das Atmen findet dieser Kreislauf kontinuierlich statt, in jeder Sekunde des Lebens.

Die Zirkulation des Blutes ist jedoch nicht nur ein mechanischer Vorgang, und das Herz ist nicht nur ein Muskel, der Blut pumpt. Das Yang-Qi des Herzens steuert auch das natürliche Gleichgewicht zwischen körperlicher Bewegung und Ruhe, sodass man fähig ist, den Geist „auszuschalten“, um ein- und durchzuschlafen zu können und zu Beginn des Tages ausgeruht und erfrischt aufzuwachen.

Die Yin-Funktion des Herzens besteht darin, dass es „speichert“. Speichern heißt, dass es das Shen 神 - den Geist und das Herz als Sitz der Gefühle - bewahrt und schützt. Xinshen 心神, manchmal übersetzt als „Herz-Geist“, ist der mentale, gefühlsmäßige und spirituelle Aspekt des Qi, der alle Funktionen des Menschen und seine ganze Existenz belebt. Diese Belebung ist der Funke der Inspiration, der sich in allem zeigt, was man denkt, sagt und tut; sie äußert sich in der Fähigkeit, sich bewusst und mit klarer Absicht auszudrücken.

Xinshen 心神 spiegelt sich im Gesicht des Menschen, in seinen Augen, in seinem Ausblick auf die Welt, in seinen Bewegungen, Reaktionen und Stimmungen. Xinshen 心神 ist sein Innenleben und seine Reaktion auf die Außenwelt. Was die Gesundheit betrifft, so  sorgt Xinshen 心神 in erster Linie dafür, dass man während des gesamten Lebens die rechte Positionierung zwischen Himmel und Erde findet.

Xinshen 心神 ist die Fähigkeit, in Begegnungen und Beziehungen, unabhängig von der Situation, angemessen, mit Empathie und Verständnis zu reagieren; klar zu denken, mit einer Fähigkeit, enorme Mengen an Information nach Bedarf zu speichern, abzurufen und zu verwenden; die Fähigkeit, die Mitte einzunehmen und nicht zu handeln oder zu sprechen, ohne nachzudenken; und keine Dinge zu tun, die unnötig sind, auf irgendeine Weise unangemessen oder nicht hilfreich.

Vor allem ist Xinshen 心神 die Fähigkeit, ruhig zu bleiben und gelassen, umgeben von einem mentalen, emotionalen und spirituellen Raum, in den die Dinge ungestört eintreten können, einem Raum, der es ermöglicht, auf die richtige Art, zum richtigen Zeitpunkt auf zutiefst menschliche Art und in vollem Bewusstsein zu reagieren.

In Wirklichkeit spiegeln die größten Stärken jedoch auch die größten Schwächen wider. Das Herz-Qi in seiner Beständigkeit und Ruhe, das für die rechte Positionierung zwischen Himmel und Erde sorgt, wird durch Situationen des Übermaßes und auch durch emotionale oder physische Schocks oder Traumata leicht und plötzlich aus dem Gleichgewicht gebracht; auch wenn man sich in einem schlechten Gesundheitszustand befindet, bei fortwährendem Schlafmangel, einer chronischen Krankheit oder einem ungeregelten Lebensstil; oder aufgrund externer Faktoren von großer Intensität oder langer Dauer, wie z.B. der Isolation, den Unsicherheiten, Sorgen und Ängsten, die die derzeitige Pandemie mit sich bringt.

Die Regulierung des Geistes ist dasselbe wie die Regulierung des Herzens. Sie geschieht in der Stille, indem die Sinne nach innen gelenkt werden, um ein weites Feld innerer Klarheit und Licht zu schaffen, ungestört vom unaufhörlichen und unnötigen Geschwätz eines leicht abgelenkten Geistes. So findet man den Einklang mit der wahren inneren Natur und die Fähigkeit, in allen Situationen angemessen und menschlich zu handeln.

Die Methode des Heilenden Lautes für das Herz-Qi schafft die körperlichen Bedingungen, die es braucht, um dieses weite Feld zu öffnen:

Zunächst wird die Bahn des Herz-Qi durch das Öffnen und Schließen der Arme und Hände aktiviert. Dann weitet man durch Bewegung, Vorstellung und Atem die obere Brust und denkt den Laut „heaaah“, während man durch den Mund ausatmet. Das Gesicht wird etwas zum Himmel gewandt, die Hände bewegen sich nach oben. So wird überschüssiges „Feuer-Qi“ ausgeleitet, das den sog. „Palast des Geistes“, die komfortable Wohnstatt des Shen-Geistes, stören könnte.

Der Palast des Geistes stellt einen inneren sicheren Ort dar, er ist ein Zuhause für Herz und Verstand. Seine Funktion ist die Sicherstellung und Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes, das notwendig ist, um auf allen Ebenen, in allen Situationen und zu jeder Zeit natürlich und auf angemessene Art und Weise handeln zu können.

Als nächstes gehen die Hände hinter den Kopf und stützen ihn leicht an der Basis. Die Berührung der Finger aktiviert das Qi im Bereich des Hirnstamms. Kopf und Gesicht gehen ein wenig nach hinten, um die Meridiane im Bereich der Sinnesorgane und des Gehirns zu öffnen. Dabei wird buchstäblich das Qi des Geistes erweckt.

Der Abschluss der Übung für das Herz-Qi ist dann gleich wie bei den anderen Übungen der Heilenden Laute. Man führt das Qi zurück zum Bereich der Nieren - zu dem Bereich also, in dem sich das Essenz-Qi befindet - und konsolidiert es dort.

























Abbildung des Herz-Meridians (Hand-Shaoyin-Meridian) 

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥 - Sorgfältige Ausführungen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca 1304-1386) zu den 14 Meridianen

Tuesday, April 14, 2020

Die Funktionen von Milz- und Magen-Qi

Das Qi des Organismus stammt aus zwei Qi-Quellen. Die eine nennt man die angeborene (wörtlich vor-himmlische - xiantian 先天) Qi-Quelle, die andere die erworbene (nach-himmlische houtian 後天) Qi-Quelle. Das vor-himmlische Qi hat mit der Funktion der Nieren zu tun, das nach-himmlische Qi mit der Funktion von Milz und Magen.

Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃) haben also eine enorme Wichtigkeit für das gesamte Funktionieren des Qi. Ihre Funktionen können nicht getrennt werden. Sie repräsentieren die Yin-Bewegung der Erde, das Hinunterziehen, Aufnehmen und Nähren, und die Yang-Bewegung des Himmels, die dem Yin ermöglicht, aufzusteigen wie ein Dunst, der wärmt und alle Wachstumspotenziale aktiviert.

Die Milz (pi zang 脾脏) ist ein Yin-„Organ“, aber ihre Qi-Funktion ist Yang. Das Yang steigt nach oben, transformiert und verfeinert das Yin (mit der Unterstützung des Yang-Qi der Nieren). Es stützt und hält alles an Ort und Stelle (sowohl geistig als auch körperlich), so dass weder gedankliche Prozesse, die Yang sind, beeinträchtigt werden oder stagnieren noch Organe, die Yin sind, nachlassen oder sinken (Organvorfall, Bruch etc.). Solcherart schützt es die Integrität von Körper und Geist. Für diese Qi-Funktionen braucht die Milz eine kühle (keine kalte) und trockene (keine feuchte) Umgebung.

Der Magen (wei fu 胃腑) ist ein Yang-„Organ“, aber seine Haupt-Qi-Funktion ist Yin, weil er als Gefäß fungiert - er nimmt „Getreide und Flüssigkeiten“ im mittleren Jiao auf und vermischt und fermentiert sie, bis sie ein Brei sind. Kontrolliert vom Yang-Qi der Milz beginnt dann der Prozess der Trennung des „Klaren“ vom „Trüben“. Für diese Qi-Funktion ist eine warme (keine heiße) und feuchte (aber nicht sumpfige) Umgebung erforderlich.

Der Teil des Qi, der als rein oder klar (wie reines Quellwasser) angesehen wird, wird durch das Milz-Qi weiter verfeinert und transformiert und als eine Art Qi-Dunst zum oberen Jiao und zur Lunge transportiert, wo er auf das reine, saubere Qi der Luft (kong qi 空氣) trifft. Dort werden das gesamte Qi, das Blut und der Yin-Aspekt des Immunsystems, Nahrungs- oder Feldlager-Qi (ying qi 營氣) gebildet, und im ganzen Organismus verteilt.

Der Teil des Qi, der grob und trübe ist, wie der Schlick in einem Bach, der im ruhigen Wasser ein Sediment bilden kann, wird durch die Antriebskraft des Magen-Qi nach unten in den unteren Jiao und den Verdauungstrakt bewegt , wo es weiter verfeinert und in das Abwehr-/Wächter-Qi (wei qi 衛氣) umgewandelt wird. Dieser Yang-Aspekt des Immunsystems wird dann durch das Lungen-Qi im gesamten Organismus verteilt. Sobald diese Qi-Prozesse, also das Separieren, das Raffinieren und der Transport abgeschlossen sind, wird der aus Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten entstandene Abfall weiter nach unten bewegt und ausgeschieden.

Man sieht also deutlich, dass die Qi-Funktionen von Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃) nicht isoliert voneinander verstanden werden können. Sie stehen in einer Yin-Yang-Beziehung und arbeiten zusammen, um Tag für Tag das gesamte Qi zu ergänzen und wieder aufzufüllen, das wir für unsere Gesundheit benötigen.

Die Methode der Heilenden Laute für das Milz-Qi übersetzt dies in eine Form:

Zuerst wird die Mitte geöffnet, indem eine Hand nach oben und eine Hand nach unten bewegt wird und die Handflächen zur Erde bzw. zum Himmel gedreht werden. Anschließend werden Milz- und Magen-Qi in Schwingung gebracht und aktiviert, indem beim Ausatmen durch den Mund in der Vorstellung der Milz-Qi-Laut „hu“ ausgesprochen wird und die Lippen entsprechend geformt werden.

"Yin Yang Tiao He" (陰陽調和) Yin und Yang in ausgewogener Harmonie – das ist, was die Chinesen die Gesundheit nennen. Alle Qigong-Methoden sind Ausdruck von „Yin Yang Tiao He“ in allen Aspekten: Bewegung und Stille, den Richtungen nach innen und nach außen, nach oben und nach unten, beruhigend und aktivierend.

Die Methode für das Milz-Qi ist in der gesamten Abfolge der 6 Methoden der Heilenden Laute von zentraler Bedeutung. Das Milz-Qi steht in Beziehung zur Erde und bewegt sich von der Mitte aus, um das Reine zu heben, während das Magen-Qi sein Yang-Partner, den Abfall nach unten (und außen) bewegt. Auf diese Weise stellt es das tägliche Funktionieren des Organismus sicher.

Saturday, April 11, 2020

Zur Heilenden Laut-Übung für die Milz

Shengqi jiangzhuo 升清降浊 "Heben des Reinen" und "Senken des Trüben", mit diesen beiden Begriffen werden die Qi-Funktionen der Verdauung beschrieben, also des Qi von Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃).

"Heben" bedeutet nicht nur eine Bewegung nach oben und außen, sondern impliziert auch, dass Substanzen, die für den Organismus wichtig sind, behalten und dem Körper zur Verfügung gestellt werden. Diese Substanzen werden als "reine" bezeichnet, eine andere Bezeichnung lautet "fein und subtil" (jingwei 精微), ohne dass definiert wird, was diese Substanzen genau sind, es können damit Nährstoffe gemeint sein, aber auch alles andere, was in diesem Qi-Prozess dem Körper zugutekommt.

"Die Milz regiert über das Heben", heißt es. Das bedeutet, dass die Milz nicht nur die "Getreide und Flüssigkeiten", also die Nahrung verdaut, sondern sie auch einen Prozess der Absorbtion, der Transformation und des Transports und der Verteilung in Gang setzt. Eben dieser "reinen, feinen, subtilen" Substanzen. Dieser Prozess geht nach oben, und zwar Richtung Lunge (nicht vergessen, wir sprechen hier von Qi-Prozessen). Geht nach oben, vom Zhong Jiao (中焦) dem Mittleren Erwärmer (wo Milz und Magen sind) zum Oberen Erwärmer (Shang Jiao 上焦), wo die Lungen sind.

Die Funktion des Magens des "Senkens des Trüben" hingegen geht nach unten: "Senken des Trüben".
"Senken" impliziert neben der Bewegung nach unten und außen auch die Ausscheidung derjenigen Substanzen, die unbrauchbar sind für den Organismus.

Die Funktionen des "Hebens des Reinen" und "Senkens des Trüben", also von Milz und Magen, sind aufeinander abgestimmt, eine Störung der einen Funktion wirkt sich auf die andere aus.

Ye Tianshi 叶天士 (1667–1747), berühmter Arzt und Begründer der Schule der "Wärmekrankheiten" (Wen Bing 温病) der Chinesischen Medizin - kurze Anmerkung hier: beim Covid 19-Virus handelt es sich um eine solche Wärmekrankheit, um ein warmes und feuchtes pathogenes Qi - Ye Tianshi also beschreibt die Funktionen von Milz und Magen einfach und klar: "Der Magen regiert die Aufnahme von Nahrung, die Milz regiert Umwandlung und Transport. Vermag die Milz zu heben, dann ist sie kräftig und gesund. Vermag der Magen zu senken, dann ist sein Funktionieren harmonisch."

Die Milz braucht eine trockene Umgebung. Darum ist es so wichtig, sie nicht auszukühlen. Man kann nicht einfach sagen, wir haben es hier mit einer Wärmeerkrankung zu tun, also kühlen wir das System und alles kommt in Ordnung. Wenn man zu kalt isst (also Salate, viel Obst, besonders ungünstig wären Orangen oder Orangenjuice...), dann schädigt man das Qi der Milz, schädigt das Yang der Milz, das so wesentlich ist für die Fähigkeit der Milz zu transformieren und zu transportieren. Und damit wird sich auch die innere Qi-Umgebung ändern, von trocken zu feucht, das Qi wird in Folge blockieren, die Funktion des Hebens wird blockiert, und irgendwann bricht das Qi der Milz ein, steigt also nicht, sondern fällt nach unten.

Alle Aspekte der Übung für die Milz sind wichtig. Einerseits der Laut, der in der Vorstellung ausgesprochen wird. Das Aussprechen der Organ-Laute wird als "reduzierende Methode" (Xiefa 泻法) verstanden, man will nicht zu stark reduzieren, darum das lautlose, geatmete Aussprechen der Laute. Darüberhinaus haben wir aber auch die Bewegung: die eine Hand hilft dem Qi der Milz nach oben, die andere Hand dem Qi des Magens nach unten, also in die Richtungen, die ihrem geordneten Funktionieren entsprechen. Und zusätzlich, beim Öffnen und Schließen, expandiert der Bauch und kontrahiert wieder, was ebenfalls der Funktion von Milz und Magen zugutekommt.

Diesen Bewegungsaspekt der Übung nennt man Daoyin (导引 Führen und Leiten, Leiten und Strecken), dem Qi durch äußere Bewegungsabläufe helfen, seine Funktionen wiederzugewinnen, wenn sie beeinträchtigt oder verlorengegangen sind bzw. sie generell zu stärken, um damit die Gesundheit auf ein höheres Niveau zu heben.

Man darf nie eindimensional denken. In den Qi-Funktionen ist immer alles mit allem auf irgendeine Art verbunden. Zu sagen, bei Verdauungsproblemen mache ich die Übung für Milz und Magen, und bei Atemproblemen mache ich die Übung für die Lunge, das wäre das Denken in nur einer Dimension.

Zum Beispiel: die Qi-Körperabwehr heißt Abwehr-Qi (Wei-Qi 卫气) und ist eine Funktion des Lungen-Qi. Das Wei-Qi zirkuliert auf und in der Haut, als starkes Yang-Qi und äußerste Verteidigungslinie. Zu glauben, es genüge, das Wei-Qi über die Lunge zu stärken, damit das Immunsystem gut funktioniert, heißt zu übersehen, dass das Wei-Qi auch eine innere Verbindung braucht, zum Ying-Qi, ein Begriff, der wörtlich "Feldlager-Qi" bedeutet. In der deutschen Übersetzung geht diese militärische Metapher verloren, meistens wird das Ying-Qi als Nahrungs-Qi übersetzt. Dieses Qi zirkuliert nicht in der Haut. Das Ying-Qi entsteht aus der Verdauung, in Milz und Magen und im Mittleren Erwärmer und zirkuliert mit dem Blut. Erst wenn Wei-Qi und Ying-Qi kommunizieren, wird die Immunabwehr besser funktionieren.

Man weiß vom Covid 19-Virus, dass sein pathogenes Qi als erstes und sehr rasch die Lungen attackiert. Die Übung für die Lunge ist da sehr wichtig, aber aufgrund der wechselseitigen Verknüpfung und Verbundenheit der Qi-Funktionen sind andere Übungen genauso wichtig. Man muss diese Verbindungen im Qi nicht wissen, man muss sie nur regelmäßig machen. Qigong wirkt durch Stille und Ruhe, also durch das Entspannen und die Ausschaltung der Gedanken, und andererseits durch den Daoyin-Aspekt der Übungen, der bei traditionellen Übungen eigentlich immer sehr durchdacht und entsprechend wirkungsvoll ist.

Saturday, March 28, 2020

Eine Einführung in die Methode der Heilenden Laute für den Sanjiao 三焦

Den Sanjiao 三焦 (Dreifachen Erwärmer) versteht man am besten, wenn man seine Funktion betrachtet, da er ein Konzept der chinesischen Medizintheorie darstellt, das in der Physiologie der westlichen Medizin nicht existiert.
Man nennt ihn "ein Organ, das Funktion hat, aber keine Form". Er wird manchmal als spezifische Dreiteilung des Körperraums verstanden: der Bereich über dem Zwerchfell ist der obere Jiao; zwischen dem Zwerchfell und dem Nabel befindet sich der mittlere Jiao; alles unter dem Nabel ist der untere Jiao. Jeder dieser Sanjiao-Bereiche umfasst alle darin enthaltenen Organe und – ebenso wichtig – den Raum rund um die Organe, und darüber hinaus den gesamten Raum im Körper zwischen Muskeln, Haut und Bindegewebe.

Was das Qi betrifft, hat jedes einzelne Organ im Körper eine bestimmte Funktion. Zum Beispiel: Die Qi-Funktion der Lunge bestimmt die Qualität von Qi und Blut im Körper; sie sorgt (mit Hilfe des Herz-Qi) für die Zirkulation von Qi, Blut und Atem; sie reguliert das Öffnen und Schließen der Poren der Haut, damit Schweiß austreten kann, und sie fungiert als erste Verteidigungslinie gegen Viren.

Der Sanjiao hat die Hauptaufgabe, alle verschiedenen Qi-Funktionen im Körper zu koordinieren und die Kommunikation zwischen den Organen herzustellen. Dieses „Organ, das keine Form hat“ ist lebenswichtig – ohne seine Regulierung gerät das gesamte Organsystem ins Chaos, und die Gesundheit wird beeinträchtigt.

Die Übung der Heilenden Laute für den Sanjiao aktiviert die äußeren (d.h. an der Körperoberfläche gelegenen) Akupunkturpunkte entlang des dem Sanjiao zugehörigen Meridians, bewegt das wärmende Yang-Qi durch seine Bahnen, um die Organfunktionen zu aktivieren und zu stärken, und bringt kühlendes und befeuchtendes Yin-Qi nach unten, um den Körper und seine Organe geschmeidig zu halten und den Körper von Abfall zu befreien.

Der Sanjiao kontrolliert die Bewegung von Qi und Körperflüssigkeiten nach oben und nach unten sowie nach außen und nach innen. Für die Gesundheit heißt das, dass alle normalen Körperfunktionen reguliert werden, dass die Organe stark sind und man sich frei und mühelos bewegen kann.

Wenn jedoch eine äußere Krankheit den Körper angreift, ein Virus, das die Vitalfunktionen attackiert und stört, ist es der Sanjiao, der Alarm schlägt und das Qi der Organe koordiniert, um schnell die vollen Abwehrkräfte am benötigten Ort zum Einsatz bringen.


Abbildung des Sanjiao-Meridians

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥 - Sorgfältige Ausführungen zu den 14 Meridianen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca. 1304-1386).

Wednesday, March 25, 2020

Ein paar Worte zur Methode der Heilenden Laute für das Lungen-Qi

Die Liu Zi Jue 六字诀 - Übung (Übung der Heilenden Laute für das Lungen-Qi), die wir hier vorstellen, ist Teil einer daoistischen Gesundheitstradition, die spezifische Methoden von Lebensstil, Meditation und Qigong kombiniert, um Krankheiten zu beseitigen, den Geist zu beruhigen und das Leben zu verlängern. Sie nutzt eine fein abgestimmte Kombination von Elementen, die ähnlich einer ärztlichen Verschreibung zusammenspielen und auf das Qi-System im Körper wirken, das die Zirkulation von Atem, Qi und Blut steuert.

Um zu verstehen, warum und wie diese Methode funktioniert, kann es hilfreich sein, einige ihrer Schlüsselelemente aus TCM-Perspektive zu betrachten.

Aber nicht vergessen: Das Wichtigste ist es, Qigong zu üben, jeden Tag ein wenig und dann täglich etwas mehr. Das ist es, was sich auf die Gesundheit auswirkt – nicht das Verständnis der chinesischen Medizin oder der daoistischen Philosophie oder gar der Qigong-Methodik. Unabhängig von Alter, Gesundheitszustand und Erfahrung, können alle diese Methoden anwenden und positive Effekte erzielen. Man kann die Gesundheit zurückgewinnen, schützen oder verbessern, das Immunsystem stärken, den Geist beruhigen und ein Gefühl von Leichtigkeit und Wohlgefühl erlangen.

Die Liu Zi Jue-Übung für das Lungen-Qi (wie alle anderen Qigong-Übungen) beginnt damit, dass man ruhig wird und den Körper entspannt, während man sich von Kopf bis Fuß ausrichtet, um in einen bestimmten „Raum“ einzutreten. Dies ist weder ein physischer Ort noch einfach nur ein Geisteszustand. Es ist eher eine Öffnung nach innen, ein Verstummen der Geräusche des Geistes, ein Prozess der Lockerung von Körper und Atem, so dass das Qi des Körpers zwischen dem „Qi von Himmel und Erde“ (den größeren Yang- und Yin-Aspekten des Universums) ausgerichtet ist und dabei in Resonanz mit der wahren Realität der Natur tritt. Diese Resonanz ist eine Art von Kommunikation, die buchstäblich für Erdung sorgt und die angeborene gesundheitliche Körperkraft aktiviert, während sie mit dem Atem fließt, ungehindert von den Störungen, Blockaden und Schwächen, die durch den physischen und mentalen Stress im Lauf von Alterungsprozessen, Krankheit und Alltag auftreten.

Alle Bewegungen verstärken diese Resonanz, mit besonderem Fokus sowohl auf den physischen als auch auf den subtileren Qi-Aspekten, die beim Atmen und beim Zirkulieren von Qi und Blut im gesamten Organismus eine Rolle spielen. Sie öffnen und stärken die Verbindung zwischen dem ursprünglichen Qi (der angeborenen, gesundheitlichen Gesamtkapazität des Körpers) und dem Qi, das man vom Moment der Geburt an mit jedem einzelnen Atemzug erwirbt.

Während der ersten Bewegung beim Einatmen Arme, Hände und Handflächen nach außen drehen, um die Brust beim Einströmen der Luft zu weiten. Brust und Lunge öffnen sich, der Atem kann einfacher und leichter fließen. Auf diese Weise wird das Qi auf einer tieferen inneren Ebene, während es mit dem einströmenden Atem auf einer zentralen Bahn durch den Körpers fließt, geöffnet und verfeinert. Mit etwas mehr Übung kann ein feiner Sog spürbar werden, eine Art Magnetismus, von den Spitzen der Hände und Füße, von den Fingern und Zehen. Die chinesische Medizin betrachtet diesen Vorgang wie eine wirkungsvolle Akupunkturbehandlung, die den Qi-Fluss von der Lunge durch die Akupunkturpunkte entlang des Lungen-Qi-Meridians (手太阴 Hand-Tai-Yin-Meridian) öffnet.

Beim Ausatmen werden die Hände nach innen gedreht, die Handflächen zeigen zum Bauch. Dabei öffnen sich der obere Rücken, die Wirbelsäule und bestimmte Akupunkturpunkte in dieser Region, sodass das warme Qi zum physischen Zentrum des Körpers im Bereich der Nieren, des unteren Rückens und des Bauches (das sog. Dan Tian 丹田) zurückkehren kann, wo das ursprüngliche Qi gespeichert ist.

In dieser Region stärkt das Qi des Atems das ursprüngliche Qi und regt dessen Zirkulation entlang der tiefen inneren Meridiane des Körpers an und erfüllt den gesamten Organismus buchstäblich mit Wärme und Kraft. Beim Einatmen ist es, als würde man etwas magnetisch anziehen und hineinziehen. Das Ausatmen ist zugleich ein Öffnen und Verteilen von Wärme und Magnetismus im ganzen Körper. Mit mehr Übung ist diese Strömung oder auch ein Kribbeln zu spüren, das sich von der Körpermitte hin zu den Extremitäten bewegt.

Beim erneuten Einatmen berühren sich kurz und leicht die Fingerspitzen vor dem Herzen, der Blick geht zu den Fingerspitzen. So wird die Bewegung des Geistes (gelenkt durch Blick) kombiniert mit der Bewegung des Körpers und dem Fluss von Qi und Atem, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.

Nichts im Leben bewegt sich schneller als der Geist. In der Qigong-Praxis zügeln wir diese Bewegung und beruhigen sein konstantes, ablenkendes Geräusch, indem wir dem Geist erlauben, unserem Atem zu folgen. So entsteht ein ruhiger Raum im Inneren, in dem sich die natürliche Kraft des Lebens entfalten und frei fließen kann. Im täglichen Leben führt das ständige, bewusste Bemühen, alles um uns wahrzunehmen und zu kontrollieren, zu einer Trennung von der gesamten Realität der Natur, und es behindert die natürliche Fähigkeit zu Gesundheit und Gleichgewicht.
Die wenigen Fälle im Qigong, in denen die Vorstellungskraft eingesetzt oder der Blick oder die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes gerichtet wird, sind vergleichbar mit einem präzisen, schnellen Speerwurf. Die bewusste Berührung der Finger und der Blick auf sie aktiviert das Qi aller Yin- und Yang-Meridiane und regt eine starke Zirkulation von Herz- und Lungen-Qi stark im Körper an. Das alles dauert nur eine Sekunde, aber der Effekt schwingt mit jeder Wiederholung dieser Übung immer länger und länger im ganzen Körper. Wie beim Betreten eines dunklen Raums und dem Betätigen des Lichtschalters, dauert es letztendlich nur diese Sekunde, um die Natur unseres Innenraums zu verändern.

Eine Übung aus dem medizinischen Qigong ist wie eine Verschreibung von Kräutermedizin – die Hauptwirkung der Verschreibung wird von allen Bestandteilen unterstützt und verändert. So ist die nächste Bewegung der Liu Zi Jue-Übung der medizinisch entscheidende Teil für das Lungen-Qi.
Die Arme bewegen sich nach oben und die Brust dehnt sich aus, während sich der Kopf zurückbewegt, um Hals und Brustkorb zu öffnen. Die Ausatmung entsteht wie ein „Dampf“, der durch den offenen Mund fließt, und die innere Resonanz der Klangvorstellung ermöglicht es der gesamten Kraft des Wahren Qi (Zhen Qi 真气 – im Grunde die umfassende Realität des Qi der Natur, von dem wir nur ein Teil sind) in die Lunge zu fließen. Das Drehen der Handgelenke, sodass die Handflächen nach oben zeigen, bewirkt die Aktivierung wichtiger Akupunkturpunkte des Herzens und der Lunge, die sich auf der Innenseite der Handgelenke befinden.

Die Resonanz des vorgestellten heilenden Lautes, der mit der Lunge in Zusammenhang gebracht wird, ist die Speerspitze des medizinischen Effekts (Die Stimmbänder zu verwenden, um eine hörbare Intonation zu erzielen, hat einen völlig anderen Effekt, der in diesem speziellen „Qigong-Rezept“ nicht so nützlich ist). Das Zurückbewegen des Kopfes und das Ausatmen durch den Mund ist wie das Aufdrehen eines Wasserhahns; die Form des Mundes bei der Imagination des Lautes „Hei“, ist wie das vollständige Öffnen dieses Wasserhahns, sodass das Qi wie Wasser durch das „Tor der Lunge “(den Hals) und durch den „Durchgang zur Lunge“ (Brustkorb) zum Organ selbst fließt.

Die weiteren Schritte der Übung öffnen und stärken die Verbindung zwischen dem Lungen-Qi und dem Nieren-Qi und stellen so sicher, dass der Atem frei in den Körper fließt, wo er dann festgehalten wird, so dass eine Art Verbrennung von Energie stattfinden kann bevor der Atem wieder leicht ausgestoßen wird. Bei diesem Vorgang verbindet sich das Qi der Atemluft mit dem ursprünglichen Qi des Dan Tian.

Es gäbe noch mehr zu sagen, aber ich glaube, es genügt, und ich kann hiermit diese Erklärung der traditionellen medizinischen Auswirkungen der Liu Zi Jue-Übung für das Lungen-Qi beenden. Ich hoffe, es ist mir gelungen zu zeigen, wie differenziert und komplex Qigong-Übungen wirken. Ebenso möchte ich motivieren, Qigong regelmäßig jeden Tag auf einfache und entspannte Weise zu üben, im Vertrauen auf seine positive Wirkung für die Gesundheit und die Regenerationsfähigkeit des Körpers. Selbst die einfachsten Übungen, wie Kreise mit den Armen bei ruhigem Atem, haben verschiedene Bedeutungsschichten und einen potenziellen Nutzen für die Gesundheit von Körper und Geist.
Man kann das Üben genießen; kann genießen, dabei einen Raum der Stille voll tiefer Bedeutung zu betreten, um sich vom Ansturm der täglichen Sorgen zu erholen und die Leichtigkeit, die Kreativität, die regenerative Kraft der eigenen, wahren Natur zu spüren!


Abbildung des Lungen-Meridians

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥  - Sorgfältige Ausführungen zu den 14 Meridianen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca. 1304-1386).

Thursday, March 19, 2020

Die Übungen der Heilenden Laute - Der Laut für die Lunge - Fotos und Übungsbeschreibung

Die Übungen der Heilenden Laute (wie die Übersetzung bei uns meist heißt) sind sehr alt. Sie gehen zurück bis in die Qi- und Liang-Dynastien (6. Jh.), zum berühmten daoistischen Meister (und auch Pharmakologen) Tao Hongjing und seinem Werk Yangxing Yanminglu - Kultivierung der (inneren, geistigen) Natur und Verlängerung des (körperlichen) Lebens.
Tao Hongjing, Patriarch der Maoshan-Schule des Daoismus, lebte in einem Gebiet von China, das Wu genannt wird. Prof. Lin Zhongpeng vom Qigong College for Advanced Studies in Beijing hat mich auf diese Version des Liuzijue aufmerksam gemacht, in der die Heilenden Laute in der Form rekonstruiert sind, wie sie zu Tao Hongjings Zeiten ebendort im Lande Wu (das ist die Gegend um das heutige Nanjing) ausgesprochen wurden.

Ausgangsstellung:


Füße parallel, schulterbreit. Die Arme rund vor dem Unterbauch, Handflächen nach innen. Man sammelt sich innerlich und versenkt sich allmählich in einen Zustand der Stille. Ruhig atmen.


Dann die Arme/Hände nach links und nach rechts bewegen, die Daumen nach außen drehen. Die Brust öffnen. Dabei einatmen. Immer möglichst natürlich atmen.


Die Hände zueinander bewegen, die Daumen schauen nach innen. Dabei ausatmen.


Die Hände falten (die Daumen schauen dadurch nach oben). Die Hände vor die Brust heben. Man beugt sich mit Kopf und Oberkörper eine Spur nach vor. Einatmen.


Die Hände trennen und links und rechts nach oben führen, der Kopf neigt sich etwas nach hinten. Durch den Mund ausatmen, dabei stellt man sich den Laut H-E-I vor. Wenn die Hände links und rechts oben angelangt sind, richten sich die Handflächen ganz nach oben.


Die Hände wieder zusammenbringen, senken. Lockere Fäuste machen und an die Hüften legen. Dabei einatmen, um solcherart die Nieren zu stärken.


Fäuste öffnen. Die Hände mit den Handflächen nach unten nach vorne bringen, leicht nach unten drücken.

Die Bewegung wird sechsmal wiederholt.


Der Abschluss ist einfach. Den linken Fuß zum rechten stellen. Drei Kreise machen: Die Hände seitlich heben, einatmen, vorne senken, ausatmen. Am Ende die Hände auf den Unterbauch (Dantian) legen, für einige Atemzüge dorthin konzentrieren.

Am besten in frischer Luft üben oder bei offenem Fenster, aber natürlich geht’s auch im Zimmer. Man kann die Übung auch öfter machen.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...