Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Saturday, April 11, 2020

Zur Heilenden Laut-Übung für die Milz

Shengqi jiangzhuo 升清降浊 "Heben des Reinen" und "Senken des Trüben", mit diesen beiden Begriffen werden die Qi-Funktionen der Verdauung beschrieben, also des Qi von Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃).

"Heben" bedeutet nicht nur eine Bewegung nach oben und außen, sondern impliziert auch, dass Substanzen, die für den Organismus wichtig sind, behalten und dem Körper zur Verfügung gestellt werden. Diese Substanzen werden als "reine" bezeichnet, eine andere Bezeichnung lautet "fein und subtil" (jingwei 精微), ohne dass definiert wird, was diese Substanzen genau sind, es können damit Nährstoffe gemeint sein, aber auch alles andere, was in diesem Qi-Prozess dem Körper zugutekommt.

"Die Milz regiert über das Heben", heißt es. Das bedeutet, dass die Milz nicht nur die "Getreide und Flüssigkeiten", also die Nahrung verdaut, sondern sie auch einen Prozess der Absorbtion, der Transformation und des Transports und der Verteilung in Gang setzt. Eben dieser "reinen, feinen, subtilen" Substanzen. Dieser Prozess geht nach oben, und zwar Richtung Lunge (nicht vergessen, wir sprechen hier von Qi-Prozessen). Geht nach oben, vom Zhong Jiao (中焦) dem Mittleren Erwärmer (wo Milz und Magen sind) zum Oberen Erwärmer (Shang Jiao 上焦), wo die Lungen sind.

Die Funktion des Magens des "Senkens des Trüben" hingegen geht nach unten: "Senken des Trüben".
"Senken" impliziert neben der Bewegung nach unten und außen auch die Ausscheidung derjenigen Substanzen, die unbrauchbar sind für den Organismus.

Die Funktionen des "Hebens des Reinen" und "Senkens des Trüben", also von Milz und Magen, sind aufeinander abgestimmt, eine Störung der einen Funktion wirkt sich auf die andere aus.

Ye Tianshi 叶天士 (1667–1747), berühmter Arzt und Begründer der Schule der "Wärmekrankheiten" (Wen Bing 温病) der Chinesischen Medizin - kurze Anmerkung hier: beim Covid 19-Virus handelt es sich um eine solche Wärmekrankheit, um ein warmes und feuchtes pathogenes Qi - Ye Tianshi also beschreibt die Funktionen von Milz und Magen einfach und klar: "Der Magen regiert die Aufnahme von Nahrung, die Milz regiert Umwandlung und Transport. Vermag die Milz zu heben, dann ist sie kräftig und gesund. Vermag der Magen zu senken, dann ist sein Funktionieren harmonisch."

Die Milz braucht eine trockene Umgebung. Darum ist es so wichtig, sie nicht auszukühlen. Man kann nicht einfach sagen, wir haben es hier mit einer Wärmeerkrankung zu tun, also kühlen wir das System und alles kommt in Ordnung. Wenn man zu kalt isst (also Salate, viel Obst, besonders ungünstig wären Orangen oder Orangenjuice...), dann schädigt man das Qi der Milz, schädigt das Yang der Milz, das so wesentlich ist für die Fähigkeit der Milz zu transformieren und zu transportieren. Und damit wird sich auch die innere Qi-Umgebung ändern, von trocken zu feucht, das Qi wird in Folge blockieren, die Funktion des Hebens wird blockiert, und irgendwann bricht das Qi der Milz ein, steigt also nicht, sondern fällt nach unten.

Alle Aspekte der Übung für die Milz sind wichtig. Einerseits der Laut, der in der Vorstellung ausgesprochen wird. Das Aussprechen der Organ-Laute wird als "reduzierende Methode" (Xiefa 泻法) verstanden, man will nicht zu stark reduzieren, darum das lautlose, geatmete Aussprechen der Laute. Darüberhinaus haben wir aber auch die Bewegung: die eine Hand hilft dem Qi der Milz nach oben, die andere Hand dem Qi des Magens nach unten, also in die Richtungen, die ihrem geordneten Funktionieren entsprechen. Und zusätzlich, beim Öffnen und Schließen, expandiert der Bauch und kontrahiert wieder, was ebenfalls der Funktion von Milz und Magen zugutekommt.

Diesen Bewegungsaspekt der Übung nennt man Daoyin (导引 Führen und Leiten, Leiten und Strecken), dem Qi durch äußere Bewegungsabläufe helfen, seine Funktionen wiederzugewinnen, wenn sie beeinträchtigt oder verlorengegangen sind bzw. sie generell zu stärken, um damit die Gesundheit auf ein höheres Niveau zu heben.

Man darf nie eindimensional denken. In den Qi-Funktionen ist immer alles mit allem auf irgendeine Art verbunden. Zu sagen, bei Verdauungsproblemen mache ich die Übung für Milz und Magen, und bei Atemproblemen mache ich die Übung für die Lunge, das wäre das Denken in nur einer Dimension.

Zum Beispiel: die Qi-Körperabwehr heißt Abwehr-Qi (Wei-Qi 卫气) und ist eine Funktion des Lungen-Qi. Das Wei-Qi zirkuliert auf und in der Haut, als starkes Yang-Qi und äußerste Verteidigungslinie. Zu glauben, es genüge, das Wei-Qi über die Lunge zu stärken, damit das Immunsystem gut funktioniert, heißt zu übersehen, dass das Wei-Qi auch eine innere Verbindung braucht, zum Ying-Qi, ein Begriff, der wörtlich "Feldlager-Qi" bedeutet. In der deutschen Übersetzung geht diese militärische Metapher verloren, meistens wird das Ying-Qi als Nahrungs-Qi übersetzt. Dieses Qi zirkuliert nicht in der Haut. Das Ying-Qi entsteht aus der Verdauung, in Milz und Magen und im Mittleren Erwärmer und zirkuliert mit dem Blut. Erst wenn Wei-Qi und Ying-Qi kommunizieren, wird die Immunabwehr besser funktionieren.

Man weiß vom Covid 19-Virus, dass sein pathogenes Qi als erstes und sehr rasch die Lungen attackiert. Die Übung für die Lunge ist da sehr wichtig, aber aufgrund der wechselseitigen Verknüpfung und Verbundenheit der Qi-Funktionen sind andere Übungen genauso wichtig. Man muss diese Verbindungen im Qi nicht wissen, man muss sie nur regelmäßig machen. Qigong wirkt durch Stille und Ruhe, also durch das Entspannen und die Ausschaltung der Gedanken, und andererseits durch den Daoyin-Aspekt der Übungen, der bei traditionellen Übungen eigentlich immer sehr durchdacht und entsprechend wirkungsvoll ist.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...