Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie
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Thursday, January 13, 2022

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift, gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftliche Artikel zu historischen, anthropologischen, soziologischen und philologischen Aspekten der Asiatischen Medizin sowie Praxisberichte von Klinikern in und außerhalb Asiens publiziert werden.

Herausgegeben von Michael Stanley-Baker, Ronit Yoeli-Tlalim and Dolly Yang, wurde letztes Jahr eine Spezialausgabe des Journals zum Thema der Covid-Pandemie publiziert. Diese Spezialausgabe "Asian Medicine and COVID-19" ist auf der Webseite des Brill-Verlags öffentlich zugänglich, die einzelnen Artikel können direkt im Netz gelesen oder als PDF heruntergeladen werden.

Vielleicht ist ja dieses Journal für manche von uns interessant (ganz unten im Text ist der Link). Ich übersetze hier den ersten Teil des einleitenden Artikels, verfasst von Michael Stanley-Baker und Ronit Yoeli-Tlalim. Ich finde das Gesagte äußerst wichtig, es formuliert sehr gut und kurz das Problem, das wir mit Traditionen wie der Asiatischen Medizin (im Falle von Covid vor allem der Chinesischen Medizin) haben.

In wenigen Absätzen wird klar angesprochen, dass es in erster Linie um ein erkenntnistheoretisches Problem geht. Das mechanisch-materialistische wissenschaftliche Weltbild mit seinem (unwissenschaftlichen) Alleinerklärungsanspruch verhindert andere, sinnvolle, effektive Möglichkeiten der Covid-Beämpfung, diese werden nicht nur nicht wahr- und ernstgenommen geschweige denn verstanden, sondern auch attackiert und lächerlich gemacht. Zu unser aller Verlust. In einigen früheren Beiträgen auf diesem Blog habe ich das ja schon des öfteren thematisiert.

Dass die Chinesische Medizin oder auch Qigong sinn- und wirkungsvoll in der Pandemie zum Einsatz kommen könnten, ist bei uns einfach nicht vorstellbar, selbst für viele derjenigen nicht, die selbst therapeutische Erfahrungen mit der Chinesischen Medizin gemacht haben oder Qigong praktizieren. Dies weist in erster Linie auf ein Verständnisproblem hin, auf ein mangelndes Verständnis, dessen, was Wissenschaft ist bzw. sein könnte. Eine organische Wissenschaft vor dem Hintergrund einer organischen Philosophie und einer organischen Kosmogonie, wie sie in der chinesischen Philosophie und Medizin zum Ausdruck kommen, ist zwar mit dem mechanisch-materialistischen Denken nicht vereinbar, ist sie deshalb aber grundsätzlich falsch? Diskussionen, wie das wissenschaftliche Weltbild zu erweitern bzw. verändern wäre (wodurch auch Wissenstraditionen wie die asiatische Medizin sinnvoll integrierbar wären), gibt es in der Wissenschaft schon seit langem. Doch der öffentliche Diskurs, in der Pandemie unangenehm szientistisch ideologisiert, operiert fast ausschließlich mit dummen Vorurteilen, was leider zu einer Situation geführt hat, die in Bezug auf Covid einen differenzierten Dialog fast unmöglich macht. Umso wichtiger sind solche Initiativen, wie die der Herausgeber von Asian Medicine.

Hier nun meine Teilübersetzung des einleitenden Artikels. Der Artikel gibt dann auch eine Synopsis der verschiedenen Journalbeiträge, doch dies ist schon spezieller, darum habe ich auf eine Übersetzung verzichtet.

„Als wir vor etwa einem Jahr (d.h. 2020) die Herausgabe dieser Sonderausgabe in Angriff nahmen, sah bezüglich COVID-19 praktisch alles anders aus als heute. Die asiatischen Länder hatten es geschafft, die Pandemie in Schach zu halten, während Europa und die USA die schlimmste medizinische Katastrophe seit Menschengedenken erlebten. In dem Krankenhaus, in dessen Nähe eine von uns in London wohnt, starben Hunderte von Menschen. Jeder ihrer Bekannten hatte Freunde oder Verwandte, die entweder sehr ernst erkrankt oder gestorben waren.

Gleichzeitig begann sich in Singapur das Leben, abgesehen von einem gewaltigen Ausbruch in den Quartieren für Wanderarbeiter, schon wieder zu normalisieren, als die Stadt eine frühzeitig verhängte sogenannte „Sicherungs"-Lockdownperiode vergleichsweise unbeschadet überstanden hatte. Freunde und Kollegen in London fanden diese Kluft verblüffend. Sie fragten sich: Wie machen die das bloß? Während einige der Gründe für die Erfolge im Kampf gegen COVID-19 in Ostasien in den biomedizinischen Institutionen, Kenntnissen und Praktiken liegen, die als Reaktion auf frühere SARS-Ausbrüche entstanden sind, gibt es andere Aspekte der Geschichte, die noch erzählt werden müssen.

Ein Teil der Geschichte besteht darin, dass Narrative über ältere regionale medizinische Traditionen in den englischsprachigen Medien nicht willkommen waren oder, schlimmer noch, aktiv unterdrückt wurden. Die asiatische Medizin wurde in hochrangigen Publikationen wie Foreign Policy und Nature bewusst falsch dargestellt, wobei Tropen des neunzehnten Jahrhunderts wie Quacksalberei, Täuschung und Betrug verwendet wurden. Gleichzeitig haben Verschwörungstheorien und die Verbreitung von Fehlinformationen im Internet alternative, ganzheitliche Neigungen zur asiatischen Medizin in eine antiwissenschaftliche Haltung verwandelt, die sich mit der Gegnerschaft zu Impfstoffen und Wissenschaftsfeindlichkeit verbündet.

Beide Positionen, weit verbreitet in den englischsprachigen und europäischen Medien, stellen die asiatische Medizin falsch dar und beeinträchtigen aktiv unsere Fähigkeit, als globale Gemeinschaft von den Strategien, die sie zu bieten hat, zu lernen, sie anzuwenden und zu integrieren. Sie leiden daran, dass sie die asiatische Medizin auf verflachte Weise und auf simplem, verdummtem Niveau schildern, mit einer erkenntnistheoretischen Taubheit, die versäumt anzuerkennen, dass diese Länder über solide, seit langem bestehende Traditionen von Praxis, Experiment und Verifikation, institutioneller Autorität und der Feststellung von Wirksamkeit verfügen, in deren Rahmen sie Antworten auf Epidemien entwickelt haben. 

Diese werden nicht willkürlich festgelegt, weder aus der Laune eines Staatsoberhaupts heraus, um wirtschaftlichen oder politischen Gewinn zu erzielen, noch durch fantastische Vorstellungen unsichtbarer Manipulatoren der Wahrheit. Sie sind das Ergebnis einer langen Geschichte von Epidemien, Medizin und Traditionen von Behandlung und Pflege, und diese Prinzipien und Herangehensweisen müssen in ihrer jeweiligen Bedeutung sorgfältig verstanden werden, um sicher, verlässlich und produktiv umgesetzt und integriert werden zu können.

Es war diese Krise der Repräsentation inmitten der globalen Gesundheitskrise, die uns dazu veranlasste, unsere Kräfte zu bündeln und Experten für asiatische medizinische Traditionen einzuladen, um unser Verständnis dieser Traditionen aufzufrischen und zu vertiefen. Letztes Jahr haben wir eine Reihe von Webinaren veranstaltet, um das Gespräch in Gang zu bringen, einige Redner kommen auch in dieser Ausgabe zu Wort. Die Webinare können online auf der IASTAM-Website angesehen und für den Unterricht genutzt werden, vielleicht in Kombination mit den Artikeln hier. Unterdessen waren die Autoren damit beschäftigt, ihre Artikel in schnellem Tempo zu verfassen, und die Zeitschrift unterstützte uns freundlicherweise dabei, die Ausgabe im Schnellverfahren zu veröffentlichen, damit sie für den Unterricht und als zeitgemäßer Kommentar zur Pandemie zur Verfügung stehen kann.

Unser Ziel ist es nicht, für bestimmte therapeutische Maßnahmen zu plädieren. Die Entscheidung darüber wird durch klinische Studien getroffen und obliegt medizinischen Einrichtungen, staatlichen Institutionen und den einzelnen Ärzten. Unser Ziel ist es vielmehr, für ein tiefergehendes Zuhören einzutreten - und vor allem beizutragen, ein Bewusstsein für die kulturellen, erkenntnistheoretischen und institutionellen Barrieren in der heutigen Gesundheitsversorgung zu schaffen: die falsche Gleichsetzung von erkenntnistheoretischen Unterschieden mit Unprofessionalität und die Hybris, zu glauben, dass das Vermögen der wissenschaftlichen Methode, gute Antworten zu finden, bedeutet, dass sie die einzigen Antworten liefert. Wir gehen davon aus, dass die Diskussion über COVID-19 ein langer Prozess sein und sich nicht nur auf den aktuellen Ausbruch beschränken, sondern auch auf künftige globale Ausbrüche und neue Gesundheitskrisen erstrecken wird. Wir wollen intellektuelle Flexibilität, Nuancierung und einen Ton des Dialogs unterstützen, die es den Angehörigen der Gesundheitsberufe aus unterschiedlichen Paradigmen ermöglichen, zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen und sich gegenseitig im gemeinsamen Bestreben zu unterstützen, unsere Mitmenschen vor Schaden und Krankheiten zu schützen. Ein solcher Dialog erfordert kritische Werkzeuge, und wir glauben, dass diese Werkzeuge in dieser Ausgabe in ausreichendem Maße vorhanden sind.

Wir können viel lernen, wenn wir die Perspektive bezüglich COVID-19 erweitern: zeitlich, geografisch und kulturell. Es geht nicht um oberflächliche Vergleiche, sondern vielmehr um Wege des Forschens und des Dialogs: Welche Fragen müssen wir uns als Weltbürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts angesichts dieser welterschütternden Erfahrung stellen? Welche Lehren können wir daraus ziehen? Welches Vokabular und welche Stile des vergleichenden Diskurses sind destruktiv und schädlich für weiteres Lernen und gegenseitige Unterstützung? Welche wertvollen Lehren laufen Gefahr, ignoriert zu werden? Welche geschichtlichen Aspekte sind für Historiker, Anthropologen und Praktiker der asiatischen Medizin klarer? Können uns diese Blickwinkel helfen, die verschiedenen, oft konkurrierenden Arten und Weisen des Verständnisses von Pandemien zu verstehen? Verändert ein vergleichsweise hohes Niveau historischen Bewusstseins bezüglich Pandemien bei Politikern und Gesundheitsexperten deren Reaktionsfähigkeit? Wie können Pandemien ein erneuertes und revidiertes Denken bezüglich sozialer Gerechtigkeit anregen? ..."

Soweit meine Übersetzung. Vielleicht übersetze ich auch noch den zweiten Teil des Artikels, aber eben nur vielleicht. Das im ersten Teil Gesagte ist das Wichtigste, was kommt ist dann spezieller und detaillierter, ich vermute, das interessiert nicht jeden.

Hier der Link zum Journal:

Asian Medicine, Volume 16 (2021): Special Issue: Asian Medicine and COVID-19

Sunday, September 26, 2021

Ganzheitsmedizinischer Kongress in Wien zu Covid 19 - Therapie, Prävention und Nachsorge

Über die wichtige, wesentliche und äußerst erfolgreiche Rolle, die die TCM in der Pandemiebekämpfung und -kontrolle in China spielt, wird in den Medien seit eineinhalb Jahren nicht berichtet. Darüber habe ich auf meinem Blog schon des öfteren geschrieben, und es wird sich wohl auch weiterhin nichts daran ändern.

Dass es sich bei der TCM nicht um eine Sammlung alternativer, exotischer Behandlungsmethoden, sondern um eine Wissenschaft handelt, ist den wenigsten bewusst. Die Bereitschaft, sich mit ihr auseinanderzusetzen oder sie ernst zu nehmen, ist sehr gering, sie zu ignorieren oder herablassend zu belächeln, ist viel bequemer.

Dabei können die theoretischen Konzepte der TCM sehr wohl auch als notwendige Fragen verstanden werden, inwieweit jenseits der uns geläufigen Wissenschaft andere Arten des Denkens über die Realität möglich sind. Könnte es sein, dass in der TCM etwas von den Prozessen des Lebens verstanden wird, das sich unserer Denk- und Sichtweise verschließt? Könnte der Erfolg der TCM-Prävention, Behandlung und Nachsorge bei Covid 19 etwas damit zu tun haben?

Veranstaltet von der Akademie für Ganzheitsmedizin fand dieses Wochenende in Wien auf der Sigmund-Freud-Universität der Ganzheitsmedizinische Kongress zu Covid 19 statt. Mein Freund und Kollege MMag. Erich Stöger berichtete dabei über die Chinesische Arzneitherapie bei Covid in China und in Europa sowie über die Erfahrungen der TCM-Behandlung von SARS im Jahr 2003, die dem Erfolg der TCM bei der Kontrolle der Covid-Pandemie zugrundeliegen.

Prof. Lin Zhongpeng, mein verehrter Qigong-Lehrer, hatte damals während der SARS-Epidemie eine wichtige Rolle inne, war er es doch, der bei der chinesischen Staatsführung interveniert und erreicht hatte, dass die Chinesische Medizin zur Behandlung von SARS in Peking zugelassen wurde, woraufhin in kürzester Zeit die Epidemie kontrolliert und beendet werden konnte.

Dies wird in einem Ausschnitt aus einem längeren chinesischen Dokumentationsfilm über die letzten hundert Jahre Chinesischer Medizin geschildert, den MMag. Erich Stöger für seinen Vortrag übersetzt und mit einer deutschen Tonspur unterlegt hat. Prof. Lin Zhongpeng schickte dann auf meine Bitte hin sowohl eine Audio- als auch eine Video-Grußbotschaft an den Kongress.

Hier sind Film, Audio- und Videobotschaft:








Hier ist das Transkript der Videobotschaft von Prof. Lin:

Guten Morgen Árpád! Verehrte alte und neue Freunde aus Europa, guten Morgen!

Dass sich heute bei diesem Kongress so viele Teilnehmer zu einem Austausch zur Problematik von Covid 19 zusammenfinden, ist von großer Wichtigkeit.

Auch in China war und ist die pandemische Lage sehr ernst, doch gab es vom 17. Mai 2020 bis heute nur zwei Todesfälle. Könnten alle Länder das Niveau Chinas erreichen, dann wäre die Lage weltweit schon beruhigt, dann wären wirklich schon Frieden und Ruhe eingekehrt.

Ich möchte hier kurz drei Dinge ansprechen:

Erstens: Rückblickend erkennt man, dass in China eine Lösung des Problems schon seit der SARS- Epidemie 2003 existiert. Ich war zu dieser Zeit nach Guangzhou entsandt worden, bei einer dortigen Konferenz erfuhren wir erst, wie ernst die Lage gewesen war. Doch zum Zeitpunkt unserer Ankunft herrschte schon wieder fröhliches Leben, und der Alltag ging so ruhig und normal vor sich, dass klar war, dass das Problem gelöst war.

Zweitens: Das infektiöse Geschehen in China ist grundsätzlich unter Kontrolle. Wie kann es sein, dass in allen anderen Ländern der Welt das Virus immer noch wütet? Diese Tatsache sollte zu gründlichem Bedenken Anlass geben.

Drittens: Warum stellt sich ein Problem erneut, nachdem es schon gelöst worden war? Auch dies sollte gründlich bedacht werden.

Wir sind der Auffassung, dass es große Anstrengungen brauchen wird, da das tatsächliche Potential der Traditionellen Chinesischen Medizin bis heute nicht vollkommen realisiert wurde.

Bezüglich der Traditionellen Chinesischen Medizin und Pharmakologie herrschen im Allgemeinen folgende Einstellungen:

Die erste: Sie ist wirkungslos.

Die zweite: Sie wirkt, aber der Wirkmechanismus ist unklar.

Aus verschiedenen Gründen ist das Verständnis der Traditionellen Chinesischen Medizin und Pharmakologie äußerst beschränkt und begrenzt, darum ist es notwendig, ihre gesamte Entwicklung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gründlich zu erforschen.

Die dritte: Die Wirkungen der Traditionellen Chinesischen Medizin und Pharmakologie sind nicht wissenschaftlich, wobei in Bezug auf Wissenschaft die westliche Medizin als Standard genommen wird.

Letztere Einstellung muss dringend verändert werden. Sie ist ein Problem nicht nur in Europa und Amerika, sondern auch in China und bedarf der Veränderung. Erst wenn die Überlieferung der Traditionellen Chinesischen Medizin recht verstanden wird, kann auch ihr Wirkpotential voll verstanden und entfaltet werden.

Diese drei Aspekte sind miteinander verbunden. Dass dies heute von unseren Freunden in Wien thematisiert werden kann, hat große Bedeutung. Führt dieser Kongress dazu, dass die Möglichkeiten der TCM besser erforscht, verstanden und entfaltet werden können, kommt das der ganzen Welt zugute. Die Haltung des Ignorierens und Außerachtlassens der Traditionellen Chinesischen Medizin müssen wir von Grund auf verändern.

Darum hoffe ich, dass die Bemühungen aller bei diesem Kongress zu einem großen Erfolg führen und helfen werden, den Zustand der Machtlosigkeit gegenüber der Pandemie zu überwinden.

Das Neue Coronavirus ist gar nicht mehr so neu. Das Wüten von Delta, der aktuellen Variante des Virus, hat weltweit wieder eine neue Runde von Befürchtungen und Ängsten ausgelöst. Diese sind nicht leicht zu beseitigen. Dafür ist ist vonnöten, dass sich unser Erkenntnismodus ändert, um zu einer anderen Einstellung der Traditionellen Chinesischen Medizin gegenüber finden zu können.

Mit diesen Worten wünsche ich dem Ganzheitsmedizinischen Kongress in Wien einen vollen Erfolg, dass er Positives für die Welt und zu einem gründlichen und vollständigen neuen Verständnis der Bedeutung der Traditionellen Chinesischen Medizin führt. Ist das Verständnis einmal da, ist in einem letzten Schritt die Lösung von Problemen auch nicht schwierig.

Ich wünsche allen Zuversicht und Vertrauen!

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Prof. Lin Zhongpeng 林中鹏
Prof. Lin Zhongpeng 林中鹏 (*1939) ist seit 1973 maßgeblich an der Modernisierung der chinesischen Medizin beteiligt.

Zwischen 1980 und 2000 unterrichtete er Methodologie der Chinesischen Medizin und Pharmakologie, war Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur Erforschung und Entwicklung der Chinesischen Volksmedizin sowie der Internationalen Akademischen Gesellschaft für Medizinisches Qigong, und leitete die renommierte Ausbildungs- und Fortbildungsakademie für Qigong in Beijing.

Seit dem Jahr 2000 beschrieb er in zahlreichen Artikeln das der Chinesischen Medizin zugrundeliegende ganzheitliche Denken sowie die methodologischen Unterschiede zwischen westlicher und chinesischer Wissenschaft.

Sein Ausbildungsprogramm „Das ursprüngliche medizinische Denken der Chinesen und der Weg der Gesundheit" wurde 2010 von der Staatlichen Verwaltung für Traditionelle Chinesische Medizin in das „Nationale Fortbildungsprogramm für Chinesische Medizin" aufgenommen.

Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören "Meridian Magnetic Field Therapy“ 《Jingluo cichang liaofa 经络磁场疗法》, "Methodology of Chinese Medicine“ 《Zhongyiyaoxue fangfalun 中国医药学方法论》, "Research on Meridian Quantum Channels“ 《Jingluo liangzihua tongdao yanjiu 经络量子化通道研究》, "Uncovering the Ancient Mysteries of Alchemy“ 《Jiemi liandanshu qiangu aomi 揭秘炼丹术千古奥秘》, "Strategies for the Development of Chinese Medicine in the New Century“ 《Xin shiji zhongyiyao fazhan zhanlue 新世纪中医药发展战略》, "Strategic Reflections on the Development of China's Health Food Industry“ 《Zhongguo baojian shipin chanye fazhan zhanlue sikao 中国保健食品产业发展战略思考》, "Chinese Qigong Science“ 《Zhonghua qigongxue 中华气功学》, „Reflections on True Qi Sublimation“ 《Zhenqi shenhua xinwu 真气升华心悟》, „Insights on Reading Laozi“ 《Du lao gouchen 读老钩沉》 "From SARS to Swine Flu“ 《Cong SARS dao zhuliugan 从 SARS 到猪流感》 , „At the Interface of Body and Mind - A General Survey of 100 Years of Qigong Research 1912-2011“《Shenxingzhiji - bainian qigong yanjiu niaokan 身形之际 - 百年气功研究鸟瞰 1912-2011》.

Wednesday, June 9, 2021

Eine weitere einfache Massage zur Erhaltung der Gesundheit

In den letzten Postings habe ich mehrmals das feuchte Qi" erwähnt. In der TCM und im Qigong wird dieses sehr ernst genommen, so heißt es: Die zehntausend Krankheiten haben ihre Wurzel in der Feuchtigkeit".

Im chinesischen Verständnis ist Gesundheit die Regulation, das ausgewogene Funktionieren der Yin- und Yang-Aspekte des Lebens. Alles was die Balance von Yin und Yang beeinträchtigt, kann zum Verlust der Regulation und damit zum Entstehen von Krankheiten führen. Darum zielen TCM und Qigong bei der Behandlung von Krankheiten darauf ab, die verlorengegangene Regulation wiederherzustellen bzw. zur Prävention die Regulation zu verbessern und zu stützen. Gerade der letztere Aspekt ist eminent wichtig. Eine der Leitaussagen der TCM lautet: „shanyi zhi weibing 善醫治未病 - Der gute Arzt behandelt Krankheiten, bevor sie entstanden sind."

Feuchtigkeit ist einer dieser Faktoren, die den Fluss von Qi und Blut behindern, die Regulation beeinträchtigen und eventuell zu ihrem Verlust führen können. Der Symptome sind viele: Wenn man das Gefühl hat, antriebslos zu sein, sich schwer zu etwas aufraffen kann, bei mangelnder Kraft in den Gliedmaßen, wenn sich beim Stiegensteigen (oder generell beim aufwärts gehen) die Beine schwer anfühlen oder kaum heben lassen, bei Wassereinlagerungen im Gewebe, wenn man im Kopf unklar ist oder sich sogar wie im Nebel fühlt, wenn man sich nicht konzentrieren und keine klaren Gedanken fassen kann, wenn man vergesslich ist, wenn die Verdauung beeinträchtigt ist, bei Blähungen, zu losem Stuhl oder Verstopfung, wenn man sich nach dem Essen zu voll fühlt, wenn man sich „down" fühlt, nervös oder unterschwellige Ängste oder Beklemmungen hat, all dies deutet auf die Akkumulation von  Feuchtigkeit".

Mehr dazu findet man in dem kurzen Text, den Kerry letztes Jahr verfasst hat, ich verlinke ihn hier nochmals: 

 
Auch Covid 19 ist eine Krankheit, die mit Feuchtigkeit zu tun hat (allerdings viel schlimmer und aggressiver, da geht es um ein Feuchtigkeitstoxin - shidu 湿毒 - und nicht um simples feuchtes Qi wie oben beschrieben), darum haben wir auf diesem Blog besonders darauf geachtet, immer wieder Methoden zu posten, die schützen und vorbeugen, indem sie die Yang-Funktionen des Qi unterstützen und damit der Ansammlung von feuchtem Qi entgegenwirken. 

Im heutigen Posting möchte ich zusätzlich eine Massage zeigen. Eine sehr einfache Massage, sie dauert nicht lange, ein paar Minuten nur. Wenn man sich etwas Zeit gibt und diese Massage über den Zeitraum von zwei oder drei Wochen einmal täglich praktiziert, wird man sicher die Wirkung wahrzunehmen beginnen.

Es wird nur ein einziger Akupunkturpunkt massiert, und zwar der 57. Punkt des Blasenmeridians. Dieser trägt den Namen chengshan 承山, das bedeutet den Berg tragen". Mit dem Berg ist der Körper gemeint, dessen Gewicht der chengshan trägt. Chengshan ist ein wichtiger Knotenpunkt für die Bewegung des Qi, unter seinen vielen Funktionen ist die wichtigste die Ausleitung von Feuchtigkeit. 

Der Punkt befindet sich hinten am Unterschenkel, genau in der Mitte zwischen den Punkten weizhong 委中 Blase 40 und kunlun 崑崙 Blase 60.  Blase 40 befindet sich in der Kniekehle, Blase 60 zwischen dem Knöchel außen (malleolus externus) und der Achillessehne. 

Die genaue Lokalisierung von chengshan lautet: der Punkt zwischen den Gastrocnemius-Muskelköpfen. Auf Deutsch: der Punkt zwischen den beiden Muskelköpfen des Wadenmuskels. Am leichtesten findet man den Punkt, wenn man im Stehen mit einem Finger hinten an der Mittellinie des Beins hochfährt. Ungefähr in der Mitte des Unterschenkels, gerade unterhalb des Wadenmuskels rutscht der Finger in eine Vertiefung, dort ist der Punkt.

Den Punkt massiert man mit den Daumen, auf einem Stuhl oder auch auf dem Boden sitzend, so wie ich es im Video zeige. Ein, zwei Minuten den Punkt drücken, und danach ein paar Minuten in beide Richtungen kreisförmig massieren. Zuerst sanft massieren, und allmählich etwas mehr Kraft verwenden. Aber nicht zu stark massieren.

Wenn man ein paar Minuten lang massiert, wird sich Wärme entwickeln. Der Blasenmeridian ist ja der Große Yang-Meridian der Beine (zu taiyang jing 足太陽經), das Massieren stimuliert das Yang-Qi und zeigt sich als Wärme. Feuchtigkeit blockiert das Qi, es kann dann nicht aufsteigen - das zeigt sich z.B. in unklaren Gedanken, mangelnder Kraft und fehlendem Antrieb. Ist der Blasenmeridian hingegen durchgängig, kann durch das aufsteigende Yang-Qi die Feuchtigkeit transformiert und ausgeschieden werden. Mit dem Steigen des klaren Yang wird auch der Kopf in Folge frei und klar, und auch die anderen oben erwähnten Symptome werden sich verbessern. Darüber hinaus hilft chengshan gegen Krämpfe im Unterschenkel (praktisch beim Bergsteigen oder Schwimmen) und ist auch ein sehr wirksamer Punkt bei Schulterbeschwerden.

Der Punkt ist oft druckempfindlich, vor allem dann, wenn es viel feuchtes Qi im Körper gibt. Das ändert sich durch regelmäßiges Massieren. Was am Anfang wehtut, spürt man nach ein paar Wochen kaum mehr, ein Zeichen, dass die Massage wirkt.


Wednesday, May 19, 2021

Das innere Wetter - über das Qi-Klima der inneren Landschaft des Körpers

Innerer Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit - nei feng 内風, han 寒, Wärme 熱, shi 濕 - all dies sind Fachbegriffe der Traditionellen Chinesischen Medizin. In der TCM dreht sich alles um Qi, seine Eigenschaften und Funktionen. Wenn von innerem Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit die Rede ist, dann handelt es sich auch um Qi, und zwar um bestimmte Qualitäten oder Zustände des Qi, die im Körper erzeugt werden können, ohne dass man dem entsprechenden Wetter im Freien ausgesetzt gewesen wäre.

Im gesunden Organismus reguliert das Qi auf natürliche Weise das „innere Wetter“, das Körperklima. Funktioniert die Regulation, dann bleibt das Qi gemäßigt - es wird nicht zu heiß, nicht zu kalt, nicht zu feucht, nicht zu trocken, nicht zu klebrig, nicht zu nass - und es fließt frei und reibungslos - nicht zu turbulent, nicht zu ruckartig, nicht zu langsam - durch alle Yin- und Yang-Bereiche des Körpers.

Doch zu bestimmten Zeiten, durch manche Umstände, durch persönliche Angewohnheiten und durch den Zustand der eigenen Gesundheit können sich negative Einflüsse auf gewisse Aspekte des inneren Klimas oder Wetters ergeben, die den Qi-Fluss behindern und die Funktionen des Körpers stören. Bevor schon sich solche Störungen der Qi-Prozesse zu einem tatsächlichen Ungleichgewicht entwickeln, ist es möglich, diese inneren klimatischen Bedingungen in den verschiedenen Körperbereichen wahrzunehmen. Jeder, der regelmäßig Qigong praktiziert, kennt diese Wahrnehmungen, auch wenn er zum entsprechenden Zeitpunkt vielleicht nicht versteht, was es ist, das er fühlt. Es ist z.B. möglich, Kälte und Nässe an den Fußsohlen zu fühlen, während man an einem heißen Sommertag Qigong praktiziert, oder man spürt während des Qigongübens einen kühlen Wind im Rücken, oder hat kalte, frierende Hände, selbst dann, wenn man sich bei geschlossenen Fenstern in einem beheizten Raum befindet.

Dies ist es, worüber ich hier schreibe - Körperempfindungen, die dem Wetter gleichen und Hinweise auf das innere Klima geben und darauf, wie das Qi funktioniert, während es zu Ausgleich und Balance strebt. Diese sollten nicht verwechselt werden mit den ganz konkreten Empfindungen, die man hat, wenn man wetterempfindlich ist und sich bei schlechtem Wetter draußen aufhält (und man sich sorgt, dass Kälte, Feuchtigkeit oder Hitze von außen mit dem Wind in den Körper getrieben werden könnten - eine simplifizierte TCM-Erklärung dafür, wie man krank werden kann, wenn man dem Wetter ausgesetzt ist).

Beide Arten von Körperempfindungen (das „innere“ und das äußere Wetter) können manchmal unangenehm sein, aber erst durch ein Verständnis der natürlichen Transformationen des gesunden Qi kann man zwischen dem inneren Qi-Klima und den von außen stammenden Witterungseinflüssen zu unterscheiden lernen.

Der Körper ist ein großer funktionaler Zusammenhang des Qi, dieser kann metaphorisch als eine Landschaft betrachtet werden, die sich laufend verändert, je nach Tageszeit, Monat, Jahr, über den Verlauf des ganzen Leben. Das innere Klima des Qi bewegt und verändert sich mit der Landschaft, und es wandelt sich auch entsprechend dem Gleichgewicht der gesunden Qi-Prozesse. Die Struktur des Körpers und die inneren Organe sind die wichtigsten Aspekte der Landschaft, von der hier die Rede ist. Im Klima dieser Landschaft drücken sich all die Qi-Prozesse des lebendigen Organismus aus, deren ständige Anpassung und Modulation eben diese innere Landschaft erhalten.

Normalerweise sind wir im Alltag nicht so gut auf das innere Klima eingestimmt. Man fühlt sich im Allgemeinen wohl, oder wenn nicht, reagiert man automatisch und versucht etwas zu tun, was zu mehr Wohlbefinden führt. Ist einem kalt, zieht man sich einen Pullover über, fühlt man sich unbeweglich und steif, bewegt man sich oder verändert die Position, wird einem schwindlig, legt man sich hin, ist man gereizt, oder überhitzt und verschwitzt, fühlt man sich nach einer kühlen Dusche sicher besser.

Aber warum spürt man diese Empfindungen von Kälte, Schwindel, Hitze etc. überhaupt, wenn man relativ gesund ist, nicht dem Wetter ausgesetzt war und sich eigentlich zuhause wohl fühlen könnte?

Oft liegt es an dem, was man tut - wenn man zu lange sitzt, steht oder sich konzentriert, kann sich in verschiedenen Bereichen des Körpers Kälte manifestieren, wechselt man die Position nicht oft genug oder schläft nicht genug oder zu lange, kann sich Feuchtigkeit ansammeln, die Gelenke schmerzen dann oder fühlen sich steif an, da das Qi nicht stark genug fließt, um die Feuchtigkeit zu bewegen.

Schaut man zu lange auf digitale Bildschirme oder überlastet sich geistig, während man an einem Projekt arbeitet, kann dies das Yin-Qi überhitzen. Da das Shen-Qi 神氣 des bewussten Denkens - der Yang-Aspekt unserer Existenz -, im Yin-Qi verankert ist, wird es dann mangels Verankerung (und auch, weil die Augen „das Fenster des Shen Qi“ sind) wie ein turbulenter Wind aufsteigen und zu Schwindel führen. Überhitzt man Geist und Körper, indem man das Yang-Qi durch übermäßige geistige Arbeit und Konzentration in die Höhe treibt, und vergisst dann auch noch, genügend Wasser zu trinken, wird das heiße Yang-Qi nicht nur aufsteigen, sondern der durch es erzeugte innere Wind wird das Qi austrocknen und es brüchiger machen. Emotional verursacht dies dann mangelnde Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Reizbarkeit, körperlich kann es zu übermäßigem Schwitzen führen.

Dies sind nur einige wenige Beispiele für mögliche Qi-Reaktionen, verbunden mit dem inneren Klima, die jeder fühlen und normalerweise regulieren kann.

Darüber hinaus kann es während des Übens von Qigong und auch kurz nachher, sehr deutliche Empfindungen geben, die mit dem inneren Klima des sich entwickelnden gesunden Qi zusammenhängen. Durch alle Phasen des Qigong-Übens, vom anfänglichen Entspannen und Ruhigwerden, dem „Eintritt in den Qigong-Zustand“ bis zum Abschluss, wenn die Übung beendet wird und man in den „Normalzustand“ zurückkehrt, kann man das Wirken des Qi (die Transformationen des Qi) wahrnehmen, auf eine Art und Weise, wie man normalerweise nicht fühlt. Diese Empfindungen sind ein normales Phänomen der Qigong-Praxis, unterscheiden sich aber von den Empfindungen, die ich oben beschrieben habe.

Wenn man sich die Zeit nimmt, still zu werden, in den Qigong-Zustand eintritt (rujing 入静) und sich auf den Atem konzentriert, wird sich das Qi in der tiefen Entspannung von Körper und Geist wie eine sanfte, weiche, warme Brise bewegen, ungehindert, von innen nach außen, zum Kopf, zu den oberen Extremitäten, zum Rumpf, zu den unteren Extremitäten, durch alle Schichten von Gewebe, Muskeln, Knochen, Gefäßen und Organen. Diese warme Brise fühlt sich sehr angenehm an. Das innere Qi und der Atem verbinden sich dann und transportieren gesunde Feuchtigkeit, was zu weiterer körperlicher Entspannung führt und diese Prozesse weiter fördert. Fährt man mit dem Üben fort, egal, ob es sich dabei um eine stille oder eine bewegte Übung handelt, wird die warme, klärende Brise das gesunde Qi auf eine besondere und nachhaltige Weise verändern und erfrischen - ein Effekt, der nur durch das Üben von Qigong möglich ist. Dies ist übrigens einer der Gründe, warum Qigong in China traditionellerweise wichtiger als jede Art von Medizin angesehen wurde und wird, wenn es um den Schutz und die Wiederherstellung von Gesundheit geht.

Das Qi, das sich wie eine warme Brise durch den Körper bewegt, wird kühles, kaltes, auch feuchtes und nasses Qi an die Oberfläche und zu den Extremitäten bringen. Dies kann sehr rasch geschehen und sich sich wie kühle, über die Wirbelsäule laufende Wassertropfen anfühlen, die die Finger und Zehen kalt oder die Fußsohlen nass werden lassen etc.

Übt man Qigong regelmäßig über einen längeren Zeitraum, wird es zu weiteren Klärungen und Öffnungen kommen, dann, wenn das verfeinerte Qi die feinsten Durchgänge - alle Hohlräume und Körperbereiche - durchdringen kann. Hitze, Kälte und Feuchtigkeit - durch geistige Überbelastung, Überarbeiten, zu langes Sitzen etc. verursacht - werden vom Kopf in die Hände und Füße und durch die Haut nach außen geleitet. Dies kann zu vorübergehendem Juckreiz führen, zu feuchten Händen und Füßen, und zu Schwitzen in den Achselhöhlen, den Ellbogen und Kniekehlen. Sobald diese Reaktionen einsetzen, fühlt man sich leichter und kühler in Kopf und Körper, die Augen werden klarer, die Reizbarkeit vermindert sich und positive Gefühle der Freude können zusammen mit dem geklärten Qi entstehen. Das tägliche Üben ermöglicht einem, sich freier und freudiger zu fühlen, selbst in belastenden Zeiten wie diesen, in denen jeder unter starkem Druck steht.

Innere Landschaft, inneres Klima, inneres Wetter, dies sind klassische chinesische metaphorische Beschreibungen der inneren Qi-Umgebung, die verwendet werden, um die Wirklichkeit von Körper und Gesundheit als Qi zu verstehen. Durch das Üben von Qigong ist es möglich, diese Wirklichkeit sinnlich zu erfahren. Durch die Kunst des Qigong lernt man, die Qualitäten des Qi (eben dieses innere Klima) im eigenen Körper (in der inneren lebendigen Landschaft) zu fühlen und zu unterscheiden. Durch die Kunst der traditionellen chinesischen Medizin lernt man, die Qualitäten des Qi im Körper eines anderen zu fühlen und zu unterscheiden.

Und all die vielen Wege, auf denen man mehr von diesen Künsten lernt, zusammen mit den verschiedenen Modellen und Bezugssystemen, die man zum Verständnis braucht (den Theorien von TCM und Qigong), helfen einem, etwas über sich selbst und die Wirklichkeit zu lernen, die die Chinesen das Wahre Qi (Zhen Qi 真氣) nennen.

Friday, May 7, 2021

Einfache Massage zur Erhaltung der Gesundheit - Alle vier Übungen

Wir befinden uns seit schon über einem Jahr in einer Ausnahmesituation. Die Lage bei uns in Europa bessert sich zwar, doch ist ist sie immer noch angespannter als im Mai des letzten Jahres, und die Pandemie ist bei weitem noch nicht vorbei.

Der Untertitel des Studios der Weißen Wolken gilt immer noch: „Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie“. So sind die vielen Inhalte zu verstehen, die diversen Übungen, angefangen bei den „Heilenden Lauten“ bis zu den derzeitigen „Weichen und Entspannten Übungen“, die Diätratschläge, die verschiedenen Massagen usw.

In China konnte die Pandemie durch die Kombination von westlicher mit traditioneller chinesischer Medizin rasch und effektiv beendet werden, im April letzten Jahres, nach einer Phase des strengen Lockdowns von 40 Tagen, war sie mehr oder minder vorbei. Auch die wenigen lokalen Ausbrüche danach waren durch die Kombination von raschen Lockdowns und kombinierter westlich-chinesischer Therapie rasch unter Kontrolle. Und beim bisher größten Wiederausbruch im Jänner in der Provinz Hebei kam dann aufgrund ihrer hohen Effektivität ausschließlich nur mehr die TCM zum Einsatz.

Was können wir daraus lernen? Ich bin kein Arzt, es wäre nicht seriös, würde ich die konkreten Kräuterrezepturen, die in China verwendet wurden und im Bedarfsfall immer noch eingesetzt werden, hier auflisten. Diese können und dürfen nur unter Aufsicht eines TCM-Arztes eingenommen werden. TCMconnect, die Initiative österreichischer TCM-Ärzte zur Covid-Prävention, Begleitung und Nachsorge ist die entsprechende Adresse hierfür. Hier ist noch einmal der Link zu TCMconnect.

Doch gibt es auch chinesische Corona-Behandlungsprotokolle jenseits der Kräutermedizin, auch diese haben für uns eine Relevanz und sind vielfach sehr praktikabel. Darum konzentriere ich mich hier auf dem Blog vor allem auf diese Qigong-, Diät- und Massage-Methoden.

Die „Selbstmassagen zur Erhaltung der Gesundheit“, zu denen ich schon ein paar Videos und Postings hier auf dem Blog gemacht habe, gehören z.B. zu den einfachen adjuvanten Corona-Behandlungsmethoden chinesischer Spitäler.

Auf Chinesisch heißt die Methode die „Massage der Acht Schwachstellen“ (ba xu 八虚). Xu 虚 heißt wörtlich leer, hier übersetzt man das Wort am besten als „erschöpft“,  „geschwächt" oder „schwach“. Im Numinose Achse" (Lingshu 灵枢) genannten Teil des Inneren Klassikers des Gelben Kaisers (Huangdi Neijing 黄帝内经) - im Kapitel „Pathogene Eindringlinge“ (Xieke 邪客) - findet sich die von mir schon in Teilen zitierte relevante Passage bezüglich der „Massage der Acht Schwachstellen“. 

Der Gelbe Kaiser fragt darin den Arzt Qi Bo: „Die Menschen haben acht Schwachstellen, was kann durch sie diagnostiziert werden?“ Qi Bo erwidert: „Krankheiten der inneren Organe“. Auf weiteres Nachfragen des Gelben Kaiser erkärt Qi Bo: „Pathogenes Qi, das Lunge und Herz angegriffen hat, sammelt sich in den Ellenbeugen, pathogenes Qi, das die Leber angegriffen hat, sammelt sich in den Achselhöhlen, pathogenes Qi, das die Milz angegriffen hat, sammelt sich in den Hüften, und pathogenes Qi, das die Niere angegriffen hat, sammelt sich in den Kniebeugen.

Die Acht Schwachstellen sind Angelpunkte, an denen die Gelenke gestreckt und gebeugt werden, es sind wichtige Orte, die vom Zhenqi (真气) durchflossen und von den Blutgefäßen durchzogen werden. Pathogenes Qi und Blut dürfen sich dort nicht verfangen oder stagnieren, sonst werden Meridiane, Sehnen und Gelenke verletzt. Die Bewegungsfähigkeit der Gelenke leidet in Folge und es kann zu Krämpfen kommen.“

Soweit das Lingshu. Im weiteren zitiere ich Dr. Xie Zhanqing 谢占清 vom Zweiten Krankenhaus für Integrative Westliche und Traditionelle Chinesische Medizin der Stadt Baoding in der Provinz Hebei:

„Die Massage der Acht Schwachstellen ist sehr vielseitig, einfache Erkältungen bis hin zu schweren Krankheiten können damit behandelt werden. Darüber hinaus ist sie auch eine sehr effektive Methode zur generellen Unterstützung der Gesundheit.

Xie zhi suo cou, qi qi bi xu 邪之所凑,其气必虚. Dies ist ein Leitsatz der TCM: „Wo sich pathogenes Qi sammelt, ist das (körpereigene) Qi notwendigerweise geschwächt."

Erschöpfung und Schwäche (xu 虚) sind wie das schwache Glied einer Kette. Bei einer Krankheit kommen meist innere und äußere Ursachen zusammen. Der Mangel an Zhengqi (正气 aufrechtes, gesundes Qi) ist die innere Ursache der Krankheit, das eingedrungene pathogene Qi (xieqi 邪气) stellt wiederum eine wichtige Bedingung dafür dar, dass sich eine Krankheit überhaupt manifestiert.

Das Coronavirus ist als heißes (manchmal auch kaltes) und feuchtes toxisches Qi qualifiziert. Um einer Coronainfektion vorzubeugen bzw. um diese zu behandeln, müssen die Verbreitung des pathogenen Qi kontrolliert und das gesunde, aufrechte Qi des Körpers verbessert werden.

Es ist das Yang des menschlichen Organismus, das die Hitze-, Kälte- und Feuchtigkeits-Pathogene des Coronavirus bekämpft, deshalb ist die Stärkung des Yang eine Schlüsselmaßnahme zur Corona-Vorbeugung, Behandlung und Rehabilitation.

Im „Yixiao Michuan" (医效秘传 „Geheime Überlieferung medizinischer Wirkungen") heißt es: „Bewegung erzeugt Yang, Ruhe erzeugt Yin". Darum ist die Klopfmassage der Acht Schwachstellen eine geeignete, bewegte (Yang), regulative Behandlung von durch das Coronavirus ausgelösten Lungenentzündungen.

Durch die Ellenbeuge verlaufen der Herz-, der Herzbeutel- und der Lungenmeridian. Ist der Fluss dieser drei Meridiane blockiert, entstehen unmerkliche Schädigungen an Herz und Lunge, was zu Erkrankungen dieser beiden Organe führt. Zerstreut man das stagnierende pathogene Qi (des Herzens und der Lunge) durch Klopfen der Ellenbeugen, dann kann sich das gesunde Qi erholen und das pathogene Qi findet keinen Ort mehr, sich festzusetzen.

Ein Prinzip der traditionellen chinesischen Medizin besagt: San fen zhi, qi fen yang 三分治,七分养 „Drei Teile Behandlung und sieben Teile Pflege“. Basierend auf diesem Prinzip wurde diese Massage zur unterstützenden Behandlung von Corona-Patienten ausgewählt.

Geklopft wird mit der leicht gewölbten Handfläche. Durch die Massage werden eine Reihe komplexer biochemischer Prozesse angeregt, durch die Giftstoffe aus den tiefen Körperschichten an die Oberfläche geholt und ausgeleitet werden. Dies verbessert die Immunantwort des Körpers und stabilisiert die Gesundheit.

Meine Patienten werden instruiert, gleich morgens nach dem Aufstehen die Acht Schwachstellen zu beklopfen, jede Stelle zumindest 30 Mal, und dies nach Möglichkeit während des Tages zu wiederholen. Sie lernen damit, selbständig pathogenes Qi auszuleiten und das gesunde Qi zu stärken. Mit der Zeit erzielen viele von ihnen gesundheitliche Wirkungen, die ihre Erwartungen und Vorstellungen bei weitem übertreffen."
 
Hier ist das schon angekündigte Video mit allen vier Selbstmassagen zur Erhaltung der Gesundheit.


Tuesday, April 20, 2021

Guyu 穀雨 - Getreideregen

Ein paar Nachbemerkungen zum gestrigen Posting. Ich habe im gestrigen Video erwähnt, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für Pai Qi 排氣 - das Klären des Qi" sei.

Ich habe damit auf den heutigen Tag angespielt, der im chinesischen Kalender den Namen Guyu 穀雨 - Getreideregen" trägt. Es handelt sich um einen der 24 Jieqi 節氣, der 24 solaren Begriffe oder Qi-Knoten des Jahres. Ein jeder von ihnen ist durch eine bestimmte Qualität des Qi (des Klimas, des Wetters, der Atmosphäre) charakterisiert. 

„Guyu - Getreideregen" markiert das Ende des Frühlings (der nächste Qi-Knoten in ca. zwei Wochen ist dann schon Lixia 立夏 - Beginn des Sommers"). Das Wetter ist zu dieser Zeit zwar noch wechselhaft, doch das Yang-Qi wächst und steigt, das Yin-Qi wird weniger und weniger, die Kälte nimmt ab, Wärme und Feuchtigkeit nehmen zu. 

Es ist in dieser Zeit wichtig, dafür zu sorgen, dass das eigene Qi nicht von den atmosphärischen Einflüssen (Feuchtigkeit, Wärme, Kälte) verletzt wird. Zu dieser Jahreszeit fällt oft Regen, ist das eigene gesunde Qi nicht stark genug, dann kann das feuchte Qi der Jahreszeit in den Körper eindringen und Schmerzen in Schulter, Nacken und Gelenken verursachen. 

Die Feuchtigkeit kann aber auch anderweitig zu Problemen führen. Isst man in dieser Zeit zu viel und bewegt sich zu wenig, fällt es dem Körper schwer, das feuchte Qi zu transformieren, was die Verdauung beeinträchtigen wird. 

Die Aktivität des Leber- und Nieren-Qi sind zu dieser Zeit schwächer, das Herz-Qi ist hingegen aktiver. Darum ist es wichtig, Dinge zu tun, die einen freuen, Spaziergänge im Grünen, Musik hören, im Freien Qigong und Taiji praktizieren, alles, was die Brust weitet und die Stimmung hebt. Indem man die Psyche positiven Einflüssen aussetzt und weniger an Ärger, Sorgen und Ängste denkt, werden das Qi der Leber und das der Nieren unterstützt (und man kann vermeiden, dass das Qi der Leber blockiert und entgleist).

In China ist es die Zeit der ersten Tee-Ernte. Zu den positiven Wirkungen von Tee auf die Gesundheit brauche ich hier nicht viel zu sagen, die sind ja bekannt. Vielleicht dies: Tee kann helfen, das kalte Qi, das sich während des Winter im Körper gesammelt hat, auszuleiten und die Entfaltung des Yang-Qi im Körper zu fördern. Da Tee geistig erfrischt, wirkt er auch der Frühlingsmüdigkeit entgegen. 

Getreideregen" ist die Zeit des Übergangs von Frühling zu Sommer. Im Jahr sind alle Übergangszeiten kalendarisch der Milz zugeordnet, konkret die 15 Tage vor und nach dem jeweiligen Zeitpunkt. Das Qi von Milz und Magen ist zu dieser Zeit stark, es ist also ein guter Zeitpunkt, um das Qi durch bestimmte Nahrungsmittel zu kräftigen. Isst man zu dieser Zeit recht und achtet auf den Einklang mit dem Qi der Jahreszeit, dann fällt (dem Organismus, dem eigenen Qi) der Übergang in den Sommer leicht. 

Diverse Getreide sind sehr zu empfehlen, Hafer, Hirse, Gerste, auch verschiedenste Bohnen, schwarzer Sesam usw. Das Qi der Leber freut sich über grüne Blattgemüse wie z.B. Spinat. Der zunehmenden  Feuchtigkeit kann man durch Lebensmittel wie Gerste, weißer Rettich, Radieschen, Mungbohnen, Adzukibohnen, Hiobstränen, Mandarinenschale, Lotuswurzel, Sojasprossen usw. entgegenwirken.

Wir haben letztes Jahr einiges dazu geschrieben und auch Rezepte gepostet. All dies gilt immer noch, auf dem Blog können diese Beiträge unter diesen beiden Links gefunden werden:

Yangsheng-Rezepte 1 & Yangsheng-Rezepte 2 

Monday, April 12, 2021

Ein paar verstreute Frühlingsgedanken

Frühling. Das Leben entfaltet sich. Alles wächst. Die Bäume knospen und ergrünen, Blütenduft erfüllt die Luft, überall zwitschern Vögel, während sie nach Nahrung suchen und Nester bauen. Doch ist der Übergang vom dunklen Winter zu den langen Tagen des lichten Sommers oft auch turbulent, mit raschen und plötzlichen Wechseln von Wind, Regen, Schnee, Sonne, mit Frosttemperaturen, die über Nacht sonniger Wärme weichen, und genauso plötzlich wieder zurückkehren.

Die Veränderungen in der Natur spiegeln sich im Körper und kommen in einer veränderten Qi-Bewegung zum Ausdruck. Im Frühling erwacht das Qi, es steigt und drückt nach oben und außen. Diesen Yang-Aspekt des Qi, kräftigend und stärkend, kann man schon in den frühen Stadien des jahreszeitlichen Übergangs spüren, dann, wenn sich im Körper empfundene Kälte oder Steifheit in Wärme oder Leichtigkeit verwandeln, wenn man durch einen plötzlichen Energieschub Erschöpfung und Langeweile überwindet, wenn sich die Stimmung hebt und wartende Möglichkeiten spürbar werden. All dies, obwohl wir alle natürlich weiterhin die Last und den Stress der schon mehr als ein Jahr dauernden globalen Krise zu tragen haben.

Der Frühling ist die Zeit, in der das Essenz-Qi (Jingqi 精气) das Qi öffnet, sein Erwachen  unterstützt, den Fluss von Qi 气 und Xue (Blut  und der Qi-Aspekt des Blutes) verbessert und sich mit dem kraftvollen Qi von Himmel und Erde verbindet, um Leben in all seiner Zartheit zu schaffen, zu erneuern und in seinen Transformationen zu schützen.

Beim Qigong-Üben ist es so, als würde man einen Frühjahrsputz halten und das Wohnzimmer auslüften ... Türen und Fenster werden weit geöffnet, um die abgestandene, staubige Luft mit frischer, lebendiger Luft zu ersetzen. Beim Üben kann das auf verschiedene Arten und Weisen geschehen, mittels spezieller Massagen (klopfen, streichen, vibrieren), durch bestimmte Methoden des Armschwingens, oder auch durch spezielle Atemtechniken. 

Diese „Pai Qi “ 排气 - Klären des Qi“ genannten Qigong-Methoden ermöglichen den umfassenden und raschen Qi-Austausch zwischen Mensch und Natur, wodurch alle transformativen Qi-Prozesse gestärkt werden. Praktiziert man Pai Qi als Abschluss des Übens, dann harmonisiert es den inneren Fluss des nährenden Yin-Qi mit dem äußeren Fluss des schützenden Yang-Qi. Die allgemeine Wirkung des Übens wird so konsolidiert und verstärkt. 

Ideal ist, wenn man frühmorgens Qigong draußen an der frischen Luft, in der Nähe von Bäumen oder in einem Park üben kann. In der Stadt ist dies nicht immer möglich. Das Qi der Natur ist jedoch überall, auch im eigenen Wohnzimmer. Das Wichtigste ist die frische Luft. Und die ist am besten nach einem Frühlingsregen, dessen feines Qi zusammen mit der feuchten und kühlen Luft sich leicht mit dem eigenen Qi verbindet und vermischt.

Es ist normal, wenn man im Frühling das Qi stärker spürt, wenn man also intensivere Qi-Wahrnehmungen hat. Zum Beispiel kann es sein, dass sich Hände und Füße während oder nach dem Qigong-Üben kühl oder sogar kalt anfühlen. Dies bedeutet, dass das Yang-Qi das im Körper befindliche abgestandene, kalte Qi, das den gleichmäßigen, leichtgängigen, schnellen Fluss des gesunden, warmen Qi blockiert, nach außen drückt. Oder man beginnt beim Üben oder auch später, wenn man sich nach dem Üben ausruht, leicht zu schwitzen - das kommt daher, dass sich das nährende Yin-Qi des Körperinneren mit dem schützenden Yang-Qi der Körperoberfläche harmonisiert. Dadurch fällt es dem Qi der Lunge leichter, die Poren zu öffnen und zu schließen, und die Haut beginnt besser zu atmen.

Das steigende Yang-Qi des Frühlings ist von Natur aus schöpferisch und warm, und gewinnt, während es 
dem Sommer zugeht, mehr und mehr an Kraft. Es steigt auf, drängt kräftig nach oben und außen und befördert die natürliche Transformation jedes Aspekts des Lebens. Ist man aufmerksam, lässt einen diese innere Bewegung eine engere Verbindung mit der Natur erleben, nicht nur draußen, auch zuhause. Ideen werden einem zufliegen, und die Gesundheit wird sich mit dem Qi heben und in Möglichkeiten des Tuns verwandeln.

Hoffentlich können wir in Zukunft wieder einmal einige von den speziellen Qigong-Methoden zeigen, durch die man auf engere und direktere Art mit der Natur zu kommunizieren lernt. Diese Art von Erfahrung ist inspirierend und belebend, und sie lässt eine Freude entdecken, die die Natur eigentlich immer bereit hält und die zu jeder Jahreszeit anders erlebt wird .. Noch ist Geduld vonnöten, aber es wird sich schon wieder die Gelegenheit ergeben. 

Wir wünschen allen einen schönen Frühling! 

PS: Die vier Kalligraphien zeigen alle das Zeichen: 春 Chun - Frühling. 

Friday, March 19, 2021

Qigong, Taiji und die Entspannungsantwort des Körpers

Heute vor einem Jahr haben wir mit dem Studio der weißen Wolken-Blog begonnen, nicht ahnend, dass die Pandemie ein Jahr später nicht nur nicht zu Ende, sondern alles noch schlimmer sein würde.

Darum ist der Blog auch so gewachsen, mit dem heutigen sind es 151 Postings, nie hätte ich gedacht, dass es so viel werden würde. Es hat sich halt so ergeben. Ich hoffe jedenfalls, dass unsere Arbeit, die wir bis auf Weiteres fortsetzen werden, in diesen schwierigen Zeiten Hilfe und Unterstützung bieten kann, und ich hoffe auch, dass die verschiedenen Beiträge nicht nur Ersatz waren für die verunmöglichten Wochen- und Wochenendkurse und die Seminare auf dem Ritten, sondern darüber hinaus auch zu vermitteln vermochten, was man an Qigong und TCM hat bzw. haben könnte, dass Methoden, die bei uns oft ins esoterische Eck abgedrängt, belächelt oder sogar angefeindet und, was die Bewältigung der Covid-Pandemie betrifft, von offizieller Seite nicht einmal ignoriert geschweige denn genutzt werden, tatsächlich ernstzunehmende und wirksame Verfahren der Prävention, Therapie und Rehabilitation darstellen.

Es handelt sich bei der chinesischen Medizin um eine Wissenschaft, die einzige Wissenschaft, die sich außerhalb der indogermanischen Sprachfamilie entwickelt hat. Von Prof. Manfred Porkert schon vor Jahrzehnten detailliert geschildert, basiert sie auf einer unserer Wissenschaft diametral entgegensetzten Sichtweise auf die Wirklichkeit, da sie nicht reduktionistisch, mittels Deduktion und Analyse, sondern mittels Induktion und Synthese operiert. Das ist sicher einer der Gründe dafür, dass sie nicht als Wissenschaft wahrgenommen wird, obwohl sie sehr wohl die an eine Wissenschaft gestellten Anforderungen erfüllt. Sie besitzt eine zusammenhängende, leistungsfähige Theorie, ist empirisch und rational, arbeitet mit genauen Beobachtungen, und ist fähig, gleich wie die westliche Schulmedizin, anhand klarer Kriterien eine Diagnose zu erstellen, aus der sich die Therapie ergibt und die Prognose des Krankheitsverlauf abgeleitet wird. Da sich der Blick der TCM jedoch nicht wie der der westlichen Medizin auf anatomische und somatische Zusammenhänge richtet, sondern auf die Beziehungen innerhalb eines Systems, auf das Funktionieren des Zusammenhangs, als Ganzes und in seinen Teilen, auf die Dynamik des Lebendigen (die diversen Körperenergien), auf das geistig-psychisch-körperliche Zusammenspiel, und da all dies - Beziehungen, Funktionen, Dynamik, der Fluss der Energie, der Fluss der Information, die Geist-Körper-Interaktion - in einer uns fremd und unzugänglich erscheinenden Terminologie beschrieben wird, wird sie nicht ernst genommen oder als Proto-Wissenschaft abgetan.

Qigong teilt die theoretischen Grundlagen der TCM, und erweitert diese sogar, was das Zusammenspiel von Geist, Psyche und Körper betrifft. Dabei bleibt Qigong ebenfalls vollkommen rational, ist fern jeder Esoterik, auch wenn manche durch das Üben von Qigong ausgelösten Erfahrungen durchaus den Bereich wissenschaftlicher Beschreibung überschreiten und Dimensionen berühren können, die man gemeinhin als geistig, spirituell oder numinos bezeichnet.

Mehr dazu ein anderes Mal. Ich möchte heute, als Brücke zu dieser anderen Weltsicht und Wissenschaft der Chinesen, einen Link zu einem kurzen Vortrag (auf Englisch) auf den Blog stellen, den Dr. Herbert Benson, einer der Pioniere der Mind-Body-Medizin im Westen vor Jahren anlässlich der Publikation eines seiner Bücher im Harvard Bookstore gehalten hat. Als Brücke zu diesem Denken unter anderem auch deshalb, weil unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng vom Qigong College for Advanced Studies in Beijing sich von Anfang an sehr interessiert an der Arbeit von Dr. Benson gezeigt, den Austausch mit ihm gesucht und bestimmte wichtige Parallelen zu Qigong erkannt hatte.

Dr. Benson wurde bekannt durch seine Entdeckung des Entspannungsreflexes, der durch stete Wiederholung eines beliebigen Reizes ausgelöst wird, eine damals in den 1960er-Jahren umstrittene und inzwischen vollkommen akzeptierte Entdeckung. In seinem kurzen Vortrag spricht Dr. Benson über diese Entdeckung und seine Folgearbeit, in der er zeigen konnte, dass sich der Entspannungsreflex bis auf die Ebene der Aktivität der Gene auswirkt (nicht auf die Gene selbst, sondern ihre Aktivität) und damit Stress, Entzündungen und vorzeitigem Zelltod entgegenwirken kann. Und er spricht in seinem Vortrag als Mediziner und Wissenschaftler aus, dass die kartesianische Spaltung in Körper und Geist keine Gültigkeit mehr hat, eine Spaltung, die im chinesischen Denken und damit auch in TCM und Qigong nie existiert hat.

Hier ist der Vortrag, dass es Bezüge zu Qigong oder Taiji gibt, ist offensichtlich, wie weit diese Bezüge gehen, darüber ist es wert, nachzudenken..

Der Vortrag ist wie gesagt auf Englisch, ihn noch zusätzlich zu übersetzen, ginge über meine Kräfte.


Monday, March 8, 2021

Regulation und die Große Harmonie

Die Zeit vergeht, schon die zehnte Woche dieses Jahres. Immer noch Pandemie. 

Und der Blog wächst und wächst... Eine Fülle an Inhalten theoretischer und praktischer Art, die manchen auch als Überfülle erscheinen mag. Ich hoffe, niemand lässt sich davon verwirren, ist die Überfülle doch nur eine scheinbare. Tatsächlich wird all die Vielfalt von einigen wenigen Grundgedanken und Grundprinzipien durchzogen. Alle Inhalte sind miteinander verbunden. Und alle sind auch als notwendige Hilfe für diese schwierigen Zeiten gedacht.

Einen dieser Grundgedanken - die Regulation - erwähne ich ja immer wieder, bin aber noch nie wirklich darauf eingegangen. Heute möchte ich das nachholen, zumindest ein bisschen.

Regulation mag sehr technisch und nüchtern klingen, doch darf man sich davon nicht abschrecken lassen, handelt es sich doch um einen der wichtigsten Begriffe, Qigong und chinesische Medizin betreffend. Auch aus der chinesischen Philosophie ist die Regulation nicht wegzudenken. 

In Qigong und chinesischer Medizin sind mit Regulation einerseits das harmonische Funktionieren des Qi gemeint - Ausdruck nicht nur der Gesundheit, sondern der ganzen Lebendigkeit des Menschen - und andererseits die Verfahren, dieses harmonische Funktionieren herbeizuführen (tiaohe 調和 - harmonisch regulieren).

Doch um den Begriff wirklich zu verstehen, muss man weiter ausholen. Regulation liegt nicht nur der Theorie und Praxis von chinesischer Medizin und Qigong zugrunde, sie ist ganz allgemein ein Grundcharakteristikum des Universums. 

Das Universum ist in seinem Innersten harmonisch. „Die Große Harmonie wird der Weg genannt“, heißt es. Trotz aller Spannungen und allen Widerstreits an der Oberfläche sind die das Universum ausmachenden Prozesse in der Tiefe harmonisch reguliert. Diese Regulation ist lebensspendend und lebensfördernd, sie ist kontinuierlich, also nicht ausschließend, und sie wirkt auf allen Ebenen des Seins, im Kleinen (in der menschlichen Existenz, im menschlichen Leben) wie im Großen, in Dimensionen, die den Menschen weit übersteigen und ihn trotzdem umfassen.

Um diesen Gedanken eine gewichtige chinesische Stimme zu leihen, übersetze ich hier einen längeren  Ausschnitt aus einer Schrift des Philosophen Zhang Zai 张载 (1020-1077) mit dem Titel Zheng Meng 正蒙 - „Korrektur jugendlicher Torheit“:

"Die Große Harmonie wird Dao 道, der Weg, genannt. Sie umfasst die Natur, die allen gegenläufigen Prozessen des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe zugrunde liegt. Sie ist der Ursprung der Prozesse des Verschmelzens und Vermischens, des Überwindens und Überwundenwerdens, der Ausdehnung und des Zusammenziehens. Zu Beginn sind all diese Prozesse fein, subtil, obskur, leicht und einfach, am Ende sind sie ausgedehnt, groß, stark und fest. Es ist Qian 乾 (das Schöpferische, der Himmel), das mit dem Wissen um den Wandel beginnt, und Kun 坤 (das Empfangende, die Erde), das sich nach der Einfachheit richtet. 

Was zerstreut ist, differenziert und fähig, Form anzunehmen, wird zu Qi 氣, was rein ist, durchdringend und keine Form annehmen kann, wird zu Geist. Befände sich das Universum nicht in einem Prozess des Verschmelzens und Vermischens, gleich sich in alle Richtungen bewegenden fliehenden Kräften, könnte es nicht die Große Harmonie genannt werden. Wenn die, die über den Weg (das Dao) sprechen, dies verstehen, dann verstehen sie wirklich den Weg, und wenn die, die die Wandlungen (das Buch der Wandlungen - Yijing 易经) studieren, um dies wissen, dann wissen sie wirklich um den Wandel. Sonst wäre ihre Weisheit keines Ruhmes wert, selbst wenn sie die bewunderungswürdigen Talente des Herzogs von Zhou besäßen...

Wenn es sich auflöst, kehrt Qi als Wesen einfach zu seiner ursprünglichen Substanz zurück, und wird formlos. Wenn es sich einbindet, einordnet und Form annimmt, verliert es nicht das beständige Prinzip (des Wandels).

Die Große Leere enthält notwendigerweise Qi. Qi ordnet und integriert sich notwendigerweise und wird zu den Myriaden Wesen und Dingen. Die Wesen und Dinge lösen sich notwendigerweise auf und kehren zurück zur Großen Leere. Erscheinen und Vergehen folgen diesem Zyklus aus Notwendigkeit. Wenn der Weise in der Mitte dieses universellen Geschehens den Weg in seiner Fülle verwirklicht und sich mit den Prozessen des Entstehens und Vergehens ohne Voreingenommenheit identifiziert, dann bewahrt er seinen Geist in höchstem Maße. ...

Versteht man, dass die Leere nichts als Qi ist, dann sind Sein und Nichtsein, das Verborgene und das Manifeste, Geist und ewiger Wandel, menschliche Natur und Schicksal alle eins und nicht zwei. Wer Integration und Auflösung, Erscheinen und Verschwinden, Form und Abwesenheit von Form begreift und sie zu ihrer Quelle zurückzuführen vermag, durchdringt das Geheimnis des Wandels. …“

Dies ist der große Zusammenhang, innerhalb dessen sich das traditionelle chinesische Denken bewegt, ein Zusammenhang, bei dem es immer um die Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums geht.

Der Sinologe Jan Maria de Groot (1854-1921) hatte den Begriff Universismus geprägt, um ebendiese Beziehungen - zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums - zu charakterisieren, wie sie in den drei großen geistigen Lehrsystemen Chinas - Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus - zum Ausdruck kommen. 

Kurz gesagt bedeutet chinesischer Universismus, dass das Universum nicht von einem Schöpfer geschaffen wurde, sondern von selbst entstanden ist; dass das Universum ein schöpferisches Ganzes und geordnet ist; und dass seine Ordnung alle Ebenen durchzieht. Die Ordnung des Universums ist auf allen Ebenen des Seins präsent, die Ordnung des Makrokosmos findet also ihre Entsprechung in der menschlichen Gemeinschaft wie auch im Mikrokosmos des einzelnen Menschen und seines Körpers. 

Darum habe ich oben gemeint, man darf die Regulation nicht nur auf den Kontext des Menschen und sein Qi beschränken. Man muss in allen Dimensionen denken, im Großen wie im Kleinen, ist doch das Universum selbst ein im tiefsten Grund harmonisch reguliertes (tiaohe 調和) großes Ganzes, aus sich selbst entstanden, selbstordnend, selbstorganisierend, ein harmonisches Ganzes, dessen Ordnung auch dem Menschen, seinem Leben und seiner Lebendigkeit zugrunde liegt. 

Die Aufgabe der Philosophie ist, die Ordnung dieses Ganzen zu ergründen, die Ordnung des Dao 道, des Weges, und des De 德, der Kraft oder der Tugend, d.h. dem Aspekt des Dao, der durch das Einzelwesen verkörpert werden kann. Bei allen Unterschieden der diversen Schulen und Lehrsysteme der chinesischen Philosophie, noch dazu über den enormen Zeitraum von über zweitausend Jahren, die Sicht des Kosmos als selbstentstandene schöpferische Ordnung und das Streben, das Dao zu ergründen, wird von allen geteilt.

Wir hingegen verorten uns nicht in diesen Zusammenhängen, wir leben in einer anderen Welt und denken in anderen Bahnen. Fachgebiete wie die Medizin oder Methoden wie Gymnastik, Atem- und Entspannungsübungen würden wir nicht der Philosophie zurechnen, anders als in China, wo sich die traditionelle Philosophie direkt auf das Denken über den Körper und das geordnete Funktionieren des Lebens übertrug. 

In diesem Sinne konnte Deng Tietao 鄧鐵濤, der Arzt, durch dessen TCM-Behandlungsprotokolle 2003 die SARS-Epidemie zuerst in Guangzhou und später in ganz China beendet werden konnte, dies in einem Interview für das chinesische Fernsehen sagen: „Die westliche Medizin ist eine Medizin der Naturwissenschaft, die chinesische Medizin ist eine Medizin der Philosophen und Gelehrten. Die westliche Medizin versucht, Krankheitsursachen zu identifizieren und zu beseitigen, die chinesische Medizin geht von den konkreten Symptomen aus und versucht sie im Gesamtmuster zu verstehen, woraus sich die korrekte Behandlung ergibt.“ 

Ein pathologisches Syndrom vor dem Hintergrund der lebendigen, sich geordnet wandelnden Muster des Lebens (worum es sich handelt, wenn man von Qi spricht) zu verstehen und durch das korrekte Verständnis zur korrekten Behandlung zu finden, das ist der „philosophische“ Ansatz (und zugleich auch „künstlerische“) Ansatz der chinesischen Medizin. Manchmal funktioniert dieser Ansatz sehr gut, manchmal weniger gut, manchmal auch gar nicht. Ich will hier nicht werten oder gar die chinesische Medizin in den Himmel heben,  sondern nur auf einen grundsätzlichen Unterschied zu unseren Auffassungen über Gesundheit und Krankheit hinweisen, einen Unterschied, den zu verstehen wichtig ist, wenn man sich mit der chinesischen Medizin oder mit Qigong beschäftigt. 

Ein holistisches Denken in Mustern, in Beziehungen, in der internen Bewegung des Lebendigen ist jedenfalls etwas sehr Wesentliches, und uns sehr Fremdes, und es fehlt uns. Es können sich diesem Denken Zusammenhänge erschließen, die dem reduktionistischen und analytischen Blick entgehen. Bei SARS war dieser „philosophische“ Ansatz (der nicht minder konkret und pragmatisch ist wie der schulmedizinische) in China erfolgreicher als die naturwissenschaftlich-medizinische Intervention, noch erfolgreicher war er letztes Jahr  in der Covid-19-Pandemie, auch wenn diese Tatsache weder im ersten noch im zweiten Fall bei uns zur Kenntnis genommen wurde und wird (was mangelndem Wissen über die Grundprinzipien der chinesischen Medizin und ihre Denk-Hintergründe und wohl auch Voreingenommenheit und intellektueller Faulheit geschuldet ist).

Yi qi zhen dao 以气臻道 - „Mittels des Qi den Weg erlangen“, dies ist ein Ausdruck, mittels dessen mein/unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng 林中鵬 das Wesen des Qigong zu beschreiben sucht. "Mittels des Qi den Weg erlangen" heißt, die allgemeinen Prinzipien und natürlichen Gesetzmäßigkeiten, die dem Qi, seiner Entfaltung und Bewegung zugrundeliegen, in der konkreten Qigongpraxis zu verkörpern und damit zu realisieren.

Mit Weg (Dao) ist der große Zusammenhang des Qi in allen Ebenen der Existenz gemeint (wie sie z.B. Zhang Zai in obiger Schrift  schildert), “konkrete Praxis" zielt auf die Verwirklichung dessen im eigenen Leben, im eigenen Körper, in der eigenen Gesundheit. Dao (der Weg, der Sinn, das zugrundeliegende Prinzip) und Qi (die Methode, die Übung, der Bewegungsablauf, die sich während des Übens bewegende Energie) stellen quasi die zwei Flügel der Qigong-Praxis dar, mit nur einem kann man nicht fliegen.

Die leichten und unbeschwerten Übungen, die Heilenden Laute, die wir letztes Frühjahr behandelt haben, die Entspannungsübungen, die einfachen Taiji-Übungen, auch die weiteren Übungen, die ich noch posten werde, mit all diesen Übungen lernt man, die beiden Schwingen auszubreiten und auf einer eigenen individuellen  Bahn  zu fliegen. Es handelt sich nicht um viele verschiedene Übungen, im Prinzip sind sie alle eins. Sie gründen auf denselben Prinzipien und sind in ihrer Einfachheit so konzipiert, dass sich im ruhigen und entspannten Tun die Regulation der „gegenläufigen Prozesse des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe“ einstellen und sich in der Folge das Dao als spontanes, natürliches, lebensgenerierendes schöpferisches Qi im ganzen Körper-Geist-Gefüge des Menschen verwirklichen kann.

Darum sind auch Entspannung und Stille so wesentlich. Die Stille liegt der Regulation zugrunde, sie ist der Zugang zu den dem Leben eignenden Möglichkeiten von Harmonie und Gesundheit. Qigong fördert die Fähigkeit des Organismus, die Selbstregulation wiederzufinden, die sich aus der Verbindung mit den Mustern und Kräften des universellen Lebens nährt. Führt man das Leben wieder zurück an diesen Ursprung (das schöpferische Qi), dann kann es sich entfalten, Gesundheit und Harmonie als Ausdruck dieser Beziehung stellen sich von selbst ein.

In der alten Philosophie wird das Universum auch als ziran 自然 bezeichnet: „Das, was aus sich selbst so ist“. Dao fa ziran 道法自然 "Der Weg richtet sich nach dem, was aus sich selbst so ist", heißt es bei Laozi. Im modernen Chinesisch bezeichnet der Begriff ziran die Natur. In Qigong und chinesischer Medizin verweist ziran auf die Möglichkeiten der Selbstorganisation, Heilung und Regeneration, die sich dann einstellen, wenn sich die natürlichen Qi-Prozesse ungehindert im menschlichen Organismus entfalten können, wenn die Regulation zur freien Entfaltung dessen führt, was von selbst so ist, von selbst so sein kann und von selbst so sein möchte.

Dieses Prinzip ist beim Üben von Qigong äußerst wichtig und wesentlich, es stellt einen der Fäden dar, der die vielen scheinbar unterschiedlichen theoretischen Inhalte und praktischen Übungen (auch auf diesem Blog) durchzieht. Erkennt und versteht man diesen, dann wird man sich nicht in Fülle und Vielfalt verlieren und die Wildgans kann zu den Gipfeln und Wolkenhöhen emporziehen", um es in der Sprache von Hexagramm 53 des Yijing auszudrücken.  Erkennt man den Faden nicht, bleibt die Wildgans am Boden oder verliert ihren Weg. 

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...