Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Monday, March 8, 2021

Regulation und die Große Harmonie

Die Zeit vergeht, schon die zehnte Woche dieses Jahres. Immer noch Pandemie. 

Und der Blog wächst und wächst... Eine Fülle an Inhalten theoretischer und praktischer Art, die manchen auch als Überfülle erscheinen mag. Ich hoffe, niemand lässt sich davon verwirren, ist die Überfülle doch nur eine scheinbare. Tatsächlich wird all die Vielfalt von einigen wenigen Grundgedanken und Grundprinzipien durchzogen. Alle Inhalte sind miteinander verbunden. Und alle sind auch als notwendige Hilfe für diese schwierigen Zeiten gedacht.

Einen dieser Grundgedanken - die Regulation - erwähne ich ja immer wieder, bin aber noch nie wirklich darauf eingegangen. Heute möchte ich das nachholen, zumindest ein bisschen.

Regulation mag sehr technisch und nüchtern klingen, doch darf man sich davon nicht abschrecken lassen, handelt es sich doch um einen der wichtigsten Begriffe, Qigong und chinesische Medizin betreffend. Auch aus der chinesischen Philosophie ist die Regulation nicht wegzudenken. 

In Qigong und chinesischer Medizin sind mit Regulation einerseits das harmonische Funktionieren des Qi gemeint - Ausdruck nicht nur der Gesundheit, sondern der ganzen Lebendigkeit des Menschen - und andererseits die Verfahren, dieses harmonische Funktionieren herbeizuführen (tiaohe 調和 - harmonisch regulieren).

Doch um den Begriff wirklich zu verstehen, muss man weiter ausholen. Regulation liegt nicht nur der Theorie und Praxis von chinesischer Medizin und Qigong zugrunde, sie ist ganz allgemein ein Grundcharakteristikum des Universums. 

Das Universum ist in seinem Innersten harmonisch. „Die Große Harmonie wird der Weg genannt“, heißt es. Trotz aller Spannungen und allen Widerstreits an der Oberfläche sind die das Universum ausmachenden Prozesse in der Tiefe harmonisch reguliert. Diese Regulation ist lebensspendend und lebensfördernd, sie ist kontinuierlich, also nicht ausschließend, und sie wirkt auf allen Ebenen des Seins, im Kleinen (in der menschlichen Existenz, im menschlichen Leben) wie im Großen, in Dimensionen, die den Menschen weit übersteigen und ihn trotzdem umfassen.

Um diesen Gedanken eine gewichtige chinesische Stimme zu leihen, übersetze ich hier einen längeren  Ausschnitt aus einer Schrift des Philosophen Zhang Zai 张载 (1020-1077) mit dem Titel Zheng Meng 正蒙 - „Korrektur jugendlicher Torheit“:

"Die Große Harmonie wird Dao 道, der Weg, genannt. Sie umfasst die Natur, die allen gegenläufigen Prozessen des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe zugrunde liegt. Sie ist der Ursprung der Prozesse des Verschmelzens und Vermischens, des Überwindens und Überwundenwerdens, der Ausdehnung und des Zusammenziehens. Zu Beginn sind all diese Prozesse fein, subtil, obskur, leicht und einfach, am Ende sind sie ausgedehnt, groß, stark und fest. Es ist Qian 乾 (das Schöpferische, der Himmel), das mit dem Wissen um den Wandel beginnt, und Kun 坤 (das Empfangende, die Erde), das sich nach der Einfachheit richtet. 

Was zerstreut ist, differenziert und fähig, Form anzunehmen, wird zu Qi 氣, was rein ist, durchdringend und keine Form annehmen kann, wird zu Geist. Befände sich das Universum nicht in einem Prozess des Verschmelzens und Vermischens, gleich sich in alle Richtungen bewegenden fliehenden Kräften, könnte es nicht die Große Harmonie genannt werden. Wenn die, die über den Weg (das Dao) sprechen, dies verstehen, dann verstehen sie wirklich den Weg, und wenn die, die die Wandlungen (das Buch der Wandlungen - Yijing 易经) studieren, um dies wissen, dann wissen sie wirklich um den Wandel. Sonst wäre ihre Weisheit keines Ruhmes wert, selbst wenn sie die bewunderungswürdigen Talente des Herzogs von Zhou besäßen...

Wenn es sich auflöst, kehrt Qi als Wesen einfach zu seiner ursprünglichen Substanz zurück, und wird formlos. Wenn es sich einbindet, einordnet und Form annimmt, verliert es nicht das beständige Prinzip (des Wandels).

Die Große Leere enthält notwendigerweise Qi. Qi ordnet und integriert sich notwendigerweise und wird zu den Myriaden Wesen und Dingen. Die Wesen und Dinge lösen sich notwendigerweise auf und kehren zurück zur Großen Leere. Erscheinen und Vergehen folgen diesem Zyklus aus Notwendigkeit. Wenn der Weise in der Mitte dieses universellen Geschehens den Weg in seiner Fülle verwirklicht und sich mit den Prozessen des Entstehens und Vergehens ohne Voreingenommenheit identifiziert, dann bewahrt er seinen Geist in höchstem Maße. ...

Versteht man, dass die Leere nichts als Qi ist, dann sind Sein und Nichtsein, das Verborgene und das Manifeste, Geist und ewiger Wandel, menschliche Natur und Schicksal alle eins und nicht zwei. Wer Integration und Auflösung, Erscheinen und Verschwinden, Form und Abwesenheit von Form begreift und sie zu ihrer Quelle zurückzuführen vermag, durchdringt das Geheimnis des Wandels. …“

Dies ist der große Zusammenhang, innerhalb dessen sich das traditionelle chinesische Denken bewegt, ein Zusammenhang, bei dem es immer um die Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums geht.

Der Sinologe Jan Maria de Groot (1854-1921) hatte den Begriff Universismus geprägt, um ebendiese Beziehungen - zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums - zu charakterisieren, wie sie in den drei großen geistigen Lehrsystemen Chinas - Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus - zum Ausdruck kommen. 

Kurz gesagt bedeutet chinesischer Universismus, dass das Universum nicht von einem Schöpfer geschaffen wurde, sondern von selbst entstanden ist; dass das Universum ein schöpferisches Ganzes und geordnet ist; und dass seine Ordnung alle Ebenen durchzieht. Die Ordnung des Universums ist auf allen Ebenen des Seins präsent, die Ordnung des Makrokosmos findet also ihre Entsprechung in der menschlichen Gemeinschaft wie auch im Mikrokosmos des einzelnen Menschen und seines Körpers. 

Darum habe ich oben gemeint, man darf die Regulation nicht nur auf den Kontext des Menschen und sein Qi beschränken. Man muss in allen Dimensionen denken, im Großen wie im Kleinen, ist doch das Universum selbst ein im tiefsten Grund harmonisch reguliertes (tiaohe 調和) großes Ganzes, aus sich selbst entstanden, selbstordnend, selbstorganisierend, ein harmonisches Ganzes, dessen Ordnung auch dem Menschen, seinem Leben und seiner Lebendigkeit zugrunde liegt. 

Die Aufgabe der Philosophie ist, die Ordnung dieses Ganzen zu ergründen, die Ordnung des Dao 道, des Weges, und des De 德, der Kraft oder der Tugend, d.h. dem Aspekt des Dao, der durch das Einzelwesen verkörpert werden kann. Bei allen Unterschieden der diversen Schulen und Lehrsysteme der chinesischen Philosophie, noch dazu über den enormen Zeitraum von über zweitausend Jahren, die Sicht des Kosmos als selbstentstandene schöpferische Ordnung und das Streben, das Dao zu ergründen, wird von allen geteilt.

Wir hingegen verorten uns nicht in diesen Zusammenhängen, wir leben in einer anderen Welt und denken in anderen Bahnen. Fachgebiete wie die Medizin oder Methoden wie Gymnastik, Atem- und Entspannungsübungen würden wir nicht der Philosophie zurechnen, anders als in China, wo sich die traditionelle Philosophie direkt auf das Denken über den Körper und das geordnete Funktionieren des Lebens übertrug. 

In diesem Sinne konnte Deng Tietao 鄧鐵濤, der Arzt, durch dessen TCM-Behandlungsprotokolle 2003 die SARS-Epidemie zuerst in Guangzhou und später in ganz China beendet werden konnte, dies in einem Interview für das chinesische Fernsehen sagen: „Die westliche Medizin ist eine Medizin der Naturwissenschaft, die chinesische Medizin ist eine Medizin der Philosophen und Gelehrten. Die westliche Medizin versucht, Krankheitsursachen zu identifizieren und zu beseitigen, die chinesische Medizin geht von den konkreten Symptomen aus und versucht sie im Gesamtmuster zu verstehen, woraus sich die korrekte Behandlung ergibt.“ 

Ein pathologisches Syndrom vor dem Hintergrund der lebendigen, sich geordnet wandelnden Muster des Lebens (worum es sich handelt, wenn man von Qi spricht) zu verstehen und durch das korrekte Verständnis zur korrekten Behandlung zu finden, das ist der „philosophische“ Ansatz (und zugleich auch „künstlerische“) Ansatz der chinesischen Medizin. Manchmal funktioniert dieser Ansatz sehr gut, manchmal weniger gut, manchmal auch gar nicht. Ich will hier nicht werten oder gar die chinesische Medizin in den Himmel heben,  sondern nur auf einen grundsätzlichen Unterschied zu unseren Auffassungen über Gesundheit und Krankheit hinweisen, einen Unterschied, den zu verstehen wichtig ist, wenn man sich mit der chinesischen Medizin oder mit Qigong beschäftigt. 

Ein holistisches Denken in Mustern, in Beziehungen, in der internen Bewegung des Lebendigen ist jedenfalls etwas sehr Wesentliches, und uns sehr Fremdes, und es fehlt uns. Es können sich diesem Denken Zusammenhänge erschließen, die dem reduktionistischen und analytischen Blick entgehen. Bei SARS war dieser „philosophische“ Ansatz (der nicht minder konkret und pragmatisch ist wie der schulmedizinische) in China erfolgreicher als die naturwissenschaftlich-medizinische Intervention, noch erfolgreicher war er letztes Jahr  in der Covid-19-Pandemie, auch wenn diese Tatsache weder im ersten noch im zweiten Fall bei uns zur Kenntnis genommen wurde und wird (was mangelndem Wissen über die Grundprinzipien der chinesischen Medizin und ihre Denk-Hintergründe und wohl auch Voreingenommenheit und intellektueller Faulheit geschuldet ist).

Yi qi zhen dao 以气臻道 - „Mittels des Qi den Weg erlangen“, dies ist ein Ausdruck, mittels dessen mein/unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng 林中鵬 das Wesen des Qigong zu beschreiben sucht. "Mittels des Qi den Weg erlangen" heißt, die allgemeinen Prinzipien und natürlichen Gesetzmäßigkeiten, die dem Qi, seiner Entfaltung und Bewegung zugrundeliegen, in der konkreten Qigongpraxis zu verkörpern und damit zu realisieren.

Mit Weg (Dao) ist der große Zusammenhang des Qi in allen Ebenen der Existenz gemeint (wie sie z.B. Zhang Zai in obiger Schrift  schildert), “konkrete Praxis" zielt auf die Verwirklichung dessen im eigenen Leben, im eigenen Körper, in der eigenen Gesundheit. Dao (der Weg, der Sinn, das zugrundeliegende Prinzip) und Qi (die Methode, die Übung, der Bewegungsablauf, die sich während des Übens bewegende Energie) stellen quasi die zwei Flügel der Qigong-Praxis dar, mit nur einem kann man nicht fliegen.

Die leichten und unbeschwerten Übungen, die Heilenden Laute, die wir letztes Frühjahr behandelt haben, die Entspannungsübungen, die einfachen Taiji-Übungen, auch die weiteren Übungen, die ich noch posten werde, mit all diesen Übungen lernt man, die beiden Schwingen auszubreiten und auf einer eigenen individuellen  Bahn  zu fliegen. Es handelt sich nicht um viele verschiedene Übungen, im Prinzip sind sie alle eins. Sie gründen auf denselben Prinzipien und sind in ihrer Einfachheit so konzipiert, dass sich im ruhigen und entspannten Tun die Regulation der „gegenläufigen Prozesse des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe“ einstellen und sich in der Folge das Dao als spontanes, natürliches, lebensgenerierendes schöpferisches Qi im ganzen Körper-Geist-Gefüge des Menschen verwirklichen kann.

Darum sind auch Entspannung und Stille so wesentlich. Die Stille liegt der Regulation zugrunde, sie ist der Zugang zu den dem Leben eignenden Möglichkeiten von Harmonie und Gesundheit. Qigong fördert die Fähigkeit des Organismus, die Selbstregulation wiederzufinden, die sich aus der Verbindung mit den Mustern und Kräften des universellen Lebens nährt. Führt man das Leben wieder zurück an diesen Ursprung (das schöpferische Qi), dann kann es sich entfalten, Gesundheit und Harmonie als Ausdruck dieser Beziehung stellen sich von selbst ein.

In der alten Philosophie wird das Universum auch als ziran 自然 bezeichnet: „Das, was aus sich selbst so ist“. Dao fa ziran 道法自然 "Der Weg richtet sich nach dem, was aus sich selbst so ist", heißt es bei Laozi. Im modernen Chinesisch bezeichnet der Begriff ziran die Natur. In Qigong und chinesischer Medizin verweist ziran auf die Möglichkeiten der Selbstorganisation, Heilung und Regeneration, die sich dann einstellen, wenn sich die natürlichen Qi-Prozesse ungehindert im menschlichen Organismus entfalten können, wenn die Regulation zur freien Entfaltung dessen führt, was von selbst so ist, von selbst so sein kann und von selbst so sein möchte.

Dieses Prinzip ist beim Üben von Qigong äußerst wichtig und wesentlich, es stellt einen der Fäden dar, der die vielen scheinbar unterschiedlichen theoretischen Inhalte und praktischen Übungen (auch auf diesem Blog) durchzieht. Erkennt und versteht man diesen, dann wird man sich nicht in Fülle und Vielfalt verlieren und die Wildgans kann zu den Gipfeln und Wolkenhöhen emporziehen", um es in der Sprache von Hexagramm 53 des Yijing auszudrücken.  Erkennt man den Faden nicht, bleibt die Wildgans am Boden oder verliert ihren Weg. 

Das Kleine geht hin, das Große kommt her - Ein Übungsvideo

Der Friede: Das Kleine geht hin, das Große kommt her. Heil! Gelingen! Auf diese Weise vereinigen sich Himmel und Erde, und alle Wesen kommen...