Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie
Showing posts with label Heilende Laute - Theorie. Show all posts
Showing posts with label Heilende Laute - Theorie. Show all posts

Monday, June 8, 2020

Ein kurzer Überblick zu verschiedenen Varianten der Sechs Heilenden Laute

Diejenigen von uns, die in der Vergangenheit mit den Übungen der Sechs Heilenden Laute in Berührung gekommen sind, kennen die Laute höchstwahrscheinlich in dieser Version (ich schreibe sie hier in deutscher Lautschrift hin und nicht in standardisierter Umschrift aus dem Chinesischen):

Leber:       hsü
Herz:         he-a
Milz:          hu
Lunge:       sss
Niere:        tschue-i
Sanjiao:     hsi

Dass es eine Reihe von Varianten bei der Aussprache der Laute gibt, ist bei uns hingegen nicht so bekannt. (Auf die unterschiedlichen Daoyin-Bewegungen brauche ich hier nicht einzugehen, da die Laute ursprünglich nur als Atmung ohne Bewegungen praktiziert wurden. Die Bewegungen kamen später hinzu und sind entsprechend divers.) 

Ich hatte es ja schon zu Anfang dieses Blogs erwähnt, dass wir die Laute in einer alten Aussprache üben, die dem Klangbild des Nanjing-Chinesisch von vor 1500 Jahren entspricht. Diese Variante ist Ergebnis der Arbeit am Forschungsinstitut für Qigong in Shanghai. Unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng ist mit den dortigen Spezialisten seit Jahrzehnten befreundet, er hat auch das Vorwort zu dem vom Forschungsinstitut verfassten Buch über die Heilenden Laute verfasst, und es war durch Prof. Lin und seinen Sohn Lin Hai, dass ich dann diese Übungen kennenlernte.

Die Version, die wir zur Zeit üben, ist folgende (mit Ausnahme der Niere, da habe ich tschue-i beibehalten):

Leber:     hsü
Herz:      he-a
Milz:       hu
Lunge:    he-i
Niere:     tsss
Sanjiao:  hsi

Es gibt darüberhinaus jedoch noch eine Reihe anderer Variationen:

Zur Zeit werden in China hauptsächlich die Heilenden Laute der Chinesischen Health Qigong Association propagiert, sozusagen die staatlich sanktionierte Form der Übungen. Im Unterschied zur traditionellen Übungsweise werden in der Version der Health Qigong Association die Laute nicht nur vorgestellt, sondern tonhaft ausgesprochen. Diese Version ist unter allen die jüngste, und ich erwähne sie hier nur quasi nebenbei. Die Laute sind folgende:

Leber:     hsü
Herz:      he-a
Milz:       hu
Lunge:    hsi
Niere:     tschue-i
Sanjiao:  hsi

In den letzten Jahrzehnten waren in China zwei Versionen am weitesten verbreitet: die von Ma Litang 马礼堂 und die von Nan Huaijin 南怀瑾. 

Die von Ma Litang unterrichteten Laute sind folgende:

Leber:     hsü
Herz:      ke-a
Milz:       hu
Lunge:    hsia
Niere:     tschue-i
Sanjiao:  hsi

Den Laut für die Lunge hatte Ma Litang von sss zu hsia verändert, weil er auch Grubenarbeiter aus Kohlebergwerken unterrichtete. Der Laut hsia, dynamisch eingesetzt, erwies sich für deren besonders vom Kohlenstaub belastete Lungen als am wirksamsten.

Bis auf den doch sehr veränderten Laut der Lunge entspricht die Ma Litang-Version der ganz zu Beginn erwähnten Standard-Version.

Nan Huaijin 南怀瑾 , ein wichtiger und einflußreicher traditioneller Lehrer, hatte einen Ansatz gleich dem des Shanghaier Qigong-Instituts. 

Die chinesische Sprache hat sich ja im Lauf der Jahrtausende in der Aussprache sehr verändert, das moderne Mandarin ist eine nordchinesische Sprache und entspricht ungefähr dem Peking-Dialekt. 

Die Heilenden Laute sind jedoch viel weiter im Süden entstanden, in der Gegend des heutigen Nanjing. In Süd-China werden ganz andere Sprachen gesprochen. Die Schrift ist dieselbe, die Sprachen selbst sind ganz anders. So wird das Shanghai-Chinesisch in Peking nicht verstanden, das gilt auch für Kantonesisch, Minnan-Chinesisch (das in Fujian und Taiwan gesprochen wird), die Sprache der Hakka usw. 

Die südchinesische Aussprache der Laute ist jedenfalls näher dran am ursprünglichen Klang. Dazu kommt noch, dass die südchinesischen Sprachen das Klangbild des alten Chinesisch zu einem gewissen Ausmaß bewahrt haben. Nan Huaijin meinte demgemäß: Übt die Laute nicht in der nordchinesischen Aussprache, verwendet die Aussprache der Hakka, des Kantonesischen oder des Minnan-Chinesischen. Seine Laute waren diese:

Leber:     hoi
Herz:      ho
Milz:       hu
Lunge:    si
Niere:     tschue-i
Sanjiao:  hi

Es gibt noch eine Reihe anderer Versionen, aber es ist nicht nötig, die jetzt alle aufzuzählen.

Im Praktischen sind für uns zwei Dinge wichtig:

Erstens: dass letztlich alle diese Varianten wirken. Vor allem in den 80er und 90er-Jahren wurde in China sehr ausführlich Qigong-Forschung betrieben, die therapeutische Wirksamkeit war eines der Forschungsthemen. Ma Litang, der als Arzt arbeitete, berichtete von sehr guten therapeutischen Ergebnissen, es gibt aber genügend Krankengeschichten, die die therapeutische Wirksamkeit auch bei den anderen Versionen der Heilenden Laute belegen.

Zweitens: auch wenn es nicht so wichtig ist, für welche der Lautvarianten man sich entscheidet, gibt es doch leichte Unterschiede, die beim Üben zum Tragen kommen. Wenn man die Ausatmung mit den älteren Lautvarianten übt, scheint es leichter zu sein, dies frei und entspannt zu tun. Bei der modernen Standardversion fällt einem dies in der Regel schwerer, man hat wegen der anderen Lautcharakteristik bald einmal das Gefühl, dass es bei der Ausatmung einen gewissen Widerstand gibt. Das spricht dann doch mehr dafür, die Übungen in unserer Variante oder in der von Nan Huaijin zu üben.

Monday, May 4, 2020

Tuna 吐納 - Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen

Hier noch weitere Informationen und Instruktionen, um die Übungen der Heilenden Laute korrekt und wirkungsvoll zu praktizieren.

Die Heilenden Laute gehören zu einer Art von Übungen, die auf Chinesisch Tuna 吐納 genannt werden. Tuna ist die Abkürzung für Tugu Naxin 吐故納新 – Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen, also Übungen zum Ausatmen und Ausstoßen der Aspekte des Qi, die alt sind, verbraucht, trüb, krank, und das Einatmen des unverbrauchten, lebendigen, gesunden Qi der Natur.

Die Geschichte dieser Methoden möchte ich hier nur kurz streifen, sie können jedenfalls, wie schon erwähnt, mehr als zwei Jahrtausende zurückverfolgt werden. Beim daoistischen Philosophen Zhuangzi 莊子 (4. Jh. v. Chr) finden sie Erwähnung, ebenso in den bei Mawangdui 馬王堆 ausgegrabenen medizinischen Texten (2. Jh. v. Chr.) , eine Passage im Laozi 老子 nimmt auf zwei der Laute Bezug, beim konfuzianischen Denker Wang Chong 王充 (27-100) werden sie ebenfalls angeführt. Und in den weiteren Jahrhunderten von der Jin-Zeit bis zu den Sechs Dynastien und der Tang-Dynastie wurden diese Übungen zu einem eigenständigen therapeutischen System weiterentwickelt.

- Teilweise in einem daoistischen Kontext: der schon mehrmals in anderen Postings angesprochene Tao Hongjing 陶弘景 und die Shangqing 上清 - Schule des Daoismus gehört dazu, aus dieser Tradition stammt auch der Klassiker des Gelben Hofes (Huangtingjing 黃庭經), auf den Hu Yin 胡愔, daoistische Priesterin und Ärztin, in ihrem eigenen Werk über das Tonisieren bzw. Reduzieren des Qi der Organe Bezug nimmt.

Einem Werk, das einen langen Titel trägt: Huangting Neijing Wuzang Liufu Buxie Tu 黃庭內景五臟六腑補瀉圖 (Karte des Stärkens und Reduzierens der Fünf Zang- und Sechs Fu-Organe gemäß der Schrift des Inneren Strahlens des Gelben Hofes). Hu Yin legt darin auf sehr nüchterne und klare Art therapeutische Prinzipien für die Übung der Heilenden Laute dar, Prinzipien, die auch heute noch befolgt werden. Und natürlich gehört auch der „König der Medizin“ erwähnt, der berühmte Daoist und Arzt Sun Simiao 孫思邈 (7. Jh.) mit seinem Werk Qianjin Fang 千金方 (Rezepte im Wert von Tausend Unzen Gold), in dem ebenfalls die Heilenden Laute behandelt werden.

- Teilweise in einem von vornherein medizinischen Kontext: dazu gehört das verlorengegangene Yangsheng Yaoji 養生要集 (Wesentliche Prinzipien zur Pflege des Lebens), dessen therapeutische Inhalte unter anderem von Chao Yuanfang 巢元方, Leibarzt des Kaisers und Direktor der Medizinischen Akademie des Hofes der Sui-Dynastie, im Jahre 610 in seinem monumentalen „Diskurs über Ursprünge und Symptome der Krankheiten“ übernommen wurden.

- Teilweise in einem buddhistischen Kontext: wie bei Zhi Dun 支盾 oder Zhi Daolin 支道林 (4. Jh.) und seinem Daolin Shesheng Lun 道林攝生論 (Diskussion über das Nähren des Lebens).

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt, ich will hier, wie gesagt, nicht detailliert auf die Geschichte der Übungen eingehen, sondern nur einen allgemeinen Eindruck vermitteln, dass wir es mit der Methode der Heilenden Laute mit einer schon vor 1500 Jahren weit verbreiteten Methode zu tun haben, die damals sowohl mündlich als auch schriftlich überliefert wurde.

In der Zeit von der Tang-Dynastie (7.-9.Jh) bis heute entstanden eine Vielzahl an weiteren Werken zu diesen Übungen, ich werde manche davon an anderer Stelle erwähnen.

Doch zurück zum Begriff Tuna „Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen“, um den es mir hier heute geht. Die Übungen der Heilenden Laute als Übungen zur Heilung und Stärkung der inneren Organe gehören zu dieser Kategorie von Qigong-Übungen, sie wirken genau durch dieses Prinzip.

Der Organismus stellt im chinesischen Verständnis ein komplexes Geflecht von Strukturen, Funktionen und Beziehungen dar, die mittels des Konzepts und der Theorie des Qi beschrieben werden. Die Übungen der Heilenden Laute machen nur vor diesem Hintergrund Sinn (auch wenn man tatsächlich beim Üben fast nichts über die Theorie wissen muss).

Beim Üben wird durch die Ausatmung Xieqi 邪气 (pathogenes Qi) aus den Organen und den entsprechenden Meridianen entfernt. Dies ist ein Prozess des Reduzierens oder Ausleitens – Xiefa 瀉法 auf Chinesisch. Man darf jedoch mit dem Reduzieren nicht übertreiben, während des Übens muss es mit der Methode des Stärkens oder Tonisierens - Bufa 補法 auf Chinesisch - ausgeglichen werden.

Das ist einer der Gründe, warum man die Laute nur denkt und nicht laut ausspricht. Sie laut auszusprechen wäre ein zu starker reduzierender Impuls. Dadurch würde man auf Dauer das Qi erschöpfen, was vermieden werden muss. Jedes Ausatmen braucht folglich den Ausgleich und die Ergänzung durch ein ruhiges und langes Einatmen.

Konkret: Man atmet ruhig und lange aus, während man sich einen der Laute vorstellt, und dann erfolgt eine ebenso ruhige und lange Einatmung. Nirgendwo in diesem Prozess des Aus- und Einatmens sollte man in Atemnot kommen oder physische Druckgefühle entwickeln. Wenn man das Gefühl hat, dass die Atmung nicht mehr gelöst und ruhig und einfach ist, dann ist es wichtig, innezuhalten und die Atmung zu regulieren (d.h. man lässt sie sich beruhigen und zu ihrem natürlichen Fluss zurückkehren), bevor man wieder weiter macht.

Dies ist einfach gesagt, doch braucht es Geduld und langes Üben, bis man dies auch nur so halbwegs zu verkörpern imstande ist. Doch tut man dies nicht, wird man bei den Übungen keine wirklichen Fortschritte machen können und die therapeutischen Wirkungen werden sehr an der Oberfläche bleiben.

Man kann es an den chinesischen Zeichen ablesen. Jedes chinesische Schriftzeichen enthält ein sogenanntes Radikal, ein Wurzelzeichen (unter dem es auch im Wörterbuch auffindbar ist – es gibt insgesamt 214 Radikale). Das Zeichen Tu 吐 (ausatmen) und auch die Heilenden Laute selbst schreiben sich alle mit demselben Radikal kou 口 (Mund). Am Zeichen erkennt man also, dass durch den Mund ausgeatmet wird.

Das Zeichen Na 納 (aufnehmen) hingegen schreibt sich mit dem Radikal si 糹, welches Seide bedeutet. Dieses Zeichen Seide ist von alters her vor allem im Daoismus mit der Vorstellung der Atmung assoziiert, einer Atmung fein und lang wie ein Seidenfaden.

Im 6. Kapitel des Laozi heißt es:

Xuanpin zhi men shi wei tiandi gen 玄牝之門是謂天地根 „Das Tor des dunklen Tierweibchens ist die Wurzel von Himmel und Erde.“ In einem der ältesten Kommentare zum Laozi merkt Heshang Gong 河上公, der Alte vom Flussufer, dazu an: „Wurzel heißt Ursprung. Durch das Tor von Nase und Mund kommt und geht der mit Himmel und Erde verbundene Atem des Ursprungs.“

Mian mian ruo cun 綿綿若存 „Seidenfaden um Seidenfaden, wie anwesend“, heißt es weiter bei Laozi. Heshang Gong vermerkt hierzu: “Der durch Nase und Mund fließende Atem soll fein sein wie Seide, so wie anwesend und doch nicht anwesend. Also so fein, dass man nicht erkennen kann, ist da ein Faden oder nicht.“

Yongzhi buqin 用之不勤 „Verwendet es ohne Mühe”, so schliesst Laozi das Kapitel. Und Heshang Gong spricht es klar aus: “Auf freie und gelöste Art und Weise soll der Atem verwendet werden, nicht hastig und bemüht.”

Ich habe anderntags gemeint, dass wir mit den Heilenden Lauten noch ganz am Anfang sind. Wir kennen jetzt die Bewegungen und die Laute, aber sie zu kennen, heißt ja nur, dass man endlich zu praktizieren beginnen kann. Auf lockere, etwas schlampige, entspannte Art und Weise. Das ist vorerst einmal das Wichtigste.

Doch gibt es mit der Zeit noch vieles Notwendige zu ergänzen. Dies werde ich in der nächsten Zeit tun. Ergänzen in Bezug auf die Bewegungen, die Laute, die Mundpositionen, die Reihenfolge der Laute, mögliche Abwandlungen der Übungen und die Atmung selbst.

Was ich oben gesagt habe, klingt simpel, ist aber eines der wichtigsten und wesentlichsten Dinge:

Während des Übens sollte sich die Atmung möglichst frei anfühlen. Wenn man das Gefühl hat, dass es in der Brust oder beim Zwerchfell drückt, oder wenn man sich bemühen muss, die Atmung hinzukriegen, oder man nur ein paarmal ruhig atmen kann und dann plötzlich kommt ein starker Einatem-Reflex, dann atmet man noch nicht richtig. All dies zeigt, dass man noch zu sehr unter Spannung steht und zu sehr im absichtlichen Tun ist. Doch die nötige Resonanz in den Organen und den zugehörigen Meridianen stellt sich erst dann ein, wenn der Körper gelöst ist, die Atmung frei und ohne Mühe erfolgt und wenn man sich in einem Zustand der inneren Ruhe und Stille befindet.

Um all dies allmählich zu erreichen, ist es in erster Linie wichtig, immer wieder Pausen zu machen, Pausen, die dazu dienen, dass sich der Atem beruhigen kann, man bewusst dort loslassen kann, wo durch das Üben Spannungen entstanden sind, und man die nötige Ruhe nicht verliert.

Man kann sich mit allem Zeit lassen. Je ruhiger und entspannter man ist und je selbstverständlicher und freier die Atmung sich anfühlt (und daran bemisst man es: am eigenen Gefühl, an der eigenen Wahrnehmung), desto mehr werden sich die Wirkungen der Übungen auf die Organe und damit auf das Qi des ganzen Organismus einstellen.


Wednesday, April 29, 2020

Heilende Laute - Übung für die Niere

In der Traditionellen Chinesischen Medizin hat die Niere als Organ (Shen Zang 肾脏) eine einzigartige Stellung, da sie sowohl die Yin 阴-Basis der substanziellen Existenz darstellt als auch die grundlegende Yang 阳-Antriebskraft der aktiven Existenz, d.h. aller Lebensaktivitäten.

Die wichtigste Yin-Funktion des Nieren-Qi ist, dass es das Jing 精, d.h. das Essenz-Qi, enthält bzw. speichert, das der Mensch im Moment der Zeugung erwirbt und das ausschlaggebend ist für sein Entwicklungspotenzial auf allen Ebenen. Dieses Essenz-Qi ist ein Erbe der Vorfahren; es entfaltet sich langsam während des ganzen Lebens, besonders deutlich aber bei entscheidenden Lebensereignissen wie Geburt, Pubertät oder bei Beginn und Ende des weiblichen Menstruationszyklus‘ (in der chinesischen Medizin werden diese als „Tore“ verstanden, die man zu bestimmten Zeiten des Lebens durchschreitet).  Das Jing determiniert die Fähigkeit eines Menschen, physische oder psychische Traumata zu verarbeiten und auch die Art und Weise, wie man altert und bei schwindenden Ressourcen würdevoll den Alterungsprozess bis hin zum Tod durchlebt. Es zeigt sich sowohl in der Yin-Substanz als auch in der Yang-Funktion: im physischen Körper als Stärke der Knochen, als Funktionieren von Gehirn und Nervensystem, als Schärfe des Gehörs und als Fähigkeit zur Fortpflanzung. Mental und physisch ist es die Antriebskraft, der Funke, um Ideen und körperliche Bewegung in Gang zu setzen, um zu arbeiten, Kinder zu zeugen, künstlerisch tätig zu werden usw.

Wie ich bereits im Text über die Methode für das Milz-Qi erwähnt habe, ist die Milz die Grundlage der erworbenen Gesundheit, die Milz verarbeitet die Nahrung, die für das tägliche Überleben notwendig ist, das Yang-Qi der Milz transformiert die Nahrung in verschiedene Aspekte der täglich benötigten Qi-Energie. Es ist jedoch das zugrunde liegende, essenzielle Yang-Qi der Nieren, das das Qi der Milz (und aller anderen Organe) „zündet“ und sie dazu motiviert, ihre Funktion auszuüben. Aus diesem Grund wird das Yang der Niere auch als Xiang Huo 相火, als „Minister-Feuer“ bezeichnet – es stellt das Feuer dar, das es braucht, um während der gesamten Lebenszeit alle Funktionen am Laufen zu halten und die verschiedenen Qi-Funktionen zu motivieren, die in der Zeit zwischen zwei Herzschlägen, zwischen dem Ein- und Ausatmen, geschehen. Es ist nicht nur die Antriebskraft für diese Funktionen, sondern es ermöglicht auch, dass Dinge zur Reife kommen, dass sich Zyklen von Aktivitäten vollenden und dann wieder neu beginnen können, immer und immer wieder. 

Die Qualität und die Quantität des Jing sind endlich, vorbestimmt zum Zeitpunkt der Zeugung, und es ist nicht ersetzbar. Der Fokus aller traditionellen chinesischen Gesundheitspraktiken, wie Medizin, Qigong, Kampfkünste und sogar der Religion, ist es, das Essenz-Qi zu bewahren und es nicht zu vergeuden. Das Ziel ist ein reicher Vorrat an Jing für den Fall, dass es notwendig wird, auf alle Ressourcen zurückzugreifen, um extreme* Situationen oder Krankheiten zu überstehen. Das Jing wird im Laufe des Lebens langsam und von selbst verbraucht; es durch extreme Verhaltensweisen oder Gewohnheiten zu verschwenden, bedeutet, die Lebenszeit und/oder -qualität zu beeinträchtigen.

Obwohl das Jing nicht reproduzier- oder ersetzbar ist, kann man es mit einem großzügigen Vorrat an Qi stärken und absichern; Qi, das man sich durch Atmung, Ernährung, Übungen, Schlaf und - am wichtigsten – durch eine Beruhigung der überaktiven Geistestätigkeit erwirbt. So sorgen normale, tägliche Gewohnheiten einerseits für gesunde Organe, feste Muskulatur und eine gute Energieversorgung; sie sind andererseits aber auch dafür verantwortlich, ob oder ob nicht das vorhandene Reservoir an Essenz-Qi angezapft werden muss. 

Die Methoden der Heilenden Laute sorgen in jeder Lebensphase für ein besseres Gleichgewicht. Der spezielle Schwerpunkt der Methode für das Nieren-Qi ist das Zusammenziehen der Qi-Kraft an dem Ort, wo es gebraucht wird: im Bereich des Dantian 丹田 und der Nieren, wo das Jing gespeichert wird, und im unteren Rücken, wo sich das Mingmen 命门, das „Lebenstor“ öffnet und den Yang-Qi-Fluss der Nieren in den tiefsten Schichten des Körpers stimuliert. Es hilft dabei, „überschüssiges Feuer“ von oben (von Herz und Geist) nach unten zu bringen und „überschüssige Kälte“ (aufgrund eines schwachen Yang-Qi der Milz oder eines generellen Erschöpfungszustandes) unten aufzuwärmen.

Ein Hinweis zum Abschluss: Um all das zu erreichen, ist es notwendig, die Methoden der Heilenden Laute für das Qi regelmäßig zu üben, auf entspannte Art und Weise, in positiver Stimmung, mit ruhigem Geist und sanfter, feiner Atmung. Und die Methode für das Nieren-Qi sollte ganz besonders entspannt geübt werden. Es ist wichtig, das Qi nicht zu erschöpfen, während man versucht, es aufzubauen. Dies bedeutet auf natürliche Weise, ohne geistige oder körperliche Anspannung, zu üben, bei der sinkenden Bewegung (wenn man in die Knie geht) und auch nicht bei Dauer und Häufigkeit der Ausführung der Übung die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten. Das bringt Freude am Üben und den größten Nutzen!

* "Extrem" ist in der TCM alles, was die Gesundheit aus dem Gleichgewicht bringen kann: äußere Umstände oder Krankheitserreger, innerer Druck oder Begierden, unangemessene oder übermäßige Nahrungsaufnahme, Sport, Arbeit oder sexuelles Verhalten. Es betrifft außerdem auch alles, das zu plötzlich, zu stark oder zu lang anhaltend auftritt (wie Wetter, Viren, erzwungener Isolation usw.).

Tuesday, April 28, 2020

Weiteres zu den Sechs Heilenden Lauten

Zu den Sechs Heilenden Lauten gibt es noch sehr viel zu sagen. Wie ich schon in einem der früheren Beitrag erwähnt habe, ist es eine sehr alte Tradition. Im 6. Jahrhundert beim daoistischen Meister Tao Hongjing 陶弘景 wurde diese Tradition schriftlich formuliert, darüber hinaus sind diese Übungen auch noch in einer Reihe anderer alter Werke verzeichnet, unter anderem im Zhubing Yuanhoulun 諸病原候論 (Diskussion von Ursprung und Symptomen der Krankheiten) von Chao Yuanfang 巢元方, Hofarzt des Kaisers der Sui-Dynastie (581-618) und Vorstand der Medizinischen Akademie am Kaiserhof.

Prof. Lin Zhongpeng 林中鵬 in seinem systematischen Qigong-Unterricht im College for Advanced Qigong Studies in Beijing hat sich viel auf dieses Werks bezogen und mich immer wieder auf dessen Wichtigkeit aufmerksam gemacht, da es nicht nur die Ätiologie und Symptomatik der damals bekannten Krankheiten zum Inhalt hat, sondern auch einen Leitfaden zur Therapie darstellt, einer Therapie, die wie nie vorher und nachher im imperialen China ausschließlich mittels Qigong-Methoden erfolgte.

- Kurze Nebenbemerkung: Das College for Advanced Qigong Studies war für fast 20 Jahre die entscheidende und auch die einzige unabhängige (d.h. soweit in China möglich außerhalb des Einflusses der kommunistischen Partei stehende) Institution zur Ausbildung von Qigong-Spezialisten. Es wurde 1989 geschlossen, im Jahr, in dem Qigong in China aufgrund politischer Gründe de facto verboten wurde. -

Nicht nur im Zhubing Yuanhoulun des frühen 7. Jahrhunderts findet man die Sechs Laute, Methoden zur Elimination von Krankheiten mittels Lauten findet man sieben Jahrhunderte früher auch bei Zhuangzi 莊子 erwähnt, es finden sich zwei der Laute im Daodejing 道德經 des Laozi 老子 (spätestens 4. Jahrhundert v. Chr.) wie auch in zweien der alten Kommentare zum Buch des Laozi (dem des Heshanggong 河上公, des Alten vom Fluss und dem Xiang’Er 想爾), im Yinshu 引書 (dem Buch des Streckens), einem Manuskript aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert, werden therapeutische Laute erwähnt, und auch im Quegu shiqi 卻穀食氣 (Enthaltung von Getreide und Einnahme von Qi), einem der bei den Ausgrabungen von Mawangdui 馬王堆 entdeckten Texte, ebenfalls aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert. Und das sind bei weitem noch nicht alle Quellen.

Dies ist einer der für unser Verständnis wichtigen Punkte: diese Methoden sind keine Methoden daoistischer Meditation, sondern sie sind und waren immer therapeutische Methoden. Sie wurden über mehr als zwei Jahrtausende tradiert, auf verschiedene Weise systematisiert und sind bis heute Teil der daoistischen als auch der buddhistischen Tradition, Teil des Qigong und auch Teil der nicht-medikamentösen Methoden der Chinesischen Medizin.

Nan Huaijin 南懷瑾, einer der berühmten traditionellen Lehrer des letzten Jahrhunderts, der neben Buddhismus auch daoistische Gesundheitstechniken unterrichtete, drückt es in einem seiner Vorträge sehr simpel aus: „Unterschätzt die Methode der Sechs Wunderbaren Tore (so nennt er die Heilenden Laute) nicht. Wenn man sich unwohl fühlt, verhilft einem diese Methode zu Wohlsein. Und wenn man die Methode wirklich meistert, wird man sich einer hervorragenden Gesundheit erfreuen und kaum mehr erkranken. Diese Laute sind äußerst wirksam.“

Ich werde in der nächsten Zeit noch einiges dazu schreiben, bis jetzt sind wir mit den Übungen ja erst ganz am Anfang. Doch obwohl ganz am Anfang, können wir uns doch allmählich in den Bewegungsabläufen zurechtfinden, auch die Laute kennen wir nun (zu denen gibt es noch viel zu sagen), und man kann zumindest einmal beginnen zu üben. Die eigene Praxis und Erfahrung ist immer sehr wichtig, auch ganz am Anfang, sie ist die Basis, um im Weiteren überhaupt etwas zu haben, das man vertiefen kann, und um mit vertiefenden Inhalten etwas anfangen zu können.

Hier abschließend noch ein traditionelles Lehrdicht für die Sechs Laute:

Der Gesang zur Vertreibung der Krankheiten in den vier Jahreszeiten (四季祛病歌 Siji qubing ge).

Ich habe die Laute so hineingeschrieben, wie wir sie zur Zeit üben (und wie gesagt, die Laute und ihre Aussprache, das ist noch ein ganz eigenes Thema für die Zukunft).

春噓明目木扶肝
夏至呵心火自閑
秋呬定收金肺潤
腎吹惟要坎中安
三焦嘻卻除煩熱
四季常呼脾化餐
切忌出聲聞於耳
其功尤勝保神丹

Im Frühling atme hsü für klare Augen, sodass das Holz die Leber stützt,
Trifft der Sommer ein, so atme ha, damit das Feuer des Herzens sich beruhigt,
Im Herbst atme heeii, das Metall zu sammeln und die Lungen zu befeuchten,
Für die Nieren atme tsuei zur Befriedung des Wassers.*
Das hsi des Dreifachen Erwärmers vertreibt bedrückende Hitze,
Zu allen Jahreszeiten atme oft hu, sodass die Milz die Nahrung transformiert.
Vermeide unbedingt, laut auszuatmen, die Ohren dürfen den Atem nicht hören.
Hervorragend ist diese Übung, sie bewahrt das göttliche Elixier.

*wörtlich : zur Befriedung von Kan. Kan 坎 ist eines der Acht Tigramme des Buchs der Wandlungen, bedeutet Wasser und ist mit den Nieren assoziiert.

Wednesday, April 22, 2020

Heilende Laute - Übung für das Herz

Xin Zang 心藏 wird das Herz auf Chinesisch genannt. Es ist das Organ des Herz-Qi, der Monarch der körperlichen, seelischen und geistigen Landschaft unserer Existenz.

Auf der körperlichen Ebene regiert das Yang-Qi des Herzens das „Xue 血“ (das Blut und den Qi-Aspekt des Blutes), und es erzeugt den Puls, indem es Blut – und Qi in Zusammenarbeit mit der Lunge - rhythmisch zirkulieren lässt und zu jedem Teil des Organismus bringt. Genau wie das Atmen findet dieser Kreislauf kontinuierlich statt, in jeder Sekunde des Lebens.

Die Zirkulation des Blutes ist jedoch nicht nur ein mechanischer Vorgang, und das Herz ist nicht nur ein Muskel, der Blut pumpt. Das Yang-Qi des Herzens steuert auch das natürliche Gleichgewicht zwischen körperlicher Bewegung und Ruhe, sodass man fähig ist, den Geist „auszuschalten“, um ein- und durchzuschlafen zu können und zu Beginn des Tages ausgeruht und erfrischt aufzuwachen.

Die Yin-Funktion des Herzens besteht darin, dass es „speichert“. Speichern heißt, dass es das Shen 神 - den Geist und das Herz als Sitz der Gefühle - bewahrt und schützt. Xinshen 心神, manchmal übersetzt als „Herz-Geist“, ist der mentale, gefühlsmäßige und spirituelle Aspekt des Qi, der alle Funktionen des Menschen und seine ganze Existenz belebt. Diese Belebung ist der Funke der Inspiration, der sich in allem zeigt, was man denkt, sagt und tut; sie äußert sich in der Fähigkeit, sich bewusst und mit klarer Absicht auszudrücken.

Xinshen 心神 spiegelt sich im Gesicht des Menschen, in seinen Augen, in seinem Ausblick auf die Welt, in seinen Bewegungen, Reaktionen und Stimmungen. Xinshen 心神 ist sein Innenleben und seine Reaktion auf die Außenwelt. Was die Gesundheit betrifft, so  sorgt Xinshen 心神 in erster Linie dafür, dass man während des gesamten Lebens die rechte Positionierung zwischen Himmel und Erde findet.

Xinshen 心神 ist die Fähigkeit, in Begegnungen und Beziehungen, unabhängig von der Situation, angemessen, mit Empathie und Verständnis zu reagieren; klar zu denken, mit einer Fähigkeit, enorme Mengen an Information nach Bedarf zu speichern, abzurufen und zu verwenden; die Fähigkeit, die Mitte einzunehmen und nicht zu handeln oder zu sprechen, ohne nachzudenken; und keine Dinge zu tun, die unnötig sind, auf irgendeine Weise unangemessen oder nicht hilfreich.

Vor allem ist Xinshen 心神 die Fähigkeit, ruhig zu bleiben und gelassen, umgeben von einem mentalen, emotionalen und spirituellen Raum, in den die Dinge ungestört eintreten können, einem Raum, der es ermöglicht, auf die richtige Art, zum richtigen Zeitpunkt auf zutiefst menschliche Art und in vollem Bewusstsein zu reagieren.

In Wirklichkeit spiegeln die größten Stärken jedoch auch die größten Schwächen wider. Das Herz-Qi in seiner Beständigkeit und Ruhe, das für die rechte Positionierung zwischen Himmel und Erde sorgt, wird durch Situationen des Übermaßes und auch durch emotionale oder physische Schocks oder Traumata leicht und plötzlich aus dem Gleichgewicht gebracht; auch wenn man sich in einem schlechten Gesundheitszustand befindet, bei fortwährendem Schlafmangel, einer chronischen Krankheit oder einem ungeregelten Lebensstil; oder aufgrund externer Faktoren von großer Intensität oder langer Dauer, wie z.B. der Isolation, den Unsicherheiten, Sorgen und Ängsten, die die derzeitige Pandemie mit sich bringt.

Die Regulierung des Geistes ist dasselbe wie die Regulierung des Herzens. Sie geschieht in der Stille, indem die Sinne nach innen gelenkt werden, um ein weites Feld innerer Klarheit und Licht zu schaffen, ungestört vom unaufhörlichen und unnötigen Geschwätz eines leicht abgelenkten Geistes. So findet man den Einklang mit der wahren inneren Natur und die Fähigkeit, in allen Situationen angemessen und menschlich zu handeln.

Die Methode des Heilenden Lautes für das Herz-Qi schafft die körperlichen Bedingungen, die es braucht, um dieses weite Feld zu öffnen:

Zunächst wird die Bahn des Herz-Qi durch das Öffnen und Schließen der Arme und Hände aktiviert. Dann weitet man durch Bewegung, Vorstellung und Atem die obere Brust und denkt den Laut „heaaah“, während man durch den Mund ausatmet. Das Gesicht wird etwas zum Himmel gewandt, die Hände bewegen sich nach oben. So wird überschüssiges „Feuer-Qi“ ausgeleitet, das den sog. „Palast des Geistes“, die komfortable Wohnstatt des Shen-Geistes, stören könnte.

Der Palast des Geistes stellt einen inneren sicheren Ort dar, er ist ein Zuhause für Herz und Verstand. Seine Funktion ist die Sicherstellung und Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes, das notwendig ist, um auf allen Ebenen, in allen Situationen und zu jeder Zeit natürlich und auf angemessene Art und Weise handeln zu können.

Als nächstes gehen die Hände hinter den Kopf und stützen ihn leicht an der Basis. Die Berührung der Finger aktiviert das Qi im Bereich des Hirnstamms. Kopf und Gesicht gehen ein wenig nach hinten, um die Meridiane im Bereich der Sinnesorgane und des Gehirns zu öffnen. Dabei wird buchstäblich das Qi des Geistes erweckt.

Der Abschluss der Übung für das Herz-Qi ist dann gleich wie bei den anderen Übungen der Heilenden Laute. Man führt das Qi zurück zum Bereich der Nieren - zu dem Bereich also, in dem sich das Essenz-Qi befindet - und konsolidiert es dort.

























Abbildung des Herz-Meridians (Hand-Shaoyin-Meridian) 

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥 - Sorgfältige Ausführungen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca 1304-1386) zu den 14 Meridianen

Wednesday, April 15, 2020

Weiteres zu den Übungen der Sechs Heilenden Laute

Ich habe schon andernorts erwähnt, dass die Übungen der Sechs Laute sehr alt sind und bis in die Zeit der Qi- und Liang-Dynastien zu Tao Hongjing 陶弘景 (456–536), Patriarch der Shangqing-Schule des Daoismus (des Daoismus der Höchsten Klarheit), zurückverfolgt werden können. Wahrscheinlich noch weiter, gibt es doch sowohl bei Laozi als auch bei Zhuangzi Passagen, die auf eine Verwendung solcher Atemmethoden hindeuten.

Weiter unten habe ich einen Teil eines Kapitels aus dem Yangxing Yanming Lu 养性延命录 (Aufzeichnungen zur Pflege der inneren Natur und Verlängerung des Lebens) von Tao Hongjing übersetzt. Dies ist einer der frühesten Texte, in denen die Sechs Laute, die eigentlich sechs Ausatmungen sind, beschrieben sind.

Jedem der sechs Laute entspricht ein chinesisches Schriftzeichen mit einer Bedeutung. Ich schreibe diese in der Übersetzung dazu, sind diese Bedeutungen doch auch wichtig für das Verständnis der Übungen.

Die Laute haben sich in den letzten 1500 Jahren verändert, in der Übersetzung weiter unten verwende ich die moderne chinesische Aussprache. Diese ist: xu für die Leber, sprich shü; chui für die Nieren, sprich tschue-i; hu für die Milz, sprich hu; si für die Lungen, sprich sss; he für das Herz, sprich he-a; xi für den Dreifachen Erwärmer, sprich shi.

Wie wir die Übungen zur Zeit üben, in den Videos auf diesem Blog entsprechen sie der alten lokalen Aussprache. Diese ist: hei für die Lunge, sprich he-i; ci für die Nieren, sprich tss (Die anderen bleiben gleich).

Die alte Aussprache kann man gut rekonstruieren, anhand alter Reimwörterbücher und auch anhand zeitgenössischer buddhistischer Texte, die ja aus dem Sanskrit ins Chinesische übersetzt wurden und damit Hinweise geben auf die damalige Aussprache bestimmter Zeichen.

Die gesundheitlichen Wirkungen sind belegt, egal, welche der Aussprachen man verwendet.

Natürlich ist bei solch alten daoistischen Texten manches in einer für uns sehr fremden Art und Weise formuliert, vieles ist auch nicht mehr zeitgemäß. Doch kann man immer noch zu verstehen suchen, was das Wesentliche ist, um dieses zu übernehmen und es dann durch die Praxis zu überprüfen. Dazu braucht man ein möglich weites und umfassendes Referenzsystem, um dies auf sinnvolle Weise tun zu können. Meines stammt aus der Sinologie sowie aus der Ausbildung, die ich während Jahrzehnten durch chinesische Qigong-Fachleute erhalten konnte und aus meiner Erfahrung im Qigong-Unterricht. Kerrys Referenzsystem ist die chinesische Medizin, vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung im Unterricht für das TCM-College Ireland, ihrer eigenen Ordination in Dublin und ihrer Arbeit als TCM-Ärztin während vieler Jahre, in verschiedenen Abteilungen chinesischer Spitäler, sowie unter Prof. Xia Shuangquan in Guangzhou im Kontext des medizinischen und klinischen Qigong.

Dies hilft uns beiden enorm bei der Beurteilung von Qigong-Methoden, es hilft beim Lesen der alten Texte, und es hilft, Oberflächlichkeiten oder auch Fehler zu vermeiden. Und wir können uns gegenseitig korrigieren bzw. ergänzen. Ich schildere natürlich auch TCM-Zusammenhänge, die Berührungsfläche der TCM mit Qigong ist ja sehr groß, aber bin kein TCM-Arzt, und ich könnte niemanden behandeln. Umgekehrtes gilt für Kerry bezüglich all der Inhalte, die nur auf Chinesisch zugänglich und durch eine sinologische Ausbildung verständlich sind.

Die Übungen der Heilenden Laute werden seit 1500 Jahren tradiert. Dass Übungen so lange überliefert werden, hat mit ihrer Wirksamkeit zu tun, die bis heute unbestritten ist. Gerade gestern, als ich auf chinesischen Seiten nach wissenschaftlichen Artikeln bezüglich Lungenerkrankungen und Qigong-Therapie gesucht habe, ist mir wieder eine Arbeit untergekommen, die die klinische Wirksamkeit der Heilenden-Laut-Übungen in der Therapie von COPD (chronic obstructive pulmonary disease - Chronische obstruktive Lungenerkrankung) beschreibt.

In einer globalen Notfallssituation wie der Covid-19-Pandemie sind diese Übungen jedenfalls als individuelle Gesundheits-Maßnahme sehr geeignet.

Allerdings möchte ich hier betonen: Man muss solche Übungen „nach Hause üben“, also wirklich meistern. Die Regelmäßigkeit ist essentiell. Wirkungen im Qi stellen sich schon auch gleich beim ersten Üben ein, aber das regelmäßige Tun ist ungleich effektiver und tiefergehend. 

Wie immer im Qigong braucht es die Verbindung von Körper, Atem und Aufmerksamkeit. Aus deren Zusammenspiel erst entstehen die Wirkungen. Die Aufmerksamkeit bzw. Konzentration ermöglicht einem, während des Übens in den für Qigong typischen meditativen Zustand zu gelangen, der das Qi regeneriert. Die Atmung ist der Motor für die Bewegung des Qi. Die Bewegungen leiten und kanalisieren den Fluss des Qi.

Der Vorteil der Übungen der Heilenden Laute ist das bewusste Einbeziehen der Atmung. Die Funktion der Lunge ist, das Qi zu bewegen. Qigong, ohne zu atmen, ist kein Qigong, oder ein in seiner Wirksamkeit nur sehr reduziertes Qigong. In meinen Kursen beobachte ich, dass die Atmung bei vielen der am meisten vernachlässigte Aspekt des Übens ist. Bewegungsabläufe werden mehr oder weniger rasch gelernt, auch die Versenkung in einen Zustand der Ruhe fällt niemandem wirklich schwer. Aber geatmet wird oft sehr wenig. Und das nimmt dem Qigong sehr viel an Möglichkeiten.

Wie die Atmung im Qigong gehandhabt wird, kann viele Formen annehmen:

Es kann heißen, eine feine, ruhige, lange, langsame Atmung zu entwickeln, ohne eine spezielle Technik, so wird es vor allem in der Qigong-Meditation gehandhabt.

Es kann heißen, bestimmte Atemtechniken zu verwenden, die das Qi auf spezielle Weise beeinflussen: das Ein-Ein-Ausatmen beim Qigong-Gehen ist ein Beispiel dafür, es ist eine Technik, die (auch lebensbedrohende) Stagnationen des Qi auflösen kann.

Es kann heißen, mittels gesungener Laute das Qi zu beeinflussen (im Qigong-Gehen gegen Krebs und chronische Krankheiten der Frau Guo Lin gibt es da eigene Übungen).

Oder es kann heißen, gezielt verschiedene Funktionen des Qi zu beeinflussen (Funktionen, die einen klaren Organbezug haben), wie eben bei den Übungen der Heilenden Laute.

Die Übungen der Heilenden Laute sind also nicht nur zur Zeit wichtig, um das eigene Zheng Qi (das aufrechte Qi als Ausdruck der Gesundheit und Immunabwehr) zu stärken, sondern sie bieten, über den Weg der Atmung, auch eine Möglichkeit, die Qigong-Praxis weiter zu entwickeln und zu vertiefen.

Und das heißt eben auch: sie wirksamer zu machen.

Hier nun Ausschnitte aus Tao Hongjings Yangxing Yanming Lu:

Das Fuqi Jing 服氣 經 (Der Klassiker der Aufnahme von Qi) sagt: Das Dao (der Weg) ist das Qi. Wenn man das Qi schützt, erlangt man den Weg. Erlangt man den Weg, erreicht man lange Dauer.
Geist ist Essenz. Durch den Schutz der Essenz wird der Geist leuchtend. Wird der Geist leuchtend, erreicht man ein langes Leben.

Die Essenz ist der Fluss des Blutes in den Gefäßen und der numinose Geist, der die Knochen schützt. Verliert man die Essenz, werden die Knochen spröde. Werden die Knochen spröde, dann stirbt man. Darum heißt das Praktizieren des Weges die Essenz zu schätzen

Wenn man das Qi kreisen lässt, atmet man durch die Nase ein und durch den Mund aus.

Solcherart sanft zu praktizieren, das nennt man den Langen Atem. Es gibt eine Art des Einatmens und sechs Arten des Ausatmens.

Die eine Art von Einatmen heißt xi 吸 (Inhalation).

Die sechs Arten des Ausatmens sind chui 吹 (wörtlich: blasen), hu 呼 (wörtlich: ausatmen), xi 唏 (wörtlich: schluchzen), he 呵 (wörtlich: schnauben), xu 噓 (wörtlich: seufzen) und si 呬 (wörtlich: verschnaufen). Diese alle sind Methoden des Langen Atems, um Qi auszustoßen.
Die Atmung gewöhnlicher Menschen besteht in ursprünglicher Zählweise aus einem Ausatmen und einem Einatmen.

Um die Methode des Langen Atems und Ausstoßens von Qi zu praktizieren:

Wenn das Wetter kalt ist, verwendet man chui, wenn das Wetter heiß ist, verwendet man hu.

Wenn man Krankheiten lindern und heilen möchte, verwendet man chui, um Hitze auszuleiten; hu, um Wind zu zerstreuen; xi, um Ärger zu vertreiben; he, um das Qi sinken zu lassen; xu, um Stagnationen aufzulösen; si, um Erschöpfung zu beseitigen. Normale Menschen, wenn sie erschöpft sind, sollten öfter xu und he praktizieren...

Das Mingyi Lun 明醫論 (Diskurse berühmter Ärzte) sagt:

Es liegt an den Fünf Ermüdungen, dass Krankheiten auftreten. Die ersten beiden Organe, die von den Fünf Ermüdungen beschädigt werden, sind Herz und Niere, sie werden von üblem Qi angegriffen und in der Folge erkranken alle Zang- und Fu-Organe.

Die Fünf Ermüdungen sind:

1. Ermüdungen des Willens
2. Ermüdungen des Denkens
3. Ermüdungen des Herzens (des Geistes)
4. Ermüdungen durch Sorge
5. körperliche Ermüdungen

Die Fünf Ermüdungen (wenn unbehandelt) erzeugen die sechs Erschöpfungen:

1. Erschöpfung des Qi
2. Erschöpfung des Bluts
3. Erschöpfung der Sehnen
4. Erschöpfung der Knochen
5. Erschöpfung der Essenz
6. Erschöpfung des Marks

Die sechs Erschöpfungen (wenn unbehandelt) verursachen die sieben Verletzungen.

Die sieben Verletzungen (wenn unbehandelt) verwandeln sich in die sieben Schmerzzustände.

Die sieben Schmerzzustände als Krankheiten, führen dazu, dass übles Qi (xie qi 邪氣 -pathogenes Qi) zunimmt und aufrechtes Qi (zheng qi 正氣 - gesundes Qi) sich verringert...

Das Entstehen von Krankheiten kann nicht getrennt von den Organen verstanden werden. Wer das Qi zirkulieren lässt, um Krankheiten zu heilen, muss die Krankheitsursache kennen. Wer sie nicht kennt, kann nicht heilen.

Herzkranke mit heißem oder kaltem Qi im Körper, können diese durch das Hu-Ausatmen und das Xi-Einatmen loswerden.
Lungenkranke mit Spannungszuständen in Brust und Zwerchfell, können diese durch die Xu-Atmung loswerden.
Milzkranke mit inneren Windzuständen im Oberkörper, mit Jucken, Schmerzen und Beklemmungen, können diese durch die Xi-Atmung loswerden.
Leberkranke mit Schmerzen in den Augen, mit Sorgen, Ängsten und Freudlosigkeit, können diese durch die He-Atmung loswerden.

Man atmet bei den oben genannten zwölf Methoden zur Regulation des Qi immer durch die Nase ein und stößt den Atem aus dem Mund aus. Man lässt das Geräusch des Atems die Laute chui, hu, xu, he, xi, si begleiten.

Wenn sich ein Patient dieser Methoden bedient, muss er sie respektvoll und achtsam ausführen. Es gibt keine Krankheit, die so nicht geheilt wird.

Dies ist also die wichtige Kunst der Heilung von Krankheiten und des Langen Lebens.

Tuesday, April 14, 2020

Die Funktionen von Milz- und Magen-Qi

Das Qi des Organismus stammt aus zwei Qi-Quellen. Die eine nennt man die angeborene (wörtlich vor-himmlische - xiantian 先天) Qi-Quelle, die andere die erworbene (nach-himmlische houtian 後天) Qi-Quelle. Das vor-himmlische Qi hat mit der Funktion der Nieren zu tun, das nach-himmlische Qi mit der Funktion von Milz und Magen.

Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃) haben also eine enorme Wichtigkeit für das gesamte Funktionieren des Qi. Ihre Funktionen können nicht getrennt werden. Sie repräsentieren die Yin-Bewegung der Erde, das Hinunterziehen, Aufnehmen und Nähren, und die Yang-Bewegung des Himmels, die dem Yin ermöglicht, aufzusteigen wie ein Dunst, der wärmt und alle Wachstumspotenziale aktiviert.

Die Milz (pi zang 脾脏) ist ein Yin-„Organ“, aber ihre Qi-Funktion ist Yang. Das Yang steigt nach oben, transformiert und verfeinert das Yin (mit der Unterstützung des Yang-Qi der Nieren). Es stützt und hält alles an Ort und Stelle (sowohl geistig als auch körperlich), so dass weder gedankliche Prozesse, die Yang sind, beeinträchtigt werden oder stagnieren noch Organe, die Yin sind, nachlassen oder sinken (Organvorfall, Bruch etc.). Solcherart schützt es die Integrität von Körper und Geist. Für diese Qi-Funktionen braucht die Milz eine kühle (keine kalte) und trockene (keine feuchte) Umgebung.

Der Magen (wei fu 胃腑) ist ein Yang-„Organ“, aber seine Haupt-Qi-Funktion ist Yin, weil er als Gefäß fungiert - er nimmt „Getreide und Flüssigkeiten“ im mittleren Jiao auf und vermischt und fermentiert sie, bis sie ein Brei sind. Kontrolliert vom Yang-Qi der Milz beginnt dann der Prozess der Trennung des „Klaren“ vom „Trüben“. Für diese Qi-Funktion ist eine warme (keine heiße) und feuchte (aber nicht sumpfige) Umgebung erforderlich.

Der Teil des Qi, der als rein oder klar (wie reines Quellwasser) angesehen wird, wird durch das Milz-Qi weiter verfeinert und transformiert und als eine Art Qi-Dunst zum oberen Jiao und zur Lunge transportiert, wo er auf das reine, saubere Qi der Luft (kong qi 空氣) trifft. Dort werden das gesamte Qi, das Blut und der Yin-Aspekt des Immunsystems, Nahrungs- oder Feldlager-Qi (ying qi 營氣) gebildet, und im ganzen Organismus verteilt.

Der Teil des Qi, der grob und trübe ist, wie der Schlick in einem Bach, der im ruhigen Wasser ein Sediment bilden kann, wird durch die Antriebskraft des Magen-Qi nach unten in den unteren Jiao und den Verdauungstrakt bewegt , wo es weiter verfeinert und in das Abwehr-/Wächter-Qi (wei qi 衛氣) umgewandelt wird. Dieser Yang-Aspekt des Immunsystems wird dann durch das Lungen-Qi im gesamten Organismus verteilt. Sobald diese Qi-Prozesse, also das Separieren, das Raffinieren und der Transport abgeschlossen sind, wird der aus Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten entstandene Abfall weiter nach unten bewegt und ausgeschieden.

Man sieht also deutlich, dass die Qi-Funktionen von Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃) nicht isoliert voneinander verstanden werden können. Sie stehen in einer Yin-Yang-Beziehung und arbeiten zusammen, um Tag für Tag das gesamte Qi zu ergänzen und wieder aufzufüllen, das wir für unsere Gesundheit benötigen.

Die Methode der Heilenden Laute für das Milz-Qi übersetzt dies in eine Form:

Zuerst wird die Mitte geöffnet, indem eine Hand nach oben und eine Hand nach unten bewegt wird und die Handflächen zur Erde bzw. zum Himmel gedreht werden. Anschließend werden Milz- und Magen-Qi in Schwingung gebracht und aktiviert, indem beim Ausatmen durch den Mund in der Vorstellung der Milz-Qi-Laut „hu“ ausgesprochen wird und die Lippen entsprechend geformt werden.

"Yin Yang Tiao He" (陰陽調和) Yin und Yang in ausgewogener Harmonie – das ist, was die Chinesen die Gesundheit nennen. Alle Qigong-Methoden sind Ausdruck von „Yin Yang Tiao He“ in allen Aspekten: Bewegung und Stille, den Richtungen nach innen und nach außen, nach oben und nach unten, beruhigend und aktivierend.

Die Methode für das Milz-Qi ist in der gesamten Abfolge der 6 Methoden der Heilenden Laute von zentraler Bedeutung. Das Milz-Qi steht in Beziehung zur Erde und bewegt sich von der Mitte aus, um das Reine zu heben, während das Magen-Qi sein Yang-Partner, den Abfall nach unten (und außen) bewegt. Auf diese Weise stellt es das tägliche Funktionieren des Organismus sicher.

Saturday, April 11, 2020

Zur Heilenden Laut-Übung für die Milz

Shengqi jiangzhuo 升清降浊 "Heben des Reinen" und "Senken des Trüben", mit diesen beiden Begriffen werden die Qi-Funktionen der Verdauung beschrieben, also des Qi von Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃).

"Heben" bedeutet nicht nur eine Bewegung nach oben und außen, sondern impliziert auch, dass Substanzen, die für den Organismus wichtig sind, behalten und dem Körper zur Verfügung gestellt werden. Diese Substanzen werden als "reine" bezeichnet, eine andere Bezeichnung lautet "fein und subtil" (jingwei 精微), ohne dass definiert wird, was diese Substanzen genau sind, es können damit Nährstoffe gemeint sein, aber auch alles andere, was in diesem Qi-Prozess dem Körper zugutekommt.

"Die Milz regiert über das Heben", heißt es. Das bedeutet, dass die Milz nicht nur die "Getreide und Flüssigkeiten", also die Nahrung verdaut, sondern sie auch einen Prozess der Absorbtion, der Transformation und des Transports und der Verteilung in Gang setzt. Eben dieser "reinen, feinen, subtilen" Substanzen. Dieser Prozess geht nach oben, und zwar Richtung Lunge (nicht vergessen, wir sprechen hier von Qi-Prozessen). Geht nach oben, vom Zhong Jiao (中焦) dem Mittleren Erwärmer (wo Milz und Magen sind) zum Oberen Erwärmer (Shang Jiao 上焦), wo die Lungen sind.

Die Funktion des Magens des "Senkens des Trüben" hingegen geht nach unten: "Senken des Trüben".
"Senken" impliziert neben der Bewegung nach unten und außen auch die Ausscheidung derjenigen Substanzen, die unbrauchbar sind für den Organismus.

Die Funktionen des "Hebens des Reinen" und "Senkens des Trüben", also von Milz und Magen, sind aufeinander abgestimmt, eine Störung der einen Funktion wirkt sich auf die andere aus.

Ye Tianshi 叶天士 (1667–1747), berühmter Arzt und Begründer der Schule der "Wärmekrankheiten" (Wen Bing 温病) der Chinesischen Medizin - kurze Anmerkung hier: beim Covid 19-Virus handelt es sich um eine solche Wärmekrankheit, um ein warmes und feuchtes pathogenes Qi - Ye Tianshi also beschreibt die Funktionen von Milz und Magen einfach und klar: "Der Magen regiert die Aufnahme von Nahrung, die Milz regiert Umwandlung und Transport. Vermag die Milz zu heben, dann ist sie kräftig und gesund. Vermag der Magen zu senken, dann ist sein Funktionieren harmonisch."

Die Milz braucht eine trockene Umgebung. Darum ist es so wichtig, sie nicht auszukühlen. Man kann nicht einfach sagen, wir haben es hier mit einer Wärmeerkrankung zu tun, also kühlen wir das System und alles kommt in Ordnung. Wenn man zu kalt isst (also Salate, viel Obst, besonders ungünstig wären Orangen oder Orangenjuice...), dann schädigt man das Qi der Milz, schädigt das Yang der Milz, das so wesentlich ist für die Fähigkeit der Milz zu transformieren und zu transportieren. Und damit wird sich auch die innere Qi-Umgebung ändern, von trocken zu feucht, das Qi wird in Folge blockieren, die Funktion des Hebens wird blockiert, und irgendwann bricht das Qi der Milz ein, steigt also nicht, sondern fällt nach unten.

Alle Aspekte der Übung für die Milz sind wichtig. Einerseits der Laut, der in der Vorstellung ausgesprochen wird. Das Aussprechen der Organ-Laute wird als "reduzierende Methode" (Xiefa 泻法) verstanden, man will nicht zu stark reduzieren, darum das lautlose, geatmete Aussprechen der Laute. Darüberhinaus haben wir aber auch die Bewegung: die eine Hand hilft dem Qi der Milz nach oben, die andere Hand dem Qi des Magens nach unten, also in die Richtungen, die ihrem geordneten Funktionieren entsprechen. Und zusätzlich, beim Öffnen und Schließen, expandiert der Bauch und kontrahiert wieder, was ebenfalls der Funktion von Milz und Magen zugutekommt.

Diesen Bewegungsaspekt der Übung nennt man Daoyin (导引 Führen und Leiten, Leiten und Strecken), dem Qi durch äußere Bewegungsabläufe helfen, seine Funktionen wiederzugewinnen, wenn sie beeinträchtigt oder verlorengegangen sind bzw. sie generell zu stärken, um damit die Gesundheit auf ein höheres Niveau zu heben.

Man darf nie eindimensional denken. In den Qi-Funktionen ist immer alles mit allem auf irgendeine Art verbunden. Zu sagen, bei Verdauungsproblemen mache ich die Übung für Milz und Magen, und bei Atemproblemen mache ich die Übung für die Lunge, das wäre das Denken in nur einer Dimension.

Zum Beispiel: die Qi-Körperabwehr heißt Abwehr-Qi (Wei-Qi 卫气) und ist eine Funktion des Lungen-Qi. Das Wei-Qi zirkuliert auf und in der Haut, als starkes Yang-Qi und äußerste Verteidigungslinie. Zu glauben, es genüge, das Wei-Qi über die Lunge zu stärken, damit das Immunsystem gut funktioniert, heißt zu übersehen, dass das Wei-Qi auch eine innere Verbindung braucht, zum Ying-Qi, ein Begriff, der wörtlich "Feldlager-Qi" bedeutet. In der deutschen Übersetzung geht diese militärische Metapher verloren, meistens wird das Ying-Qi als Nahrungs-Qi übersetzt. Dieses Qi zirkuliert nicht in der Haut. Das Ying-Qi entsteht aus der Verdauung, in Milz und Magen und im Mittleren Erwärmer und zirkuliert mit dem Blut. Erst wenn Wei-Qi und Ying-Qi kommunizieren, wird die Immunabwehr besser funktionieren.

Man weiß vom Covid 19-Virus, dass sein pathogenes Qi als erstes und sehr rasch die Lungen attackiert. Die Übung für die Lunge ist da sehr wichtig, aber aufgrund der wechselseitigen Verknüpfung und Verbundenheit der Qi-Funktionen sind andere Übungen genauso wichtig. Man muss diese Verbindungen im Qi nicht wissen, man muss sie nur regelmäßig machen. Qigong wirkt durch Stille und Ruhe, also durch das Entspannen und die Ausschaltung der Gedanken, und andererseits durch den Daoyin-Aspekt der Übungen, der bei traditionellen Übungen eigentlich immer sehr durchdacht und entsprechend wirkungsvoll ist.

Saturday, April 4, 2020

Zur Methode der Heilenden Laute für das Leber-Qi

Das Leber-Qi (Gan Qi 肝气) ist zuständig für die Harmonisierung, es ist der „General“, der alle die verschiedenen Qi- und Blutzyklen des Körpers koordiniert, so dass das System reibungslos funktioniert, in einem sich alle 24 Stunden wiederholenden ununterbrochenen Fluss.

Die Übung des Heilenden Lautes für das Leber-Qi, ganz speziell, fördert die Bewegung der Yang- und Yin-Aspekte unseres Immunsystems zur korrekten Zeit durch jeden der zwölf Meridiane und die mit ihnen assoziierten Organe.

In der TCM besteht das Immunsystem aus einem Yang-Aspekt, der als Abwehr-Qi/Wächter-Qi bezeichnet wird (Wei Qi 卫气) und einem Yin-Aspekt genannt Nahrungs-Qi/Feldlager-Qi (Ying Qi 营气).

Das Abwehr-Qi ist der stärkste Yang-Aspekt unseres Qi. Wenn der Körper von außen durch ein Virus angegriffen wird, kommt das Abwehr-Qi zuerst an den Poren der Haut zum Einsatz, um "die Oberfläche zu öffnen" und Pathogene mit dem Schweiß auszutreiben.

Das Feldlager-Qi ist der äußerste Yin-Aspekt des Qi. Es fließt mit dem Blut durch alle Gefäße und Organe, unterstützt und stärkt das Abwehr-Qi von innen und übernimmt den Kampf gegen eindringende Krankheitserreger, wenn diese die erste Verteidigungslinie durchbrochen haben.

Qi (und Blut) zirkulieren unablässig Tag und Nacht durch den Körper. Die TCM beschreibt jedoch einen Zyklus, der durch jedes Ein- und Ausatmen erzeugt wird, und auch das Qi auf und ab bewegt.

Ein kompletter Zyklus durch die Meridiane dauert 270 Atemzüge. 50 solcher Zyklen (25 Zyklen durch die Yang-Meridiane und 25 Zyklen durch die Yin-Meridiane) ergeben zusammengenommen den Qi-Fluss während der 24 Stunden von Tag und Nacht.

Die harmonisierende, in Fluss bringende und das Qi ausbreitende Funktion der Leber reguliert diese Zyklen, die mit dem ersten Atemzug beim Aufwachen beginnen. Ein Zyklus beginnt im Lungen-Meridian und endet im Leber-Meridian, und dann beginnt der nächste Zyklus wieder im Lungen-Meridian, wobei sich beim Ein- und Ausatmen das Qi auf- und abbewegt.

Während des Tages (der Yang-Zeit) fließt das Qi in den Meridianen durch den Körper, so dass man geistig und körperlich aktiv sein kann. Während der Nacht (der Yin-Zeit), wenn man schläft und der Geist ruhig ist, fließt das Qi zu den inneren Organe, füllt sie wieder auf und bereitet so die Aktivität des nächsten Tages vor.

Bei der Übung des Heilenden Lautes für das Leber-Qi sind es sowohl Laut als auch Körperbewegung, die das Qi „ausbreiten“ und die Begrenzungen von Brust und Mitte öffnen, um Platz zu schaffen für den freien Fluss von Atem, Blut und Emotionen. Dies wiederum harmonisiert alle körperlichen Aktivitäten, sodass sie reibungslos und geordnet funktionieren, und verleiht Körper und Geist Leichtigkeit und Behaglichkeit.


Abbildung des Leber-Meridians

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥 - Sorgfältige Ausführungen zu den 14 Meridianen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca. 1304-1386).

Saturday, March 28, 2020

Eine Einführung in die Methode der Heilenden Laute für den Sanjiao 三焦

Den Sanjiao 三焦 (Dreifachen Erwärmer) versteht man am besten, wenn man seine Funktion betrachtet, da er ein Konzept der chinesischen Medizintheorie darstellt, das in der Physiologie der westlichen Medizin nicht existiert.
Man nennt ihn "ein Organ, das Funktion hat, aber keine Form". Er wird manchmal als spezifische Dreiteilung des Körperraums verstanden: der Bereich über dem Zwerchfell ist der obere Jiao; zwischen dem Zwerchfell und dem Nabel befindet sich der mittlere Jiao; alles unter dem Nabel ist der untere Jiao. Jeder dieser Sanjiao-Bereiche umfasst alle darin enthaltenen Organe und – ebenso wichtig – den Raum rund um die Organe, und darüber hinaus den gesamten Raum im Körper zwischen Muskeln, Haut und Bindegewebe.

Was das Qi betrifft, hat jedes einzelne Organ im Körper eine bestimmte Funktion. Zum Beispiel: Die Qi-Funktion der Lunge bestimmt die Qualität von Qi und Blut im Körper; sie sorgt (mit Hilfe des Herz-Qi) für die Zirkulation von Qi, Blut und Atem; sie reguliert das Öffnen und Schließen der Poren der Haut, damit Schweiß austreten kann, und sie fungiert als erste Verteidigungslinie gegen Viren.

Der Sanjiao hat die Hauptaufgabe, alle verschiedenen Qi-Funktionen im Körper zu koordinieren und die Kommunikation zwischen den Organen herzustellen. Dieses „Organ, das keine Form hat“ ist lebenswichtig – ohne seine Regulierung gerät das gesamte Organsystem ins Chaos, und die Gesundheit wird beeinträchtigt.

Die Übung der Heilenden Laute für den Sanjiao aktiviert die äußeren (d.h. an der Körperoberfläche gelegenen) Akupunkturpunkte entlang des dem Sanjiao zugehörigen Meridians, bewegt das wärmende Yang-Qi durch seine Bahnen, um die Organfunktionen zu aktivieren und zu stärken, und bringt kühlendes und befeuchtendes Yin-Qi nach unten, um den Körper und seine Organe geschmeidig zu halten und den Körper von Abfall zu befreien.

Der Sanjiao kontrolliert die Bewegung von Qi und Körperflüssigkeiten nach oben und nach unten sowie nach außen und nach innen. Für die Gesundheit heißt das, dass alle normalen Körperfunktionen reguliert werden, dass die Organe stark sind und man sich frei und mühelos bewegen kann.

Wenn jedoch eine äußere Krankheit den Körper angreift, ein Virus, das die Vitalfunktionen attackiert und stört, ist es der Sanjiao, der Alarm schlägt und das Qi der Organe koordiniert, um schnell die vollen Abwehrkräfte am benötigten Ort zum Einsatz bringen.


Abbildung des Sanjiao-Meridians

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥 - Sorgfältige Ausführungen zu den 14 Meridianen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca. 1304-1386).

Wednesday, March 25, 2020

Ein paar Worte zur Methode der Heilenden Laute für das Lungen-Qi

Die Liu Zi Jue 六字诀 - Übung (Übung der Heilenden Laute für das Lungen-Qi), die wir hier vorstellen, ist Teil einer daoistischen Gesundheitstradition, die spezifische Methoden von Lebensstil, Meditation und Qigong kombiniert, um Krankheiten zu beseitigen, den Geist zu beruhigen und das Leben zu verlängern. Sie nutzt eine fein abgestimmte Kombination von Elementen, die ähnlich einer ärztlichen Verschreibung zusammenspielen und auf das Qi-System im Körper wirken, das die Zirkulation von Atem, Qi und Blut steuert.

Um zu verstehen, warum und wie diese Methode funktioniert, kann es hilfreich sein, einige ihrer Schlüsselelemente aus TCM-Perspektive zu betrachten.

Aber nicht vergessen: Das Wichtigste ist es, Qigong zu üben, jeden Tag ein wenig und dann täglich etwas mehr. Das ist es, was sich auf die Gesundheit auswirkt – nicht das Verständnis der chinesischen Medizin oder der daoistischen Philosophie oder gar der Qigong-Methodik. Unabhängig von Alter, Gesundheitszustand und Erfahrung, können alle diese Methoden anwenden und positive Effekte erzielen. Man kann die Gesundheit zurückgewinnen, schützen oder verbessern, das Immunsystem stärken, den Geist beruhigen und ein Gefühl von Leichtigkeit und Wohlgefühl erlangen.

Die Liu Zi Jue-Übung für das Lungen-Qi (wie alle anderen Qigong-Übungen) beginnt damit, dass man ruhig wird und den Körper entspannt, während man sich von Kopf bis Fuß ausrichtet, um in einen bestimmten „Raum“ einzutreten. Dies ist weder ein physischer Ort noch einfach nur ein Geisteszustand. Es ist eher eine Öffnung nach innen, ein Verstummen der Geräusche des Geistes, ein Prozess der Lockerung von Körper und Atem, so dass das Qi des Körpers zwischen dem „Qi von Himmel und Erde“ (den größeren Yang- und Yin-Aspekten des Universums) ausgerichtet ist und dabei in Resonanz mit der wahren Realität der Natur tritt. Diese Resonanz ist eine Art von Kommunikation, die buchstäblich für Erdung sorgt und die angeborene gesundheitliche Körperkraft aktiviert, während sie mit dem Atem fließt, ungehindert von den Störungen, Blockaden und Schwächen, die durch den physischen und mentalen Stress im Lauf von Alterungsprozessen, Krankheit und Alltag auftreten.

Alle Bewegungen verstärken diese Resonanz, mit besonderem Fokus sowohl auf den physischen als auch auf den subtileren Qi-Aspekten, die beim Atmen und beim Zirkulieren von Qi und Blut im gesamten Organismus eine Rolle spielen. Sie öffnen und stärken die Verbindung zwischen dem ursprünglichen Qi (der angeborenen, gesundheitlichen Gesamtkapazität des Körpers) und dem Qi, das man vom Moment der Geburt an mit jedem einzelnen Atemzug erwirbt.

Während der ersten Bewegung beim Einatmen Arme, Hände und Handflächen nach außen drehen, um die Brust beim Einströmen der Luft zu weiten. Brust und Lunge öffnen sich, der Atem kann einfacher und leichter fließen. Auf diese Weise wird das Qi auf einer tieferen inneren Ebene, während es mit dem einströmenden Atem auf einer zentralen Bahn durch den Körpers fließt, geöffnet und verfeinert. Mit etwas mehr Übung kann ein feiner Sog spürbar werden, eine Art Magnetismus, von den Spitzen der Hände und Füße, von den Fingern und Zehen. Die chinesische Medizin betrachtet diesen Vorgang wie eine wirkungsvolle Akupunkturbehandlung, die den Qi-Fluss von der Lunge durch die Akupunkturpunkte entlang des Lungen-Qi-Meridians (手太阴 Hand-Tai-Yin-Meridian) öffnet.

Beim Ausatmen werden die Hände nach innen gedreht, die Handflächen zeigen zum Bauch. Dabei öffnen sich der obere Rücken, die Wirbelsäule und bestimmte Akupunkturpunkte in dieser Region, sodass das warme Qi zum physischen Zentrum des Körpers im Bereich der Nieren, des unteren Rückens und des Bauches (das sog. Dan Tian 丹田) zurückkehren kann, wo das ursprüngliche Qi gespeichert ist.

In dieser Region stärkt das Qi des Atems das ursprüngliche Qi und regt dessen Zirkulation entlang der tiefen inneren Meridiane des Körpers an und erfüllt den gesamten Organismus buchstäblich mit Wärme und Kraft. Beim Einatmen ist es, als würde man etwas magnetisch anziehen und hineinziehen. Das Ausatmen ist zugleich ein Öffnen und Verteilen von Wärme und Magnetismus im ganzen Körper. Mit mehr Übung ist diese Strömung oder auch ein Kribbeln zu spüren, das sich von der Körpermitte hin zu den Extremitäten bewegt.

Beim erneuten Einatmen berühren sich kurz und leicht die Fingerspitzen vor dem Herzen, der Blick geht zu den Fingerspitzen. So wird die Bewegung des Geistes (gelenkt durch Blick) kombiniert mit der Bewegung des Körpers und dem Fluss von Qi und Atem, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.

Nichts im Leben bewegt sich schneller als der Geist. In der Qigong-Praxis zügeln wir diese Bewegung und beruhigen sein konstantes, ablenkendes Geräusch, indem wir dem Geist erlauben, unserem Atem zu folgen. So entsteht ein ruhiger Raum im Inneren, in dem sich die natürliche Kraft des Lebens entfalten und frei fließen kann. Im täglichen Leben führt das ständige, bewusste Bemühen, alles um uns wahrzunehmen und zu kontrollieren, zu einer Trennung von der gesamten Realität der Natur, und es behindert die natürliche Fähigkeit zu Gesundheit und Gleichgewicht.
Die wenigen Fälle im Qigong, in denen die Vorstellungskraft eingesetzt oder der Blick oder die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes gerichtet wird, sind vergleichbar mit einem präzisen, schnellen Speerwurf. Die bewusste Berührung der Finger und der Blick auf sie aktiviert das Qi aller Yin- und Yang-Meridiane und regt eine starke Zirkulation von Herz- und Lungen-Qi stark im Körper an. Das alles dauert nur eine Sekunde, aber der Effekt schwingt mit jeder Wiederholung dieser Übung immer länger und länger im ganzen Körper. Wie beim Betreten eines dunklen Raums und dem Betätigen des Lichtschalters, dauert es letztendlich nur diese Sekunde, um die Natur unseres Innenraums zu verändern.

Eine Übung aus dem medizinischen Qigong ist wie eine Verschreibung von Kräutermedizin – die Hauptwirkung der Verschreibung wird von allen Bestandteilen unterstützt und verändert. So ist die nächste Bewegung der Liu Zi Jue-Übung der medizinisch entscheidende Teil für das Lungen-Qi.
Die Arme bewegen sich nach oben und die Brust dehnt sich aus, während sich der Kopf zurückbewegt, um Hals und Brustkorb zu öffnen. Die Ausatmung entsteht wie ein „Dampf“, der durch den offenen Mund fließt, und die innere Resonanz der Klangvorstellung ermöglicht es der gesamten Kraft des Wahren Qi (Zhen Qi 真气 – im Grunde die umfassende Realität des Qi der Natur, von dem wir nur ein Teil sind) in die Lunge zu fließen. Das Drehen der Handgelenke, sodass die Handflächen nach oben zeigen, bewirkt die Aktivierung wichtiger Akupunkturpunkte des Herzens und der Lunge, die sich auf der Innenseite der Handgelenke befinden.

Die Resonanz des vorgestellten heilenden Lautes, der mit der Lunge in Zusammenhang gebracht wird, ist die Speerspitze des medizinischen Effekts (Die Stimmbänder zu verwenden, um eine hörbare Intonation zu erzielen, hat einen völlig anderen Effekt, der in diesem speziellen „Qigong-Rezept“ nicht so nützlich ist). Das Zurückbewegen des Kopfes und das Ausatmen durch den Mund ist wie das Aufdrehen eines Wasserhahns; die Form des Mundes bei der Imagination des Lautes „Hei“, ist wie das vollständige Öffnen dieses Wasserhahns, sodass das Qi wie Wasser durch das „Tor der Lunge “(den Hals) und durch den „Durchgang zur Lunge“ (Brustkorb) zum Organ selbst fließt.

Die weiteren Schritte der Übung öffnen und stärken die Verbindung zwischen dem Lungen-Qi und dem Nieren-Qi und stellen so sicher, dass der Atem frei in den Körper fließt, wo er dann festgehalten wird, so dass eine Art Verbrennung von Energie stattfinden kann bevor der Atem wieder leicht ausgestoßen wird. Bei diesem Vorgang verbindet sich das Qi der Atemluft mit dem ursprünglichen Qi des Dan Tian.

Es gäbe noch mehr zu sagen, aber ich glaube, es genügt, und ich kann hiermit diese Erklärung der traditionellen medizinischen Auswirkungen der Liu Zi Jue-Übung für das Lungen-Qi beenden. Ich hoffe, es ist mir gelungen zu zeigen, wie differenziert und komplex Qigong-Übungen wirken. Ebenso möchte ich motivieren, Qigong regelmäßig jeden Tag auf einfache und entspannte Weise zu üben, im Vertrauen auf seine positive Wirkung für die Gesundheit und die Regenerationsfähigkeit des Körpers. Selbst die einfachsten Übungen, wie Kreise mit den Armen bei ruhigem Atem, haben verschiedene Bedeutungsschichten und einen potenziellen Nutzen für die Gesundheit von Körper und Geist.
Man kann das Üben genießen; kann genießen, dabei einen Raum der Stille voll tiefer Bedeutung zu betreten, um sich vom Ansturm der täglichen Sorgen zu erholen und die Leichtigkeit, die Kreativität, die regenerative Kraft der eigenen, wahren Natur zu spüren!


Abbildung des Lungen-Meridians

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥  - Sorgfältige Ausführungen zu den 14 Meridianen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca. 1304-1386).

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...