Diejenigen von uns, die in der Vergangenheit mit den Übungen der Sechs Heilenden Laute in Berührung gekommen sind, kennen die Laute höchstwahrscheinlich in dieser Version (ich schreibe sie hier in deutscher Lautschrift hin und nicht in standardisierter Umschrift aus dem Chinesischen):
Leber: hsü
Herz: he-a
Milz: hu
Lunge: sss
Niere: tschue-i
Sanjiao: hsi
Dass es eine Reihe von Varianten bei der Aussprache der Laute gibt, ist bei uns hingegen nicht so bekannt. (Auf die unterschiedlichen Daoyin-Bewegungen brauche ich hier nicht einzugehen, da die Laute ursprünglich nur als Atmung ohne Bewegungen praktiziert wurden. Die Bewegungen kamen später hinzu und sind entsprechend divers.)
Ich hatte es ja schon zu Anfang dieses Blogs erwähnt, dass wir die Laute in einer alten Aussprache üben, die dem Klangbild des Nanjing-Chinesisch von vor 1500 Jahren entspricht. Diese Variante ist Ergebnis der Arbeit am Forschungsinstitut für Qigong in Shanghai. Unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng ist mit den dortigen Spezialisten seit Jahrzehnten befreundet, er hat auch das Vorwort zu dem vom Forschungsinstitut verfassten Buch über die Heilenden Laute verfasst, und es war durch Prof. Lin und seinen Sohn Lin Hai, dass ich dann diese Übungen kennenlernte.
Die Version, die wir zur Zeit üben, ist folgende (mit Ausnahme der Niere, da habe ich tschue-i beibehalten):
Leber: hsü
Herz: he-a
Milz: hu
Lunge: he-i
Niere: tsss
Sanjiao: hsi
Es gibt darüberhinaus jedoch noch eine Reihe anderer Variationen:
Zur Zeit werden in China hauptsächlich die Heilenden Laute der Chinesischen Health Qigong Association propagiert, sozusagen die staatlich sanktionierte Form der Übungen. Im Unterschied zur traditionellen Übungsweise werden in der Version der Health Qigong Association die Laute nicht nur vorgestellt, sondern tonhaft ausgesprochen. Diese Version ist unter allen die jüngste, und ich erwähne sie hier nur quasi nebenbei. Die Laute sind folgende:
Leber: hsü
Herz: he-a
Milz: hu
Lunge: hsi
Niere: tschue-i
Sanjiao: hsi
In den letzten Jahrzehnten waren in China zwei Versionen am weitesten verbreitet: die von Ma Litang 马礼堂 und die von Nan Huaijin 南怀瑾.
Die von Ma Litang unterrichteten Laute sind folgende:
Leber: hsü
Herz: ke-a
Milz: hu
Lunge: hsia
Niere: tschue-i
Sanjiao: hsi
Den Laut für die Lunge hatte Ma Litang von sss zu hsia verändert, weil er auch Grubenarbeiter aus Kohlebergwerken unterrichtete. Der Laut hsia, dynamisch eingesetzt, erwies sich für deren besonders vom Kohlenstaub belastete Lungen als am wirksamsten.
Bis auf den doch sehr veränderten Laut der Lunge entspricht die Ma Litang-Version der ganz zu Beginn erwähnten Standard-Version.
Nan Huaijin 南怀瑾 , ein wichtiger und einflußreicher traditioneller Lehrer, hatte einen Ansatz gleich dem des Shanghaier Qigong-Instituts.
Die chinesische Sprache hat sich ja im Lauf der Jahrtausende in der Aussprache sehr verändert, das moderne Mandarin ist eine nordchinesische Sprache und entspricht ungefähr dem Peking-Dialekt.
Die Heilenden Laute sind jedoch viel weiter im Süden entstanden, in der Gegend des heutigen Nanjing. In Süd-China werden ganz andere Sprachen gesprochen. Die Schrift ist dieselbe, die Sprachen selbst sind ganz anders. So wird das Shanghai-Chinesisch in Peking nicht verstanden, das gilt auch für Kantonesisch, Minnan-Chinesisch (das in Fujian und Taiwan gesprochen wird), die Sprache der Hakka usw.
Die südchinesische Aussprache der Laute ist jedenfalls näher dran am ursprünglichen Klang. Dazu kommt noch, dass die südchinesischen Sprachen das Klangbild des alten Chinesisch zu einem gewissen Ausmaß bewahrt haben. Nan Huaijin meinte demgemäß: Übt die Laute nicht in der nordchinesischen Aussprache, verwendet die Aussprache der Hakka, des Kantonesischen oder des Minnan-Chinesischen. Seine Laute waren diese:
Leber: hoi
Herz: ho
Milz: hu
Lunge: si
Niere: tschue-i
Sanjiao: hi
Es gibt noch eine Reihe anderer Versionen, aber es ist nicht nötig, die jetzt alle aufzuzählen.
Im Praktischen sind für uns zwei Dinge wichtig:
Erstens: dass letztlich alle diese Varianten wirken. Vor allem in den 80er und 90er-Jahren wurde in China sehr ausführlich Qigong-Forschung betrieben, die therapeutische Wirksamkeit war eines der Forschungsthemen. Ma Litang, der als Arzt arbeitete, berichtete von sehr guten therapeutischen Ergebnissen, es gibt aber genügend Krankengeschichten, die die therapeutische Wirksamkeit auch bei den anderen Versionen der Heilenden Laute belegen.
Zweitens: auch wenn es nicht so wichtig ist, für welche der Lautvarianten man sich entscheidet, gibt es doch leichte Unterschiede, die beim Üben zum Tragen kommen. Wenn man die Ausatmung mit den älteren Lautvarianten übt, scheint es leichter zu sein, dies frei und entspannt zu tun. Bei der modernen Standardversion fällt einem dies in der Regel schwerer, man hat wegen der anderen Lautcharakteristik bald einmal das Gefühl, dass es bei der Ausatmung einen gewissen Widerstand gibt. Das spricht dann doch mehr dafür, die Übungen in unserer Variante oder in der von Nan Huaijin zu üben.