Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Sunday, September 26, 2021

Ganzheitsmedizinischer Kongress in Wien zu Covid 19 - Therapie, Prävention und Nachsorge

Über die wichtige, wesentliche und äußerst erfolgreiche Rolle, die die TCM in der Pandemiebekämpfung und -kontrolle in China spielt, wird in den Medien seit eineinhalb Jahren nicht berichtet. Darüber habe ich auf meinem Blog schon des öfteren geschrieben, und es wird sich wohl auch weiterhin nichts daran ändern.

Dass es sich bei der TCM nicht um eine Sammlung alternativer, exotischer Behandlungsmethoden, sondern um eine Wissenschaft handelt, ist den wenigsten bewusst. Die Bereitschaft, sich mit ihr auseinanderzusetzen oder sie ernst zu nehmen, ist sehr gering, sie zu ignorieren oder herablassend zu belächeln, ist viel bequemer.

Dabei können die theoretischen Konzepte der TCM sehr wohl auch als notwendige Fragen verstanden werden, inwieweit jenseits der uns geläufigen Wissenschaft andere Arten des Denkens über die Realität möglich sind. Könnte es sein, dass in der TCM etwas von den Prozessen des Lebens verstanden wird, das sich unserer Denk- und Sichtweise verschließt? Könnte der Erfolg der TCM-Prävention, Behandlung und Nachsorge bei Covid 19 etwas damit zu tun haben?

Veranstaltet von der Akademie für Ganzheitsmedizin fand dieses Wochenende in Wien auf der Sigmund-Freud-Universität der Ganzheitsmedizinische Kongress zu Covid 19 statt. Mein Freund und Kollege MMag. Erich Stöger berichtete dabei über die Chinesische Arzneitherapie bei Covid in China und in Europa sowie über die Erfahrungen der TCM-Behandlung von SARS im Jahr 2003, die dem Erfolg der TCM bei der Kontrolle der Covid-Pandemie zugrundeliegen.

Prof. Lin Zhongpeng, mein verehrter Qigong-Lehrer, hatte damals während der SARS-Epidemie eine wichtige Rolle inne, war er es doch, der bei der chinesischen Staatsführung interveniert und erreicht hatte, dass die Chinesische Medizin zur Behandlung von SARS in Peking zugelassen wurde, woraufhin in kürzester Zeit die Epidemie kontrolliert und beendet werden konnte.

Dies wird in einem Ausschnitt aus einem längeren chinesischen Dokumentationsfilm über die letzten hundert Jahre Chinesischer Medizin behandelt. MMag. Erich Stöger hat ihn für seinen Vortrag auf deutsch übersetzt und mit einer deutschen Tonspur unterlegt. Prof. Lin Zhongpeng schickte dann auf meine Bitte hin sowohl eine Audio- als auch eine Video-Grußbotschaft an den Kongress.

Hier sind Film, Audio- und Videobotschaft:








Hier ist das Transkript der Videobotschaft von Prof. Lin:

Guten Morgen Árpád! Verehrte alte und neue Freunde aus Europa, guten Morgen!

Dass sich heute bei diesem Kongress so viele Teilnehmer zu einem Austausch zur Problematik von Covid 19 zusammenfinden, ist von großer Wichtigkeit.

Auch in China war und ist die pandemische Lage sehr ernst, doch gab es vom 17. Mai 2020 bis heute nur zwei Todesfälle. Könnten alle Länder das Niveau Chinas erreichen, dann wäre die Lage weltweit schon beruhigt, dann wären wirklich schon Frieden und Ruhe eingekehrt.

Ich möchte hier kurz drei Dinge ansprechen:

Erstens: Rückblickend erkennt man, dass in China eine Lösung des Problems schon seit der SARS- Epidemie 2003 existiert. Ich war zu dieser Zeit nach Guangzhou entsandt worden, bei einer dortigen Konferenz erfuhren wir erst, wie ernst die Lage gewesen war. Doch zum Zeitpunkt unserer Ankunft herrschte schon wieder fröhliches Leben, und der Alltag ging so ruhig und normal vor sich, dass klar war, dass das Problem gelöst war.

Zweitens: Das infektiöse Geschehen in China ist grundsätzlich unter Kontrolle. Wie kann es sein, dass in allen anderen Ländern der Welt das Virus immer noch wütet? Diese Tatsache sollte zu gründlichem Bedenken Anlass geben.

Drittens: Warum stellt sich ein Problem erneut, nachdem es schon gelöst worden war? Auch dies sollte gründlich bedacht werden.

Wir sind der Auffassung, dass es große Anstrengungen brauchen wird, da das tatsächliche Potential der Traditionellen Chinesischen Medizin bis heute nicht vollkommen realisiert wurde.

Bezüglich der Traditionellen Chinesischen Medizin und Pharmakologie herrschen im Allgemeinen folgende Einstellungen:

Die erste: Sie ist wirkungslos.

Die zweite: Sie wirkt, aber der Wirkmechanismus ist unklar.

Aus verschiedenen Gründen ist das Verständnis der Traditionellen Chinesischen Medizin und Pharmakologie äußerst beschränkt und begrenzt, darum ist es notwendig, ihre gesamte Entwicklung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gründlich zu erforschen.

Die dritte: Die Wirkungen der Traditionellen Chinesischen Medizin und Pharmakologie sind nicht wissenschaftlich, wobei in Bezug auf Wissenschaft die westliche Medizin als Standard genommen wird.

Letztere Einstellung muss dringend verändert werden. Sie ist ein Problem nicht nur in Europa und Amerika, sondern auch in China und bedarf der Veränderung. Erst wenn die Überlieferung der Traditionellen Chinesischen Medizin recht verstanden wird, kann auch ihr Wirkpotential voll verstanden und entfaltet werden.

Diese drei Aspekte sind miteinander verbunden. Dass dies heute von unseren Freunden in Wien thematisiert werden kann, hat große Bedeutung. Führt dieser Kongress dazu, dass die Möglichkeiten der TCM besser erforscht, verstanden und entfaltet werden können, kommt das der ganzen Welt zugute. Die Haltung des Ignorierens und Außerachtlassens der Traditionellen Chinesischen Medizin müssen wir von Grund auf verändern.

Darum hoffe ich, dass die Bemühungen aller bei diesem Kongress zu einem großen Erfolg führen und helfen werden, den Zustand der Machtlosigkeit gegenüber der Pandemie zu überwinden.

Das Neue Coronavirus ist gar nicht mehr so neu. Das Wüten von Delta, der aktuellen Variante des Virus, hat weltweit wieder eine neue Runde von Befürchtungen und Ängsten ausgelöst. Diese sind nicht leicht zu beseitigen. Dafür ist ist vonnöten, dass sich unser Erkenntnismodus ändert, um zu einer anderen Einstellung der Traditionellen Chinesischen Medizin gegenüber finden zu können.

Mit diesen Worten wünsche ich dem Ganzheitsmedizinischen Kongress in Wien einen vollen Erfolg, dass er Positives für die Welt und zu einem gründlichen und vollständigen neuen Verständnis der Bedeutung der Traditionellen Chinesischen Medizin führt. Ist das Verständnis einmal da, ist in einem letzten Schritt die Lösung von Problemen auch nicht schwierig.

Ich wünsche allen Zuversicht und Vertrauen!

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Prof. Lin Zhongpeng 林中鹏
Prof. Lin Zhongpeng 林中鹏 (*1939) ist seit 1973 maßgeblich an der Modernisierung der chinesischen Medizin beteiligt.

Zwischen 1980 und 2000 unterrichtete er Methodologie der Chinesischen Medizin und Pharmakologie, war Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur Erforschung und Entwicklung der Chinesischen Volksmedizin sowie der Internationalen Akademischen Gesellschaft für Medizinisches Qigong, und leitete die renommierte Ausbildungs- und Fortbildungsakademie für Qigong in Beijing.

Seit dem Jahr 2000 beschrieb er in zahlreichen Artikeln das der Chinesischen Medizin zugrundeliegende ganzheitliche Denken sowie die methodologischen Unterschiede zwischen westlicher und chinesischer Wissenschaft.

Sein Ausbildungsprogramm „Das ursprüngliche medizinische Denken der Chinesen und der Weg der Gesundheit" wurde 2010 von der Staatlichen Verwaltung für Traditionelle Chinesische Medizin in das „Nationale Fortbildungsprogramm für Chinesische Medizin" aufgenommen.

Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören "Meridian Magnetic Field Therapy“ 《Jingluo cichang liaofa 经络磁场疗法》, "Methodology of Chinese Medicine“ 《Zhongyiyaoxue fangfalun 中国医药学方法论》, "Research on Meridian Quantum Channels“ 《Jingluo liangzihua tongdao yanjiu 经络量子化通道研究》, "Uncovering the Ancient Mysteries of Alchemy“ 《Jiemi liandanshu qiangu aomi 揭秘炼丹术千古奥秘》, "Strategies for the Development of Chinese Medicine in the New Century“ 《Xin shiji zhongyiyao fazhan zhanlue 新世纪中医药发展战略》, "Strategic Reflections on the Development of China's Health Food Industry“ 《Zhongguo baojian shipin chanye fazhan zhanlue sikao 中国保健食品产业发展战略思考》, "Chinese Qigong Science“ 《Zhonghua qigongxue 中华气功学》, „Reflections on True Qi Sublimation“ 《Zhenqi shenhua xinwu 真气升华心悟》, „Insights on Reading Laozi“ 《Du lao gouchen 读老钩沉》 "From SARS to Swine Flu“ 《Cong SARS dao zhuliugan 从 SARS 到猪流感》 , „At the Interface of Body and Mind - A General Survey of 100 Years of Qigong Research 1912-2011“《Shenxingzhiji - bainian qigong yanjiu niaokan 身形之际 - 百年气功研究鸟瞰 1912-2011》.

Wednesday, June 30, 2021

Eine Qigong-Übungsfolge für den Sommer

Blog und YouTube-Kanal gehen nun in die Sommerpause. Zum Abschluss ist hier noch ein Video mit einer kurzen Übungsfolge zur besonders im Sommer notwendigen Unterstützung des Qi von Herz und Milz. 

Ich hoffe, dass die Inhalte, die wir gepostet haben, hilfreich waren. Der Blog bleibt natürlich trotz Pause im Netz, und die Inhalte werden weiterhin frei zugänglich sein. Dasselbe gilt für den YouTube-Kanal.

Allen, die uns und unsere Arbeit unterstützt haben, möchten Kerry und ich hier unseren herzlichsten Dank aussprechen. Wir wünschen allen gute Gesundheit und einen schönen Sommer!


Saturday, June 26, 2021

Ist der Geist still, wird es von selbst kühl...

Um am letzten Posting anzuschließen: In der Qigong-Praxis berücksichtigt man die jahreszeitlichen Aspekte des Qi, darum ist es im Sommer, zur Zeit des kulminierenden Yang, besonders wichtig, das Qi des Herzens (das große Yang des Organismus) zu regulieren, das Yin zu unterstützen, das "Herzfeuer" (durch die Hitze befeuert) zu senken, den Geist zu beruhigen und Qi und Blut zu harmonisieren. Der Körper kann sich so besser an die hohen Temperaturen anpassen, das Qi wird nicht erschöpft, man wird weniger Müdigkeit fühlen, und generell kann so die Gesundheit gestärkt werden. 

Zur Regulation des Qi des Herzens gibt es mit dem Sitzen in Stille eine einfache Methode. Das Betrachten des Atems, eine der alten Übungen des Sitzens in Stille, habe ich auf dem Blog schon beschrieben: hier und hier

Diese traditionellen Methoden sind immer äußerst einfach. Gao Panlong 高攀龍 (1562-1626) schreibt in seiner Abhandlung über das Sitzen in StilleBei der Methode des Stillsitzens ist nichts Besonderes erforderlich, auf ganz gewöhnliche Art und Weise lässt man Stille aus dem Stillsein hervorgehen. Die Idee des Gewöhnlichen sollte nicht leicht genommen werden, verweist sie doch auf die eigentliche Beschaffenheit der eigenen inneren Natur. Ist diese rein und still und belastet von nichts, dann kann sie gewöhnlich genannt werden. Vor dem Erscheinen der ersten Linie sind die Wandlungen so. Die innere Natur des Menschen ist von Geburt an still  - was davor liegt, ist so. Der Zustandbevor sich Freude, Zorn, Kummer und Glück manifestieren, ist auch so. Es ist das Von-Selbst-So des himmlischen Prinzips, etwas, was jeder in sich verkörpern sollte, um den Weg zu erlangen..." 

Mit anderen Worten: Übt man sich im ruhigen Sitzen, dann kommt man in Kontakt mit der ursprünglich inneren Natur, die ruhig ist und still. 

Das Üben kann man darum sehr einfach angehen. Man sitzt aufrecht, auf einem Polster oder einem Stuhl, atmet ruhig und ist sich des Atems gewahr. Mit dem sanften und langsamen Ein- und Ausatmen dehnt sich das Qi allmählich aus und erfüllt den ganzen Körper. Geist und Aufmerksamkeit steigen und fallen mit dem Atem, der mit der Zeit feiner wird und immer noch feiner. Mehr ist nicht nötig, mehr zu tun, wäre sogar inkorrekt. Man bleibt im Gewöhnlichen. Praktiziert man solcherart das ruhige Sitzen, vereinen sich mit der Zeit Herz/Geist und Atem und man findet Eintritt in einen inneren Raum der Stille und Leere. 

Und dort, in der inneren Leere und Stille, findet sich auch, was der Organismus im heißen Sommer braucht.

Einst stattete der Dichter Bai Juyi 白居易 (772-846) dem Zen-Meister Heng Ji 恆寂 einen Besuch ab. Es war ein brütend heißer Tag, doch Heng Ji weilte still und zufrieden in seinem Zimmer. Bai Juyi fragte: Meister, warum begeben Sie sich in dieser Hitze an keinen kühleren Ort?" Heng Ji erwiderte: Es ist angenehm kühl hier drinnen!" Bai Juyi verstand augenblicklich und verfasste daraufhin dieses Gedicht:

苦熱題恆寂師禪室    In brütender Hitze, über den Zen-Raum des Meisters Heng Ji

人人避暑走如狂        Jeder sucht wie verrückt der Hitze zu entrinnen,
獨有禪師不出房        Nur der Zen-Meister verlässt nicht sein Zimmer.
非是禪房無熱到        Nicht dass die Hitze den Zen-Raum nicht erreichte,
為人心静身即凉        Doch ist der Geist des Menschen still, ist auch der Körper kühl.

Geschichte und Gedicht handeln von der Zen-Meditation, doch ist damit auch eine Anleitung für Qigong und Lebenspflege in der heißen Jahreszeit gegeben.

Ganz einfach: Sich hin und wieder der Stille zu erinnern, sich hin und wieder in die Stille zu begeben. Auf ganz gewöhnliche Art und Weise. 

„Ist der Geist still, wird es von selbst kühl."

Wednesday, June 23, 2021

Eine Massage für die heißen Tage

In diesem Video zeige ich eine einfache und hoffentlich praktikable Kombination dreier Akupunkturpunkte, um die Auswirkungen der hohen Sommertemperaturen auf den Organismus zu mindern.

Im Sommer ist es vor allem wichtig, das Qi des Herzens zu regulieren. Wird seine Regulation durch die Hitze beeinträchtigt, oder geht sie verloren, kann eine Reihe von Problemen entstehen: Es entwickelt sich Herz-Feuer (xinhuo 心火), es kommt zu einer blockierten Brust, blockiertem Qi, zu Kreislaufproblemen, Atemlosigkeit, Schwindel, Druck in der Brust, zu schnellem oder unregelmäßigem Puls, Müdigkeit, gestörtem Schlaf,  der Unfähigkeit, zu schlafen, Reizbarkeit, Niedergeschlagenheit, dem Gefühl, weinen zu wollen etc.

Durch die Massage von laogong 勞宮 Herzbeutel 8, neiguan 內關 Herzbeutel 6 und shenmen 神門 Herz 7 kann man der Hitze entgegenwirken und die Regulation des Herz-Qi unterstützen. Die Massage öffnet die Brust, senkt das Herz-Feuer, bewegt das Qi, fördert gute Laune, beruhigt und hilft, die Schlafqualität zu verbessern.

Massiert wird, wie ich im Video zeige, mit dem Daumen, kreisförmig in beide Richtungen. Je regelmäßiger, desto besser. 

Monday, June 21, 2021

Sommersonnenwende - eine spezielle Qigong-Übung

Heute am frühen Morgen war die Sommersonnenwende, der Zeitpunkt im Jahr, an dem das Yang-Qi kulminiert und das Yin wieder zu wachsen beginnt. Auch für diesen Zeitpunkt- bzw. diese Zeitperiode gibt es eine Daoyin-Übung.

Zur Zeit der größten Ausdehnung des Yang ist es wichtig, das Qi des Herzens zu pflegen. Dies kann auf verschiedene Art und Weise erfolgen, durch ausreichend Rast und Schlaf, durch die Ernährung, durch Stimulation bestimmter Akupunkturpunkte, durch ruhiges Sitzen und eben durch die Übung, die ich hier zeige.

Die Hände sind dem Herzen und der Phase Feuer zugeordnet, die Füße den Nieren und der Phase Wasser. Ist die Qi-Beziehung von Herz und Nieren geordnet, dann unterstützen und kontrollieren einander Wasser und Feuer, das Herz-Feuer wärmt das Nieren-Wasser und das Nieren-Wasser kontrolliert das Herz-Feuer, das Idealbild einer stabilen Gesundheit. 

Im Buch der Wandlungen findet man diesen Zusammenhang in den Hexagrammen 11 Tai - Friede, 12 Pi 否 - Stockung, 64 Wei Ji 未濟 - Vor der Vollendung und 63 Ji Ji 既濟 - Nach der Vollendung ausgedrückt.

So heißt es z.B. im Bild zu Vor der Vollendung: Das Feuer ist oberhalb des Wassers: das Bild des Zustands vor dem Übergang. So ist der Edle vorsichtig in der Unterscheidung der Dinge, damit jedes auf seinen Platz kommt."

Richard Wilhelm kommentiert dazu, und damit ist eigentlich schon alles Wesentliche gesagt: „Das Feuer schlägt nach oben, das Wasser dringt nach unten, daher keine Vollendung. Wollte man sie gewaltsam durchführen, so entstünde Schaden. Darum muß man teilen, um zu verbinden. Man muß die Dinge so sorgfältig an ihren Platz stellen wie Feuer und Wasser, damit sie sich nicht bekämpfen."

Darum auch die Warnung im Urteil: Vor der Vollendung. Gelingen. Wenn aber der kleine Fuchs, wenn er beinahe den Übergang vollendet hat, mit dem Schwanz ins Wasser kommt, dann ist nichts, das fördernd wäre."

Der menschliche Organismus stellt ein komplexes Muster von Qi dar, seine Gesundheit hängt von der Ordnung dieses Musters ab. Je geordneter das Qi (je stabiler diese Ordnung), desto stabiler die Gesundheit. Alle guten Qigong-Übungen suchen die natürliche Ordnung des Qi zu fördern. Darum geht es auch in der heutigen Übung: um die innere Ordnung des Qi, ausgedrückt im rechten Verhältnis des Qi von Herz und Nieren. 

Das Urteil zu Hexagramm 11 drückt dieses rechte Verhältnis folgendermaßen aus: „Der Friede. Das Kleine geht hin, das Große kommt her. Heil! Gelingen!"

Richard Wilhelm meint dazu: „Das Empfangende (Kun 坤 - das ursprüngliche Yin), dessen Bewegung sich nach unten senkt, ist oben, das Schöpferische (Qian 乾 - das ursprüngliche Yang), dessen Bewegung nach oben steigt, ist unten. Ihre Einflüsse begegnen daher einander und sind in Harmonie, so daß alle Wesen blühen und gedeihen... Das Zeichen deutet in der Natur auf eine Zeit, da sozusagen der Himmel auf Erden ist. Der Himmel hat sich unter die Erde gestellt. So vereinigen sich ihre Kräfte in inniger Harmonie. Dadurch entsteht Friede und Segen für alle Wesen."

Um den Himmel unter die Erde zu stellen", macht man dies: Man sitzt auf dem Boden, mit ausgestreckten Beinen, verschränkt die Finger und greift die Sohle des einen Fußes. Man hebt den Fuß, langsam, und drückt für ein paar Sekunden gegen die verschränkten Hände. Dann den Fuß senken. Die Bewegung wird dreimal auf jeder Seite ausgeführt.  Den genauen Ablauf sieht man im Video.

Das Bein muss nicht durchgestreckt werden, das Wesentliche ist die Spannung, die durch den Druck des Fußes gegen die Hände erzeugt wird.

Im menschlichen Organismus bewegen sich - in dieser Zeit der Fülle des Yang - Qi und Blut mehr zur Körperoberfläche, die Gewebeschicht zwischen Haut und Muskeln ist offener. In der Chinesischen Medizin wird darum darauf geachtet, dass sich die Körperflüssigkeiten auf korrekten Bahnen bewegen, ansonsten können Probleme entstehen wie z.B. Ödeme, oder dass das Qi des Herzens erschöpft wird.

Durch die Spannung zwischen Händen und Füßen wird der Fluss in den Shaoyin- (Herz und Niere) und Shaoyang-Meridianen (Dreifacher Erwärmer und Gallenblase) gefördert, Qi und Blut werden sich geordneter bewegen, das Schwitzen wird auf den normalen Bahnen erfolgen, das Qi des Herzens erschöpft sich nicht und wird beruhigt, alle Qi-Gefäße des Körpers werden trainiert und das Yang-Qi kann sich gleichmäßig ausbreiten.


Thursday, June 17, 2021

Eine Massage zur Stärkung von Milz und Magen

Heute möchte ich eine spezielle Massage zur Stärkung von Milz und Magen vorstellen, wie sie von dem vor zwei Jahren im Alter von 94 Jahren verstorbenen Dr. Song Zuomin 宋祚民 unterrichtet wurde. Dr. Song, in China mit dem Ehrentitel „Nationales Kleinod" ausgezeichnet, hatte großes Renommee als Spezialist unter anderem für Krankheiten des Magen-Darm-Trakts und praktizierte diese Methode der Massage selbst über Jahrzehnte. Von ihrer Einfachheit darf man sich nicht täuschen lassen, wie viele traditionelle Methoden zur Pflege und Erhaltung der Gesundheit ist sie, vorausgesetzt man praktiziert regelmäßig und beharrlich, von hervorragender Wirksamkeit.

Wenn man von der jahreszeitlichen Resonanz von Mensch und Natur ausgeht, ist jetzt im Sommer die beste Zeit, die Qi-Funktionen von Milz und Magen zu unterstützen. Es gibt in der chinesischen Medizin den Begriff des Langen Sommers" (changxia 長夏), der sich auf einen Zeitraum im späteren Sommer bezieht, der vier solare Perioden (jieqi 節氣) umfasst: Große Sommerhitze dashu 大暑 (heuer am 22. Juli) - Herbstbeginn liqiu 立秋 (7. August) - Ende der Sommerhitze chushu 处暑 (22. August) - Weißer Tau bailu 白露 (7. September). 

Der Lange Sommer" ist in der Chinesischen Medizin 
der Wandlungsphase Erde zugeordnet, wie auch das Organpaar  Milz und Magen, darum gilt er als wichtige und am besten geeignete Zeit, Milz und Magen zu stärken und zu nähren. Das heißt aber nicht, dass die Massage nur zu diesem Zeitpunkt gemacht werden sollte, kommt doch der Milz (und untrennbar davon dem Magen als korrespondierendes Organ) im Qi-Zusammenhang des Körpers eine äußerst wichtige Funktion zu. Die Milz ist die Quelle des Nachhimmlischen Qi" (houtianqi 後天氣 - das durch die Nahrung tagtäglich erworbene Qi) und der Ursprung der Erzeugung und Transformation von Qi und Blut". - Die andere Qi-Quelle sind die Nieren als Quelle des Vorhimmlischen Qi" (xiantianqi 先天氣 - das ursprüngliche, ererbte Qi-Potential des Menschen).

Die Massage ist sehr einfach und dauert nicht lang. Sie kann im Stehen, Sitzen oder Liegen ausgeführt werden. Zuerst entspannt man sich, lässt den Atem fließen und tritt in einen Zustand tieferer Ruhe ein. Dann werden die Hände gerieben, bis sie warm sind. 

Anschließend werden die Hände aufeinander gelegt und der Bauch kreisförmig massiert, mit je 64 Kreisen, zuerst gegen und dann im Uhrzeigersinn. Danach massiert man 64 Mal in einer geraden Linie von der Brustmitte bis zum Unterbauch. 

Beim Massieren streichen die Hände nur weich über den Körper. Nicht drücken! Keine Kraft verwenden!

Die beste Wirkung erzielt man, wenn man die Massage einmal gleich in der Früh und ein zweites Mal abends vor dem Schlafengehen macht.  

Es werden dabei alle Organe im Bauchraum und eine Reihe von Akupunkturpunkten auf dem Konzeptionsgefäß (KG) stimuliert. Darunter sind tanzhong (KG 17) - shangwan 上腕 (KG 13) - zhongwan 中腕 (KG 12) - xiawan 下腕 (KG 10) - shenque 神闕 (KG 8) - qihai 氣海 (KG 6) - guanyuan 關元 (KG 4). Alle diese Punkte haben mit den Qi-Funktionen von Milz und Magen zu tun. 

Um nur zwei der Punkte herauszugreifen: Tanzhong befindet sich in der Mitte der Brust, in der Mitte der Linie, die die beiden Brustwarzen verbindet. Im Inneren Klassiker des Gelben Kaisers wird tanzhong als Minister des Herrschers (mit Herrscher ist das Herz gemeint) und als Ozean von Qi" bezeichnet. Seine Funktion ist der Schutz des Herzens und die ungehinderte Bewegung des Qi durch den ganzen Körper, wodurch sich auch die Funktionen von Milz und Magen verbessern.

Qihai befindet sich am Unterbauch, 1,5 Zoll (zwei Fingerbreiten) unterhalb des Nabels. Der Punkt Qihai  wärmt den ganzen Körper", heißt es. Es handelt sich bei diesem Punkt ebenfalls um einen Ozean von Qi", über den der ganze Körper gewärmt und gestärkt werden kann. Bei Menschen mit angeborenem Qi-Mangel, erworbener Qi-Schwäche oder schwacher Konstitution ist das Massieren von qihai sehr hilfreich, auch bei Magenproblemen sollte qihai regelmäßig massiert werden. 


Tuesday, June 15, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Alle Übungen

Ein Video zum Mitüben: die vollständige Folge der Weichen und Entspannten Übungen.

Jede der Bewegungen wird sechs Mal wiederholt (drei Mal zu jeder Seite, wenn die Bewegung nach links und rechts geht). 

Ich halte sehr viel von diesen Übungen. Hervorragend für die eigene Qigong-Praxis geeignet, kommen sie auch als therapeutische Übungen in Krankenhäusern zur Anwendung. In ihnen sind Prinzipien des Taijiquan, der Südlichen Richtung der Inneren Alchemie und der Tradition der Daoyin-Übungen verkörpert: 

Weichheit und Lockerheit; die Betonung des Sinkens, der Fokus auf den Unterbauch; Klarheit, Stille, Natürlichkeit und Nicht-Tun; das TCM-Verständnis des Kreislaufs von Qi und Blut und der Qi-Funktionen der Organe; die Daoyin-Prinzipien der Verbindung von Aufmerksamkeit, Atem und Bewegung. 

Den Körper strecken, um ihn weich werden zu lassen, das Qi bewegen, um seine Harmonie zu entwickeln" - mit diesem Zitat aus einem alten Kommentar zum Zhuangzi sind Charakter und Wirkung dieser Übungen sehr gut beschrieben.

Friday, June 11, 2021

Eine Qigong-Übung für die Augen

Es gibt auf diesem Blog schon zwei Übungen für die Augen: das Augenkreisen und die Entspannungsübung für die Augen.

Hier ist nun eine weitere Übung, die ich schon seit längerem zeigen wollte. Ich habe sie vor vielen Jahren von Prof. Cong gelernt.

Die Übung kann im Sitzen oder im Stehen ausgeführt werden. Sie hat mehrere Abschnitte:

1. Zu Beginn wird durch langsames Öffnen und Schließen der Hände (auf Höhe des Unterbauches) das Qi in die Hände bewegt. 

2. Daraufhin werden die Hände vor die Augen gehoben (die Handflächen sind zu den Augen gerichtet) und langsam zu den Augen und von den Augen weg bewegt. 

3. Danach richten sich die Fingerspitzen zu Augen und beschreiben Kreise, in beide Richtungen. 

4. Und schließlich werden die Handflächen auf die Augen gelegt.

5. Am Ende werden die Hände nach unten geführt. Sie beschreiben einige Kreise vor dem Bauch und werden zum Abschluss auf das Dantian gelegt.

Wenn man Zeit hat, kann man zusätzlich auch einige Akupunkturpunkte massieren (zwischen den Übungsabschnitten 4 und 5): 

jingming 睛明 (Blase 1) - am inneren Augenwinkel 

tongziliao 瞳子髎  (Gallenblase 1) - am äußeren Augenwinkel

cuanzhu 攢竹 (Blase 2) - am inneren Augenbrauenrand

sizhukong 絲竹空 (Dreifacher Erwärmer 23) - in einer Vertiefung neben dem äußeren Augenbrauenrand

taiyang 太陽 (ein Punkt außerhalb der Meridiane) - an der Schläfe, in der Vertiefung hinter dem Augenwinkel.

Danach mit Mittel- und Ringfinger sanft über die Augenlider streichen, von innen nach außen.


Wednesday, June 9, 2021

Eine weitere einfache Massage zur Erhaltung der Gesundheit

In den letzten Postings habe ich mehrmals das feuchte Qi" erwähnt. In der TCM und im Qigong wird dieses sehr ernst genommen, so heißt es: Die zehntausend Krankheiten haben ihre Wurzel in der Feuchtigkeit".

Im chinesischen Verständnis ist Gesundheit die Regulation, das ausgewogene Funktionieren der Yin- und Yang-Aspekte des Lebens. Alles was die Balance von Yin und Yang beeinträchtigt, kann zum Verlust der Regulation und damit zum Entstehen von Krankheiten führen. Darum zielen TCM und Qigong bei der Behandlung von Krankheiten darauf ab, die verlorengegangene Regulation wiederherzustellen bzw. zur Prävention die Regulation zu verbessern und zu stützen. Gerade der letztere Aspekt ist eminent wichtig. Eine der Leitaussagen der TCM lautet: „shanyi zhi weibing 善醫治未病 - Der gute Arzt behandelt Krankheiten, bevor sie entstanden sind."

Feuchtigkeit ist einer dieser Faktoren, die den Fluss von Qi und Blut behindern, die Regulation beeinträchtigen und eventuell zu ihrem Verlust führen können. Der Symptome sind viele: Wenn man das Gefühl hat, antriebslos zu sein, sich schwer zu etwas aufraffen kann, bei mangelnder Kraft in den Gliedmaßen, wenn sich beim Stiegensteigen (oder generell beim aufwärts gehen) die Beine schwer anfühlen oder kaum heben lassen, bei Wassereinlagerungen im Gewebe, wenn man im Kopf unklar ist oder sich sogar wie im Nebel fühlt, wenn man sich nicht konzentrieren und keine klaren Gedanken fassen kann, wenn man vergesslich ist, wenn die Verdauung beeinträchtigt ist, bei Blähungen, zu losem Stuhl oder Verstopfung, wenn man sich nach dem Essen zu voll fühlt, wenn man sich „down" fühlt, nervös oder unterschwellige Ängste oder Beklemmungen hat, all dies deutet auf die Akkumulation von  Feuchtigkeit".

Mehr dazu findet man in dem kurzen Text, den Kerry letztes Jahr verfasst hat, ich verlinke ihn hier nochmals: 

 
Auch Covid 19 ist eine Krankheit, die mit Feuchtigkeit zu tun hat (allerdings viel schlimmer und aggressiver, da geht es um ein Feuchtigkeitstoxin - shidu 湿毒 - und nicht um simples feuchtes Qi wie oben beschrieben), darum haben wir auf diesem Blog besonders darauf geachtet, immer wieder Methoden zu posten, die schützen und vorbeugen, indem sie die Yang-Funktionen des Qi unterstützen und damit der Ansammlung von feuchtem Qi entgegenwirken. 

Im heutigen Posting möchte ich zusätzlich eine Massage zeigen. Eine sehr einfache Massage, sie dauert nicht lange, ein paar Minuten nur. Wenn man sich etwas Zeit gibt und diese Massage über den Zeitraum von zwei oder drei Wochen einmal täglich praktiziert, wird man sicher die Wirkung wahrzunehmen beginnen.

Es wird nur ein einziger Akupunkturpunkt massiert, und zwar der 57. Punkt des Blasenmeridians. Dieser trägt den Namen chengshan 承山, das bedeutet den Berg tragen". Mit dem Berg ist der Körper gemeint, dessen Gewicht der chengshan trägt. Chengshan ist ein wichtiger Knotenpunkt für die Bewegung des Qi, unter seinen vielen Funktionen ist die wichtigste die Ausleitung von Feuchtigkeit. 

Der Punkt befindet sich hinten am Unterschenkel, genau in der Mitte zwischen den Punkten weizhong 委中 Blase 40 und kunlun 崑崙 Blase 60.  Blase 40 befindet sich in der Kniekehle, Blase 60 zwischen dem Knöchel außen (malleolus externus) und der Achillessehne. 

Die genaue Lokalisierung von chengshan lautet: der Punkt zwischen den Gastrocnemius-Muskelköpfen. Auf Deutsch: der Punkt zwischen den beiden Muskelköpfen des Wadenmuskels. Am leichtesten findet man den Punkt, wenn man im Stehen mit einem Finger hinten an der Mittellinie des Beins hochfährt. Ungefähr in der Mitte des Unterschenkels, gerade unterhalb des Wadenmuskels rutscht der Finger in eine Vertiefung, dort ist der Punkt.

Den Punkt massiert man mit den Daumen, auf einem Stuhl oder auch auf dem Boden sitzend, so wie ich es im Video zeige. Ein, zwei Minuten den Punkt drücken, und danach ein paar Minuten in beide Richtungen kreisförmig massieren. Zuerst sanft massieren, und allmählich etwas mehr Kraft verwenden. Aber nicht zu stark massieren.

Wenn man ein paar Minuten lang massiert, wird sich Wärme entwickeln. Der Blasenmeridian ist ja der Große Yang-Meridian der Beine (zu taiyang jing 足太陽經), das Massieren stimuliert das Yang-Qi und zeigt sich als Wärme. Feuchtigkeit blockiert das Qi, es kann dann nicht aufsteigen - das zeigt sich z.B. in unklaren Gedanken, mangelnder Kraft und fehlendem Antrieb. Ist der Blasenmeridian hingegen durchgängig, kann durch das aufsteigende Yang-Qi die Feuchtigkeit transformiert und ausgeschieden werden. Mit dem Steigen des klaren Yang wird auch der Kopf in Folge frei und klar, und auch die anderen oben erwähnten Symptome werden sich verbessern. Darüber hinaus hilft chengshan gegen Krämpfe im Unterschenkel (praktisch beim Bergsteigen oder Schwimmen) und ist auch ein sehr wirksamer Punkt bei Schulterbeschwerden.

Der Punkt ist oft druckempfindlich, vor allem dann, wenn es viel feuchtes Qi im Körper gibt. Das ändert sich durch regelmäßiges Massieren. Was am Anfang wehtut, spürt man nach ein paar Wochen kaum mehr, ein Zeichen, dass die Massage wirkt.


Monday, June 7, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Siebte Übung

Heute geht es wieder weiter mit den Weichen und Entspannten Übungen, nun sind wir schon bei der siebten und vorletzten Übung der Folge angelangt.

Den rechten Arm heben, bis die Finger schauen nach oben zeigen. Die Handfläche ist nach außen gerichtet. 

Die linke Hand am Bein hinunterrutschen lassen. Die Hüfte nach rechts schieben. Nach links beugen. 

Der rechte Arm bewegt sich nach links. Den linken Arm dann ebenfalls strecken. Der Blick richtet sich nach oben zu den Händen.

Aufrichten, die Arme nach oben strecken. Mit den Armen einen vollen Kreis nach rechts beschreiben. Am Ende zeigen die Arme wieder nach oben.

Den rechten Arm senken und die Bewegung seitenverkehrt wiederholen.

Die Bewegung rechts und links einige Male ausführen. Zum Abschluss die beiden Hände seitlich senken.

Einige Male wiederholen.

Die Übung reguliert die Qi-Aktivität in der Wirbelsäule und bewegt das junge Yang-Qi. Sie bringt das Qi in Fluss und breitet es aus. Dieses „Ausbreiten“ ist wichtig für alle Qi-Funktionen des Organismus.

Durch das Öffnen der Brust, der Seiten und der Mitte können Atem, Blut und auch Emotionen freier fließen, und durch den entstehenden inneren Raum werden die Qi-Aktivitäten harmonisiert. Sie funktionieren dann geordneter und reibungsloser. Typischerweise stellen sich dann auch Gefühle der Leichtigkeit und des Wohlbehagens ein.



Friday, June 4, 2021

Körner mit Grannen - eine spezielle Qigong-Übung

In der Nacht auf Sonntag steht die Sonne auf 15° Zwillinge, womit der nächste Jieqi 節氣 - Abschnitt des Jahres erreicht ist. Dieser heißt mangzhong 芒種 „Körner mit Grannen".

Auch für diese Zeitperiode gibt es eine Daoyin-Übung, mit Namen zhang tuo tianmen 掌托天門 „das Tor des Himmels mit den Händen stützen". Durch  Beugen und Strecken der Gliedmaßen und den Wechsel von Entspannung und Spannung wird das Wahre Qi (zhenqi 真氣) im ganzen Körper bewegt und verteilt. Die Übung unterstützt, entsprechend der Qi-Aktivität der Natur, das Yang-Qi des Körpers, fördert die Bewegung des Qi, nährt die Qi-Funktion des Herzens, stärkt die Milz und wirkt der Akkumulation von feuchtem Qi entgegen.

Durch die Übung wird der ganze Körper geöffnet und entspannt. Das langsame Hintereinander der verschiedenen Bewegungsabschnitte zieht das Qi nach oben, bringt es zum Steigen und breitet es im ganzen Körper aus, sodass alle Aspekte des Körpers und des Geistes „genährt" werden können.

Zu Beginn sind die Beine geschlossen. Dann den linken Fuß auf Schulterbreite stellen (oder etwas breiter). Die Arme seitlich auf Schulterhöhe heben, wobei der Impuls vom Mittelfinger kommt.

Die Hände aufstellen, sodass die Finger nach oben zeigen. Die Hände über den Kopf heben, gleichzeitig die Fersen heben. Wenn die Hände über dem Kopf angelangt sind (die Handflächen schauen nach oben) werden die Fersen wieder gesenkt.

Die Finger nach hinten drehen. Nach oben (in den Himmel) schauen.

Die Hände seitlich senken und die Füße wieder zusammenstellen. Zur anderen Seite wiederholen.

Die Bewegung nach links und nach rechts ausgeführt zählt als einmal, insgesamt macht man den Ablauf dreimal. Natürlich kann man die Übung auch öfter wiederholen.

Die beste Übungszeit ist der Morgen, jedoch sind auch andere Zeiten möglich.

Die Übung verteilt das Qi rasch im ganzen Körper, sie ist ein Musterbeispiel für traditionelle Daoyin-Übungen: sehr wirksam, und dabei sehr einfach. So wie es in der Großen Abhandlung zum Buch der Wandlungen heißt: Das Große Dao ist äußerst einfach und leicht.

Wednesday, June 2, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Sechste Übung

Hier ist die sechste der Weichen und Entspannten Übungen.

Man stellt sich während des Übens vor, einen Dreifuß aus Bronze zu heben. 

Vor dem Körper lockere Fäuste machen und heben, bis auf Nabelhöhe (Akupunkturpunkt shenque 神闕 Konzeptionsgefäß 8). Dann werden die Fäuste geöffnet und die Hände gesenkt, das Qi bewegt sich dabei hinunter bis zu den yongquan-Punkten (湧泉 Niere 1) an den Fußsohlen.

Die Handflächen nach oben und die Finger zueinander richten, vor dem Körper heben, bis auf Höhe der Brustmitte (Akupunkturpunkt tanzhong 膻中 Konzeptionsgefäß 17). Dann die Hände nach außen und oben drehen und über den Kopf heben. Der Blick folgt den Händen.

Die Hände über dem Kopf drehen, die Handflächen nach unten richten und die Hände langsam senken.

Einige Male wiederholen.

Die Übung unterstützt sich die Qi-Bewegung hinauf und hinunter, vor allem hilft sie dem Qi zu steigen. Sie bewegt das Blut (xue 血), stärkt die Qi-Funktionen der Organe, reguliert die Qi-Aktivität in oberem, mittlerem und unterem Erwärmer (shang zhong xia jiao 上中下焦) und öffnet die Wasserwege (shuidao 水道). 


Monday, May 31, 2021

Die Fische gedeihen im Wasser, die Menschen gedeihen im Weg...

Liu Zongyuan 柳宗元 (773–819) 

Der alte Fischer 漁翁

漁翁夜傍西岩宿
曉汲清湘燃楚竹
煙銷日出不見人
欸乃一聲山水緑
回看天際下中流
岩上無心雲相逐

Unter dem westlichen Felsen verbringt der alte Fischer die Nacht. 
Am Morgen schöpft er das klare Wasser des Xiang,
Entfacht aus Bambushölzern ein Feuer.
Die Nebel lichten sich, die Sonne bricht durch, 
Kein Mensch mehr zu sehen.
Plötzlich ein Platschen von Rudern 
im Grün der Gewässer und Berge.
Von der Mitte des Stromes blickt er zum Rande des Himmels,
Über den Felsen jagen einander die Wolken, 
Absichtlos.


Wasser stellt ein immer wiederkehrendes Bild der alten daoistischen Philosophie dar. Der daoistische Philosoph Zhuangzi 庄子 lässt im fünften Kapitel seines Buches Konfuzius sprechen:

Die Fische gedeihen im Wasser, die Menschen gedeihen im Weg. Die im Wasser 
gedeihen, tauchen durch die Teiche und finden Nahrung zur Genüge. Die im Weg gedeihen, deren Leben wird durch Nicht-Handeln sicher. Darum heißt es: Die Fische vergessen einander in den Strömen und Seen; die Menschen vergessen einander in den Künsten des Weges.

Und in Kapitel 15 heißt es:

Sich in die Dickichte und Teiche zurückziehen, müßig in der Wildnis leben, an einsamen Plätzen nach Fischen angeln, das Nicht-Tun als einzige Sorge - das ist das Leben, das die Gelehrten der Flüsse und Meere lieben. Gemächliche Müßiggänger sind sie, die sich von der Welt zurückziehen,.

Im Laozi 老子 finden sich viele Stellen, an denen das Dao im Bild des Wassers veranschaulicht wird. 

So im achten Kapitel: Höchste Güte ist wie das Wasser, es nützt allen Dingen und liegt nicht im Streit mit ihnen. Es wohnt an den tiefen Orten, die alle verachten. Darum ist es nahe dem Dao.

Und in Kapitel 43: Das Schwächste auf der Welt überwindet das Stärkste auf der Welt. Was nicht ist, dringt ein in das, was keinen Zwischenraum hat. Daher weiß ich um den Vorteil des Nicht-Tuns. Die Lehre ohne Worte, den Vorteil des Nicht-Tuns, nur wenige unter dem Himmel können dies erreichen.

Auch für die Künste des „Nährens des Lebens“ - also für das, was man heute als Qigong bezeichnet - gelten die vom Wasser abgeleiteten Eigenschaften des Fließens, der Weichheit und Anpassungsfähigkeit, der Unterordnung, der Gestaltlosigkeit, der Leere, des Nicht-Tuns und Nicht-Streitens und der unbehinderten Kommunikation.

Im Heshanggong 河上公, einem der ältesten Kommentare zum Laozi, heißt es zu Kapitel 43:  

... Was nicht ist, bezieht sich auf das Dao. Das Dao besitzt weder Form noch Substanz. Darum kann es kommen und gehen, selbst dort, wo es keinen Raum gibt. Es kann sich den Geistern verbinden und allen Wesen helfen. Ich sehe, dass es nicht-tut, und doch wandeln und vollenden sich die zehntausend Wesen. So erkenne ich den Vorteil des Nicht-Tuns für die Menschen. 

... In Nachahmung des Dao spreche ich nicht, ihm als Lehrer folge ich mit dem Körper. Das Dao nachahmend, handle ich nicht, ich reguliere meinen Körper, und Essenz und Geist werden gefördert. 

... All dies geschieht ohne Anstrengung oder Mühe. Aber nur wenige können es dem Dao gleichtun, indem sie durch Nicht-Tun den Körper und das Reich regulieren. ...

Hier wird auf die Art und Weise Bezug genommen, durch die das Leben genährt, reguliert und wandlungsfähig erhalten werden kann. Dies geschieht nicht durch aktives Handeln, sondern durch Nicht-Tun (wuwei 無為). Das Leben zu nähren, heißt nicht, am Qi zu arbeiten und es durch Absicht und Anstrengung zu vervollkommnen, sondern bedeutet zu lassen, zu lösen und zu öffnen, um den Menschen an die Natur - in den chinesischen Texten meist Himmel (tian 天) genannt - rückzubinden und als deren schöpferische Aktualisierung (als vom Yang belebte Gestalt) von Grund auf zu regenerieren.

Hierzu eine Passage aus dem 15. Kapitel des Zhuangzi: 

Wenn der Körper sich müht, ohne zu rasten, wird er verschleißen; wenn die Essenz ohne Unterlass verbraucht wird, ermüdet sie, und Müdigkeit führt zur Erschöpfung. Es ist die Natur des Wassers, dass es klar ist, wenn nicht mit anderen Dingen vermischt, und eben, wenn nicht aufgewühlt. 

Wird es jedoch durch Dämme gehemmt und kann nicht fliessen, dann wird es seine Klarheit verlieren. In seiner Klarheit ist es ein Symbol der Tugend (De 德) des Himmels. Darum heißt es: Rein zu sein, echt und unvermischt, still, eins und unwandelbar, ohne Geschmack und ohne Tun, sich im Handeln nach den Wirkungen des Himmels zu richten: das ist der Weg, den Geist zu pflegen.

Alles, was lebt, wird starr und stagniert, wenn es die Fähigkeit zu Öffnung und Kommunikation verliert und sich dadurch von den Prozessen der Natur isoliert. Yangsheng 養生, das Nähren des Lebens oder die Unterstützung und Entfaltung des Lebenspotentials, bedeutet: sich durchgängig zu machen, zu öffnen, um kommunizieren zu können und die Fähigkeit zu Transformation und Bewegung zu erhalten. Transformation und Bewegung, diese beiden sind grundlegende Eigenschaften des Qi und damit des Lebens. 

Yangsheng 養生, das Nähren des Lebens und eng damit verwandt Yangshen 養神, das Nähren des Geistes, sind Verfahren, diese Öffnung, Kommunikation und auch Verfeinerung zu erreichen und das Leben so transparent werden zu lassen, dass es sich immer wieder aus dem schöpferischen Urgrund - dem Dao als Quelle der Lebenskraft, dem ursprünglichen Qi (yuanqi 元氣) - zu erneuern vermag.

Die Aktivität des Dao als natürliche Entfaltung, Differenzierung und Transformation des Qi findet zu jedem Augenblick statt. Was das eigene Leben betrifft, so ist der Ort dieser Aktivität der eigene Körper. Das Leben als sich entfaltendes Qi kann jedoch nicht ergriffen und kontrolliert werden, als Potential wurzelt es in der - dem Wasser gleich - form- und gestaltlosen Dimension des Dao. Diese ist dem Bewusstsein und der Kontrolle nicht zugänglich. Darum geht es auch im Qigong in erster Linie darum, ruhig zu werden und still, dabei in der konkreten Erfahrung zu bleiben und nichts hinzuzufügen. Und wenn man solcherart davon Abstand hält, der Welt seinen Willen aufzuzwingen und seine Wünsche und Erwartungen auf das Leben zu projizieren, dann können die natürlichen Aktivitätsmuster des Dao „durchklingen“ und zur Wirkung kommen, dann gibt es nichts, das nicht fördernd wäre", wie es im Yijing, dem Buch der Wandlungen, lautet.

Das bedeutet nun aber nicht, nichts zu tun. Es mag paradox klingen, aber Nicht-tun geschieht nicht durch „nichts tun“. Nicht-tun kann sehr wohl etwas Aktives sein, das Subjekt des Tuns ist jedoch nicht das planende und kontrollierende Ich. Nicht-tun ereignet sich dann, wenn das eigene Tun zum Wirken des Dao wird, und dies ist nur möglich durch einen langen Prozess des Lernens, von der einen Seite, oder des Verlernens, von der anderen Seite betrachtet. Es verlangt sehr wohl ein Üben, Differenzieren und Verfeinern, es verlangt kontinuierliches Tun. Es gibt kein einfaches „drop out and tune in“, kein passives „simply go with the flow “.

Laozi formuliert dies folgendermaßen:

Zu lernen bedeutet, täglich hinzuzufügen. Das Dao zu praktizieren, heißt täglich zu vermindern. Vermindern und weiter vermindern, bis man beim Nicht-Tun anlangt. Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.

Die Stille, das Lassen und das Nicht-Steuern - grundlegende 
Prinzipien des Daoismus - liegen den Übungen des Qigong als Übungen des Nicht-Tuns zugrunde. Durch sie erlernt man allmählich Verhaltensweisen, die es einem erlauben, zumindest ein wenig Teil des großen Prozesses zu sein, der im Begriff Dao zwar einen Namen trägt, doch letztlich unbegreiflich bleiben muss. Der aber verkörpert werden kann.

Und durch diese Verkörperung werden sich auch praktische Resultate dieses Tuns/Nicht-Tuns einstellen. Diese betreffen sicher die Gesundheit, sie können aber natürlich auch darüber hinausgehen. So können größere Offenheit, Spontaneität, mehr Lebendigkeit oder auch Inspiriertheit Folgen dieser Verkörperung sein. Oder vielleicht auch ein anderer Bezug zur Natur, wie z.B. von Liu Zongyuan im Gedicht oben vermittelt.

Saturday, May 29, 2021

Eine einfache Massage zur Stärkung von Nieren-Qi und Essenz

Das heutige Video ist eine Ergänzung zu der Übungsfolge, die ich vorgestern auf diesem Blog hier und auf Youtube gepostet habe. 

Zusätzlich zu den verschiedenen Qigong-Übungen wie Qigong-Gehen, Fanhuangong, Yuanminggong, Dadao Ziranfa etc. hatte Prof. Cong bei seinen Seminaren in Deutschland und Österreich auch diese Massage unterrichtet.

Mit fortschreitendem Alter wird das Ursprungs-Qi schwächer, was sich im Körper als Überfülle des Qi oben und einem Mangel unten zeigt. Durch Übungen wie z.B. dem Taiyi Yuanminggong kann man dem entgegenwirken, und nicht nur durch diese, sondern eben auch durch diese Massage.


Thursday, May 27, 2021

Inmitten der Bewegung die Ruhe suchen - eine Qigong-Übungsstunde

Im heutigen Videos zeige ich eine Übungsfolge von Prof. Cong Yongchun. Die einzelnen Übungen habe ich schon früher auf diesem Blog und auf Youtube gepostet, hier sind sie in einem sinnvollen Zusammenhang. 

Zuerst wird das Qi mittels der großen Kreisbewegung (Öffnen, Schließen, Heben und Senken) harmonisiert, das heißt,  die geordnete Bewegung des Qi nach oben, unten, hinein und hinaus wird gefördert.

Daran schließen sich die Übungen vom Ursprünglichen Licht an (Taiyi Yuanming Gong 太乙元明功 und Da Lianxing 大練形). 

Und schließlich folgen Übungen zur Regulation der Meridiane (Jingluo Daoyin 經絡導引).

Die Übungen sind einfach, leicht zu merken und leicht mitzuüben. Und damit findet man auch leichter in die Ruhe. Dongzhong qiu jing 動中求静 - Inmitten der Bewegung die Ruhe suchen", dies ist eines der wichtigsten und wesentlichsten Prinzipien des Qigong. 


Tuesday, May 25, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Fünfte Übung

Heute geht es wieder weiter mit den Weichen und Entspannten Übungen. Hier ist die fünfte Übung.

Die Händen werden vorne auf Brusthöhe gehoben, mit den Handflächen nach oben. Dann die Hände nach vorne führen und die Arme zur Seite ausbreiten. 

Die Hände drehen, während sich der ganze Körper nach links dreht. Die linke Handrücken wird auf den Punkt mingmen 命门 (LG 4 - unterhalb des 2. Lendenwirbels) gelegt, die rechte Hand drückt etwas seitlich oberhalb des Kopfes nach oben. 

Zurück zur Position mit den ausgebreiteten Armen (die Handflächen sind nun nach unten gerichtet). Die Hände nach innen ziehen und dann nach außen drücken.

Die Hände seitlich senken und die Bewegung zur anderen Seite wiederholen.

Nur so weit zur Seite drehen, wie es angenehm ist. Wie bei allen Qigong-Übungen geht es nicht um die schöne und exakte Form, sondern um die Wirkung auf das innere Qi, die erst durch die Verbindung von Bewegung, Atem und Aufmerksamkeit zustande kommt. 

Das gesunde Qi entwickelt sich durch Yin-Qualitäten, das heißt je lockerer, weicher, natürlicher, unbemühter, auch nachlässiger das Üben, desto besser und tiefgreifender die Wirkungen. Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will", das ist keine der Tradition des Qigong entspringende Redensart.

Die Bewegung hilft, das Qi der Wirbelsäule zu regulieren (Lenkergefäß dumai 督脉, Konzeptionsgefäß renmai 任脉, Gefäß des Großen Durchgangsweges chongmai 冲脉) sowie der inneren Organe zu regulieren. Letzterer Meridian (chongmai) heißt auch Meer der Fünf Speicher- und Sechs Durchgangsorgane, da Qi und Blut aller Organe durch ihn genährt wird. 

Die Übung fördert die Beweglichkeit im Rücken, Rückenschmerzen können durch diese Bewegung gelindert werden, auch durch Wind und Kälte (fenghan 风寒) hervorgerufenen Problemen wirkt sie entgegen.

Friday, May 21, 2021

„Kleine Fülle“ - eine spezielle Qigong-Übung

Die 24 Jieqi 節氣, die solaren Zeitpunkte - und perioden des Jahres habe ich auf diesem Blog schon mehrmals erwähnt. Ein jeder von ihnen ist durch eine bestimmte Qualität des Qi (im Sinne von Klima, Wetter, Atmosphäre) charakterisiert. 

Heute ist wieder einer dieser Zeitpunkte (mit der Sonne auf 0° Zwilling), genannt Xiaoman 小滿 - „Kleine Fülle". Der Name bezieht sich einerseits auf das noch im Wachsen begriffene Yang-Qi - dessen äußerste Ausdehnung erst in einem Monat mit der Sommersonnenwende erreicht ist - und andererseits auf die Phase der Milchreife des Getreides, auf die ja noch weitere Phasen bis zur Ernte folgen, darum kleine" und nicht große Fülle".

Dem daoistischen Meister Chen Tuan 陳摶 (871-989) wird eine Folge von Yangsheng-Übungen für diese 24 Zeiteinteilungen des Jahres zugeschrieben, die sogenannte Daoyin-Methode des Chen Xiyi für die 24 Jieqi (Chen Xiyi ershisi jieqi daoyinfa 陳希夷二十四節氣導引法). Mittels dieser Übungen wird das Qi des Menschen mit dem (derzeitigen) Qi der Natur in Einklang gebracht, im Sinne des Prinzips tianren heyi 天人合一 Himmel/Natur und Mensch sind eins".

Heute möchte ich eine dieser Übungen zeigen, die Daoyin-Übung für die „Kleine Fülle". Das Wetter des Zeitabschnitts „Kleine Fülle" ist üblicherweise warm bis heiß, und aufgrund häufigen Regens meist auch feucht, dies ist belastend vor allem für das Qi der Milz, deren Aufgabe das Transportieren und Transformieren (yunhua 運化) ist und deren Funktion durch Feuchtigkeit beeinträchtigt wird.

Die Übung dient  dazu, das Qi des ganzen Körpers in seiner Expansion zu unterstützen, entsprechend dem sich entfaltenden Yang-Qi der Natur, sowie das Qi von Herz und Milz zu stärken. Damit kann Problemen mit dem Qi der Lunge, Spannungs- und Engegefühlen in der Brust, beschleunigtem Puls, Reizbarkeit, Schmerzen, Hitzeempfindungen in den Gliedmaßen und ähnlichen Symptomen, die sich zu dieser Zeit entwickeln können, entgegengewirkt werden.  

Die Übung wird mit gekreuzten Beinen sitzend ausgeführt, falls dies nicht möglich ist, sitzt man auf einem Sessel. Im Video zeige ich beide Variationen. Abwechselnd drückt man mit den Händen über dem Kopf nach oben. Dies wird dreimal gemacht (oder auch öfter), danach werden bei geschlossenem Mund die Zähne 36x aufeinander geklappt (kouchi 扣齒). Anschließend wird der Speichel, der sich im Mund gesammelt hat, geschluckt und in der Vorstellung ins Dantian gesandt (yanjin 咽津). Den Abschluss bildet eine kurze oder längere Phase des ruhigen Ein- und Ausatmens (tuna 吐納), wobei nur durch die Nase geatmet wird.

Diese Übung gilt bis zum nächsten Zeitpunkt mangzhong 芒種 „Körner mit Grannen", wenn sich die Sonne auf 15° Zwilling befindet. „Körner mit Grannen" ist heuer am 5. Juni.  


Wednesday, May 19, 2021

Das innere Wetter - über das Qi-Klima der inneren Landschaft des Körpers

Innerer Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit - nei feng 内風, han 寒, Wärme 熱, shi 濕 - all dies sind Fachbegriffe der Traditionellen Chinesischen Medizin. In der TCM dreht sich alles um Qi, seine Eigenschaften und Funktionen. Wenn von innerem Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit die Rede ist, dann handelt es sich auch um Qi, und zwar um bestimmte Qualitäten oder Zustände des Qi, die im Körper erzeugt werden können, ohne dass man dem entsprechenden Wetter im Freien ausgesetzt gewesen wäre.

Im gesunden Organismus reguliert das Qi auf natürliche Weise das „innere Wetter“, das Körperklima. Funktioniert die Regulation, dann bleibt das Qi gemäßigt - es wird nicht zu heiß, nicht zu kalt, nicht zu feucht, nicht zu trocken, nicht zu klebrig, nicht zu nass - und es fließt frei und reibungslos - nicht zu turbulent, nicht zu ruckartig, nicht zu langsam - durch alle Yin- und Yang-Bereiche des Körpers.

Doch zu bestimmten Zeiten, durch manche Umstände, durch persönliche Angewohnheiten und durch den Zustand der eigenen Gesundheit können sich negative Einflüsse auf gewisse Aspekte des inneren Klimas oder Wetters ergeben, die den Qi-Fluss behindern und die Funktionen des Körpers stören. Bevor schon sich solche Störungen der Qi-Prozesse zu einem tatsächlichen Ungleichgewicht entwickeln, ist es möglich, diese inneren klimatischen Bedingungen in den verschiedenen Körperbereichen wahrzunehmen. Jeder, der regelmäßig Qigong praktiziert, kennt diese Wahrnehmungen, auch wenn er zum entsprechenden Zeitpunkt vielleicht nicht versteht, was es ist, das er fühlt. Es ist z.B. möglich, Kälte und Nässe an den Fußsohlen zu fühlen, während man an einem heißen Sommertag Qigong praktiziert, oder man spürt während des Qigongübens einen kühlen Wind im Rücken, oder hat kalte, frierende Hände, selbst dann, wenn man sich bei geschlossenen Fenstern in einem beheizten Raum befindet.

Dies ist es, worüber ich hier schreibe - Körperempfindungen, die dem Wetter gleichen und Hinweise auf das innere Klima geben und darauf, wie das Qi funktioniert, während es zu Ausgleich und Balance strebt. Diese sollten nicht verwechselt werden mit den ganz konkreten Empfindungen, die man hat, wenn man wetterempfindlich ist und sich bei schlechtem Wetter draußen aufhält (und man sich sorgt, dass Kälte, Feuchtigkeit oder Hitze von außen mit dem Wind in den Körper getrieben werden könnten - eine simplifizierte TCM-Erklärung dafür, wie man krank werden kann, wenn man dem Wetter ausgesetzt ist).

Beide Arten von Körperempfindungen (das „innere“ und das äußere Wetter) können manchmal unangenehm sein, aber erst durch ein Verständnis der natürlichen Transformationen des gesunden Qi kann man zwischen dem inneren Qi-Klima und den von außen stammenden Witterungseinflüssen zu unterscheiden lernen.

Der Körper ist ein großer funktionaler Zusammenhang des Qi, dieser kann metaphorisch als eine Landschaft betrachtet werden, die sich laufend verändert, je nach Tageszeit, Monat, Jahr, über den Verlauf des ganzen Leben. Das innere Klima des Qi bewegt und verändert sich mit der Landschaft, und es wandelt sich auch entsprechend dem Gleichgewicht der gesunden Qi-Prozesse. Die Struktur des Körpers und die inneren Organe sind die wichtigsten Aspekte der Landschaft, von der hier die Rede ist. Im Klima dieser Landschaft drücken sich all die Qi-Prozesse des lebendigen Organismus aus, deren ständige Anpassung und Modulation eben diese innere Landschaft erhalten.

Normalerweise sind wir im Alltag nicht so gut auf das innere Klima eingestimmt. Man fühlt sich im Allgemeinen wohl, oder wenn nicht, reagiert man automatisch und versucht etwas zu tun, was zu mehr Wohlbefinden führt. Ist einem kalt, zieht man sich einen Pullover über, fühlt man sich unbeweglich und steif, bewegt man sich oder verändert die Position, wird einem schwindlig, legt man sich hin, ist man gereizt, oder überhitzt und verschwitzt, fühlt man sich nach einer kühlen Dusche sicher besser.

Aber warum spürt man diese Empfindungen von Kälte, Schwindel, Hitze etc. überhaupt, wenn man relativ gesund ist, nicht dem Wetter ausgesetzt war und sich eigentlich zuhause wohl fühlen könnte?

Oft liegt es an dem, was man tut - wenn man zu lange sitzt, steht oder sich konzentriert, kann sich in verschiedenen Bereichen des Körpers Kälte manifestieren, wechselt man die Position nicht oft genug oder schläft nicht genug oder zu lange, kann sich Feuchtigkeit ansammeln, die Gelenke schmerzen dann oder fühlen sich steif an, da das Qi nicht stark genug fließt, um die Feuchtigkeit zu bewegen.

Schaut man zu lange auf digitale Bildschirme oder überlastet sich geistig, während man an einem Projekt arbeitet, kann dies das Yin-Qi überhitzen. Da das Shen-Qi 神氣 des bewussten Denkens - der Yang-Aspekt unserer Existenz -, im Yin-Qi verankert ist, wird es dann mangels Verankerung (und auch, weil die Augen „das Fenster des Shen Qi“ sind) wie ein turbulenter Wind aufsteigen und zu Schwindel führen. Überhitzt man Geist und Körper, indem man das Yang-Qi durch übermäßige geistige Arbeit und Konzentration in die Höhe treibt, und vergisst dann auch noch, genügend Wasser zu trinken, wird das heiße Yang-Qi nicht nur aufsteigen, sondern der durch es erzeugte innere Wind wird das Qi austrocknen und es brüchiger machen. Emotional verursacht dies dann mangelnde Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Reizbarkeit, körperlich kann es zu übermäßigem Schwitzen führen.

Dies sind nur einige wenige Beispiele für mögliche Qi-Reaktionen, verbunden mit dem inneren Klima, die jeder fühlen und normalerweise regulieren kann.

Darüber hinaus kann es während des Übens von Qigong und auch kurz nachher, sehr deutliche Empfindungen geben, die mit dem inneren Klima des sich entwickelnden gesunden Qi zusammenhängen. Durch alle Phasen des Qigong-Übens, vom anfänglichen Entspannen und Ruhigwerden, dem „Eintritt in den Qigong-Zustand“ bis zum Abschluss, wenn die Übung beendet wird und man in den „Normalzustand“ zurückkehrt, kann man das Wirken des Qi (die Transformationen des Qi) wahrnehmen, auf eine Art und Weise, wie man normalerweise nicht fühlt. Diese Empfindungen sind ein normales Phänomen der Qigong-Praxis, unterscheiden sich aber von den Empfindungen, die ich oben beschrieben habe.

Wenn man sich die Zeit nimmt, still zu werden, in den Qigong-Zustand eintritt (rujing 入静) und sich auf den Atem konzentriert, wird sich das Qi in der tiefen Entspannung von Körper und Geist wie eine sanfte, weiche, warme Brise bewegen, ungehindert, von innen nach außen, zum Kopf, zu den oberen Extremitäten, zum Rumpf, zu den unteren Extremitäten, durch alle Schichten von Gewebe, Muskeln, Knochen, Gefäßen und Organen. Diese warme Brise fühlt sich sehr angenehm an. Das innere Qi und der Atem verbinden sich dann und transportieren gesunde Feuchtigkeit, was zu weiterer körperlicher Entspannung führt und diese Prozesse weiter fördert. Fährt man mit dem Üben fort, egal, ob es sich dabei um eine stille oder eine bewegte Übung handelt, wird die warme, klärende Brise das gesunde Qi auf eine besondere und nachhaltige Weise verändern und erfrischen - ein Effekt, der nur durch das Üben von Qigong möglich ist. Dies ist übrigens einer der Gründe, warum Qigong in China traditionellerweise wichtiger als jede Art von Medizin angesehen wurde und wird, wenn es um den Schutz und die Wiederherstellung von Gesundheit geht.

Das Qi, das sich wie eine warme Brise durch den Körper bewegt, wird kühles, kaltes, auch feuchtes und nasses Qi an die Oberfläche und zu den Extremitäten bringen. Dies kann sehr rasch geschehen und sich sich wie kühle, über die Wirbelsäule laufende Wassertropfen anfühlen, die die Finger und Zehen kalt oder die Fußsohlen nass werden lassen etc.

Übt man Qigong regelmäßig über einen längeren Zeitraum, wird es zu weiteren Klärungen und Öffnungen kommen, dann, wenn das verfeinerte Qi die feinsten Durchgänge - alle Hohlräume und Körperbereiche - durchdringen kann. Hitze, Kälte und Feuchtigkeit - durch geistige Überbelastung, Überarbeiten, zu langes Sitzen etc. verursacht - werden vom Kopf in die Hände und Füße und durch die Haut nach außen geleitet. Dies kann zu vorübergehendem Juckreiz führen, zu feuchten Händen und Füßen, und zu Schwitzen in den Achselhöhlen, den Ellbogen und Kniekehlen. Sobald diese Reaktionen einsetzen, fühlt man sich leichter und kühler in Kopf und Körper, die Augen werden klarer, die Reizbarkeit vermindert sich und positive Gefühle der Freude können zusammen mit dem geklärten Qi entstehen. Das tägliche Üben ermöglicht einem, sich freier und freudiger zu fühlen, selbst in belastenden Zeiten wie diesen, in denen jeder unter starkem Druck steht.

Innere Landschaft, inneres Klima, inneres Wetter, dies sind klassische chinesische metaphorische Beschreibungen der inneren Qi-Umgebung, die verwendet werden, um die Wirklichkeit von Körper und Gesundheit als Qi zu verstehen. Durch das Üben von Qigong ist es möglich, diese Wirklichkeit sinnlich zu erfahren. Durch die Kunst des Qigong lernt man, die Qualitäten des Qi (eben dieses innere Klima) im eigenen Körper (in der inneren lebendigen Landschaft) zu fühlen und zu unterscheiden. Durch die Kunst der traditionellen chinesischen Medizin lernt man, die Qualitäten des Qi im Körper eines anderen zu fühlen und zu unterscheiden.

Und all die vielen Wege, auf denen man mehr von diesen Künsten lernt, zusammen mit den verschiedenen Modellen und Bezugssystemen, die man zum Verständnis braucht (den Theorien von TCM und Qigong), helfen einem, etwas über sich selbst und die Wirklichkeit zu lernen, die die Chinesen das Wahre Qi (Zhen Qi 真氣) nennen.

Ganzheitsmedizinischer Kongress in Wien zu Covid 19 - Therapie, Prävention und Nachsorge

Über die wichtige, wesentliche und äußerst erfolgreiche Rolle, die die TCM in der Pandemiebekämpfung und -kontrolle in China spielt, wird in...