Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Friday, June 26, 2020

Letztes Posting: Übung zur Stärkung des Körpers im Kampf gegen die Epidemie


Dies ist der letzte Tag unserer Jia You! - Initiative, wir schließen sie mit einem Video ab. Ich hatte schon viel früher vor, dieses Video zu posten, konnte es aber nur im chinesischen Netz finden und wollte niemandem das Navigieren durch Seiten voller chinesischer Schriftzeichen zumuten. Doch neulich habe ich entdeckt, dass das Video inzwischen auch auf Youtube hochgeladen wurde und damit leicht zugänglich ist.





Dies ist der letzte Tag unserer Initiative, wir schließen sie mit einem Video ab. Ich hatte schon viel früher vor, dieses Video zu posten, konnte es aber nur im chinesischen Netz finden und wollte niemandem das Navigieren durch Seiten voller chinesischer Schriftzeichen zumuten. Doch neulich habe ich entdeckt, dass das Video inzwischen auch auf Youtube hochgeladen wurde und damit leicht zugänglich ist.

Im Video wird eine Qigong-Methode vorgeführt, die ‚Übung zur Stärkung des Körpers im Kampf gegen die Epidemie‘ kangyi qiangsheng gong 抗疫强身功, welche vom Team um Prof. Fang Min 房敏 an der Universität für Traditionelle Chinesische Medizin Shanghai speziell für die Covid-19-Pandemie entwickelt wurde. Vielleicht erinnern sich manche an Prof. Fang Min, ich hatte ihn schon in einem früheren Beitrag über die nicht-medikamentösen Therapiemodalitäten der TCM erwähnt und ihn mit dieser Aussage zitiert:

"Obwohl traditionelle chinesische Übungen die Übertragungswege des neuen Coronavirus nicht blockieren und eine durch das Neue Coronavirus ausgelöste Lungenentzündung alleine nicht wirksam behandeln können, kann ihre aktive Anwendung auf der Grundlage herkömmlicher Behandlungen die kardio-pulmonale Funktion von Patienten verbessern, zur Förderung der Lebensqualität und der Immunregulierung beitragen sowie einen positiven Einfluss auf die psychische Gestimmtheit von Patienten ausüben, bei gleichzeitiger positiver Wirkung auf Prävention, Behandlung und Rehabilitation von Grunderkrankungen…

… Wir glauben, dass die nicht-medikamentösen Therapiemodalitäten der traditionellen chinesischen Medizin so früh wie möglich bei Prävention, Behandlung und Rehabilitation der Covid 19-Pneumonien angewendet werden sollten, um ihre synergistischen Eigenschaften und Vorteile voll auszuschöpfen, als hilfreicher Beitrag zur Seuchenbekämpfung gemeinsam mit der westlichen Medizin."

In der Übung zur Stärkung des Körpers im Kampf gegen die Epidemie werden unter anderen Elemente aus dem Yijingjing 易筋经, den Heilenden Lauten 六字诀, dem Shaolin Qigong 少林内功 und dem Taijiquan 太极拳 kombiniert, um das Zheng-Qi 正气 und die Körperkonstitution zu stärken, die Funktionen von Herz und Lungen zu verbessern, die Muskeln zu kräftigen, die inneren Organe zu regulieren sowie psychologische Unterstützung zu bieten.

Die Ausführenden im Video sind Prof. Fang Lei 方磊, Prof. Yao Pei 姚斐 und Dr. Sun Pingping 孙萍萍.

Auf vielen der Videoclips aus denjenigen chinesischen Spitälern, in denen die TCM zum Einsatz kam, erkennt man dieses Video auf Bildschirmen im Hintergrund. Es wurde überall in China verbreitet und zu Therapie und Vorbeugung verwendet. Die Methode richtet sich in erster Linie an Covid-19-Patienten mit einer Lungenentzündung leichten und normalen Verlaufs, an Patienten, die nach einer Covid-Infektion aus dem Krankenhaus entlassen wurden und an alle, die zuhause Vorbeugung betreiben wollen.

Das Video ist gut gemacht, auch ohne Sprachkenntnisse kann man mitüben. Es werden zwar in einem durch Instruktionen auf Chinesisch gegeben, die beschreiben aber eben genau die Bewegungsabläufe, die man sieht. Und keine Sorge, dies ist eine vollkommen sichere Methode, man kann nichts falsch machen. Selbst wenn man etwas missversteht, wird das Üben immer noch eine gute Wirkung haben. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, werde ich diese Methode in der Zukunft ohnehin einmal in allen Details durchbesprechen.

Wir posten dieses Video nicht, um zu den Übungen, wie wir in den letzten Monaten behandelt haben, noch eine weitere hinzuzufügen. Natürlich kann jeder, der Interesse hat, auch diese Übung zu seinem Übungsrepertoire hinzufügen. Und jeder, der eine gewisse Erfahrung mit Qigong hat, wird sich leicht damit zurechtfinden. Mir geht es vielmehr darum, zu zeigen, dass die Prinzipien, auf der diese Vorbeugungs- und Behandlungsmethode beruht, auch den Methoden zugrundeliegt, die wir in den letzten Monaten verwendet haben.

Das Grundprinzip ist: fuzheng quxie 扶正祛邪. Das aufrechte Qi unterstützen, um pathogenes Qi abwehren bzw. loswerden zu können. Dies geschieht durch die im Video gezeigte Methode, durch die Übungen, die wir vorgestellt haben (die Heilenden Laute, die Massagen, die Yuanminggong-Übungen) und auch durch andere traditionelle Qigong-Übungen. Darum habe ich schon ganz zu Beginn gemeint: jede Qigong-Übung, mit der man sich wohlfühlt und die man darum regelmäßig praktizieren kann, ist die richtige. Wichtig ist die regelmäßige Praxis, der regelmäßig wiederkehrende Regulationsimpuls ist es, der die notwendigen Veränderungen im Qi-Gefüge herbeiführt.

Ich betone hier noch einmal: Qigong und TCM bekämpfen keine Krankheit. Sie regulieren, das heißt sie ordnen das Qi, bringen Zustände des Ungleichgewichts wieder ins Gleichgewicht, vermindern Zustände des Exzesses, stärken bei Zuständen der Erschöpfung von Qi und Blut , senken, was zu weit oben ist, heben, was zu weit unten ist, kühlen, was zu heiß, wärmen, was zu kalt, trocknen, was zu feucht und befeuchten, was zu trocken ist. Das alles ist Regulation. Jede gute Qigong-Übung macht genau dies: sie fördert und unterstützt die Regulation.

Ein gesunder Organismus reguliert sich von selbst, das gesunde Qi reguliert sich von selbst. Ein Organismus mit reguliertem Qi wird mit Krankheiten von selbst fertig. Das wäre der Idealzustand, doch oft ist die Selbstregulation, aus unterschiedlichen Gründen, blockiert. Darum braucht es dann die Intervention durch TCM, Qigong und Meditation. Diese sind Methoden, diese Fähigkeit des Organismus zu Selbstregulation und Selbstheilung wieder herzustellen.

Gesundheit und Heilung basieren auf der Selbstregulation, die wiederum auf dem starken Zheng-Qi beruht, dem geordneten Verhaltens eines starken, gut funktionierenden Qi. Diesen simplen Satz haben wir in den vergangenen Monaten von verschiedenen Seiten zu beleuchten, zu erklären und in Methoden zu übertragen versucht:

- In bewegte Qigong-Übungen. Diese sind vor allem dazu da, das Qi zu bewegen, damit sich das Qi harmonisch und ausgeglichen entwickelt. Je besser das Gleichgewicht des Qi, desto besser die Regulation und desto stabiler die Gesundheit.

- In ruhige Qigong-Übungen, das Sitzen in Stille. Das Qi muss sich regenerieren können, durch Schlaf, Rasten und Pausen, und auch durch das stille Sitzen. Ein pathogenes Qi kann das Zheng-Qi überwältigen, wenn man durch Müdigkeit und Erschöpfung geschwächt ist. Ruhiges Sitzen wirkt dem entgegen und hilft, das erschöpfte Qi zu regenerieren.

- Durch gezielte Massagen. Die Massagen, die wir gezeigt haben, konzentrieren sich vor allem auf den Lungenmeridian und/oder dienen der Behebung von Qi-Zuständen der Hitze und Feuchtigkeit, die einen anfälliger für das Virus machen, und helfen der Zirkulation des Abwehr-Qi.

- Durch diätetische Hinweise. Diese sind wichtig, weil man gezielt den Qi-Eigenschaften des Virus entgegenwirken kann. Das Virus ist ein feuchtes Pathogen, es gehört zur Kategorie der Wärme-Epidemien und attackiert Lunge und Milz. Darum ist es so wichtig, falls das eigene Qi zu Feuchtigkeit und Hitze tendiert, dem entgegenzuwirken. Dies kann durch die Übungen und Massagen geschehen, aber sehr wirksam eben auch durch die Diätetik. Diätetische Prinzipien umzusetzen, ist nicht leicht, wir hoffen, dabei im Bereich des Simplen und Praktikablen geblieben zu sein.

- Durch theoretische Erklärungen. Qigong kann man ohne Theorie üben, keine Frage. Allerdings hilft das theoretische Verständnis der Praxis, sogar sehr. Man kann es ja langsam angehen. Wenn man sich unsere verschiedenen Ausführungen zur Qigong- und TCM-Theorie hin und wieder durchliest, wird man allmählich besser zu verstehen beginnen, was es heißt, in Qi-Begriffen zu denken und das eigene Verständnis von Qi zur praktischen Anwendung zu bringen.

Ich hoffe, dass die Inhalte, die wir gepostet haben, hilfreich waren und sein werden. Den Blog werde ich auch noch längere Zeit im Netz lassen. Die Pandemie ist ja noch nicht zu Ende, mit dem Virus werden wir vermutlich noch lange leben müssen, da möchten wir die Inhalte noch länger zugänglich lassen. Irgendwann werde ich den Blog dann an eine andere Adresse übersiedeln.

Wie es im Herbst wird, werden wir sehen. Hoffentlich können Qigong-Stunden und -Seminare ganz normal „analog“ stattfinden, wenn notwendig, gehen wir mit Qigong aber wieder online, vielleicht mit Live-Qigong-Übungsstunden (diesmal war mir dies aufgrund technischer Probleme nicht möglich).

Der Youtube-Kanal bleibt, und ich habe vor, dort auch weiterhin Videos zu veröffentlichen. Nicht mehr so regelmäßig, doch immer wieder.

Allen, die uns und unsere Initiative unterstützt haben, möchten Kerry und ich unseren herzlichsten Dank aussprechen. Wir wünschen allen Gesundheit und einen - trotz allem - schönen Sommer!


Hier sind Kerrys abschließende Bemerkungen:

As Árpád and I come to the end of our initial “Jiayou!” Project to support our qigong community of students, TCM practitioners, nurses, doctors, friends, and family during these first months of the Covid-19 pandemic, I would like to say a few words to help consolidate and clarify what this initiative has, and will continue to provide all of us.

Whether you followed all the way through, read and tried all the methods, advice, recipes, poems, philosophy, TCM explanations, art, and music is not the point (although, hopefully you did dip your toes into the “well of qi” at the heart of our project!). Our, and your intentions have more effect on the qi and a better quality of life than you might think. Where you direct your gaze can define the scope of your life; it can be either limited and partitioned or expansive and integrated, become tighter and feel more burdensome or become untangled, looser and feel lighter. It takes no explanation to get the gist of what might be a more nourishing, more comfortable, more natural and inclusive gaze. That is the reality of health, of directing the gaze first inward, in order to realign and open the flow of qi in the body, and then engaging outwardly with all of life in a more harmonious, easy way.

None of us could ever really know what the next seconds of life brings, let alone the next years. The pandemic has brought this into focus, grabbed our attention in ways that none of the other man-made warnings of social, political, and climatic upheavals of the last decades have done. During the initial protective phase of isolation, of staying at home, and of caring for others while protecting ourselves by literally keeping our breath, its moisture and its potential as a carrier of life and death to ourselves, masking the gateways and thoroughfares of mouth and nose, we had no choice but to become still. As the curtains of containment lowered, our almost constant gaze outward to what was our “normal” lives of working, socializing, shopping, travelling, etc, naturally took a turn.

The transition of this abrupt change of focus was an important part of the Jiayou Project - using qigong as a way to regulate the body, breath and mind, to look inward, past the arising confusion of uncertainties and fears, to feel connected with what is essential. In terms of Chinese medicine, this is how you protect your health from the ravages of “normal” life, live to your potential, and age with grace.

The pandemic means our vulnerabilities are exposed, and we all have to balance that with trying to move forward, to be able to work, provide a living and enter into community life with the energy and creativity needed to adapt. In a broader sense, this is what everything we have put together for the Jiayou group is in aid of; it is a support to nourish life, what the Chinese call Yangsheng. Having the intention to nourish life is the beginning, and it directs the qi in a positive way. Giving body to those intentions is the physical practice of qigong, and will keep your health regulated, no matter what the next seconds, months or years bring us!

Best wishes to you all. We will certainly pick up the thread of our intentions and teach more in the future.

Thursday, June 25, 2020

Baxie Cao 八邪操 - Ba-Xie-Übungen - vollständiges Set


Hier ist nun, wie angekündigt, ein Video mit der gesamten Abfolge der Ba-Xie-Übungen: 







Jede Übung wird 36x ausgeführt (man muss sich nicht genau an die Zahlen halten).


Man kann die Übungen im Sitzen, Stehen oder, noch besser, im Gehen ausführen.


Hier noch einmal die Reihenfolge der Übungen:

  1. Die Baxie-Punkte 八邪穴 zwischen den Fingern
  2. Die Tigermäuler Hukou 虎口 (die Baxie-Punkte zwischen Daumen und Zeigenfingern)
  3. Die Hegu-Punkte 合谷穴
  4. Die Yuji-Punkte 鱼际穴 an den Daumenballen
  5. Die Kleinfingerseite der Hand mit dem Houxi-Punkt 后溪穴
  6. Die Handwurzeln: Daling大陵穴 und Shenmen 神门穴
  7. Die Laogong-Punkte 劳宫穴
  8. Die Handrücken
  9. Die Yangchi-Punkte 阳池穴
  10. Die Fingerspitzen: Die zehn Xuan-Punkte 十宣穴
  11. In die Hände klatschen (grad)
  12. In die Hände klatschen (verschränkt)

Wednesday, June 24, 2020

Lü Dou Tang 绿豆汤 - Mungbohnensuppe


Lü Dou Tang 绿豆汤 ist eine süße und leichte Suppe aus grünen Mungbohnen, die in ganz China beliebt ist. Die Suppe ist sehr nahrhaft und wird in der heißen Jahreszeit zur Abkühlung gegessen.


Mungbohnen fanden erstmals Erwähnung im aus der Ming-Dynastie stammenden Ben Cao Gang Mu 本草纲目 des berühmten Arztes Li Shizhen 李时珍,  einem der klassischen Bücher der chinesischen Materia Medica。


Mungbohnen kühlen, sie lindern Hitzschlag und Durst, beseitigen Giftstoffe und innere Hitze, sie fördern die Harnentleerung und lindern Ödeme. Sie wirken beruhigend auf das shen 神 (Geist, Psyche), stärken das ursprüngliche Qi (yuanqi 元氣),  harmonisieren die Organe und nähren die Haut.



Zutaten.

100 g Mungbohnen (gewaschen)

1 Liter Wasser

1 Teelöffel Kandiszucker (oder weißer Kristallzucker)



Zubereitung.

1 Liter Wasser zum Kochen bringen. Gewaschene Mungbohnen und Zucker hinzufügen, die Herdplatte abdrehen, den Topf zudecken und die Bohnen 20 Minuten lang im heißem Wasser einweichen.

Danach das Wasser wieder zum Kochen bringen. Die Herdplatte abdrehen und die Suppe abkühlen lassen.

Man kann die Suppe warm essen, üblicherweise lässt man sie jedoch auf Raumtemperatur abkühlen.

Die restliche Suppe kann bis zu drei Tage im Kühlschrank aufbewahrt und kalt oder auf Raumtemperatur erwärmt gegessen werden. Man kann sie natürlich auch ganz aufwärmen. 

Tuesday, June 23, 2020

Eine Abfolge von Qigong- Übungen für Lungen und Nieren



Ich habe nun noch ein Video gemacht mit einer kurzen Übungsabfolge zur Unterstützung und Kräftigung des Qi der Lungen. Die Coronavirus-Situation Lage ist bei uns zwar viel besser als in den meisten Weltgegenden, aber vorüber ist die Pandemie noch bei weitem nicht. Darum wollten in dieser letzten Woche noch einmal ein Übungsset filmen, das das Qi der Lungen schützt und kräftigt.

Die Übungsfolge besteht aus einer einfachen Massage (wieder eine, die Patienten in chinesischen Spitälern lernen), dann zweien der Heilenden Laute (Lunge und Niere) und schließlich dem Stehen (oder Sitzen, wenn's sein muss) mit den Handflächen zur Brust gewandt, eine Übung, die uns Jia Laoshi in Peking beigebracht hat.

Lunge und Niere sind die beiden Organe, die gemäß der TCM- und Qigong-Theorie für das Funktionieren der Atmung verantwortlich sind. Die Qi-Funktion der Niere ist sehr wichtig, sie ergreift den Atem, für eine funktionierende Ausatmung braucht es die Nieren.

In diesem Zusammenhang erinnere mich noch gut: Im Herbst 1988, als Prof. Cong zum ersten Mal in Österreich war, organisierte Dr. Georg König in Wien eine Reihe von Kursen sowohl für Ärzte als auch Patienten.

Unter anderem einen Kurs für Asthma-Patienten des damaligen Oberarztes Dr. Raber auf der pulmonologischen Station auf der Baumgartner Höhe in Wien. Ein sehr intensiver Kurs, drei Stunden Qigong dreimal pro Woche.

Die Methode, die Prof. Cong in diesem Kurs unterrichtete, war das Qigong-Gehen zur Stärkung der Nieren, mit der für Asthma-Therapie ungewohnten Betonung der Einatmung, aber dies eben gekoppelt mit dem speziellen Daoyin zur Stärkung des Nieren-Qi.

Dies ist der Grund, warum in dieser Folge nicht nur die Übung für die Lunge, sondern auch für die Niere einbezogen ist.




Monday, June 22, 2020

Sechs Heilende Laute - Weitere Bewegungsdetails




Unsere Initiative ist nun in der letzten Woche angelangt. In all diesen Wochen und Monaten haben wir uns am meisten auf die Übungen der Heilenden Laute konzentriert, darum möchte ich hier noch ein paar zusätzliche Informationen geben, gedacht als Hilfe zum Verständnis und zur Vertiefung der Übungspraxis.


Ursprünglich waren den (Atem-) Übungen der Sechs Laute keine Bewegungen zugeordnet. Diese kamen erst später dazu. Über einen Zeitraum von über 1000 Jahren wurden an unterschiedlichen Orten in China Bewegungsfolgen entwickelt, von ihrer Verschiedenheit braucht man sich jedoch nicht irritieren zu lassen. Alle Bewegungsfolgen haben etwas Gemeinsames: sie orientieren sich an den Meridianverläufen bzw. an der Lokalisation von bestimmten Akupunkturpunkten.

Das trifft auch auf unsere Übungen zu. Hier ein paar Details, die man den Videos nicht so leicht entnehmen kann.


Leber:


Die Übung beginnt mit einem Öffnen und Schließen der Hände. Beim Öffnen, während des Einatmens weitet man bewußt den Brustkorb, beim Ausatmen entspannt man ihn. 


Bei der seitlichen Drehung im weiteren Verlauf der Übung bleibt das Becken nach vorne ausgerichtet. Beide Bewegungsdetail lassen den Impuls besser beim Lebermeridian ankommen.


Herz:

Die Übung beginnt ebenfalls mit einem Öffnen und Schließen der Hände. Herz- und Dünndarmmeridian verlaufen auf der Kleinfingerseite der Hände. 

Die Bewegung richtet sich danach: Beim Öffnen weisen die Kleinfingerkanten der Hände nach außen, beim Schließen nach innen. Auch beim Heben sind die Kleinfingerkanten der Hände in Kontakt. Auf diese Art kommt der Impuls beim Herzmeridian an.

Dass die Hände hinter dem Kopf verschränkt werden und der Kopf etwas nach hinten gelegt wird, stimuliert Herz- und Dünndarm-Meridian.


Milz:

Die Übung beginnt mit einem Öffnen und Schließen der Hände. Beim Öffnen, während des Einatmens weitet man bewußt den Bauch, beim Ausatmen entspannt man ihn.

Das Milz- und Magen-Qi bewegt sich entlang der vertikalen Achse, hinauf (Milz) und hinunter (Magen). Die durch gleichzeitiges Heben und Senken der Hände entstehende Spannung unterstützt den natürlichen Fluß von Milz und Magen-Qi.


Lunge:

Der Lungenmeridian verläuft am Daumen. Darum dreht man zu Beginn beim Öffnen den Daumen nach außen, beim Schließen wenden sich die Daumen zueinander. Beim Heben schauen die Daumen nach oben. Alles Details, die das Qi im Lungenmeridian stimulieren.

Wenn die Hände gehoben sind (beim Ausatmen mit „Hei“), sind die Handflächen nach oben gerichtet. Man kann sich in dieser Position etwas spielen und versuchen, die Hände so zu halten, dass Daumen und Daumenballen deutlicher spürbar werden.


Niere:

Beim Schließen zu Beginn werden die Hände zu den Körperseiten und hinter den Körper gebracht, dann werden Hände zu lockeren Fäusten geballt und auf den Rücken gelegt. Man verwendet hierbei die Yang-Seite der Hände (Handrücken), der Kontakt mit dem Rücken stimuliert eine Reihe von Punkten auf dem Blasenmeridian, dem Yang-Meridian, der mit dem Nierenmeridian (Yin) ein Paar bildet.

Die Hände werden daraufhin hinter den Beinen hinunterbewegt, damit führt man das Qi bis zu den Füßen und unterstützt so das Nieren-Qi. Auch die tiefe Stellung (das Setzen) während der Bewegung hat diesen Effekt.


Dreifacher Erwärmer:

Der Meridian verläuft am Ringfinger, an der Außenseite von Hand und Arm. Darum schauen sowohl beim anfänglichen Öffnen und Schließen als auch beim folgenden Heben die Handrücken zueinander.


Darüberhinaus gibt es noch ein zusätzliches Detail, das für alle sechs Übungen gilt:

Zu Beginn, beim Öffnen, bewegt man auch die Knie etwas nach links und rechts (öffnet mit den Knien), beim Schließen bewegt man die Knie etwas zueinander (schließt die Knie). Beim Heben bleiben die Knie geschlossen, beim Ausatmen mit dem Laut kommen die Knie in die Ausgangshaltung zurück. 

Man kann versuchen, das auf den Videos zu entdecken. Es ist nicht so leicht auszumachen wegen der schwarzen Farbe meiner Hose, aber wenn man danach sucht, sieht man es vielleicht.


Ich hoffe, dass diese Details beim Üben hilfreich sind. Sie sollen das Üben erleichtern und es mit der Zeit zu vertiefen helfen, auf keinen Fall sollen sie das Üben komplizieren. 

Wenn es einem so geht, dass die Details zu viel Konzentration beanspruchen, kümmert man sich (einstweilen) nicht darum. Entspannung und Ruhe beim Üben sind wichtiger als die Genauigkeit der Bewegung.

Wie schon oben erwähnt, ursprünglich waren die Sechs Heilenden Laute Atemübungen, sechs Arten der Ausatmung, ohne zugehörige Bewegung. Daraus ersieht man, was das Wesentlichste ist: 



Es sind die sechs Ausatmungen mittels der sechs Laute hsü - hea- hu- hei - tschui - hsi. 

Darum ist es auch möglich, die Übungen der Heilenden Laute ohne Bewegungen allein als Atemübungen zu praktizieren. Dies kann im Sitzen, Stehen oder auch im Liegen erfolgen.

Saturday, June 20, 2020

Das unvertäute Boot



Diese Texte habe ich vor Jahren schon einmal für eines der Innsbrucker Seminare verwendet. Hier sind sie nochmals, in leicht veränderter Übersetzung: zwei Gedichte aus der Tang-Dynastie und zwei Zitate aus dem Zhuangzi, zusammen mit  Bildern des Malers Pu Ru 溥儒 (1896-1963), einem Cousin des letzten chinesischen Kaisers.





Das "unvertäute Boot" ist ein Bild, das ursprünglich von Zhuangzi verwendet und von Dichtern späterer Zeiten immer wieder aufgegriffen wurde. Es steht für das Sich-dem-Weg-Überlassen, in einer weiten, offenen Landschaft, in der das eigene Innen mit der Grenzenlosigkeit des Außen kommuniziert, es steht für eine Haltung der Freiheit und Gelöstheit von Banden, für Absichtslosigkeit und Unbekümmertheit, die dem daoistischen Ideal des Nicht-Tuns (wuwei 无为) zugrundeliegen.

Solch eine Haltung ist den "Gelehrten der Flüsse und Seen" eigen, die im 15. Kapitel des Zhuangzi erwähnt werden: "Diejenigen, die sich zu den Mooren und Seen begeben, müßig in der Wildnis leben, an einsamen Orten nach Fischen angeln und das Nicht-Tun zu ihrem einzigen Anliegen machen, die Gelehrten der Flüsse und Seen, gelassene Müßiggänger, die sich von der Welt zurückziehen."

Wuwei ist auch ein Leitgedanke der Qigong-Praxis. Den inneren Schwerpunkt zu verlagern, vom Tun aufs Lassen, vom Lernen aufs Verlernen, vom Vermehren aufs Vermindern, vom alltäglichen Kreisen der Gedanken in den Angelpunkt der inneren Stille und Leere, dies sind Wege, sich der kreativen Bewegung des Universums zu öffnen, dem Qi, das für die Chinesen die unablässige, schöpferische Aktivität des sich entfaltenden Lebens darstellt.







一住寒山萬事休,更無雜念掛心頭
閒書石壁題詩句,任運還同不繫舟。

寒山


Auf dem Kalten Berg hat alles Tun ein Ende,
keine wirren Gedanken bedrängen mein Herz.
in Muße schreibe ich Gedichte an Felsen und
treibe mit dem Strom wie ein unvertäutes Boot. 

Han Shan寒山 (8. Jh.)







 巧者勞而知者憂,無能者無所求,
 飽食而敖遊,汎若不繫之舟,虛而敖遊者也。


 Der Schlaue müht sich und der Weise ist voller Sorgen.
 Der Un-Fähige hingegen, er strebt nach nichts.
 Er isst sich satt und wandert ohne Ziel. 
 Dahintreibend wie ein unvertäutes Boot, 
 ist er ein leerer und unbeschwerter Wanderer. 

 Zhuangzi 莊子 (- 4. Jh.) Kap. 32.1: Lie Yukou 列禦寇 





市南子曰:少君之費,寡君之欲,雖無糧而乃足。君其涉於江而浮於海,望之而不見其崖,愈往而不知其所窮。送君者皆自崖而反,君自此遠矣。故有人者累,見 有於人者憂。故堯非有人,非見有於人也。吾願去君之累,除君之憂,而獨與道遊於大莫之國。方舟而濟於河,有虛船來觸舟,雖有惼心之人不怒;有一人在其上, 則呼張歙之;一呼而不聞,再呼而不聞,於是三呼邪,則必以惡聲隨之。向也不怒而今也怒,向也虛而今也實。人能虛己以遊世,其孰能害之!




Der Meister vom Südmarkt sprach: Verringere deinen Aufwand, vermindere deine Wünsche, und du wirst auch ohne Verpflegung genug haben. Du wirst die Flüsse befahren und auf das Meer hinaustreiben. Schau, soweit du vermagst, du wirst das andere Ufer nicht erblicken können; reise weiter und immer weiter, du wirst nie ein Ende finden. Sind dann diejenigen, die dich verabschiedet haben, vom Ufer nach Hause zurückgekehrt, wirst du wirklich fern sein. 

Wer Menschen besitzt, hat Mühen, wer von Menschen besessen wird, hat Sorgen. Darum besaß Yao weder Menschen, noch ward er von ihnen besessen. Ich möchte, dass du dich deiner Mühen entledigst und deine Sorgen abtust, und allein mit dem WEG ins Land des großen Nichts reisest. 

Durchquert jemand einen Fluß in einem Boot und stößt gegen ein einhertreibendes leeres Boot, so wird er, selbst wenn er ein reizbares Gemüt besitzt, nicht zornig werden. Ist jedoch jemand auf dem Boot, so wird er ihn anrufen und verlangen, dass er den Weg frei mache. Wird sein erster Ruf nicht gehört, wird er ihn nochmals anrufen. Wird sein zweiter Ruf nicht gehört, und er muss ihn ein drittes Mal anrufen, dann folgt sicher eine Reihe von Beschimpfungen. Dass er in jenem Fall nicht zornig wurde und diesem Fall schon, liegt daran, dass in jenem Fall das Boot leer war und in diesem Fall besetzt. Vermag ein Mensch leer zu sein, um in der Welt zu wandern, wer könnte ihm dann noch ein Leid zufügen?

Zhuangzi 莊子 (- 4. Jh.) Kap. 20.2: Shanmu 山木 Der Baum auf dem Berg





 江村即事 

 釣罷歸來不繫舟,江村月落正堪眠
 縱然一夜風吹去,只在蘆花淺水邊。


 Improvisation über den Weiler am Fluss 

 Zurückgekehrt vom Fischen lasse ich mein Boot unvertäut.
 Tief steht der Mond über dem Weiler, ruhig schlafe ich ein.
 Mag der Wind auch die ganze Nacht wehen, 
 es wird doch bleiben, 
 im seichten Wasser inmitten des blühenden  Schilfs. 

 Sikong Shu 司空曙 (~720 - ~790)

Thursday, June 18, 2020

Fuzhu Zhengqi 扶助正气 - Unterstützung des Zheng-Qi



Hier ist eine weitere der in chinesischen Spitälern unterrichteten Selbsthilfe-Methoden. Sie basiert auf dem Prinzip der Unterstützung des Zheng-Qi 正气, einem wichtigen Prinzip, wenn es um die Stärkung der Gesundheit und die Vorbeugung von Krankheiten geht.

Ist das Zheng-Qi stark, kann pathogenes Qi nicht eindringen (zhengqi cun nei, xie bu ke gan 正气存内邪不可干).

Nicht nur Krankheiten vorbeugen, sondern im Krankheitsfall der Verschlimmerung vorbeugen (wei bing xian fang, yi bing fang bian 未病先防已病防变).

Auf diesen beiden Leitgedanken gründet diese Methode. Drei Akupunktur-Punkte kommen dabei zum Einsatz:


  • Guanyuan 关元 der 4. Punkt des Renmai, vier Fingerbreit unter dem Nabel gelegen.
  • Mingmen 命门 (der 4. Punkt des Dumai), unter dem Dornfortsatz des zweiten Lendenwirbels, gegenüber dem Nabel gelegen.
  • Zusanli 足三里 (der 36. Punkt des Magenmeridians), vier Fingerbreit unterhalb der Unterkante der Kniescheibe und 1 Daumenbreite seitlich der Schienbeinkante.


Die Stimulation von Guanyuan wärmt die Nieren und unterstützt das Yang; Zusanli stärkt die Milz, vermehrt das Qi und unterstützt das Zhengqi; Mingmen wärmt das Yang, unterstützt das Zhengqi, öffnet die Oberfläche und zerstreut Kälte. Durch die Stimulation der drei Punkte zusammen unterstützt man das Zhengqi (fuzhu zhengqi 扶助正气) und festigt die Basis (guben 固本).

Die Methode ist sehr einfach:

Man setzt sich hin, legt die Hände auf den Unterbauch, schließt die Augen und besinnt sich eine Weile auf das Ein- und Ausströmen des Atems (durch die Nase atmen), bis man sich ein Gefühl der Entspannung und inneren Ruhe einstellt. Dann reibt man die Hände, bis sie heiß sind und legt sie auf einen der Punkte, solange, bis man im Bereich des Punktes deutlich Wärme verspürt. Mit den weiteren Punkten wiederholen.  

Alternativ kann auch mechanische Hilfsmittel verwenden. So kann man eine Wärmflasche auf den Punkt legen, oder man kann Wärmebeutel oder Wärmepflaster verwenden. Alle derartigen Hilfsmittel sind geeignet und effektiv.

Man kann alle drei Punkte nacheinander wärmen, es ist jedoch auch möglich, dies auch nur bei einem oder zwei Punkten zu machen.

Tut man dies regelmäßig, stärkt man das Yang-Qi und unterstützt das Zheng-Qi. Es hilft gegen kalte Hände und Füße, man wird weniger frieren, weniger krankheitsanfällig sein und generell mehr Energie zur Verfügung haben.

Massage zur Stärkung des Lungen-Qi


Wie im Video gezeigt, vom Ellbogen an der Innenseite des Arms bis zur Hand (Daumenseite) klopfend massieren, und dann an der Außenseite des Arms zurück bis zum Ellenbogen.

9x oder öfter auf jeder Seite.

Dabei werden eine Reihe von wichtigen Meridianpunkten stimuliert, während das Qi in Richtung des Meridianflusses bewegt wird.

Auf dem Lungenmeridian: chize 尺泽 (Lu 5) am Ellenbogen, kongzui 孔最 (Lu 6) an der Innenseite des Arms, taiyuan 太渊 (Lu 9), yuji 鱼际 (Lu 10) und shaoshang 少商 (Lu 11) an der Hand.

Auf dem Dickdarmmeridian: hegu 合谷 (Di 4) an der Hand und quchi 曲池 (Di 11) am Ellenbogen.




Ein wichtiger Aspekt der Übung ist Produktion und Verteilung des Abwehr-Qi (des Weiqi 卫气). Es wird im Dickdarm produziert. 

Die Lungen haben die Funktion, das Qi hinunterzusenden. Die Massage unterstützt diese Funktion, wodurch Stagnationen der Verdauung entgegengewirkt und das Qi der Mitte befreit wird. 

Generell kann man sagen, dass diese Massage wie die Aktivierung eines Schutzschilds wirkt, während das Qi in Bewegung gehalten wird.

Wednesday, June 17, 2020

Babaocha 八宝茶 - Acht-Schätze-Tee speziell zum Schutz der Lungen


Hier ist ein zweites Acht-Schätze-Tee-Rezept, das Kerry geschrieben hat, in einer speziellen Kombination von Zutaten zu Schutz, Nährung und Klärung des Lungen-Qi.


Der Tee besitzt die TCM-Eigenschaften, geistig und seelisch zu beruhigen, die Zirkulation von Blut und Qi zu fördern, das Lungen-Qi zu nähren und zu schützen, Wind-Hitze-Pathogene aus den Lungen zu entfernen, das Leber- und Milz-Qi zu nähren und zu harmonisieren sowie das aus Hitzeerschöpfung und Stress resultierendes Feuer zu unterdrücken, um die Augen zu klären.


Zutaten.

2 g gehackte Mandeln (blanchiert oder ohne Haut)
2 Birnenscheiben (am besten die asiatische „Nashi-Birne“, aber jede Art von Birne kann verwendet werden)
2g ju hua (Chrysanthemi Flos, Chrysanthemenblüten)
2g gou qi zi (Lycii Fructus, Goji-Beere)
1 hong zao (Jujubae Fructus, Chinesische rote Dattel)
2g mei gui hua (Rosae rugosae Flos, Rosenknospe)
½ g chen pi (Citrii reticulatae Pericarpium, getrocknete Mandarinenschale)
1-2g Kristall- oder Kandiszucker


Zubereitung.

Die roten Datteln (Hong Zao) und die getrocknete Mandarinenschale (Chen Pi) etwa eine halbe Stunde lang in einer kleinen Schüssel mit kaltem Wasser einweichen. Dann das Wasser abseihen und alle acht Zutaten in eine Teekanne geben, mit kochendem Wasser übergießen (ca. einen ½ Liter) und 10 Minuten ziehen lassen.

Man kann die Zutaten in der Kanne lassen und den Tee dann ein zweites Mal aufgießen.

Hinweis: Rosenknospen bekommt man in Geschäften wie Sonnentor oder in Teehandlungen. Goji-Beeren, rote Datteln, Chrysanthemenblüten, getrocknete Mandarinenschalen kauft man am besten in einer Apotheke, die TCM-Kräuter führt.

Tuesday, June 16, 2020

Weitere Informationen zum Taiyi Yuanming Gong (der Übung des Ursprünglichen Lichts)


Die Übung vom Ursprünglichen Licht heißt auf chinesisch: wudang taiyi yuanming gong 武当太乙元明功. 

Es handelt sich um eine daoistische Übung, Teil der Wudang-Tradition. Der Wudang-Berg (wudang shan 武当山) war schon seit Ende der Han-Dynastie mit dem Daoismus assoziiert, ab der Yuan-Dynastie und besonders dann zu den Zeiten der Ming- und Qing-Dynastien wurde er zu einem wichtigen Zentrum des Daoismus. 

Die Yuanminggong-Übungen stammen aus einer bestimmten Richtung der Wudang-Tradition genannt tiesongpai 铁松派 - Schule der Eisernen Kiefer. 

Der Ursprung dieser Schule war zwar im Wudang-Gebirge, am Ende der Ming- und zu Beginn der Qing-Dynastie (17. Jh.) verlegte sie jedoch ihren Standort. Die diversen Kampfkunstschulen waren damals verwickelt in die Gewalt, die der Dynastiewechsel mit sich brachte und hatten starke Anti-Qing-Emotionen, waren die Qing doch Mandschus, für die Chinesen also barbarische Eroberer. Um diesen Wirren zu entkommen, und sich "fern der Welt des Staubes“ daoistischen Praktiken widmen zu können, übersiedelte die Schule in den Nord-Osten Chinas.

Prof. Cong hatte die Übungen bei Li Zhaosheng 李兆生, dem damaligen Stammhalter der Schule der Eisernen Pinie in 13. Generation gelernt und sie dann am TCM-College in Fuzhou unterrichtet, mit sehr guten therapeutischen Erfolgen. 

Als er 1988 zum ersten Mal im Rahmen des wissenschaftlichen Austauschprojekts zwischen westlicher und chinesischer Medizin nach Österreich kam, hatte er diese Übungen im Gepäck und unterrichtete sie auf der Akademie für Ganzheitsmedizin, auf der pulmonologischen Station auf der Baumgartner Höhe, in einem mehrmonatigen Qigong-Intensivkurs für Jungärzte und in den vielen Kursen, die Dr. Gerhard Wenzel für Patienten und Interessierte in Schwarzach/St. Veit organisierte.

Prof. Lin Zhongpeng hat mir dann später erzählt, warum Prof. Cong gerade diese Übung schwerpunktmäßig unterrichtet hatte. Prof. Lin und die Qigong-Spezialisten seines Instituts hatten überlegt, ausgehend von den sowohl positiven als auch negativen Erfahrungen, die man in China seit der Popularisierung des Qigong gemacht hatte, welche Übungen sich am besten für den Unterricht im Westen eignen würden.

Übungen sollten einfach sein, leicht zu erlernen, und solide verankert in der alten Tradition der Qi-Übungen. Auch sollten sie frei von möglichen Nebenwirkungen sein, damit bezog sich Prof. Lin auf problematische Entwicklungen im chinesischen Qigong im Zusammenhang mit einer Reihe von zu der damaligen Zeit äußerst populären Übungen, wie z.B. dem Kranich-Qigong (鹤翔庄 hexiangzhuang), der Meditation des Kleinen Himmlischen Kreislaufs (xiao zhoutian 小周天) oder dem Qigong der Vorhimmlischen Natur (xiantian ziran gong 先天自然功). Und schließlich sollten, auch nicht selbstverständlich, die unterrichteten Übungen die Möglichkeit der Weiterentwicklung bieten; es sollte durch sie ein Fundament geschaffen werden, eine stabile Ordnung des Qi als Basis, um das eigene Qigong-Niveau auf korrekte Art entwickeln und heben zu können.

Die Yuanminggong-Übungen waren ein Ergebnis dieser Überlegungen, und Prof. Cong wurde dann beauftragt, sie bei uns zu unterrichten. Die anderen Übungen, die Prof. Cong damals als erster Qigong-Lehrer nach Europa gebracht hatte, habe ich ja schon in einem Posting von vor ein paar Tagen erwähnt. Abgesehen von den Gehübungen, die sogenanntes Neues Qigong (xin qigong liaofa 新气功疗法) darstellen, waren alle Übungen, die Prof Cong unterrichtet hatte, traditionelle Übungen mit daoistischem Hintergrund und einer langen Überlieferungslinie.

Yuanming 元明 als "ursprüngliches Licht" zu übersetzen, ist eigentlich nur ein Behelf. 

Yuan 元 heißt Anfang, Beginn. Richard Wilhelm in seiner Goethe'schen Diktion hätte wie in seiner I Ging-Übersetzung gesagt: "Erhabenes Licht“, „erhaben“ im Sinne von „in den Anfängen sein“. 

Taiyi 太乙, eine der Gottheiten des chinesischen Altertums, steht hier für das Dao selbst. Ming 明, das Licht, aus den Zeichen Sonne 日 und Mond 月 zusammengesetzt, verweist auf Yin und Yang.

Taiyi Yuanming Gong bedeutet also eigentlich: 

Die Übung von ursprünglichem Yin und Yang des Großen Dao.

Monday, June 15, 2020

Taiyi Yuanming Gong 太乙元明功 - Übungsvideo


Wie angekündigt: ein Übungsvideo mit dem Taiyi Yuanming Gong 太乙元明功, einer traditionellen Qigong-Übung, die Prof. Cong damals unterrichtete, als er das erste Mal nach Österreich kam, und die er sehr schätzte.

Prof. Cong
Die Übung ist sehr einfach, den Bewegungsablauf hat man schnell gelernt. Vielleicht gibt es anfänglich noch ein paar Details, die einem unklar sind, doch braucht man sich keine Sorgen zu machen, auch schlampig und ungenau geübt, wird sich diese Übung sehr positiv auf die Gesundheit auswirken.

Genauigkeit beim Qigong-Üben ist nicht nur nicht wichtig, sondern oft sogar kontraproduktiv. Ist man zu sehr konzentriert ist und klebt an der Form, dann fällt es einem viel schwerer, in die Entspannung und Stille zu finden und ein harmonisches Qi zu entwickeln.

Das Wesentliche ist: dongzhong qiu jing 动中求静 - In der Bewegung die Ruhe suchen.

Das Yang entspringt dem Yin, die innere Bewegung des Qi entspringt der körperlichen Entspanntheit und der geistigen Stille. Das ist der wesentliche Punkt, um den alles Üben kreist.

Die Bewegung am besten sechs Mal ausführen ( öfter oder weniger oft geht natürlich auch), und am besten zwei Mal am Tag. 





Friday, June 12, 2020

Baxie Cao 八邪操: Ba-Xie-Übungen



Alle bisher geposteten Massagen zusammen werden Baxie Cao 八邪操 genannt, wörtlich: Ba-Xie-Gymnastik oder Ba-Xie-Übungen. 

Dieses Set wird Patienten in chinesischen Spitälern beigebracht als simple und, regelmäßige Praxis vorausgesetzt, effektive Methode zur Beschleunigung des Gesundungsprozesses sowie zur Vorbeugung. 

Wie schon erwähnt, habe ich diese Massagen in nur wenig abgewandelter Form bei der daoistischen Meisterin Jia Ruijuan in Peking kennengelernt. Sie meinte, so simpel diese Übungen aussähen, so wichtig seien sie. Die Praxis solcher Übungen sei unabdingbar, um mit fortgeschrittenen Qigong-Inhalten etwas anfangen zu können.

Jede Massage wird 36x ausgeführt, dauert also nur kurz (und man muss sich nicht sklavisch an die Zahlen halten). 

Man kann die Massagen im Sitzen, Stehen oder, noch besser, im Gehen ausführen.

Der Ausdruck Baxie 八邪 bezieht sich einerseits auf die Akupunkturpunkte auf dem Handrücken zwischen den Fingern, andererseits auf die sogenannten Acht Krankeitsursachen: 

  • Feng 风 Wind
  • Han 寒 Kälte
  • Shu 暑 Sommerhitze
  • Shi 湿 Feuchtigkeit
  • Ji 饥 Hunger
  • Bao 饱 Übersättigung
  • Lao 劳 Erschöpfung
  • Yi 逸 Untätigkeit

Die Reihenfolge der Massagen ist folgende:

  1.  Die Baxie-Punkte 八邪穴 zwischen den Fingern
  2.  Die Tigermäuler Hukou 虎口 (die Baxie-Punkte zwischen Daumen und Zeigenfingern)
  3.  Die Hegu-Punkte 合谷穴
  4.  Die Yuji-Punkte 鱼际穴 an den Daumenballen
  5.  Die Kleinfingerseite der Hand mit dem Houxi-Punkt 后溪穴
  6.  Die Handwurzeln: Daling大陵穴 und Shenmen 神门穴
  7.  Die Laogong-Punkte 劳宫穴
  8.  Die Handrücken
  9.  Die Yangchi-Punkte 阳池穴
  10.  Die Fingerspitzen: Die zehn Xuan-Punkte 十宣穴
  11.  In die Hände klatschen (grad)
  12.  In die Hände klatschen (verschränkt)

Ich habe inzwischen eine Youtube-Playlist erstellt, die Massagen umbenannt und in die richtige Reihenfolge gebracht.. 

Hier ist der Link: Ba-Xie-Massage

In den nächsten Tagen kommt noch ein Video dazu mit allen Massagen zusammen.

Thursday, June 11, 2020

Qigong-Selbstmassage: Yuji, Laogong, Hände


Hier sind nun die restlichen Massagen, die das ganze Set vervollständigen. 


Massage der Yuji-Punkte (鱼际穴)


Mit den Handballen 36x locker gegeneinander schlagen. Die Yuji-Punkte befinden sich auf dem Lungenmeridian (Lu 10) und sind auf den Daumenballen gelegen. 


Durch Stimulation dieser Punkte kann Hitze des Lungenfunktionskreises gekühlt werden, Schleim und Feuchtigkeit werden umgewandelt und ausgeschieden, Husten und Asthma können behandelt und die Atmung befreit werden





Stimulation der Akupunkturpunkte in den Händen


Auf zweierlei Weise in die Hände klatschen, 36x oder öfter.

In den Händen gibt es ein Vielzahl von Akupunkturpunkten (Meridianpunkte und Punkte außerhalb der Meridiane). Durch Klatschen werden diese aktiviert, der Fluss des Qi in den Meridianen wird gefördert, Yin-Kälte und trübes Qi werden ausgeleitet, die inneren Organe reguliert und gestärkt.



Massage der Laogong-Punkte (劳宫穴)


Mit der lockeren Faust gegen den Laogong-Punkt im Handzentrum schlagen.
Herz- und Kreislaufmeridian werden so stimuliert, die Massage wirkt gegen Erschöpfung, macht geistig wach und hilft der Konzentration.

Wednesday, June 10, 2020

Eine kurze "Plauderei" über Qigong







Oskar Außerer vom Zentrum für die Dokumentation von Naturheilverfahren hat vor kurzem dieses alte Video bei sich zuhause gefunden und einen kurzen Ausschnitt auf Youtube gestellt. Es ist ein sozusagen "historischer" Videoclip, von einem Seminar aus dem Jahr 1995 mit Prof. Cong und mir als Übersetzer in Südtirol. Es gibt mehrere Stunden Materials, und Oskar hat mir versprochen, in Zukunft mehr davon auf Youtube zu posten, doch wird die Digitalisierung der ursprünglichen VHS-Bänder noch dauern. 

Wie gesagt, es ist nur ein kurzes Video von Prof. Cong, wie er mit einigen Instruktionen zur Körperhaltung seinen Unterricht des Taiyi Yuanming Gong 太乙元明功 (der „Übungen des Erhabenen Lichts“, oder man könnte auch übersetzen, der „Übungen des Ursprungs des Lichts“) beginnt. 

Ich nehme es heute als Anlass für ein kurze Plauderei über Qigong im Allgemeinen und unsere Übungen im Speziellen.

Diese sehr einfachen Übungen aus der Wudang 武当 - Tradition wurden von Prof. Cong sehr geschätzt und bei fast jedem Seminar unterrichtet, das er in den Jahren 1988 bis 1997 hielt. 

Ich werde diese Aufnahme auch zum Anlass nehmen, ein Video dieser Übungen für Youtube zu produzieren. In den letzten Monaten, als ich so viel von den chinesischen Materialien gesichtet habe, die anlässlich der Covid-Pandemie im chinesischen Internet publiziert wurden, wurde mir wieder einmal bewusst, auf was für einem hohen Niveau Prof. Cong Yongchun und später auch Prof. Lin Zhongpeng damals Qigong unterrichtet hatten, und wieviel von den wesentlichen Inhalten des Qigong weder bei uns noch auch im heutigen China thematisiert werden. Oder schlichtweg nicht bekannt sind.

Damals war Qigong bei uns in den Anfängen. Prof. Lin Zhongpeng wusste, wie wichtig es sein würde, von Anbeginn die Essenz des Qigong zu vermitteln und sich nicht in Nebensächlichkeiten zu verlieren. In China hatte man mit der Popularisierung des Qigong in den 80er- und 90er-Jahren gemischte Erfahrungen gemacht. Einerseits wusste man schon vom medizinischen Wert und Wirksamkeit dieser alten Methoden und konzentrierte sich in der zu jener Zeit entstehenden Qigong-Forschung vor allem auf diesen Aspekt. Doch mehr und mehr entwickelte Qigong eine Eigendynamik, übertriebene Behauptungen wurden aufgestellt, viele Lehrer verkauften sich als Meister angeblicher geheim überlieferter Übungsformen oder betonten die quasi magischen außergewöhnlichen Fähigkeiten, die durch bestimmte Übungen geweckt werden könnten. Die zunehmende Vermarktung des Qigong tat noch ein weiteres dazu. Prof. Lin stand all dem sehr kritisch gegenüber und meinte schon in den 90er-Jahren, dass man ohne eine fundierte Ausbildung in dem weiten Feld des Qigong sehr schnell die Orientierung verlieren würde.

Er hatte Anfang der 80er-Jahre das „Chinese Qigong College for Advanced Studies“ in Peking gegründet, als Ausbildungsmöglichkeit vor allem für Qigong-Spezialisten. Natürlich kann jeder für sich privat Qigong üben, doch wenn man nicht definieren kann, was Qigong ist, wenn man dessen Geschichte nicht kennt, nichts über dessen Hintergründe (kulturell, philosophisch, medizinisch usw.) Bescheid weiß oder über den dem Qigong eigenen holistischen Denkansatz, dann bleibt das eigene Niveau notwendigerweise beschränkt. Und, was man auch bei uns beobachten kann: es macht einen anfällig für die Behauptungen und Versprechungen der vielen selbsternannten Meister und Großmeister. In aller Klarheit fundiert zu unterrichten und ein sachliches Verständnis des Qigong zu vermitteln, das war Prof. Lins Anliegen und machte ihn zum führenden Theoretiker des modernen Qigong in China. Sein enormes praktisches Können stellte er dabei immer „unter den Scheffel“.

Prof. Cong war Prof. Lins Mitarbeiter. Im Rahmen eines Projekts des österreichischen Wissenschaftsministeriums (Minister war damals Dr. Franz Kreuzer) wollte Prof. Georg König, einer der Pioniere der Akupunktur in Österreich und Präsident der österreichischen Akupunktur-Gesellschaft, im Jahr 1988 interessierte Ärzte und auch Patienten mit dem bei uns zu jener Zeit weithin unbekannten Qigong bekanntmachen. Prof. Lin entschied damals, für dieses Projekt Prof. Cong nach Österreich zu schicken und ihn mit dem Unterricht ganz bestimmter Qigong-Methoden zu betrauen.

Wie mir Prof. Lin später erklärte, war die Auswahl der Methoden wohldurchdacht und basierte auf den oben nur skizzenhaft geschilderten sowohl positiven wie auch negativen Erfahrungen, die man mit Qigong während der Zeit des „Qigong-Fiebers“ in den 80er-Jahren gemacht hatte. 

Als wichtigste therapeutische Methode unterrichtete Prof. Cong das Qigong-Gehen, eine moderne Methode, von Frau Guo Lin 郭林 entwickelt, die mit großem Erfolg bei chronischen Krankheiten und Krebs zum Einsatz gebracht worden war. Prof. Cong hatte bei Han Qiusheng 韩秋生, einem der Schüler von Frau Guo Lin gelernt, der später seine eigene Qigong-Schule gründete. Prof. Cong unterrichtete in seinem ersten Jahr in Europa hauptsächlich Ärzte und Patienten, darum waren die verschiedenen Gehmethoden zur Stärkung des Qi der Nieren (qiang shen fa 强肾法), des Herzens (qiang xin fa 强心法), der Milz (qiang pi fa 强脾法), der Leber (qiang gan fa 强肝法 und der Lungen (qiang fei fa 强肺法) zusammen mit der Methode des Hebens und Senkens, Öffens und Schließens (shengjiang kaihe fa 升降开合法) zentrale Inhalte seiner Seminare.

Aber auch andere Übungen, mit denen Prof. Cong am Fujian College für Traditionelle Chinesische Medizin gute therapeutische Erfahrungen gemacht hatte, waren Teil des umfangreichen Unterrichts- und Übungsprogramms. Darunter waren die oben erwähnten Yuan Ming Gong 元明功 - Übungen, welche Prof. Cong von Li Zhaosheng 李兆生 gelernt hatte, die Fanhuanggong 返还功 - Übungen des daoistischen Meisters Shen Yuewu 沈岳武, Laozi’s Methode zur Kultivierung des Wirklichen (Laozi Xiuzhen Qigong 老子修真气功) und eine Reihe weiterer traditioneller Übungen. 

Der Grundgedanke bei all diesen Übungen war: Um Qigong korrekt üben zu können, muss man verstehen, dass das Entscheidende das Eintreten in den qigong-spezifischen Ruhezustand ist. Das Qi gründet in der Stille, während des Übens ist nicht das korrekte Ausführen der Bewegungen entscheidend, sondern das Erlangen des Qi. Darin gleicht es der Akupunktur: ohne das Erlangen des Qi (deqi 得气) stellt Akupunktur nur oberflächliches Tun ohne den eigentlich möglichen therapeutischen Gehalt dar.

Darum ist es in erster Linie wichtig, in der Bewegung die Ruhe zu finden. Dafür eignen sich simple Bewegungsabläufe viel besser als komplexe. Die meisten traditionellen Qigong-Übungen sind deshalb sehr einfach, und entsprechend leicht zu erlernen. Misst man Bewegungen oder Formen (oder den blumigen Namen der Übungen) eine große Wichtigkeit bei, so „verwechselt man die Zweige mit dem Stamm“ (um einen chinesischen Ausdruck zu paraphrasieren). 

Und auch die Konzentration, so wichtig sie beim Üben ist, ist dem Erreichen der Ruhe untergeordnet.

Ziran 自然 ist das entscheidende Wort, einer der chinesischen Ausdrücke, die man kennen sollte. Im modernen Chinesisch bedeutet der Ausdruck „Natur“, wörtlich heißt er: „Das, was von selbst so ist.“ „Was aus sich selbst so ist.“ Qigong übt man, um dieses „Von-selbst-so“ zu ereichen. Zu sagen, dass alle Wirkungen im Qigong von selbst entstehen, wäre übertrieben, natürlich „tut“ man etwas. Man führt Bewegungen aus, atmet, konzentriert sich. Doch steht all dieses Tun im Dienste der inneren Ruhe und Stille, aus welcher man wiederum „das Qi erlangt“.

Zhi xu ji, shou jing du 致虚极守静笃 - Die äußerste Leere erreichen, die tiefste Stille bewahren - dieses Laozi-Zitat enthält die Essenz dessen, was Qigong ausmacht. Das Qi entspringt der Stille, die Bewegung erhebt sich aus der Ruhe. Das Qi, einmal in Bewegung, organisiert sich von selbst, ordnet sich von selbst, heilt von selbst. Je weniger man zu den sich in der Ruhe ereignenden inneren Prozessen hinzufügt, desto wirksamer die Qigong-Praxis. 

Ich erinnere mich noch gut, als mich Prof. Cong ermahnte (ich war damals wohl zu ehrgeizig): „Hör auf, dein Qi mit deinen Wünschen zu stören! Es ist ein Fehler, das Qi führen und leiten zu wollen. Wichtig ist allein die Stille, wenn sich das Qi dann bewegt, weiß es selbst um die natürlichen Bahnen. Du hingegen bildest dir ein, es zu wissen, tatsächlich bringst du mit deiner Einmischung das Qi nur durcheinander.“

Prof. Lin sagte dasselbe, und wenn man sich die Tradition ansieht, so findet man diese Aussage immer wieder. Im Fanhuangong heißt es: „Sich in die stille Kammer zurückzuziehen, um das Qi im Körper zu führen, ist sinnlos. Das Qi fließt von selbst. Das Qi durch die eigene Absicht zu bewegen, ist ebenso unnötig, wie sich einen zusätzlichen Kopf aufsetzen zu wollen.“

Aus diesem Grund nannte Chen Yingning 陈婴宁, der große Erneuerer des Daoismus im 20. Jahrhundert, seine Methode „Übung der Stille“ (jinggong 静功) und grenzte sich ab von Qigongtechniken der Manipulation von Qi. Auch er meinte, Heilung erfolge ausschließlich durch die Stille. Die Essenz der traditionellen Methoden könne durch zwei Ausdrücke gefasst werden: “Verbindung von Atem und Geist” (xinxi xiangyi 心息相依) sowie Sammlung des Geistes und Versenkung in die Stille” (shouxin rujing 收心入境).

In einem der ersten Postings habe ich über die mögliche Schutzwirkung von Qigong in diesen pandemischen Zeiten geschrieben, aber gleich betont, dass man nicht glauben müsse, eine spezielle Übung dafür zu benötigen. Wir haben uns in diesen Wochen und Monaten auf die Sechs Heilenden Laute konzentriert als eine der traditionell überlieferten Methoden, doch jede andere Methode, die man kennt, die einem liegt und die man gerne übt, und durch die man in die Stille findet, ist genauso gut geeignet. 

Genauso gut geeignet, weil die Essenz des Qigong eben dieses ist:

Das Qi muss nicht gelenkt, geleitet und kontrolliert werden, es organisiert und ordnet sich von selbst. Der Wille zu Beeinflussung entstammt Schichten des Bewusstseins, die nicht in Berührung sind mit der grundlegenden Ganzheit des Lebens. Im Qigong sind Entspannung und Stille nicht zur Vorbereitung da, sondern wichtige und wesentliche Mittel zur Förderung und Unterstützung der natürlichen Ordnung des Qi. 

Die Bewegung des Qi im Zustand der Stille entspricht der Selbstregulationsfähigkeit des Lebens, sie ist die Basis des natürlichen Potentials von Gesundheit und Gleichgewicht. Qigong zu üben, heißt also, dem Organismus zu helfen, die Fähigkeit zur Selbstregulation und damit die Anbindung an das lebende Universum (da Qi „lebendige Materie“ ist, kann man es im chinesischen Verständnis so nennen) wiederzufinden. Findet man an diesen Ursprung zurück, so wird sich das Qi besser entfalten, wird sich das Leben besser entfalten. Was als Gesundheit und Gleichgewicht möglich ist, stellt sich dann von selbst ein.

Diese Gedanken gingen mir heute durch den Kopf, als ich Prof. Cong in dem kurzen Viedoauschnnitt von damals gesehen habe. Wie er immer wiederholte: Nicht das Kennen und Üben vieler Übungen ist im Qiqong wesentlich, sondern das Eintreten in den Zustand der Stille. In dieser Einfachheit und Schlichtheit ist das gesamte Potential zur Meisterung der Kunst des Nährens des Lebens (yangsheng 养生) enthalten.

Tuesday, June 9, 2020

养生蘑菇汤 Yangsheng Mogu Tang - Pilzsuppe zum Nähren der Vitalität


Pilze aller Art sind eine wichtige Zutat von “Yangsheng”-Rezepten. Eine der im Westen bekanntesten asiatischen Sorten ist der Shiitake-Pilz; er verleiht Suppen, Eintöpfen und pfannengerührten Gerichten besonders viel Aroma. 

Er besitzt starke medizinische Qi-Wirkungen Vor allem wegen seiner antikanzerogenen Eigenschaften ist er in den letzten Jahren Objekt vermehrter naturwissenschaftlicher Forschung sowohl in Asien als auch im Westen.

In diesem Rezept wird eine Mischung von frisch erhältlichen Pilzen verwendet. Es wäre am besten, wenn immer auch frische Shiitake-Pilze dabei sind. Sind diese nicht verfügbar, kann man auch zwei oder drei getrocknete, schwarze Shiitake-Pilze verwenden (vorher in warmem Wasser einweichen).

Dieses Rezept ist köstlich in seiner Kombination von Schweinefleisch, Tofu, Frühlingszwiebeln, weißem Pfeffer, Goji-Beeren und chinesischen roten Datteln. 

Das Rezept besitzt eine Reihe wichtiger medizinischer Wirkungen: Es tonisiert Qi, Blut und Yin-Essenz, es beseitigt feuchte Hitze, stärkt das Nieren-Qi, harmonisiert das Leber-Qi und regt das Lungen-Qi an.

Natürlich kann dieses Rezept als vegetarische Variante ohne Schweinefleisch zubereitet werden.* Das verändert die Qi-Wirkung des Rezepts, es ist dann weniger nährend für das Blut, und es harmonisiert das Leber-Qi nicht. 

Als vegetarische Variante ist es jedoch immer noch ein wirksames diätetisches Rezept mit sehr positiven Auswirkungen sowohl auf das Qi als auch die Essenz. 

Das angeführte Rezept ist für zwei Personen gedacht.



Zutaten:



Tofu-Schweinefleisch-Bällchen:


130 g mageres faschiertes Schweinefleisch

130 g Tofu (normaler weißer Tofu, kein Seiden-Tofu)

2 Frühlingszwiebeln, grüne Teile, fein gehackt

½ TL Salz

½ TL weißer Pfeffer

1 TL Sojasauce

¼ TL Zucker



Suppe:


1-2 TL Speiseöl

1 l kochendes Wasser

½ TL Salz

8 g Goji-Beeren

4 chinesische rote Datteln

250 g gemischte frische Pilze, in Stücke geschnitten 

Man kann z.B. 50 g Shiitake-Pilze, 50 g weiße oder braune Champignons, 50 g japanische Enoki-Pilze, 50 g Austernpilze, 50 g japanische Matsutake-Pilze (die japanischen Pilze findet man oft in Bio-Läden oder asiatischen Geschäften) nehmen. Man kann grundsätzlich aber jede beliebige Pilzsorte verwenden, Steinpilze, Portobello oder was es eben gibt. Wenn man keine frischen Shiitake findet, kann man getrocknete verwenden (in Bio- oder Asienläden findet man sie leicht). Getrocknete Pilze vor dem Kochen mindestens 30 Minuten in warmem Wasser einweichen. 




Zubereitung:


Das Faschierte in eine Schüssel geben. Den Tofu zuerst mit den Fingern zerkrümeln. 

- Dieser Schritt ist wahrscheinlich etwas arbeitsaufwendig, je feiner man den Tofu zerbröselt, desto besser. Leider hat der bei uns erhältliche Tofu, außer wenn er von einer chinesischen oder japanischen Firma hergestellt ist, immer eine falsche Konsistenz. - 

Den Tofu dann gründlich mit dem Fleisch mischen, pressen und verkneten. Die gehackten grünen Teile der Frühlingszwiebel und die Gewürze (Salz, weißen Pfeffer, Sojasauce, Zucker) dazugeben. Alles weiter mischen (mit einer kreisförmigen Bewegung, die immer in eine Richtung geht), bis das Fleisch Fasern zeigt und die Masse eine festere, klebrigere Textur bekommt. Dann werden die Fleischbällchen beim Kochen nicht zerfallen und leicht und locker bleiben.

Die Masse in der Schüssel in zwei Hälften teilen, und dann jede Hälfte in weitere drei gleiche Teile teilen. Jeden Teil zu einem Bällchen formen. Das ergibt dann 6 Fleischbällchen.

Das Öl in einem Wok oder in einem großen Topf erhitzen, die Fleischbällchen vorsichtig in das Öl geben und bei mittlerer Hitze anbraten, bis sie außen bräunlich sind. Dabei die Bällchen vorsichtig hin- und herbewegen, bis die Oberfläche braun und versiegelt ist. Das dauert etwa 2 bis 3 Minuten, die Fleischbällchen müssen nicht vollständig gegart sein, es geht hauptsächlich darum, dass sie beim Kochen nicht zerfallen.

Das kochende Wasser in die Pfanne geben, den restlichen ½ TL Salz hinzufügen, ebenso die chinesischen roten Datteln. Zudecken und bei mittlerer Hitze 10-15 Minuten kochen.

Den Deckel abnehmen. Falls Fett an der Oberfläche schwimmt, dieses entfernen. Die Pilze hinzufügen und ohne Deckel kochen, bis die Pilze gar sind (ca. 5 – 10 Minuten). Am Ende die Goji-Beeren dazugeben.

Sofort servieren und genießen!



*Man könnte zum Beispiel Bällchen aus Tofu und geraspelten Karotten machen, mit etwas Maisstärke und einem Ei zur Bindung. Man muss halt ein wenig experimentieren. Die Suppe wird wegen der Pilze dann immer noch sehr gehaltvoll schmecken.

Letztes Posting: Übung zur Stärkung des Körpers im Kampf gegen die Epidemie

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