Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Wednesday, April 14, 2021

Das Kleine geht hin, das Große kommt her - Ein Übungsvideo

Der Friede: Das Kleine geht hin, das Große kommt her. Heil! Gelingen! Auf diese Weise vereinigen sich Himmel und Erde, und alle Wesen kommen in Verbindung. Obere und Untere vereinigen sich, und ihr Wille ist gemeinsam. Innen ist das Lichte, außen das Schattige, innen der Edle, außen der Gemeine. Der Weg des Edlen ist im Wachsen, der Weg des Gemeinen im Abnehmen.

So der Urteilsspruch zu Tai 泰 (Der Friede), dem 11. Hexagramm des Buchs der Wandlungen, das durch die Übung des heutigen Videos verkörpert wird. Es ist eine sehr wesentliche Übung, durch die man einen der wichtigsten Inhalte des Qigong zu verstehen lernt.

Der Name der Übung lautet: Qian kun jiao tai 乾坤交泰 - Das Schöpferische und das Empfangende treffen einander in Frieden". Sie stammt aus dem Qigong des Laozi", einer Übungsfolge, auch Das Kultivieren des Wirklichen" genannt, die auf Inhalten des Daodejing und des Buchs der Wandlungen basiert. Prof. Cong hatte sie vor Jahren unterrichtet. 

Das ganze obige Urteil kann als Kommentar zur Qi-Bewegung der Übung gelesen werden, in der Yang und Yin auf eine solche Art und Weise in Bezug gebracht werden, dass alles fördert" oder zu „Heil" und „Gelingen" führt, um in der Sprache des Buchs der Wandlungen zu bleiben.

Kommunizieren Yin und Yang nicht, entsteht Gefahr. Die Trennung von Yin und Yang ist das Ende (d.h. der Tod) von Essenz und Qi", heißt es im Inneren Klassiker des Gelben Kaisers. Darum achtet man im Qigong darauf, Yin und Yang einander zu „verheiraten" und ihre Verbindung zu festigen. Dann kann das Xieqi (邪气 das pathogene Qi - das Kleine und Gemeine) weichen und das Zhengqi (正气 der Edle - das aufrechte Qi des funktionierenden Organismus) wachsen. Das Yang wird an zentraler Stelle sein und den Zusammenhalt des Ganzen schützen. Gesundheit ereignet sich als Folge.

Es ist das „innere Umstellen“, welches dies zuwege bringt. Das Yang, in seiner Bewegung nach oben und außen, kann sonst das Yin nicht treffen. Was oben ist, muss nach unten gebracht werden, was außen, nach innen. Dann erst vereinigen sich Himmel und Erde und alles Leben wird gefördert und entfaltet.

Das Zeichen entspricht dem Frühling, der Zeit, in der Himmel und Erde zu allgemeinem Blühen und Gedeihen zusammenwirken, darum hatte ich den Gedanken zu diesem Video und diesem Beitrag. Und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Qigong zu üben genau dieses heißt, nämlich die Begegnung von Himmel und Erde in der inneren Stille und Ruhe (auch eine mögliche Übersetzung von Tai 泰) immer wieder wirklich werden zu lassen, als eine Zeit des inneren Frühlings, der jederzeit, auch unabhängig von der tatsächlichen Jahreszeit, erlebt werden kann.


Monday, April 12, 2021

Ein paar verstreute Frühlingsgedanken

Frühling. Das Leben entfaltet sich. Alles wächst. Die Bäume knospen und ergrünen, Blütenduft erfüllt die Luft, überall zwitschern Vögel, während sie nach Nahrung suchen und Nester bauen. Doch ist der Übergang vom dunklen Winter zu den langen Tagen des lichten Sommers oft auch turbulent, mit raschen und plötzlichen Wechseln von Wind, Regen, Schnee, Sonne, mit Frosttemperaturen, die über Nacht sonniger Wärme weichen, und genauso plötzlich wieder zurückkehren.

Die Veränderungen in der Natur spiegeln sich im Körper und kommen in einer veränderten Qi-Bewegung zum Ausdruck. Im Frühling erwacht das Qi, es steigt und drückt nach oben und außen. Diesen Yang-Aspekt des Qi, kräftigend und stärkend, kann man schon in den frühen Stadien des jahreszeitlichen Übergangs spüren, dann, wenn sich im Körper empfundene Kälte oder Steifheit in Wärme oder Leichtigkeit verwandeln, wenn man durch einen plötzlichen Energieschub Erschöpfung und Langeweile überwindet, wenn sich die Stimmung hebt und wartende Möglichkeiten spürbar werden. All dies, obwohl wir alle natürlich weiterhin die Last und den Stress der schon mehr als ein Jahr dauernden globalen Krise zu tragen haben.

Der Frühling ist die Zeit, in der das Essenz-Qi (Jingqi 精气) das Qi öffnet, sein Erwachen  unterstützt, den Fluss von Qi 气 und Xue (Blut  und der Qi-Aspekt des Blutes) verbessert und sich mit dem kraftvollen Qi von Himmel und Erde verbindet, um Leben in all seiner Zartheit zu schaffen, zu erneuern und in seinen Transformationen zu schützen.

Beim Qigong-Üben ist es so, als würde man einen Frühjahrsputz halten und das Wohnzimmer auslüften ... Türen und Fenster werden weit geöffnet, um die abgestandene, staubige Luft mit frischer, lebendiger Luft zu ersetzen. Beim Üben kann das auf verschiedene Arten und Weisen geschehen, mittels spezieller Massagen (klopfen, streichen, vibrieren), durch bestimmte Methoden des Armschwingens, oder auch durch spezielle Atemtechniken. 

Diese „Pai Qi “ 排气 - Klären des Qi“ genannten Qigong-Methoden ermöglichen den umfassenden und raschen Qi-Austausch zwischen Mensch und Natur, wodurch alle transformativen Qi-Prozesse gestärkt werden. Praktiziert man Pai Qi als Abschluss des Übens, dann harmonisiert es den inneren Fluss des nährenden Yin-Qi mit dem äußeren Fluss des schützenden Yang-Qi. Die allgemeine Wirkung des Übens wird so konsolidiert und verstärkt. 

Ideal ist, wenn man frühmorgens Qigong draußen an der frischen Luft, in der Nähe von Bäumen oder in einem Park üben kann. In der Stadt ist dies nicht immer möglich. Das Qi der Natur ist jedoch überall, auch im eigenen Wohnzimmer. Das Wichtigste ist die frische Luft. Und die ist am besten nach einem Frühlingsregen, dessen feines Qi zusammen mit der feuchten und kühlen Luft sich leicht mit dem eigenen Qi verbindet und vermischt.

Es ist normal, wenn man im Frühling das Qi stärker spürt, wenn man also intensivere Qi-Wahrnehmungen hat. Zum Beispiel kann es sein, dass sich Hände und Füße während oder nach dem Qigong-Üben kühl oder sogar kalt anfühlen. Dies bedeutet, dass das Yang-Qi das im Körper befindliche abgestandene, kalte Qi, das den gleichmäßigen, leichtgängigen, schnellen Fluss des gesunden, warmen Qi blockiert, nach außen drückt. Oder man beginnt beim Üben oder auch später, wenn man sich nach dem Üben ausruht, leicht zu schwitzen - das kommt daher, dass sich das nährende Yin-Qi des Körperinneren mit dem schützenden Yang-Qi der Körperoberfläche harmonisiert. Dadurch fällt es dem Qi der Lunge leichter, die Poren zu öffnen und zu schließen, und die Haut beginnt besser zu atmen.

Das steigende Yang-Qi des Frühlings ist von Natur aus schöpferisch und warm, und gewinnt, während es 
dem Sommer zugeht, mehr und mehr an Kraft. Es steigt auf, drängt kräftig nach oben und außen und befördert die natürliche Transformation jedes Aspekts des Lebens. Ist man aufmerksam, lässt einen diese innere Bewegung eine engere Verbindung mit der Natur erleben, nicht nur draußen, auch zuhause. Ideen werden einem zufliegen, und die Gesundheit wird sich mit dem Qi heben und in Möglichkeiten des Tuns verwandeln.

Hoffentlich können wir in Zukunft wieder einmal einige von den speziellen Qigong-Methoden zeigen, durch die man auf engere und direktere Art mit der Natur zu kommunizieren lernt. Diese Art von Erfahrung ist inspirierend und belebend, und sie lässt eine Freude entdecken, die die Natur eigentlich immer bereit hält und die zu jeder Jahreszeit anders erlebt wird .. Noch ist Geduld vonnöten, aber es wird sich schon wieder die Gelegenheit ergeben. 

Wir wünschen allen einen schönen Frühling! 

PS: Die vier Kalligraphien zeigen alle das Zeichen: 春 Chun - Frühling. 

Saturday, April 10, 2021

Eine Übung zur Stärkung von Milz und Magen

In diesen nicht enden-wollenden pandemischen Zeiten sehr angebracht, möchte ich heute eine Übung zur Stärkung des Qi von Milz und Magen zeigen.

Der Funktionskreislauf von Magen und Milz wird „erworbene (houtian 后天- nachhimmlische) Qi-Quelle“ genannt und ist von entscheidender Wichtigkeit für das Funktionieren des gesamten Organismus.*

Sind Magen und Milz geschwächt, wird die „Transportieren und Transformieren“ genannte Funktion der Milz beeinträchtigt, durch die Nahrung in Qi und Blut umgewandelt wird. Mangelnde Bewegung (auch als Folge des Lockdowns), einseitige Ernährungsgewohnheiten (unregelmäßiges Essen, übermäßiges Essen, kaltes Essen, schweres Essen, zu stark gewürztes Essen, zu viel Rohkost etc.) schwächen Milz und Magen und verletzen das Yang der Milz. Dieser fehlt dann die Energie für das Transportieren und Transformieren der Nahrung, die Erzeugung von Qi und Blut funktioniert dann nicht recht, und eine Reihe von Problemen können entstehen: stagnierende Verdauung, kalte Hände und Füße, Wasseransammlungen im Gewebe und viele mehr.

Darum diese Übung zur Unterstützung des Qi von Milz und Magen. Sie nimmt nicht viel Zeit in Anspruch, man braucht auch keine komplizierten Bewegungen zu lernen.

Der erste Teil besteht aus dem großen Kreis zur Regulierung des Qi (Öffnen, Heben, Schließen und Senken), verbunden mit dem Heilenden Laut 
„Hu“ für die Milz.

Während des Hebens atmet man durch die Nase ein während das Senkens rundet man die Lippen, atmet durch den Mund aus und stellt sich den Laut „Hu“ vor.. Diese Bewegung zusammen mit der Hu-Ausatmung wird einige Male wiederholt. Prof. Cong, der dies in seinen Seminaren unterrichtet hatte, meinte, sechs bis neun Wiederholungen genügten schon, man könne die Übung aber auch länger machen.

Der zweite Teil entspricht mehr oder minder der Baduanjin-Übung für Milz und Magen. Bei den Baduanjin lautet der Name der Übung: tiaoli piwei xu dan ju 调理脾胃需单举 - Um Milz und Magen zu regulieren sollte man einen Arm heben.

Die Hände werden dafür vor den Unterbauch gebracht, die Handflächen sind nach oben gerichtet. Dann - nomen der Übung est omen - wird eine Hand über Kopfhöhe gehoben, die Handfläche wird dabei nach oben gedreht, während die andere zur Seite bewegt wird, die Handfläche wendet sich nach unten. Am Ende des Hebens bzw. Senkens drücken die Hände nach oben bzw. unten. Die Bewegung seitenverkehrt wiederholen. Während des Hebens bzw. Senkens der Hände einatmen, beim Drücken ausatmen. Dabei wird der Bauch etwas nach innen gezogen.

Im Kontext der Baduanjin-Übungen würde man diese zweite Bewegung nur wenige Male machen, hier kann sie viel öfter wiederholt werden.

Zum Abschluss ein paarmal Öffnen, Heben, Schließen und Senken. Die Hände auf den Unterbauch legen und für ein paar Atemzüge so stehenbleiben.

Die Übung kann zu jeder Tageszeit durchgeführt werden, die beste Zeit ist allerdings morgens nach dem Aufstehen. Auch ist dies eine Übung, die leicht draußen geübt werden kann. 

Die Funktionen von Milz und Magen stellen einen der wichtigen Aspekte des eigenen Qi dar. Sie brauchen regelmäßige Kräftigung und Unterstützung, wie z.B. durch diese Übung, sind sie dochabgesehen von der Pandemie und ihren Folgen, ganz generell im Kontext des modernen Lebens erheblicher Belastung ausgesetzt.

*Ein ausführlichere Beschreibung der Qi-Funktionen von Milz und Magen (im Zusammenhang mit den Übungen der Heilenden Laute) findet sich hier, unter diesem Link.


Thursday, April 8, 2021

Einfache Selbstmassage zur Erhaltung der Gesundheit - Teil 3

Dies ist nun der dritte Teil der einfachen Selbstmassage zur Erhaltung der Gesundheit. Der relevante Satz aus dem Huangdi Neijing - Lingshu lautet folgendermaßen: Befindet sich pathogenes Qi in der Milz, so  stagniert es in den Hüften."

Mit Hüfte ist hier ein ganzer Bereich gemeint, Oberschenkelansatz, Leisten, Hüftgelenke, generell der Verbindungsbereich von Oberschenkel und Becken, überall dort sammelt sich das xieqi 邪气 der Milz. Auch zwei wichtige Akupunkturpunkte liegen in diesem Bereich: Qichong 气冲 und Chongmen 冲门. 

Qichong  ist der 30. Punkt des Magenmeridians, der Punkt befindet sich zwei Daumenbreit seitlich der Körpermittellinie auf Höhe des Schambeins. Chongmen ist der 12. Punkt des Milzmeridians und liegt viereinhalb Finger seitlich des Oberrands der Schambeinfuge. Für die Massage braucht man aber die genaue Lokalisation nicht zu wissen, da man ja nicht nadelt, sondern mit der flachen Hand gegen die Leistengegend klopft. So ungenau kann man nicht sein, dass man die Punkte verfehlen würde.

Die Massage der Hüften (Leiste, Oberschenkelansatz, Unterbauch) verbessert die lokale Zirkulation von Qi und Blut, die Qi-Funktionen von Milz und Magen werden unterstützt. Die Stimulation von Qichong stärkt die Funktionskreisläufe Niere und Blase, Erschöpfungszustände von Niere und Blase können verbessert und Kältezustände ausgeglichen werden. Die Stimulation von Chongmen wirkt der Erschöpfung des Yin und pathogener Hitze entgegen, das Yang wird gesenkt und das Yin gekräftigt. Beide Punkte sind von großer therapeutischer Wichtigkeit. Sie haben auch eine direkte Verbindung zu den Außerordentlichen Meridianen (qijing bamai 奇经八脉) und liegen ganz nah an der Oberschenkelarterie, wodurch sehr effektiv auf den Fluss von Qi und Blut eingewirkt werden kann.  

Die Massage ist wieder sehr einfach: Man macht die flache Hand etwas hohl und klopft - im Stehen - gegen die Leistengegend, zuerst leicht und allmählich ein wenig fester, bis man das Gefühl hat, dass sich die Gegend erwärmt. Auf keinen Fall zu fest schlagen, man tut sich nichts Gutes und die Wirkung wird nicht verbessert, wenn man sich prügelt.


Tuesday, April 6, 2021

Regulation von Atem und Bewegung - ein Video zum Mitüben

Diese Übungen verwende ich sehr gerne in meinen Kursstunden. Ich habe sie vor vielen Jahren von Prof Cong gelernt, der sie in fast allen seiner Seminare unterrichtete.

Er meinte dazu: Bei meinen Seminaren liegt mir am Herzen, die gesundheitlichen Möglichkeiten des Qigong möglichst wirkungsvoll zu vermitteln. Dabei ist es am Wichtigsten, das Qi aller Seminar-Teilnehmer so schnell wie möglich zu regulieren und sie in die tiefe Ruhe des Qigong zu führen. Das geht mit einfachen Bewegungsabläufen am besten, man muss keine komplizierten Bewegungen lernen und erlebt sehr schnell die Wirkungen der Übung. Je tiefer die Stille, desto kräftiger bewegt sich das Qi, desto besser wird es reguliert, desto wirksamer das Qigong. Tiefe Ruhe, Regulation und Regeneration - Heilung und Gesundheit ergeben sich daraus. "

Im Video verbinde ich den Atem mit den Bewegungen. und zeige eine Technik von Prof. Cong, die er Wissen und vergessen" nannte. Vor allem, dann, wenn man den Atem mit größeren Bewegungen verbinden will, kann diese Technik hilfreich sein. 

Wissen und Vergessen heißt, dass man die Aufmerksamkeit immer nur kurz auf den Atem richtet, z.B. zu Beginn des Heben. Man beginnt einzuatmen (wissen, man weiß, dass jetzt die Einatmung kommt), kümmert sich aber im Verlauf des Hebens nicht weiter um den Atem (vergessen). Ebenso beim Senken, man beginnt auszuatmen und denkt im  weiteren Verlauf nicht weiter an den Atem. Prof. Cong meinte, dies sei eine gute Methode, um ohne Bemühung, wie von selbst, die lange, ruhige und tiefe Qigong-Atmung zu entwickeln. 


Friday, April 2, 2021

Aufmerksamkeit und Bewegung - Ein Übungsvideo

Mit der Aufmerksamkeit recht umzugehen, ist die größte Kunst im Qigong. Man kann verschiedene Definitionen des Qigong geben, eine einfache wäre diese: Immer dann, wenn sich die Aufmerksamkeit mit einer Bewegung (oder Haltung) verbindet, dann übt man Qigong. Ob die Bewegungsabläufe dabei einfach sind oder komplex, ist unerheblich, das Entscheidende ist die Aufmerksamkeit, durch sie erst wird eine Bewegung zu Qigong.

Um dies auf den Punkt zu bringen, wird in chinesischen Qigongkreisen oft folgender Spruch zitiert: Bodhidharma (der Begründer des Zen-Buddhismus),  aus dem Westen (d.h. aus Indien) gekommen, wirkte ohne Worte, nur durch die geistige Intention." 

Das heißt jedoch nicht, dass Qigong nur geistig geübt und das Qi gedanklich bewegt werden sollte. Ich habe in China keinen einzigen traditionellen Qigong-Lehrer kennen gelernt, der dies befürwortet hätte, ganz im Gegenteil, es wird als oberflächlich und irreführend abgelehnt.

Die Aufmerksamkeit soll in die Stille und Leere führen, sie ist Mittel, nicht Ziel. Sie darf nicht Selbstzweck werden und auch nicht im Übermaß eingesetzt werden. Üblicherweise wird die Aufmerksamkeit auf die Bewegung gerichtet (meist die Hände) und sehr dosiert verwendet. Da sie nicht zu stark werden sollte, ist Nachlässigkeit wichtig. Als ich noch für Prof. Cong übersetzte, war dies der Aspekt des Übens, auf den er am meisten achtete. Yong yi tai zhong 用意太重 Die verwendete Aufmerksamkeit ist zu stark, so findet man nicht in die Ruhe und das Qi kann sich nicht harmonisch und auf natürliche Weise entwickeln", so seine Ermahnung an zu beflissene und brave Schüler. 

Wohin die Bewegung geht, dorthin geht die Aufmerksamkeit. Folgt die Aufmerksamkeit der Bewegung der Hände, wird das Qi im Körper ganz von selbst folgen, und es wird entlang der natürlichen Bahnen fließen. Alles Weitere im Qigong baut auf diesem korrekten ersten Schritt auf.


Wednesday, March 31, 2021

Das Sammeln des Qi - ein Übungsvideo

In diesem Video zeige ich eine der Methoden, die Prof. Cong in seinen Seminaren unterrichtet hatte: das Sammeln des Qi von Himmel, Erde und Mensch.

Tian di ren 天地人 - Himmel, Erde und Mensch, das ist die große Triade des chinesischen Kosmos: der Himmel als Reich des Geistes, der schöpferischen Anfänge, die Erde als Reich des Konkreten, des Empfangens, Werdens und Vollendens, und in der Mitte der Mensch, der in Resonanz tritt mit der kosmischen Ordnung und in sich das Wirken von Himmel und Erde vereint. 

Der Himmel ist das große Yang, die Erde das große Yin, und im Menschen werden die Möglichkeiten von Erde und Himmel, Yin und Yang zu ihrem höchstmöglichen Ausdruck gebracht. Dies ist chinesische Philosophie, die die Frage stellt nach der Beziehung zwischen Himmel, Natur, Gesellschaft und Mensch und die nach der Harmonie zwischen diesen verschiedenen Bereichen sucht. Dieses philosophische Denken hat auch die chinesische Medizin und das Qigong geprägt, die ja auch auf den Gedanken der natürlichen Ordnung und Harmonie aufbauen bzw. diese bei Verlust wieder herzustellen suchen.

Ich erwähne auf diesem Blog immer wieder die Begriffe Ordnung und Regulation. Gesundheit ist reguliertes Qi. Gesundheit ist geordnetes Qi. Und da Regulation und Ordnung des Qi alle Aspekte des Menschseins, der menschlichen Existenz betreffen (und sogar über diese hinaus gehen können), ist auch das Wort Gesundheit zu eng. Vor allem im Qigong geht es nicht (nur) um Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit oder um Heilung, sondern um ein Ganz-Werden, um die Verwirklichung der eigenen Anlage in einem Zusammenhang, der das Persönliche und Individuelle umfasst und sich über diese hinaus weitet. Daher auch die chinesische Vorstellung des xiushen 修身, der Kultivierung des ganzen Menschen (shen heißt eigentlich Körper, wird hier aber besser als Person, Ich, ganzer Mensch übersetzt), in der es um die Ausrichtung des Menschen auf das Ganze geht, um die Verwirklichung des Sinns (dao 道) in einem sinn-und bedeutungsvollen Universum (dao 道).

Doch genug der Philosophie. Man kann auch ganz einfach, simpel und pragmatisch denken und nach Möglichkeiten suchen, die eigenen Energien durch die Energien von Himmel und Erde zu stützen und zu ergänzen. Dies wird in dieser Übung gemacht, durch diverse Haltungen (die eigentlich Gesten sind), öffnet man sich dem Qi des Himmels und dem Qi der Erde und lernt, diese dem eigenen Qi zu verbinden

Die Übung wird in drei Postionen ausgeführt, einer tiefen, bei der die Handflächen nach unten gerichtet sind, einer hohen mit den Handflächen nach oben und einer in der Mitte, mit den Handflächen zum Körper. 

Sind die Handflächen nach unten gerichtet, befinden sich die Hände in einer Yin-Position, sind die Handflächen nach oben gerichtet, befinden sich die Hände in einer Yang-Position, sind die Hände weder nach oben noch nach unten, sondern wie in dieser Übung zum Körper gerichtet, sind sie in einer Position in der Yin und Yang im Gleichgewicht sind (wenn auch die zum Bauch gerichteten Handflächen mehr den Yin-Aspekt betonen).

Das Sammeln erfolgt, indem man das Qi greift und wieder lässt, indem man spannt und hebt und entspannt und senkt, so wie ich im Video zeige. Durch den rhythmischen Wechsel zwischen Tun und Lassen, Spannen und Entspannen stellt sich allmählich ein bestimmter Austausch zwischen dem eigenen Qi und dem der Umgebung ein, auch wenn man dies anfänglich wohl nicht so leicht spüren wird. 

Am besten übt man im Freien, im Grünen. Irgendwann, wenn man geduldig ist und die Übung immer wieder übt, ist dieser Austausch nicht mehr nur ein Gedanke, sondern wird sich zur konkreten Wahrnehmung einer lebendigen (Qi-) Beziehung entwickeln, die sich zwischen einem selbst und der Natur aufbaut. 

Monday, March 29, 2021

Einfache Selbstmassage zur Erhaltung der Gesundheit - Teil 2

Vor einigen Wochen habe ich die erste aus einem Set von vier einfachen Selbstmassagen gepostet, hier ist nun die zweite.

Wie schon beim letzten Mal erwähnt, Patienten lernen diese Selbstmassage, als präventive Methode und auch zur Unterstützung notwendiger Therapien, in denjenigen chinesischen Spitälern, in denen die TCM oder Qigong zur Anwendung kommen. Die Massagen basieren auf der Beobachtung (verzeichnet im Lingshu 靈樞, einem der Klassiker der TCM), dass das pathogene Qi (xieqi 邪氣) der diversen Organe sich in bestimmten Körperregionen sammelt, dort stagniert und den natürlichen Fluss von Qi 氣 und Blut (xue 血) behindert. Damit sich die Gesundheit als geordneter Qi-Prozess (zhengqi 正氣) frei ausbreiten kann, ist es nötig, das stagnierende pathogene Qi zu beseitigen, dann kann sich der normale Fluss von Qi und Blut auch wieder einstellen.

„Befindet sich pathogenes Qi in der Leber, so stagniert es in den beiden Achselhöhlen", so heißt es im Lingshu. Die zweite Massage betrifft also die Achselhöhlen.

In den und um die Achselhöhlen verlaufen vier Meridiane: Lungenmeridian, Kreislaufmeridian (Herzbeutelmeridian), Gallenblasenmeridian und Herzmeridian. Ein für die Massage wichtiger Punkt befindet sich in der Mitte der Achselhöhle, es ist Jiquan 極泉 (der erste Punkt des Herzmeridians). 

Die Massage erweitert die Brust, befreit die Atmung, reguliert das Qi, hilft bei der schnellen Wiederherstellung des Yang, bewegt das Blut nach oben und macht geistig wach und klar. Sie wirkt Stauungen von Qi und Blut entgegen, auch Gefühlen der Enge in der Brust, Atemnot, Schlafproblemen, Herzklopfen, Schwellungen, Durchblutungsproblemen in den Armen, Ruhelosigkeit. Da sich der Fluss von Qi und Blut verbessert, wird man generell leichter und schneller in einen Zustand der Ruhe finden. 

Für die tägliche Gesundheitsversorgung braucht es nicht viel Aufwand, man massiert ein paar Minuten lang. Zuerst mit den Fingerspitzen leicht in der Achselhöhle massieren, greifen und zupfen, danach mit der flachen Hand leicht gegen die Achselhöhle schlagen. Oder nur letzteres. Damit können oben genannte Symptome gelindert werden. Die traditionelle Aussage ist lakonisch: Die Achselhöhlen zu massieren beseitigt Krankheiten der Leber und des Herzens. 

Wie bei der ersten Massage gilt: Gibt es einen Stau von Qi in den Achselhöhlen, dann zeigen sich nach dem Massieren vielleicht anfänglich Hautrötungen, nach regelmäßiger Massage treten diese nicht mehr auf.

Damit es hier keine Missverständnisse gibt: Diese Massagen, wenn regelmäßig praktiziert, sind hervorragende Methoden zur Unterstützung der Gesundheit und Prävention. Sie können auch als unterstützende Therapie eingesetzt werden, jedoch braucht es dazu einen TCM-Arzt, der sie in die entsprechende Behandlungsstrategie integriert. Als Selbsttherapie im Krankheitsfall können diese Übungen den Arzt nicht ersetzen. 

Eine kurze Anmerkung: Die chinesischen Bezeichnungen der Organe korrelieren nicht mit den anatomischen Organen in unserem Verständnis. Wer sich in die Materie vertiefen möchte, nimmt sich am besten die Bücher vor, die Prof. Dr. Manfred Porkert über die Chinesische Medizin verfasst hat. Er übersetzt Organ als Orbis/Funktionskreislauf, als einen Zusammenhang, innerhalb dessen sich die Lebensfunktionen auf spezifische, zyklische, komplexe Art äußern, der am besten unabhängig vom Organ verstanden wird. Bei manchen „Organen" wie dem Sanjiao, dem Dreifachen Erwärmer, ist es ohnehin offensichtlich, dass es keine ihm entsprechende anatomische Körperstruktur gibt. 

Der Einfachheit halber verwende ich im Blog trotzdem das Worte „Organ", weise jedoch hin und wieder darauf hin, dass die Chinesen einen anderen Blick auf das Körperganze haben und sich sich diesem anderen Blick auch andere Zusammenhänge erschließen. Direkte, unkommentierte Übersetzungen aus dem Chinesischen, auch dort wo sie vordergründig möglich sind, führen unter Umständen zu groben Missverständnissen. Die Sechs Speicherorgane der TCM  und ihre Funktionen hat Kerry letztes Jahr, auf diesem Blog, im Zusammenhang mit den Übungen der Heilenden Laute beschrieben. Liest man diese Blogeinträge nochmals durch, werden die Unterschiede zwischen unserem Organbegriff und dem der Chinesen besser verständlich. Man findet die Beschreibungen der Organe rechts auf der Blogseite unter dem Stichwort: Organe.



Friday, March 26, 2021

Ruhiges Sitzen - die letzte der einfachen Taiji-Übungen zur Förderung der Gesundheit

Hier ist ein kurzes Video mit der letzten der Taiji-Übungen zur Rehabilitation und Förderung der Gesundheit. Es ist eine weitere ruhige Übung, die im Sitzen ausgeführt wird, mit dem Namen Natürliche Atmung und ruhige Sammlung".

Man setzt sich entweder auf einen Polster auf dem Boden oder schlicht auf einen Stuhl. Wenn man auf dem Boden sitzt, kreuzt man die Beine im Schneidersitz, auf einem Stuhl sitzt man aufrecht, ohne sich anzulehnen. Die Hände werden offen auf die Beine gelegt, mit den Handflächen nach oben. Die Augen sind ganz oder halb geschlossen, oder sie bleiben geöffnet. 

Die Übung selbst besteht einfach aus einem ruhigen Sitzen, zwischen drei und fünf Minuten lang. Dem Kommen und Gehen der Gedanken wird keine Aufmerksamkeit gewidmet, man versucht sie auch nicht wegzudrängen. Man sitzt einfach ruhig da. Ist man geduldig, dann wird man entdecken, dass die äußere Ruhe des Sitzens allmählich, wie von selbst, zu einer gewissen inneren Ruhe und Sammlung führt.

Während des Sitzens atmet man entspannt, ruhig und natürlich. Das vorgestrige Übungsvideo und auch der Vortrag von Prof. Herbert Benson waren unter anderem auch als Vorbereitung für diese Übung gedacht. Man bemüht sich nicht um die Atmung und versucht nicht, sie zu kontrollieren oder zu zwingen. In dem Maß, wie sich das Gefühl ruhiger Sammlung entwickelt, wird sich auch der Atem beruhigen und vertiefen. Tief, lang, fein, langsam, ausgewogen, weich - dies sechs Worte beschreiben die sich ergebende natürliche Qualität der Atmung und dienen auch als Anleitung zum Üben.

Zum Abschluss werden die Hände seitlich gehoben (Handflächen nach oben), über dem Kopf drehen sich die Handflächen nach unten, die Hände werden gesenkt und schließlich (Handflächen nach unten) auf die Beine gelegt.

Mit dieser Übung ist die Folge der Taiji-Bewegungen zur Rehabilitation und Förderung der Gesundheit nun vollständig. Ein Video zum Mitüben mit allen Übungen zusammen folgt noch. 


Wednesday, March 24, 2021

Die ruhige Qigong-Atmung

Ein weiteres Übungsvideo... 

Fein und subtil, wie anwesend, sich im Gebrauch nie erschöpfend." Diese Worte im 6. Kapitel des Laozi werden traditionellerweise auch als Anleitung zur Atmung gelesen, als Instruktion, den Atem nicht zu bemühen, ihn nicht zu zwingen, sondern ihn wie von selbst fein werden zu lassen, subtil, einem kaum sichtbaren Seidenfaden gleich, harmonisch, weich und lang. Wirkend ohne Mühe", wie man den letzten Satz von Laozi 6 auch übersetzen könnte

Darum dreht es sich im Video, um die Verbindung von entspannter Bewegung und ruhiger Atmung. 


Monday, March 22, 2021

Leichtigkeit und Einfachheit - eine Qigong-Übungsstunde

Ein kurzes Zitat aus dem Großen Kommentar zum Buch der Wandlungen, aus der bei uns am weitesten verbreiteten und zugänglichsten Übersetzung von Richard Wilhelm:

„Das Schöpferische erkennt die großen Anfänge, das Empfangende vollendet die fertigen Dinge. Das Schöpferische erkennt durch das Leichte, das Empfangende vermag durch das Einfache. ... Was leicht ist, ist leicht zu erkennen, was einfach ist, ist leicht zu befolgen. ... Durch Leichtigkeit und Einfachheit erfaßt man die Gesetze der ganzen Welt. Hat man die Gesetze der ganzen Welt erfasst, so ist darin die Vollendung enthalten."

Leichtigkeit und Einfachheit sind zwei der wichtigsten Begriffe, um das Üben von Qigong oder auch anderer chinesischer Methoden der Pflege des Lebens wie Taiji und Meditation anzuleiten. Leichtigkeit und Einfachheit helfen, sich in der Fülle (auch in dem ständig fülliger werdenden Blog hier) nicht zu verlieren, und sie stellen die Grundqualitäten dar, durch die Unbedingt-Bedingendes (wuji 無極) und Bedingtes (taiji 太極), Schöpferisches (qian 乾) und Empfangendes (kun 坤), Yang 陽 und Yin 陰, Bewegung und Ruhe wirken und sich das ursprüngliche Qi manifestiert. 

Um es ohne Rückgriff auf die chinesische Philosophie zu sagen: Je einfacher und leichter das Tun, desto wirksamer und tiefergehend das Üben.

In diesem Übungsvideo folge ich diesen Gedanken. Einfache Übungen, simple Bewegungen, ruhiges Atmen, Öffnen und Schließen, Heben und Senken, leichtes Tun, um wie Laozi es ausdrückt „die Wurzeln tief und das Fundament stabil zu machen".

Friday, March 19, 2021

Qigong, Taiji und die Entspannungsantwort des Körpers

Heute vor einem Jahr haben wir mit dem Studio der weißen Wolken-Blog begonnen, nicht ahnend, dass die Pandemie ein Jahr später nicht nur nicht zu Ende, sondern alles noch schlimmer sein würde.

Darum ist der Blog auch so gewachsen, mit dem heutigen sind es 151 Postings, nie hätte ich gedacht, dass es so viel werden würde. Es hat sich halt so ergeben. Ich hoffe jedenfalls, dass unsere Arbeit, die wir bis auf Weiteres fortsetzen werden, in diesen schwierigen Zeiten Hilfe und Unterstützung bieten kann, und ich hoffe auch, dass die verschiedenen Beiträge nicht nur Ersatz waren für die verunmöglichten Wochen- und Wochenendkurse und die Seminare auf dem Ritten, sondern darüber hinaus auch zu vermitteln vermochten, was man an Qigong und TCM hat bzw. haben könnte, dass Methoden, die bei uns oft ins esoterische Eck abgedrängt, belächelt oder sogar angefeindet und, was die Bewältigung der Covid-Pandemie betrifft, von offizieller Seite nicht einmal ignoriert geschweige denn genutzt werden, tatsächlich ernstzunehmende und wirksame Verfahren der Prävention, Therapie und Rehabilitation darstellen.

Es handelt sich bei der chinesischen Medizin um eine Wissenschaft, die einzige Wissenschaft, die sich außerhalb der indogermanischen Sprachfamilie entwickelt hat. Von Prof. Manfred Porkert schon vor Jahrzehnten detailliert geschildert, basiert sie auf einer unserer Wissenschaft diametral entgegensetzten Sichtweise auf die Wirklichkeit, da sie nicht reduktionistisch, mittels Deduktion und Analyse, sondern mittels Induktion und Synthese operiert. Das ist sicher einer der Gründe dafür, dass sie nicht als Wissenschaft wahrgenommen wird, obwohl sie sehr wohl die an eine Wissenschaft gestellten Anforderungen erfüllt. Sie besitzt eine zusammenhängende, leistungsfähige Theorie, ist empirisch und rational, arbeitet mit genauen Beobachtungen, und ist fähig, gleich wie die westliche Schulmedizin, anhand klarer Kriterien eine Diagnose zu erstellen, aus der sich die Therapie ergibt und die Prognose des Krankheitsverlauf abgeleitet wird. Da sich der Blick der TCM jedoch nicht wie der der westlichen Medizin auf anatomische und somatische Zusammenhänge richtet, sondern auf die Beziehungen innerhalb eines Systems, auf das Funktionieren des Zusammenhangs, als Ganzes und in seinen Teilen, auf die Dynamik des Lebendigen (die diversen Körperenergien), auf das geistig-psychisch-körperliche Zusammenspiel, und da all dies - Beziehungen, Funktionen, Dynamik, der Fluss der Energie, der Fluss der Information, die Geist-Körper-Interaktion - in einer uns fremd und unzugänglich erscheinenden Terminologie beschrieben wird, wird sie nicht ernst genommen oder als Proto-Wissenschaft abgetan.

Qigong teilt die theoretischen Grundlagen der TCM, und erweitert diese sogar, was das Zusammenspiel von Geist, Psyche und Körper betrifft. Dabei bleibt Qigong ebenfalls vollkommen rational, ist fern jeder Esoterik, auch wenn manche durch das Üben von Qigong ausgelösten Erfahrungen durchaus den Bereich wissenschaftlicher Beschreibung überschreiten und Dimensionen berühren können, die man gemeinhin als geistig, spirituell oder numinos bezeichnet.

Mehr dazu ein anderes Mal. Ich möchte heute, als Brücke zu dieser anderen Weltsicht und Wissenschaft der Chinesen, einen Link zu einem kurzen Vortrag (auf Englisch) auf den Blog stellen, den Dr. Herbert Benson, einer der Pioniere der Mind-Body-Medizin im Westen vor Jahren anlässlich der Publikation eines seiner Bücher im Harvard Bookstore gehalten hat. Als Brücke zu diesem Denken unter anderem auch deshalb, weil unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng vom Qigong College for Advanced Studies in Beijing sich von Anfang an sehr interessiert an der Arbeit von Dr. Benson gezeigt, den Austausch mit ihm gesucht und bestimmte wichtige Parallelen zu Qigong erkannt hatte.

Dr. Benson wurde bekannt durch seine Entdeckung des Entspannungsreflexes, der durch stete Wiederholung eines beliebigen Reizes ausgelöst wird, eine damals in den 1960er-Jahren umstrittene und inzwischen vollkommen akzeptierte Entdeckung. In seinem kurzen Vortrag spricht Dr. Benson über diese Entdeckung und seine Folgearbeit, in der er zeigen konnte, dass sich der Entspannungsreflex bis auf die Ebene der Aktivität der Gene auswirkt (nicht auf die Gene selbst, sondern ihre Aktivität) und damit Stress, Entzündungen und vorzeitigem Zelltod entgegenwirken kann. Und er spricht in seinem Vortrag als Mediziner und Wissenschaftler aus, dass die kartesianische Spaltung in Körper und Geist keine Gültigkeit mehr hat, eine Spaltung, die im chinesischen Denken und damit auch in TCM und Qigong nie existiert hat.

Hier ist der Vortrag, dass es Bezüge zu Qigong oder Taiji gibt, ist offensichtlich, wie weit diese Bezüge gehen, darüber ist es wert, nachzudenken..

Der Vortrag ist wie gesagt auf Englisch, ihn noch zusätzlich zu übersetzen, ginge über meine Kräfte.


Wednesday, March 17, 2021

Einfaches Taiji zur Förderung der Gesundheit - Zwei Stehübungen

Der zweite Teil des Taiji-Sets zur Rehabilitation und Förderung der Gesundheit besteht aus drei Übungen: zwei ruhigen Stehhaltungen und einer Übung des ruhigen Sitzens, als das komplementäre ruhige Yin zum bewegten Yang.

Mit den beiden Übungen im Stehen ist der entscheidende Abschnitt der Übungsfolge erreicht, und spätestens jetzt wird auch das rechte Verständnis der Übungen wichtig. Es wäre zu simplistisch, die gesamte Folge von Bewegungen und ruhigen Haltungen nur als ein aus didaktischen Gründen vereinfachtes Taiji zu verstehen, wenn man gar Vergleiche mit traditionellen Taiji-Formen anstellt, dann bewegen sich die Gedanken überhaupt in die falsche Richtung.

Die Einfachheit ist wichtig bei dieser Übungsfolge, doch das Wesentliche ist, dass sie in ihrer speziellen Zusammenstellung das Äquivalent einer medizinischen Kräuterverschreibung darstellt. Darum habe ich ganz zu Beginn erwähnt, dass diese Übungen schon vor 17 Jahren in der SARS-Epidemie (begleitet von einer medizinischen Studie) und natürlich auch diesmal in der SARS-Covid-Pandemie zur Prävention, zur unterstützenden Behandlung, vor allem bei Lungenentzündungen und Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, sowie zur Rehabilitation zum Einsatz kamen. 

Jedes Element der Übungsfolge ist wichtig, bewusst gewählt und hat eine spezielle Funktion im Ganzen. Und es ist mit dem Stehen, dass die medizinische Wirkung (die Qi-Wirkung der Kombination der Bewegungen und ruhigen Haltungen) ihren Höhepunkt erreicht. Das Stehen wirkt, um im Idiom chinesischer Kräuterverschreibungen zu sprechen, als einer der „Herrscher" der Übungsfolge (hat also die wichtigste Rolle im Ganzen), während andere Abschnitte, wie weitere Kräuter einer Verschreibung, als „Minister" unterstützend oder harmonisierend wirken. 

Hier ist ein kurzes Video, in dem ich die beiden Stehübungen zeige.


Bei der ersten Übung hält man die Hände auf Brusthöhe. Die Handflächen sind zum Akupunkturpunkt Qimen 期门 (Leber 14, unterhalb der Brustwarzen zwischen 6. und 7. Rippe) gerichtet. Man konzentriert sich aber nicht direkt auf den Punkt, sondern stellt nur zu Beginn des Stehens eine geistige Verbindung zwischen Händen und Punkt her. Nur zu Beginn, man denkt nicht dauernd daran.

Qimen ist der Sammlungspunkt (muxue 募穴) des Lebermeridians und überhaupt ein sehr spezieller Punkt für das Leber-Qi. Tagtäglich kreist das Qi, befördert durch den Atem, in einer speziellen Reihenfolge durch die Meridiane, wobei es in 24 Stunden 50 Zyklen beschreibt (25 Zyklen durch die Yang-Meridiane und 25 Zyklen durch die Yin-Meridiane). Dieser tägliche Kreislauf erreicht im Leber-Meridian mit Qimen seinen Endpunkt, bevor sich das Qi weiter zum Lungenmeridian bewegt und der Zyklus durch den Körper von neuem beginnt. 

Durch die Haltung wird also der Kreislauf des Qi durch den ganzen Körper gefördert. Die direkte Wirkung auf Qimen (das Qi der Hände kommuniziert ja mit dem Punkt) fördert auch den freien und ungehinderten Fluss des Lungen-Qi, und motiviert das Yang-Qi der Oberfläche, den schützenden Aspekt des Qi (weiqi 卫气) und damit den Qi-Aspekt des Immunsystems.

Weiters ermöglicht die spezielle Aktivierung dem Leber-Qi die freie Bewegung durch den Dreifachen Erwärmer (Sanjiao 三焦), wodurch Stagnationen und Blockaden des Qi in Lunge und generell Oberkörper aufgelöst werden können. (Im Falle einer Infektion befinden sich diese ja in diesem Bereich.) Auflösen heißt, dass das Leber-Qi die Blockaden durchbricht und eine therapeutisch wichtige Qi-Bewegung hinaus- und hinunter erzeugt. Das kann sich für eine Weile auch unangenehm anfühlen, Druck und Spannungen können erlebt werden oder auch eine übermäßige Hitze. Da man nicht so lange steht, nur ein paar Minuten, ist das nicht so schlimm. Sind einmal die Stagnationen aufgelöst, verschwinden etwaige unangenehme Körperempfindungen und das Stehen wird sehr angenehm.

Bei der zweiten Übung hebt man die Hände, dreht die Handflächen vor der Brust (Akupunkturpunkt Tanzhong 膻中 Konzeptionsgefäß 17) nach außen und oben, und hebt weiter, bis die Hände „den Himmel tragen".

Damit öffnet man die Kehle (als das Tor des Qi), die Brust, die Lungen, das Konzeptionsgefäß (renmai 任脉) und auch all die Sammlungspunkte (muxue) der Organe. Das "Tragen des Himmels" intensiviert die Verbindung mit dem Yang-Qi der Natur (besonders, wenn man draußen übt), und bewegt das Qi sehr stark auf und ab. Die intensivierte Verbindung mit Himmel und Erde ist gleichbedeutend mit der Unterstützung der eigenen Qi-Prozesse (des zhengqi 正气, der Orthopathie, des rechten, geradläufigen Funktionierens aller Qi-Prozesse) durch das Qi der Natur (ziran zhi qi 自然之气).

Bei beiden Haltungen wird als zusätzliche Hilfe für die gerade beschriebenen Prozesse auch die Atmung geübt. Man atmet durch die Nase, ruhig und natürlich, und versucht die Atmung möglichst langsam, ausgewogen und fein werden zu lassen.

Beide Haltungen werden ca. 2-5 Minuten lang geübt (man kann auch ein wenig länger stehen). Zum Abschluss jeweils die Hände zu den Körperseiten senken und die Füße zusammenstellen.

Monday, March 15, 2021

Einfaches Taiji zur Förderung der Gesundheit - Die sechs bewegten Übungen

Ein Video zum Mitüben: alle sechs Taiji-Übungen zur Förderung der Gesundheit. 

Diese Übungen stellen eine vereinfachte Version traditioneller Taiji-Bewegungsfolgen dar. Doch bezieht sich die Vereinfachung nur auf die Bewegungen, die tatsächliche Komplexität des Taiji und seiner Wirkungen geht in dieser Vereinfachung nicht verloren. Ganz im Gegenteil, in dieser Einfachheit wird Taiji auch für diejenigen zugänglich, denen das Erlernen der langen traditionellen Formen aus welchen Gründen auch immer nicht möglich ist. 

Die gesundheitlichen Wirkungen des Taiji sind vielfältig, sie gründen auf einem komplexen Zusammenspiel körperlicher, psychischer, geistiger und sozialer Faktoren. Durch die Vereinfachung der Abläufe geht dieses Zusammenspiel nicht verloren, die möglichen Wirkung können sogar besser realisiert werden.

Nicht umsonst werden Taiji und Qigong (meist ähnlich vereinfacht) inzwischen von renommierten medizinischen Institutionen wie z.B. der Mayo Clinic, dem Mount Sinai Hospital New York oder der Harvard Medical School empfohlen, um hier nur einige wenige zu nennen. Ich verweise hier auf amerikanische Institutionen, sind uns doch die Amerikaner in der integrativen Medizin (und auch in der Akzeptanz von Methoden wie Taiji und Qigong) um einiges voraus.


Sunday, March 14, 2021

Die kleinen Knospen der Inspiration

„Zu Beginn sind alle Prozesse fein und subtil, am Ende jedoch ausgedehnt und manifest.“ So ist es zur Zeit auch mit dem Frühling. Er ist schon angekommen, hier in Wien, wenn auch langsam, und etwas zögerlich. Doch was subtil und fein beginnt, „als ein Tupfen Rot“, um den Dichter Su Dongpo 蘇東坡 (1037-1101) zu zitieren, „trägt in sich schon die ganze Grenzenlosigkeit des Frühlings“.

Hier ein wunderbares Bild des Malers Luo Ping 羅聘 (1733-1799) aus der Qing-Dynastie: Eine Päonie, gemalt mit Fingern und Fingernägeln, entstanden ca. 1760:



 













Die Kalligraphie auf dem Bild sagt:

偶爾靈機茁小芽放開精彩直無涯
指頭既不為心役天際拈來絕品花

Hin und wieder sprießen kleine Knospen der Inspiration
und eröffnen das Wunderbare, direkt und grenzenlos.
Meine Fingerspitzen, frei schon vom Drängen des Geistes,
bringen vom Rande des Himmels eine unvergleichliche Blume zurück.

Friday, March 12, 2021

Sammeln des Qi & Die Große Übung des Körpers - Eine Qigong-Übungsstunde

Eine Qigong-Übungsstunde, ganz in der Tradition von Prof. Cong.

1988 war Prof. Cong das erste Mal auf Einladung des Wissenschaftsministeriums nach Österreich eingeladen worden, um über die Wissenschaft des Qigong (qigong kexue 气功科学) zu referieren. Im Rahmen dieses Projekts nahm er an Studien und Experimenten teil, es wurde eine Reihe von Seminaren sowohl für für Ärzte als auch für Patienten veranstaltet, und es gab einen speziellen halbjährigen intensiven Ausbildungskurs für interessierte Mediziner.

Die Qigong-Methoden, mit denen Prof. Cong an der Fujian University for Chinese Medizin als Professor für Qigong arbeitete, unterrichtete er auch hier, besonders ausführlich im Wiener Ausbildungskurs für Ärzte, dazu gehören die Yuanminggong-Übung, deren zweiter Teil Da Lian Xing (die Große Übung der Gestalt), die diversen Geh-Übungen zur Stärkung der Organe und Übungen zum Sammeln des Qi. Einige dieser Qigong-Methoden habe ich auch in den Blog aufgenommen.

Die heutige Übungsstunde habe ich ganz so gestaltet, wie damals der Ausbildungskurs und die Stunden für Patienten abliefen, als ruhiges Tun, das in erster Linie den Eintritt in den Qigong-Zustand erleichtern soll: Durch die Bewegung in die Ruhe finden.

Die sparsamen Bemerkungen verweisen immer wieder auf dasselbe: Qigong wirkt durch die Verbindung von Körper (Haltung, Bewegung), Atem und Aufmerksamkeit/Konzentration. Durch die rechte Verwendung dieser drei Elemente wird das Qi (das Zusammenspiel der energetischen Vorgänge und der Fluss der gerichteten Energie) reguliert. Während der Übung fördert dies Entspannung und innere Ruhe, was als positive Rückkopplung die Bewegung des Qi und seine regulativen Wirkungen noch intensiviert.

Die Übungen im Video sind sehr einfach und eignen sich sehr gut zum Mitüben. In einer Gruppe mit anderen Praktizierenden findet man natürlich leichter in die Ruhe und erlebt die Wirkungen des Qigong intensiver, doch hoffe ich, dass dieser Effekt, auf den Prof. Cong sehr achtete und den er sowohl im Unterricht als auch in der Therapie zu nutzen verstand, auch über YouTube zumindest ein wenig spürbar wird.


Wednesday, March 10, 2021

Der Heilende Laut für die Lunge - Neues Video

Hier ist eine neues Video zum Heilenden Laut der Lunge. Das war ja eines der ersten Videos, das ich letztes Jahr gepostet hatte, voller Naivität. Naivität heißt, ich wusste noch nicht, was man alles an Equipment braucht, damit die Video- und Ton-Qualität so halbwegs akzeptabel wird.

Herauszufinden, was es braucht und die nötigen Dinge inmitten des ersten Lockdown zu besorgen, hat dann doch fast zwei Monate gebraucht, darum ist der erste Schippel an Videos des letzten Jahres zwar ok, lässt aber doch etwas zu wünschen übrig.

Darum werde ich manche Videos von früher in besserer Qualität noch einmal aufnehmen. Es geht mir dabei nicht nur um die technische Qualität. Ich möchte die Videos etwas länger gestalten als die des letzten Frühlings, mit ausführlicherer Information und wieder auch zum Mitüben.

Überhaupt möchte ich das Augenmerk nochmals auf diese Übungssequenz richten. Es sind hervorragende Übungen mit einer sehr speziellen Verbindung von Atmung, Vorstellung, innerer Resonanz, Aufmerksamkeit und Bewegung.

Die Lungen haben eine wichtige Rolle im Qi-Zusammenhang des Körpers. Zwei dieser wichtigen Aspekte sind:

- Die Lungen bzw. die Atmung sind der Antrieb des inneren Qi. Darum die Wichtigkeit des ruhigen Atems während des Qigong, darum die Wichtigkeit, die Atmung nicht aufgrund von Überkonzentration während des Übens einzuschränken oder gar zu vergessen. Es ist in erster Linie die ruhige gleichmäßige Atmung, die das Qi bewegt.

- Ein Aspekt des Lungen-Qi ist das Abwehr- oder Wächter-Qi. Das ist derjenige Aspekt des Qi, der die Integrität des Organismus schützt und konkret eine Grenze bildet, als Verteidigung gegen krankmachende Einflüsse. Das Abwehr-Qi als Qi-Immunabwehr besteht aus dem Ying-Qi 營氣 im Körperinneren und dem Wei-Qi 衛氣 an der Oberfläche. Die ruhige Atmung und die Stärkung des Lungen-Qi, unter anderem durch die Übung des Heilenden Lauts für die Lunge unterstützt beide, vor allem das an der Oberfläche zirkulierende Wei-Qi.

Der Heilende Laut für die Lunge wird meist als „si“  (ausgesprochen sss) unterrichtet. „Si“ ist jedoch Mandarin-Chinesisch, die Heilenden Laute stammen aber nicht aus Nord-China, sondern aus dem Süden. Darüber hinaus hat sich die chinesische Sprache in den 1500 Jahren seit der ersten Beschreibung der Übungen in den Aufzeichnungen zur Kultivierung der inneren Natur und Verlängerung des Lebens" (Yangxing Yanminglu 養性延命錄) des daoistischen Meisters Tao Hongjing 陶弘景 (456-536) sehr verändert.

Darum verwende ich die alte Aussprache des Lautes, die „he-i“ lautet, entsprechend der Aussprache im Süden Chinas zur Zeit der Entstehung der Heilenden Laute. So ist der Laut für uns auch leichter auszusprechen. He-i erlaubt auch eine freiere Atmung.


Monday, March 8, 2021

Regulation und die Große Harmonie

Die Zeit vergeht, schon die zehnte Woche dieses Jahres. Immer noch Pandemie. 

Und der Blog wächst und wächst... Eine Fülle an Inhalten theoretischer und praktischer Art, die manchen auch als Überfülle erscheinen mag. Ich hoffe, niemand lässt sich davon verwirren, ist die Überfülle doch nur eine scheinbare. Tatsächlich wird all die Vielfalt von einigen wenigen Grundgedanken und Grundprinzipien durchzogen. Alle Inhalte sind miteinander verbunden. Und alle sind auch als notwendige Hilfe für diese schwierigen Zeiten gedacht.

Einen dieser Grundgedanken - die Regulation - erwähne ich ja immer wieder, bin aber noch nie wirklich darauf eingegangen. Heute möchte ich das nachholen, zumindest ein bisschen.

Regulation mag sehr technisch und nüchtern klingen, doch darf man sich davon nicht abschrecken lassen, handelt es sich doch um einen der wichtigsten Begriffe, Qigong und chinesische Medizin betreffend. Auch aus der chinesischen Philosophie ist die Regulation nicht wegzudenken. 

In Qigong und chinesischer Medizin sind mit Regulation einerseits das harmonische Funktionieren des Qi gemeint - Ausdruck nicht nur der Gesundheit, sondern der ganzen Lebendigkeit des Menschen - und andererseits die Verfahren, dieses harmonische Funktionieren herbeizuführen (tiaohe 調和 - harmonisch regulieren).

Doch um den Begriff wirklich zu verstehen, muss man weiter ausholen. Regulation liegt nicht nur der Theorie und Praxis von chinesischer Medizin und Qigong zugrunde, sie ist ganz allgemein ein Grundcharakteristikum des Universums. 

Das Universum ist in seinem Innersten harmonisch. „Die Große Harmonie wird der Weg genannt“, heißt es. Trotz aller Spannungen und allen Widerstreits an der Oberfläche sind die das Universum ausmachenden Prozesse in der Tiefe harmonisch reguliert. Diese Regulation ist lebensspendend und lebensfördernd, sie ist kontinuierlich, also nicht ausschließend, und sie wirkt auf allen Ebenen des Seins, im Kleinen (in der menschlichen Existenz, im menschlichen Leben) wie im Großen, in Dimensionen, die den Menschen weit übersteigen und ihn trotzdem umfassen.

Um diesen Gedanken eine gewichtige chinesische Stimme zu leihen, übersetze ich hier einen längeren  Ausschnitt aus einer Schrift des Philosophen Zhang Zai 张载 (1020-1077) mit dem Titel Zheng Meng 正蒙 - „Korrektur jugendlicher Torheit“:

"Die Große Harmonie wird Dao 道, der Weg, genannt. Sie umfasst die Natur, die allen gegenläufigen Prozessen des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe zugrunde liegt. Sie ist der Ursprung der Prozesse des Verschmelzens und Vermischens, des Überwindens und Überwundenwerdens, der Ausdehnung und des Zusammenziehens. Zu Beginn sind all diese Prozesse fein, subtil, obskur, leicht und einfach, am Ende sind sie ausgedehnt, groß, stark und fest. Es ist Qian 乾 (das Schöpferische, der Himmel), das mit dem Wissen um den Wandel beginnt, und Kun 坤 (das Empfangende, die Erde), das sich nach der Einfachheit richtet. 

Was zerstreut ist, differenziert und fähig, Form anzunehmen, wird zu Qi 氣, was rein ist, durchdringend und keine Form annehmen kann, wird zu Geist. Befände sich das Universum nicht in einem Prozess des Verschmelzens und Vermischens, gleich sich in alle Richtungen bewegenden fliehenden Kräften, könnte es nicht die Große Harmonie genannt werden. Wenn die, die über den Weg (das Dao) sprechen, dies verstehen, dann verstehen sie wirklich den Weg, und wenn die, die die Wandlungen (das Buch der Wandlungen - Yijing 易经) studieren, um dies wissen, dann wissen sie wirklich um den Wandel. Sonst wäre ihre Weisheit keines Ruhmes wert, selbst wenn sie die bewunderungswürdigen Talente des Herzogs von Zhou besäßen...

Wenn es sich auflöst, kehrt Qi als Wesen einfach zu seiner ursprünglichen Substanz zurück, und wird formlos. Wenn es sich einbindet, einordnet und Form annimmt, verliert es nicht das beständige Prinzip (des Wandels).

Die Große Leere enthält notwendigerweise Qi. Qi ordnet und integriert sich notwendigerweise und wird zu den Myriaden Wesen und Dingen. Die Wesen und Dinge lösen sich notwendigerweise auf und kehren zurück zur Großen Leere. Erscheinen und Vergehen folgen diesem Zyklus aus Notwendigkeit. Wenn der Weise in der Mitte dieses universellen Geschehens den Weg in seiner Fülle verwirklicht und sich mit den Prozessen des Entstehens und Vergehens ohne Voreingenommenheit identifiziert, dann bewahrt er seinen Geist in höchstem Maße. ...

Versteht man, dass die Leere nichts als Qi ist, dann sind Sein und Nichtsein, das Verborgene und das Manifeste, Geist und ewiger Wandel, menschliche Natur und Schicksal alle eins und nicht zwei. Wer Integration und Auflösung, Erscheinen und Verschwinden, Form und Abwesenheit von Form begreift und sie zu ihrer Quelle zurückzuführen vermag, durchdringt das Geheimnis des Wandels. …“

Dies ist der große Zusammenhang, innerhalb dessen sich das traditionelle chinesische Denken bewegt, ein Zusammenhang, bei dem es immer um die Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums geht.

Der Sinologe Jan Maria de Groot (1854-1921) hatte den Begriff Universismus geprägt, um ebendiese Beziehungen - zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums - zu charakterisieren, wie sie in den drei großen geistigen Lehrsystemen Chinas - Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus - zum Ausdruck kommen. 

Kurz gesagt bedeutet chinesischer Universismus, dass das Universum nicht von einem Schöpfer geschaffen wurde, sondern von selbst entstanden ist; dass das Universum ein schöpferisches Ganzes und geordnet ist; und dass seine Ordnung alle Ebenen durchzieht. Die Ordnung des Universums ist auf allen Ebenen des Seins präsent, die Ordnung des Makrokosmos findet also ihre Entsprechung in der menschlichen Gemeinschaft wie auch im Mikrokosmos des einzelnen Menschen und seines Körpers. 

Darum habe ich oben gemeint, man darf die Regulation nicht nur auf den Kontext des Menschen und sein Qi beschränken. Man muss in allen Dimensionen denken, im Großen wie im Kleinen, ist doch das Universum selbst ein im tiefsten Grund harmonisch reguliertes (tiaohe 調和) großes Ganzes, aus sich selbst entstanden, selbstordnend, selbstorganisierend, ein harmonisches Ganzes, dessen Ordnung auch dem Menschen, seinem Leben und seiner Lebendigkeit zugrunde liegt. 

Die Aufgabe der Philosophie ist, die Ordnung dieses Ganzen zu ergründen, die Ordnung des Dao 道, des Weges, und des De 德, der Kraft oder der Tugend, d.h. dem Aspekt des Dao, der durch das Einzelwesen verkörpert werden kann. Bei allen Unterschieden der diversen Schulen und Lehrsysteme der chinesischen Philosophie, noch dazu über den enormen Zeitraum von über zweitausend Jahren, die Sicht des Kosmos als selbstentstandene schöpferische Ordnung und das Streben, das Dao zu ergründen, wird von allen geteilt.

Wir hingegen verorten uns nicht in diesen Zusammenhängen, wir leben in einer anderen Welt und denken in anderen Bahnen. Fachgebiete wie die Medizin oder Methoden wie Gymnastik, Atem- und Entspannungsübungen würden wir nicht der Philosophie zurechnen, anders als in China, wo sich die traditionelle Philosophie direkt auf das Denken über den Körper und das geordnete Funktionieren des Lebens übertrug. 

In diesem Sinne konnte Deng Tietao 鄧鐵濤, der Arzt, durch dessen TCM-Behandlungsprotokolle 2003 die SARS-Epidemie zuerst in Guangzhou und später in ganz China beendet werden konnte, dies in einem Interview für das chinesische Fernsehen sagen: „Die westliche Medizin ist eine Medizin der Naturwissenschaft, die chinesische Medizin ist eine Medizin der Philosophen und Gelehrten. Die westliche Medizin versucht, Krankheitsursachen zu identifizieren und zu beseitigen, die chinesische Medizin geht von den konkreten Symptomen aus und versucht sie im Gesamtmuster zu verstehen, woraus sich die korrekte Behandlung ergibt.“ 

Ein pathologisches Syndrom vor dem Hintergrund der lebendigen, sich geordnet wandelnden Muster des Lebens (worum es sich handelt, wenn man von Qi spricht) zu verstehen und durch das korrekte Verständnis zur korrekten Behandlung zu finden, das ist der „philosophische“ Ansatz (und zugleich auch „künstlerische“) Ansatz der chinesischen Medizin. Manchmal funktioniert dieser Ansatz sehr gut, manchmal weniger gut, manchmal auch gar nicht. Ich will hier nicht werten oder gar die chinesische Medizin in den Himmel heben,  sondern nur auf einen grundsätzlichen Unterschied zu unseren Auffassungen über Gesundheit und Krankheit hinweisen, einen Unterschied, den zu verstehen wichtig ist, wenn man sich mit der chinesischen Medizin oder mit Qigong beschäftigt. 

Ein holistisches Denken in Mustern, in Beziehungen, in der internen Bewegung des Lebendigen ist jedenfalls etwas sehr Wesentliches, und uns sehr Fremdes, und es fehlt uns. Es können sich diesem Denken Zusammenhänge erschließen, die dem reduktionistischen und analytischen Blick entgehen. Bei SARS war dieser „philosophische“ Ansatz (der nicht minder konkret und pragmatisch ist wie der schulmedizinische) in China erfolgreicher als die naturwissenschaftlich-medizinische Intervention, noch erfolgreicher war er letztes Jahr  in der Covid-19-Pandemie, auch wenn diese Tatsache weder im ersten noch im zweiten Fall bei uns zur Kenntnis genommen wurde und wird (was mangelndem Wissen über die Grundprinzipien der chinesischen Medizin und ihre Denk-Hintergründe und wohl auch Voreingenommenheit und intellektueller Faulheit geschuldet ist).

Yi qi zhen dao 以气臻道 - „Mittels des Qi den Weg erlangen“, dies ist ein Ausdruck, mittels dessen mein/unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng 林中鵬 das Wesen des Qigong zu beschreiben sucht. "Mittels des Qi den Weg erlangen" heißt, die allgemeinen Prinzipien und natürlichen Gesetzmäßigkeiten, die dem Qi, seiner Entfaltung und Bewegung zugrundeliegen, in der konkreten Qigongpraxis zu verkörpern und damit zu realisieren.

Mit Weg (Dao) ist der große Zusammenhang des Qi in allen Ebenen der Existenz gemeint (wie sie z.B. Zhang Zai in obiger Schrift  schildert), “konkrete Praxis" zielt auf die Verwirklichung dessen im eigenen Leben, im eigenen Körper, in der eigenen Gesundheit. Dao (der Weg, der Sinn, das zugrundeliegende Prinzip) und Qi (die Methode, die Übung, der Bewegungsablauf, die sich während des Übens bewegende Energie) stellen quasi die zwei Flügel der Qigong-Praxis dar, mit nur einem kann man nicht fliegen.

Die leichten und unbeschwerten Übungen, die Heilenden Laute, die wir letztes Frühjahr behandelt haben, die Entspannungsübungen, die einfachen Taiji-Übungen, auch die weiteren Übungen, die ich noch posten werde, mit all diesen Übungen lernt man, die beiden Schwingen auszubreiten und auf einer eigenen individuellen  Bahn  zu fliegen. Es handelt sich nicht um viele verschiedene Übungen, im Prinzip sind sie alle eins. Sie gründen auf denselben Prinzipien und sind in ihrer Einfachheit so konzipiert, dass sich im ruhigen und entspannten Tun die Regulation der „gegenläufigen Prozesse des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe“ einstellen und sich in der Folge das Dao als spontanes, natürliches, lebensgenerierendes schöpferisches Qi im ganzen Körper-Geist-Gefüge des Menschen verwirklichen kann.

Darum sind auch Entspannung und Stille so wesentlich. Die Stille liegt der Regulation zugrunde, sie ist der Zugang zu den dem Leben eignenden Möglichkeiten von Harmonie und Gesundheit. Qigong fördert die Fähigkeit des Organismus, die Selbstregulation wiederzufinden, die sich aus der Verbindung mit den Mustern und Kräften des universellen Lebens nährt. Führt man das Leben wieder zurück an diesen Ursprung (das schöpferische Qi), dann kann es sich entfalten, Gesundheit und Harmonie als Ausdruck dieser Beziehung stellen sich von selbst ein.

In der alten Philosophie wird das Universum auch als ziran 自然 bezeichnet: „Das, was aus sich selbst so ist“. Dao fa ziran 道法自然 "Der Weg richtet sich nach dem, was aus sich selbst so ist", heißt es bei Laozi. Im modernen Chinesisch bezeichnet der Begriff ziran die Natur. In Qigong und chinesischer Medizin verweist ziran auf die Möglichkeiten der Selbstorganisation, Heilung und Regeneration, die sich dann einstellen, wenn sich die natürlichen Qi-Prozesse ungehindert im menschlichen Organismus entfalten können, wenn die Regulation zur freien Entfaltung dessen führt, was von selbst so ist, von selbst so sein kann und von selbst so sein möchte.

Dieses Prinzip ist beim Üben von Qigong äußerst wichtig und wesentlich, es stellt einen der Fäden dar, der die vielen scheinbar unterschiedlichen theoretischen Inhalte und praktischen Übungen (auch auf diesem Blog) durchzieht. Erkennt und versteht man diesen, dann wird man sich nicht in Fülle und Vielfalt verlieren und die Wildgans kann zu den Gipfeln und Wolkenhöhen emporziehen", um es in der Sprache von Hexagramm 53 des Yijing auszudrücken.  Erkennt man den Faden nicht, bleibt die Wildgans am Boden oder verliert ihren Weg. 

Das Kleine geht hin, das Große kommt her - Ein Übungsvideo

Der Friede: Das Kleine geht hin, das Große kommt her. Heil! Gelingen! Auf diese Weise vereinigen sich Himmel und Erde, und alle Wesen kommen...