Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Friday, June 5, 2020

Qigong-Selbstmassage: Die Handrücken und der Yangchi 阳池 - Punkt


Wieder eine Massage aus der Reihe der Baxie-Qigong-Massagen:

Mit den Handrücken 36x gegeneinander klopfen, so wie im kurzen Video unten gezeigt. 

Wie bei all diesen Massagen: Vorsicht! Keine Kraft verwenden, die Hände einfach locker gegeneinander klopfen lassen.

Da die Handrücken der Ort sind, wo sich Yin und Yang treffen, kann man durch regelmäßiges Massieren oder das Gegeneinanderklopfen der Handrücken Yin und Yang regulieren, die Meridiane öffnen und den Kreislauf verbessern. Die Massage hilft auch bei Problemen der Wirbelsäule, von der Halswirbelsäule bis hinunter zum Steißbein.




In diesem zweiten Video zeige ich eine ähnliche simple Massage: Das Gegeneinanderklopfen der Handgelenke. 36x. Damit wird der Yangchi 阳池 - Akupunkturpunkt stimuliert. Dieser Punkt wird unter anderem zur Regulierung des endokrinen Systems verwendet, der Massage wird eine gewisse vorbeugende Wirkung gegen Diabetes zugeschrieben. 

Yangchi liegt an der Handwurzelquerfalte in einer Vertiefung zwischen Elle und Mittelhandknochen. 

Wenn man so wie im Video gezeigt, mit den Handgelenken gegeneinander klopft, erwischt man den Punkt auf jeden Fall. Yangchi hat die wichtige Funktion, Hitze zu kühlen, Feuchtigkeit auszuleiten und die Qi-Bahnen durchgängig zu machen.

Yangchi (Teich des Yang) ist der 4. Punkt des Dreifachen Erwärmer-Meridians. Er hat auch die Bezeichnung: Wanneng Shenxue 万能神穴 - Allmächtiger göttlicher Punkt.



Thursday, June 4, 2020

Tiaoxi 调息 - Regulation des Atems


Der Schlüssel zur Integration von Körper und Geist, zum bewussten Erreichen eines Zustands tiefer Entspannung und zur Förderung eines stärkeren Qi-Flusses im Körper ist die Regulierung der Atmung.

Die meisten Qigong-Methoden betonen die „natürliche Atmung“. Dies bedeutet, dass man mit dem Atem auf natürliche Weise umgeht, ihn also nicht hemmt oder zwingt, komplizierte Techniken anwendet oder ihn auf irgendeine Weise leitet. Es bedeutet jedoch nicht, den Atem zu ignorieren.

Der natürliche Atem ahmt den Atem eines Baby im Schlaf nach. Beim Einatmen ist der Körper entspannt, der Bauch steigt, wenn die Luft einströmt. Beim Ausatmen bleibt der Körper entspannt und der Bauch fällt. 

Früh schon im Leben, ab dem Zeitpunkt, an dem wir lernen zu gehen, beginnt sich die Atmung zu ändern - sie wird flacher, drückt nach oben, füllt die Brust und beschränkt sich oft nur auf den oberen Brustraum. Alltagsaktivitäten wie das Arbeiten am Computer, telefonieren, sich auf Aufgaben konzentrieren, die Wohnung putzen, selbst physisches Training - all dies und mehr kann dazu führen, dass man den Atem anhält, zu flach atmet, einen unregelmäßigen Atemrhythmus entwickelt, den Hals oder die Schultern zu fest hält, den Bauch verspannt usw.

Wenn beim Üben von Qigong Spannungen im Körper auftreten, oder wenn man sich anstrengt, dann ändert sich die Atmung, auch bei geistiger Anspannung oder bei emotionalen Reaktionen ändert sich die Atmung. Regelmäßiges Seufzen und Gähnen sind dann die Mechanismen des Körpers, um Emotionen, Körper und Atem zu regulieren. Es ist normal und ein gutes Zeichen, wenn solche Reaktionen des Körpers während des Übens (oft ist es am Anfang des Übens) auftreten, sie zeigen, dass der Körper beginnt, sich zu regulieren.

Wenn man die Heilenden Laute übt, versucht man einen Atem zu entwickeln, der leise ist, glatt und so fein, dass man ihn nicht hört. Der Atemrhythmus bei den Übungen der Heilenden Laute, so wie wir sie üben, ist: 

Einatmen durch die Nase, Ausatmen durch die Nase, Einatmen durch die Nase, Ausatmen durch den Mund, während man sich den Laut vorstellt. Dann folgen noch einmal Einatmen und Ausatmen durch die Nase.

Bei jedem Laut sollte sich die Atmung natürlich anfühlen, man sollte keine Spannung und keinen Widerstand spüren. Man bemüht sich nicht und strengt sich nicht an. Man konzentriert sich auf den Atem - auf sehr entspannte Weise (keine starke Konzentration!) - und koordiniert ihn mit den Bewegungen. Im Verlauf der Zeit wird es einem mehr und mehr gelingen, den eigenen Rhythmus zu finden, einen angenehmen Rhythmus, von dem man sich leiten lassen kann, während man langsam die Bewegungen ausführt. 

Bei Methoden wie den Heilenden Lauten ist es wichtig, sich die Zeit zu geben, die eigene Übungspraxis zu entwicklen, solange, bis man schließlich fähig wird, in einem langsamen Rhythmus mittels langer, feiner, frei fließender, ruhiger Atemzüge zu atmen. Ist man einmal dort angelangt, dann hat man sehr viel verwirklicht, was die mögliche Integration von Körper, Geist und Atem betrifft.

Beim Lernen und Üben der Heilenden Laute (und auch jeder anderen Qigong-Methode) orientiert man sich an den drei Grundprinzipien. Bevor man zu üben beginnt, gibt man sich als Vorbereitung ein paar Minuten, um den Körper (die Haltung), den Atem und den Geist (die Gedanken) regulieren, und versucht diese drei Regulierungen auch während des folgenden Übens nicht zu vergessen.

Das heißt, dass man Bewegungen nicht einfach nur mechanisch ausführt. Man führt einen Bewegungsablauf aus und reguliert dann wieder (macht eine Pause, entspannt sich, beruhigt den Atem, stillt die Gedanken). Dann fährt man mit dem nächsten Teil der Bewegungen fort. Merkt man beispielsweise beim Üben, dass Spannungen entstehen, oder hat man das Gefühl, dass die Übung zu anstrengend wird, dann hält man einfach inne und wartet, bis die Atmung wieder ganz natürlich ist. Dann macht man mit dem Üben weiter. Man versucht also immer wieder loszulassen, den Geist zu beruhigen und still zu werden. Solcherart lernt man, wie man sich tiefer und tiefer in den Qigong-Zustand versenken und damit die Wirksamkeit der Übungen verbessern kann.

Bei den drei Prinzipien ist die Entspannung ist der entscheidende Punkt. Es ist wichtig vor dem Üben locker zu sein und entspannt, und im Folgenden während des gesamten Übungsablaufs. Und man wird herausfinden, dass die drei Regulierungen - des Körpers, des Geistes und des Atems - eigentlich immer gleichzeitig auftreten. Es ist nicht möglich, den Körper ganz zu entspannen, ohne dass nicht auch der Geist zur Ruhe kommt und der Atem zu einem natürlicheren Kommen und Gehen findet.

Wenn man sich nicht anstrengt, dann arbeiten Körper, Atem und Geist in einem Zustand der Tiefenentspannung zusammen, der als „Qigong-Zustand“ bezeichnet wird. Das in diesem Zustand geschaffene Muster gesunder Selbstintegration trägt einen durch den Tag. Man fühlt sich körperlich besser, der Geist kann klar bleiben und konzentriert, das Atmen fällt leichter und wirkt vitalisierender. Dieses Muster entwickelt sich mit der Zeit zu einer Norm, zur Norm eines stabilen Gleichgewichts, welches dem gesunden Funktionieren des Körpers zugrunde liegt (d.h. das Qi funktioniert auf geordnete, natürliche Art und Weise) und das während des gesamten Lebens auch die eigene Kreativität inspirieren und motivieren wird.

Wednesday, June 3, 2020

Die Sechs Heilenden Laute als Yangsheng 养生 - Sequenz



Ein weiteres Video, wieder mit den Heilenden Lauten, allerdings in einer anderen Reihenfolge. 

Die bisherige Reihenfolge der Übungen hat sich an der Xiangke 相克 - Ordnung der Fünf Phasen orientiert. Xiangke heißt gegenseitige Überwindung, die Reihenfolge der Phasen ist: 

Metall Jin 金 - Holz Mu 木 - Erde Tu 土 - Wasser Shui 水 - Feuer Huo 火. 

Jeder der Phasen ist ein Organ zugeordnet, daraus hat sich die bisherige Übungsfolge ergeben: Lunge- Leber - Milz - Niere - Herz - Dreifacher Erwärmer (der Dreifache Erwärmer ist hier nicht wirklich Teil der Ordnung, der wird in allen mir bekannten Sequenzen immer hinten angehängt).

Die Reihenfolge des heutigen Videos folgt der Xiangsheng 相生 - Ordnung der Fünf Phasen. Xiangsheng heißt gegenseitige Erzeugung, die Reihenfolge der Phasen ist: 

Holz Mu 木- Feuer Huo 火 - Erde Tu 土 - Metall Jin 金 - Wasser Shui 水. 

Daraus ergibt sich die Reihe: Leber - Herz - Milz - Lunge - Niere - Dreifacher Erwärmer (wieder hinten angehängt).

Von der Reihenfolge der gegenseitigen Überwindung wird gesagt: das ist die Reihenfolge zur Behandlung und Heilung von Krankheiten (Zhi bing 治病) . 

Von der Reihenfolge der gegenseitigen Erzeugung heißt es: das ist die Reihenfolge des Nährens der Vitalität (Yangsheng 养生). 

Wir haben jetzt schon seit mehr als zwei Monaten mit der Überwindungsfolge geübt, allmählich können wir zur Erzeugungsfolge der Sechs Laute übergehen. Wer möchte, kann aber sehr wohl auch noch länger bei der alten Art des Übens bleiben. 

Hier ist das Video:



Tuesday, June 2, 2020

Bao Bao Cha 八宝茶 - Acht-Schätze-Tee


Dieses Rezept stammt von den Hui, einer Minderheit, die im Nordwesten Chinas zuhause ist. Dort wird in einer aus dem 13. Jahrhundert stammenden Tradition Gästen oder älteren Verwandten dieses nährende und belebende Getränk serviert, das aus acht Zutaten (Kräutern, Früchten, Blüten und Zucker) besteht. In der Qing-Dynastie wurde dieser Tee in ganz China berühmt, als er der Kaiserinwitwe Ci Xi 慈禧太后 von ihren Ärzten verschrieben wurde, zur Erhaltung eines jugendlichen Körpers und eines klaren, ruhigen Geistes.

Es gibt viele Modifikationen dieses kaiserlichen Tees. Ich habe das Rezept speziell für unsere Pandemiezeit adaptiert. Der Tee ist in dieser Form für jedes Alter und jeden Gesundheitszustand geeignet.

Der Zutaten, in diesem speziellen Verhältnis kombiniert, tonisieren das Herz-Qi, beruhigen den Geist (shen 神), tonisieren und regulieren das Milz-Qi, stärken das Lungen-Qi, entfernen Wind-Hitze-Pathogene aus der Lunge, nähren das Yin-Qi der Nieren, nähren das Leber-Yin und das Blut, unterdrücken Feuer, das aus Hitzeerschöpfung und Stress resultiert, klären die Sinne, klären die Augen und entspannen.

Der Acht-Schätze-Tee ist keine medizinische Kräuterverschreibung. Es ist ein traditionelles Tee-Rezept zur Unterstützung der Yangsheng-Praxis (Yangsheng 养生 heißt wörtlich „ das Leben nähren“), ideal für alle diejenigen, die ihre Gesundheit durch Methoden wie Qigong, Selbstmassage, Atmen, gesunde Ernährung und einen moderaten Lebensstil verbessern und schützen möchten.


Zutaten:

2g sang ye 桑叶 (Mori Folium, Maulbeerblätter)
2g ju hua 菊花 (Chrysanthemi Flos, Chrysanthemenblüten)
2g gou qi zi 枸杞子 (Lycii Fructus, Goji-Beeren)
1 hong zao 红枣 (Jujubae Fructus, Chinesische rote Datteln)
½ g ren shen 人参 (Ginseng Radix, Ginsengwurzel)
2g mei gui hua 玫瑰花 (Rosae rugosae Flos, Rosenknospen)
½ g chen pi 陈皮 (Citrii reticulatae Pericarpium, getrocknete Mandarinenschale)
1-2g Kristallzucker oder Kandiszucker

Die angegebene Menge entspricht der täglichen Tagesdosis.


Zubereitung:

Ginseng, Datteln und getrocknete Mandarinenschalen etwa eine halbe Stunde lang in einer kleinen Schüssel mit ein wenig kaltem Wasser einweichen. Das Wasser dann wegschütten.

Alle acht Zutaten in eine Teekanne geben, mit kochendem Wasser (ca. ½
Liter) aufgießen und 10 Minuten ziehen lassen. Man kann die Zutaten in der Teekanne lassen und den Tee dann auch noch ein zweites Mal aufgießen.

Hinweis: Bio-Goji-Beeren, Rosenknospen und Maulbeerblätter bekommt man auch in Bio-Geschäften oder Teehandlungen (in Österreich z.B. Sonnentor, Haas & Haas Teehaus oder Denn’s). Am besten kauft man aber Goji-Beeren, Ginseng, rote Datteln, Maulbeerblätter, getrocknete Mandarinenschalen etc. in einer Apotheke, die TCM-Kräuter führt.

Das Kraut gegen Covid-19


Mir wurde dieser Artikel aus der Wiener Zeitung von Ende April zugeschickt, ein Artikel, der mir entgangen war. Immerhin, ein positiver Bericht über die kombinierte Therapie von Covid-19 mittels westlicher und chinesischer Medizin. Die zwei Links im Bericht hänge ich unten auch noch extra an, wer sich diese zwei Artikel durchlesen oder überfliegen möchte, kriegt auch als Nicht-Spezialist einen besseren Eindruck, wie von Seiten der chinesischen Medizin bei Covid-19 vorgegangen wurde und wird.


Trotzdem hinterlässt der Artikel bei mir gemischte Gefühle.  Der erste Teil, in dem die bessere Wirksamkeit der Covid-Therapie bei einer Verbindung von westliche und chinesischer Medizin beschrieben wird, ist gut, und es ist auch gut, dass da zwei weiterführende Links angeboten werden.

Der zweite Teil bezüglich der Forschung nach natürlichen antiviralen Wirkstoffen stellt inhaltlich einen Bruch dar und gehört eigentlich nicht in den Artikel hinein. Auch wenn es vielleicht nicht so intendiert ist, wird das weitverbreitete Missverständnis bezüglich der chinesischen Phytotherapie gefördert, dass es um die chemischen Inhaltsstoffe der Pflanzen gehe.

Chinesische Kräuterrezepturen können jedoch so nicht verstanden werden. Eine Kräuterrezeptur kann nur aufgrund einer TCM-Diagnose (also einer Qi-Diagnose) erstellt und nur in Qi-Begriffen verstanden werden. Eine Rezeptur wird nicht über die chemischen Inhaltsstoffe definiert, sondern es geht um die Qi-Aktion der Kräuter, also darum, welche Qi-Eigenschaften sie haben, was sie im Organismus bewirken, wie sich ihre Qi-Eigenschaften synergistisch mit denen anderer Kräuter verbinden, auf welchen Qi-Bahnen (Meridianen) das Qi der verwendeten Kräuter in den Körper eintritt etc. etc. 

Eine Rezeptur besteht immer aus mehreren Kräutern, die hierarchisch angeordnet werden. Manche der Kräuter "regieren" die Rezeptur, manche dienen als "Bote", um also den Effekt an einen bestimmten Ort im Körper zu bringen, manche dienen der Modifikation des Haupteffekts, manche dienen der Harmonisierung der Rezeptur usw. Auch macht es bei gleicher chemischer Zusammensetzung einen Unterschied, welchen Teil der Pflanze man verwendet. Und noch vieles mehr... 

Eine Kräuterrezeptur manipuliert das Qi, aufgrund des medizinischen Verständnisses, welche Regulierung bei einem Patienten nötig ist, um den Organismus wieder zu einem harmonischen Qi-Geschehen zurückzuführen. Das heißt auch, dass bei der gleichen Krankheit je nach Patient unterschiedlich behandelt werden muss, zum Haareraufen für diejenigen, die auf kontrollierten Doppelblindversuchen zum Wirksamkeitsnachweis einer bestimmten Therapie bestehen.  

Die chinesische Kräutertherapie ist ungemein schwierig und komplex, und sie anzuwenden braucht ein tiefgehendes Verständnis der TCM, ausreichende Praxis und vor allem die Fähigkeit, zu diagnostizieren, also die korrekte TCM-Diagnose erstellen zu können. Ohne Diagnose ist keine Therapie möglich.

Darum meine Bemerkung, dass der zweite Teil eigentlich nicht in den Artikel hineingehört. Er stellt einen Bruch im Bericht dar, und zeigt leider die grundlegenden Missverständnisse auf, die bezüglich der TCM existieren. Für mich in vieler Hinsicht auch nachvollziehbar. Die Wissenschaft des Qi (und eine solche haben die Chinesen) stellt unser Wissenschaftsverständnis doch vor große Herausforderungen.

Hier noch extra die beiden Links:

How COVID-19 (2019-nCoV) is Currently Treated in China with TCM

Treatment efficacy analysis of traditional Chinese medicine for novel coronavirus pneumonia (COVID-19): an empirical study from Wuhan, Hubei Province, China

Sunday, May 31, 2020

Chinesisches Puppentheater


Heute kein Posting zu Qigong, sondern zur Auflockerung ein kurzes chinesisches Schattentheaterstück - Die Maus und die Katze - und dazu eine chinesische Kurzdokumentation über das Schattentheater eines Dorfes in der Nähe des Huashan. Der Huashan ist der westliche der Fünf Heiligen Berge Chinas, und liegt nicht weit entfernt von Xi'an, der alten Hauptstadt Chinas.

Die Doku ist auf Chinesisch, mit englischen Untertiteln, und man bekommt ein bisschen einen Eindruck von dieser uralten Tradition, die in der Moderne mit dem  Überleben zu kämpfen hat.

Zu Beginn der Dokumentation sieht man kurz eine wild anmutende Musiktruppe. Das sind Bauern aus einem Dorf dieser Gegend. Ihre Musik (Huayin Laoqiang 华阴老腔) wurde früher nur hinter dem Schattenspielvorhang gespielt wurde, als Begleitung des Schattenspiels.

Erst in den letzten Jahren traten sie auch unabhängig vom Schattentheater auf, und sie erlangten internationale Bekanntheit, als die weltberühmte Pipa-Virtuosin Wu Man mit ihnen in Amerika und Australien auftrat (das auch, um ihnen auf diese Art in China mehr Wertschätzung zu verschaffen).

Hier vorerst einmal das harmlose kleine Spiel von Katze und Maus und die Doku über das Schattentheater aus Shaanxi:






In China gibt es eine wunderbare und äußerst reichhaltige Puppentheater-Tradition, die, was in der chinesischen Dokumentation nicht erwähnt wird, in einer engen Beziehung zum Daoismus steht. Das Theater ist ursprünglich nicht für die Unterhaltung der Menschen gedacht, sondern die Aufführungen dienen bei Tempelfesten der Unterhaltung der Götter.

Das Puppentheater hat wichtige sakrale Funktionen. Aufführungen werden zur Danksagung an die großen Mächte des Himmels und der Erde abgehalten, bei Begräbnissen, sie haben eine exorzistische Funktion, als übelwollende Dämonen und Geister durch die Puppen vertrieben werden und noch einiges mehr.

Wenn wir von Tempeln hören, dann denken wir oft an Klöster, oder an daoistische oder buddhistische Gemeinschaften, die dort zuhause sind. Das sind Tempel aber nicht. Tempel sind keine Klöster. Und nur sehr selten ist ein Tempel ein daoistischer oder buddhistischer Tempel (es gibt sie schon, aber eben nur selten). Tempel sind vielmehr heilige Orte, die Gottheiten (oft lokalen) geweiht sind. Und es gibt eine Unzahl an Tempeln. Vor der kommunistischen Revolution, trotz all der Attacken und Zerstörung, die sich gegen die traditionelle Kultur richtete (diese begannen nicht erst in der Volksrepublik, sondern schon viel früher, gegen Ende der Kaiserzeit) gab es in China eine Tempeldichte von einem Tempel pro ca. 400 Einwohnern. Und heute, im kommunistischen, säkularen China, nach all dem, was in den letzten 130 Jahren passiert ist, wird diese Zahl schon wieder fast erreicht.

Tempel werden üblicherweise von den Handwerkergilden betrieben oder von den lokalen Gemeinschaften (Dorf, Stadtviertel, Straße etc.) und dienen vielen Zwecken, geistigen, religiösen, kulturellen, praktischen. Einerseits wird die lokale Geschichte dort überliefert, die jungen Leute lernen diese dort kennen. In den Theateraufführungen bei den Festen wird die lokale Geschichte (die in vielen Aspekten auch heilige Geschichte ist) immer von neuem durchlebt. Tempel dienen rituellen Zwecken. Die Führer der Gemeinschaften laden Spezialisten ein, daoistische Priester oder buddhistische Mönche, oder beide, um zu bestimmten Anlässen Rituale abzuhalten, Opferrituale, Reinigungsrituale, Rituale für die verwaisten Seelen (das sind diejenigen, die eines vorzeitigen Todes gestorben sind), Beerdigungsrituale etc. In den Tempeln werden junge Leute als Medien ausgebildet, um als Mittler zu dienen zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Götter und Dämonen. Aber es geht auch um alltägliche Dinge. Die jährlich gewählten Tempelvorsteher beschließen, wer in der Gemeinschaft finanzielle Unterstützung braucht, oder sie planen gemeinschaftliche Projekte wie Straßen- oder Brückenbau. Ich schreibe hier frei von der Leber weg, es fehlt sicher noch einiges in dieser Aufzählung.

Auf jeden Fall ist das ein Aspekt des chinesischen Lebens, der bei uns nicht so bekannt ist. Ein sehr lebendiger Aspekt. Ich habe in Taiwan studiert, einem durch und durch modernen Land, dort sind diese Traditionen noch sehr lebendig. Wie in Hongkong, wie in Singapur. Man nimmt diese Dinge nur nicht so leicht wahr, weil wir, wenn es um religiöse oder geistige Inhalte geht, von dem ausgehen, was es bei uns gibt und vor allem, in welcher Form es sich bei uns präsentiert. In China schaut Religion oft sehr profan aus, darum wird sie oft nicht als das erkannt, was sie eigentlich ist, wie bei den Theateraufführungen oder den großen Prozessionen, bei denen es laut und hitzig zugeht, mit viel Lärm, Krawall und Spaß.

Zurück zum Theater. Es ist in erster Linie für die Götter da. Die Götter werden unterhalten, und es gibt eine Reihe von rituellen Funktionen der Schauspiele.  Ein Puppenmeister aus Singapur meint, dass heutzutage zwar bei den Aufführungen oft nur wenig Publikum anwesend sei, was man aber nicht sehen könne, seien die Scharen der Götter, die zu den Aufführungen kämen. Dafür sei das Theater da, und für diese werde er die Tradition auch weiterführen, auch wenn das Interesse der gewöhnlichen Leute abnehme.

Was ich hier geschrieben habe, sind eigentlich nur ein paar zerstreute Bemerkungen an einem regenrischen Sonntag. Zur besseren Schilderung, was das Puppenthater in der chinesischen Kultur bedeutet, möchte ich hier einen kurzen Ausschnitt aus Kristofer Schippers „Corps Taoiste“ übersetzen:

Daoistische Meister geben manchmal Vorstellungen als Puppenspieler. Die von ihnen aufgeführten Marionetten-Stücke werden von manchen als das älteste Theater Chinas angesehen. Die Bande zwischen Religion und Drama sind vielfältig. Wir haben gesehen, wie diese auf die Bühne gebrachte heilige Geschichte einen Teil der religiösen Festivitäten darstellt. Tatsächlich waren vor nur 100 Jahren professionelle Theatertruppen in China eine Seltenheit; üblicherweise waren die Zeit und der Ort, Vorstellungen zu sehen, bei Festen, auf Freiluftbühnen die vor den Tempeln aufgebaut wurden. Auch heute, dort in China, wo die Religion offen praktiziert wird, gibt es kein richtiges Fest ohne Theater.

Das Theater hat eine liturgische Funktion, wobei die Vorstellungen in zwei Teile geteilt werden, von denen der erste rein rituell ist. Die „Parade der Götter“ oder „Glückverheißendes Spiel“ genannt, besteht dieser aus einer Anzahl kurzer, aufeinanderfolgender, kleiner Stücke: Der Himmlische Hof; das Bankett der Götter (mit dem Affenkönig, der die Pfirsiche der Königinmutter des Westens stiehlt); die Tochter des Himmelskaisers und der fromme Dong Yong; das göttliche Paar als Eltern des Gottes der Musik; und schließlich der Göttliche Amtsträger, der kommt, um der Gemeinschaft seine Glückwünsche zu übermitteln.

Erst nach diesen Vorspiel beginnt die Aufführung der historischen Stücke, die für den Anlass ausgesucht wurden. Diese Stücke stellen zwar kein Ritual dar, aber immer gibt es eine Verbindung zur Religion. So ist z. B. der Schauspieler, der den Herrn Guan im Epos der Drei Reiche darstellt, bestimmten diätetischen und sexuellen Einschränkungen unterworfen. Und so wie es sich ziemt für einen Repräsentanten der Göttlichen Verwaltung, spricht diese Figur ausschließlich im offiziellen Mandarin, selbst dann, wenn das Stück selbst im Dialekt oder in einer Regionalsprache aufgeführt wird.

Die religiöse Rolle ist beim von den Meistern aufgeführten Marionettentheater sogar noch mehr ausgeprägt als beim gewöhnlichen Theater mit menschlichen Schauspielern. Puppen werden selten nur für die Show geholt; ihre Macht ist eine solche, dass sie als unschätzbare Hilfe im Kampf gegen böse Einflüsse angesehen werden. Man ruft eine Theatertruppe, um im Falle von Katastrophen wie Bränden, Überschwemmungen, Dürren oder Epidemien diese Einflüsse zu exorzieren. Truppen kommen auch, um neu gebaute Häuser und Tempel zu reinigen oder um wichtige Opfergaben, entweder für die Gottheiten oder für die verwaisten Seelen, zu heiligen. Das ist möglich, weil die Puppen die Götter nicht nur darstellen: sie sind die Götter.

In der Regel besteht ein Marionettenensembe aus 36 Körpern und 72 Köpfen. Zusammen ergibt das 108, die Zahl, die mit der Gesamtheit der Konstellationen korrespondiert. DIe Puppen stellen deshalb die Essenz des Universums dar. Bevor ein Stück beginnt, werden die Puppen auf dieselbe Weise geweiht wie die Götterstatuen und Ahnentafeln. Sie werden dadurch mit der spirituellen Kraft der Götter durchtränkt, die sie repräsentieren. So furchteinflößend ist ihre Macht, dass niemand zuzuschauen wagt, wenn sie die Dämonen mit Gesängen und Tänzen verscheuchen oder unsichtbare Teufel mit Miniaturwaffen attackieren. Das Orchester spielt, der Meisterpuppenspieler rezitiert heilige Formeln, die Puppen bewegen sich, aber der Platz vor der Bühne bleibt leer und die gewöhnlichen Leute bleiben zuhause, hinter geschlossenen Türen, aus Angst, dass die Dämonen in ihrem Zuhause Zuflucht nehmen könnten, oder sogar in ihren Körpern.

Die Bühne - Bretter und Leinwand - ist ein heiliger Bereich. Rückwärts gibt es einen Altar für den Verehrung der Puppen, die von den Clowns, den mächtigsten unter ihnen, repräsentiert werden. In den vier Ecken der Bühne rufen talismanische Symbole, in heiligen Schriftzeichen auf gelbe Papierbänder geschrieben, die Schutzgottheiten an, dass sie kommen und die Bühne umgeben mögen. Ein fünftes Symbol, vom Meisterpuppenspieler getragen, korrespondiert mit dem Zentrum des heiligen Bereiches. Hier auf der Bühne, im Herzen des Mikrokosmos, steht er und bildet die Hauptachse. Er ist der Vermittler zwischen den Sphären der Götter und der Menschen, der unsichtbare Meister, der die Puppen (vor allem die Clowns) die exorzistischen Gesten ausführen lässt, Gesten, die zu anderen Anlässen von ihm selbst oder von den von ihm geleiteten Medien ausgeführt würden.

All dies ist verknüpft: die Struktur, die die Beziehung zwischen Puppenmeister und Puppe beherrscht - zwischen dem einen, der im Schatten der die Fäden zieht und dem anderen, der die Mitte der Bühne einnimmt und während der Dauer der Show die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht - ist dieselbe Struktur, die sich in der Beziehung zwischen Meister und Medium findet, zwischen Menschen und Göttern. Die Götter sind die Puppen. Die Statuen in den Tempelnischen haben oft bewegliche Glieder, gleich den in Prozessionen auftretenden Figuren wie „Weiße Unbeständigkeit“ und „Schwarze Unbeständigkeit“. Sie sind vollkommen ausgestattet, mit Unterwäsche, Schuhen, Röcken und Hüten, Fächern und Szeptern. Sie können umherbewegt und an ihren Geburtstagen an Tische gesetzt werden, um richtige Festmähler zu erhalten. In diesem Spiel spielen die Menschen mit den Göttern, und der Tempel wird zu einem großen Puppenhaus.

Friday, May 29, 2020

Kerrys Suppe mit Kudzu und Mais - “Ge Gen Yu Mi Tang” 葛根玉米汤


Dies ist ein einfaches Rezept, für die Zeit, wenn das kühlere Frühlingswetter in die wärmeren Sommertage übergeht. Durch den Klimawandel ist es zu dieser Zeit bei uns oft zu trocken, oder das Wetter ändert sich häufig und wechselt zwischen ungewöhnlich kühl und ungewöhnlich heiß.

Das Qi des Körpers, insbesondere das Qi der Verdauung, kann in Übergangszeiten oder in Zeiten wechselhaften Wetters leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Durch den Klimawandel verstärkt sich dieser Effekt, als TCM-Ärztin kann ich dies seit Jahren beobachten.

Sowohl der Klimawandel als auch die Covid-19-Pandemie sind klassische Beispiele für ein Umfeld, das die TCM als „extrem“ und „unbeständig“ charakterisiert, und bei dem der Mensch sein Qi täglich regulieren und ausgleichen muss, um seine Gesundheit zu erhalten.

Diese medizinische Suppe befeuchtet und schützt das Yin. Besonders schützt sie die Lunge, befeuchtet Augen, Nase und Rachen, befreit den Körper von leichter Hitze, beruhigt und öffnet den Magen, und erzeugt einen gesunden Appetit. Von den Qi-Eigenschaften her gesehen ist die Suppe von neutraler Temperatur und von leicht süßlichem Geschmack.



Zutaten:

12g Kudzu (Ge gen 葛根 - puerariae radix)
2 Maiskolben, in 3-4 cm Scheiben geschnitten (tiefgefrorener Mais kann als Ersatz verwendet werden, siehe Bemerkung weiter unten)
9g Citri reticulatae Pericarpium - Chen Pi 陈皮 (getrocknete Mandarinenschale), 20 Minuten in kaltem Wasser eingeweicht
80g getrocknete rote Adzuki-Bohnen, über Nacht in kaltem Wasser eingeweicht
80g getrocknete grüne Mung-Bohnen, über Nacht in kaltem Wasser eingeweicht
2 Liter kaltes Wasser




Zubereitung:

Bohnen und Chen Pi abtropfen lassen und und zusammen mit den restlichen Zutaten und dem kalten Wasser in einen großen Topf geben.

Bei starker Flamme zum Kochen bringen, dann abdecken und auf kleine Flamme reduzieren. Etwa 2 Stunden (oder länger) köcheln lassen, langsam, bis die Bohnen vollständig weich und zerfallen sind und die Flüssigkeit so weit reduziert ist, dass die Suppe eine cremige Textur hat.

Die Suppe wird in China so gegessen, dass man die Maiskolbenstücke herausnimmt und die Maiskörner vom Kolben isst, während man die Suppe trinkt.

Die Suppe wird ohne Salz zubereitet und kann auch so gegessenwerden. Oder man salzt sie etwas, wenn sie fertig ist. Keine anderen Gewürze dazugeben!

Die Suppe schmeckt etwas süß, sodass sie sich auch als Nachspeise eignet. In diesem Fall kann man etwas Zucker hinzufügen.



Erklärung der Zutaten:

Kudzu wird in der japanischen Küche verwendet. In Asiengeschäften oder auch Bioläden ist Kudzu üblicherweise leicht erhältlich. Links ist ein Foto von Kudzu der Bio-Marke „Arche“, es gibt auch andere Marken. Kudzu ist nicht billig, aber es ist eben Medizin und man braucht nicht viel. Der chinesische Name ist Ge gen 葛根 und es ist ein wichtiges Kraut der Materia Medica. Es tritt in die Meridiane von Milz und Magen ein und „hebt das klare Yang-Qi“, damit kann es die in den Muskelschichten des oberen Rückens, der Schultern und des Nackens eingeschlossene Wärme lindern. Es unterstützt das Qi des Magens und erzeugt Körperflüssigkeiten, da es von Hitze befreit und den Durst lindert.

Beim Mais ist es am besten, die ganzen Kolben zu verwenden. Yin- und Yang-Aspekt des Qi werden so ausgewogener genährt, da gleichzeitig das Qi der Verdauung reguliert und genährt und die Lunge befeuchtet werden. Man kann als Ersatz auch tiefgefrorenen Mais nehmen, der ist immer noch eine gute Zutat, die das Yin tonisiert und die Qi-Wirkung des gesamten Rezepts unterstützt.

Chen Pi 陈皮, citri reticulatae pericarpium, sollte man von einer seriösen TCM-Apotheke kaufen, um sicherzustellen, dass es nicht verunreinigt ist und korrekt hergestellt wurde. Chen Pi ist eines der am häufigsten verwendeten Arzneimittel der chinesischen Materia Medica und wird häufig in Kräutergetränken und Suppen verwendet. Es gelangt in die Meridiane von Lunge, Milz und Magen, stärkt das Milz-Qi, fördert und reguliert den Fluss von Qi, trocknet Feuchtigkeit und transformiert Schleim.

Die rote Adzuki-Bohne ist eine unglaublich nahrhafte Zutat und ebenfalls Teil der chinesischen Materia Medica. Sie gelangt in die Meridiane von Herzen und Dünndarm und befreit von feuchten Ödemen und feuchten Hitzetoxinen. Sie fördert das Magen-Qi und lindert den Durst.

Die grüne Mung-Bohne besitzt in der Materia Medica eine ähnliche Wirkung wie die Adzuki-Bohne, da sie Sommerhitze klärt und Reizbarkeit und Durst lindert. Sie tritt in die Meridiane von Herz und Magen ein und wird häufig in Kräutertees, Suppen und Reis-Porridge verwendet. Traditionell wurden getrocknete Mungbohnen auch als Kissenfüllung verwendet, gut für Augen und Ohren und um durch „Wind“ hervorgerufene Kopfschmerzen zu behandeln.





Thursday, May 28, 2020

Qigong und Chinesische Medizin - grundlegende Prinzipien




Zur allgemeinen Information. Die Zeit vergeht, wir sind jetzt schon in der 11. Woche dieser unserer Initiative. Kerry und ich werden noch einen Monat weitermachen, also bis Ende Juni. Die Lage hat sich zur Zeit zwar ziemlich entspannt, doch das ändert nichts an der Wichtigkeit der Inhalte. Mit dem Covid-19-Virus müssen wir doch vermutlich noch lange Zeit leben. 

Ich möchte mich hier wieder einmal auf unseren Lehrer Prof. Lin Zhongpeng berufen. Ich zitiere ihn immer wieder, stellt er doch seit Jahrzehnten eine der wichtigsten theoretischen Stimmen des Qigong dar. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit erhielt Qigong 1979 von der chinesischen Staatsführung die Zulassung, öffentlich unterrichtet und praktiziert werden zu können, er leitete von 1982 bis 1999 das Qigong College for Advanced Studies in Beijing, die einzige unabhängige Ausbildungsinstitution  in China, und er war es, der zusammen mit Dr. Deng Tietao die chinesische Staatsführung umstimmte und erreichte, dass die Chinesische Medizin in der SARS-Epidemie zum Einsatz gebracht wurde und den entscheidenden Beitrag zur raschen Beendigung der Epidemie leisten konnte.

In den Vorträgen, die er im Rahmen unserer Qigong-Fortbildungswochen in Innsbruck hielt, hatte Prof. Lin immer wieder betont, wie wichtig es sei zu verstehen, dass die Chinesische Medizin und Qigong bei Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten mit einem ganz anderen Ansatz arbeiten als die westliche naturwissenschaftliche Medizin. Die gängige westliche Metapher ist der Kampf: der Krankheitserreger muss entweder bekämpft und getötet werden (Bakterien und Viren), oder es muss etwas aus dem Organismus herausgeschnitten werden. „Cut it or weed it“, sagt man auf Englisch. 

Nicht so in der Chinesischen Medizin und im Qigong. Krankheiten bzw. Krankheitserreger werden nicht bekämpft, es werden vielmehr Beziehungen innerhalb eines Systems in Ausgleich gebracht. Es geht um Anpassung und Ordnung. Chinesische Medizin und Qigong verstehen den Organismus als eine Ganzheit, als ein komplexes Netzwerk innerer Aktivitäten und Beziehungen (das ist das Qi). Eine Ganzheit, die in ein weiteres Umfeld, in eine weitere Ganzheit eingebettet ist (einerseits der Ort an dem man lebt, mit seinem Klima, seinem Wetter und all den anderen spezifischen Qualitäten eben dieses Ortes, andererseits auch die Gesellschaft, in der man lebt. Beide repräsentieren wiederum bestimmte Aspekte des Qi). Dieses Umfeld ist wiederum in das große Ganze der Erde (des Planeten) eingebettet. Und so weiter, bis man beim Dao als dem größten Zusammenhang angelangt ist. 

Wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, sind es natürlich die engeren Beziehungsfelder, auf die man sich konzentriert, also das Qi im Inneren des Organismus und das Qi des Umfelds. Diese Beziehungsfelder werden analysiert, um herauszufinden, wo das System von seinem geordneten Funktionieren, von seiner geordneten Aktivität abgewichen ist. Die äußerst komplexe Kunst der Diagnostik der Chinesischen Medizin kommt hier ins Spiel. Die korrekte Diagnose gibt vor, wie vorgegangen werden muss, um das System wieder in Gleichgewicht zu bringen (wie das bewegte Beziehungsgefüge des Qi zurechtgerückt werden kann). Stimmt die Diagnose, dann findet das Qi zu seinem Funktionieren zurück, Krankheiten bessern sich und verschwinden. Eine naturwissenschaftliche Analyse eines Krankheitserregers ist hierbei nicht nur nicht notwendig, sondern wäre gar nicht hilfreich, da sie ja auf einem anderen Referenzsystem beruht.

In seinen Vorträgen hatte Prof. Lin die große Stärke der Chinesischen Medizin thematisiert, nämlich  qualitativ beschreiben zu können, wie die individuelle Gesundheit beschaffen ist bzw. wie sich im Krankheitsfall das individuelle Funktionieren des Qi ändert (beides leistet die Chinesische-Medizin-Diagnose) und wie der Organismus durch das Ordnen der Qi-Aktivitäten die nötige Kraft entwickeln kann, von selbst mit einer Krankheit fertig zu werden, sie also entweder kontrollieren oder vollkommen loswerden zu können.

Damals, vor 17 Jahren, hatte er auch vorausgesagt, dass sich einmal eine Situation ergeben würde wie die, mit der wir es jetzt zu tun haben, dass nämlich ein Virus zirkulieren würde, bei dem die naturwissenschaftliche Medizin keine oder nur begrenzte Möglichkeiten der Therapie haben würde. In so einem Fall war und ist es der große Vorteil der Chinesischen Medizin, dass sie augenblicklich reagieren kann und nicht erst auf die Antwort der Forschung (Impfung, Entwicklung einer Therapie) warten muss.

Damit kein Missverständnis entsteht, ich bin in keinster Weise gegen die naturwissenschaftliche Medizin eingestellt und schreibe hier nicht gegen sie an. Ich mache nur ein paar grundsätzliche Aussagen zu Chinesischer Medizin und Qigong und versuche zu zeigen, dass deren Potential viel größer ist als gemeinhin angenommen und sie auch in der modernen Welt einen sinnvollen Platz einnehmen könnten. Dazu muss man aber Vorurteile beiseitelegen und sie aus ihren eigenen theoretischen Hintergründen zu verstehen suchen.

In den chinesischen Medien ist in den letzten Jahren immer wieder die Zahl 321 gefallen. Die Chinesen sind sehr geschichtsbewusst: 321 ist die Zahl der Epidemien, die sich in den letzten 2000 Jahren in China ereignet haben und aufgezeichnet wurden. Jede dieser Epidemien wurde mittels der Chinesischen Medizin beendet. Und nicht nur das, nach jeder großen Epidemie entstand ein medizinischer Klassiker, geschrieben von Ärzten wie Zhang Zhongjing 张仲景 (150-219): Shanghan Zabing Lun 伤寒杂病论 (Diskussion über die kälteinduzierten Krankheiten); Li Dongyuan 李东垣 (1180-1251) und Luo Tianyi 罗天益 (1220-1290); Wu Youke 吴又可 (1582-1652): Theorie der Wärmekrankheiten; Ye Tianshi 叶天士 (1667–1747): Diagnostik der Vier Schichten Wei 卫, Qi 气, Ying 营, Xue 血; Wu Jutong 吴鞠通 (1758-1836): Dreifache-Erwärmer-Diagnostik. Die genannten sind nur einige wenige Ärzte unter vielen.

Die Epidemien führten nicht nur dazu, dass sich der Kanon der Chinesischen Medizin Kompendium um Kompendium erweiterte, alle diese Ärzte entwickelten auch Kräuterrezepturen, die in den damaligen Epidemien zum Einsatz kamen, Rezepturen, die auch heute noch aufgegriffen und mit den notwendigen Adaptionen und Modifikationen verwendet werden. Dr. Deng Tietao meinte einmal: Die Chinesische Medizin ist eine Medizin der Gelehrten. Es geht darum, den Gedankenprozess zu verstehen, durch den eine Rezeptur erstellt wird. Versteht man diesen, dann kann man auch 1800 Jahre alte Rezepturen in einem zeitgenössischen Kontext erfolgreich zur Anwendung bringen. So ist es auch dieses Jahr geschehen. Manche unter den in den letzten Monaten in China verwendeten Rezepturen gehen auf Zhang Zhongjing zurück, andere stammen von Wu Youke und Wu Jutong. Und diese Rezepturen waren in der Behandlung des Covid-19-Virus äußerst erfolgreich, der Staatsrat der Volksrepublik spricht in seinen öffentlichen Verlautbarungen von einer über 90%en Wirksamkeit der Behandlungen. Diese Wirksamkeit hat nun auch dazu geführt, dass für die Chinesische Medizin, die in China zwar im Verfassungsrang steht, von offizieller Seite aber nicht respektiert (weil nicht „wissenschaftlich“) und meist behindert wird, vor ein paar Wochen eine neue, ihren eigenen Kriterien gemäße Administrationsstruktur geschaffen wurde. Manche gehen sogar so weit zu sagen, dass der phänomenale Erfolg der Chinesischen Medizin in der Covid-19-Pandemie zu ihrer Wiedergeburt in China geführt habe.

Zurück zu Prof. Lin und seinen Aussagen zu Chinesischer Medizin und Qigong. Man muss sich bewusst machen, was man tut, wenn man Qigong übt oder zum Arzt für Chinesische Medizin geht. Es geht nicht um die Bekämpfung einer Krankheit, sondern um die Ordnung des Qi, um die Regulierung des Systems und seiner Aktivitäten, um das Gleichgewicht von Yin und Yang (auch wenn dieser Ausdruck etwas unglücklich ist, geht in ihm doch verloren, dass es um die Yin- und Yang-Qualitäten der Qi und seiner Aktivitäten geht und nicht darum, dass man so und so viele Teile Yin und Yang auf die Waage legt und austariert).

Ordnung bzw. Regulierung heißt, dem Qi zu seiner natürlichen Qualität, seinem natürlichen Fluss und seinem natürlichen Rhythmus zu verhelfen. Der natürliche Fluss bedeutet einen Prozess geordneter Aktivität, der auch bei sich wandelnden Qualitäten des Umfelds stabil zu bleiben vermag. Die Qualitäten des Raums (wo man sich befindet, an welchem Ort, unter welchen Umständen) und der Zeit (Tag, Monat, Jahr, himmlischer Stamm - tiangan 天干, irdischer Ast -dizhi 地支, Jahreszeit, Wetter etc.) wandeln sich; Regulierung heißt, dass der Organismus inmitten dieses allgemeinen Wandels stabil bleibt, indem sich sein Qi an die äußeren Bedingungen anpasst. 

Eine Behandlung mittels Chinesischer Medizin hilft dabei, sozusagen von außen. Qigong hilft ebenfalls, die Methode basiert ja auf denselben Zusammenhängen, doch die Wirkung entsteht von innen. Da man es selbst ist, der übt, kommt noch ein wesentlicher Aspekt von Yin und Yang dazu: der von Körper und Geist, sichtbarer Materie und unsichtbarem Qi. Das Verhältnis und die wechselseitige Regulierung von Geist und Körper ist von entscheidender Bedeutung im Qigong. Der Körper ist Yin (greifbar, Substanz), der Geist ist Yang (ungreifbar, Funktion). Beide sind Qi und stellen die einander gegenüberliegenden Pole eines Kontinuums dar. Darum heißt es: Yin cheng xing, yang hua qi. 阴成形, 阳化气. Yin wird zu Form, Yang transformiert zu Qi.

Die Regulierung im Qigong muss demgemäß beide Ebenen einbeziehen, die körperliche wie auch die geistige. Darum sind auch Kerrys Texte über die Drei Prinzipien des Übens so wesentlich. Auf der körperlichen Ebene erfolgt die Regulierung durch Entspannung, Lockerung und Bewegungen, auf der geistigen durch Ruhe, Stille und Meditation. Und es gibt auch eine Ebene dazwischen, über die Körper und Geist kommunizieren (unter anderem Inhalt der Übungen der Heilenden Laute): die innere Bewegung des Atems und des Qi. 

Was die drei Prinzipien betrifft, gibt es eine klare Hierarchie: das körperliche Tun und die Bewegung des Atems/Qi sind der geistigen Regulierung untergeordnet, sie dienen dem Erreichen der inneren Stille und Leere. 

Sie sind deshalb untergeordnet, weil das geordnete Funktionieren des Qi nicht gemacht werden kann. Es ist ein natürlicher Prozess, dem man die Hindernisse aus dem Weg räumt, der dann aber zugelassen werden muss. Der Prozess geschieht ziran 自然 - von selbst oder aus-sich-selbst. Die Instanz, auf der das natürliche Funktionieren des Organismus beruht, ist nicht der bewusste Geist, sondern der Zustand des inhaltslosen Gewahrseins, der tiefsten Stille und Leere. Im Qigong wird dieser Yuanshen 元神 genannt - ursprünglicher Geist.

Um es anders zu formulieren: Die Bewegungsabläufe im Qigong, die Atemübungen und die Meditationstechniken zielen darauf ab, tief in die Stille und Leere einzutauchen. Zhi xu ji, shou jing du 至虚极, 守静笃, heißt es bei Laozi: „Den Gipfel der Leere erreichen, die tiefste Stille bewahren.“ Hat man sich diese Stille und Leere erübt, dann erlangt das Qi die Kraft, sich von selbst zu ordnen. Die natürliche Ordnung und das natürliche Funktionieren des Qi sind am Ende nicht das Ergebnis eines Tuns (das Tun braucht man vorher, beim Üben und Atmen, und zwar jahrelanges Tun), sondern des Nicht-Tuns (also dessen, was sich ohne Zutun spontan ereignet). Wuwei er wu bu wei 无为而无不为 - „Nicht-Tun und nichts bleibt ungetan.“ Dies ist die höchste Ebene des Qigong, die sowohl einer stabilen Gesundheit entspricht als auch, im traditionellen chinesischen Verständnis, dem Zuhause-Sein im großen Sinnzusammenhang des Alls.

Doch wir brauchen nicht ehrfurchtsvoll zu diesen lichten Höhen hochzublicken. Auch wenn man sich nicht ganz so tief in die Stille und Leere findet, erweist sich Qigong im Alltag, im täglichen praktischen Üben für jeden, der die Methode ernst nimmt, als sehr hilfreich. Qigong wirkt von Anfang an, auch wenn man vielleicht nicht alle seiner Möglichkeiten realisiert. Fühlt man sich beim Üben wohl, wird man Übungen auch regelmäßig praktizieren und allmählich die Fähigkeit zu mehr Lockerheit, mehr Entspannung und mehr Ruhe entwickeln können. Damit beginnt sich die Gesundheit ganz von selbst zu verbessern. Aber nicht deswegen, weil man ein Problem oder eine Krankheit gezielt behandelt und beseitigt hat, sondern weil man die Fähigkeit des Organismus (des Qi) unterstützt und gestärkt hat, zum natürlichen ausgeglichenen Funktionieren zurückzufinden und in diesem dann auch zu verweilen (man könnte hier auch sagen: sich selbst zu heilen. Der Ausdruck "Selbstheilung" ist jedoch mit zu unklaren Vorstellungen befrachtet, darum habe ich hier anders formuliert). 

Aus oben Gesagtem geht auch hervor, was ich ganz zu Beginn einmal gemeint habe: jede Qigong-Übung hilft. Wir haben uns in diesen Wochen den Heilenden Lauten gewidmet, und all die anderen Inhalte um diese Übungen gruppiert. Aber natürlich kann man auch andere Übungen üben, wir kennen ja genug. Jede Übung ist sinnvoll, die einen in die Stille führt und das Qi dazu bringt, sich mehr und mehr von selbst zu bewegen und zu ordnen. Ich für mich persönlich übe die Heilenden Laute täglich, praktiziere aber auch regelmäßig das Qigong-Gehen, die Fanhuangong-Übungen sowie diverse Massagen. Die Qigong-Meditation ist in diesen Wochen zu kurz gekommen, durch die Arbeit am Blog bin ich einfach zu müde. 

Um nochmals an den Anfang zurückzukommen. Kerry und ich werden mit dem Blog noch einen Monat weitermachen. Es gibt noch weitere Inhalte, die wir auf diesem Wege weitergeben möchten. Nicht nur um in diesen Covid-Zeiten bei besserer Gesundheit zu sein, um sich nicht anzustecken, oder, wenn es wirklich passieren würde, einen besseren Verlauf der Krankheit zu haben. In den Spitälern in China, in denen die westliche Medizin gemeinsam mit der Chinesischen Medizin zum Einsatz kam, ist es fast nie passiert, dass sich die Krankheitsverläufe von Patienten verschlechtert hätten. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen 2003 während der SARS-Epidemie.

Also nicht nur darum. Sondern auch deshalb, weil die Covid-19-Pandemie eigentlich eine Kleinigkeit ist gegenüber den großen Veränderungen auf unserer Erde, die sich vor allem durch den sich immer mehr beschleunigenden Klimawandel abspielen. Um die Gesundheit des Menschen inmitten dieses Wandels aufrechterhalten zu können, werden die Chinesische Medizin und Qigong in Zukunft noch viel mehr und dringender gebraucht werden als jetzt während der Covid-19-Pandemie. 

Wenn man mehr vom theoretischen Hintergrund der Chinesischen Medizin und des Qigong versteht, dann wird man vielleicht auch allmählich fähig, die Beziehungen wahrzunehmen (und sie auch denken zu können), die den Menschen mit der Natur und die Menschheit mit dem ganzen Planeten verbinden. Diese veränderte Wahrnehmung und dieses veränderte Denken wären dann nicht allein das Ergebnis eines intellektuellen Prozesses, sondern resultierten vor allem aus dem Erleben des lebendigen Körpers. Aus einem Wahrnehmen der Welt durch die Lebendigkeit des Körpers (des Qi), wodurch sich auch der Blick auf die Wirklichkeit verändert. 

Um eine Zukunft zu haben, brauchen wir beides: eine andere Art, den Körper zu erleben und mit ihm in der Welt zu sein, und eine daraus resultierende, das allgemeine Handeln anleitende Erkenntnis der Beziehungen und Gemeinsamkeiten, durch die der Menschen, auch wenn er es nicht wahrhaben will, mit der Natur und dem ganzen Planeten verbunden ist.

Ich glaube, jeder, der sich etwas tiefergehender mit Qigong und Chinesischer Medizin beschäftigt, leistet auf seine Art einen Beitrag zu einer solchen Zukunft, in der sich die Beziehung von Mensch und Natur nicht destruktiv, sondern konstruktiv und sinnvoll gestaltet.

Wednesday, May 27, 2020

Zhu Heting 朱鶴亭 - Atemübungen


Heute einmal etwas ganz anderes, etwas, das ich schon seit längerem posten wollte: Ein kurzes Video auf Chinesisch, in dem der 93jährige daoistische Arzt Zhu Heting 朱鶴亭 seine Übungsmethode zur Covid 19-Vorbeugung zeigt.

Das Video ist nur auf Chinesisch, darum gebe ich hier eine kurze Zusammenfassung:

Zu Beginn spricht Zhu Heting von der vom Neuen Coronavirus hervorgerufenen Lungenentzündung und wie wichtig es sei, sich zur Vorbeugung mit der Atmung zu beschäftigen. Die chinesische Medizin als ein System traditionellen Wissens, das über unzählige Generationen überliefert und weitergegeben wurde, verfolgt bei einer epidemischen Erkrankung wie der Neuen Coronavirus-Pandemie die Strategie, das Qi des Organismus zu stärken und damit dem Virus das Eindringen zu erschweren, indem die Funktion der Lungen verbessert und die Atmung gekräftigt wird.

In seinen Übungen, die er dreimal täglich ausführt, konzentriert sich Zhu Heting demgemäß auf die Lungen.

Die Akupunkturpunkte, die in seiner Übungspraxis wichtig sind, sind: Tanzhong 膻中 (Brustmitte) und Zhongfu (der erste Punkt des Lungenmeridians, seitlich oben an der Brust unterhalb des Schlüsselbeins) sowie das Dantian mit den drei Punkten Shenque 神阙 (Nabel), Guanyuan 关元 (drei Zoll unter dem Nabel), Zhongji 中极 (ein Zoll über dem Schambein). Im Video zeigt er auf die Punkte. Ein Zoll entspricht der eigenen Daumenbreite, drei Zoll der Breite der vier aneinandergelegten Finger (Zeige-, Mittel-, Ringfinger und kleiner Finger)

Konkret übt Zhu Heting folgendermassen: In der Früh stellt er sich hin, mit dem Gesicht nach Osten, und macht folgende Bewegungen:

Er hebt die Arme, führt sie zur Seite, während er einatmet, dann legt er die Hände auf die Brustmitte und massiert.

Als zweites werden die Hände nach vorne bewegt, zur Seite, nach oben, nach unten usw. (man sieht ja ohnehin, was er tut, darum brauche ich hier ja nicht alle Bewegungen zu schildern). Die Bewegung ist immer mit der Atmung koordiniert: Wenn er hu-shi sagt (man sieht die Zeichen 呼吸 eingeblendet), heißt es einatmen, wenn er tu-qi 吐气 sagt, ausatmen.

Als drittes kommt ein ähnlicher Ablauf, mit mehr Kraft ausgeführt, bei dem auf die Brustmitte und auf das Dantian geschlagen wird, dann kommen wieder Bewegungen in alle Richtungen. Wieder: Wenn er hu-shi 呼吸 oder hsi 吸 sagt, heißt es einatmen, wenn er tu-qi 吐气 sagt, ausatmen.

Und schließlich sind dann noch ein paar weitere ruhig ausgeführte Bewegungen.

Wie gesagt, ich wollte dies schon des längeren posten. Ich glaube, dass doch viele von uns interessiert sind, einem alten Arzt beim Üben zuzuschauen, und eigentlich ist der Videoclip gut genug gemacht, dass man die Übungen auch selbst ausprobieren könnte.



Tuesday, May 26, 2020

Qigong-Selbstmassage: Daling 大陵 und Shenmen 神门


Dies ist eine weitere der Massagen, die uns die daoistische Meisterin Jia Laoshi vor Jahren als Teil ihres Übungsprogramms gezeigt hat. Auch in chinesischen Spitälern wird diese Massage unterrichtet.

Daling 大陵 heißt "Großer Hügel", es ist der 7. Punkt des Kreislaufmeridians, in der Mitte der Handgelenksquerfalte gelegen. 

Seine Qi-Wirkungen sind: Vor allem wird Hitze gesenkt. Der Punkt wird beschrieben als das Herz-Qi kühlend, das Magen-Qi harmonisierend, Wind zerstreuend, Hitze ausleitend. Weil es sich um einen Punkt des Kreislaufmeridians handelt, hat er eine wichtige Schutzfunktion für Brust und Herz. Der Punkt ist ein wichtiger Punkt gegen Stress, deshalb ist es für jeden gut, ihn regelmäßig zu massieren.

Shenmen 神门 bedeutet "Tor des Shen", "Tor des Geistes". Der Punkt liegt in der Handgelenksfalte an der Kleinfingerseite, in einer Vertiefung neben dem Erbsenbein (os pisiforme).

Seine Qi-Wirkungen sind: das Herz-Qi stützend, Hitze kühlend, das Yang senkend, die Qi-Bahnen öffnend, beruhigend, und wieder, sehr wichtig: er hilft gegen Stress.

Die Massage ist einfach (siehe Videoclip): Die Handwurzeln gegeneinander schlagen. 36 x

Diese Massage wird auch zusammen mit der Massage der Baxie-Punkte unterrichtet, als Hilfe bei Herzproblemen, bei Beklemmungsgefühlen in der Brust, bei Taubheitsgefühlen und zur Unterstützung des Kreislaufs in den Händen, aber auch zur Stimmungsaufhellung und Beruhigung. Beide Punkte helfen gegen Stress.





Ich habe sogar einen kurzen Clip von damals gefunden, als Jia Laoshi uns in dieser Massage unterrichtet hat.



Zum Mitüben: Regulierung des Atems & Heilende Laute



Eine halbe Stunde Qigong:

Übungen zur Regulierung von Atem und Qi, gefolgt von den Heilenden Lauten.








Sunday, May 24, 2020

Stille Berge - Die fotografischen Tuschebilder von Lang Jingshan 郎静山



Heute ein Beitrag mit den wunderbaren Bildern des Fotografen Lang Jingshan (1892-1995, manchmal auch Long Chin-san geschrieben), der einen prägenden Einfluss auf die chinesische Kunstfotografie hatte.

Lang Jingshan war einer der ersten Fotojournalisten Chinas, begann sich nach Gründung der „China Photography Association“ mit Kunstfotografie zu beschäftigen, und war der erste, der in China ein Album mit Aktfotografien veröffentlichte.

Berühmt wurde er durch die von ihm entwickelte Technik der „Zusammengesetzten Fotografie“ (Jijin Sheying 集锦 摄影), durch die er ein Werk von Landschaften, Stillleben und Porträts im Stil traditioneller chinesischer Tuschemalerei schaffen konnte

Nach der Gründung der Volksrepublik ging Lang mit der nationalchinesischen Regierung nach Taiwan. Er war über Jahrzehnte Direktor der China Photography Association Taiwan und lehrte seinen Fotografie-Stil bis zu seinem Tod 1995.

Er war Mitglied der Royal Photographic Society und wurde 1980 von der Photographic Society of America als einer der zehn weltweit wichtigsten Fotografen bezeichnet.

Die „stillen Berge“ oben sind die Übersetzung seines Namen Jingshan 静山. Jing 静 bedeutet still,  Shan 山 bedeutet Berg.

Hier ist der Link zum Eintrag über ihn auf der Website "Photography of China": Lang Jingshan

Saturday, May 23, 2020

Ein Plädoyer für das Rasten


Ich möchte noch einmal auf das Thema Rasten zurückkommen, hat es doch direkt mit dem fundamentalen Inhalt all der Postings dieser Wochen zu tun, nämlich mit der Regulation des Qi. 

Auf der Regulation des Qi basiert das Gleichgewicht von Yin und Yang, welches wiederum die Basis der funktionierenden Gesundheit darstellt. Eines ist dabei wichtig zu verstehen, darum das Plädoyer für das Rasten: Das regulative Tun darf das Qi selbst nicht erschöpfen. 

Wenn man nicht genügend rastet, sich also nicht die Atempausen gönnt, immer im Tun ist, zu wenig isst und zu wenig schläft, dann kann man das Qi nicht einfach dadurch regulieren, dass man noch zusätzlich Übungen macht. Ich meine das nicht als apodiktische Regel, natürlich macht es oft sehr wohl Sinn, zu viel Sitzen (vor allem Arbeit im Sitzen) durch Bewegung auszugleichen, oder zu viel geistige Arbeit durch ein Tun, bei dem man auf den Körper oder körperliche Abläufe konzentriert ist. Doch ist es auch sehr wichtig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann Ruhe und Rast nötig und wichtiger sind als jedes Tun, wann Nichtstun angebracht ist oder schlichtweg Schlaf, mehr und ausreichender Schlaf.

Das Qi regeneriert sich in der Stille. Dies gilt nicht nur für Übungen, sondern auch und vor allem für den Schlaf. Die Yang-Funktionen des Körpers werden erschöpft, wenn man sich keinen Schlaf gönnt, da sich das Yang ja aus dem Yin regeneriert und nur aus dem Yin regenerieren kann. 

Immer nur im Tun und wach zu sein, das Bedürfnis nach Ruhe zu mißachten oder nach Beendigung des einen Tuns statt auszurasten einfach nur die Art der Aktivität zu ändern, das verletzt das Yin und entwurzelt das Yang. Das Yang kommt in einen Zustand des Exzesses, es wird schwerer und schwerer, seine Aktivität einzuhegen, während das Yin mehr und mehr verletzt und vermindert wird. Das lodernde Feuer des Yang verbrennt sozusagen das Yin. Man kann es auch so ausdrücken: Für den Organismus nutzlose Aktivität macht sich nicht nur selbständig, sondern untergräbt auch und schädigt die eigene gesunde Konstitution. Man verliert dadurch nicht nur die Fähigkeit, ruhig zu sein und Ruhe zuzulassen, sondern überschreitet andauernd die körperlichen und psychischen Grenzen. Beide, Körper und Psyche sind Aspekte des Qi, das dann, überfordert und erschöpft, nicht mehr geordnet funktionieren kann.

Bei einem solchen Zustand der Erschöpfung kann Qigong natürlich sehr hilfreich sein, doch vor allem Üben braucht es zuerst die Ruhe. Und zwar die Ruhe im Sinne des Rastens und Atemholens. Dies nicht zu beachten, heißt im Qigong: einen leeren Topf auf das Feuer stellen, mit einem leeren Topf kochen. Es kommt nicht nur nichts dabei heraus, möglicherweise geht sogar der Topf kaputt. 

Im Großen Lernen des Konfuzius heißt es: „Wenn man zur Ruhe kommt, so gibt es Festigkeit; hat man Festigkeit, gibt es Stille; hat man Stille, gibt es Frieden; hat man Frieden, kann man bedenken; kann man bedenken, so kann man erlangen.“ Diese Passage hat ursprünglich mit der Selbst-Kultivierung des Edlen zu tun, sie wurde aber auch immer wieder als Anleitung zur Lebenspflege gedeutet. 

Und in dieser Deutung bedeutet es: Zuerst ausruhen, bis man ausgerastet ist. Erst dann kann man die Fähigkeit zur Ruhe erwerben, zum Eintreten in den Ruhezustand des Qigong und zur Meditation. Die Ruhe kann dann weiter und weiter vertieft werden, bis sie ganz fest und stabil geworden ist. Dann ist auch der Zustand des Friedens möglich, ein Zustand solch tiefer innerer Stille und Klarheit, dass er durch äußere Einflüsse nicht mehr verlorengeht.

Diese tiefe Stille stellt die am tiefsten gehende Regulation des Qi dar. Der Begriff des Wuwei 无为, des Nicht-Tuns, das nichts ungetan lässt, meint diese Ebene. Für uns in unseren Lebensumständen und auch in unseren Gewohnheiten ist dies vielleicht nicht oder nur sehr schwer erreichbar. Doch muss man ja nicht mit dem Ideal des Nicht-Tuns beginnen, dieses stellt doch letztlich die Kulmination eines sehr langen Prozesses des Einswerdens mit den schöpferischen Mächten von Himmel und Erde und des Einklangs mit dem Dao dar. 

Man kann es ja auch anders angehen, auf eine Art, die jedem sehr wohl möglich ist:  Einfach zu lernen nichts zu tun. Nichts Zielgerichtetes zu tun. Zu spielen. Zu rasten. Zu schlafen. Sich lange Atempausen zu gönnen. Und dann, erst nachdem man gerastet und dem Qi seine Regeneration ermöglicht hat, dann kann man durch Qigong-Übungen allmählich tiefer gehen, tiefere Zustände der Entspannung und Ruhe und Stille entwickeln, und dem Organismus helfen, zu seiner eigenen schöpferischen Ordnung (die unter anderem auch die eigene Gesundheit ist) zu finden, die gleichzeitig Spiegel ist und Ausdruck eines Universum, das selbst dadurch charakterisiert ist, dass es beständig schöpferisch ist. Auf Chinesisch: shengsheng buxi 生生不息 - Leben erzeugend ohne Unterlass.

Friday, May 22, 2020

Selbstmassage - Massage der „Tigermäuler"


Hier eine weitere aus der Reihe der Baxie-Qigong-Massagen:

Die Massage der Hukou 虎口 Tigermäuler. Die Hände werden mit der Daumen- und Zeigefingerseite gegeneinander geschlagen. 36x oder öfter.

Damit werden einerseits wieder die zwischen Daumen und Zeigenfinger liegenden Baxie-Punkte stimuliert, und zusätzlich der gleich danebenliegende Hegu 合谷 - Punkt („Vereinte Täler“ - der vierte Punkt des Dickdarm-Meridians). 

Der Hegu-Punkt ist  sowohl in der Akupunktur als auch im Qigong einer der wichtigsten Akupunkturpunkte. Prof. Cong unterrichtete in seinen Seminaren sehr oft die Massage des Hegu, einfach durch kreisförmige Massage des Punktes mit dem Daumen, 24x in die eine Richtung, 24x in die andere, und zitierte dabei gern den aus der Ming-Dynastie stammenden „Gesang der Vier Haupt-Akupunkturpunkte,“ in dem es heißt: 

Yan mian hegu shou 颜面合谷收 - (Krankheiten im) Gesicht behandelt man durch Hegu. 

Krankheiten im Gesicht bedeutet Probleme der Augen, der Nase, des Munds, Zahnweh, Kopfweh und einiges mehr. 

Die Qi-Funktionen des Hegu-Punkt sind vielfältig: er zerstreut Wind, öffnet die Oberfläche, öffnet die Qi-Bahnen, stärkt und verteilt das Lungen-Qi und stabilisiert das Abwehr-Qi.

Ich will hier wieder nicht zu sehr auf Details eingehen. Wichtig ist weniger die Theorie, als das generelle Verständnis, dass es nie schaden kann, diesen Punkt regelmäßig zu stimulieren.

Durch das Gegeneinanderschlagen der „Tigermäuler“, oder auch durch kreisförmiges Massieren mit dem Daumen, wie oben erwähnt.





Zur Lokalisierung des Hegu: Am einfachsten ist, Daumen und Zeigefinger aneinanderzulegen. Am höchsten Punkt des dadurch entstehenden Muskelbauchs ist der Punkt. Die anatomische Beschreibung wäre: in der Mitte des zweiten Mittelhandknochens (radiale Seite) in einer Vertiefung. Oder man schaut auf das Foto unten. Bei dieser Art der Massage muss man nicht so genau sein, die Daumenoberfläche ist ja groß. Wenn man sich nach dem Foto richtet, erwischt man den Punkt ziemlich sicher.



Thursday, May 21, 2020

Heilende Laute - ein längeres Video zum Mitüben


Hier ist nun ein längeres Video, zum Mitüben gedacht, mit allen sechs Übungen der Heilenden Laute. 

Traditionellerweise praktiziert man diese so, dass jeder Laut 6x wiederholt wird. So habe ich es über den Daumen gepeilt im Video gemacht. Allerdings habe ich nicht mitgezählt, vielleicht sind es manchmal auch 5x oder 7x, in dem Fall bitte ich um Nachsicht. :) Gemeint sind jedenfalls 6 Wiederholungen pro Laut.






Qigong-Selbstmassage: Die Handrücken und der Yangchi 阳池 - Punkt

Wieder eine Massage aus der Reihe der Baxie-Qigong-Massagen: Mit den Handrücken 36x gegeneinander klopfen, so wie im kurzen Video unte...