Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie
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Monday, May 31, 2021

Die Fische gedeihen im Wasser, die Menschen gedeihen im Weg...

Liu Zongyuan 柳宗元 (773–819) 

Der alte Fischer 漁翁

漁翁夜傍西岩宿
曉汲清湘燃楚竹
煙銷日出不見人
欸乃一聲山水緑
回看天際下中流
岩上無心雲相逐

Unter dem westlichen Felsen verbringt der alte Fischer die Nacht. 
Am Morgen schöpft er das klare Wasser des Xiang,
Entfacht aus Bambushölzern ein Feuer.
Die Nebel lichten sich, die Sonne bricht durch, 
Kein Mensch mehr zu sehen.
Plötzlich ein Platschen von Rudern 
im Grün der Gewässer und Berge.
Von der Mitte des Stromes blickt er zum Rande des Himmels,
Über den Felsen jagen einander die Wolken, 
Absichtlos.


Wasser stellt ein immer wiederkehrendes Bild der alten daoistischen Philosophie dar. Der daoistische Philosoph Zhuangzi 庄子 lässt im fünften Kapitel seines Buches Konfuzius sprechen:

Die Fische gedeihen im Wasser, die Menschen gedeihen im Weg. Die im Wasser 
gedeihen, tauchen durch die Teiche und finden Nahrung zur Genüge. Die im Weg gedeihen, deren Leben wird durch Nicht-Handeln sicher. Darum heißt es: Die Fische vergessen einander in den Strömen und Seen; die Menschen vergessen einander in den Künsten des Weges.

Und in Kapitel 15 heißt es:

Sich in die Dickichte und Teiche zurückziehen, müßig in der Wildnis leben, an einsamen Plätzen nach Fischen angeln, das Nicht-Tun als einzige Sorge - das ist das Leben, das die Gelehrten der Flüsse und Meere lieben. Gemächliche Müßiggänger sind sie, die sich von der Welt zurückziehen,.

Im Laozi 老子 finden sich viele Stellen, an denen das Dao im Bild des Wassers veranschaulicht wird. 

So im achten Kapitel: Höchste Güte ist wie das Wasser, es nützt allen Dingen und liegt nicht im Streit mit ihnen. Es wohnt an den tiefen Orten, die alle verachten. Darum ist es nahe dem Dao.

Und in Kapitel 43: Das Schwächste auf der Welt überwindet das Stärkste auf der Welt. Was nicht ist, dringt ein in das, was keinen Zwischenraum hat. Daher weiß ich um den Vorteil des Nicht-Tuns. Die Lehre ohne Worte, den Vorteil des Nicht-Tuns, nur wenige unter dem Himmel können dies erreichen.

Auch für die Künste des „Nährens des Lebens“ - also für das, was man heute als Qigong bezeichnet - gelten die vom Wasser abgeleiteten Eigenschaften des Fließens, der Weichheit und Anpassungsfähigkeit, der Unterordnung, der Gestaltlosigkeit, der Leere, des Nicht-Tuns und Nicht-Streitens und der unbehinderten Kommunikation.

Im Heshanggong 河上公, einem der ältesten Kommentare zum Laozi, heißt es zu Kapitel 43:  

... Was nicht ist, bezieht sich auf das Dao. Das Dao besitzt weder Form noch Substanz. Darum kann es kommen und gehen, selbst dort, wo es keinen Raum gibt. Es kann sich den Geistern verbinden und allen Wesen helfen. Ich sehe, dass es nicht-tut, und doch wandeln und vollenden sich die zehntausend Wesen. So erkenne ich den Vorteil des Nicht-Tuns für die Menschen. 

... In Nachahmung des Dao spreche ich nicht, ihm als Lehrer folge ich mit dem Körper. Das Dao nachahmend, handle ich nicht, ich reguliere meinen Körper, und Essenz und Geist werden gefördert. 

... All dies geschieht ohne Anstrengung oder Mühe. Aber nur wenige können es dem Dao gleichtun, indem sie durch Nicht-Tun den Körper und das Reich regulieren. ...

Hier wird auf die Art und Weise Bezug genommen, durch die das Leben genährt, reguliert und wandlungsfähig erhalten werden kann. Dies geschieht nicht durch aktives Handeln, sondern durch Nicht-Tun (wuwei 無為). Das Leben zu nähren, heißt nicht, am Qi zu arbeiten und es durch Absicht und Anstrengung zu vervollkommnen, sondern bedeutet zu lassen, zu lösen und zu öffnen, um den Menschen an die Natur - in den chinesischen Texten meist Himmel (tian 天) genannt - rückzubinden und als deren schöpferische Aktualisierung (als vom Yang belebte Gestalt) von Grund auf zu regenerieren.

Hierzu eine Passage aus dem 15. Kapitel des Zhuangzi: 

Wenn der Körper sich müht, ohne zu rasten, wird er verschleißen; wenn die Essenz ohne Unterlass verbraucht wird, ermüdet sie, und Müdigkeit führt zur Erschöpfung. Es ist die Natur des Wassers, dass es klar ist, wenn nicht mit anderen Dingen vermischt, und eben, wenn nicht aufgewühlt. 

Wird es jedoch durch Dämme gehemmt und kann nicht fliessen, dann wird es seine Klarheit verlieren. In seiner Klarheit ist es ein Symbol der Tugend (De 德) des Himmels. Darum heißt es: Rein zu sein, echt und unvermischt, still, eins und unwandelbar, ohne Geschmack und ohne Tun, sich im Handeln nach den Wirkungen des Himmels zu richten: das ist der Weg, den Geist zu pflegen.

Alles, was lebt, wird starr und stagniert, wenn es die Fähigkeit zu Öffnung und Kommunikation verliert und sich dadurch von den Prozessen der Natur isoliert. Yangsheng 養生, das Nähren des Lebens oder die Unterstützung und Entfaltung des Lebenspotentials, bedeutet: sich durchgängig zu machen, zu öffnen, um kommunizieren zu können und die Fähigkeit zu Transformation und Bewegung zu erhalten. Transformation und Bewegung, diese beiden sind grundlegende Eigenschaften des Qi und damit des Lebens. 

Yangsheng 養生, das Nähren des Lebens und eng damit verwandt Yangshen 養神, das Nähren des Geistes, sind Verfahren, diese Öffnung, Kommunikation und auch Verfeinerung zu erreichen und das Leben so transparent werden zu lassen, dass es sich immer wieder aus dem schöpferischen Urgrund - dem Dao als Quelle der Lebenskraft, dem ursprünglichen Qi (yuanqi 元氣) - zu erneuern vermag.

Die Aktivität des Dao als natürliche Entfaltung, Differenzierung und Transformation des Qi findet zu jedem Augenblick statt. Was das eigene Leben betrifft, so ist der Ort dieser Aktivität der eigene Körper. Das Leben als sich entfaltendes Qi kann jedoch nicht ergriffen und kontrolliert werden, als Potential wurzelt es in der - dem Wasser gleich - form- und gestaltlosen Dimension des Dao. Diese ist dem Bewusstsein und der Kontrolle nicht zugänglich. Darum geht es auch im Qigong in erster Linie darum, ruhig zu werden und still, dabei in der konkreten Erfahrung zu bleiben und nichts hinzuzufügen. Und wenn man solcherart davon Abstand hält, der Welt seinen Willen aufzuzwingen und seine Wünsche und Erwartungen auf das Leben zu projizieren, dann können die natürlichen Aktivitätsmuster des Dao „durchklingen“ und zur Wirkung kommen, dann gibt es nichts, das nicht fördernd wäre", wie es im Yijing, dem Buch der Wandlungen, lautet.

Das bedeutet nun aber nicht, nichts zu tun. Es mag paradox klingen, aber Nicht-tun geschieht nicht durch „nichts tun“. Nicht-tun kann sehr wohl etwas Aktives sein, das Subjekt des Tuns ist jedoch nicht das planende und kontrollierende Ich. Nicht-tun ereignet sich dann, wenn das eigene Tun zum Wirken des Dao wird, und dies ist nur möglich durch einen langen Prozess des Lernens, von der einen Seite, oder des Verlernens, von der anderen Seite betrachtet. Es verlangt sehr wohl ein Üben, Differenzieren und Verfeinern, es verlangt kontinuierliches Tun. Es gibt kein einfaches „drop out and tune in“, kein passives „simply go with the flow “.

Laozi formuliert dies folgendermaßen:

Zu lernen bedeutet, täglich hinzuzufügen. Das Dao zu praktizieren, heißt täglich zu vermindern. Vermindern und weiter vermindern, bis man beim Nicht-Tun anlangt. Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.

Die Stille, das Lassen und das Nicht-Steuern - grundlegende 
Prinzipien des Daoismus - liegen den Übungen des Qigong als Übungen des Nicht-Tuns zugrunde. Durch sie erlernt man allmählich Verhaltensweisen, die es einem erlauben, zumindest ein wenig Teil des großen Prozesses zu sein, der im Begriff Dao zwar einen Namen trägt, doch letztlich unbegreiflich bleiben muss. Der aber verkörpert werden kann.

Und durch diese Verkörperung werden sich auch praktische Resultate dieses Tuns/Nicht-Tuns einstellen. Diese betreffen sicher die Gesundheit, sie können aber natürlich auch darüber hinausgehen. So können größere Offenheit, Spontaneität, mehr Lebendigkeit oder auch Inspiriertheit Folgen dieser Verkörperung sein. Oder vielleicht auch ein anderer Bezug zur Natur, wie z.B. von Liu Zongyuan im Gedicht oben vermittelt.

Monday, May 10, 2021

Die Harmonie der sechs Richtungen - ein Übungsvideo

Ein weiteres Video aus dem Augarten, mit einer Übungssequenz von Prof. Cong, in der das Qi in alle Richtungen - hinauf und hinunter, nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten - bewegt und dadurch geordnet und reguliert wird.

Die sechs Raumrichtungen werden auf Chinesisch liuhe 六合 genannt, sie bedeuten den durch Himmel, Erde und die vier Himmelsrichtungen umfassten Raum (oder überhaupt das ganze Universum) und dessen innere Verbindungen, Beziehungen, Einflüsse und Wirkungen.

Das chinesische Wort für Universum verweist ebenfalls auf den durch sechs Richtungen bestimmten Raum, verwoben mit den Aspekten von Wandel und Zeit. Universum heißt auf Chinesisch yuzhou 宇宙. Im Shizi 尸子 (4. Jh. v. Chr.) wird yuzhou folgendermaßen definiert: yu 宇 bedeutet oben, unten und die vier Himmelsrichtungen, zhou 宙 bedeutet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Universum ist im chinesischen Verständnis eine in beständiger Entfaltung begriffene raum-zeitliche Manifestation des einen schöpferischen ursprünglichen Qi, es existiert in ihm nichts, das nicht lebendig wäre. Nicht nur ist alles lebendig, es steht auch alles in Beziehung. Ganying 感应 “Wirken und Antwort”, lautet der chinesische Ausdruck dafür (das sind die oben erwähnten Verbindungen, Beziehungen, Einflüsse und Wirkungen).

Qigong zu üben heißt sich in diesem lebendigen, schöpferischen Universum zu erleben, wobei einem die Orientierung an den Richtungen des Raums ermöglicht, sich in der Mitte zu verorten. In der lebendigen Mitte vermag man den schöpferischen Grund der Wirklichkeit zu erahnen (und vielleicht auch zu berühren), dessen Teil und Manifestation man als Mensch ist. Der schöpferische Urgrund, von so manchen chinesischen Künstlern beeindruckend und direkt dargestellt und vermittelt, stellt auch den Grund der eigenen Lebendigkeit dar.

Der konfuzianische Philosoph Zhang Zai 张载 (1020-1077) drückt dies in seiner berühmten West-Inschrift" so aus: „Qian 乾 - das Schöpferische, der Himmel - ist mein Vater, Kun 坤 - das Empfangende, die Erde - ist meine Mutter. Ich, dieses winzige Wesen, trage sie vermischt in mir und finde mich in ihrer Mitte. Das, was alles zwischen Himmel und Erde ausfüllt, ist mein Körper, das, was Himmel und Erde lenkt, meine innere Natur. Alle Menschen entstammen demselben Schoß wie ich, alle Wesen sind meine Gefährten…“

Der Philosoph Cheng Hao 程颢 (1032-1085), der in seiner Lehre diesen Gedanken der Einheit aller Wesen und Dinge folgte, meinte: „Der Schüler muss zuerst verstehen, was mit Menschlichkeit (ren 仁) gemeint ist. Derjenige, der menschlich ist, ist ohne Unterscheidung eins mit allen Wesen. … Im Dao gibt es nichts, das im Widerspruch dazu stehen würde, selbst das Wort „groß“ genügt nicht, dies zum Ausdruck zu bringen. Das Wirken von Himmel und Erde ist unser Wirken. Meister Meng (Mengzi 孟子) sagt, dass alle Dinge vollständig in uns sind. Darüber müssen wir nachsinnen, und wir müssen realisieren, dass dem wirklich so ist, wodurch sich eine Quelle immenser Freude auftut. Sinnen wir darüber nach und realisieren es nicht, dann gibt es zwei Dinge (Selbst und Nicht-Selbst), die im Gegensatz zueinander stehen. Selbst im Versuch der Vereinigung von Selbst und Nicht-Selbst bilden wir noch keine Einheit, wie könnte sich dann Freude einstellen? Die West-Inschrift hingegen ist der perfekte Ausdruck der Einheit. Wenn wir uns mittels dieser Idee kultivieren, dann gibt es weiter nichts zu tun. Wir müssen zwar etwas tun, und niemals innehalten und vergessen, aber dürfen auch nicht dem Wachstum helfen. Tun ohne die geringste Bemühung, das ist der Weg geistiger Kultivierung.“

Dies sind ursprünglich natürlich keine Texte zum Qigong, und doch gilt all dies auch für das Tun im Qigong: Es gibt eine innere Einheit der Dinge, die der eigenen Existenz zugrunde liegt. Diese gilt es zu entdecken, sich dieser zu erinnern und aus dieser zu handeln, doch immer vollkommen natürlich, ohne künstliches Streben und ohne Bemühung.

Die innere Instanz, auf die sich diese Texte beziehen, wird auf Chinesisch yuanshen 元神 genannt, „Ursprünglicher Geist“. In der nüchternen zeitgenössischen chinesischen Qigong-Sicht der Dinge wird der Ursprüngliche Geist als die Fähigkeit des Organismus zu Selbstorganisation und tief gehender Regulation verstanden, sozusagen die tiefste und innerste Instanz, durch die der Organismus immer wieder in sein Gleichgewicht und zu seiner Gesundheit findet. Dies ist sicher ein wichtiger Aspekt, besagt er doch, dass auch dann, wenn man Qigong zu rein gesundheitlichen Zwecken übt, es das Wesentlichste und Wichtigste ist, zu lassen, zu entspannen, zu reduzieren und diese (körperlich-geistige) innere Instanz nicht zu behindern, aus deren Wirken sich die Gesundheit immer wieder zu regenerieren vermag.

Man könnte dies auch die innere Instanz der Selbstheilung nennen, eine Funktion, die erst in Stille und vollkommener Natürlichkeit vollständig zu wirken beginnen kann. „Störe nicht mit deinem Normalbewusstsein den Ursprünglichen Geist!“, so drückte dies Prof Cong aus. Das innere Führen, Lenken und Leiten des Qi, die mit dem Qigong-Üben verbundenen Absichten, die Vorstellungen, die das Üben überfrachten und so vieles mehr, all dies kommt aus oberflächlichen Schichten des Bewusstseins, sozusagen aus einem falschen Zentrum, und hat nichts mit der inneren Mitte und dem Wirken des Ursprünglichen Geistes zu tun. Darum ist man im Qigong immer gut beraten, um es mit Laozi 老子 zu sagen, „täglich zu vermindern. Vermindern und weiter zu vermindern, bis man beim Nicht-Tun anlangt. Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.“

Doch das Wirken des yuanshen 元神, des „Ursprünglichen Geistes“ geht über die körperliche Gesundheit, hinaus. So geht es in den obigen kurzen Textausschnitten nicht um die Regulation des Qi und die Gesundheit, sondern um das Verhältnis des Menschen zur Welt und um das Verständnis des Sinns und des eigenen Wesens. 

Dieses kann sich manchmal in einem die ganze Persönlichkeit umkrempelnden Erlebnis manifestieren. Lu Jiuyuan (1139-1193), einer der Begründer der neokonfuzianischen „Schule des Geistes“, las eines Tages in einem alten Buch (wohl dem oben erwähnten Shizi 尸子) und stieß auf die oben zitierte Passage mit der Erklärung des Begriffs Universum, yuzhou 宇宙: „Die vier Richtungen des Raums zusammen mit dem, was oben ist und unten, heißen yu 宇, was Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, heißt zhou 宙.“ Indem er dies las, erlebte Lu eine augenblickliche Erleuchtung und rief: „Das ist die Unendlichkeit. Mensch, Himmel und Erde und alle Wesen finden sich in dieser Unendlichkeit. Alle Angelegenheiten des Universums fallen in den Bereich meiner Pflicht, meine Pflicht schließt alle Angelegenheiten des Universums ein.“ Und bei einem anderen Anlass bemerkte er: „Das Universum ist mein Geist, mein Geist ist das Universum.“

Dies sind nur ein paar Gedanken zu einer simplen Qigong-Übung, um deren Rahmen einmal etwas weiter zu fassen. Die Übungen des heutigen Videos werden damit nicht komplizierter.


Monday, April 26, 2021

In Memoriam Kristofer Schipper

Der heutige Beitrag ist für diejenigen, die sich für den Daoismus interessieren. Ansonsten kann man ihn gerne auslassen.

Vor zwei Monaten ist der Sinologe Kristofer Schipper gestorben, einer der herausragendsten und berufensten Kenner des Daoismus, dessen Werk kann gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Es gibt wenige Menschen, die ich so sehr  bewundere, darum möchte ich heute einen Blogeintrag über ihn verfassen. 

Kristofer Schipper hatte in Paris bei den französischen Sinologen Rolf Stein und Max Kaltenmark studiert, letzterer einer aus einer Reihe französischer Gelehrter - Édouard Chavannes, Marcel Granet, Henri Maspero - die sich der Erforschung des Daoismus gewidmet hatten. Anfang der 60er-Jahre ging Professor Schipper nach Taiwan, um an der Academia Sinica zu studieren. Der Daoismus wird seit Jahrhunderten von den chinesischen Intellektuellen verachtet, so nimmt es nicht wunder, dass ihm an der Academia Sinica mitgeteilt wurde, dass der Daoismus nicht mehr existiere und der letzte Daoist gerade gestorben sei. Doch hatte Kristofer Schipper das Glück, in Tainan, im Süden Taiwans, der lebendigen Tradition zu begegnen und vor Augen geführt zu bekommen, dass die Überlieferungslinie tatsächlich ungebrochen war. Diese Begegnung änderte alles, was den Daoismus, seine Rezeption und sein Verständnis im Westen betraf. Damals, trotz über 100 Jahren Forschung, wusste man kaum etwas über den Daoismus - das gilt in vieler Hinsicht auch noch für unsere heutige Zeit. Um den Daoismus studieren zu können, traf Kristofer Schipper damals die Entscheidung, das Gewand des ausschließlich universitären Forschers abzustreifen und begann eine jahrelange Ausbildung beim daoistischen Meister Chen Rongsheng 陳榮盛, bis er schließlich zum Priester der Schule des Weges der orthodoxen Einheit (Zhengyidao 正一道) geweiht wurde.

Nach Europe zurückgekehrt, lehrte er in Paris an der École Française d'Extrême-Orient und der École Pratique des Hautes Études sowie an der Universität Leiden, war Leiter des Instituts des Hautes Études Chinoises am Collège de France, und unterrichtete auch an der Fuzhou University und am Zhangzhou College. Nach seiner Pensionierung zog er zusammen mit seiner Frau Yuan Bingling nach Fuzhou in China, wo er an der dortigen Universität die Library of the Western Belvedere (Xiguan cangshulou 西观藏书楼) gründete.

Seine Bücher „Le Corps Taoïste" und „La Religion de la Chine: La Tradition Vivante" sind bahnbrechende Werke, die leider nie auf Deutsch übersetzt wurden. Niemand vor ihm hatte es vermocht, den Daoismus und die chinesische Religion in dieser Klarheit, Tiefe und auch Empathie zu schildern. Sein ambitioniertestes Projekt, das Jahrzehnte in Anspruch nahm, war die Herausgabe eines historischen Begleiters (Historical Companion) zum Daoistischen Kanon, einer bis ins 5. Jh. zurückgehenden Sammlung von 1500 daoistischen Werken. In seiner heutigen Version wurde der Daoistische Kanon auf kaiserliche Anordnung in der Ming-Dynastie im 15. Jh. kompiliert. Der Umfang dieses Schrifttums ist ungeheuer. Den von Kristofer Schipper zusammen mit Franciscus Verellen verfassten Historical Companion habe ich zuhause, allein dieser umfasst über 1600 Seiten.

Es gibt auf Youtube einige sehenswerte Videos, in denen Kristofer Schipper über China, den Daoismus und auch seinen persönlichen Werdegang spricht. Die Videos sind auf Englisch, leider ohne deutsche Untertitel. Hier sind die Links: 










Hier ist ein Link zu einer Reihe von Nachrufen auf der Webseite der Society for the Study of Chinese Religions, verfasst von Schülern von Kristofer Schipper, selbst alle hervorragende Gelehrte des Daoismus:



Hier der Nachruf auf Kristofer Schipper in der New York Times: 



In China wurden an vielen Orten daoistische Begräbnis- und Übergangsritale abgehalten, das Fastenritual des Gelben Registers im Heling-Tempel auf dem Huotong-Berg in Fujian, weitere Rituale auf dem Longhu-Berg, Sitz der Himmelsmeister, im Xuanmiao-Tempel in Suzhou, im Tempel des Stadtgottes in Shanghai und im Dongyue-Tempel in Peking.

Dazu hier der Link zu diesen Ritualen auf einer daoistischen Webseite: Daoism.orgDie Seite befindet sich in China und ist natürlich in chinesischer Sprache, aber jedes Foto ist ein weiterer Link, der angeklickt werden kann, sodass man neben den Berichten auf Chinesisch einige Fotos von den vielen Ritualen sehen kann, die für Kristofer Schipper abgehalten wurden.

Der Sinologe John Lagerwey hat eine Aussage über den Daoismus getroffen, die auch von Kristofer Schipper stammen könnte (und vielleicht wirklich von ihm stammt, da sie ganz seinem Denken entspricht): „Der Daoismus ist die wirkliche Religion des chinesischen Volkes und lehrt uns, was es heißt, Mensch zu sein, oder besser, Mensch zu werden." 

Dazu meint Norman Girardot, Professor für Religion an der Lehigh University: „Eine der unausgesprochenen Lehren des Laozi, des Edlen Lao, und des ganzen Korpus daoistischer Offenbarung und Rituals, betrifft im Grunde und ganz einfach den Weg, wie man die ganz normale und gewöhnliche Menschlichkeit inmitten des alltäglichen Lebens wiedererlangen kann. Es ist diese wortlose Lehre, von der Kristofer Schipper so überzeugend spricht."

Kristofer Schipper selbst zitiert in seinem „Le Corps Taoïste" Zhuangzi, der sich fortwährend auf die Dimension des Alltagslebens bezieht und die Ergebnisse der vielen Wege des Daoismus so zusammenfasst: „Wer kann sich mit anderen zusammentun, ohne sich mit anderen zusammenzutun? Wer kann etwas mit anderen tun, ohne etwas mit anderen zu tun?“ Um der Welt in ihrem täglichen Verlauf folgen zu können, teilt uns Zhuangzi mit: „Um ein vollkommener Mensch zu werden, muss man sich mit anderen zusammentun, um von der Erde genährt zu werden, und man muss sich unter andere mischen, um sich am Himmel zu erfreuen.“

Und am Ende des Buches schreibt Kristofer Schipper:

„Große Perfektion ist wie Mangel“, sagt das Daodejing. Die Meisterung der Zeit, die demjenigen gehört, der sein Schicksals zu formen versteht, erlaubt ihm, im Inneren den Fluss und den Antrieb der Ewigkeit zu finden. Der Durchgang durch den Bruch im System, so einfach und natürlich, folgt keiner Formel, keiner Doktrin, keinem Rezept, und verlangt nicht mehr, als mit den Zeiten mitzuleben, ganz, verschlossen, versiegelt, vollständig wie ein Klumpen Erde, sich anderen zugesellend, um unsere irdische Nahrung und himmlischen Freuden zu suchen.

Bei den Festen, die abgehalten werden, um diese Freude zu feiern, versammeln sich die Kinder beim örtlichen Tempel, um die alten Balladen zu singen. Sie singen die Lieder der vier Jahreszeiten, vom Säen und Ernten, und von den Stunden des Tages und der Nacht. Das Repertoire beinhaltet immer auch ein Stück über die zehn Monde der Schwangerschaft. Es besingt die Verwandlungen des Embryo und die Nahrung, die die schwangere Mutter zu sich nimmt. Inmitten dieses Festes, das das Vergehen der Zeit bedeutet, erinnert dieses Lied an die andere Zeit, die vollständige, regressive Zeit der Mutter und ihres Kindes, in welcher das Leben der Welt transformiert und erneuert wird.

Dies ist es, was Zhuangzi inspiriert haben muss, den Daoismus als Religion ohne Doktrin zu beschreiben, ohne Dogma oder Institutionen, deren Überlieferung nicht der Weltgeschichte eingeschrieben ist. Für ihn gehört die Geschichte des Daoismus zur anderen Zeit und – nicht überraschend - richtet sie sich nach den Phasen der Verwandlungen der Eins, nach den neun Transformationen des Embryo in der Gebärmutter, den aufeinander folgenden Stadien des Zyklus, der vom Unsichtbaren zum Sichtbaren geht, welchen er natürlich in umgekehrter Folge beschreibt.

Es ist Nü Yu 女偊, die Bucklige, die im Buch Zhuangzi diese Geschichte der Verwandlung schildert. Gefragt, wann sie vom Dao erfahren habe, erwidert sie:

„Ich hörte es von Nachkommen der Kalligraphie,
der es vom Kind von Wiederholte-Rezitation gehört hatte,
der wiederum erfuhr es Vision-von-Licht.
Vision-von-Licht hatte es von Geflüsterte-Anleitung,
der hatte es wiederum von Harte-Lehre.
Harte-Lehre hatte es von Beliebtes-Lied,
Beliebtes-Lied von Dunkelheit,
Dunkelheit von Dreifache-Leere,
der es gehört hatte von
Vielleicht-ein-Anfang?“

(Zitate alle aus Kristofer Schipper „Le Corps Taoïste". Die Übersetzungen stammen von mir.)

Monday, March 8, 2021

Regulation und die Große Harmonie

Die Zeit vergeht, schon die zehnte Woche dieses Jahres. Immer noch Pandemie. 

Und der Blog wächst und wächst... Eine Fülle an Inhalten theoretischer und praktischer Art, die manchen auch als Überfülle erscheinen mag. Ich hoffe, niemand lässt sich davon verwirren, ist die Überfülle doch nur eine scheinbare. Tatsächlich wird all die Vielfalt von einigen wenigen Grundgedanken und Grundprinzipien durchzogen. Alle Inhalte sind miteinander verbunden. Und alle sind auch als notwendige Hilfe für diese schwierigen Zeiten gedacht.

Einen dieser Grundgedanken - die Regulation - erwähne ich ja immer wieder, bin aber noch nie wirklich darauf eingegangen. Heute möchte ich das nachholen, zumindest ein bisschen.

Regulation mag sehr technisch und nüchtern klingen, doch darf man sich davon nicht abschrecken lassen, handelt es sich doch um einen der wichtigsten Begriffe, Qigong und chinesische Medizin betreffend. Auch aus der chinesischen Philosophie ist die Regulation nicht wegzudenken. 

In Qigong und chinesischer Medizin sind mit Regulation einerseits das harmonische Funktionieren des Qi gemeint - Ausdruck nicht nur der Gesundheit, sondern der ganzen Lebendigkeit des Menschen - und andererseits die Verfahren, dieses harmonische Funktionieren herbeizuführen (tiaohe 調和 - harmonisch regulieren).

Doch um den Begriff wirklich zu verstehen, muss man weiter ausholen. Regulation liegt nicht nur der Theorie und Praxis von chinesischer Medizin und Qigong zugrunde, sie ist ganz allgemein ein Grundcharakteristikum des Universums. 

Das Universum ist in seinem Innersten harmonisch. „Die Große Harmonie wird der Weg genannt“, heißt es. Trotz aller Spannungen und allen Widerstreits an der Oberfläche sind die das Universum ausmachenden Prozesse in der Tiefe harmonisch reguliert. Diese Regulation ist lebensspendend und lebensfördernd, sie ist kontinuierlich, also nicht ausschließend, und sie wirkt auf allen Ebenen des Seins, im Kleinen (in der menschlichen Existenz, im menschlichen Leben) wie im Großen, in Dimensionen, die den Menschen weit übersteigen und ihn trotzdem umfassen.

Um diesen Gedanken eine gewichtige chinesische Stimme zu leihen, übersetze ich hier einen längeren  Ausschnitt aus einer Schrift des Philosophen Zhang Zai 张载 (1020-1077) mit dem Titel Zheng Meng 正蒙 - „Korrektur jugendlicher Torheit“:

"Die Große Harmonie wird Dao 道, der Weg, genannt. Sie umfasst die Natur, die allen gegenläufigen Prozessen des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe zugrunde liegt. Sie ist der Ursprung der Prozesse des Verschmelzens und Vermischens, des Überwindens und Überwundenwerdens, der Ausdehnung und des Zusammenziehens. Zu Beginn sind all diese Prozesse fein, subtil, obskur, leicht und einfach, am Ende sind sie ausgedehnt, groß, stark und fest. Es ist Qian 乾 (das Schöpferische, der Himmel), das mit dem Wissen um den Wandel beginnt, und Kun 坤 (das Empfangende, die Erde), das sich nach der Einfachheit richtet. 

Was zerstreut ist, differenziert und fähig, Form anzunehmen, wird zu Qi 氣, was rein ist, durchdringend und keine Form annehmen kann, wird zu Geist. Befände sich das Universum nicht in einem Prozess des Verschmelzens und Vermischens, gleich sich in alle Richtungen bewegenden fliehenden Kräften, könnte es nicht die Große Harmonie genannt werden. Wenn die, die über den Weg (das Dao) sprechen, dies verstehen, dann verstehen sie wirklich den Weg, und wenn die, die die Wandlungen (das Buch der Wandlungen - Yijing 易经) studieren, um dies wissen, dann wissen sie wirklich um den Wandel. Sonst wäre ihre Weisheit keines Ruhmes wert, selbst wenn sie die bewunderungswürdigen Talente des Herzogs von Zhou besäßen...

Wenn es sich auflöst, kehrt Qi als Wesen einfach zu seiner ursprünglichen Substanz zurück, und wird formlos. Wenn es sich einbindet, einordnet und Form annimmt, verliert es nicht das beständige Prinzip (des Wandels).

Die Große Leere enthält notwendigerweise Qi. Qi ordnet und integriert sich notwendigerweise und wird zu den Myriaden Wesen und Dingen. Die Wesen und Dinge lösen sich notwendigerweise auf und kehren zurück zur Großen Leere. Erscheinen und Vergehen folgen diesem Zyklus aus Notwendigkeit. Wenn der Weise in der Mitte dieses universellen Geschehens den Weg in seiner Fülle verwirklicht und sich mit den Prozessen des Entstehens und Vergehens ohne Voreingenommenheit identifiziert, dann bewahrt er seinen Geist in höchstem Maße. ...

Versteht man, dass die Leere nichts als Qi ist, dann sind Sein und Nichtsein, das Verborgene und das Manifeste, Geist und ewiger Wandel, menschliche Natur und Schicksal alle eins und nicht zwei. Wer Integration und Auflösung, Erscheinen und Verschwinden, Form und Abwesenheit von Form begreift und sie zu ihrer Quelle zurückzuführen vermag, durchdringt das Geheimnis des Wandels. …“

Dies ist der große Zusammenhang, innerhalb dessen sich das traditionelle chinesische Denken bewegt, ein Zusammenhang, bei dem es immer um die Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums geht.

Der Sinologe Jan Maria de Groot (1854-1921) hatte den Begriff Universismus geprägt, um ebendiese Beziehungen - zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums - zu charakterisieren, wie sie in den drei großen geistigen Lehrsystemen Chinas - Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus - zum Ausdruck kommen. 

Kurz gesagt bedeutet chinesischer Universismus, dass das Universum nicht von einem Schöpfer geschaffen wurde, sondern von selbst entstanden ist; dass das Universum ein schöpferisches Ganzes und geordnet ist; und dass seine Ordnung alle Ebenen durchzieht. Die Ordnung des Universums ist auf allen Ebenen des Seins präsent, die Ordnung des Makrokosmos findet also ihre Entsprechung in der menschlichen Gemeinschaft wie auch im Mikrokosmos des einzelnen Menschen und seines Körpers. 

Darum habe ich oben gemeint, man darf die Regulation nicht nur auf den Kontext des Menschen und sein Qi beschränken. Man muss in allen Dimensionen denken, im Großen wie im Kleinen, ist doch das Universum selbst ein im tiefsten Grund harmonisch reguliertes (tiaohe 調和) großes Ganzes, aus sich selbst entstanden, selbstordnend, selbstorganisierend, ein harmonisches Ganzes, dessen Ordnung auch dem Menschen, seinem Leben und seiner Lebendigkeit zugrunde liegt. 

Die Aufgabe der Philosophie ist, die Ordnung dieses Ganzen zu ergründen, die Ordnung des Dao 道, des Weges, und des De 德, der Kraft oder der Tugend, d.h. dem Aspekt des Dao, der durch das Einzelwesen verkörpert werden kann. Bei allen Unterschieden der diversen Schulen und Lehrsysteme der chinesischen Philosophie, noch dazu über den enormen Zeitraum von über zweitausend Jahren, die Sicht des Kosmos als selbstentstandene schöpferische Ordnung und das Streben, das Dao zu ergründen, wird von allen geteilt.

Wir hingegen verorten uns nicht in diesen Zusammenhängen, wir leben in einer anderen Welt und denken in anderen Bahnen. Fachgebiete wie die Medizin oder Methoden wie Gymnastik, Atem- und Entspannungsübungen würden wir nicht der Philosophie zurechnen, anders als in China, wo sich die traditionelle Philosophie direkt auf das Denken über den Körper und das geordnete Funktionieren des Lebens übertrug. 

In diesem Sinne konnte Deng Tietao 鄧鐵濤, der Arzt, durch dessen TCM-Behandlungsprotokolle 2003 die SARS-Epidemie zuerst in Guangzhou und später in ganz China beendet werden konnte, dies in einem Interview für das chinesische Fernsehen sagen: „Die westliche Medizin ist eine Medizin der Naturwissenschaft, die chinesische Medizin ist eine Medizin der Philosophen und Gelehrten. Die westliche Medizin versucht, Krankheitsursachen zu identifizieren und zu beseitigen, die chinesische Medizin geht von den konkreten Symptomen aus und versucht sie im Gesamtmuster zu verstehen, woraus sich die korrekte Behandlung ergibt.“ 

Ein pathologisches Syndrom vor dem Hintergrund der lebendigen, sich geordnet wandelnden Muster des Lebens (worum es sich handelt, wenn man von Qi spricht) zu verstehen und durch das korrekte Verständnis zur korrekten Behandlung zu finden, das ist der „philosophische“ Ansatz (und zugleich auch „künstlerische“) Ansatz der chinesischen Medizin. Manchmal funktioniert dieser Ansatz sehr gut, manchmal weniger gut, manchmal auch gar nicht. Ich will hier nicht werten oder gar die chinesische Medizin in den Himmel heben,  sondern nur auf einen grundsätzlichen Unterschied zu unseren Auffassungen über Gesundheit und Krankheit hinweisen, einen Unterschied, den zu verstehen wichtig ist, wenn man sich mit der chinesischen Medizin oder mit Qigong beschäftigt. 

Ein holistisches Denken in Mustern, in Beziehungen, in der internen Bewegung des Lebendigen ist jedenfalls etwas sehr Wesentliches, und uns sehr Fremdes, und es fehlt uns. Es können sich diesem Denken Zusammenhänge erschließen, die dem reduktionistischen und analytischen Blick entgehen. Bei SARS war dieser „philosophische“ Ansatz (der nicht minder konkret und pragmatisch ist wie der schulmedizinische) in China erfolgreicher als die naturwissenschaftlich-medizinische Intervention, noch erfolgreicher war er letztes Jahr  in der Covid-19-Pandemie, auch wenn diese Tatsache weder im ersten noch im zweiten Fall bei uns zur Kenntnis genommen wurde und wird (was mangelndem Wissen über die Grundprinzipien der chinesischen Medizin und ihre Denk-Hintergründe und wohl auch Voreingenommenheit und intellektueller Faulheit geschuldet ist).

Yi qi zhen dao 以气臻道 - „Mittels des Qi den Weg erlangen“, dies ist ein Ausdruck, mittels dessen mein/unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng 林中鵬 das Wesen des Qigong zu beschreiben sucht. "Mittels des Qi den Weg erlangen" heißt, die allgemeinen Prinzipien und natürlichen Gesetzmäßigkeiten, die dem Qi, seiner Entfaltung und Bewegung zugrundeliegen, in der konkreten Qigongpraxis zu verkörpern und damit zu realisieren.

Mit Weg (Dao) ist der große Zusammenhang des Qi in allen Ebenen der Existenz gemeint (wie sie z.B. Zhang Zai in obiger Schrift  schildert), “konkrete Praxis" zielt auf die Verwirklichung dessen im eigenen Leben, im eigenen Körper, in der eigenen Gesundheit. Dao (der Weg, der Sinn, das zugrundeliegende Prinzip) und Qi (die Methode, die Übung, der Bewegungsablauf, die sich während des Übens bewegende Energie) stellen quasi die zwei Flügel der Qigong-Praxis dar, mit nur einem kann man nicht fliegen.

Die leichten und unbeschwerten Übungen, die Heilenden Laute, die wir letztes Frühjahr behandelt haben, die Entspannungsübungen, die einfachen Taiji-Übungen, auch die weiteren Übungen, die ich noch posten werde, mit all diesen Übungen lernt man, die beiden Schwingen auszubreiten und auf einer eigenen individuellen  Bahn  zu fliegen. Es handelt sich nicht um viele verschiedene Übungen, im Prinzip sind sie alle eins. Sie gründen auf denselben Prinzipien und sind in ihrer Einfachheit so konzipiert, dass sich im ruhigen und entspannten Tun die Regulation der „gegenläufigen Prozesse des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe“ einstellen und sich in der Folge das Dao als spontanes, natürliches, lebensgenerierendes schöpferisches Qi im ganzen Körper-Geist-Gefüge des Menschen verwirklichen kann.

Darum sind auch Entspannung und Stille so wesentlich. Die Stille liegt der Regulation zugrunde, sie ist der Zugang zu den dem Leben eignenden Möglichkeiten von Harmonie und Gesundheit. Qigong fördert die Fähigkeit des Organismus, die Selbstregulation wiederzufinden, die sich aus der Verbindung mit den Mustern und Kräften des universellen Lebens nährt. Führt man das Leben wieder zurück an diesen Ursprung (das schöpferische Qi), dann kann es sich entfalten, Gesundheit und Harmonie als Ausdruck dieser Beziehung stellen sich von selbst ein.

In der alten Philosophie wird das Universum auch als ziran 自然 bezeichnet: „Das, was aus sich selbst so ist“. Dao fa ziran 道法自然 "Der Weg richtet sich nach dem, was aus sich selbst so ist", heißt es bei Laozi. Im modernen Chinesisch bezeichnet der Begriff ziran die Natur. In Qigong und chinesischer Medizin verweist ziran auf die Möglichkeiten der Selbstorganisation, Heilung und Regeneration, die sich dann einstellen, wenn sich die natürlichen Qi-Prozesse ungehindert im menschlichen Organismus entfalten können, wenn die Regulation zur freien Entfaltung dessen führt, was von selbst so ist, von selbst so sein kann und von selbst so sein möchte.

Dieses Prinzip ist beim Üben von Qigong äußerst wichtig und wesentlich, es stellt einen der Fäden dar, der die vielen scheinbar unterschiedlichen theoretischen Inhalte und praktischen Übungen (auch auf diesem Blog) durchzieht. Erkennt und versteht man diesen, dann wird man sich nicht in Fülle und Vielfalt verlieren und die Wildgans kann zu den Gipfeln und Wolkenhöhen emporziehen", um es in der Sprache von Hexagramm 53 des Yijing auszudrücken.  Erkennt man den Faden nicht, bleibt die Wildgans am Boden oder verliert ihren Weg. 

Thursday, December 31, 2020

Als Neujahrsgruß die „Drei Freunde des Winters"

Ich wollte vor dem Jahreswechsel noch ein Übungsvideo machen, aber es ging sich bei bestem Willen nicht aus. Karl Valentin hat es am besten ausgedrückt: „Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch endlich wieder ruhiger“. So fühle auch ich. Wenn es nach dem Jahreswechsel wieder ruhiger ist, dann gibt es endlich wieder den Raum und die Zeit, Qigong-Inhalte zu posten.

Hier jedenfalls als Neujahrsgruß ein berühmtes Bild aus der Song-Dynastie, das drei vornehme Freunde zeigt. Es handelt sich um die „Drei Freunde des Winters“ (sui han san you 歲寒三友): Kiefer (song 松), Pflaume (mei 梅) und Bambus (zhu 竹). 

Sie werden so genannt, weil sie durch die Fülle ihrer Lebenskraft der Kälte des Winters widerstehen. 

Die Kiefer steht für die Langlebigkeit. Der Bambus verweist auf die innere Leere, er ist biegsam, bricht nicht und zeigt solcherart vor, wie man sich schwierigen Umständen anpassen kann. Die Pflaume blüht inmitten des Schnees und verkündet als erste das Kommen des Frühlings. 

Diese Qualitäten und diese Fülle an innerer Kraft können wir in diesen Zeiten gut brauchen, das Bild ist darum Kerrys und mein Neujahrswunsch an alle.

Das Bild wurde von Zhao Mengjian 趙孟堅 (1199-1264) gemalt und hängt im National Palace Museum in Taipei.



Wednesday, December 2, 2020

Die fünfte "Leichte und unbeschwerte Übung"

Nach den zwei Videos mit Prof. Cong-Übungen sind wir wieder zurück bei den "Leichten und Unbeschwerten Übungen.

Das Video ist wieder zum Mitüben gedacht. Zuerst kommt die fünfte Bewegung, und dann alle fünf Bewegungen zusammen.

Die Übungen sind sehr einfach, damit fällt es einem sicher auch leichter, abzuschalten, locker und ruhig zu werden. Man muss sich nicht mit komplizierten Bewegungsabläufen herumschlagen, sondern kann sich gleich auf das Wesentliche konzentrieren. Und das heißt in erster Linie: sich geistig zu sammeln und ruhig zu werden. Die Bewegungen können etwas ungenau ausgeführt werden, ist doch das viel Wesentlichere die Ruhe. Solange man in sich in ein gewisses Maß an Ruhe findet, wird die Übung wirken.

Wichtig ist, die Yin-Yang-Dynamik des Qi zu verstehen. Yin und Yang wurzeln ineinander, d.h. das Yang entsteht dann, wenn das Yin am größten ist und umgekehrt, das Yin entsteht, wenn das Yang seinen Höhepunkt erreicht hat. Beim Üben heißt dies: das Yang entsteht aus dem Yin, die Bewegung entsteht aus der Ruhe, das warme, lebendige Yang-Qi bewegt sich und breitet sich aus, wenn man körperlich entspannt ist, wenn man weich und fein atmet, und wenn man die Gedanken fahren lässt und ruhig ist.

Im Yijing 易经 (dem Buch der Wandlungen) wird dies durch das Hexagramm 24, Fu 复 die Wiederkehr, dargestellt.

Fu 复

 

Das Zeichen zeigt eine ungebrochene Yang-Linie, die unter den fünf gebrochenen Yin-Linien in das Zeichen eintritt. Es verbildlicht damit, in Entsprechung zur Wintersonnenwende, den Prozess der Wiederkehr des Lichts zur Zeit des tiefsten Dunkels, der Bewegung in der tiefsten Stille, des Yang im tiefsten Yin.

"Die Wiederkehr. Gelingen. Ausgang und Eingang ohne Fehl." So heißt es unter anderem im Urteil des Zeichens.

In seinem Kommentar dazu meint Richard Wilhelm: "Nach einer Zeit des Zerfalls kommt die Wendezeit. Das starke Licht, das zuvor vertrieben war, tritt wieder ein. Es gibt Bewegung. Diese Bewegung ist aber nicht erzwungen. Das obere Zeichen Kun hat als Charakter die Hingebung. Es ist also eine natürliche Bewegung, die sich von selbst ergibt. Darum ist die Umgestaltung des Alten auch ganz leicht. Altes wird abgeschafft, Neues wird eingeführt, beides entspricht der Zeit und bringt daher keinen Schaden. ... Die Wiederkehr ist im Naturlauf begründet. Die Bewegung ist kreisförmig. Der Weg ist in sich geschlossen. Darum braucht man nichts künstlich zu überstürzen. Es kommt alles von selber, wie es an der Zeit ist. Das ist der Sinn von Himmel und Erde."

Und im Weiteren meint er: "Im Winter ist die Lebenskraft – symbolisiert durch das Erregende, den Donner – noch unter der Erde. Die Bewegung ist in ihren ersten Anfängen. Darum muß man sie durch Ruhe kräftigen, damit sie nicht durch vorzeitigen Verbrauch sich verläuft. Dieser Grundsatz, die wieder einsetzende Kraft durch Ruhe erstarken zu lassen, gilt von allen entsprechenden Verhältnissen. Die wiederkehrende Gesundheit nach einer Krankheit, die wiederkehrende Verständigung nach einer Entzweiung: alles muß im ersten Anfang zart und schonend behandelt werden, damit die Wiederkehr zur Blüte führt."

Dies sind philosophische Gedanken, sie beschreiben aber auch, was beim Qigong-Üben wesentlich ist:

Wird man still, bewegt sich das Qi. Bewegt sich das Qi, braucht es kein weiteres Tun, sondern ein Lassen. Im Lassen ergibt sich alles von selber, wie es an der Zeit ist. Indem das Qi seine Bahnen und seine Ordnung findet, findet der Körper Wege und Möglichkeiten zur Regeneration. 

Dies sind für uns ungewohnte und eigentlich provokative Gedanken, in der chinesischen Philosophie, in den Künsten der Lebenspflege, in der chinesischen Meditation und im Qigong sind sie jedoch grundlegend.

Ich zitiere noch einmal Laozi: Wu wei er wu bu wei 无为而无不为 - Nicht-Tun und nichts bleibt ungetan. 自然 Von-selbst-so, das ist das Wirken des Dao, und, wie Richard Wilhelm anmerkt, das ist der Sinn von Himmel und Erde.

Tuesday, November 24, 2020

Mehr Wildnis!

Letzten Samstag fand im Rahmen der Europäischen Literaturtage 2020 ein Gespräch zwischen dem deutschen Biologen Andreas Weber mit Ariadne von Schirach über das Thema „Mehr Wildnis!“ statt. Wen es interessiert: man kann die Veranstaltung auf YouTube nachschauen. Der Link dazu findet sich unten.

Ich fand die Diskussion sehr wichtig und anregend, und obwohl Qigong oder die Chinesische Medizin nicht thematisiert wurden, sind manche Bezüge sehr offensichtlich.

Im Gespräch wurde betont, wie wichtig es sei, anders denken und fühlen zu lernen, nämlich auf eine Art, die von der Lebendigkeit der Welt ausgeht, um Lösungen für die drängenden Probleme und Bedrohungen finden zu können, der sich die Menschheit heute gegenüber sieht. 

Anders ausgedrückt: es sei wichtig, animistisch denken zu lernen, also ein Denken wiederaufleben zu lassen und einzubeziehen, das die Welt nicht als eine Welt der unbelebten Objekte sieht, sondern versteht, dass wir in einem Beziehungsgeflecht lebendiger Subjekte zuhause sind.

Doch gerade dies ist auch die Erfahrung des Qigong, darum übt man Qigong: um die eigene Lebendigkeit und die Beziehung mit der Lebendigkeit der Welt zu erleben. Immer dann, wenn man Qigong übt, auch wenn es einem nicht bewusst ist, begibt man sich in den lebendigen Bezug zur Welt und kommuniziert als lebendiges Subjekt mit allem, was lebendig ist.

Dies ist ein ganz anderer Ansatz in Bezug auf die Gesundheit, als wir gewohnt sind. Und nicht nur ein anderer gesundheitlicher Ansatz, sondern auch eine andere Art, sich in der Welt zu verorten.

Die Welt ist im alten Verständnis der Chinesen ein lebendiges Gewebe, ein Gewebe von Energien, unendlich schöpferisch, in stetem Wandel, in steter Transformation und steter Kommunikation begriffen. Sheng sheng bu yi 生生不已 - Leben hervorbringend ohne Ende, lautet der Ausdruck. Dieses Gewebe, an dem der Mensch teilhat, ist nicht geschaffen im biblischen Sinn, es ist nicht Ergebnis eines ursprünglichen Aktes, eines fiat lux. Es entsteht ziran 自然 - aus sich selbst so, von selbst so. Alles entsteht und entfaltet sich von selbst, aus sich selbst, ohne von einem göttlichen Willen gelenkt zu sein.

Und eben dieses „ziran 自然“, dieses Von-Selbst-So, liegt der Gesundheit zugrunde, meint es doch die sich im Organismus äußernde schöpferische Bewegung der Welt, die sich entfaltende natürliche und lebenserzeugende Bewegung des Qi. Durch das Üben versucht man dieser teilhaftig zu werden. Und dazu braucht es kein Tun, kein Denken, sondern die Stille. Erst die Stille erlaubt den heilenden Kräfte des Qi zu wirken, und nicht nur dies, sie ermöglicht auch eine andere Beziehung zur Welt. 

Natürlich üben viele Qigong einfach so, weil es sie freut und sie sich dabei wohl fühlen. Und manche meinen auch, sich im Sinne der modernen Leistungsgesellschaft selbst optimieren zu müssen, hip- und zen-like mittels alten esoterischen Wissens. Aber vielleicht macht doch manche die Erfahrung des Qigong nachdenklich, und erlaubt ihnen, zu einer anderen Einstellung und einem anderen Verhalten zu finden, in der man die Welt (und auch sich selbst) nicht mehr als Objekt behandelt, sondern als lebendiges kommunizierendes Subjekt.

Die Gesundheit wird es einem vermutlich danken, ist sie doch im Verständnis des Qigong ein Prozess, der sich von selbst entfaltet und einen in das allumfassende Gewebe des Lebens integriert. Qigong zu üben heißt, still zu werden, um die Möglichkeiten dieses Prozesses nicht zu stören. Als ich in einem der Beiträge der letzten Zeit Laozi zitiert habe: Wuwei er wu bu wei 无为而无不为 - Nicht-tun und nichts bleibt ungetan, und hinzugefügt habe, das sei etwas worüber sich nachzudenken lohne, da habe ich unter anderem dies gemeint.

Um meinen alten Lehrer, den Philosophen Arnold Keyserling zu paraphrasieren: Wahres Wissen geht von der Stille aus, von der Bewusstseinsebene aus ist das Subjekt nicht zu erreichen. Es zu erwecken, erfordert ein anderes Streben als die Wissenschaften und ein anderes Wissen. In allen Überlieferungen wird dieses als Weisheit bezeichnet. 

Qigong kann einen der vielen Wege dazu darstellen.


Saturday, June 20, 2020

Das unvertäute Boot

Diese Texte habe ich vor Jahren schon einmal für eines der Innsbrucker Seminare verwendet. Hier sind sie nochmals, in leicht veränderter Übersetzung: zwei Gedichte aus der Tang-Dynastie und zwei Zitate aus dem Zhuangzi, zusammen mit  Bildern des Malers Pu Ru 溥儒 (1896-1963), einem Cousin des letzten chinesischen Kaisers.

Das "unvertäute Boot" ist ein Bild, das ursprünglich von Zhuangzi verwendet und von Dichtern späterer Zeiten immer wieder aufgegriffen wurde. Es steht für das Sich-dem-Weg-Überlassen, in einer weiten, offenen Landschaft, in der das eigene Innen mit der Grenzenlosigkeit des Außen kommuniziert, es steht für eine Haltung der Freiheit und Gelöstheit von Banden, für Absichtslosigkeit und Unbekümmertheit, die dem daoistischen Ideal des Nicht-Tuns (wuwei 无为) zugrundeliegen.

Solch eine Haltung ist den "Gelehrten der Flüsse und Seen" eigen, die im 15. Kapitel des Zhuangzi erwähnt werden: "Diejenigen, die sich zu den Mooren und Seen begeben, müßig in der Wildnis leben, an einsamen Orten nach Fischen angeln und das Nicht-Tun zu ihrem einzigen Anliegen machen, die Gelehrten der Flüsse und Seen, gelassene Müßiggänger, die sich von der Welt zurückziehen."

Wuwei ist auch ein Leitgedanke der Qigong-Praxis. Den inneren Schwerpunkt zu verlagern, vom Tun aufs Lassen, vom Lernen aufs Verlernen, vom Vermehren aufs Vermindern, vom alltäglichen Kreisen der Gedanken in den Angelpunkt der inneren Stille und Leere, dies sind Wege, sich der kreativen Bewegung des Universums zu öffnen, dem Qi, das für die Chinesen die unablässige, schöpferische Aktivität des sich entfaltenden Lebens darstellt.



一住寒山萬事休,更無雜念掛心頭
閒書石壁題詩句,任運還同不繫舟。

寒山

Auf dem Kalten Berg hat alles Tun ein Ende,
keine wirren Gedanken bedrängen mein Herz.
in Muße schreibe ich Gedichte an Felsen und
treibe mit dem Strom wie ein unvertäutes Boot. 

Han Shan 寒山 (8. Jh.)








 
巧者勞而知者憂,無能者無所求,
 飽食而敖遊,汎若不繫之舟,虛而敖遊者也。

 Der Schlaue müht sich und der Weise ist voller Sorgen.
 Der Un-Fähige hingegen, er strebt nach nichts.
 Er isst sich satt und wandert ohne Ziel. 
 Dahintreibend wie ein unvertäutes Boot, 
 ist er ein leerer und unbeschwerter Wanderer. 

 Zhuangzi 莊子 (- 4. Jh.) Kap. 32.1: Lie Yukou 列禦寇 





市南子曰:少君之費,寡君之欲,雖無糧而乃足。君其涉於江而浮於海,望之而不見其崖,愈往而不知其所窮。送君者皆自崖而反,君自此遠矣。故有人者累,見 有於人者憂。故堯非有人,非見有於人也。吾願去君之累,除君之憂,而獨與道遊於大莫之國。方舟而濟於河,有虛船來觸舟,雖有惼心之人不怒;有一人在其上, 則呼張歙之;一呼而不聞,再呼而不聞,於是三呼邪,則必以惡聲隨之。向也不怒而今也怒,向也虛而今也實。人能虛己以遊世,其孰能害之!

Der Meister vom Südmarkt sprach: Verringere deinen Aufwand, vermindere deine Wünsche, und du wirst auch ohne Verpflegung genug haben. Du wirst die Flüsse befahren und auf das Meer hinaustreiben. Schau, soweit du vermagst, du wirst das andere Ufer nicht erblicken können; reise weiter und immer weiter, du wirst nie ein Ende finden. Sind dann diejenigen, die dich verabschiedet haben, vom Ufer nach Hause zurückgekehrt, wirst du wirklich fern sein. 

Wer Menschen besitzt, hat Mühen, wer von Menschen besessen wird, hat Sorgen. Darum besaß Yao weder Menschen, noch ward er von ihnen besessen. Ich möchte, dass du dich deiner Mühen entledigst und deine Sorgen abtust, und allein mit dem WEG ins Land des großen Nichts reisest. 

Durchquert jemand einen Fluß in einem Boot und stößt gegen ein einhertreibendes leeres Boot, so wird er, selbst wenn er ein reizbares Gemüt besitzt, nicht zornig werden. Ist jedoch jemand auf dem Boot, so wird er ihn anrufen und verlangen, dass er den Weg frei mache. Wird sein erster Ruf nicht gehört, wird er ihn nochmals anrufen. Wird sein zweiter Ruf nicht gehört, und er muss ihn ein drittes Mal anrufen, dann folgt sicher eine Reihe von Beschimpfungen. Dass er in jenem Fall nicht zornig wurde und diesem Fall schon, liegt daran, dass in jenem Fall das Boot leer war und in diesem Fall besetzt. Vermag ein Mensch leer zu sein, um in der Welt zu wandern, wer könnte ihm dann noch ein Leid zufügen?

Zhuangzi 莊子 (- 4. Jh.) Kap. 20.2: Shanmu 山木 Der Baum auf dem Berg




 江村即事 

 釣罷歸來不繫舟,江村月落正堪眠
 縱然一夜風吹去,只在蘆花淺水邊。

 Improvisation über den Weiler am Fluss 

 Zurückgekehrt vom Fischen lasse ich mein Boot unvertäut.
 Tief steht der Mond über dem Weiler, ruhig schlafe ich ein.
 Mag der Wind auch die ganze Nacht wehen, 
 es wird doch bleiben, 
 im seichten Wasser inmitten des blühenden  Schilfs. 

 Sikong Shu 司空曙 (~720 - ~790)

Saturday, May 23, 2020

Ein Plädoyer für das Rasten

Ich möchte noch einmal auf das Thema Rasten zurückkommen, hat es doch direkt mit dem fundamentalen Inhalt all der Postings dieser Wochen zu tun, nämlich mit der Regulation des Qi. 

Auf der Regulation des Qi basiert das Gleichgewicht von Yin und Yang, welches wiederum die Basis der funktionierenden Gesundheit darstellt. Eines ist dabei wichtig zu verstehen, darum das Plädoyer für das Rasten: Das regulative Tun darf das Qi selbst nicht erschöpfen. 

Wenn man nicht genügend rastet, sich also nicht die Atempausen gönnt, immer im Tun ist, zu wenig isst und zu wenig schläft, dann kann man das Qi nicht einfach dadurch regulieren, dass man noch zusätzlich Übungen macht. Ich meine das nicht als apodiktische Regel, natürlich macht es oft sehr wohl Sinn, zu viel Sitzen (vor allem Arbeit im Sitzen) durch Bewegung auszugleichen, oder zu viel geistige Arbeit durch ein Tun, bei dem man auf den Körper oder körperliche Abläufe konzentriert ist. Doch ist es auch sehr wichtig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann Ruhe und Rast nötig und wichtiger sind als jedes Tun, wann Nichtstun angebracht ist oder schlichtweg Schlaf, mehr und ausreichender Schlaf.

Das Qi regeneriert sich in der Stille. Dies gilt nicht nur für Übungen, sondern auch und vor allem für den Schlaf. Die Yang-Funktionen des Körpers werden erschöpft, wenn man sich keinen Schlaf gönnt, da sich das Yang ja aus dem Yin regeneriert und nur aus dem Yin regenerieren kann. 

Immer nur im Tun und wach zu sein, das Bedürfnis nach Ruhe zu mißachten oder nach Beendigung des einen Tuns statt auszurasten einfach nur die Art der Aktivität zu ändern, das verletzt das Yin und entwurzelt das Yang. Das Yang kommt in einen Zustand des Exzesses, es wird schwerer und schwerer, seine Aktivität einzuhegen, während das Yin mehr und mehr verletzt und vermindert wird. Das lodernde Feuer des Yang verbrennt sozusagen das Yin. Man kann es auch so ausdrücken: Für den Organismus nutzlose Aktivität macht sich nicht nur selbständig, sondern untergräbt auch und schädigt die eigene gesunde Konstitution. Man verliert dadurch nicht nur die Fähigkeit, ruhig zu sein und Ruhe zuzulassen, sondern überschreitet andauernd die körperlichen und psychischen Grenzen. Beide, Körper und Psyche sind Aspekte des Qi, das dann, überfordert und erschöpft, nicht mehr geordnet funktionieren kann.

Bei einem solchen Zustand der Erschöpfung kann Qigong natürlich sehr hilfreich sein, doch vor allem Üben braucht es zuerst die Ruhe. Und zwar die Ruhe im Sinne des Rastens und Atemholens. Dies nicht zu beachten, heißt im Qigong: einen leeren Topf auf das Feuer stellen, mit einem leeren Topf kochen. Es kommt nicht nur nichts dabei heraus, möglicherweise geht sogar der Topf kaputt. 

Im Großen Lernen des Konfuzius heißt es: „Wenn man zur Ruhe kommt, so gibt es Festigkeit; hat man Festigkeit, gibt es Stille; hat man Stille, gibt es Frieden; hat man Frieden, kann man bedenken; kann man bedenken, so kann man erlangen.“ Diese Passage hat ursprünglich mit der Selbst-Kultivierung des Edlen zu tun, sie wurde aber auch immer wieder als Anleitung zur Lebenspflege gedeutet. 

Und in dieser Deutung bedeutet es: Zuerst ausruhen, bis man ausgerastet ist. Erst dann kann man die Fähigkeit zur Ruhe erwerben, zum Eintreten in den Ruhezustand des Qigong und zur Meditation. Die Ruhe kann dann weiter und weiter vertieft werden, bis sie ganz fest und stabil geworden ist. Dann ist auch der Zustand des Friedens möglich, ein Zustand solch tiefer innerer Stille und Klarheit, dass er durch äußere Einflüsse nicht mehr verlorengeht.

Diese tiefe Stille stellt die am tiefsten gehende Regulation des Qi dar. Der Begriff des Wuwei 无为, des Nicht-Tuns, das nichts ungetan lässt, meint diese Ebene. Für uns in unseren Lebensumständen und auch in unseren Gewohnheiten ist dies vielleicht nicht oder nur sehr schwer erreichbar. Doch muss man ja nicht mit dem Ideal des Nicht-Tuns beginnen, dieses stellt doch letztlich die Kulmination eines sehr langen Prozesses des Einswerdens mit den schöpferischen Mächten von Himmel und Erde und des Einklangs mit dem Dao dar. 

Man kann es ja auch anders angehen, auf eine Art, die jedem sehr wohl möglich ist:  Einfach zu lernen nichts zu tun. Nichts Zielgerichtetes zu tun. Zu spielen. Zu rasten. Zu schlafen. Sich lange Atempausen zu gönnen. Und dann, erst nachdem man gerastet und dem Qi seine Regeneration ermöglicht hat, dann kann man durch Qigong-Übungen allmählich tiefer gehen, tiefere Zustände der Entspannung und Ruhe und Stille entwickeln, und dem Organismus helfen, zu seiner eigenen schöpferischen Ordnung (die unter anderem auch die eigene Gesundheit ist) zu finden, die gleichzeitig Spiegel ist und Ausdruck eines Universum, das selbst dadurch charakterisiert ist, dass es beständig schöpferisch ist. Auf Chinesisch: shengsheng buxi 生生不息 - Leben erzeugend ohne Unterlass.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...