Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Saturday, June 20, 2020

Das unvertäute Boot



Diese Texte habe ich vor Jahren schon einmal für eines der Innsbrucker Seminare verwendet. Hier sind sie nochmals, in leicht veränderter Übersetzung: zwei Gedichte aus der Tang-Dynastie und zwei Zitate aus dem Zhuangzi, zusammen mit  Bildern des Malers Pu Ru 溥儒 (1896-1963), einem Cousin des letzten chinesischen Kaisers.





Das "unvertäute Boot" ist ein Bild, das ursprünglich von Zhuangzi verwendet und von Dichtern späterer Zeiten immer wieder aufgegriffen wurde. Es steht für das Sich-dem-Weg-Überlassen, in einer weiten, offenen Landschaft, in der das eigene Innen mit der Grenzenlosigkeit des Außen kommuniziert, es steht für eine Haltung der Freiheit und Gelöstheit von Banden, für Absichtslosigkeit und Unbekümmertheit, die dem daoistischen Ideal des Nicht-Tuns (wuwei 无为) zugrundeliegen.

Solch eine Haltung ist den "Gelehrten der Flüsse und Seen" eigen, die im 15. Kapitel des Zhuangzi erwähnt werden: "Diejenigen, die sich zu den Mooren und Seen begeben, müßig in der Wildnis leben, an einsamen Orten nach Fischen angeln und das Nicht-Tun zu ihrem einzigen Anliegen machen, die Gelehrten der Flüsse und Seen, gelassene Müßiggänger, die sich von der Welt zurückziehen."

Wuwei ist auch ein Leitgedanke der Qigong-Praxis. Den inneren Schwerpunkt zu verlagern, vom Tun aufs Lassen, vom Lernen aufs Verlernen, vom Vermehren aufs Vermindern, vom alltäglichen Kreisen der Gedanken in den Angelpunkt der inneren Stille und Leere, dies sind Wege, sich der kreativen Bewegung des Universums zu öffnen, dem Qi, das für die Chinesen die unablässige, schöpferische Aktivität des sich entfaltenden Lebens darstellt.







一住寒山萬事休,更無雜念掛心頭
閒書石壁題詩句,任運還同不繫舟。

寒山


Auf dem Kalten Berg hat alles Tun ein Ende,
keine wirren Gedanken bedrängen mein Herz.
in Muße schreibe ich Gedichte an Felsen und
treibe mit dem Strom wie ein unvertäutes Boot. 

Han Shan寒山 (8. Jh.)







 巧者勞而知者憂,無能者無所求,
 飽食而敖遊,汎若不繫之舟,虛而敖遊者也。


 Der Schlaue müht sich und der Weise ist voller Sorgen.
 Der Un-Fähige hingegen, er strebt nach nichts.
 Er isst sich satt und wandert ohne Ziel. 
 Dahintreibend wie ein unvertäutes Boot, 
 ist er ein leerer und unbeschwerter Wanderer. 

 Zhuangzi 莊子 (- 4. Jh.) Kap. 32.1: Lie Yukou 列禦寇 





市南子曰:少君之費,寡君之欲,雖無糧而乃足。君其涉於江而浮於海,望之而不見其崖,愈往而不知其所窮。送君者皆自崖而反,君自此遠矣。故有人者累,見 有於人者憂。故堯非有人,非見有於人也。吾願去君之累,除君之憂,而獨與道遊於大莫之國。方舟而濟於河,有虛船來觸舟,雖有惼心之人不怒;有一人在其上, 則呼張歙之;一呼而不聞,再呼而不聞,於是三呼邪,則必以惡聲隨之。向也不怒而今也怒,向也虛而今也實。人能虛己以遊世,其孰能害之!




Der Meister vom Südmarkt sprach: Verringere deinen Aufwand, vermindere deine Wünsche, und du wirst auch ohne Verpflegung genug haben. Du wirst die Flüsse befahren und auf das Meer hinaustreiben. Schau, soweit du vermagst, du wirst das andere Ufer nicht erblicken können; reise weiter und immer weiter, du wirst nie ein Ende finden. Sind dann diejenigen, die dich verabschiedet haben, vom Ufer nach Hause zurückgekehrt, wirst du wirklich fern sein. 

Wer Menschen besitzt, hat Mühen, wer von Menschen besessen wird, hat Sorgen. Darum besaß Yao weder Menschen, noch ward er von ihnen besessen. Ich möchte, dass du dich deiner Mühen entledigst und deine Sorgen abtust, und allein mit dem WEG ins Land des großen Nichts reisest. 

Durchquert jemand einen Fluß in einem Boot und stößt gegen ein einhertreibendes leeres Boot, so wird er, selbst wenn er ein reizbares Gemüt besitzt, nicht zornig werden. Ist jedoch jemand auf dem Boot, so wird er ihn anrufen und verlangen, dass er den Weg frei mache. Wird sein erster Ruf nicht gehört, wird er ihn nochmals anrufen. Wird sein zweiter Ruf nicht gehört, und er muss ihn ein drittes Mal anrufen, dann folgt sicher eine Reihe von Beschimpfungen. Dass er in jenem Fall nicht zornig wurde und diesem Fall schon, liegt daran, dass in jenem Fall das Boot leer war und in diesem Fall besetzt. Vermag ein Mensch leer zu sein, um in der Welt zu wandern, wer könnte ihm dann noch ein Leid zufügen?

Zhuangzi 莊子 (- 4. Jh.) Kap. 20.2: Shanmu 山木 Der Baum auf dem Berg





 江村即事 

 釣罷歸來不繫舟,江村月落正堪眠
 縱然一夜風吹去,只在蘆花淺水邊。


 Improvisation über den Weiler am Fluss 

 Zurückgekehrt vom Fischen lasse ich mein Boot unvertäut.
 Tief steht der Mond über dem Weiler, ruhig schlafe ich ein.
 Mag der Wind auch die ganze Nacht wehen, 
 es wird doch bleiben, 
 im seichten Wasser inmitten des blühenden  Schilfs. 

 Sikong Shu 司空曙 (~720 - ~790)

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