Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie
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Friday, April 2, 2021

Aufmerksamkeit und Bewegung - Ein Übungsvideo

Mit der Aufmerksamkeit recht umzugehen, ist die größte Kunst im Qigong. Man kann verschiedene Definitionen des Qigong geben, eine einfache wäre diese: Immer dann, wenn sich die Aufmerksamkeit mit einer Bewegung (oder Haltung) verbindet, dann übt man Qigong. Ob die Bewegungsabläufe dabei einfach sind oder komplex, ist unerheblich, das Entscheidende ist die Aufmerksamkeit, durch sie erst wird eine Bewegung zu Qigong.

Um dies auf den Punkt zu bringen, wird in chinesischen Qigongkreisen oft folgender Spruch zitiert: Bodhidharma (der Begründer des Zen-Buddhismus),  aus dem Westen (d.h. aus Indien) gekommen, wirkte ohne Worte, nur durch die geistige Intention." 

Das heißt jedoch nicht, dass Qigong nur geistig geübt und das Qi gedanklich bewegt werden sollte. Ich habe in China keinen einzigen traditionellen Qigong-Lehrer kennen gelernt, der dies befürwortet hätte, ganz im Gegenteil, es wird als oberflächlich und irreführend abgelehnt.

Die Aufmerksamkeit soll in die Stille und Leere führen, sie ist Mittel, nicht Ziel. Sie darf nicht Selbstzweck werden und auch nicht im Übermaß eingesetzt werden. Üblicherweise wird die Aufmerksamkeit auf die Bewegung gerichtet (meist die Hände) und sehr dosiert verwendet. Da sie nicht zu stark werden sollte, ist Nachlässigkeit wichtig. Als ich noch für Prof. Cong übersetzte, war dies der Aspekt des Übens, auf den er am meisten achtete. Yong yi tai zhong 用意太重 Die verwendete Aufmerksamkeit ist zu stark, so findet man nicht in die Ruhe und das Qi kann sich nicht harmonisch und auf natürliche Weise entwickeln", so seine Ermahnung an zu beflissene und brave Schüler. 

Wohin die Bewegung geht, dorthin geht die Aufmerksamkeit. Folgt die Aufmerksamkeit der Bewegung der Hände, wird das Qi im Körper ganz von selbst folgen, und es wird entlang der natürlichen Bahnen fließen. Alles Weitere im Qigong baut auf diesem korrekten ersten Schritt auf.


Monday, March 8, 2021

Regulation und die Große Harmonie

Die Zeit vergeht, schon die zehnte Woche dieses Jahres. Immer noch Pandemie. 

Und der Blog wächst und wächst... Eine Fülle an Inhalten theoretischer und praktischer Art, die manchen auch als Überfülle erscheinen mag. Ich hoffe, niemand lässt sich davon verwirren, ist die Überfülle doch nur eine scheinbare. Tatsächlich wird all die Vielfalt von einigen wenigen Grundgedanken und Grundprinzipien durchzogen. Alle Inhalte sind miteinander verbunden. Und alle sind auch als notwendige Hilfe für diese schwierigen Zeiten gedacht.

Einen dieser Grundgedanken - die Regulation - erwähne ich ja immer wieder, bin aber noch nie wirklich darauf eingegangen. Heute möchte ich das nachholen, zumindest ein bisschen.

Regulation mag sehr technisch und nüchtern klingen, doch darf man sich davon nicht abschrecken lassen, handelt es sich doch um einen der wichtigsten Begriffe, Qigong und chinesische Medizin betreffend. Auch aus der chinesischen Philosophie ist die Regulation nicht wegzudenken. 

In Qigong und chinesischer Medizin sind mit Regulation einerseits das harmonische Funktionieren des Qi gemeint - Ausdruck nicht nur der Gesundheit, sondern der ganzen Lebendigkeit des Menschen - und andererseits die Verfahren, dieses harmonische Funktionieren herbeizuführen (tiaohe 調和 - harmonisch regulieren).

Doch um den Begriff wirklich zu verstehen, muss man weiter ausholen. Regulation liegt nicht nur der Theorie und Praxis von chinesischer Medizin und Qigong zugrunde, sie ist ganz allgemein ein Grundcharakteristikum des Universums. 

Das Universum ist in seinem Innersten harmonisch. „Die Große Harmonie wird der Weg genannt“, heißt es. Trotz aller Spannungen und allen Widerstreits an der Oberfläche sind die das Universum ausmachenden Prozesse in der Tiefe harmonisch reguliert. Diese Regulation ist lebensspendend und lebensfördernd, sie ist kontinuierlich, also nicht ausschließend, und sie wirkt auf allen Ebenen des Seins, im Kleinen (in der menschlichen Existenz, im menschlichen Leben) wie im Großen, in Dimensionen, die den Menschen weit übersteigen und ihn trotzdem umfassen.

Um diesen Gedanken eine gewichtige chinesische Stimme zu leihen, übersetze ich hier einen längeren  Ausschnitt aus einer Schrift des Philosophen Zhang Zai 张载 (1020-1077) mit dem Titel Zheng Meng 正蒙 - „Korrektur jugendlicher Torheit“:

"Die Große Harmonie wird Dao 道, der Weg, genannt. Sie umfasst die Natur, die allen gegenläufigen Prozessen des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe zugrunde liegt. Sie ist der Ursprung der Prozesse des Verschmelzens und Vermischens, des Überwindens und Überwundenwerdens, der Ausdehnung und des Zusammenziehens. Zu Beginn sind all diese Prozesse fein, subtil, obskur, leicht und einfach, am Ende sind sie ausgedehnt, groß, stark und fest. Es ist Qian 乾 (das Schöpferische, der Himmel), das mit dem Wissen um den Wandel beginnt, und Kun 坤 (das Empfangende, die Erde), das sich nach der Einfachheit richtet. 

Was zerstreut ist, differenziert und fähig, Form anzunehmen, wird zu Qi 氣, was rein ist, durchdringend und keine Form annehmen kann, wird zu Geist. Befände sich das Universum nicht in einem Prozess des Verschmelzens und Vermischens, gleich sich in alle Richtungen bewegenden fliehenden Kräften, könnte es nicht die Große Harmonie genannt werden. Wenn die, die über den Weg (das Dao) sprechen, dies verstehen, dann verstehen sie wirklich den Weg, und wenn die, die die Wandlungen (das Buch der Wandlungen - Yijing 易经) studieren, um dies wissen, dann wissen sie wirklich um den Wandel. Sonst wäre ihre Weisheit keines Ruhmes wert, selbst wenn sie die bewunderungswürdigen Talente des Herzogs von Zhou besäßen...

Wenn es sich auflöst, kehrt Qi als Wesen einfach zu seiner ursprünglichen Substanz zurück, und wird formlos. Wenn es sich einbindet, einordnet und Form annimmt, verliert es nicht das beständige Prinzip (des Wandels).

Die Große Leere enthält notwendigerweise Qi. Qi ordnet und integriert sich notwendigerweise und wird zu den Myriaden Wesen und Dingen. Die Wesen und Dinge lösen sich notwendigerweise auf und kehren zurück zur Großen Leere. Erscheinen und Vergehen folgen diesem Zyklus aus Notwendigkeit. Wenn der Weise in der Mitte dieses universellen Geschehens den Weg in seiner Fülle verwirklicht und sich mit den Prozessen des Entstehens und Vergehens ohne Voreingenommenheit identifiziert, dann bewahrt er seinen Geist in höchstem Maße. ...

Versteht man, dass die Leere nichts als Qi ist, dann sind Sein und Nichtsein, das Verborgene und das Manifeste, Geist und ewiger Wandel, menschliche Natur und Schicksal alle eins und nicht zwei. Wer Integration und Auflösung, Erscheinen und Verschwinden, Form und Abwesenheit von Form begreift und sie zu ihrer Quelle zurückzuführen vermag, durchdringt das Geheimnis des Wandels. …“

Dies ist der große Zusammenhang, innerhalb dessen sich das traditionelle chinesische Denken bewegt, ein Zusammenhang, bei dem es immer um die Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums geht.

Der Sinologe Jan Maria de Groot (1854-1921) hatte den Begriff Universismus geprägt, um ebendiese Beziehungen - zwischen Mensch, Gesellschaft und den Ordnungen des Universums - zu charakterisieren, wie sie in den drei großen geistigen Lehrsystemen Chinas - Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus - zum Ausdruck kommen. 

Kurz gesagt bedeutet chinesischer Universismus, dass das Universum nicht von einem Schöpfer geschaffen wurde, sondern von selbst entstanden ist; dass das Universum ein schöpferisches Ganzes und geordnet ist; und dass seine Ordnung alle Ebenen durchzieht. Die Ordnung des Universums ist auf allen Ebenen des Seins präsent, die Ordnung des Makrokosmos findet also ihre Entsprechung in der menschlichen Gemeinschaft wie auch im Mikrokosmos des einzelnen Menschen und seines Körpers. 

Darum habe ich oben gemeint, man darf die Regulation nicht nur auf den Kontext des Menschen und sein Qi beschränken. Man muss in allen Dimensionen denken, im Großen wie im Kleinen, ist doch das Universum selbst ein im tiefsten Grund harmonisch reguliertes (tiaohe 調和) großes Ganzes, aus sich selbst entstanden, selbstordnend, selbstorganisierend, ein harmonisches Ganzes, dessen Ordnung auch dem Menschen, seinem Leben und seiner Lebendigkeit zugrunde liegt. 

Die Aufgabe der Philosophie ist, die Ordnung dieses Ganzen zu ergründen, die Ordnung des Dao 道, des Weges, und des De 德, der Kraft oder der Tugend, d.h. dem Aspekt des Dao, der durch das Einzelwesen verkörpert werden kann. Bei allen Unterschieden der diversen Schulen und Lehrsysteme der chinesischen Philosophie, noch dazu über den enormen Zeitraum von über zweitausend Jahren, die Sicht des Kosmos als selbstentstandene schöpferische Ordnung und das Streben, das Dao zu ergründen, wird von allen geteilt.

Wir hingegen verorten uns nicht in diesen Zusammenhängen, wir leben in einer anderen Welt und denken in anderen Bahnen. Fachgebiete wie die Medizin oder Methoden wie Gymnastik, Atem- und Entspannungsübungen würden wir nicht der Philosophie zurechnen, anders als in China, wo sich die traditionelle Philosophie direkt auf das Denken über den Körper und das geordnete Funktionieren des Lebens übertrug. 

In diesem Sinne konnte Deng Tietao 鄧鐵濤, der Arzt, durch dessen TCM-Behandlungsprotokolle 2003 die SARS-Epidemie zuerst in Guangzhou und später in ganz China beendet werden konnte, dies in einem Interview für das chinesische Fernsehen sagen: „Die westliche Medizin ist eine Medizin der Naturwissenschaft, die chinesische Medizin ist eine Medizin der Philosophen und Gelehrten. Die westliche Medizin versucht, Krankheitsursachen zu identifizieren und zu beseitigen, die chinesische Medizin geht von den konkreten Symptomen aus und versucht sie im Gesamtmuster zu verstehen, woraus sich die korrekte Behandlung ergibt.“ 

Ein pathologisches Syndrom vor dem Hintergrund der lebendigen, sich geordnet wandelnden Muster des Lebens (worum es sich handelt, wenn man von Qi spricht) zu verstehen und durch das korrekte Verständnis zur korrekten Behandlung zu finden, das ist der „philosophische“ Ansatz (und zugleich auch „künstlerische“) Ansatz der chinesischen Medizin. Manchmal funktioniert dieser Ansatz sehr gut, manchmal weniger gut, manchmal auch gar nicht. Ich will hier nicht werten oder gar die chinesische Medizin in den Himmel heben,  sondern nur auf einen grundsätzlichen Unterschied zu unseren Auffassungen über Gesundheit und Krankheit hinweisen, einen Unterschied, den zu verstehen wichtig ist, wenn man sich mit der chinesischen Medizin oder mit Qigong beschäftigt. 

Ein holistisches Denken in Mustern, in Beziehungen, in der internen Bewegung des Lebendigen ist jedenfalls etwas sehr Wesentliches, und uns sehr Fremdes, und es fehlt uns. Es können sich diesem Denken Zusammenhänge erschließen, die dem reduktionistischen und analytischen Blick entgehen. Bei SARS war dieser „philosophische“ Ansatz (der nicht minder konkret und pragmatisch ist wie der schulmedizinische) in China erfolgreicher als die naturwissenschaftlich-medizinische Intervention, noch erfolgreicher war er letztes Jahr  in der Covid-19-Pandemie, auch wenn diese Tatsache weder im ersten noch im zweiten Fall bei uns zur Kenntnis genommen wurde und wird (was mangelndem Wissen über die Grundprinzipien der chinesischen Medizin und ihre Denk-Hintergründe und wohl auch Voreingenommenheit und intellektueller Faulheit geschuldet ist).

Yi qi zhen dao 以气臻道 - „Mittels des Qi den Weg erlangen“, dies ist ein Ausdruck, mittels dessen mein/unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng 林中鵬 das Wesen des Qigong zu beschreiben sucht. "Mittels des Qi den Weg erlangen" heißt, die allgemeinen Prinzipien und natürlichen Gesetzmäßigkeiten, die dem Qi, seiner Entfaltung und Bewegung zugrundeliegen, in der konkreten Qigongpraxis zu verkörpern und damit zu realisieren.

Mit Weg (Dao) ist der große Zusammenhang des Qi in allen Ebenen der Existenz gemeint (wie sie z.B. Zhang Zai in obiger Schrift  schildert), “konkrete Praxis" zielt auf die Verwirklichung dessen im eigenen Leben, im eigenen Körper, in der eigenen Gesundheit. Dao (der Weg, der Sinn, das zugrundeliegende Prinzip) und Qi (die Methode, die Übung, der Bewegungsablauf, die sich während des Übens bewegende Energie) stellen quasi die zwei Flügel der Qigong-Praxis dar, mit nur einem kann man nicht fliegen.

Die leichten und unbeschwerten Übungen, die Heilenden Laute, die wir letztes Frühjahr behandelt haben, die Entspannungsübungen, die einfachen Taiji-Übungen, auch die weiteren Übungen, die ich noch posten werde, mit all diesen Übungen lernt man, die beiden Schwingen auszubreiten und auf einer eigenen individuellen  Bahn  zu fliegen. Es handelt sich nicht um viele verschiedene Übungen, im Prinzip sind sie alle eins. Sie gründen auf denselben Prinzipien und sind in ihrer Einfachheit so konzipiert, dass sich im ruhigen und entspannten Tun die Regulation der „gegenläufigen Prozesse des Schwebens und Sinkens, Steigens und Fallens, von Bewegung und Ruhe“ einstellen und sich in der Folge das Dao als spontanes, natürliches, lebensgenerierendes schöpferisches Qi im ganzen Körper-Geist-Gefüge des Menschen verwirklichen kann.

Darum sind auch Entspannung und Stille so wesentlich. Die Stille liegt der Regulation zugrunde, sie ist der Zugang zu den dem Leben eignenden Möglichkeiten von Harmonie und Gesundheit. Qigong fördert die Fähigkeit des Organismus, die Selbstregulation wiederzufinden, die sich aus der Verbindung mit den Mustern und Kräften des universellen Lebens nährt. Führt man das Leben wieder zurück an diesen Ursprung (das schöpferische Qi), dann kann es sich entfalten, Gesundheit und Harmonie als Ausdruck dieser Beziehung stellen sich von selbst ein.

In der alten Philosophie wird das Universum auch als ziran 自然 bezeichnet: „Das, was aus sich selbst so ist“. Dao fa ziran 道法自然 "Der Weg richtet sich nach dem, was aus sich selbst so ist", heißt es bei Laozi. Im modernen Chinesisch bezeichnet der Begriff ziran die Natur. In Qigong und chinesischer Medizin verweist ziran auf die Möglichkeiten der Selbstorganisation, Heilung und Regeneration, die sich dann einstellen, wenn sich die natürlichen Qi-Prozesse ungehindert im menschlichen Organismus entfalten können, wenn die Regulation zur freien Entfaltung dessen führt, was von selbst so ist, von selbst so sein kann und von selbst so sein möchte.

Dieses Prinzip ist beim Üben von Qigong äußerst wichtig und wesentlich, es stellt einen der Fäden dar, der die vielen scheinbar unterschiedlichen theoretischen Inhalte und praktischen Übungen (auch auf diesem Blog) durchzieht. Erkennt und versteht man diesen, dann wird man sich nicht in Fülle und Vielfalt verlieren und die Wildgans kann zu den Gipfeln und Wolkenhöhen emporziehen", um es in der Sprache von Hexagramm 53 des Yijing auszudrücken.  Erkennt man den Faden nicht, bleibt die Wildgans am Boden oder verliert ihren Weg. 

Sunday, December 20, 2020

Die Wiederkehr des Lichts

Morgen kehrt mit der Wintersonnenwende das Licht zurück. Die Wiederkehr des einen Yang heißt es auf Chinesisch, yi yang lai fu 一阳来复. 

Im tiefsten Yin, der tiefsten Stille, der tiefsten Dunkelheit wird der Keim des einen Yang geboren, der im Verlauf des nächsten halben Jahres wächst und erstrahlt. 

Dies stellt auch das Grundprinzip des Qigong dar: durch die tiefe innere Stille wird das Yang-Qi geboren, das sich dann im Körper ausbreitet und diesen verwandelt.

Entspannung und Ruhe sind darum das Um und Auf im Qigong, sie stellen die Yin-Qualitäten dar, die die natürliche innere Bewegung des warmen lebensspendenden Yang erst ermöglichen.

In Irland befindet sich nicht weit von Dublin eine 
Brú na Bóinne genannte Ansammlung von neolithischen Kultstättenein, darunter das 5200 Jahre alte Ganggrab (Passage Tomb) Newgrange. Dieses ist so ausgerichtet, dass der erste Strahl der Morgensonne am Tag der Wintersonnenwende durch eine Öffnung über den Eingang in den Gang fällt und das Innere des Grabes erreicht.

Diese Wiederkehr des Lichts kann man in einem Livestream des Office for Public Works der Irischen Regierung miterleben, der morgen in der Früh und auch noch am Morgen des 22.12. um 8.45 UTC (entsprechend 9.45 MEZ) ausgestrahlt wird.

Hier der Link. Je nach Browsereinstellungen muss man unter Umständen bestimmte Cookies erlauben, dann funktioniert der Livestream. Zuerst „Please change your cookie preferences to see this content“ anklicken, dann unter „Allow“ die zwei Cookie-Kästchen abhaken und schließlich auf „Save preferences“ klicken.


Monday, December 14, 2020

Ein Text von Kerry: Das Yin während der Zeit des Neumondes sammeln

Heute ist der 14. Dezember, und ungefähr zu der Zeit, zu der ich anfange, diesen Text zu schreiben, geht der Neumond auf. Die drei Tage des Neumonds stellen eine Zeit besonderer Yin-Qualität dar, sie sind die Zeit des Monats, in der der Qi-Ausdruck des Yin am stärksten ist.

Yin-Yang im harmonischen Gleichgewicht (yinyang tiaohe 阴阳调和) lautet die Definition von Gesundheit in der Traditionellen Chinesischen Medizin. Dieser Begriff des harmonischen Gleichgewichts ist sehr umfassend, er bezieht sich gleichermaßen auf das Universum, auf unseren Planeten, auf die Natur und auf den Menschen. In all diesen Zusammenhängen bedeutet der Begriff „harmonisch“ dasjenige Zusammenspiel der Qi-Prozesse, zur richtigen Zeit und am richtigen Ort, das angemessen und nötig ist, um die Integrität des Ganzen zu gewährleisten - der Person, des Planeten, des Sonnensystems usw. Einfach gesagt, es dreht sich alles immer um Yin und Yang, ihr beständiges, regelmäßiges Fluktuieren und Interagieren.

Die Mitternacht ist die Zeit des größten Yin im Tageslauf, der Neumond bezeichnet den Zenith des Yin-Qi im Monatslauf, und im Winter erreicht der Yin-Aspekt des Qi seine Fülle und das Yin-Qi gelangt mit der Wintersonnenwende an seinen Höhepunkt.

Für jemanden, der Qigong praktiziert, stellen die Umschlagpunkte von Yin oder Yang eine Gelegenheit dar, „mit dem Strom zu schwimmen“ und sich dem Fluss der transformativen Qi-Bewegung anzuvertrauen. Mit anderen Worten, man kann die Übungspraxis nutzen, um die Qi-Essenz des Körpers zu festigen und zu regulieren. Das Üben von Qigong zu diesen bestimmten Zeiten bringt einen in Resonanz mit den universellen Rhythmen, das Qi des Menschen reagiert dann mit den stärksten Yin- oder Yang-Eigenschaften des Qi der Natur und integriert sich mit ihnen.

Das Qi fließt während der Zeiten des größeren Yin nach unten und innen, zur Festigung und Stärkung. Man kann dies als eine Art schwere Stille fühlen, vielleicht fühlt man sich auch geerdeter, oder einfach schläfriger! Das Qi nach unten fließen zu lassen, so wie man guten Wein in ein leeres Gefäß gießt, bedeutet, die eigenen tiefsten Schichten zu nähren, als Vorbereitung auf die bevorstehenden Veränderungen. Es ist eine Zeit, in der man sich auf die größere Kraft des Yin stützt, um nachzugeben und empfänglich zu sein. In der nächsten Phase der jährlichen Qi-Prozesse, wenn das Yin abnimmt und das Yang zu steigen beginnt, wird die aktive Energie, die es braucht, um motiviert und kreativ zu bleiben, dann durch eben das unterstützt, was während der Zeit des größeren Yin gesammelt wurde.

Ich schreibe dies als Ermunterung und Anregung für alle. Heute Abend und in den nächsten zwei Tagen, wenn die spezielle Yin-Energie des Neumondes noch am stärksten ist, aber eigentlich auch in den weiteren Tagen, da ja die Wintersonnenwende naht, all dies sind besonders gute Zeiten, um das Yin-Qi zu sammeln. 

Alle Arten von Qigong-Methoden sind dafür geeignet. Es gibt natürlich spezielle Methoden für diese Kulminationszeiten von Yin und Yang, die von Meistern verschiedener Traditionen angewendet werden, aber wir brauchen diese nicht. Die Prinzipien des Qigong bleiben ohnehin immer die gleichen - es ist in der Stille, dass sich das Qi sammelt, und es ist durch Entspannung, Weichheit und Offenheit, dass sich das Qi bewegt.

Die Übungen der letzten Monate sind gut dafür. Die „Leichten und Unbeschwerten Übungen“ ( die das Qi öffnen, glätten und weich machen), die Sechs Heilenden Laute (die das Qi klären und öffnen), ruhiges Atmen, Meditation oder Massage (die das Qi beruhigen und besänftigen), durch all diese Formen der Qigong-Praxis kann man das Yin sammeln und das Qi nähren und motivieren.

Damit kann man das regelmäßige, tägliche Üben zu eine Art Verjüngungspraxis machen, zu etwas, das uns gleichermaßen erdet und motiviert und die Harmonie von Yin und Yang zum Ausdruck bringt.

Monday, November 2, 2020

Die Unbeschwerten Übungen und ein Grundprinzip der Yin-Yang-Theorie

Hier ein kurzer Text von Kerry über die „Leichten und unbeschwerten Übungen“ und ein Grundprinzip der Yin-Yang-Theorie:

Die Yin-Yang-Theorie der TCM beschreibt, wie sich das Leben (das Qi) in vier Richtungen (hinauf und hinab, hinein und hinaus) bewegt und dadurch den nötigen Raum für die Integration und Transformation aller Lebensprozesse schafft - im Menschen, in der Natur, im ganzen Universum.

Die 4 Bewegungsrichtungen stellen komplementäre Polaritäten dar, zwei Paare, die nicht getrennt werden können. Es gibt kein Heben ohne Senken, keine Kontraktion ohne Ausdehnung, keine Bewegung nach innen ohne eine nach außen. Atmet man ein, drückt das Zwerchfell nach unten, während sich die Brust hebt und der Bauch ausdehnt. Atmet man aus, steigt das Zwerchfell, während die Brust sinkt und sich der Bauch zusammenzieht.

Alle Qi-Prozesse unseres Körpers sind auf diese Weise koordiniert. Wird die Bewegung in die vier Richtungen nicht beeinträchtigt oder gehemmt, dann können wir unseres Gesundseins sicher sein. Es existiert dann der notwendige Raum für die Gesundheit, der Raum, den Qi, Blut, Atem und Geist brauchen, um kontinuierlich durch alle Aspekte unseres Seins strömen können.

Dies ist Teil des TCM-Verständnisses der Bedeutung von „ungehindert“, „ungebunden“, „frei“ und „leicht“ (xiaoyao 逍遥 auf Chinesisch) als natürlicher Qualitäten des Lebens.

Beim Üben der Unbeschwerten Übungen richtet man sich zuerst zwischen Himmel und Erde aus, entlang der vertikalen Achse der Wirbelsäule. Der Geist wird ruhig, während man durch die Nase ein- und ausatmet. Die Handflächen ruhen auf dem Unterbauch, um diesen zentralen Speicher alles gesunden Potentials zu aktivieren und ein Gefühl der Wärme im „Dantian“ oder „Meer des Qi“ hervorzurufen.

Dies öffnet die Grenzen unseres Seins hin zu einem anderen Raum und einer anderen Zeit, die sich entspannt, grenzenlos und still anfühlen. Ein Raum, in dem alles passieren kann, in dem alles möglich ist. Ein Raum, in dem das Leben fließen kann, natürlich und ohne Behinderung.

Während der Übung, um diesen Fluss des Lebens zu unterstützen und nicht zu stören, bewegt man sich langsam und koordiniert in den vier Richtungen - der Atem strömt ein und aus, der Körper steigt und sinkt, die Arme öffnen und schließen. Je mehr man sich entspannt, desto mehr beruhigt sich der Geist. Die geistige Ruhe ermöglicht die freie Bewegung des Qi, so dass es nähren kann und festigen, transformieren und verfeinern. Dies wiederum führt zu weiterer Entspannung und einem tiefen Gefühl des Wohlbefindens.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man das Qi wahrnehmen kann, dieses Wohlbefinden ist eine davon. Es ist die Verkörperung des Ausdrucks „xiaoyao“ „frei, unbeschwert, ungebunden und einfach“ , es ist das, was diese Übung und Qigong im Allgemeinen so schön und wohltuend macht.

Wednesday, June 10, 2020

Eine kurze "Plauderei" über Qigong


Oskar Außerer vom Zentrum für die Dokumentation von Naturheilverfahren hat vor kurzem dieses alte Video bei sich zuhause gefunden und einen kurzen Ausschnitt auf Youtube gestellt. Es ist ein sozusagen "historischer" Videoclip, von einem Seminar aus dem Jahr 1995 mit Prof. Cong und mir als Übersetzer in Südtirol. Es gibt mehrere Stunden Materials, und Oskar hat mir versprochen, in Zukunft mehr davon auf Youtube zu posten, doch wird die Digitalisierung der ursprünglichen VHS-Bänder noch dauern. 

Wie gesagt, es ist nur ein kurzes Video von Prof. Cong, wie er mit einigen Instruktionen zur Körperhaltung seinen Unterricht des Taiyi Yuanming Gong 太乙元明功 (der „Übungen des Erhabenen Lichts“, oder man könnte auch übersetzen, der „Übungen des Ursprungs des Lichts“) beginnt. 

Ich nehme es heute als Anlass für ein kurze Plauderei über Qigong im Allgemeinen und unsere Übungen im Speziellen.

Diese sehr einfachen Übungen aus der Wudang 武当 - Tradition wurden von Prof. Cong sehr geschätzt und bei fast jedem Seminar unterrichtet, das er in den Jahren 1988 bis 1997 hielt. 

Ich werde diese Aufnahme auch zum Anlass nehmen, ein Video dieser Übungen für Youtube zu produzieren. In den letzten Monaten, als ich so viel von den chinesischen Materialien gesichtet habe, die anlässlich der Covid-Pandemie im chinesischen Internet publiziert wurden, wurde mir wieder einmal bewusst, auf was für einem hohen Niveau Prof. Cong Yongchun und später auch Prof. Lin Zhongpeng damals Qigong unterrichtet hatten, und wieviel von den wesentlichen Inhalten des Qigong weder bei uns noch auch im heutigen China thematisiert werden. Oder schlichtweg nicht bekannt sind.

Damals war Qigong bei uns in den Anfängen. Prof. Lin Zhongpeng wusste, wie wichtig es sein würde, von Anbeginn die Essenz des Qigong zu vermitteln und sich nicht in Nebensächlichkeiten zu verlieren. In China hatte man mit der Popularisierung des Qigong in den 80er- und 90er-Jahren gemischte Erfahrungen gemacht. Einerseits wusste man schon vom medizinischen Wert und Wirksamkeit dieser alten Methoden und konzentrierte sich in der zu jener Zeit entstehenden Qigong-Forschung vor allem auf diesen Aspekt. Doch mehr und mehr entwickelte Qigong eine Eigendynamik, übertriebene Behauptungen wurden aufgestellt, viele Lehrer verkauften sich als Meister angeblicher geheim überlieferter Übungsformen oder betonten die quasi magischen außergewöhnlichen Fähigkeiten, die durch bestimmte Übungen geweckt werden könnten. Die zunehmende Vermarktung des Qigong tat noch ein weiteres dazu. Prof. Lin stand all dem sehr kritisch gegenüber und meinte schon in den 90er-Jahren, dass man ohne eine fundierte Ausbildung in dem weiten Feld des Qigong sehr schnell die Orientierung verlieren würde.

Er hatte Anfang der 80er-Jahre das „Chinese Qigong College for Advanced Studies“ in Peking gegründet, als Ausbildungsmöglichkeit vor allem für Qigong-Spezialisten. Natürlich kann jeder für sich privat Qigong üben, doch wenn man nicht definieren kann, was Qigong ist, wenn man dessen Geschichte nicht kennt, nichts über dessen Hintergründe (kulturell, philosophisch, medizinisch usw.) Bescheid weiß oder über den dem Qigong eigenen holistischen Denkansatz, dann bleibt das eigene Niveau notwendigerweise beschränkt. Und, was man auch bei uns beobachten kann: es macht einen anfällig für die Behauptungen und Versprechungen der vielen selbsternannten Meister und Großmeister. In aller Klarheit fundiert zu unterrichten und ein sachliches Verständnis des Qigong zu vermitteln, das war Prof. Lins Anliegen und machte ihn zum führenden Theoretiker des modernen Qigong in China. Sein enormes praktisches Können stellte er dabei immer „unter den Scheffel“.

Prof. Cong war Prof. Lins Mitarbeiter. Im Rahmen eines Projekts des österreichischen Wissenschaftsministeriums (Minister war damals Dr. Franz Kreuzer) wollte Prof. Georg König, einer der Pioniere der Akupunktur in Österreich und Präsident der österreichischen Akupunktur-Gesellschaft, im Jahr 1988 interessierte Ärzte und auch Patienten mit dem bei uns zu jener Zeit weithin unbekannten Qigong bekanntmachen. Prof. Lin entschied damals, für dieses Projekt Prof. Cong nach Österreich zu schicken und ihn mit dem Unterricht ganz bestimmter Qigong-Methoden zu betrauen.

Wie mir Prof. Lin später erklärte, war die Auswahl der Methoden wohldurchdacht und basierte auf den oben nur skizzenhaft geschilderten sowohl positiven wie auch negativen Erfahrungen, die man mit Qigong während der Zeit des „Qigong-Fiebers“ in den 80er-Jahren gemacht hatte. 

Als wichtigste therapeutische Methode unterrichtete Prof. Cong das Qigong-Gehen, eine moderne Methode, von Frau Guo Lin 郭林 entwickelt, die mit großem Erfolg bei chronischen Krankheiten und Krebs zum Einsatz gebracht worden war. Prof. Cong hatte bei Han Qiusheng 韩秋生, einem der Schüler von Frau Guo Lin gelernt, der später seine eigene Qigong-Schule gründete. Prof. Cong unterrichtete in seinem ersten Jahr in Europa hauptsächlich Ärzte und Patienten, darum waren die verschiedenen Gehmethoden zur Stärkung des Qi der Nieren (qiang shen fa 强肾法), des Herzens (qiang xin fa 强心法), der Milz (qiang pi fa 强脾法), der Leber (qiang gan fa 强肝法 und der Lungen (qiang fei fa 强肺法) zusammen mit der Methode des Hebens und Senkens, Öffens und Schließens (shengjiang kaihe fa 升降开合法) zentrale Inhalte seiner Seminare.

Aber auch andere Übungen, mit denen Prof. Cong am Fujian College für Traditionelle Chinesische Medizin gute therapeutische Erfahrungen gemacht hatte, waren Teil des umfangreichen Unterrichts- und Übungsprogramms. Darunter waren die oben erwähnten Yuan Ming Gong 元明功 - Übungen, welche Prof. Cong von Li Zhaosheng 李兆生 gelernt hatte, die Fanhuanggong 返还功 - Übungen des daoistischen Meisters Shen Yuewu 沈岳武, Laozi’s Methode zur Kultivierung des Wirklichen (Laozi Xiuzhen Qigong 老子修真气功) und eine Reihe weiterer traditioneller Übungen. 

Der Grundgedanke bei all diesen Übungen war: Um Qigong korrekt üben zu können, muss man verstehen, dass das Entscheidende das Eintreten in den qigong-spezifischen Ruhezustand ist. Das Qi gründet in der Stille, während des Übens ist nicht das korrekte Ausführen der Bewegungen entscheidend, sondern das Erlangen des Qi. Darin gleicht es der Akupunktur: ohne das Erlangen des Qi (deqi 得气) stellt Akupunktur nur oberflächliches Tun ohne den eigentlich möglichen therapeutischen Gehalt dar.

Darum ist es in erster Linie wichtig, in der Bewegung die Ruhe zu finden. Dafür eignen sich simple Bewegungsabläufe viel besser als komplexe. Die meisten traditionellen Qigong-Übungen sind deshalb sehr einfach, und entsprechend leicht zu erlernen. Misst man Bewegungen oder Formen (oder den blumigen Namen der Übungen) eine große Wichtigkeit bei, so „verwechselt man die Zweige mit dem Stamm“ (um einen chinesischen Ausdruck zu paraphrasieren). 

Und auch die Konzentration, so wichtig sie beim Üben ist, ist dem Erreichen der Ruhe untergeordnet.

Ziran 自然 ist das entscheidende Wort, einer der chinesischen Ausdrücke, die man kennen sollte. Im modernen Chinesisch bedeutet der Ausdruck „Natur“, wörtlich heißt er: „Das, was von selbst so ist.“ „Was aus sich selbst so ist.“ Qigong übt man, um dieses „Von-selbst-so“ zu ereichen. Zu sagen, dass alle Wirkungen im Qigong von selbst entstehen, wäre übertrieben, natürlich „tut“ man etwas. Man führt Bewegungen aus, atmet, konzentriert sich. Doch steht all dieses Tun im Dienste der inneren Ruhe und Stille, aus welcher man wiederum „das Qi erlangt“.

Zhi xu ji, shou jing du 致虚极守静笃 - Die äußerste Leere erreichen, die tiefste Stille bewahren - dieses Laozi-Zitat enthält die Essenz dessen, was Qigong ausmacht. Das Qi entspringt der Stille, die Bewegung erhebt sich aus der Ruhe. Das Qi, einmal in Bewegung, organisiert sich von selbst, ordnet sich von selbst, heilt von selbst. Je weniger man zu den sich in der Ruhe ereignenden inneren Prozessen hinzufügt, desto wirksamer die Qigong-Praxis. 

Ich erinnere mich noch gut, als mich Prof. Cong ermahnte (ich war damals wohl zu ehrgeizig): „Hör auf, dein Qi mit deinen Wünschen zu stören! Es ist ein Fehler, das Qi führen und leiten zu wollen. Wichtig ist allein die Stille, wenn sich das Qi dann bewegt, weiß es selbst um die natürlichen Bahnen. Du hingegen bildest dir ein, es zu wissen, tatsächlich bringst du mit deiner Einmischung das Qi nur durcheinander.“

Prof. Lin sagte dasselbe, und wenn man sich die Tradition ansieht, so findet man diese Aussage immer wieder. Im Fanhuangong heißt es: „Sich in die stille Kammer zurückzuziehen, um das Qi im Körper zu führen, ist sinnlos. Das Qi fließt von selbst. Das Qi durch die eigene Absicht zu bewegen, ist ebenso unnötig, wie sich einen zusätzlichen Kopf aufsetzen zu wollen.“

Aus diesem Grund nannte Chen Yingning 陈婴宁, der große Erneuerer des Daoismus im 20. Jahrhundert, seine Methode „Übung der Stille“ (jinggong 静功) und grenzte sich ab von Qigongtechniken der Manipulation von Qi. Auch er meinte, Heilung erfolge ausschließlich durch die Stille. Die Essenz der traditionellen Methoden könne durch zwei Ausdrücke gefasst werden: “Verbindung von Atem und Geist” (xinxi xiangyi 心息相依) sowie Sammlung des Geistes und Versenkung in die Stille” (shouxin rujing 收心入境).

In einem der ersten Postings habe ich über die mögliche Schutzwirkung von Qigong in diesen pandemischen Zeiten geschrieben, aber gleich betont, dass man nicht glauben müsse, eine spezielle Übung dafür zu benötigen. Wir haben uns in diesen Wochen und Monaten auf die Sechs Heilenden Laute konzentriert als eine der traditionell überlieferten Methoden, doch jede andere Methode, die man kennt, die einem liegt und die man gerne übt, und durch die man in die Stille findet, ist genauso gut geeignet. 

Genauso gut geeignet, weil die Essenz des Qigong eben dieses ist:

Das Qi muss nicht gelenkt, geleitet und kontrolliert werden, es organisiert und ordnet sich von selbst. Der Wille zu Beeinflussung entstammt Schichten des Bewusstseins, die nicht in Berührung sind mit der grundlegenden Ganzheit des Lebens. Im Qigong sind Entspannung und Stille nicht zur Vorbereitung da, sondern wichtige und wesentliche Mittel zur Förderung und Unterstützung der natürlichen Ordnung des Qi. 

Die Bewegung des Qi im Zustand der Stille entspricht der Selbstregulationsfähigkeit des Lebens, sie ist die Basis des natürlichen Potentials von Gesundheit und Gleichgewicht. Qigong zu üben, heißt also, dem Organismus zu helfen, die Fähigkeit zur Selbstregulation und damit die Anbindung an das lebende Universum (da Qi „lebendige Materie“ ist, kann man es im chinesischen Verständnis so nennen) wiederzufinden. Findet man an diesen Ursprung zurück, so wird sich das Qi besser entfalten, wird sich das Leben besser entfalten. Was als Gesundheit und Gleichgewicht möglich ist, stellt sich dann von selbst ein.

Diese Gedanken gingen mir heute durch den Kopf, als ich Prof. Cong in dem kurzen Videoauschnnitt von damals gesehen habe. Wie er immer wiederholte: Nicht das Kennen und Üben vieler Übungen ist im Qiqong wesentlich, sondern das Eintreten in den Zustand der Stille. In dieser Einfachheit und Schlichtheit ist das gesamte Potential zur Meisterung der Kunst des Nährens des Lebens (yangsheng 养生) enthalten.

Thursday, June 4, 2020

Tiaoxi 调息 - Regulation des Atems

Der Schlüssel zur Integration von Körper und Geist, zum bewussten Erreichen eines Zustands tiefer Entspannung und zur Förderung eines stärkeren Qi-Flusses im Körper ist die Regulierung der Atmung.

Die meisten Qigong-Methoden betonen die „natürliche Atmung“. Dies bedeutet, dass man mit dem Atem auf natürliche Weise umgeht, ihn also nicht hemmt oder zwingt, komplizierte Techniken anwendet oder ihn auf irgendeine Weise leitet. Es bedeutet jedoch nicht, den Atem zu ignorieren.

Der natürliche Atem ahmt den Atem eines Baby im Schlaf nach. Beim Einatmen ist der Körper entspannt, der Bauch steigt, wenn die Luft einströmt. Beim Ausatmen bleibt der Körper entspannt und der Bauch fällt. 

Früh schon im Leben, ab dem Zeitpunkt, an dem wir lernen zu gehen, beginnt sich die Atmung zu ändern - sie wird flacher, drückt nach oben, füllt die Brust und beschränkt sich oft nur auf den oberen Brustraum. Alltagsaktivitäten wie das Arbeiten am Computer, telefonieren, sich auf Aufgaben konzentrieren, die Wohnung putzen, selbst physisches Training - all dies und mehr kann dazu führen, dass man den Atem anhält, zu flach atmet, einen unregelmäßigen Atemrhythmus entwickelt, den Hals oder die Schultern zu fest hält, den Bauch verspannt usw.

Wenn beim Üben von Qigong Spannungen im Körper auftreten, oder wenn man sich anstrengt, dann ändert sich die Atmung, auch bei geistiger Anspannung oder bei emotionalen Reaktionen ändert sich die Atmung. Regelmäßiges Seufzen und Gähnen sind dann die Mechanismen des Körpers, um Emotionen, Körper und Atem zu regulieren. Es ist normal und ein gutes Zeichen, wenn solche Reaktionen des Körpers während des Übens (oft ist es am Anfang des Übens) auftreten, sie zeigen, dass der Körper beginnt, sich zu regulieren.

Wenn man die Heilenden Laute übt, versucht man einen Atem zu entwickeln, der leise ist, glatt und so fein, dass man ihn nicht hört. Der Atemrhythmus bei den Übungen der Heilenden Laute, so wie wir sie üben, ist: 

Einatmen durch die Nase, Ausatmen durch die Nase, Einatmen durch die Nase, Ausatmen durch den Mund, während man sich den Laut vorstellt. Dann folgen noch einmal Einatmen und Ausatmen durch die Nase.

Bei jedem Laut sollte sich die Atmung natürlich anfühlen, man sollte keine Spannung und keinen Widerstand spüren. Man bemüht sich nicht und strengt sich nicht an. Man konzentriert sich auf den Atem - auf sehr entspannte Weise (keine starke Konzentration!) - und koordiniert ihn mit den Bewegungen. Im Verlauf der Zeit wird es einem mehr und mehr gelingen, den eigenen Rhythmus zu finden, einen angenehmen Rhythmus, von dem man sich leiten lassen kann, während man langsam die Bewegungen ausführt. 

Bei Methoden wie den Heilenden Lauten ist es wichtig, sich die Zeit zu geben, die eigene Übungspraxis zu entwicklen, solange, bis man schließlich fähig wird, in einem langsamen Rhythmus mittels langer, feiner, frei fließender, ruhiger Atemzüge zu atmen. Ist man einmal dort angelangt, dann hat man sehr viel verwirklicht, was die mögliche Integration von Körper, Geist und Atem betrifft.

Beim Lernen und Üben der Heilenden Laute (und auch jeder anderen Qigong-Methode) orientiert man sich an den drei Grundprinzipien. Bevor man zu üben beginnt, gibt man sich als Vorbereitung ein paar Minuten, um den Körper (die Haltung), den Atem und den Geist (die Gedanken) regulieren, und versucht diese drei Regulierungen auch während des folgenden Übens nicht zu vergessen.

Das heißt, dass man Bewegungen nicht einfach nur mechanisch ausführt. Man führt einen Bewegungsablauf aus und reguliert dann wieder (macht eine Pause, entspannt sich, beruhigt den Atem, stillt die Gedanken). Dann fährt man mit dem nächsten Teil der Bewegungen fort. Merkt man beispielsweise beim Üben, dass Spannungen entstehen, oder hat man das Gefühl, dass die Übung zu anstrengend wird, dann hält man einfach inne und wartet, bis die Atmung wieder ganz natürlich ist. Dann macht man mit dem Üben weiter. Man versucht also immer wieder loszulassen, den Geist zu beruhigen und still zu werden. Solcherart lernt man, wie man sich tiefer und tiefer in den Qigong-Zustand versenken und damit die Wirksamkeit der Übungen verbessern kann.

Bei den drei Prinzipien ist die Entspannung ist der entscheidende Punkt. Es ist wichtig vor dem Üben locker zu sein und entspannt, und im Folgenden während des gesamten Übungsablaufs. Und man wird herausfinden, dass die drei Regulierungen - des Körpers, des Geistes und des Atems - eigentlich immer gleichzeitig auftreten. Es ist nicht möglich, den Körper ganz zu entspannen, ohne dass nicht auch der Geist zur Ruhe kommt und der Atem zu einem natürlicheren Kommen und Gehen findet.

Wenn man sich nicht anstrengt, dann arbeiten Körper, Atem und Geist in einem Zustand der Tiefenentspannung zusammen, der als „Qigong-Zustand“ bezeichnet wird. Das in diesem Zustand geschaffene Muster gesunder Selbstintegration trägt einen durch den Tag. Man fühlt sich körperlich besser, der Geist kann klar bleiben und konzentriert, das Atmen fällt leichter und wirkt vitalisierender. Dieses Muster entwickelt sich mit der Zeit zu einer Norm, zur Norm eines stabilen Gleichgewichts, welches dem gesunden Funktionieren des Körpers zugrunde liegt (d.h. das Qi funktioniert auf geordnete, natürliche Art und Weise) und das während des gesamten Lebens auch die eigene Kreativität inspirieren und motivieren wird.

Monday, May 18, 2020

Tiaoxin 调心 - Regulation des Herzens (des Geistes)

Der Weg des Großen Lernens besteht darin, die klare Tugend zu klären, die Menschen zu lieben und im höchsten Guten zur Ruhe zu kommen.

Wenn man zur Ruhe kommt, so gibt es Festigkeit; hat man Festigkeit, gibt es Stille; hat man Stille, gibt es Frieden; hat man Frieden, kann man bedenken; kann man bedenken, so kann man erlangen.

Die Dinge haben ihre Wurzeln und Zweige, die Angelegenheiten haben Ende und Anfang. Erkennt man, was früher kommt und was später, so nähert man sich dem WEG… (Aus Konfuzius - Das Große Lernen) 

Das zweite der drei Grundprinzipien für den Eintritt in den sogenannten „Qigong-Zustand“ beschreibt eine sich im ganzen Menschen entfaltende tiefe Entspannung, eine Entspannung also nicht nur des Körpers (der Yin 阴 ist), sichtbare und substanzielle Form der Existenz, sondern auch von Geist und Seele (vom Qi her gesehen Yang 阳), die die nicht sichtbare, nicht substanzielle Aktivität und Inspiration der menschlichen Existenz umfassen.

Regulation des Herzens (des Geistes)

Wenn man den Körper reguliert, beginnt man bereits, auch das Herz-Qi zu regulieren. Die Entspannung auf der tiefsten physischen Ebene bezieht sowohl den Atemmechanismus als auch den Herzrhythmus ein und führt zu einem gleichmäßigeren Fluss von Atem und Blut, ideal für die Bedürfnisse des Körpers. Ist man lockerer und entspannter während des Qigong-Übens, dann werden sowohl Puls als auch Blutdruck besser und je nach Notwendigkeit reguliert. Ist der Puls normalerweise zu schnell ist, wird er sich verlangsamen. Ist der Blutdruck normalerweise zu hoch oder zu niedrig ist, wird er sich auf einen gesünderen Wert einstellen. Dies stellt den spürbaren Effekt der Regulierung des Yang-Qi des Herzens dar: Kreislauf, Pulsfrequenz und Blutdruck beginnen sich an den entspannteren körperlichen Zustand anzupassen.

Dies ist der physische Aspekt der Regulierung des Herz-Qi. Die Regulierung des Geistes, also der nicht-physischen Aspekte des Herz-Qi, seiner Denk- und Gefühlsaspekte, bedeutet, dass man in einen zutiefst ruhigen Zustand eintritt, in eine weite und stabile innere Stille, die von keinerlei äußeren Sinnesimpulsen (visuelle Eindrücke, Geräusche, Gerüche, auch Wetter oder Raumtemperaturen) beeinflusst wird. Die innere Aktivität mentaler Bilder, von Gefühlen oder emotionalen Reaktionen und der ständige, chaotische Strom der Gedanken verlangsamen sich, während sich Klarheit und Leichtigkeit in Geist und Herz einstellen.

Vor allem anderen entsteht durch die geistige Ruhe ein Gefühl der Weite des Raums und die Erfahrung von Zeitlosigkeit. Gedrängt auf einem unbequemen Platz in einem vollen Zug sitzend, kann man das Gefühl haben, sich allein auf einer stillen Berggwiese zu befinden, eine Reise von Stunden kann sich wie Minuten anfühlen, Geräusche von Maschinen und Gespräche von Leuten können in die Ferne rücken oder kommen und gehen, ohne einen Eindruck zu hinterlassen, ohne dass man aus diesem vertieften und verfeinerten Zustand herausfällt. Dies ist die Essenz des sogenannten „Qigong-Zustands“, und selbst der kürzeste Moment des Eintritts in diesen heißt die Fähigkeit zu üben und kultivieren, das Leben zu nähren.

Im eröffnenden Satz des Konfuzius zugeschriebenen „Großen Lernens“ gibt es drei Begriffe: Ding 定, Jing 静, An 安“, die wörtlich übersetzt bedeuten: fest, ruhig, friedlich. Im Großen Lernen wird beschrieben, wie man Schritt für Schritt die eigene wahre menschliche Natur in Übereinstimmung mit Himmel und Erde entwickeln könnte. Stabilität, Ruhe, Frieden sind drei dieser Schritte: Ding 定 bedeutet ruhige Festigkeit und Stabilität, Jing 静 vertiefte Stille, und An 安 einen Zustand des Friedens.

Letzterer (An 安 - Frieden) ist im normalen Alltag wahrscheinlich schwer erreichbar, besonders in diesen unsicheren Zeiten. Aber innere Festigkeit, Stabilität und Ruhe, die den Zugang ermöglichen zu Weite und Stille des Qigong-Zustands, kann man durch Qigong sicher entwickeln.

Friday, May 15, 2020

Tiaoshen 調身 - Regulation des Körpers

Einer von drei Texten von Kerry über die drei grundlegenden Prinzipien des Qigong:

Diese Notizen beziehen sich zwar konkret auf das Üben der Liu Zi Jue - Heilenden Laute, da dies die hauptsächliche Methode ist, auf die wir uns in diesen pandemischen Zeiten zum Schutz der Gesundheit konzentrieren, doch gelten die folgenden Inhalte nicht nur für diese eine Qigong-Methode oder nur für Qigong-Anfänger, sondern betreffen das Üben aller Arten von Qigong, ob still oder in Bewegung, und jedes Niveau des Übens. Im Qigong ist es immer so, dass die einfachsten Methoden und grundlegendsten Anweisungen die tiefgehendsten sind, und man immer wieder konsequent zu diesen zurückfinden muss, unabhängig davon, wie fortgeschritten man ist, wie viele Methoden oder Übungs-Formen man gelernt oder welche Erfahrungen man schon gemacht hat.

Es gibt drei Grundprinzipien, die einem ermöglichen, in den sogenannten Qigong-Zustand einzutreten. Diese Prinzipien beachtet man bei allen Qigong-Methoden. Je tiefer man in den Qigong-Zustand findet, desto stärker und freier fließt das Qi, und desto offener wird man als Organismus für die Feinheiten dieses Flusses und die durch ihn ausgelösten Empfindungen.

Das erste der drei Prinzipien ist:

Tiaoshen 調身 - Regulation des Körpers

Bevor man zu üben beginnt, egal, ob es eine bewegte Übung ist oder eine Übung im Stehen, Sitzen oder Liegen, ist es wichtig, körperlich tief entspannt zu sein. Wenn man im Qigong von Entspannung spricht, dann meint man nicht nur den Körper, sondern in erster Linie das Qi selbst. Entspannung heißt, das Qi zu öffnen und ihm zu ermöglichen, im Körper besser zu fließen, den Körper besser zu durchdringen und alle Bereiche des Körpers zu erreichen. 

Natürlich findet Entspannung zunächst auf einer relativ oberflächlichen Ebene des Körpers statt, auf der Ebene der Sehnen, der Muskeln und des Bindegewebes. Dort beginnt man, davon geht man aus, und dann versucht man, die Entspannung noch tiefer gehen zu lassen, was mehr Übung erfordert.

Bewegt man sich von der Oberfläche nach innen, lösen sich auch die Spannungen in den großen Gelenken, in Schultern, Hüften, Knien, und im Weiteren auch in den kleineren Gelenken, im Kiefer, in den Ellbogen, Handgelenken, Sprunggelenken und in allen Abschnitten der Wirbelsäule von der Schädelbasis bis zum Kreuzbein.

Wenn man den Körper dermaßen scannt und entspannt, von der äußersten bis hin zur innersten Ebene, von den größten bis zu den kleinsten Gelenken, dann ist es am besten, oben zu beginnen und nach unten zu gehen - vom Kopf zum Hals und zu den Schultern, zu den Armen, Händen und Fingern, die Brust und den oberen Rücken hinunter, zum Bauch und zum unterem Rücken, zu Hüften, Becken und Gesäß, und dann die Beine hinunter zu den Füßen und Zehen.

Indem man lernt, auch die kleinsten Gelenke zu entspannen, lockern sich spürbar auch Bereiche des Gesichts und der Kopfhaut. Das Entspannen der winzigen Gelenke der Finger und Zehen, des Steißbeins und der Wirbelsäule ermöglicht einen volleren und offeneren Fluss von Qi und Blut, von den Fingerspitzen und Zehen zu Gesicht, Kopf, Gehirn, und durch den ganzen Körper.

Unsere lebenswichtigen Organe befinden sich alle nahe der Wirbelsäule. Daher ist es besonders wichtig, diese Fähigkeit der Entspannung und Lockerung zu entwickeln, damit die Wirbel und auf einer tieferen Ebene das Rückenmark keine Spannung halten (hier wird es besonders offensichtlich, dass ich vom Qi spreche: es geht um den Qi-Fluss im Rückenmark). Selbst bei Grunderkrankungen wie z.B. Arthritis, oder bei Rücken- oder Gelenkverletzungen ist es möglich, diese Tiefenentspannung zu erreichen, die den Fluss von Qi und Blut öffnet und die gesamte Körperstruktur stärkt.

Der Körper reagiert auf jede Spannung, auf äußere und auf innere (durch Gefühle oder Gedanken) - wenn man eine feste Faust macht, erzeugt dies Spannung im übrigen Körper; steife Schultern oder ein fester Kiefer erzeugen Spannung; wenn man sich beim Qigong-Üben zu sehr um perfekte Bewegungen bemüht; in tiefere Positionen geht, als die Muskeln gewohnt sind; oder wenn man sich in irgendeiner Weise dazu drängt, die körperlichen Grenzen zu überschreiten, immer dann erzeugt man Spannung. Und jede körperliche Spannung spiegelt sich in Psyche und Geist wider und umgekehrt. Wenn man mit einem Hammer auf den eigenen Daumen schlägt, wird die Reaktion sowohl körperlich sein wie auch emotional. Wenn man glaubt, Kälte nicht aushalten zu können, dann ziehen sich die Schultern zusammen, der Körper spannt sich und man friert buchstäblich ein.

Der Körper ist Form, fest und sichtbar. Es stellt die Struktur der Existenz dar, einer Existenz, welche im großen Bogen durch alle Lebensphasen eine Entwicklung durchläuft und sich dabei stetig wandelt. Der Geist und die Emotionen sind unsichtbar, ohne Form und Substanz. Gedanken und Gefühle bewegen sich schnell, sie kommen und gehen, verbinden unsere äußere mit der inneren Existenz, transformieren und erschaffen die wahrgenommene Wirklichkeit. Geist und Körper arbeiten zusammen, um die tiefsten Ebenen der menschlichen Existenz mit den äußersten Grenzen der physischen Form zu integrieren.

Der Teil unserer Existenz, der sowohl sichtbar als auch unsichtbar ist und sowohl eine physische als auch nicht-physische Qualität hat, ist der Atem. Er ist Luft, er ist feucht, er regt die Zirkulation von Qi und Blut im ganzen Körper an, er bewegt Qi und Blut, er entsteht, wenn wir geboren werden, und hört auf, wenn wir sterben.

Wenn man also lernt, wie es für das Üben von Qigong erforderlich ist, sich auf den tiefsten Ebenen zu entspannen, dann ist es wichtig, dies mittels des Atems zu tun. Man lässt den Atem Spannungen im Körper und im Geist lösen. Indem man auf natürliche Weise atmet, leicht und mühelos, in einem gleichmäßigen und kontinuierlichen Fluss zwischen Ein- und Ausatmen, und sich dabei die Zeit nimmt, alle großen und kleinen, innersten und äußersten Körperbereiche zu entspannen, entwickelt man die eigenen Qigong-Fähigkeiten.

Die Regulierung des Körpers ist ein wesentlicher erster Schritt der Qigong-Übungspraxis. Sie ist aber auch eine nützliche Methode für den Alltag - entspannt im Körper zu bleiben bedeutet sicherzustellen, dass man sich wohl fühlt, egal in welcher Situation, und die körperliche Energie nicht damit verschwendet, Spannungen im Körper aufrechtzuerhalten. Sich im Körper wohl zu fühlen heißt sich auch psychisch, geistig wohler fühlen zu können, was sicherlich der Gesundheit hilft und der Fähigkeit, das Leben zu genießen!

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...