Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Wednesday, June 10, 2020

Eine kurze "Plauderei" über Qigong







Oskar Außerer vom Zentrum für die Dokumentation von Naturheilverfahren hat vor kurzem dieses alte Video bei sich zuhause gefunden und einen kurzen Ausschnitt auf Youtube gestellt. Es ist ein sozusagen "historischer" Videoclip, von einem Seminar aus dem Jahr 1995 mit Prof. Cong und mir als Übersetzer in Südtirol. Es gibt mehrere Stunden Materials, und Oskar hat mir versprochen, in Zukunft mehr davon auf Youtube zu posten, doch wird die Digitalisierung der ursprünglichen VHS-Bänder noch dauern. 

Wie gesagt, es ist nur ein kurzes Video von Prof. Cong, wie er mit einigen Instruktionen zur Körperhaltung seinen Unterricht des Taiyi Yuanming Gong 太乙元明功 (der „Übungen des Erhabenen Lichts“, oder man könnte auch übersetzen, der „Übungen des Ursprungs des Lichts“) beginnt. 

Ich nehme es heute als Anlass für ein kurze Plauderei über Qigong im Allgemeinen und unsere Übungen im Speziellen.

Diese sehr einfachen Übungen aus der Wudang 武当 - Tradition wurden von Prof. Cong sehr geschätzt und bei fast jedem Seminar unterrichtet, das er in den Jahren 1988 bis 1997 hielt. 

Ich werde diese Aufnahme auch zum Anlass nehmen, ein Video dieser Übungen für Youtube zu produzieren. In den letzten Monaten, als ich so viel von den chinesischen Materialien gesichtet habe, die anlässlich der Covid-Pandemie im chinesischen Internet publiziert wurden, wurde mir wieder einmal bewusst, auf was für einem hohen Niveau Prof. Cong Yongchun und später auch Prof. Lin Zhongpeng damals Qigong unterrichtet hatten, und wieviel von den wesentlichen Inhalten des Qigong weder bei uns noch auch im heutigen China thematisiert werden. Oder schlichtweg nicht bekannt sind.

Damals war Qigong bei uns in den Anfängen. Prof. Lin Zhongpeng wusste, wie wichtig es sein würde, von Anbeginn die Essenz des Qigong zu vermitteln und sich nicht in Nebensächlichkeiten zu verlieren. In China hatte man mit der Popularisierung des Qigong in den 80er- und 90er-Jahren gemischte Erfahrungen gemacht. Einerseits wusste man schon vom medizinischen Wert und Wirksamkeit dieser alten Methoden und konzentrierte sich in der zu jener Zeit entstehenden Qigong-Forschung vor allem auf diesen Aspekt. Doch mehr und mehr entwickelte Qigong eine Eigendynamik, übertriebene Behauptungen wurden aufgestellt, viele Lehrer verkauften sich als Meister angeblicher geheim überlieferter Übungsformen oder betonten die quasi magischen außergewöhnlichen Fähigkeiten, die durch bestimmte Übungen geweckt werden könnten. Die zunehmende Vermarktung des Qigong tat noch ein weiteres dazu. Prof. Lin stand all dem sehr kritisch gegenüber und meinte schon in den 90er-Jahren, dass man ohne eine fundierte Ausbildung in dem weiten Feld des Qigong sehr schnell die Orientierung verlieren würde.

Er hatte Anfang der 80er-Jahre das „Chinese Qigong College for Advanced Studies“ in Peking gegründet, als Ausbildungsmöglichkeit vor allem für Qigong-Spezialisten. Natürlich kann jeder für sich privat Qigong üben, doch wenn man nicht definieren kann, was Qigong ist, wenn man dessen Geschichte nicht kennt, nichts über dessen Hintergründe (kulturell, philosophisch, medizinisch usw.) Bescheid weiß oder über den dem Qigong eigenen holistischen Denkansatz, dann bleibt das eigene Niveau notwendigerweise beschränkt. Und, was man auch bei uns beobachten kann: es macht einen anfällig für die Behauptungen und Versprechungen der vielen selbsternannten Meister und Großmeister. In aller Klarheit fundiert zu unterrichten und ein sachliches Verständnis des Qigong zu vermitteln, das war Prof. Lins Anliegen und machte ihn zum führenden Theoretiker des modernen Qigong in China. Sein enormes praktisches Können stellte er dabei immer „unter den Scheffel“.

Prof. Cong war Prof. Lins Mitarbeiter. Im Rahmen eines Projekts des österreichischen Wissenschaftsministeriums (Minister war damals Dr. Franz Kreuzer) wollte Prof. Georg König, einer der Pioniere der Akupunktur in Österreich und Präsident der österreichischen Akupunktur-Gesellschaft, im Jahr 1988 interessierte Ärzte und auch Patienten mit dem bei uns zu jener Zeit weithin unbekannten Qigong bekanntmachen. Prof. Lin entschied damals, für dieses Projekt Prof. Cong nach Österreich zu schicken und ihn mit dem Unterricht ganz bestimmter Qigong-Methoden zu betrauen.

Wie mir Prof. Lin später erklärte, war die Auswahl der Methoden wohldurchdacht und basierte auf den oben nur skizzenhaft geschilderten sowohl positiven wie auch negativen Erfahrungen, die man mit Qigong während der Zeit des „Qigong-Fiebers“ in den 80er-Jahren gemacht hatte. 

Als wichtigste therapeutische Methode unterrichtete Prof. Cong das Qigong-Gehen, eine moderne Methode, von Frau Guo Lin 郭林 entwickelt, die mit großem Erfolg bei chronischen Krankheiten und Krebs zum Einsatz gebracht worden war. Prof. Cong hatte bei Han Qiusheng 韩秋生, einem der Schüler von Frau Guo Lin gelernt, der später seine eigene Qigong-Schule gründete. Prof. Cong unterrichtete in seinem ersten Jahr in Europa hauptsächlich Ärzte und Patienten, darum waren die verschiedenen Gehmethoden zur Stärkung des Qi der Nieren (qiang shen fa 强肾法), des Herzens (qiang xin fa 强心法), der Milz (qiang pi fa 强脾法), der Leber (qiang gan fa 强肝法 und der Lungen (qiang fei fa 强肺法) zusammen mit der Methode des Hebens und Senkens, Öffens und Schließens (shengjiang kaihe fa 升降开合法) zentrale Inhalte seiner Seminare.

Aber auch andere Übungen, mit denen Prof. Cong am Fujian College für Traditionelle Chinesische Medizin gute therapeutische Erfahrungen gemacht hatte, waren Teil des umfangreichen Unterrichts- und Übungsprogramms. Darunter waren die oben erwähnten Yuan Ming Gong 元明功 - Übungen, welche Prof. Cong von Li Zhaosheng 李兆生 gelernt hatte, die Fanhuanggong 返还功 - Übungen des daoistischen Meisters Shen Yuewu 沈岳武, Laozi’s Methode zur Kultivierung des Wirklichen (Laozi Xiuzhen Qigong 老子修真气功) und eine Reihe weiterer traditioneller Übungen. 

Der Grundgedanke bei all diesen Übungen war: Um Qigong korrekt üben zu können, muss man verstehen, dass das Entscheidende das Eintreten in den qigong-spezifischen Ruhezustand ist. Das Qi gründet in der Stille, während des Übens ist nicht das korrekte Ausführen der Bewegungen entscheidend, sondern das Erlangen des Qi. Darin gleicht es der Akupunktur: ohne das Erlangen des Qi (deqi 得气) stellt Akupunktur nur oberflächliches Tun ohne den eigentlich möglichen therapeutischen Gehalt dar.

Darum ist es in erster Linie wichtig, in der Bewegung die Ruhe zu finden. Dafür eignen sich simple Bewegungsabläufe viel besser als komplexe. Die meisten traditionellen Qigong-Übungen sind deshalb sehr einfach, und entsprechend leicht zu erlernen. Misst man Bewegungen oder Formen (oder den blumigen Namen der Übungen) eine große Wichtigkeit bei, so „verwechselt man die Zweige mit dem Stamm“ (um einen chinesischen Ausdruck zu paraphrasieren). 

Und auch die Konzentration, so wichtig sie beim Üben ist, ist dem Erreichen der Ruhe untergeordnet.

Ziran 自然 ist das entscheidende Wort, einer der chinesischen Ausdrücke, die man kennen sollte. Im modernen Chinesisch bedeutet der Ausdruck „Natur“, wörtlich heißt er: „Das, was von selbst so ist.“ „Was aus sich selbst so ist.“ Qigong übt man, um dieses „Von-selbst-so“ zu ereichen. Zu sagen, dass alle Wirkungen im Qigong von selbst entstehen, wäre übertrieben, natürlich „tut“ man etwas. Man führt Bewegungen aus, atmet, konzentriert sich. Doch steht all dieses Tun im Dienste der inneren Ruhe und Stille, aus welcher man wiederum „das Qi erlangt“.

Zhi xu ji, shou jing du 致虚极守静笃 - Die äußerste Leere erreichen, die tiefste Stille bewahren - dieses Laozi-Zitat enthält die Essenz dessen, was Qigong ausmacht. Das Qi entspringt der Stille, die Bewegung erhebt sich aus der Ruhe. Das Qi, einmal in Bewegung, organisiert sich von selbst, ordnet sich von selbst, heilt von selbst. Je weniger man zu den sich in der Ruhe ereignenden inneren Prozessen hinzufügt, desto wirksamer die Qigong-Praxis. 

Ich erinnere mich noch gut, als mich Prof. Cong ermahnte (ich war damals wohl zu ehrgeizig): „Hör auf, dein Qi mit deinen Wünschen zu stören! Es ist ein Fehler, das Qi führen und leiten zu wollen. Wichtig ist allein die Stille, wenn sich das Qi dann bewegt, weiß es selbst um die natürlichen Bahnen. Du hingegen bildest dir ein, es zu wissen, tatsächlich bringst du mit deiner Einmischung das Qi nur durcheinander.“

Prof. Lin sagte dasselbe, und wenn man sich die Tradition ansieht, so findet man diese Aussage immer wieder. Im Fanhuangong heißt es: „Sich in die stille Kammer zurückzuziehen, um das Qi im Körper zu führen, ist sinnlos. Das Qi fließt von selbst. Das Qi durch die eigene Absicht zu bewegen, ist ebenso unnötig, wie sich einen zusätzlichen Kopf aufsetzen zu wollen.“

Aus diesem Grund nannte Chen Yingning 陈婴宁, der große Erneuerer des Daoismus im 20. Jahrhundert, seine Methode „Übung der Stille“ (jinggong 静功) und grenzte sich ab von Qigongtechniken der Manipulation von Qi. Auch er meinte, Heilung erfolge ausschließlich durch die Stille. Die Essenz der traditionellen Methoden könne durch zwei Ausdrücke gefasst werden: “Verbindung von Atem und Geist” (xinxi xiangyi 心息相依) sowie Sammlung des Geistes und Versenkung in die Stille” (shouxin rujing 收心入境).

In einem der ersten Postings habe ich über die mögliche Schutzwirkung von Qigong in diesen pandemischen Zeiten geschrieben, aber gleich betont, dass man nicht glauben müsse, eine spezielle Übung dafür zu benötigen. Wir haben uns in diesen Wochen und Monaten auf die Sechs Heilenden Laute konzentriert als eine der traditionell überlieferten Methoden, doch jede andere Methode, die man kennt, die einem liegt und die man gerne übt, und durch die man in die Stille findet, ist genauso gut geeignet. 

Genauso gut geeignet, weil die Essenz des Qigong eben dieses ist:

Das Qi muss nicht gelenkt, geleitet und kontrolliert werden, es organisiert und ordnet sich von selbst. Der Wille zu Beeinflussung entstammt Schichten des Bewusstseins, die nicht in Berührung sind mit der grundlegenden Ganzheit des Lebens. Im Qigong sind Entspannung und Stille nicht zur Vorbereitung da, sondern wichtige und wesentliche Mittel zur Förderung und Unterstützung der natürlichen Ordnung des Qi. 

Die Bewegung des Qi im Zustand der Stille entspricht der Selbstregulationsfähigkeit des Lebens, sie ist die Basis des natürlichen Potentials von Gesundheit und Gleichgewicht. Qigong zu üben, heißt also, dem Organismus zu helfen, die Fähigkeit zur Selbstregulation und damit die Anbindung an das lebende Universum (da Qi „lebendige Materie“ ist, kann man es im chinesischen Verständnis so nennen) wiederzufinden. Findet man an diesen Ursprung zurück, so wird sich das Qi besser entfalten, wird sich das Leben besser entfalten. Was als Gesundheit und Gleichgewicht möglich ist, stellt sich dann von selbst ein.

Diese Gedanken gingen mir heute durch den Kopf, als ich Prof. Cong in dem kurzen Viedoauschnnitt von damals gesehen habe. Wie er immer wiederholte: Nicht das Kennen und Üben vieler Übungen ist im Qiqong wesentlich, sondern das Eintreten in den Zustand der Stille. In dieser Einfachheit und Schlichtheit ist das gesamte Potential zur Meisterung der Kunst des Nährens des Lebens (yangsheng 养生) enthalten.

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