Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie
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Wednesday, March 10, 2021

Der Heilende Laut für die Lunge - Neues Video

Hier ist eine neues Video zum Heilenden Laut der Lunge. Das war ja eines der ersten Videos, das ich letztes Jahr gepostet hatte, voller Naivität. Naivität heißt, ich wusste noch nicht, was man alles an Equipment braucht, damit die Video- und Ton-Qualität so halbwegs akzeptabel wird.

Herauszufinden, was es braucht und die nötigen Dinge inmitten des ersten Lockdown zu besorgen, hat dann doch fast zwei Monate gebraucht, darum ist der erste Schippel an Videos des letzten Jahres zwar ok, lässt aber doch etwas zu wünschen übrig.

Darum werde ich manche Videos von früher in besserer Qualität noch einmal aufnehmen. Es geht mir dabei nicht nur um die technische Qualität. Ich möchte die Videos etwas länger gestalten als die des letzten Frühlings, mit ausführlicherer Information und wieder auch zum Mitüben.

Überhaupt möchte ich das Augenmerk nochmals auf diese Übungssequenz richten. Es sind hervorragende Übungen mit einer sehr speziellen Verbindung von Atmung, Vorstellung, innerer Resonanz, Aufmerksamkeit und Bewegung.

Die Lungen haben eine wichtige Rolle im Qi-Zusammenhang des Körpers. Zwei dieser wichtigen Aspekte sind:

- Die Lungen bzw. die Atmung sind der Antrieb des inneren Qi. Darum die Wichtigkeit des ruhigen Atems während des Qigong, darum die Wichtigkeit, die Atmung nicht aufgrund von Überkonzentration während des Übens einzuschränken oder gar zu vergessen. Es ist in erster Linie die ruhige gleichmäßige Atmung, die das Qi bewegt.

- Ein Aspekt des Lungen-Qi ist das Abwehr- oder Wächter-Qi. Das ist derjenige Aspekt des Qi, der die Integrität des Organismus schützt und konkret eine Grenze bildet, als Verteidigung gegen krankmachende Einflüsse. Das Abwehr-Qi als Qi-Immunabwehr besteht aus dem Ying-Qi 營氣 im Körperinneren und dem Wei-Qi 衛氣 an der Oberfläche. Die ruhige Atmung und die Stärkung des Lungen-Qi, unter anderem durch die Übung des Heilenden Lauts für die Lunge unterstützt beide, vor allem das an der Oberfläche zirkulierende Wei-Qi.

Der Heilende Laut für die Lunge wird meist als „si“  (ausgesprochen sss) unterrichtet. „Si“ ist jedoch Mandarin-Chinesisch, die Heilenden Laute stammen aber nicht aus Nord-China, sondern aus dem Süden. Darüber hinaus hat sich die chinesische Sprache in den 1500 Jahren seit der ersten Beschreibung der Übungen in den Aufzeichnungen zur Kultivierung der inneren Natur und Verlängerung des Lebens" (Yangxing Yanminglu 養性延命錄) des daoistischen Meisters Tao Hongjing 陶弘景 (456-536) sehr verändert.

Darum verwende ich die alte Aussprache des Lautes, die „he-i“ lautet, entsprechend der Aussprache im Süden Chinas zur Zeit der Entstehung der Heilenden Laute. So ist der Laut für uns auch leichter auszusprechen. He-i erlaubt auch eine freiere Atmung.


Tuesday, June 23, 2020

Eine Abfolge von Qigong- Übungen für Lungen und Nieren

Ich habe nun noch ein Video gemacht mit einer kurzen Übungsabfolge zur Unterstützung und Kräftigung des Qi der Lungen. Die Coronavirus-Situation Lage ist bei uns zwar viel besser als in den meisten Weltgegenden, aber vorüber ist die Pandemie noch bei weitem nicht. Darum wollten in dieser letzten Woche noch einmal ein Übungsset filmen, das das Qi der Lungen schützt und kräftigt.

Die Übungsfolge besteht aus einer einfachen Massage (wieder eine, die Patienten in chinesischen Spitälern lernen), dann zweien der Heilenden Laute (Lunge und Niere) und schließlich dem Stehen (oder Sitzen, wenn's sein muss) mit den Handflächen zur Brust gewandt, eine Übung, die uns Jia Laoshi in Peking beigebracht hat.

Lunge und Niere sind die beiden Organe, die gemäß der TCM- und Qigong-Theorie für das Funktionieren der Atmung verantwortlich sind. Die Qi-Funktion der Niere ist sehr wichtig, sie ergreift den Atem, für eine funktionierende Ausatmung braucht es die Nieren.

In diesem Zusammenhang erinnere mich noch gut: Im Herbst 1988, als Prof. Cong zum ersten Mal in Österreich war, organisierte Dr. Georg König in Wien eine Reihe von Kursen sowohl für Ärzte als auch Patienten.

Unter anderem einen Kurs für Asthma-Patienten des damaligen Oberarztes Dr. Raber auf der pulmonologischen Station auf der Baumgartner Höhe in Wien. Ein sehr intensiver Kurs, drei Stunden Qigong dreimal pro Woche.

Die Methode, die Prof. Cong in diesem Kurs unterrichtete, war das Qigong-Gehen zur Stärkung der Nieren, mit der für Asthma-Therapie ungewohnten Betonung der Einatmung, aber dies eben gekoppelt mit dem speziellen Daoyin zur Stärkung des Nieren-Qi.

Dies ist der Grund, warum in dieser Folge nicht nur die Übung für die Lunge, sondern auch für die Niere einbezogen ist.


Monday, June 22, 2020

Sechs Heilende Laute - Weitere Bewegungsdetails

Unsere Initiative ist nun in der letzten Woche angelangt. In all diesen Wochen und Monaten haben wir uns am meisten auf die Übungen der Heilenden Laute konzentriert, darum möchte ich hier noch ein paar zusätzliche Informationen geben, gedacht als Hilfe zum Verständnis und zur Vertiefung der Übungspraxis.

Ursprünglich waren den (Atem-) Übungen der Sechs Laute keine Bewegungen zugeordnet. Diese kamen erst später dazu. Über einen Zeitraum von über 1000 Jahren wurden an unterschiedlichen Orten in China Bewegungsfolgen entwickelt, von ihrer Verschiedenheit braucht man sich jedoch nicht irritieren zu lassen. Alle Bewegungsfolgen haben etwas Gemeinsames: sie orientieren sich an den Meridianverläufen bzw. an der Lokalisation von bestimmten Akupunkturpunkten.

Das trifft auch auf unsere Übungen zu. Hier ein paar Details, die man den Videos nicht so leicht entnehmen kann.

Leber:

Die Übung beginnt mit einem Öffnen und Schließen der Hände. Beim Öffnen, während des Einatmens weitet man bewußt den Brustkorb, beim Ausatmen entspannt man ihn. 

Bei der seitlichen Drehung im weiteren Verlauf der Übung bleibt das Becken nach vorne ausgerichtet. Beide Bewegungsdetail lassen den Impuls besser beim Lebermeridian ankommen.

Herz:

Die Übung beginnt ebenfalls mit einem Öffnen und Schließen der Hände. Herz- und Dünndarmmeridian verlaufen auf der Kleinfingerseite der Hände. 

Die Bewegung richtet sich danach: Beim Öffnen weisen die Kleinfingerkanten der Hände nach außen, beim Schließen nach innen. Auch beim Heben sind die Kleinfingerkanten der Hände in Kontakt. Auf diese Art kommt der Impuls beim Herzmeridian an.

Dass die Hände hinter dem Kopf verschränkt werden und der Kopf etwas nach hinten gelegt wird, stimuliert Herz- und Dünndarm-Meridian.

Milz:

Die Übung beginnt mit einem Öffnen und Schließen der Hände. Beim Öffnen, während des Einatmens weitet man bewußt den Bauch, beim Ausatmen entspannt man ihn.

Das Milz- und Magen-Qi bewegt sich entlang der vertikalen Achse, hinauf (Milz) und hinunter (Magen). Die durch gleichzeitiges Heben und Senken der Hände entstehende Spannung unterstützt den natürlichen Fluß von Milz und Magen-Qi.

Lunge:

Der Lungenmeridian verläuft am Daumen. Darum dreht man zu Beginn beim Öffnen den Daumen nach außen, beim Schließen wenden sich die Daumen zueinander. Beim Heben schauen die Daumen nach oben. Alles Details, die das Qi im Lungenmeridian stimulieren.

Wenn die Hände gehoben sind (beim Ausatmen mit „Hei“), sind die Handflächen nach oben gerichtet. Man kann sich in dieser Position etwas spielen und versuchen, die Hände so zu halten, dass Daumen und Daumenballen deutlicher spürbar werden.

Niere:

Beim Schließen zu Beginn werden die Hände zu den Körperseiten und hinter den Körper gebracht, dann werden Hände zu lockeren Fäusten geballt und auf den Rücken gelegt. Man verwendet hierbei die Yang-Seite der Hände (Handrücken), der Kontakt mit dem Rücken stimuliert eine Reihe von Punkten auf dem Blasenmeridian, dem Yang-Meridian, der mit dem Nierenmeridian (Yin) ein Paar bildet.

Die Hände werden daraufhin hinter den Beinen hinunterbewegt, damit führt man das Qi bis zu den Füßen und unterstützt so das Nieren-Qi. Auch die tiefe Stellung (das Setzen) während der Bewegung hat diesen Effekt.

Dreifacher Erwärmer:

Der Meridian verläuft am Ringfinger, an der Außenseite von Hand und Arm. Darum schauen sowohl beim anfänglichen Öffnen und Schließen als auch beim folgenden Heben die Handrücken zueinander.

Darüberhinaus gibt es noch ein zusätzliches Detail, das für alle sechs Übungen gilt:

Zu Beginn, beim Öffnen, bewegt man auch die Knie etwas nach links und rechts (öffnet mit den Knien), beim Schließen bewegt man die Knie etwas zueinander (schließt die Knie). Beim Heben bleiben die Knie geschlossen, beim Ausatmen mit dem Laut kommen die Knie in die Ausgangshaltung zurück. 

Man kann versuchen, das auf den Videos zu entdecken. Es ist nicht so leicht auszumachen wegen der schwarzen Farbe meiner Hose, aber wenn man danach sucht, sieht man es vielleicht.

Ich hoffe, dass diese Details beim Üben hilfreich sind. Sie sollen das Üben erleichtern und es mit der Zeit zu vertiefen helfen, auf keinen Fall sollen sie das Üben komplizieren. 

Wenn es einem so geht, dass die Details zu viel Konzentration beanspruchen, kümmert man sich (einstweilen) nicht darum. Entspannung und Ruhe beim Üben sind wichtiger als die Genauigkeit der Bewegung.

Wie schon oben erwähnt, ursprünglich waren die Sechs Heilenden Laute Atemübungen, sechs Arten der Ausatmung, ohne zugehörige Bewegung. Daraus ersieht man, was das Wesentlichste ist: 

Es sind die sechs Ausatmungen mittels der sechs Laute hsü - hea- hu- hei - tschui - hsi. 

Darum ist es auch möglich, die Übungen der Heilenden Laute ohne Bewegungen allein als Atemübungen zu praktizieren. Dies kann im Sitzen, Stehen oder auch im Liegen erfolgen.

Monday, June 8, 2020

Ein kurzer Überblick zu verschiedenen Varianten der Sechs Heilenden Laute

Diejenigen von uns, die in der Vergangenheit mit den Übungen der Sechs Heilenden Laute in Berührung gekommen sind, kennen die Laute höchstwahrscheinlich in dieser Version (ich schreibe sie hier in deutscher Lautschrift hin und nicht in standardisierter Umschrift aus dem Chinesischen):

Leber:       hsü
Herz:         he-a
Milz:          hu
Lunge:       sss
Niere:        tschue-i
Sanjiao:     hsi

Dass es eine Reihe von Varianten bei der Aussprache der Laute gibt, ist bei uns hingegen nicht so bekannt. (Auf die unterschiedlichen Daoyin-Bewegungen brauche ich hier nicht einzugehen, da die Laute ursprünglich nur als Atmung ohne Bewegungen praktiziert wurden. Die Bewegungen kamen später hinzu und sind entsprechend divers.) 

Ich hatte es ja schon zu Anfang dieses Blogs erwähnt, dass wir die Laute in einer alten Aussprache üben, die dem Klangbild des Nanjing-Chinesisch von vor 1500 Jahren entspricht. Diese Variante ist Ergebnis der Arbeit am Forschungsinstitut für Qigong in Shanghai. Unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng ist mit den dortigen Spezialisten seit Jahrzehnten befreundet, er hat auch das Vorwort zu dem vom Forschungsinstitut verfassten Buch über die Heilenden Laute verfasst, und es war durch Prof. Lin und seinen Sohn Lin Hai, dass ich dann diese Übungen kennenlernte.

Die Version, die wir zur Zeit üben, ist folgende (mit Ausnahme der Niere, da habe ich tschue-i beibehalten):

Leber:     hsü
Herz:      he-a
Milz:       hu
Lunge:    he-i
Niere:     tsss
Sanjiao:  hsi

Es gibt darüberhinaus jedoch noch eine Reihe anderer Variationen:

Zur Zeit werden in China hauptsächlich die Heilenden Laute der Chinesischen Health Qigong Association propagiert, sozusagen die staatlich sanktionierte Form der Übungen. Im Unterschied zur traditionellen Übungsweise werden in der Version der Health Qigong Association die Laute nicht nur vorgestellt, sondern tonhaft ausgesprochen. Diese Version ist unter allen die jüngste, und ich erwähne sie hier nur quasi nebenbei. Die Laute sind folgende:

Leber:     hsü
Herz:      he-a
Milz:       hu
Lunge:    hsi
Niere:     tschue-i
Sanjiao:  hsi

In den letzten Jahrzehnten waren in China zwei Versionen am weitesten verbreitet: die von Ma Litang 马礼堂 und die von Nan Huaijin 南怀瑾. 

Die von Ma Litang unterrichteten Laute sind folgende:

Leber:     hsü
Herz:      ke-a
Milz:       hu
Lunge:    hsia
Niere:     tschue-i
Sanjiao:  hsi

Den Laut für die Lunge hatte Ma Litang von sss zu hsia verändert, weil er auch Grubenarbeiter aus Kohlebergwerken unterrichtete. Der Laut hsia, dynamisch eingesetzt, erwies sich für deren besonders vom Kohlenstaub belastete Lungen als am wirksamsten.

Bis auf den doch sehr veränderten Laut der Lunge entspricht die Ma Litang-Version der ganz zu Beginn erwähnten Standard-Version.

Nan Huaijin 南怀瑾 , ein wichtiger und einflußreicher traditioneller Lehrer, hatte einen Ansatz gleich dem des Shanghaier Qigong-Instituts. 

Die chinesische Sprache hat sich ja im Lauf der Jahrtausende in der Aussprache sehr verändert, das moderne Mandarin ist eine nordchinesische Sprache und entspricht ungefähr dem Peking-Dialekt. 

Die Heilenden Laute sind jedoch viel weiter im Süden entstanden, in der Gegend des heutigen Nanjing. In Süd-China werden ganz andere Sprachen gesprochen. Die Schrift ist dieselbe, die Sprachen selbst sind ganz anders. So wird das Shanghai-Chinesisch in Peking nicht verstanden, das gilt auch für Kantonesisch, Minnan-Chinesisch (das in Fujian und Taiwan gesprochen wird), die Sprache der Hakka usw. 

Die südchinesische Aussprache der Laute ist jedenfalls näher dran am ursprünglichen Klang. Dazu kommt noch, dass die südchinesischen Sprachen das Klangbild des alten Chinesisch zu einem gewissen Ausmaß bewahrt haben. Nan Huaijin meinte demgemäß: Übt die Laute nicht in der nordchinesischen Aussprache, verwendet die Aussprache der Hakka, des Kantonesischen oder des Minnan-Chinesischen. Seine Laute waren diese:

Leber:     hoi
Herz:      ho
Milz:       hu
Lunge:    si
Niere:     tschue-i
Sanjiao:  hi

Es gibt noch eine Reihe anderer Versionen, aber es ist nicht nötig, die jetzt alle aufzuzählen.

Im Praktischen sind für uns zwei Dinge wichtig:

Erstens: dass letztlich alle diese Varianten wirken. Vor allem in den 80er und 90er-Jahren wurde in China sehr ausführlich Qigong-Forschung betrieben, die therapeutische Wirksamkeit war eines der Forschungsthemen. Ma Litang, der als Arzt arbeitete, berichtete von sehr guten therapeutischen Ergebnissen, es gibt aber genügend Krankengeschichten, die die therapeutische Wirksamkeit auch bei den anderen Versionen der Heilenden Laute belegen.

Zweitens: auch wenn es nicht so wichtig ist, für welche der Lautvarianten man sich entscheidet, gibt es doch leichte Unterschiede, die beim Üben zum Tragen kommen. Wenn man die Ausatmung mit den älteren Lautvarianten übt, scheint es leichter zu sein, dies frei und entspannt zu tun. Bei der modernen Standardversion fällt einem dies in der Regel schwerer, man hat wegen der anderen Lautcharakteristik bald einmal das Gefühl, dass es bei der Ausatmung einen gewissen Widerstand gibt. Das spricht dann doch mehr dafür, die Übungen in unserer Variante oder in der von Nan Huaijin zu üben.

Wednesday, June 3, 2020

Die Sechs Heilenden Laute als Yangsheng 养生 - Sequenz

Ein weiteres Video, wieder mit den Heilenden Lauten, allerdings in einer anderen Reihenfolge. 

Die bisherige Reihenfolge der Übungen hat sich an der Xiangke 相克 - Ordnung der Fünf Phasen orientiert. Xiangke heißt gegenseitige Überwindung, die Reihenfolge der Phasen ist: 

Metall Jin 金 - Holz Mu 木 - Erde Tu 土 - Wasser Shui 水 - Feuer Huo 火. 

Jeder der Phasen ist ein Organ zugeordnet, daraus hat sich die bisherige Übungsfolge ergeben: Lunge- Leber - Milz - Niere - Herz - Dreifacher Erwärmer (der Dreifache Erwärmer ist hier nicht wirklich Teil der Ordnung, der wird in allen mir bekannten Sequenzen immer hinten angehängt).

Die Reihenfolge des heutigen Videos folgt der Xiangsheng 相生 - Ordnung der Fünf Phasen. Xiangsheng heißt gegenseitige Erzeugung, die Reihenfolge der Phasen ist: 

Holz Mu 木- Feuer Huo 火 - Erde Tu 土 - Metall Jin 金 - Wasser Shui 水. 

Daraus ergibt sich die Reihe: Leber - Herz - Milz - Lunge - Niere - Dreifacher Erwärmer (wieder hinten angehängt).

Von der Reihenfolge der gegenseitigen Überwindung wird gesagt: das ist die Reihenfolge zur Behandlung und Heilung von Krankheiten (Zhi bing 治病) . 

Von der Reihenfolge der gegenseitigen Erzeugung heißt es: das ist die Reihenfolge des Nährens der Vitalität (Yangsheng 养生). 

Wir haben jetzt schon seit mehr als zwei Monaten mit der Überwindungsfolge geübt, allmählich können wir zur Erzeugungsfolge der Sechs Laute übergehen. Wer möchte, kann aber sehr wohl auch noch länger bei der alten Art des Übens bleiben. 

Hier ist das Video:


Tuesday, May 26, 2020

Zum Mitüben: Regulierung des Atems & Heilende Laute

Eine halbe Stunde Qigong:

Übungen zur Regulierung von Atem und Qi, gefolgt von den Heilenden Lauten.


Thursday, May 21, 2020

Heilende Laute - ein längeres Video zum Mitüben

Hier ist nun ein längeres Video, zum Mitüben gedacht, mit allen sechs Übungen der Heilenden Laute. 

Traditionellerweise praktiziert man diese so, dass jeder Laut 6x wiederholt wird. So habe ich es über den Daumen gepeilt im Video gemacht. Allerdings habe ich nicht mitgezählt, vielleicht sind es manchmal auch 5x oder 7x, in dem Fall bitte ich um Nachsicht. :) Gemeint sind jedenfalls 6 Wiederholungen pro Laut.



Wednesday, May 13, 2020

Die Sechs Übungen der Heilenden Laute - Video

Hier ist nun ein Video mit der Folge aller sechs Übungen der Heilenden Laute, in der alten Aussprache:

Lunge - hei (sprich hee-ii)
Leber - xu (sprich hsüü)
Milz - hu
Niere - chui (sprich tschueeii)
Herz - he (sprich (he-aa)
Dreifacher Erwärmer - xi (sprich hsii)


Monday, May 11, 2020

Heilende Laute - Mundpositionen

Wir sind jetzt schon in der neunten Woche dieser unserer Initiative, und wir werden diesen Blog auch weiterhin für diejenigen, die Interesse haben, weiterführen.

Ich glaube, dass TCM- und Qigong-Inhalte viel zu wichtig sind, als sich nur kurz in der ärgsten Krise damit zu beschäftigen. Sie fehlen in der öffentlichen Diskussion über das Virus, sie sind nicht Teil der öffentlichen Gesundheitsstrategien, sie sind, um es auf den Punkt zu bringen, bei uns undenkbar. Undenkbar, obwohl es sich um ein klar und rational organisiertes Wissen handelt, das auch in der modernen Welt einen Platz hat und sich in ihr bewähren kann. Nicht nur sich bewähren kann, sondern vor allem auch Anstöße geben könnte, um sowohl das Denken als auch die Vorstellung von Wissenschaft zu erweitern. Mehr dazu anderntags.

Heute möchte ich wieder auf ein paar für das Üben der Heilenden Laute wichtige Details eingehen.

Die Bewegungen, die wir mit den Lauten kombinieren, orientieren sich am Meridian-System. Durch die Bewegungen hilft man der Aktivierung des Qi in den entsprechenden Funktionskreisen, also den Organen und zugehörigen Meridianen. Die Details dazu schriftlich zu beschreiben, ist etwas umständlich, damit warten wir am besten, bis wieder normale Qigong-Stunden stattfinden können oder bis ich, was ich schon seit längerem vorhabe, über Zoom Stunden abhalten werde.

Hier sind die Mundpositionen bei der Ausatmung. Es gilt immer noch: Nicht zu genau sein! Das Prinzip der Natürlichkeit ist sehr wichtig. 

Der He-ii-Laut für die Lunge: Man öffnet den Mund einen Spalt, zieht die Mundwinkel zur Seite und lässt den Unterkiefer ein wenig sinken. 

Der Hsüü-Laut für die Leber: Den Mund nur einen Spaltbreit öffnen, dabei die Mundwinkel etwas nach hinten ziehen. Durch diesen Spalt ausatmen.

Der Huu-Laut für die Milz: Die Lippen runden. Wie durch einen Schlauch ausatmen.

Der Tschueeii-Laut für die Nieren: Den Mund nur einen Spalt öffnen. Die Mundwinkel etwas nach innen ziehen ziehen. Vorne an den Lippen entsteht etwas Spannung.

Der He-aa-Laut für das Herz: Den Mund halb öffnen, die Zunge ist unten im Mund und die Wangen etwas nach hinten ziehen.

Der Hsii-Laut für den Dreifachen Erwärmer: Eine Mundposition wie beim Lächeln. Genau so wie Mile-Fo 弥勒佛, der Maitreya-Buddha im Foto links.

Ich weiß schon, dass damit nicht alle Unklarheiten und Unsicherheiten ausgeräumt sind. Aber ich hoffe und denke schon, dass früher oder später, vor allem durch die eigene Übungserfahrung, die Atmung für jeden immer klarer und leichter und wirkungsvoller werden wird. Das Qi-Immunsystem baut sich ja auch nicht von heute auf morgen auf, sondern wird dadurch stärker, dass man über einen längeren Zeitraum Bewegung, Atmung, Lebensstil, Ernährung etc. auf eine natürliche und nicht bemühte Art und Weise in den Alltag einbaut.

So ist es auch mit der Atmung und den Heilenden Lauten. Die Theorie macht nur Sinn, wenn man sie über die Praxis umzusetzen versucht. Und es sind die Schwierigkeiten, die man hat, die einen weiterbringen. Durch Antworten kommt man nicht weiter, abgesehen davon, dass es auch unmöglich ist, gleich die Antworten zu haben. Weiter kommt man nur durch Fragen. Aber gleich die rechten Fragen zu haben, ist auch nicht einfach, können die rechten Fragen doch nur durch die Praxis kommen.

Während ich das schreibe, kommt mir ein wunderbares Zitat des Philosophen Xunzi über das Lernen in den Sinn. Er schreibt zwar nicht über Qigong, aber das Zitat eignet sich hervorragend dafür: 

„Das Lernen des Edlen tritt ein durch sein Ohr, heftet sich an seinen Geist, breitet sich durch seine vier Gliedmaßen aus und zeigt sich in seinen Handlungen. Sein geringstes Wort, seine kleinste Bewegung kann dann als ein Vorbild dienen. Das Lernen des Gemeinen tritt durch sein Ohr ein und kommt aus seinem Mund wieder heraus. Mit einem Abstand von nur 4 Zoll zwischen Ohr und Mund, wie kann er lange genug davon Besitz ergreifen, dass es seinen sieben Fuß großen Körper veredeln könnte?“

Monday, May 4, 2020

Tuna 吐納 - Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen

Hier noch weitere Informationen und Instruktionen, um die Übungen der Heilenden Laute korrekt und wirkungsvoll zu praktizieren.

Die Heilenden Laute gehören zu einer Art von Übungen, die auf Chinesisch Tuna 吐納 genannt werden. Tuna ist die Abkürzung für Tugu Naxin 吐故納新 – Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen, also Übungen zum Ausatmen und Ausstoßen der Aspekte des Qi, die alt sind, verbraucht, trüb, krank, und das Einatmen des unverbrauchten, lebendigen, gesunden Qi der Natur.

Die Geschichte dieser Methoden möchte ich hier nur kurz streifen, sie können jedenfalls, wie schon erwähnt, mehr als zwei Jahrtausende zurückverfolgt werden. Beim daoistischen Philosophen Zhuangzi 莊子 (4. Jh. v. Chr) finden sie Erwähnung, ebenso in den bei Mawangdui 馬王堆 ausgegrabenen medizinischen Texten (2. Jh. v. Chr.) , eine Passage im Laozi 老子 nimmt auf zwei der Laute Bezug, beim konfuzianischen Denker Wang Chong 王充 (27-100) werden sie ebenfalls angeführt. Und in den weiteren Jahrhunderten von der Jin-Zeit bis zu den Sechs Dynastien und der Tang-Dynastie wurden diese Übungen zu einem eigenständigen therapeutischen System weiterentwickelt.

- Teilweise in einem daoistischen Kontext: der schon mehrmals in anderen Postings angesprochene Tao Hongjing 陶弘景 und die Shangqing 上清 - Schule des Daoismus gehört dazu, aus dieser Tradition stammt auch der Klassiker des Gelben Hofes (Huangtingjing 黃庭經), auf den Hu Yin 胡愔, daoistische Priesterin und Ärztin, in ihrem eigenen Werk über das Tonisieren bzw. Reduzieren des Qi der Organe Bezug nimmt.

Einem Werk, das einen langen Titel trägt: Huangting Neijing Wuzang Liufu Buxie Tu 黃庭內景五臟六腑補瀉圖 (Karte des Stärkens und Reduzierens der Fünf Zang- und Sechs Fu-Organe gemäß der Schrift des Inneren Strahlens des Gelben Hofes). Hu Yin legt darin auf sehr nüchterne und klare Art therapeutische Prinzipien für die Übung der Heilenden Laute dar, Prinzipien, die auch heute noch befolgt werden. Und natürlich gehört auch der „König der Medizin“ erwähnt, der berühmte Daoist und Arzt Sun Simiao 孫思邈 (7. Jh.) mit seinem Werk Qianjin Fang 千金方 (Rezepte im Wert von Tausend Unzen Gold), in dem ebenfalls die Heilenden Laute behandelt werden.

- Teilweise in einem von vornherein medizinischen Kontext: dazu gehört das verlorengegangene Yangsheng Yaoji 養生要集 (Wesentliche Prinzipien zur Pflege des Lebens), dessen therapeutische Inhalte unter anderem von Chao Yuanfang 巢元方, Leibarzt des Kaisers und Direktor der Medizinischen Akademie des Hofes der Sui-Dynastie, im Jahre 610 in seinem monumentalen „Diskurs über Ursprünge und Symptome der Krankheiten“ übernommen wurden.

- Teilweise in einem buddhistischen Kontext: wie bei Zhi Dun 支盾 oder Zhi Daolin 支道林 (4. Jh.) und seinem Daolin Shesheng Lun 道林攝生論 (Diskussion über das Nähren des Lebens).

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt, ich will hier, wie gesagt, nicht detailliert auf die Geschichte der Übungen eingehen, sondern nur einen allgemeinen Eindruck vermitteln, dass wir es mit der Methode der Heilenden Laute mit einer schon vor 1500 Jahren weit verbreiteten Methode zu tun haben, die damals sowohl mündlich als auch schriftlich überliefert wurde.

In der Zeit von der Tang-Dynastie (7.-9.Jh) bis heute entstanden eine Vielzahl an weiteren Werken zu diesen Übungen, ich werde manche davon an anderer Stelle erwähnen.

Doch zurück zum Begriff Tuna „Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen“, um den es mir hier heute geht. Die Übungen der Heilenden Laute als Übungen zur Heilung und Stärkung der inneren Organe gehören zu dieser Kategorie von Qigong-Übungen, sie wirken genau durch dieses Prinzip.

Der Organismus stellt im chinesischen Verständnis ein komplexes Geflecht von Strukturen, Funktionen und Beziehungen dar, die mittels des Konzepts und der Theorie des Qi beschrieben werden. Die Übungen der Heilenden Laute machen nur vor diesem Hintergrund Sinn (auch wenn man tatsächlich beim Üben fast nichts über die Theorie wissen muss).

Beim Üben wird durch die Ausatmung Xieqi 邪气 (pathogenes Qi) aus den Organen und den entsprechenden Meridianen entfernt. Dies ist ein Prozess des Reduzierens oder Ausleitens – Xiefa 瀉法 auf Chinesisch. Man darf jedoch mit dem Reduzieren nicht übertreiben, während des Übens muss es mit der Methode des Stärkens oder Tonisierens - Bufa 補法 auf Chinesisch - ausgeglichen werden.

Das ist einer der Gründe, warum man die Laute nur denkt und nicht laut ausspricht. Sie laut auszusprechen wäre ein zu starker reduzierender Impuls. Dadurch würde man auf Dauer das Qi erschöpfen, was vermieden werden muss. Jedes Ausatmen braucht folglich den Ausgleich und die Ergänzung durch ein ruhiges und langes Einatmen.

Konkret: Man atmet ruhig und lange aus, während man sich einen der Laute vorstellt, und dann erfolgt eine ebenso ruhige und lange Einatmung. Nirgendwo in diesem Prozess des Aus- und Einatmens sollte man in Atemnot kommen oder physische Druckgefühle entwickeln. Wenn man das Gefühl hat, dass die Atmung nicht mehr gelöst und ruhig und einfach ist, dann ist es wichtig, innezuhalten und die Atmung zu regulieren (d.h. man lässt sie sich beruhigen und zu ihrem natürlichen Fluss zurückkehren), bevor man wieder weiter macht.

Dies ist einfach gesagt, doch braucht es Geduld und langes Üben, bis man dies auch nur so halbwegs zu verkörpern imstande ist. Doch tut man dies nicht, wird man bei den Übungen keine wirklichen Fortschritte machen können und die therapeutischen Wirkungen werden sehr an der Oberfläche bleiben.

Man kann es an den chinesischen Zeichen ablesen. Jedes chinesische Schriftzeichen enthält ein sogenanntes Radikal, ein Wurzelzeichen (unter dem es auch im Wörterbuch auffindbar ist – es gibt insgesamt 214 Radikale). Das Zeichen Tu 吐 (ausatmen) und auch die Heilenden Laute selbst schreiben sich alle mit demselben Radikal kou 口 (Mund). Am Zeichen erkennt man also, dass durch den Mund ausgeatmet wird.

Das Zeichen Na 納 (aufnehmen) hingegen schreibt sich mit dem Radikal si 糹, welches Seide bedeutet. Dieses Zeichen Seide ist von alters her vor allem im Daoismus mit der Vorstellung der Atmung assoziiert, einer Atmung fein und lang wie ein Seidenfaden.

Im 6. Kapitel des Laozi heißt es:

Xuanpin zhi men shi wei tiandi gen 玄牝之門是謂天地根 „Das Tor des dunklen Tierweibchens ist die Wurzel von Himmel und Erde.“ In einem der ältesten Kommentare zum Laozi merkt Heshang Gong 河上公, der Alte vom Flussufer, dazu an: „Wurzel heißt Ursprung. Durch das Tor von Nase und Mund kommt und geht der mit Himmel und Erde verbundene Atem des Ursprungs.“

Mian mian ruo cun 綿綿若存 „Seidenfaden um Seidenfaden, wie anwesend“, heißt es weiter bei Laozi. Heshang Gong vermerkt hierzu: “Der durch Nase und Mund fließende Atem soll fein sein wie Seide, so wie anwesend und doch nicht anwesend. Also so fein, dass man nicht erkennen kann, ist da ein Faden oder nicht.“

Yongzhi buqin 用之不勤 „Verwendet es ohne Mühe”, so schliesst Laozi das Kapitel. Und Heshang Gong spricht es klar aus: “Auf freie und gelöste Art und Weise soll der Atem verwendet werden, nicht hastig und bemüht.”

Ich habe anderntags gemeint, dass wir mit den Heilenden Lauten noch ganz am Anfang sind. Wir kennen jetzt die Bewegungen und die Laute, aber sie zu kennen, heißt ja nur, dass man endlich zu praktizieren beginnen kann. Auf lockere, etwas schlampige, entspannte Art und Weise. Das ist vorerst einmal das Wichtigste.

Doch gibt es mit der Zeit noch vieles Notwendige zu ergänzen. Dies werde ich in der nächsten Zeit tun. Ergänzen in Bezug auf die Bewegungen, die Laute, die Mundpositionen, die Reihenfolge der Laute, mögliche Abwandlungen der Übungen und die Atmung selbst.

Was ich oben gesagt habe, klingt simpel, ist aber eines der wichtigsten und wesentlichsten Dinge:

Während des Übens sollte sich die Atmung möglichst frei anfühlen. Wenn man das Gefühl hat, dass es in der Brust oder beim Zwerchfell drückt, oder wenn man sich bemühen muss, die Atmung hinzukriegen, oder man nur ein paarmal ruhig atmen kann und dann plötzlich kommt ein starker Einatem-Reflex, dann atmet man noch nicht richtig. All dies zeigt, dass man noch zu sehr unter Spannung steht und zu sehr im absichtlichen Tun ist. Doch die nötige Resonanz in den Organen und den zugehörigen Meridianen stellt sich erst dann ein, wenn der Körper gelöst ist, die Atmung frei und ohne Mühe erfolgt und wenn man sich in einem Zustand der inneren Ruhe und Stille befindet.

Um all dies allmählich zu erreichen, ist es in erster Linie wichtig, immer wieder Pausen zu machen, Pausen, die dazu dienen, dass sich der Atem beruhigen kann, man bewusst dort loslassen kann, wo durch das Üben Spannungen entstanden sind, und man die nötige Ruhe nicht verliert.

Man kann sich mit allem Zeit lassen. Je ruhiger und entspannter man ist und je selbstverständlicher und freier die Atmung sich anfühlt (und daran bemisst man es: am eigenen Gefühl, an der eigenen Wahrnehmung), desto mehr werden sich die Wirkungen der Übungen auf die Organe und damit auf das Qi des ganzen Organismus einstellen.


Wednesday, April 29, 2020

Heilende Laute - Übung für die Niere

In der Traditionellen Chinesischen Medizin hat die Niere als Organ (Shen Zang 肾脏) eine einzigartige Stellung, da sie sowohl die Yin 阴-Basis der substanziellen Existenz darstellt als auch die grundlegende Yang 阳-Antriebskraft der aktiven Existenz, d.h. aller Lebensaktivitäten.

Die wichtigste Yin-Funktion des Nieren-Qi ist, dass es das Jing 精, d.h. das Essenz-Qi, enthält bzw. speichert, das der Mensch im Moment der Zeugung erwirbt und das ausschlaggebend ist für sein Entwicklungspotenzial auf allen Ebenen. Dieses Essenz-Qi ist ein Erbe der Vorfahren; es entfaltet sich langsam während des ganzen Lebens, besonders deutlich aber bei entscheidenden Lebensereignissen wie Geburt, Pubertät oder bei Beginn und Ende des weiblichen Menstruationszyklus‘ (in der chinesischen Medizin werden diese als „Tore“ verstanden, die man zu bestimmten Zeiten des Lebens durchschreitet).  Das Jing determiniert die Fähigkeit eines Menschen, physische oder psychische Traumata zu verarbeiten und auch die Art und Weise, wie man altert und bei schwindenden Ressourcen würdevoll den Alterungsprozess bis hin zum Tod durchlebt. Es zeigt sich sowohl in der Yin-Substanz als auch in der Yang-Funktion: im physischen Körper als Stärke der Knochen, als Funktionieren von Gehirn und Nervensystem, als Schärfe des Gehörs und als Fähigkeit zur Fortpflanzung. Mental und physisch ist es die Antriebskraft, der Funke, um Ideen und körperliche Bewegung in Gang zu setzen, um zu arbeiten, Kinder zu zeugen, künstlerisch tätig zu werden usw.

Wie ich bereits im Text über die Methode für das Milz-Qi erwähnt habe, ist die Milz die Grundlage der erworbenen Gesundheit, die Milz verarbeitet die Nahrung, die für das tägliche Überleben notwendig ist, das Yang-Qi der Milz transformiert die Nahrung in verschiedene Aspekte der täglich benötigten Qi-Energie. Es ist jedoch das zugrunde liegende, essenzielle Yang-Qi der Nieren, das das Qi der Milz (und aller anderen Organe) „zündet“ und sie dazu motiviert, ihre Funktion auszuüben. Aus diesem Grund wird das Yang der Niere auch als Xiang Huo 相火, als „Minister-Feuer“ bezeichnet – es stellt das Feuer dar, das es braucht, um während der gesamten Lebenszeit alle Funktionen am Laufen zu halten und die verschiedenen Qi-Funktionen zu motivieren, die in der Zeit zwischen zwei Herzschlägen, zwischen dem Ein- und Ausatmen, geschehen. Es ist nicht nur die Antriebskraft für diese Funktionen, sondern es ermöglicht auch, dass Dinge zur Reife kommen, dass sich Zyklen von Aktivitäten vollenden und dann wieder neu beginnen können, immer und immer wieder. 

Die Qualität und die Quantität des Jing sind endlich, vorbestimmt zum Zeitpunkt der Zeugung, und es ist nicht ersetzbar. Der Fokus aller traditionellen chinesischen Gesundheitspraktiken, wie Medizin, Qigong, Kampfkünste und sogar der Religion, ist es, das Essenz-Qi zu bewahren und es nicht zu vergeuden. Das Ziel ist ein reicher Vorrat an Jing für den Fall, dass es notwendig wird, auf alle Ressourcen zurückzugreifen, um extreme* Situationen oder Krankheiten zu überstehen. Das Jing wird im Laufe des Lebens langsam und von selbst verbraucht; es durch extreme Verhaltensweisen oder Gewohnheiten zu verschwenden, bedeutet, die Lebenszeit und/oder -qualität zu beeinträchtigen.

Obwohl das Jing nicht reproduzier- oder ersetzbar ist, kann man es mit einem großzügigen Vorrat an Qi stärken und absichern; Qi, das man sich durch Atmung, Ernährung, Übungen, Schlaf und - am wichtigsten – durch eine Beruhigung der überaktiven Geistestätigkeit erwirbt. So sorgen normale, tägliche Gewohnheiten einerseits für gesunde Organe, feste Muskulatur und eine gute Energieversorgung; sie sind andererseits aber auch dafür verantwortlich, ob oder ob nicht das vorhandene Reservoir an Essenz-Qi angezapft werden muss. 

Die Methoden der Heilenden Laute sorgen in jeder Lebensphase für ein besseres Gleichgewicht. Der spezielle Schwerpunkt der Methode für das Nieren-Qi ist das Zusammenziehen der Qi-Kraft an dem Ort, wo es gebraucht wird: im Bereich des Dantian 丹田 und der Nieren, wo das Jing gespeichert wird, und im unteren Rücken, wo sich das Mingmen 命门, das „Lebenstor“ öffnet und den Yang-Qi-Fluss der Nieren in den tiefsten Schichten des Körpers stimuliert. Es hilft dabei, „überschüssiges Feuer“ von oben (von Herz und Geist) nach unten zu bringen und „überschüssige Kälte“ (aufgrund eines schwachen Yang-Qi der Milz oder eines generellen Erschöpfungszustandes) unten aufzuwärmen.

Ein Hinweis zum Abschluss: Um all das zu erreichen, ist es notwendig, die Methoden der Heilenden Laute für das Qi regelmäßig zu üben, auf entspannte Art und Weise, in positiver Stimmung, mit ruhigem Geist und sanfter, feiner Atmung. Und die Methode für das Nieren-Qi sollte ganz besonders entspannt geübt werden. Es ist wichtig, das Qi nicht zu erschöpfen, während man versucht, es aufzubauen. Dies bedeutet auf natürliche Weise, ohne geistige oder körperliche Anspannung, zu üben, bei der sinkenden Bewegung (wenn man in die Knie geht) und auch nicht bei Dauer und Häufigkeit der Ausführung der Übung die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten. Das bringt Freude am Üben und den größten Nutzen!

* "Extrem" ist in der TCM alles, was die Gesundheit aus dem Gleichgewicht bringen kann: äußere Umstände oder Krankheitserreger, innerer Druck oder Begierden, unangemessene oder übermäßige Nahrungsaufnahme, Sport, Arbeit oder sexuelles Verhalten. Es betrifft außerdem auch alles, das zu plötzlich, zu stark oder zu lang anhaltend auftritt (wie Wetter, Viren, erzwungener Isolation usw.).

Tuesday, April 28, 2020

Weiteres zu den Sechs Heilenden Lauten

Zu den Sechs Heilenden Lauten gibt es noch sehr viel zu sagen. Wie ich schon in einem der früheren Beitrag erwähnt habe, ist es eine sehr alte Tradition. Im 6. Jahrhundert beim daoistischen Meister Tao Hongjing 陶弘景 wurde diese Tradition schriftlich formuliert, darüber hinaus sind diese Übungen auch noch in einer Reihe anderer alter Werke verzeichnet, unter anderem im Zhubing Yuanhoulun 諸病原候論 (Diskussion von Ursprung und Symptomen der Krankheiten) von Chao Yuanfang 巢元方, Hofarzt des Kaisers der Sui-Dynastie (581-618) und Vorstand der Medizinischen Akademie am Kaiserhof.

Prof. Lin Zhongpeng 林中鵬 in seinem systematischen Qigong-Unterricht im College for Advanced Qigong Studies in Beijing hat sich viel auf dieses Werks bezogen und mich immer wieder auf dessen Wichtigkeit aufmerksam gemacht, da es nicht nur die Ätiologie und Symptomatik der damals bekannten Krankheiten zum Inhalt hat, sondern auch einen Leitfaden zur Therapie darstellt, einer Therapie, die wie nie vorher und nachher im imperialen China ausschließlich mittels Qigong-Methoden erfolgte.

- Kurze Nebenbemerkung: Das College for Advanced Qigong Studies war für fast 20 Jahre die entscheidende und auch die einzige unabhängige (d.h. soweit in China möglich außerhalb des Einflusses der kommunistischen Partei stehende) Institution zur Ausbildung von Qigong-Spezialisten. Es wurde 1989 geschlossen, im Jahr, in dem Qigong in China aufgrund politischer Gründe de facto verboten wurde. -

Nicht nur im Zhubing Yuanhoulun des frühen 7. Jahrhunderts findet man die Sechs Laute, Methoden zur Elimination von Krankheiten mittels Lauten findet man sieben Jahrhunderte früher auch bei Zhuangzi 莊子 erwähnt, es finden sich zwei der Laute im Daodejing 道德經 des Laozi 老子 (spätestens 4. Jahrhundert v. Chr.) wie auch in zweien der alten Kommentare zum Buch des Laozi (dem des Heshanggong 河上公, des Alten vom Fluss und dem Xiang’Er 想爾), im Yinshu 引書 (dem Buch des Streckens), einem Manuskript aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert, werden therapeutische Laute erwähnt, und auch im Quegu shiqi 卻穀食氣 (Enthaltung von Getreide und Einnahme von Qi), einem der bei den Ausgrabungen von Mawangdui 馬王堆 entdeckten Texte, ebenfalls aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert. Und das sind bei weitem noch nicht alle Quellen.

Dies ist einer der für unser Verständnis wichtigen Punkte: diese Methoden sind keine Methoden daoistischer Meditation, sondern sie sind und waren immer therapeutische Methoden. Sie wurden über mehr als zwei Jahrtausende tradiert, auf verschiedene Weise systematisiert und sind bis heute Teil der daoistischen als auch der buddhistischen Tradition, Teil des Qigong und auch Teil der nicht-medikamentösen Methoden der Chinesischen Medizin.

Nan Huaijin 南懷瑾, einer der berühmten traditionellen Lehrer des letzten Jahrhunderts, der neben Buddhismus auch daoistische Gesundheitstechniken unterrichtete, drückt es in einem seiner Vorträge sehr simpel aus: „Unterschätzt die Methode der Sechs Wunderbaren Tore (so nennt er die Heilenden Laute) nicht. Wenn man sich unwohl fühlt, verhilft einem diese Methode zu Wohlsein. Und wenn man die Methode wirklich meistert, wird man sich einer hervorragenden Gesundheit erfreuen und kaum mehr erkranken. Diese Laute sind äußerst wirksam.“

Ich werde in der nächsten Zeit noch einiges dazu schreiben, bis jetzt sind wir mit den Übungen ja erst ganz am Anfang. Doch obwohl ganz am Anfang, können wir uns doch allmählich in den Bewegungsabläufen zurechtfinden, auch die Laute kennen wir nun (zu denen gibt es noch viel zu sagen), und man kann zumindest einmal beginnen zu üben. Die eigene Praxis und Erfahrung ist immer sehr wichtig, auch ganz am Anfang, sie ist die Basis, um im Weiteren überhaupt etwas zu haben, das man vertiefen kann, und um mit vertiefenden Inhalten etwas anfangen zu können.

Hier abschließend noch ein traditionelles Lehrdicht für die Sechs Laute:

Der Gesang zur Vertreibung der Krankheiten in den vier Jahreszeiten (四季祛病歌 Siji qubing ge).

Ich habe die Laute so hineingeschrieben, wie wir sie zur Zeit üben (und wie gesagt, die Laute und ihre Aussprache, das ist noch ein ganz eigenes Thema für die Zukunft).

春噓明目木扶肝
夏至呵心火自閑
秋呬定收金肺潤
腎吹惟要坎中安
三焦嘻卻除煩熱
四季常呼脾化餐
切忌出聲聞於耳
其功尤勝保神丹

Im Frühling atme hsü für klare Augen, sodass das Holz die Leber stützt,
Trifft der Sommer ein, so atme ha, damit das Feuer des Herzens sich beruhigt,
Im Herbst atme heeii, das Metall zu sammeln und die Lungen zu befeuchten,
Für die Nieren atme tsuei zur Befriedung des Wassers.*
Das hsi des Dreifachen Erwärmers vertreibt bedrückende Hitze,
Zu allen Jahreszeiten atme oft hu, sodass die Milz die Nahrung transformiert.
Vermeide unbedingt, laut auszuatmen, die Ohren dürfen den Atem nicht hören.
Hervorragend ist diese Übung, sie bewahrt das göttliche Elixier.

*wörtlich : zur Befriedung von Kan. Kan 坎 ist eines der Acht Tigramme des Buchs der Wandlungen, bedeutet Wasser und ist mit den Nieren assoziiert.

Monday, April 27, 2020

Heilende Laute - Übung für die Nieren

Hier ist die nächste der Heilenden-Laut-Übungen, mit dem Laut für die Nieren bzw. das Nieren-Qi.

Wie auch bei den anderen Übungen: Durch den Mund ausatmen, der Laut wird nur vorgestellt.

Der Laut für die Niere ist: Tschuii. In der modernen chinesischen Umschrift wird der Laut chui geschrieben und tschue-ii ausgesprochen, die alte Aussprache ist mehr tschue-iii. Die drei iii heißen einfach, dass man den vorgestellten Laut länger ausdehnt.

Wenn man alle der Heilenden-Laut-Übungen zusammen übt, dann in folgender Reihenfolge:

Lunge - Leber - Milz - Niere - Herz - Dreifacher Erwärmer


Wednesday, April 22, 2020

Heilende Laute - Übung für das Herz

Xin Zang 心藏 wird das Herz auf Chinesisch genannt. Es ist das Organ des Herz-Qi, der Monarch der körperlichen, seelischen und geistigen Landschaft unserer Existenz.

Auf der körperlichen Ebene regiert das Yang-Qi des Herzens das „Xue 血“ (das Blut und den Qi-Aspekt des Blutes), und es erzeugt den Puls, indem es Blut – und Qi in Zusammenarbeit mit der Lunge - rhythmisch zirkulieren lässt und zu jedem Teil des Organismus bringt. Genau wie das Atmen findet dieser Kreislauf kontinuierlich statt, in jeder Sekunde des Lebens.

Die Zirkulation des Blutes ist jedoch nicht nur ein mechanischer Vorgang, und das Herz ist nicht nur ein Muskel, der Blut pumpt. Das Yang-Qi des Herzens steuert auch das natürliche Gleichgewicht zwischen körperlicher Bewegung und Ruhe, sodass man fähig ist, den Geist „auszuschalten“, um ein- und durchzuschlafen zu können und zu Beginn des Tages ausgeruht und erfrischt aufzuwachen.

Die Yin-Funktion des Herzens besteht darin, dass es „speichert“. Speichern heißt, dass es das Shen 神 - den Geist und das Herz als Sitz der Gefühle - bewahrt und schützt. Xinshen 心神, manchmal übersetzt als „Herz-Geist“, ist der mentale, gefühlsmäßige und spirituelle Aspekt des Qi, der alle Funktionen des Menschen und seine ganze Existenz belebt. Diese Belebung ist der Funke der Inspiration, der sich in allem zeigt, was man denkt, sagt und tut; sie äußert sich in der Fähigkeit, sich bewusst und mit klarer Absicht auszudrücken.

Xinshen 心神 spiegelt sich im Gesicht des Menschen, in seinen Augen, in seinem Ausblick auf die Welt, in seinen Bewegungen, Reaktionen und Stimmungen. Xinshen 心神 ist sein Innenleben und seine Reaktion auf die Außenwelt. Was die Gesundheit betrifft, so  sorgt Xinshen 心神 in erster Linie dafür, dass man während des gesamten Lebens die rechte Positionierung zwischen Himmel und Erde findet.

Xinshen 心神 ist die Fähigkeit, in Begegnungen und Beziehungen, unabhängig von der Situation, angemessen, mit Empathie und Verständnis zu reagieren; klar zu denken, mit einer Fähigkeit, enorme Mengen an Information nach Bedarf zu speichern, abzurufen und zu verwenden; die Fähigkeit, die Mitte einzunehmen und nicht zu handeln oder zu sprechen, ohne nachzudenken; und keine Dinge zu tun, die unnötig sind, auf irgendeine Weise unangemessen oder nicht hilfreich.

Vor allem ist Xinshen 心神 die Fähigkeit, ruhig zu bleiben und gelassen, umgeben von einem mentalen, emotionalen und spirituellen Raum, in den die Dinge ungestört eintreten können, einem Raum, der es ermöglicht, auf die richtige Art, zum richtigen Zeitpunkt auf zutiefst menschliche Art und in vollem Bewusstsein zu reagieren.

In Wirklichkeit spiegeln die größten Stärken jedoch auch die größten Schwächen wider. Das Herz-Qi in seiner Beständigkeit und Ruhe, das für die rechte Positionierung zwischen Himmel und Erde sorgt, wird durch Situationen des Übermaßes und auch durch emotionale oder physische Schocks oder Traumata leicht und plötzlich aus dem Gleichgewicht gebracht; auch wenn man sich in einem schlechten Gesundheitszustand befindet, bei fortwährendem Schlafmangel, einer chronischen Krankheit oder einem ungeregelten Lebensstil; oder aufgrund externer Faktoren von großer Intensität oder langer Dauer, wie z.B. der Isolation, den Unsicherheiten, Sorgen und Ängsten, die die derzeitige Pandemie mit sich bringt.

Die Regulierung des Geistes ist dasselbe wie die Regulierung des Herzens. Sie geschieht in der Stille, indem die Sinne nach innen gelenkt werden, um ein weites Feld innerer Klarheit und Licht zu schaffen, ungestört vom unaufhörlichen und unnötigen Geschwätz eines leicht abgelenkten Geistes. So findet man den Einklang mit der wahren inneren Natur und die Fähigkeit, in allen Situationen angemessen und menschlich zu handeln.

Die Methode des Heilenden Lautes für das Herz-Qi schafft die körperlichen Bedingungen, die es braucht, um dieses weite Feld zu öffnen:

Zunächst wird die Bahn des Herz-Qi durch das Öffnen und Schließen der Arme und Hände aktiviert. Dann weitet man durch Bewegung, Vorstellung und Atem die obere Brust und denkt den Laut „heaaah“, während man durch den Mund ausatmet. Das Gesicht wird etwas zum Himmel gewandt, die Hände bewegen sich nach oben. So wird überschüssiges „Feuer-Qi“ ausgeleitet, das den sog. „Palast des Geistes“, die komfortable Wohnstatt des Shen-Geistes, stören könnte.

Der Palast des Geistes stellt einen inneren sicheren Ort dar, er ist ein Zuhause für Herz und Verstand. Seine Funktion ist die Sicherstellung und Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes, das notwendig ist, um auf allen Ebenen, in allen Situationen und zu jeder Zeit natürlich und auf angemessene Art und Weise handeln zu können.

Als nächstes gehen die Hände hinter den Kopf und stützen ihn leicht an der Basis. Die Berührung der Finger aktiviert das Qi im Bereich des Hirnstamms. Kopf und Gesicht gehen ein wenig nach hinten, um die Meridiane im Bereich der Sinnesorgane und des Gehirns zu öffnen. Dabei wird buchstäblich das Qi des Geistes erweckt.

Der Abschluss der Übung für das Herz-Qi ist dann gleich wie bei den anderen Übungen der Heilenden Laute. Man führt das Qi zurück zum Bereich der Nieren - zu dem Bereich also, in dem sich das Essenz-Qi befindet - und konsolidiert es dort.

























Abbildung des Herz-Meridians (Hand-Shaoyin-Meridian) 

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥 - Sorgfältige Ausführungen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca 1304-1386) zu den 14 Meridianen

Thursday, April 16, 2020

Heilende Laute - Übung für das Herz

Hier ist die nächste der Heilenden-Laut-Übungen, mit dem Laut für das Herz bzw. das Herz-Qi. 

Wie auch bei den anderen Übungen: Durch den Mund ausatmen und den Laut nur in der Vorstellung aussprechen. 

Der Laut für das Herz ist: He-a oder Ha, so wie ich es auch im Video sage, irgendwo zwischen He und Ha. (So ganz genau muss man dabei nicht sein, auch in China gibt es Varianten bei der Aussprache des Lautes.)

Wenn man alle bisherigen Übungen zusammen übt, dann in der Reihenfolge: Lunge, Leber, Milz, Herz, Dreifacher Erwärmer.



Wednesday, April 15, 2020

Weiteres zu den Übungen der Sechs Heilenden Laute

Ich habe schon andernorts erwähnt, dass die Übungen der Sechs Laute sehr alt sind und bis in die Zeit der Qi- und Liang-Dynastien zu Tao Hongjing 陶弘景 (456–536), Patriarch der Shangqing-Schule des Daoismus (des Daoismus der Höchsten Klarheit), zurückverfolgt werden können. Wahrscheinlich noch weiter, gibt es doch sowohl bei Laozi als auch bei Zhuangzi Passagen, die auf eine Verwendung solcher Atemmethoden hindeuten.

Weiter unten habe ich einen Teil eines Kapitels aus dem Yangxing Yanming Lu 养性延命录 (Aufzeichnungen zur Pflege der inneren Natur und Verlängerung des Lebens) von Tao Hongjing übersetzt. Dies ist einer der frühesten Texte, in denen die Sechs Laute, die eigentlich sechs Ausatmungen sind, beschrieben sind.

Jedem der sechs Laute entspricht ein chinesisches Schriftzeichen mit einer Bedeutung. Ich schreibe diese in der Übersetzung dazu, sind diese Bedeutungen doch auch wichtig für das Verständnis der Übungen.

Die Laute haben sich in den letzten 1500 Jahren verändert, in der Übersetzung weiter unten verwende ich die moderne chinesische Aussprache. Diese ist: xu für die Leber, sprich shü; chui für die Nieren, sprich tschue-i; hu für die Milz, sprich hu; si für die Lungen, sprich sss; he für das Herz, sprich he-a; xi für den Dreifachen Erwärmer, sprich shi.

Wie wir die Übungen zur Zeit üben, in den Videos auf diesem Blog entsprechen sie der alten lokalen Aussprache. Diese ist: hei für die Lunge, sprich he-i; ci für die Nieren, sprich tss (Die anderen bleiben gleich).

Die alte Aussprache kann man gut rekonstruieren, anhand alter Reimwörterbücher und auch anhand zeitgenössischer buddhistischer Texte, die ja aus dem Sanskrit ins Chinesische übersetzt wurden und damit Hinweise geben auf die damalige Aussprache bestimmter Zeichen.

Die gesundheitlichen Wirkungen sind belegt, egal, welche der Aussprachen man verwendet.

Natürlich ist bei solch alten daoistischen Texten manches in einer für uns sehr fremden Art und Weise formuliert, vieles ist auch nicht mehr zeitgemäß. Doch kann man immer noch zu verstehen suchen, was das Wesentliche ist, um dieses zu übernehmen und es dann durch die Praxis zu überprüfen. Dazu braucht man ein möglich weites und umfassendes Referenzsystem, um dies auf sinnvolle Weise tun zu können. Meines stammt aus der Sinologie sowie aus der Ausbildung, die ich während Jahrzehnten durch chinesische Qigong-Fachleute erhalten konnte und aus meiner Erfahrung im Qigong-Unterricht. Kerrys Referenzsystem ist die chinesische Medizin, vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung im Unterricht für das TCM-College Ireland, ihrer eigenen Ordination in Dublin und ihrer Arbeit als TCM-Ärztin während vieler Jahre, in verschiedenen Abteilungen chinesischer Spitäler, sowie unter Prof. Xia Shuangquan in Guangzhou im Kontext des medizinischen und klinischen Qigong.

Dies hilft uns beiden enorm bei der Beurteilung von Qigong-Methoden, es hilft beim Lesen der alten Texte, und es hilft, Oberflächlichkeiten oder auch Fehler zu vermeiden. Und wir können uns gegenseitig korrigieren bzw. ergänzen. Ich schildere natürlich auch TCM-Zusammenhänge, die Berührungsfläche der TCM mit Qigong ist ja sehr groß, aber bin kein TCM-Arzt, und ich könnte niemanden behandeln. Umgekehrtes gilt für Kerry bezüglich all der Inhalte, die nur auf Chinesisch zugänglich und durch eine sinologische Ausbildung verständlich sind.

Die Übungen der Heilenden Laute werden seit 1500 Jahren tradiert. Dass Übungen so lange überliefert werden, hat mit ihrer Wirksamkeit zu tun, die bis heute unbestritten ist. Gerade gestern, als ich auf chinesischen Seiten nach wissenschaftlichen Artikeln bezüglich Lungenerkrankungen und Qigong-Therapie gesucht habe, ist mir wieder eine Arbeit untergekommen, die die klinische Wirksamkeit der Heilenden-Laut-Übungen in der Therapie von COPD (chronic obstructive pulmonary disease - Chronische obstruktive Lungenerkrankung) beschreibt.

In einer globalen Notfallssituation wie der Covid-19-Pandemie sind diese Übungen jedenfalls als individuelle Gesundheits-Maßnahme sehr geeignet.

Allerdings möchte ich hier betonen: Man muss solche Übungen „nach Hause üben“, also wirklich meistern. Die Regelmäßigkeit ist essentiell. Wirkungen im Qi stellen sich schon auch gleich beim ersten Üben ein, aber das regelmäßige Tun ist ungleich effektiver und tiefergehend. 

Wie immer im Qigong braucht es die Verbindung von Körper, Atem und Aufmerksamkeit. Aus deren Zusammenspiel erst entstehen die Wirkungen. Die Aufmerksamkeit bzw. Konzentration ermöglicht einem, während des Übens in den für Qigong typischen meditativen Zustand zu gelangen, der das Qi regeneriert. Die Atmung ist der Motor für die Bewegung des Qi. Die Bewegungen leiten und kanalisieren den Fluss des Qi.

Der Vorteil der Übungen der Heilenden Laute ist das bewusste Einbeziehen der Atmung. Die Funktion der Lunge ist, das Qi zu bewegen. Qigong, ohne zu atmen, ist kein Qigong, oder ein in seiner Wirksamkeit nur sehr reduziertes Qigong. In meinen Kursen beobachte ich, dass die Atmung bei vielen der am meisten vernachlässigte Aspekt des Übens ist. Bewegungsabläufe werden mehr oder weniger rasch gelernt, auch die Versenkung in einen Zustand der Ruhe fällt niemandem wirklich schwer. Aber geatmet wird oft sehr wenig. Und das nimmt dem Qigong sehr viel an Möglichkeiten.

Wie die Atmung im Qigong gehandhabt wird, kann viele Formen annehmen:

Es kann heißen, eine feine, ruhige, lange, langsame Atmung zu entwickeln, ohne eine spezielle Technik, so wird es vor allem in der Qigong-Meditation gehandhabt.

Es kann heißen, bestimmte Atemtechniken zu verwenden, die das Qi auf spezielle Weise beeinflussen: das Ein-Ein-Ausatmen beim Qigong-Gehen ist ein Beispiel dafür, es ist eine Technik, die (auch lebensbedrohende) Stagnationen des Qi auflösen kann.

Es kann heißen, mittels gesungener Laute das Qi zu beeinflussen (im Qigong-Gehen gegen Krebs und chronische Krankheiten der Frau Guo Lin gibt es da eigene Übungen).

Oder es kann heißen, gezielt verschiedene Funktionen des Qi zu beeinflussen (Funktionen, die einen klaren Organbezug haben), wie eben bei den Übungen der Heilenden Laute.

Die Übungen der Heilenden Laute sind also nicht nur zur Zeit wichtig, um das eigene Zheng Qi (das aufrechte Qi als Ausdruck der Gesundheit und Immunabwehr) zu stärken, sondern sie bieten, über den Weg der Atmung, auch eine Möglichkeit, die Qigong-Praxis weiter zu entwickeln und zu vertiefen.

Und das heißt eben auch: sie wirksamer zu machen.

Hier nun Ausschnitte aus Tao Hongjings Yangxing Yanming Lu:

Das Fuqi Jing 服氣 經 (Der Klassiker der Aufnahme von Qi) sagt: Das Dao (der Weg) ist das Qi. Wenn man das Qi schützt, erlangt man den Weg. Erlangt man den Weg, erreicht man lange Dauer.
Geist ist Essenz. Durch den Schutz der Essenz wird der Geist leuchtend. Wird der Geist leuchtend, erreicht man ein langes Leben.

Die Essenz ist der Fluss des Blutes in den Gefäßen und der numinose Geist, der die Knochen schützt. Verliert man die Essenz, werden die Knochen spröde. Werden die Knochen spröde, dann stirbt man. Darum heißt das Praktizieren des Weges die Essenz zu schätzen

Wenn man das Qi kreisen lässt, atmet man durch die Nase ein und durch den Mund aus.

Solcherart sanft zu praktizieren, das nennt man den Langen Atem. Es gibt eine Art des Einatmens und sechs Arten des Ausatmens.

Die eine Art von Einatmen heißt xi 吸 (Inhalation).

Die sechs Arten des Ausatmens sind chui 吹 (wörtlich: blasen), hu 呼 (wörtlich: ausatmen), xi 唏 (wörtlich: schluchzen), he 呵 (wörtlich: schnauben), xu 噓 (wörtlich: seufzen) und si 呬 (wörtlich: verschnaufen). Diese alle sind Methoden des Langen Atems, um Qi auszustoßen.
Die Atmung gewöhnlicher Menschen besteht in ursprünglicher Zählweise aus einem Ausatmen und einem Einatmen.

Um die Methode des Langen Atems und Ausstoßens von Qi zu praktizieren:

Wenn das Wetter kalt ist, verwendet man chui, wenn das Wetter heiß ist, verwendet man hu.

Wenn man Krankheiten lindern und heilen möchte, verwendet man chui, um Hitze auszuleiten; hu, um Wind zu zerstreuen; xi, um Ärger zu vertreiben; he, um das Qi sinken zu lassen; xu, um Stagnationen aufzulösen; si, um Erschöpfung zu beseitigen. Normale Menschen, wenn sie erschöpft sind, sollten öfter xu und he praktizieren...

Das Mingyi Lun 明醫論 (Diskurse berühmter Ärzte) sagt:

Es liegt an den Fünf Ermüdungen, dass Krankheiten auftreten. Die ersten beiden Organe, die von den Fünf Ermüdungen beschädigt werden, sind Herz und Niere, sie werden von üblem Qi angegriffen und in der Folge erkranken alle Zang- und Fu-Organe.

Die Fünf Ermüdungen sind:

1. Ermüdungen des Willens
2. Ermüdungen des Denkens
3. Ermüdungen des Herzens (des Geistes)
4. Ermüdungen durch Sorge
5. körperliche Ermüdungen

Die Fünf Ermüdungen (wenn unbehandelt) erzeugen die sechs Erschöpfungen:

1. Erschöpfung des Qi
2. Erschöpfung des Bluts
3. Erschöpfung der Sehnen
4. Erschöpfung der Knochen
5. Erschöpfung der Essenz
6. Erschöpfung des Marks

Die sechs Erschöpfungen (wenn unbehandelt) verursachen die sieben Verletzungen.

Die sieben Verletzungen (wenn unbehandelt) verwandeln sich in die sieben Schmerzzustände.

Die sieben Schmerzzustände als Krankheiten, führen dazu, dass übles Qi (xie qi 邪氣 -pathogenes Qi) zunimmt und aufrechtes Qi (zheng qi 正氣 - gesundes Qi) sich verringert...

Das Entstehen von Krankheiten kann nicht getrennt von den Organen verstanden werden. Wer das Qi zirkulieren lässt, um Krankheiten zu heilen, muss die Krankheitsursache kennen. Wer sie nicht kennt, kann nicht heilen.

Herzkranke mit heißem oder kaltem Qi im Körper, können diese durch das Hu-Ausatmen und das Xi-Einatmen loswerden.
Lungenkranke mit Spannungszuständen in Brust und Zwerchfell, können diese durch die Xu-Atmung loswerden.
Milzkranke mit inneren Windzuständen im Oberkörper, mit Jucken, Schmerzen und Beklemmungen, können diese durch die Xi-Atmung loswerden.
Leberkranke mit Schmerzen in den Augen, mit Sorgen, Ängsten und Freudlosigkeit, können diese durch die He-Atmung loswerden.

Man atmet bei den oben genannten zwölf Methoden zur Regulation des Qi immer durch die Nase ein und stößt den Atem aus dem Mund aus. Man lässt das Geräusch des Atems die Laute chui, hu, xu, he, xi, si begleiten.

Wenn sich ein Patient dieser Methoden bedient, muss er sie respektvoll und achtsam ausführen. Es gibt keine Krankheit, die so nicht geheilt wird.

Dies ist also die wichtige Kunst der Heilung von Krankheiten und des Langen Lebens.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...