Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Wednesday, April 15, 2020

Weiteres zu den Übungen der Sechs Heilenden Laute

Ich habe schon andernorts erwähnt, dass die Übungen der Sechs Laute sehr alt sind und bis in die Zeit der Qi- und Liang-Dynastien zu Tao Hongjing 陶弘景 (456–536), Patriarch der Shangqing-Schule des Daoismus (des Daoismus der Höchsten Klarheit), zurückverfolgt werden können. Wahrscheinlich noch weiter, gibt es doch sowohl bei Laozi als auch bei Zhuangzi Passagen, die auf eine Verwendung solcher Atemmethoden hindeuten.

Weiter unten habe ich einen Teil eines Kapitels aus dem Yangxing Yanming Lu 养性延命录 (Aufzeichnungen zur Pflege der inneren Natur und Verlängerung des Lebens) von Tao Hongjing übersetzt. Dies ist einer der frühesten Texte, in denen die Sechs Laute, die eigentlich sechs Ausatmungen sind, beschrieben sind.

Jedem der sechs Laute entspricht ein chinesisches Schriftzeichen mit einer Bedeutung. Ich schreibe diese in der Übersetzung dazu, sind diese Bedeutungen doch auch wichtig für das Verständnis der Übungen.

Die Laute haben sich in den letzten 1500 Jahren verändert, in der Übersetzung weiter unten verwende ich die moderne chinesische Aussprache. Diese ist: xu für die Leber, sprich shü; chui für die Nieren, sprich tschue-i; hu für die Milz, sprich hu; si für die Lungen, sprich sss; he für das Herz, sprich he-a; xi für den Dreifachen Erwärmer, sprich shi.

Wie wir die Übungen zur Zeit üben, in den Videos auf diesem Blog entsprechen sie der alten lokalen Aussprache. Diese ist: hei für die Lunge, sprich he-i; ci für die Nieren, sprich tss (Die anderen bleiben gleich).

Die alte Aussprache kann man gut rekonstruieren, anhand alter Reimwörterbücher und auch anhand zeitgenössischer buddhistischer Texte, die ja aus dem Sanskrit ins Chinesische übersetzt wurden und damit Hinweise geben auf die damalige Aussprache bestimmter Zeichen.

Die gesundheitlichen Wirkungen sind belegt, egal, welche der Aussprachen man verwendet.

Natürlich ist bei solch alten daoistischen Texten manches in einer für uns sehr fremden Art und Weise formuliert, vieles ist auch nicht mehr zeitgemäß. Doch kann man immer noch zu verstehen suchen, was das Wesentliche ist, um dieses zu übernehmen und es dann durch die Praxis zu überprüfen. Dazu braucht man ein möglich weites und umfassendes Referenzsystem, um dies auf sinnvolle Weise tun zu können. Meines stammt aus der Sinologie sowie aus der Ausbildung, die ich während Jahrzehnten durch chinesische Qigong-Fachleute erhalten konnte und aus meiner Erfahrung im Qigong-Unterricht. Kerrys Referenzsystem ist die chinesische Medizin, vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung im Unterricht für das TCM-College Ireland, ihrer eigenen Ordination in Dublin und ihrer Arbeit als TCM-Ärztin während vieler Jahre, in verschiedenen Abteilungen chinesischer Spitäler, sowie unter Prof. Xia Shuangquan in Guangzhou im Kontext des medizinischen und klinischen Qigong.

Dies hilft uns beiden enorm bei der Beurteilung von Qigong-Methoden, es hilft beim Lesen der alten Texte, und es hilft, Oberflächlichkeiten oder auch Fehler zu vermeiden. Und wir können uns gegenseitig korrigieren bzw. ergänzen. Ich schildere natürlich auch TCM-Zusammenhänge, die Berührungsfläche der TCM mit Qigong ist ja sehr groß, aber bin kein TCM-Arzt, und ich könnte niemanden behandeln. Umgekehrtes gilt für Kerry bezüglich all der Inhalte, die nur auf Chinesisch zugänglich und durch eine sinologische Ausbildung verständlich sind.

Die Übungen der Heilenden Laute werden seit 1500 Jahren tradiert. Dass Übungen so lange überliefert werden, hat mit ihrer Wirksamkeit zu tun, die bis heute unbestritten ist. Gerade gestern, als ich auf chinesischen Seiten nach wissenschaftlichen Artikeln bezüglich Lungenerkrankungen und Qigong-Therapie gesucht habe, ist mir wieder eine Arbeit untergekommen, die die klinische Wirksamkeit der Heilenden-Laut-Übungen in der Therapie von COPD (chronic obstructive pulmonary disease - Chronische obstruktive Lungenerkrankung) beschreibt.

In einer globalen Notfallssituation wie der Covid-19-Pandemie sind diese Übungen jedenfalls als individuelle Gesundheits-Maßnahme sehr geeignet.

Allerdings möchte ich hier betonen: Man muss solche Übungen „nach Hause üben“, also wirklich meistern. Die Regelmäßigkeit ist essentiell. Wirkungen im Qi stellen sich schon auch gleich beim ersten Üben ein, aber das regelmäßige Tun ist ungleich effektiver und tiefergehend. 

Wie immer im Qigong braucht es die Verbindung von Körper, Atem und Aufmerksamkeit. Aus deren Zusammenspiel erst entstehen die Wirkungen. Die Aufmerksamkeit bzw. Konzentration ermöglicht einem, während des Übens in den für Qigong typischen meditativen Zustand zu gelangen, der das Qi regeneriert. Die Atmung ist der Motor für die Bewegung des Qi. Die Bewegungen leiten und kanalisieren den Fluss des Qi.

Der Vorteil der Übungen der Heilenden Laute ist das bewusste Einbeziehen der Atmung. Die Funktion der Lunge ist, das Qi zu bewegen. Qigong, ohne zu atmen, ist kein Qigong, oder ein in seiner Wirksamkeit nur sehr reduziertes Qigong. In meinen Kursen beobachte ich, dass die Atmung bei vielen der am meisten vernachlässigte Aspekt des Übens ist. Bewegungsabläufe werden mehr oder weniger rasch gelernt, auch die Versenkung in einen Zustand der Ruhe fällt niemandem wirklich schwer. Aber geatmet wird oft sehr wenig. Und das nimmt dem Qigong sehr viel an Möglichkeiten.

Wie die Atmung im Qigong gehandhabt wird, kann viele Formen annehmen:

Es kann heißen, eine feine, ruhige, lange, langsame Atmung zu entwickeln, ohne eine spezielle Technik, so wird es vor allem in der Qigong-Meditation gehandhabt.

Es kann heißen, bestimmte Atemtechniken zu verwenden, die das Qi auf spezielle Weise beeinflussen: das Ein-Ein-Ausatmen beim Qigong-Gehen ist ein Beispiel dafür, es ist eine Technik, die (auch lebensbedrohende) Stagnationen des Qi auflösen kann.

Es kann heißen, mittels gesungener Laute das Qi zu beeinflussen (im Qigong-Gehen gegen Krebs und chronische Krankheiten der Frau Guo Lin gibt es da eigene Übungen).

Oder es kann heißen, gezielt verschiedene Funktionen des Qi zu beeinflussen (Funktionen, die einen klaren Organbezug haben), wie eben bei den Übungen der Heilenden Laute.

Die Übungen der Heilenden Laute sind also nicht nur zur Zeit wichtig, um das eigene Zheng Qi (das aufrechte Qi als Ausdruck der Gesundheit und Immunabwehr) zu stärken, sondern sie bieten, über den Weg der Atmung, auch eine Möglichkeit, die Qigong-Praxis weiter zu entwickeln und zu vertiefen.

Und das heißt eben auch: sie wirksamer zu machen.

Hier nun Ausschnitte aus Tao Hongjings Yangxing Yanming Lu:

Das Fuqi Jing 服氣 經 (Der Klassiker der Aufnahme von Qi) sagt: Das Dao (der Weg) ist das Qi. Wenn man das Qi schützt, erlangt man den Weg. Erlangt man den Weg, erreicht man lange Dauer.
Geist ist Essenz. Durch den Schutz der Essenz wird der Geist leuchtend. Wird der Geist leuchtend, erreicht man ein langes Leben.

Die Essenz ist der Fluss des Blutes in den Gefäßen und der numinose Geist, der die Knochen schützt. Verliert man die Essenz, werden die Knochen spröde. Werden die Knochen spröde, dann stirbt man. Darum heißt das Praktizieren des Weges die Essenz zu schätzen

Wenn man das Qi kreisen lässt, atmet man durch die Nase ein und durch den Mund aus.

Solcherart sanft zu praktizieren, das nennt man den Langen Atem. Es gibt eine Art des Einatmens und sechs Arten des Ausatmens.

Die eine Art von Einatmen heißt xi 吸 (Inhalation).

Die sechs Arten des Ausatmens sind chui 吹 (wörtlich: blasen), hu 呼 (wörtlich: ausatmen), xi 唏 (wörtlich: schluchzen), he 呵 (wörtlich: schnauben), xu 噓 (wörtlich: seufzen) und si 呬 (wörtlich: verschnaufen). Diese alle sind Methoden des Langen Atems, um Qi auszustoßen.
Die Atmung gewöhnlicher Menschen besteht in ursprünglicher Zählweise aus einem Ausatmen und einem Einatmen.

Um die Methode des Langen Atems und Ausstoßens von Qi zu praktizieren:

Wenn das Wetter kalt ist, verwendet man chui, wenn das Wetter heiß ist, verwendet man hu.

Wenn man Krankheiten lindern und heilen möchte, verwendet man chui, um Hitze auszuleiten; hu, um Wind zu zerstreuen; xi, um Ärger zu vertreiben; he, um das Qi sinken zu lassen; xu, um Stagnationen aufzulösen; si, um Erschöpfung zu beseitigen. Normale Menschen, wenn sie erschöpft sind, sollten öfter xu und he praktizieren...

Das Mingyi Lun 明醫論 (Diskurse berühmter Ärzte) sagt:

Es liegt an den Fünf Ermüdungen, dass Krankheiten auftreten. Die ersten beiden Organe, die von den Fünf Ermüdungen beschädigt werden, sind Herz und Niere, sie werden von üblem Qi angegriffen und in der Folge erkranken alle Zang- und Fu-Organe.

Die Fünf Ermüdungen sind:

1. Ermüdungen des Willens
2. Ermüdungen des Denkens
3. Ermüdungen des Herzens (des Geistes)
4. Ermüdungen durch Sorge
5. körperliche Ermüdungen

Die Fünf Ermüdungen (wenn unbehandelt) erzeugen die sechs Erschöpfungen:

1. Erschöpfung des Qi
2. Erschöpfung des Bluts
3. Erschöpfung der Sehnen
4. Erschöpfung der Knochen
5. Erschöpfung der Essenz
6. Erschöpfung des Marks

Die sechs Erschöpfungen (wenn unbehandelt) verursachen die sieben Verletzungen.

Die sieben Verletzungen (wenn unbehandelt) verwandeln sich in die sieben Schmerzzustände.

Die sieben Schmerzzustände als Krankheiten, führen dazu, dass übles Qi (xie qi 邪氣 -pathogenes Qi) zunimmt und aufrechtes Qi (zheng qi 正氣 - gesundes Qi) sich verringert...

Das Entstehen von Krankheiten kann nicht getrennt von den Organen verstanden werden. Wer das Qi zirkulieren lässt, um Krankheiten zu heilen, muss die Krankheitsursache kennen. Wer sie nicht kennt, kann nicht heilen.

Herzkranke mit heißem oder kaltem Qi im Körper, können diese durch das Hu-Ausatmen und das Xi-Einatmen loswerden.
Lungenkranke mit Spannungszuständen in Brust und Zwerchfell, können diese durch die Xu-Atmung loswerden.
Milzkranke mit inneren Windzuständen im Oberkörper, mit Jucken, Schmerzen und Beklemmungen, können diese durch die Xi-Atmung loswerden.
Leberkranke mit Schmerzen in den Augen, mit Sorgen, Ängsten und Freudlosigkeit, können diese durch die He-Atmung loswerden.

Man atmet bei den oben genannten zwölf Methoden zur Regulation des Qi immer durch die Nase ein und stößt den Atem aus dem Mund aus. Man lässt das Geräusch des Atems die Laute chui, hu, xu, he, xi, si begleiten.

Wenn sich ein Patient dieser Methoden bedient, muss er sie respektvoll und achtsam ausführen. Es gibt keine Krankheit, die so nicht geheilt wird.

Dies ist also die wichtige Kunst der Heilung von Krankheiten und des Langen Lebens.

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