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Monday, May 4, 2020

Tuna 吐納 - Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen

Hier noch weitere Informationen und Instruktionen, um die Übungen der Heilenden Laute korrekt und wirkungsvoll zu praktizieren.

Die Heilenden Laute gehören zu einer Art von Übungen, die auf Chinesisch Tuna 吐納 genannt werden. Tuna ist die Abkürzung für Tugu Naxin 吐故納新 – Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen, also Übungen zum Ausatmen und Ausstoßen der Aspekte des Qi, die alt sind, verbraucht, trüb, krank, und das Einatmen des unverbrauchten, lebendigen, gesunden Qi der Natur.

Die Geschichte dieser Methoden möchte ich hier nur kurz streifen, sie können jedenfalls, wie schon erwähnt, mehr als zwei Jahrtausende zurückverfolgt werden. Beim daoistischen Philosophen Zhuangzi 莊子 (4. Jh. v. Chr) finden sie Erwähnung, ebenso in den bei Mawangdui 馬王堆 ausgegrabenen medizinischen Texten (2. Jh. v. Chr.) , eine Passage im Laozi 老子 nimmt auf zwei der Laute Bezug, beim konfuzianischen Denker Wang Chong 王充 (27-100) werden sie ebenfalls angeführt. Und in den weiteren Jahrhunderten von der Jin-Zeit bis zu den Sechs Dynastien und der Tang-Dynastie wurden diese Übungen zu einem eigenständigen therapeutischen System weiterentwickelt.

- Teilweise in einem daoistischen Kontext: der schon mehrmals in anderen Postings angesprochene Tao Hongjing 陶弘景 und die Shangqing 上清 - Schule des Daoismus gehört dazu, aus dieser Tradition stammt auch der Klassiker des Gelben Hofes (Huangtingjing 黃庭經), auf den Hu Yin 胡愔, daoistische Priesterin und Ärztin, in ihrem eigenen Werk über das Tonisieren bzw. Reduzieren des Qi der Organe Bezug nimmt.

Einem Werk, das einen langen Titel trägt: Huangting Neijing Wuzang Liufu Buxie Tu 黃庭內景五臟六腑補瀉圖 (Karte des Stärkens und Reduzierens der Fünf Zang- und Sechs Fu-Organe gemäß der Schrift des Inneren Strahlens des Gelben Hofes). Hu Yin legt darin auf sehr nüchterne und klare Art therapeutische Prinzipien für die Übung der Heilenden Laute dar, Prinzipien, die auch heute noch befolgt werden. Und natürlich gehört auch der „König der Medizin“ erwähnt, der berühmte Daoist und Arzt Sun Simiao 孫思邈 (7. Jh.) mit seinem Werk Qianjin Fang 千金方 (Rezepte im Wert von Tausend Unzen Gold), in dem ebenfalls die Heilenden Laute behandelt werden.

- Teilweise in einem von vornherein medizinischen Kontext: dazu gehört das verlorengegangene Yangsheng Yaoji 養生要集 (Wesentliche Prinzipien zur Pflege des Lebens), dessen therapeutische Inhalte unter anderem von Chao Yuanfang 巢元方, Leibarzt des Kaisers und Direktor der Medizinischen Akademie des Hofes der Sui-Dynastie, im Jahre 610 in seinem monumentalen „Diskurs über Ursprünge und Symptome der Krankheiten“ übernommen wurden.

- Teilweise in einem buddhistischen Kontext: wie bei Zhi Dun 支盾 oder Zhi Daolin 支道林 (4. Jh.) und seinem Daolin Shesheng Lun 道林攝生論 (Diskussion über das Nähren des Lebens).

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt, ich will hier, wie gesagt, nicht detailliert auf die Geschichte der Übungen eingehen, sondern nur einen allgemeinen Eindruck vermitteln, dass wir es mit der Methode der Heilenden Laute mit einer schon vor 1500 Jahren weit verbreiteten Methode zu tun haben, die damals sowohl mündlich als auch schriftlich überliefert wurde.

In der Zeit von der Tang-Dynastie (7.-9.Jh) bis heute entstanden eine Vielzahl an weiteren Werken zu diesen Übungen, ich werde manche davon an anderer Stelle erwähnen.

Doch zurück zum Begriff Tuna „Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen“, um den es mir hier heute geht. Die Übungen der Heilenden Laute als Übungen zur Heilung und Stärkung der inneren Organe gehören zu dieser Kategorie von Qigong-Übungen, sie wirken genau durch dieses Prinzip.

Der Organismus stellt im chinesischen Verständnis ein komplexes Geflecht von Strukturen, Funktionen und Beziehungen dar, die mittels des Konzepts und der Theorie des Qi beschrieben werden. Die Übungen der Heilenden Laute machen nur vor diesem Hintergrund Sinn (auch wenn man tatsächlich beim Üben fast nichts über die Theorie wissen muss).

Beim Üben wird durch die Ausatmung Xieqi 邪气 (pathogenes Qi) aus den Organen und den entsprechenden Meridianen entfernt. Dies ist ein Prozess des Reduzierens oder Ausleitens – Xiefa 瀉法 auf Chinesisch. Man darf jedoch mit dem Reduzieren nicht übertreiben, während des Übens muss es mit der Methode des Stärkens oder Tonisierens - Bufa 補法 auf Chinesisch - ausgeglichen werden.

Das ist einer der Gründe, warum man die Laute nur denkt und nicht laut ausspricht. Sie laut auszusprechen wäre ein zu starker reduzierender Impuls. Dadurch würde man auf Dauer das Qi erschöpfen, was vermieden werden muss. Jedes Ausatmen braucht folglich den Ausgleich und die Ergänzung durch ein ruhiges und langes Einatmen.

Konkret: Man atmet ruhig und lange aus, während man sich einen der Laute vorstellt, und dann erfolgt eine ebenso ruhige und lange Einatmung. Nirgendwo in diesem Prozess des Aus- und Einatmens sollte man in Atemnot kommen oder physische Druckgefühle entwickeln. Wenn man das Gefühl hat, dass die Atmung nicht mehr gelöst und ruhig und einfach ist, dann ist es wichtig, innezuhalten und die Atmung zu regulieren (d.h. man lässt sie sich beruhigen und zu ihrem natürlichen Fluss zurückkehren), bevor man wieder weiter macht.

Dies ist einfach gesagt, doch braucht es Geduld und langes Üben, bis man dies auch nur so halbwegs zu verkörpern imstande ist. Doch tut man dies nicht, wird man bei den Übungen keine wirklichen Fortschritte machen können und die therapeutischen Wirkungen werden sehr an der Oberfläche bleiben.

Man kann es an den chinesischen Zeichen ablesen. Jedes chinesische Schriftzeichen enthält ein sogenanntes Radikal, ein Wurzelzeichen (unter dem es auch im Wörterbuch auffindbar ist – es gibt insgesamt 214 Radikale). Das Zeichen Tu 吐 (ausatmen) und auch die Heilenden Laute selbst schreiben sich alle mit demselben Radikal kou 口 (Mund). Am Zeichen erkennt man also, dass durch den Mund ausgeatmet wird.

Das Zeichen Na 納 (aufnehmen) hingegen schreibt sich mit dem Radikal si 糹, welches Seide bedeutet. Dieses Zeichen Seide ist von alters her vor allem im Daoismus mit der Vorstellung der Atmung assoziiert, einer Atmung fein und lang wie ein Seidenfaden.

Im 6. Kapitel des Laozi heißt es:

Xuanpin zhi men shi wei tiandi gen 玄牝之門是謂天地根 „Das Tor des dunklen Tierweibchens ist die Wurzel von Himmel und Erde.“ In einem der ältesten Kommentare zum Laozi merkt Heshang Gong 河上公, der Alte vom Flussufer, dazu an: „Wurzel heißt Ursprung. Durch das Tor von Nase und Mund kommt und geht der mit Himmel und Erde verbundene Atem des Ursprungs.“

Mian mian ruo cun 綿綿若存 „Seidenfaden um Seidenfaden, wie anwesend“, heißt es weiter bei Laozi. Heshang Gong vermerkt hierzu: “Der durch Nase und Mund fließende Atem soll fein sein wie Seide, so wie anwesend und doch nicht anwesend. Also so fein, dass man nicht erkennen kann, ist da ein Faden oder nicht.“

Yongzhi buqin 用之不勤 „Verwendet es ohne Mühe”, so schliesst Laozi das Kapitel. Und Heshang Gong spricht es klar aus: “Auf freie und gelöste Art und Weise soll der Atem verwendet werden, nicht hastig und bemüht.”

Ich habe anderntags gemeint, dass wir mit den Heilenden Lauten noch ganz am Anfang sind. Wir kennen jetzt die Bewegungen und die Laute, aber sie zu kennen, heißt ja nur, dass man endlich zu praktizieren beginnen kann. Auf lockere, etwas schlampige, entspannte Art und Weise. Das ist vorerst einmal das Wichtigste.

Doch gibt es mit der Zeit noch vieles Notwendige zu ergänzen. Dies werde ich in der nächsten Zeit tun. Ergänzen in Bezug auf die Bewegungen, die Laute, die Mundpositionen, die Reihenfolge der Laute, mögliche Abwandlungen der Übungen und die Atmung selbst.

Was ich oben gesagt habe, klingt simpel, ist aber eines der wichtigsten und wesentlichsten Dinge:

Während des Übens sollte sich die Atmung möglichst frei anfühlen. Wenn man das Gefühl hat, dass es in der Brust oder beim Zwerchfell drückt, oder wenn man sich bemühen muss, die Atmung hinzukriegen, oder man nur ein paarmal ruhig atmen kann und dann plötzlich kommt ein starker Einatem-Reflex, dann atmet man noch nicht richtig. All dies zeigt, dass man noch zu sehr unter Spannung steht und zu sehr im absichtlichen Tun ist. Doch die nötige Resonanz in den Organen und den zugehörigen Meridianen stellt sich erst dann ein, wenn der Körper gelöst ist, die Atmung frei und ohne Mühe erfolgt und wenn man sich in einem Zustand der inneren Ruhe und Stille befindet.

Um all dies allmählich zu erreichen, ist es in erster Linie wichtig, immer wieder Pausen zu machen, Pausen, die dazu dienen, dass sich der Atem beruhigen kann, man bewusst dort loslassen kann, wo durch das Üben Spannungen entstanden sind, und man die nötige Ruhe nicht verliert.

Man kann sich mit allem Zeit lassen. Je ruhiger und entspannter man ist und je selbstverständlicher und freier die Atmung sich anfühlt (und daran bemisst man es: am eigenen Gefühl, an der eigenen Wahrnehmung), desto mehr werden sich die Wirkungen der Übungen auf die Organe und damit auf das Qi des ganzen Organismus einstellen.


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Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...