Hier ein paar Bemerkungen zu Rujing, zur Versenkung in die Stille während des Übens. Im Qigong dreht sich alles um die Stille. Qigong zu üben, heißt zu lernen, dass das Qi der Stille entspringt bzw. durch Stille zu seiner natürlichen Ordnung zurückfinden kann. Demgemäß stellt die Versenkung in die Stille – Rujing –einen der zentralen Inhalte des Qigong dar. Ru 入 bedeutet eintreten, Jing 静 bedeutet Ruhe oder Stille. Um die innere Ruhe und Stille zu erreichen, verwendet man spezielle Methoden, bestimmte Haltungen, das Regulieren des Atems, bestimmte Atemtechniken, die Rezitation von Worten oder Formeln, die Konzentration auf Bewegungsabläufe oder auf Körperbereiche wie z.B. das Dantian, den Blick auf die Nasenspitze wie in Zhu Xis Betrachten des Atems usw. usf.
All diese Methoden ordnen und beruhigen das ungeordnete Fluktuieren der Gedanken, und sie entspannen, körperlich und geistig. Schon einen nur leicht vertieften Ruhezustand erlebt man als angenehmen Zustand höherer innerer Ordnung. Wird man durch regelmäßige Übung fähig, tiefer in die Stille einzutreten und für länger darin zu verweilen, dann können auch besondere Wirkungen hervorgerufen werden. Vorbeugung oder Heilung von Krankheiten gehören dazu, aber auch eine bessere Konzentrationsfähigkeit, kreativeres Denken oder ein stabiles emotionales Gleichgewicht werden durch die Stille gefördert.
Ob man schnell oder langsam ruhig zu werden vermag, ob tief oder nur oberflächlich, hat damit zu tun, wie man mit Übungen umgeht, und mit der Zeit, die man dem Üben widmet. Das Eintreten in die Stille als die Fähigkeit zur geistigen Sammlung fällt ja nicht jedem leicht, in erster Linie braucht es Geduld und vor allem Regelmäßigkeit. Es fällt einem wahrscheinlich leichter, wenn man versteht, dass das Eintreten in die Stille immer in direktem und engem Zusammenhang steht mit den möglichen positiven Ergebnissen der Qigong-Praxis. Eine tiefe Versenkung in die Stille bedeutet hohe therapeutische Wirksamkeit, nicht still werden zu können, heißt weniger gute Wirkungen.
Es ist generell besser, sich an nur wenige Qigong-Übungen zu halten. Jede Qigong-Übung, die ihren Namen verdient, hat therapeutische und andere vorteilhafte Wirkungen, welche sich jedoch erst langsam im Verlauf des Übungsprozesses einstellen, und nur dann, wenn man sich nicht auf Äußerlichkeiten konzentriert. Durch Übungen wird das Qi bewegt und reguliert, selbst durch ein simples Ausführen der Bewegungen, doch der eigentliche Gehalt und die eigentliche Wirkung entfalten sich dann, wenn man die Ruhe in der Bewegung findet. Und genau dazu sind Qigong-Übungen da, einen die Ruhe in der Bewegung entdecken zu lassen. Dort, in der inneren Ruhe regeneriert, reguliert und ordnet sich das Qi von selbst.
Man kann natürlich mehr als eine Übung zugleich üben (dies gilt für Qigong-Übungen in Bewegung), doch viele Übungen zu üben heißt, dass sich Wirkungen langsamer einstellen. Und bei der Qigong-Meditation darf man sich ohnehin nur an eine Methodik halten. Im Rahmen dieses „pandemischen Projekts“ haben wir jedenfalls mit den Übungen der Heilenden Laute und dem Sitzen in Stille eine potentiell sehr wirkungsvolle Übungspraxis. Und je mehr man sich in diese vertieft, desto mehr wird man ein Gefühl für die Übungen entwickeln, auch ein Verständnis für die Übungsdetails entwickeln, und die Wirkungen werden sich einstellen. Mit der Zeit, nach langer Praxis, wird man bemerken, dass sich das Qi anders verhält als am Anfang, und man wird Bewegungen des Qi wahrnehmen, die man vorher noch nie zuvor gespürt hat.
Vertiefen heißt schlicht und einfach regelmäßig tun. Mamahuhu de ku lian 馬馬虎虎得苦練 sagt man auf Chinesisch, nachlässig und ungenau fleißig üben (ich übersetze hier wörtlich, nicht dass es nötig wäre, aber so bleibt einem dieser wichtige Satz leichter im Gedächtnis: Auf Pferd-Pferd-Tiger-Tiger-Art bitter üben).
Während der unzähligen Seminare in den zehn Jahren, in denen ich für Prof. Cong übersetzte, kam dieser Satz wieder und wieder: Nachlässig üben und ungenau! Nur dann kann sich das Qi auf ausgewogene Art entfalten. Wenn Prof. Cong Fragen zur Übungspraxis beantwortete oder mit mir Probleme besprach, die Seminarteilnehmer beim Üben hatten, war dies meist sein Resümee: „Yong yi tai zhong 用意太重 - Zuviel Genauigkeit, zuviel Konzentration, zuviel Denken, zuviel Ehrgeiz, zuviel Wünschen und Wollen.“ Was gleichbedeutend ist mit: Man versucht das Qi zu kontrollieren anstatt auf die natürliche Tendenz des Qi zur Ordnung zu vertrauen. Natürlich braucht man Übungen, um das Qi zu wecken, zu bewegen und zu regulieren, doch ist wichtig, dann „der Schlange keine Beine zu machen“ (um eine chinesische Redensart anzuführen), also zu übertreiben und Unnötiges, Unnatürliches hinzuzufügen.
Wirkungen entstehen aus dem Eintreten in die Stille, alles was diese unterbricht, stört die Regulation des Qi. Dieses Unterbrechen und Stören der Regulation ist der häufigste Grund, warum manche selbst nach Jahren und Jahren der Praxis kaum Fortschritte machen. Einfach zu tun, ohne viel über die Übungen zu reflektieren, ist ein ebenso wichtiger Aspekt des Eintretens in die Stille wie das Beruhigen der Gedanken. Bei Prof. Cong habe ich gelernt, wie wichtig das ist. Ein erfahrener Qigong-Lehrer kann bei jedem Schüler erkennen, ob er durch Denken versucht, einen Prozess zu kontrollieren, der in erster Linie auf der Aufgabe von Kontrolle beruht, und damit das Qi und dessen Wirkungen blockiert.
Ich belasse es heute bei dem. Anderntags mehr zu diesem Thema, das ich ja schon zu Beginn angeschnitten habe, beim „wahren Qi, das der Leere entspringt“, ein Thema, zu dem es noch sehr viel zu sagen gibt und das im Zentrum einer jeden Qigong-Ausbildung stehen sollte.