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Monday, May 31, 2021

Die Fische gedeihen im Wasser, die Menschen gedeihen im Weg...

Liu Zongyuan 柳宗元 (773–819) 

Der alte Fischer 漁翁

漁翁夜傍西岩宿
曉汲清湘燃楚竹
煙銷日出不見人
欸乃一聲山水緑
回看天際下中流
岩上無心雲相逐

Unter dem westlichen Felsen verbringt der alte Fischer die Nacht. 
Am Morgen schöpft er das klare Wasser des Xiang,
Entfacht aus Bambushölzern ein Feuer.
Die Nebel lichten sich, die Sonne bricht durch, 
Kein Mensch mehr zu sehen.
Plötzlich ein Platschen von Rudern 
im Grün der Gewässer und Berge.
Von der Mitte des Stromes blickt er zum Rande des Himmels,
Über den Felsen jagen einander die Wolken, 
Absichtlos.


Wasser stellt ein immer wiederkehrendes Bild der alten daoistischen Philosophie dar. Der daoistische Philosoph Zhuangzi 庄子 lässt im fünften Kapitel seines Buches Konfuzius sprechen:

Die Fische gedeihen im Wasser, die Menschen gedeihen im Weg. Die im Wasser 
gedeihen, tauchen durch die Teiche und finden Nahrung zur Genüge. Die im Weg gedeihen, deren Leben wird durch Nicht-Handeln sicher. Darum heißt es: Die Fische vergessen einander in den Strömen und Seen; die Menschen vergessen einander in den Künsten des Weges.

Und in Kapitel 15 heißt es:

Sich in die Dickichte und Teiche zurückziehen, müßig in der Wildnis leben, an einsamen Plätzen nach Fischen angeln, das Nicht-Tun als einzige Sorge - das ist das Leben, das die Gelehrten der Flüsse und Meere lieben. Gemächliche Müßiggänger sind sie, die sich von der Welt zurückziehen,.

Im Laozi 老子 finden sich viele Stellen, an denen das Dao im Bild des Wassers veranschaulicht wird. 

So im achten Kapitel: Höchste Güte ist wie das Wasser, es nützt allen Dingen und liegt nicht im Streit mit ihnen. Es wohnt an den tiefen Orten, die alle verachten. Darum ist es nahe dem Dao.

Und in Kapitel 43: Das Schwächste auf der Welt überwindet das Stärkste auf der Welt. Was nicht ist, dringt ein in das, was keinen Zwischenraum hat. Daher weiß ich um den Vorteil des Nicht-Tuns. Die Lehre ohne Worte, den Vorteil des Nicht-Tuns, nur wenige unter dem Himmel können dies erreichen.

Auch für die Künste des „Nährens des Lebens“ - also für das, was man heute als Qigong bezeichnet - gelten die vom Wasser abgeleiteten Eigenschaften des Fließens, der Weichheit und Anpassungsfähigkeit, der Unterordnung, der Gestaltlosigkeit, der Leere, des Nicht-Tuns und Nicht-Streitens und der unbehinderten Kommunikation.

Im Heshanggong 河上公, einem der ältesten Kommentare zum Laozi, heißt es zu Kapitel 43:  

... Was nicht ist, bezieht sich auf das Dao. Das Dao besitzt weder Form noch Substanz. Darum kann es kommen und gehen, selbst dort, wo es keinen Raum gibt. Es kann sich den Geistern verbinden und allen Wesen helfen. Ich sehe, dass es nicht-tut, und doch wandeln und vollenden sich die zehntausend Wesen. So erkenne ich den Vorteil des Nicht-Tuns für die Menschen. 

... In Nachahmung des Dao spreche ich nicht, ihm als Lehrer folge ich mit dem Körper. Das Dao nachahmend, handle ich nicht, ich reguliere meinen Körper, und Essenz und Geist werden gefördert. 

... All dies geschieht ohne Anstrengung oder Mühe. Aber nur wenige können es dem Dao gleichtun, indem sie durch Nicht-Tun den Körper und das Reich regulieren. ...

Hier wird auf die Art und Weise Bezug genommen, durch die das Leben genährt, reguliert und wandlungsfähig erhalten werden kann. Dies geschieht nicht durch aktives Handeln, sondern durch Nicht-Tun (wuwei 無為). Das Leben zu nähren, heißt nicht, am Qi zu arbeiten und es durch Absicht und Anstrengung zu vervollkommnen, sondern bedeutet zu lassen, zu lösen und zu öffnen, um den Menschen an die Natur - in den chinesischen Texten meist Himmel (tian 天) genannt - rückzubinden und als deren schöpferische Aktualisierung (als vom Yang belebte Gestalt) von Grund auf zu regenerieren.

Hierzu eine Passage aus dem 15. Kapitel des Zhuangzi: 

Wenn der Körper sich müht, ohne zu rasten, wird er verschleißen; wenn die Essenz ohne Unterlass verbraucht wird, ermüdet sie, und Müdigkeit führt zur Erschöpfung. Es ist die Natur des Wassers, dass es klar ist, wenn nicht mit anderen Dingen vermischt, und eben, wenn nicht aufgewühlt. 

Wird es jedoch durch Dämme gehemmt und kann nicht fliessen, dann wird es seine Klarheit verlieren. In seiner Klarheit ist es ein Symbol der Tugend (De 德) des Himmels. Darum heißt es: Rein zu sein, echt und unvermischt, still, eins und unwandelbar, ohne Geschmack und ohne Tun, sich im Handeln nach den Wirkungen des Himmels zu richten: das ist der Weg, den Geist zu pflegen.

Alles, was lebt, wird starr und stagniert, wenn es die Fähigkeit zu Öffnung und Kommunikation verliert und sich dadurch von den Prozessen der Natur isoliert. Yangsheng 養生, das Nähren des Lebens oder die Unterstützung und Entfaltung des Lebenspotentials, bedeutet: sich durchgängig zu machen, zu öffnen, um kommunizieren zu können und die Fähigkeit zu Transformation und Bewegung zu erhalten. Transformation und Bewegung, diese beiden sind grundlegende Eigenschaften des Qi und damit des Lebens. 

Yangsheng 養生, das Nähren des Lebens und eng damit verwandt Yangshen 養神, das Nähren des Geistes, sind Verfahren, diese Öffnung, Kommunikation und auch Verfeinerung zu erreichen und das Leben so transparent werden zu lassen, dass es sich immer wieder aus dem schöpferischen Urgrund - dem Dao als Quelle der Lebenskraft, dem ursprünglichen Qi (yuanqi 元氣) - zu erneuern vermag.

Die Aktivität des Dao als natürliche Entfaltung, Differenzierung und Transformation des Qi findet zu jedem Augenblick statt. Was das eigene Leben betrifft, so ist der Ort dieser Aktivität der eigene Körper. Das Leben als sich entfaltendes Qi kann jedoch nicht ergriffen und kontrolliert werden, als Potential wurzelt es in der - dem Wasser gleich - form- und gestaltlosen Dimension des Dao. Diese ist dem Bewusstsein und der Kontrolle nicht zugänglich. Darum geht es auch im Qigong in erster Linie darum, ruhig zu werden und still, dabei in der konkreten Erfahrung zu bleiben und nichts hinzuzufügen. Und wenn man solcherart davon Abstand hält, der Welt seinen Willen aufzuzwingen und seine Wünsche und Erwartungen auf das Leben zu projizieren, dann können die natürlichen Aktivitätsmuster des Dao „durchklingen“ und zur Wirkung kommen, dann gibt es nichts, das nicht fördernd wäre", wie es im Yijing, dem Buch der Wandlungen, lautet.

Das bedeutet nun aber nicht, nichts zu tun. Es mag paradox klingen, aber Nicht-tun geschieht nicht durch „nichts tun“. Nicht-tun kann sehr wohl etwas Aktives sein, das Subjekt des Tuns ist jedoch nicht das planende und kontrollierende Ich. Nicht-tun ereignet sich dann, wenn das eigene Tun zum Wirken des Dao wird, und dies ist nur möglich durch einen langen Prozess des Lernens, von der einen Seite, oder des Verlernens, von der anderen Seite betrachtet. Es verlangt sehr wohl ein Üben, Differenzieren und Verfeinern, es verlangt kontinuierliches Tun. Es gibt kein einfaches „drop out and tune in“, kein passives „simply go with the flow “.

Laozi formuliert dies folgendermaßen:

Zu lernen bedeutet, täglich hinzuzufügen. Das Dao zu praktizieren, heißt täglich zu vermindern. Vermindern und weiter vermindern, bis man beim Nicht-Tun anlangt. Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.

Die Stille, das Lassen und das Nicht-Steuern - grundlegende 
Prinzipien des Daoismus - liegen den Übungen des Qigong als Übungen des Nicht-Tuns zugrunde. Durch sie erlernt man allmählich Verhaltensweisen, die es einem erlauben, zumindest ein wenig Teil des großen Prozesses zu sein, der im Begriff Dao zwar einen Namen trägt, doch letztlich unbegreiflich bleiben muss. Der aber verkörpert werden kann.

Und durch diese Verkörperung werden sich auch praktische Resultate dieses Tuns/Nicht-Tuns einstellen. Diese betreffen sicher die Gesundheit, sie können aber natürlich auch darüber hinausgehen. So können größere Offenheit, Spontaneität, mehr Lebendigkeit oder auch Inspiriertheit Folgen dieser Verkörperung sein. Oder vielleicht auch ein anderer Bezug zur Natur, wie z.B. von Liu Zongyuan im Gedicht oben vermittelt.

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