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Monday, April 26, 2021

In Memoriam Kristofer Schipper

Der heutige Beitrag ist für diejenigen, die sich für den Daoismus interessieren. Ansonsten kann man ihn gerne auslassen.

Vor zwei Monaten ist der Sinologe Kristofer Schipper gestorben, einer der herausragendsten und berufensten Kenner des Daoismus, dessen Werk kann gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Es gibt wenige Menschen, die ich so sehr  bewundere, darum möchte ich heute einen Blogeintrag über ihn verfassen. 

Kristofer Schipper hatte in Paris bei den französischen Sinologen Rolf Stein und Max Kaltenmark studiert, letzterer einer aus einer Reihe französischer Gelehrter - Édouard Chavannes, Marcel Granet, Henri Maspero - die sich der Erforschung des Daoismus gewidmet hatten. Anfang der 60er-Jahre ging Professor Schipper nach Taiwan, um an der Academia Sinica zu studieren. Der Daoismus wird seit Jahrhunderten von den chinesischen Intellektuellen verachtet, so nimmt es nicht wunder, dass ihm an der Academia Sinica mitgeteilt wurde, dass der Daoismus nicht mehr existiere und der letzte Daoist gerade gestorben sei. Doch hatte Kristofer Schipper das Glück, in Tainan, im Süden Taiwans, der lebendigen Tradition zu begegnen und vor Augen geführt zu bekommen, dass die Überlieferungslinie tatsächlich ungebrochen war. Diese Begegnung änderte alles, was den Daoismus, seine Rezeption und sein Verständnis im Westen betraf. Damals, trotz über 100 Jahren Forschung, wusste man kaum etwas über den Daoismus - das gilt in vieler Hinsicht auch noch für unsere heutige Zeit. Um den Daoismus studieren zu können, traf Kristofer Schipper damals die Entscheidung, das Gewand des ausschließlich universitären Forschers abzustreifen und begann eine jahrelange Ausbildung beim daoistischen Meister Chen Rongsheng 陳榮盛, bis er schließlich zum Priester der Schule des Weges der orthodoxen Einheit (Zhengyidao 正一道) geweiht wurde.

Nach Europe zurückgekehrt, lehrte er in Paris an der École Française d'Extrême-Orient und der École Pratique des Hautes Études sowie an der Universität Leiden, war Leiter des Instituts des Hautes Études Chinoises am Collège de France, und unterrichtete auch an der Fuzhou University und am Zhangzhou College. Nach seiner Pensionierung zog er zusammen mit seiner Frau Yuan Bingling nach Fuzhou in China, wo er an der dortigen Universität die Library of the Western Belvedere (Xiguan cangshulou 西观藏书楼) gründete.

Seine Bücher „Le Corps Taoïste" und „La Religion de la Chine: La Tradition Vivante" sind bahnbrechende Werke, die leider nie auf Deutsch übersetzt wurden. Niemand vor ihm hatte es vermocht, den Daoismus und die chinesische Religion in dieser Klarheit, Tiefe und auch Empathie zu schildern. Sein ambitioniertestes Projekt, das Jahrzehnte in Anspruch nahm, war die Herausgabe eines historischen Begleiters (Historical Companion) zum Daoistischen Kanon, einer bis ins 5. Jh. zurückgehenden Sammlung von 1500 daoistischen Werken. In seiner heutigen Version wurde der Daoistische Kanon auf kaiserliche Anordnung in der Ming-Dynastie im 15. Jh. kompiliert. Der Umfang dieses Schrifttums ist ungeheuer. Den von Kristofer Schipper zusammen mit Franciscus Verellen verfassten Historical Companion habe ich zuhause, allein dieser umfasst über 1600 Seiten.

Es gibt auf Youtube einige sehenswerte Videos, in denen Kristofer Schipper über China, den Daoismus und auch seinen persönlichen Werdegang spricht. Die Videos sind auf Englisch, leider ohne deutsche Untertitel. Hier sind die Links: 










Hier ist ein Link zu einer Reihe von Nachrufen auf der Webseite der Society for the Study of Chinese Religions, verfasst von Schülern von Kristofer Schipper, selbst alle hervorragende Gelehrte des Daoismus:



Hier der Nachruf auf Kristofer Schipper in der New York Times: 



In China wurden an vielen Orten daoistische Begräbnis- und Übergangsritale abgehalten, das Fastenritual des Gelben Registers im Heling-Tempel auf dem Huotong-Berg in Fujian, weitere Rituale auf dem Longhu-Berg, Sitz der Himmelsmeister, im Xuanmiao-Tempel in Suzhou, im Tempel des Stadtgottes in Shanghai und im Dongyue-Tempel in Peking.

Dazu hier der Link zu diesen Ritualen auf einer daoistischen Webseite: Daoism.orgDie Seite befindet sich in China und ist natürlich in chinesischer Sprache, aber jedes Foto ist ein weiterer Link, der angeklickt werden kann, sodass man neben den Berichten auf Chinesisch einige Fotos von den vielen Ritualen sehen kann, die für Kristofer Schipper abgehalten wurden.

Der Sinologe John Lagerwey hat eine Aussage über den Daoismus getroffen, die auch von Kristofer Schipper stammen könnte (und vielleicht wirklich von ihm stammt, da sie ganz seinem Denken entspricht): „Der Daoismus ist die wirkliche Religion des chinesischen Volkes und lehrt uns, was es heißt, Mensch zu sein, oder besser, Mensch zu werden." 

Dazu meint Norman Girardot, Professor für Religion an der Lehigh University: „Eine der unausgesprochenen Lehren des Laozi, des Edlen Lao, und des ganzen Korpus daoistischer Offenbarung und Rituals, betrifft im Grunde und ganz einfach den Weg, wie man die ganz normale und gewöhnliche Menschlichkeit inmitten des alltäglichen Lebens wiedererlangen kann. Es ist diese wortlose Lehre, von der Kristofer Schipper so überzeugend spricht."

Kristofer Schipper selbst zitiert in seinem „Le Corps Taoïste" Zhuangzi, der sich fortwährend auf die Dimension des Alltagslebens bezieht und die Ergebnisse der vielen Wege des Daoismus so zusammenfasst: „Wer kann sich mit anderen zusammentun, ohne sich mit anderen zusammenzutun? Wer kann etwas mit anderen tun, ohne etwas mit anderen zu tun?“ Um der Welt in ihrem täglichen Verlauf folgen zu können, teilt uns Zhuangzi mit: „Um ein vollkommener Mensch zu werden, muss man sich mit anderen zusammentun, um von der Erde genährt zu werden, und man muss sich unter andere mischen, um sich am Himmel zu erfreuen.“

Und am Ende des Buches schreibt Kristofer Schipper:

„Große Perfektion ist wie Mangel“, sagt das Daodejing. Die Meisterung der Zeit, die demjenigen gehört, der sein Schicksals zu formen versteht, erlaubt ihm, im Inneren den Fluss und den Antrieb der Ewigkeit zu finden. Der Durchgang durch den Bruch im System, so einfach und natürlich, folgt keiner Formel, keiner Doktrin, keinem Rezept, und verlangt nicht mehr, als mit den Zeiten mitzuleben, ganz, verschlossen, versiegelt, vollständig wie ein Klumpen Erde, sich anderen zugesellend, um unsere irdische Nahrung und himmlischen Freuden zu suchen.

Bei den Festen, die abgehalten werden, um diese Freude zu feiern, versammeln sich die Kinder beim örtlichen Tempel, um die alten Balladen zu singen. Sie singen die Lieder der vier Jahreszeiten, vom Säen und Ernten, und von den Stunden des Tages und der Nacht. Das Repertoire beinhaltet immer auch ein Stück über die zehn Monde der Schwangerschaft. Es besingt die Verwandlungen des Embryo und die Nahrung, die die schwangere Mutter zu sich nimmt. Inmitten dieses Festes, das das Vergehen der Zeit bedeutet, erinnert dieses Lied an die andere Zeit, die vollständige, regressive Zeit der Mutter und ihres Kindes, in welcher das Leben der Welt transformiert und erneuert wird.

Dies ist es, was Zhuangzi inspiriert haben muss, den Daoismus als Religion ohne Doktrin zu beschreiben, ohne Dogma oder Institutionen, deren Überlieferung nicht der Weltgeschichte eingeschrieben ist. Für ihn gehört die Geschichte des Daoismus zur anderen Zeit und – nicht überraschend - richtet sie sich nach den Phasen der Verwandlungen der Eins, nach den neun Transformationen des Embryo in der Gebärmutter, den aufeinander folgenden Stadien des Zyklus, der vom Unsichtbaren zum Sichtbaren geht, welchen er natürlich in umgekehrter Folge beschreibt.

Es ist Nü Yu 女偊, die Bucklige, die im Buch Zhuangzi diese Geschichte der Verwandlung schildert. Gefragt, wann sie vom Dao erfahren habe, erwidert sie:

„Ich hörte es von Nachkommen der Kalligraphie,
der es vom Kind von Wiederholte-Rezitation gehört hatte,
der wiederum erfuhr es Vision-von-Licht.
Vision-von-Licht hatte es von Geflüsterte-Anleitung,
der hatte es wiederum von Harte-Lehre.
Harte-Lehre hatte es von Beliebtes-Lied,
Beliebtes-Lied von Dunkelheit,
Dunkelheit von Dreifache-Leere,
der es gehört hatte von
Vielleicht-ein-Anfang?“

(Zitate alle aus Kristofer Schipper „Le Corps Taoïste". Die Übersetzungen stammen von mir.)

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