Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Tuesday, November 24, 2020

Mehr Wildnis!

Letzten Samstag fand im Rahmen der Europäischen Literaturtage 2020 ein Gespräch zwischen dem deutschen Biologen Andreas Weber mit Ariadne von Schirach über das Thema „Mehr Wildnis!“ statt. Wen es interessiert: man kann die Veranstaltung auf YouTube nachschauen. Der Link dazu findet sich unten.

Ich fand die Diskussion sehr wichtig und anregend, und obwohl Qigong oder die Chinesische Medizin nicht thematisiert wurden, sind manche Bezüge sehr offensichtlich.

Im Gespräch wurde betont, wie wichtig es sei, anders denken und fühlen zu lernen, nämlich auf eine Art, die von der Lebendigkeit der Welt ausgeht, um Lösungen für die drängenden Probleme und Bedrohungen finden zu können, der sich die Menschheit heute gegenüber sieht. 

Anders ausgedrückt: es sei wichtig, animistisch denken zu lernen, also ein Denken wiederaufleben zu lassen und einzubeziehen, das die Welt nicht als eine Welt der unbelebten Objekte sieht, sondern versteht, dass wir in einem Beziehungsgeflecht lebendiger Subjekte zuhause sind.

Doch gerade dies ist auch die Erfahrung des Qigong, darum übt man Qigong: um die eigene Lebendigkeit und die Beziehung mit der Lebendigkeit der Welt zu erleben. Immer dann, wenn man Qigong übt, auch wenn es einem nicht bewusst ist, begibt man sich in den lebendigen Bezug zur Welt und kommuniziert als lebendiges Subjekt mit allem, was lebendig ist.

Dies ist ein ganz anderer Ansatz in Bezug auf die Gesundheit, als wir gewohnt sind. Und nicht nur ein anderer gesundheitlicher Ansatz, sondern auch eine andere Art, sich in der Welt zu verorten.

Die Welt ist im alten Verständnis der Chinesen ein lebendiges Gewebe, ein Gewebe von Energien, unendlich schöpferisch, in stetem Wandel, in steter Transformation und steter Kommunikation begriffen. Sheng sheng bu yi 生生不已 - Leben hervorbringend ohne Ende, lautet der Ausdruck. Dieses Gewebe, an dem der Mensch teilhat, ist nicht geschaffen im biblischen Sinn, es ist nicht Ergebnis eines ursprünglichen Aktes, eines fiat lux. Es entsteht ziran 自然 - aus sich selbst so, von selbst so. Alles entsteht und entfaltet sich von selbst, aus sich selbst, ohne von einem göttlichen Willen gelenkt zu sein.

Und eben dieses „ziran 自然“, dieses Von-Selbst-So, liegt der Gesundheit zugrunde, meint es doch die sich im Organismus äußernde schöpferische Bewegung der Welt, die sich entfaltende natürliche und lebenserzeugende Bewegung des Qi. Durch das Üben versucht man dieser teilhaftig zu werden. Und dazu braucht es kein Tun, kein Denken, sondern die Stille. Erst die Stille erlaubt den heilenden Kräfte des Qi zu wirken, und nicht nur dies, sie ermöglicht auch eine andere Beziehung zur Welt. 

Natürlich üben viele Qigong einfach so, weil es sie freut und sie sich dabei wohl fühlen. Und manche meinen auch, sich im Sinne der modernen Leistungsgesellschaft selbst optimieren zu müssen, hip- und zen-like mittels alten esoterischen Wissens. Aber vielleicht macht doch manche die Erfahrung des Qigong nachdenklich, und erlaubt ihnen, zu einer anderen Einstellung und einem anderen Verhalten zu finden, in der man die Welt (und auch sich selbst) nicht mehr als Objekt behandelt, sondern als lebendiges kommunizierendes Subjekt.

Die Gesundheit wird es einem vermutlich danken, ist sie doch im Verständnis des Qigong ein Prozess, der sich von selbst entfaltet und einen in das allumfassende Gewebe des Lebens integriert. Qigong zu üben heißt, still zu werden, um die Möglichkeiten dieses Prozesses nicht zu stören. Als ich in einem der Beiträge der letzten Zeit Laozi zitiert habe: Wuwei er wu bu wei 无为而无不为 - Nicht-tun und nichts bleibt ungetan, und hinzugefügt habe, das sei etwas worüber sich nachzudenken lohne, da habe ich unter anderem dies gemeint.

Um meinen alten Lehrer, den Philosophen Arnold Keyserling zu paraphrasieren: Wahres Wissen geht von der Stille aus, von der Bewusstseinsebene aus ist das Subjekt nicht zu erreichen. Es zu erwecken, erfordert ein anderes Streben als die Wissenschaften und ein anderes Wissen. In allen Überlieferungen wird dieses als Weisheit bezeichnet. 

Qigong kann einen der vielen Wege dazu darstellen.



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