Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Monday, May 10, 2021

Die Harmonie der sechs Richtungen - ein Übungsvideo

Ein weiteres Video aus dem Augarten, mit einer Übungssequenz von Prof. Cong, in der das Qi in alle Richtungen - hinauf und hinunter, nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten - bewegt und dadurch geordnet und reguliert wird.

Die sechs Raumrichtungen werden auf Chinesisch liuhe 六合 genannt, sie bedeuten den durch Himmel, Erde und die vier Himmelsrichtungen umfassten Raum (oder überhaupt das ganze Universum) und dessen innere Verbindungen, Beziehungen, Einflüsse und Wirkungen.

Das chinesische Wort für Universum verweist ebenfalls auf den durch sechs Richtungen bestimmten Raum, verwoben mit den Aspekten von Wandel und Zeit. Universum heißt auf Chinesisch yuzhou 宇宙. Im Shizi 尸子 (4. Jh. v. Chr.) wird yuzhou folgendermaßen definiert: yu 宇 bedeutet oben, unten und die vier Himmelsrichtungen, zhou 宙 bedeutet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Universum ist im chinesischen Verständnis eine in beständiger Entfaltung begriffene raum-zeitliche Manifestation des einen schöpferischen ursprünglichen Qi, es existiert in ihm nichts, das nicht lebendig wäre. Nicht nur ist alles lebendig, es steht auch alles in Beziehung. Ganying 感应 “Wirken und Antwort”, lautet der chinesische Ausdruck dafür (das sind die oben erwähnten Verbindungen, Beziehungen, Einflüsse und Wirkungen).

Qigong zu üben heißt sich in diesem lebendigen, schöpferischen Universum zu erleben, wobei einem die Orientierung an den Richtungen des Raums ermöglicht, sich in der Mitte zu verorten. In der lebendigen Mitte vermag man den schöpferischen Grund der Wirklichkeit zu erahnen (und vielleicht auch zu berühren), dessen Teil und Manifestation man als Mensch ist. Der schöpferische Urgrund, von so manchen chinesischen Künstlern beeindruckend und direkt dargestellt und vermittelt, stellt auch den Grund der eigenen Lebendigkeit dar.

Der konfuzianische Philosoph Zhang Zai 张载 (1020-1077) drückt dies in seiner berühmten West-Inschrift" so aus: „Qian 乾 - das Schöpferische, der Himmel - ist mein Vater, Kun 坤 - das Empfangende, die Erde - ist meine Mutter. Ich, dieses winzige Wesen, trage sie vermischt in mir und finde mich in ihrer Mitte. Das, was alles zwischen Himmel und Erde ausfüllt, ist mein Körper, das, was Himmel und Erde lenkt, meine innere Natur. Alle Menschen entstammen demselben Schoß wie ich, alle Wesen sind meine Gefährten…“

Der Philosoph Cheng Hao 程颢 (1032-1085), der in seiner Lehre diesen Gedanken der Einheit aller Wesen und Dinge folgte, meinte: „Der Schüler muss zuerst verstehen, was mit Menschlichkeit (ren 仁) gemeint ist. Derjenige, der menschlich ist, ist ohne Unterscheidung eins mit allen Wesen. … Im Dao gibt es nichts, das im Widerspruch dazu stehen würde, selbst das Wort „groß“ genügt nicht, dies zum Ausdruck zu bringen. Das Wirken von Himmel und Erde ist unser Wirken. Meister Meng (Mengzi 孟子) sagt, dass alle Dinge vollständig in uns sind. Darüber müssen wir nachsinnen, und wir müssen realisieren, dass dem wirklich so ist, wodurch sich eine Quelle immenser Freude auftut. Sinnen wir darüber nach und realisieren es nicht, dann gibt es zwei Dinge (Selbst und Nicht-Selbst), die im Gegensatz zueinander stehen. Selbst im Versuch der Vereinigung von Selbst und Nicht-Selbst bilden wir noch keine Einheit, wie könnte sich dann Freude einstellen? Die West-Inschrift hingegen ist der perfekte Ausdruck der Einheit. Wenn wir uns mittels dieser Idee kultivieren, dann gibt es weiter nichts zu tun. Wir müssen zwar etwas tun, und niemals innehalten und vergessen, aber dürfen auch nicht dem Wachstum helfen. Tun ohne die geringste Bemühung, das ist der Weg geistiger Kultivierung.“

Dies sind ursprünglich natürlich keine Texte zum Qigong, und doch gilt all dies auch für das Tun im Qigong: Es gibt eine innere Einheit der Dinge, die der eigenen Existenz zugrunde liegt. Diese gilt es zu entdecken, sich dieser zu erinnern und aus dieser zu handeln, doch immer vollkommen natürlich, ohne künstliches Streben und ohne Bemühung.

Die innere Instanz, auf die sich diese Texte beziehen, wird auf Chinesisch yuanshen 元神 genannt, „Ursprünglicher Geist“. In der nüchternen zeitgenössischen chinesischen Qigong-Sicht der Dinge wird der Ursprüngliche Geist als die Fähigkeit des Organismus zu Selbstorganisation und tief gehender Regulation verstanden, sozusagen die tiefste und innerste Instanz, durch die der Organismus immer wieder in sein Gleichgewicht und zu seiner Gesundheit findet. Dies ist sicher ein wichtiger Aspekt, besagt er doch, dass auch dann, wenn man Qigong zu rein gesundheitlichen Zwecken übt, es das Wesentlichste und Wichtigste ist, zu lassen, zu entspannen, zu reduzieren und diese (körperlich-geistige) innere Instanz nicht zu behindern, aus deren Wirken sich die Gesundheit immer wieder zu regenerieren vermag.

Man könnte dies auch die innere Instanz der Selbstheilung nennen, eine Funktion, die erst in Stille und vollkommener Natürlichkeit vollständig zu wirken beginnen kann. „Störe nicht mit deinem Normalbewusstsein den Ursprünglichen Geist!“, so drückte dies Prof Cong aus. Das innere Führen, Lenken und Leiten des Qi, die mit dem Qigong-Üben verbundenen Absichten, die Vorstellungen, die das Üben überfrachten und so vieles mehr, all dies kommt aus oberflächlichen Schichten des Bewusstseins, sozusagen aus einem falschen Zentrum, und hat nichts mit der inneren Mitte und dem Wirken des Ursprünglichen Geistes zu tun. Darum ist man im Qigong immer gut beraten, um es mit Laozi 老子 zu sagen, „täglich zu vermindern. Vermindern und weiter zu vermindern, bis man beim Nicht-Tun anlangt. Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.“

Doch das Wirken des yuanshen 元神, des „Ursprünglichen Geistes“ geht über die körperliche Gesundheit, hinaus. So geht es in den obigen kurzen Textausschnitten nicht um die Regulation des Qi und die Gesundheit, sondern um das Verhältnis des Menschen zur Welt und um das Verständnis des Sinns und des eigenen Wesens. 

Dieses kann sich manchmal in einem die ganze Persönlichkeit umkrempelnden Erlebnis manifestieren. Lu Jiuyuan (1139-1193), einer der Begründer der neokonfuzianischen „Schule des Geistes“, las eines Tages in einem alten Buch (wohl dem oben erwähnten Shizi 尸子) und stieß auf die oben zitierte Passage mit der Erklärung des Begriffs Universum, yuzhou 宇宙: „Die vier Richtungen des Raums zusammen mit dem, was oben ist und unten, heißen yu 宇, was Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, heißt zhou 宙.“ Indem er dies las, erlebte Lu eine augenblickliche Erleuchtung und rief: „Das ist die Unendlichkeit. Mensch, Himmel und Erde und alle Wesen finden sich in dieser Unendlichkeit. Alle Angelegenheiten des Universums fallen in den Bereich meiner Pflicht, meine Pflicht schließt alle Angelegenheiten des Universums ein.“ Und bei einem anderen Anlass bemerkte er: „Das Universum ist mein Geist, mein Geist ist das Universum.“

Dies sind nur ein paar Gedanken zu einer simplen Qigong-Übung, um deren Rahmen einmal etwas weiter zu fassen. Die Übungen des heutigen Videos werden damit nicht komplizierter.


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