Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Saturday, May 23, 2020

Ein Plädoyer für das Rasten

Ich möchte noch einmal auf das Thema Rasten zurückkommen, hat es doch direkt mit dem fundamentalen Inhalt all der Postings dieser Wochen zu tun, nämlich mit der Regulation des Qi. 

Auf der Regulation des Qi basiert das Gleichgewicht von Yin und Yang, welches wiederum die Basis der funktionierenden Gesundheit darstellt. Eines ist dabei wichtig zu verstehen, darum das Plädoyer für das Rasten: Das regulative Tun darf das Qi selbst nicht erschöpfen. 

Wenn man nicht genügend rastet, sich also nicht die Atempausen gönnt, immer im Tun ist, zu wenig isst und zu wenig schläft, dann kann man das Qi nicht einfach dadurch regulieren, dass man noch zusätzlich Übungen macht. Ich meine das nicht als apodiktische Regel, natürlich macht es oft sehr wohl Sinn, zu viel Sitzen (vor allem Arbeit im Sitzen) durch Bewegung auszugleichen, oder zu viel geistige Arbeit durch ein Tun, bei dem man auf den Körper oder körperliche Abläufe konzentriert ist. Doch ist es auch sehr wichtig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann Ruhe und Rast nötig und wichtiger sind als jedes Tun, wann Nichtstun angebracht ist oder schlichtweg Schlaf, mehr und ausreichender Schlaf.

Das Qi regeneriert sich in der Stille. Dies gilt nicht nur für Übungen, sondern auch und vor allem für den Schlaf. Die Yang-Funktionen des Körpers werden erschöpft, wenn man sich keinen Schlaf gönnt, da sich das Yang ja aus dem Yin regeneriert und nur aus dem Yin regenerieren kann. 

Immer nur im Tun und wach zu sein, das Bedürfnis nach Ruhe zu mißachten oder nach Beendigung des einen Tuns statt auszurasten einfach nur die Art der Aktivität zu ändern, das verletzt das Yin und entwurzelt das Yang. Das Yang kommt in einen Zustand des Exzesses, es wird schwerer und schwerer, seine Aktivität einzuhegen, während das Yin mehr und mehr verletzt und vermindert wird. Das lodernde Feuer des Yang verbrennt sozusagen das Yin. Man kann es auch so ausdrücken: Für den Organismus nutzlose Aktivität macht sich nicht nur selbständig, sondern untergräbt auch und schädigt die eigene gesunde Konstitution. Man verliert dadurch nicht nur die Fähigkeit, ruhig zu sein und Ruhe zuzulassen, sondern überschreitet andauernd die körperlichen und psychischen Grenzen. Beide, Körper und Psyche sind Aspekte des Qi, das dann, überfordert und erschöpft, nicht mehr geordnet funktionieren kann.

Bei einem solchen Zustand der Erschöpfung kann Qigong natürlich sehr hilfreich sein, doch vor allem Üben braucht es zuerst die Ruhe. Und zwar die Ruhe im Sinne des Rastens und Atemholens. Dies nicht zu beachten, heißt im Qigong: einen leeren Topf auf das Feuer stellen, mit einem leeren Topf kochen. Es kommt nicht nur nichts dabei heraus, möglicherweise geht sogar der Topf kaputt. 

Im Großen Lernen des Konfuzius heißt es: „Wenn man zur Ruhe kommt, so gibt es Festigkeit; hat man Festigkeit, gibt es Stille; hat man Stille, gibt es Frieden; hat man Frieden, kann man bedenken; kann man bedenken, so kann man erlangen.“ Diese Passage hat ursprünglich mit der Selbst-Kultivierung des Edlen zu tun, sie wurde aber auch immer wieder als Anleitung zur Lebenspflege gedeutet. 

Und in dieser Deutung bedeutet es: Zuerst ausruhen, bis man ausgerastet ist. Erst dann kann man die Fähigkeit zur Ruhe erwerben, zum Eintreten in den Ruhezustand des Qigong und zur Meditation. Die Ruhe kann dann weiter und weiter vertieft werden, bis sie ganz fest und stabil geworden ist. Dann ist auch der Zustand des Friedens möglich, ein Zustand solch tiefer innerer Stille und Klarheit, dass er durch äußere Einflüsse nicht mehr verlorengeht.

Diese tiefe Stille stellt die am tiefsten gehende Regulation des Qi dar. Der Begriff des Wuwei 无为, des Nicht-Tuns, das nichts ungetan lässt, meint diese Ebene. Für uns in unseren Lebensumständen und auch in unseren Gewohnheiten ist dies vielleicht nicht oder nur sehr schwer erreichbar. Doch muss man ja nicht mit dem Ideal des Nicht-Tuns beginnen, dieses stellt doch letztlich die Kulmination eines sehr langen Prozesses des Einswerdens mit den schöpferischen Mächten von Himmel und Erde und des Einklangs mit dem Dao dar. 

Man kann es ja auch anders angehen, auf eine Art, die jedem sehr wohl möglich ist:  Einfach zu lernen nichts zu tun. Nichts Zielgerichtetes zu tun. Zu spielen. Zu rasten. Zu schlafen. Sich lange Atempausen zu gönnen. Und dann, erst nachdem man gerastet und dem Qi seine Regeneration ermöglicht hat, dann kann man durch Qigong-Übungen allmählich tiefer gehen, tiefere Zustände der Entspannung und Ruhe und Stille entwickeln, und dem Organismus helfen, zu seiner eigenen schöpferischen Ordnung (die unter anderem auch die eigene Gesundheit ist) zu finden, die gleichzeitig Spiegel ist und Ausdruck eines Universum, das selbst dadurch charakterisiert ist, dass es beständig schöpferisch ist. Auf Chinesisch: shengsheng buxi 生生不息 - Leben erzeugend ohne Unterlass.

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Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...