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Wednesday, May 19, 2021

Das innere Wetter - über das Qi-Klima der inneren Landschaft des Körpers

Innerer Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit - nei feng 内風, han 寒, Wärme 熱, shi 濕 - all dies sind Fachbegriffe der Traditionellen Chinesischen Medizin. In der TCM dreht sich alles um Qi, seine Eigenschaften und Funktionen. Wenn von innerem Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit die Rede ist, dann handelt es sich auch um Qi, und zwar um bestimmte Qualitäten oder Zustände des Qi, die im Körper erzeugt werden können, ohne dass man dem entsprechenden Wetter im Freien ausgesetzt gewesen wäre.

Im gesunden Organismus reguliert das Qi auf natürliche Weise das „innere Wetter“, das Körperklima. Funktioniert die Regulation, dann bleibt das Qi gemäßigt - es wird nicht zu heiß, nicht zu kalt, nicht zu feucht, nicht zu trocken, nicht zu klebrig, nicht zu nass - und es fließt frei und reibungslos - nicht zu turbulent, nicht zu ruckartig, nicht zu langsam - durch alle Yin- und Yang-Bereiche des Körpers.

Doch zu bestimmten Zeiten, durch manche Umstände, durch persönliche Angewohnheiten und durch den Zustand der eigenen Gesundheit können sich negative Einflüsse auf gewisse Aspekte des inneren Klimas oder Wetters ergeben, die den Qi-Fluss behindern und die Funktionen des Körpers stören. Bevor schon sich solche Störungen der Qi-Prozesse zu einem tatsächlichen Ungleichgewicht entwickeln, ist es möglich, diese inneren klimatischen Bedingungen in den verschiedenen Körperbereichen wahrzunehmen. Jeder, der regelmäßig Qigong praktiziert, kennt diese Wahrnehmungen, auch wenn er zum entsprechenden Zeitpunkt vielleicht nicht versteht, was es ist, das er fühlt. Es ist z.B. möglich, Kälte und Nässe an den Fußsohlen zu fühlen, während man an einem heißen Sommertag Qigong praktiziert, oder man spürt während des Qigongübens einen kühlen Wind im Rücken, oder hat kalte, frierende Hände, selbst dann, wenn man sich bei geschlossenen Fenstern in einem beheizten Raum befindet.

Dies ist es, worüber ich hier schreibe - Körperempfindungen, die dem Wetter gleichen und Hinweise auf das innere Klima geben und darauf, wie das Qi funktioniert, während es zu Ausgleich und Balance strebt. Diese sollten nicht verwechselt werden mit den ganz konkreten Empfindungen, die man hat, wenn man wetterempfindlich ist und sich bei schlechtem Wetter draußen aufhält (und man sich sorgt, dass Kälte, Feuchtigkeit oder Hitze von außen mit dem Wind in den Körper getrieben werden könnten - eine simplifizierte TCM-Erklärung dafür, wie man krank werden kann, wenn man dem Wetter ausgesetzt ist).

Beide Arten von Körperempfindungen (das „innere“ und das äußere Wetter) können manchmal unangenehm sein, aber erst durch ein Verständnis der natürlichen Transformationen des gesunden Qi kann man zwischen dem inneren Qi-Klima und den von außen stammenden Witterungseinflüssen zu unterscheiden lernen.

Der Körper ist ein großer funktionaler Zusammenhang des Qi, dieser kann metaphorisch als eine Landschaft betrachtet werden, die sich laufend verändert, je nach Tageszeit, Monat, Jahr, über den Verlauf des ganzen Leben. Das innere Klima des Qi bewegt und verändert sich mit der Landschaft, und es wandelt sich auch entsprechend dem Gleichgewicht der gesunden Qi-Prozesse. Die Struktur des Körpers und die inneren Organe sind die wichtigsten Aspekte der Landschaft, von der hier die Rede ist. Im Klima dieser Landschaft drücken sich all die Qi-Prozesse des lebendigen Organismus aus, deren ständige Anpassung und Modulation eben diese innere Landschaft erhalten.

Normalerweise sind wir im Alltag nicht so gut auf das innere Klima eingestimmt. Man fühlt sich im Allgemeinen wohl, oder wenn nicht, reagiert man automatisch und versucht etwas zu tun, was zu mehr Wohlbefinden führt. Ist einem kalt, zieht man sich einen Pullover über, fühlt man sich unbeweglich und steif, bewegt man sich oder verändert die Position, wird einem schwindlig, legt man sich hin, ist man gereizt, oder überhitzt und verschwitzt, fühlt man sich nach einer kühlen Dusche sicher besser.

Aber warum spürt man diese Empfindungen von Kälte, Schwindel, Hitze etc. überhaupt, wenn man relativ gesund ist, nicht dem Wetter ausgesetzt war und sich eigentlich zuhause wohl fühlen könnte?

Oft liegt es an dem, was man tut - wenn man zu lange sitzt, steht oder sich konzentriert, kann sich in verschiedenen Bereichen des Körpers Kälte manifestieren, wechselt man die Position nicht oft genug oder schläft nicht genug oder zu lange, kann sich Feuchtigkeit ansammeln, die Gelenke schmerzen dann oder fühlen sich steif an, da das Qi nicht stark genug fließt, um die Feuchtigkeit zu bewegen.

Schaut man zu lange auf digitale Bildschirme oder überlastet sich geistig, während man an einem Projekt arbeitet, kann dies das Yin-Qi überhitzen. Da das Shen-Qi 神氣 des bewussten Denkens - der Yang-Aspekt unserer Existenz -, im Yin-Qi verankert ist, wird es dann mangels Verankerung (und auch, weil die Augen „das Fenster des Shen Qi“ sind) wie ein turbulenter Wind aufsteigen und zu Schwindel führen. Überhitzt man Geist und Körper, indem man das Yang-Qi durch übermäßige geistige Arbeit und Konzentration in die Höhe treibt, und vergisst dann auch noch, genügend Wasser zu trinken, wird das heiße Yang-Qi nicht nur aufsteigen, sondern der durch es erzeugte innere Wind wird das Qi austrocknen und es brüchiger machen. Emotional verursacht dies dann mangelnde Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Reizbarkeit, körperlich kann es zu übermäßigem Schwitzen führen.

Dies sind nur einige wenige Beispiele für mögliche Qi-Reaktionen, verbunden mit dem inneren Klima, die jeder fühlen und normalerweise regulieren kann.

Darüber hinaus kann es während des Übens von Qigong und auch kurz nachher, sehr deutliche Empfindungen geben, die mit dem inneren Klima des sich entwickelnden gesunden Qi zusammenhängen. Durch alle Phasen des Qigong-Übens, vom anfänglichen Entspannen und Ruhigwerden, dem „Eintritt in den Qigong-Zustand“ bis zum Abschluss, wenn die Übung beendet wird und man in den „Normalzustand“ zurückkehrt, kann man das Wirken des Qi (die Transformationen des Qi) wahrnehmen, auf eine Art und Weise, wie man normalerweise nicht fühlt. Diese Empfindungen sind ein normales Phänomen der Qigong-Praxis, unterscheiden sich aber von den Empfindungen, die ich oben beschrieben habe.

Wenn man sich die Zeit nimmt, still zu werden, in den Qigong-Zustand eintritt (rujing 入静) und sich auf den Atem konzentriert, wird sich das Qi in der tiefen Entspannung von Körper und Geist wie eine sanfte, weiche, warme Brise bewegen, ungehindert, von innen nach außen, zum Kopf, zu den oberen Extremitäten, zum Rumpf, zu den unteren Extremitäten, durch alle Schichten von Gewebe, Muskeln, Knochen, Gefäßen und Organen. Diese warme Brise fühlt sich sehr angenehm an. Das innere Qi und der Atem verbinden sich dann und transportieren gesunde Feuchtigkeit, was zu weiterer körperlicher Entspannung führt und diese Prozesse weiter fördert. Fährt man mit dem Üben fort, egal, ob es sich dabei um eine stille oder eine bewegte Übung handelt, wird die warme, klärende Brise das gesunde Qi auf eine besondere und nachhaltige Weise verändern und erfrischen - ein Effekt, der nur durch das Üben von Qigong möglich ist. Dies ist übrigens einer der Gründe, warum Qigong in China traditionellerweise wichtiger als jede Art von Medizin angesehen wurde und wird, wenn es um den Schutz und die Wiederherstellung von Gesundheit geht.

Das Qi, das sich wie eine warme Brise durch den Körper bewegt, wird kühles, kaltes, auch feuchtes und nasses Qi an die Oberfläche und zu den Extremitäten bringen. Dies kann sehr rasch geschehen und sich sich wie kühle, über die Wirbelsäule laufende Wassertropfen anfühlen, die die Finger und Zehen kalt oder die Fußsohlen nass werden lassen etc.

Übt man Qigong regelmäßig über einen längeren Zeitraum, wird es zu weiteren Klärungen und Öffnungen kommen, dann, wenn das verfeinerte Qi die feinsten Durchgänge - alle Hohlräume und Körperbereiche - durchdringen kann. Hitze, Kälte und Feuchtigkeit - durch geistige Überbelastung, Überarbeiten, zu langes Sitzen etc. verursacht - werden vom Kopf in die Hände und Füße und durch die Haut nach außen geleitet. Dies kann zu vorübergehendem Juckreiz führen, zu feuchten Händen und Füßen, und zu Schwitzen in den Achselhöhlen, den Ellbogen und Kniekehlen. Sobald diese Reaktionen einsetzen, fühlt man sich leichter und kühler in Kopf und Körper, die Augen werden klarer, die Reizbarkeit vermindert sich und positive Gefühle der Freude können zusammen mit dem geklärten Qi entstehen. Das tägliche Üben ermöglicht einem, sich freier und freudiger zu fühlen, selbst in belastenden Zeiten wie diesen, in denen jeder unter starkem Druck steht.

Innere Landschaft, inneres Klima, inneres Wetter, dies sind klassische chinesische metaphorische Beschreibungen der inneren Qi-Umgebung, die verwendet werden, um die Wirklichkeit von Körper und Gesundheit als Qi zu verstehen. Durch das Üben von Qigong ist es möglich, diese Wirklichkeit sinnlich zu erfahren. Durch die Kunst des Qigong lernt man, die Qualitäten des Qi (eben dieses innere Klima) im eigenen Körper (in der inneren lebendigen Landschaft) zu fühlen und zu unterscheiden. Durch die Kunst der traditionellen chinesischen Medizin lernt man, die Qualitäten des Qi im Körper eines anderen zu fühlen und zu unterscheiden.

Und all die vielen Wege, auf denen man mehr von diesen Künsten lernt, zusammen mit den verschiedenen Modellen und Bezugssystemen, die man zum Verständnis braucht (den Theorien von TCM und Qigong), helfen einem, etwas über sich selbst und die Wirklichkeit zu lernen, die die Chinesen das Wahre Qi (Zhen Qi 真氣) nennen.

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