Hier ein wenig Hintergrundinformation zu den Tongtian-Guandi-Übungen:
Zu Beginn der 1980er-Jahre gründete Prof. Lin Zhongpeng 林中鹏 das Chinese Qigong College for Advanced Studies (Zhonghua Qigong Jinxiu Xueyuan 中华气功进修学院) in Beijing, die in den folgenden Jahrzehnten wichtigste Ausbildungsstätte für Qigong in China.
Einer der zentralen Inhalte des Unterrichts am Qigong College in Beijing war die aus klassischen Übungen zusammengestellte Übungsreihe mit dem Namen Tongtian guandigong 通天贯地功 - Kommunikation mit Himmel und Erde.
Sie besteht aus fünf Einzelübungen, wobei die zweite Übung die wichtigste darstellt. Prof. Lin Zhongpeng 林中鹏 entnahm sie dem Zhubing yuanhou lun 诸病源候论, der Abhandlung über Krankheiten und ihre Symptome, einem medizinischen und auch Qigong-Klassiker, den ich schon ein paar Mal auf diesem Blog erwähnt habe.
Dieses Werk war im Jahr 610 von Chao Yuanfang 巢元方, dem kaiserlichen Arzt am Hof der Sui-Dynastie, veröffentlicht worden. Es ist ein bemerkenswertes Buch, stellte es doch nicht nur Chinas erste Abhandlung über die Ätiologie und Symptomatik von Erkrankungen dar, es war auch Chinas erste Qigong-Publikation, bestand doch die Therapie für alle im Buch beschriebenen Krankheiten ausschließlich aus therapeutischen Qigongübungen.
Der Sui-Kaiser Yangdi 炀帝hatte damals die Entscheidung getroffen, Qigongübungen - die zu der Zeit bereits weit verbreitet waren, sowohl unter der Elite des Reiches als auch in Daoismus und Buddhismus - in das staatliche medizinische System zu inkorporieren, und nicht nur das, sie allen anderen medizinischen Behandlungsmodalitäten überzuordnen und damit zum Hauptbestandteil des Medizinsystems zu machen. Dieser Hintergrund erklärt, warum die Abhandlung über Krankheiten und ihre Symptome als detailliertes therapeutisches Qigong-Kompendium verfasst wurde.
Zur Zeit des "Qigong-Fiebers" im China der 1980er-Jahre, als unzählige Übungen Popularität erlangten und die Zahl derjenigen, die Qigong praktizierten, innerhalb kurzer Zeit auf 100 Millionen stieg, gründete Prof. Lin sein Ausbildungsinstitut, um an der alten Tradition anzuknüpfen und ihr theoretisches Fundament in klarer Sprache zu beschreiben. Die seiner Aussage nach wichtigste unter den im Institut unterrichteten Übungen war die "Kommunikation mit Himmel und Erde".
Die Übung enthält alle essentiellen Prinzipien des Qigong und ist dabei doch sehr einfach. Sie kann schnell erlernt und ohne viel Zeitaufwand geübt werden, und sie verhilft demjenigen, der sie konsequent und regelmäßig übt, Schritt für Schritt zu einem fortgeschrittenen Qigong-Niveau.
Im Verständnis der chinesischen Medizin und des Qigong stellt der Mensch ein komplexes Muster von Qi dar. Die Gesundheit hängt von der Ordnung dieses Musters ab. Je stabiler die Ordnung des Qi, desto stabiler die Gesundheit. Ziel aller guten Qigong-Übungen besteht darum in erster Linie im Erzeugen von Ordnung. Das Qi hat ohnehin die natürliche Tendenz zur Ordnung, Qigong baut auf dieser selbst-ordnenden, selbstorganisierenden Eigenschaft des Qi auf.
Hierbei kommt der Bewegung nach unten Vorrang zu. Der berühmte Arzt Ye Tianshi 叶天士 (1667-1747), Begründer der Schule der Wärmekrankheiten der chinesischen Medizin (Anmerkung: auch SARS-CoVid-2 gehört zu den Wärmekrankheiten), meinte: Mit fortschreitenden Jahren erschöpft sich zuerst das Ursprungs-Qi: xiayuan xiankui 下元先亏 (die untere Quelle des Qi erschöpft sich zuerst).
Adressiert man dies, indem man das Qi nach unten, zu seinem unteren Ursprung, führt, dann kann der Alterungsprozess verlangsamt werden. Gleichzeitig wird auch dem Stress des modernen Lebens entgegengewirkt, welcher sich ebenfalls sehr oft in einem Zustand der Überfülle des Qi im oberen Bereich und einem Mangel des Qi im unteren Bereich des Körpers äußert.


