Im Huangdi Neijing, dem Inneren Klassiker des Gelben Kaisers, gibt es eine wichtige Passage, die den zentralen Inhalt der chinesischen Medizin und auch des Qigong zum Ausdruck bringt:
Tiandan xuwu, zhenqi congzhi. jingshen neishou, jibing an cong lai.
恬淡虚无,真气从之。精神内守,疾病安从来。
Still und leer, dem folgt das wahre Qi. Essenz und Geist innen bewahrt, woher sollen dann Krankheiten kommen?
Diese Passage aus dem ältesten Medizinbuch der Chinesen kann in ihrer Bedeutung nicht hoch genug geschätzt werden. Wenn wir hier in diesem Blog Informationen und Übungen etc. teilen, die jedem eine Unterstützung sein sollen, sich die Gesundheit zu bewahren oder im Fall einer Krankheit die Gesundheit rasch wiedererlangen zu können, dann muss man als erstes auf diesen Satz verweisen:
Still und leer, dem folgt das wahre Qi. Essenz und Geist innen bewahrt, woher sollen dann Krankheiten kommen?
Qigong zu üben oder mit chinesischer Medizin zu arbeiten, bedeutet zu regulieren, ein unglaublich komplexes System wie den menschlichen Organismus zu regulieren, intern und in seiner Beziehung zum Umfeld, also der natürlichen Umgebung wie auch der durch den Menschen geschaffenen künstlichen Umgebung (mit all ihren Aspekten - kulturell, sozial, technologisch etc.).
Die Regulation erfolgt in der chinesischen Medizin durch Interventionen wie die Kräutermedizin, die Akupunktur und all die anderen Verfahren. Diese sind keine mechanischen Verfahren, sondern erfolgen sozusagen „lebendig“ auf der Basis eines differenzierten Verständnisses, wie, nach welchen Gesetzen sich das Qi verhält. Und das heißt, nach welchen Gesetzen sich das Leben verhält.
Qigong geht noch einen Schritt weiter, als man sich an der Schnittstelle von Körper und Geist bewegt, und die Regulation potentiell auf einer noch tieferen Ebene erfolgt. Qigong zu üben heißt, einen Prozess der inneren Wandlung in Gang zu setzen, oder zumindest anzuregen, der den Menschen fähig machen könnte, den Inhalt des oben zitierten Satzes zu verkörpern:
Still und leer, dem folgt das wahre Qi. Essenz und Geist innen bewahrt, woher sollen dann Krankheiten kommen?
Darum, was immer Kerry und ich in den nächsten Tagen und Wochen posten werden (manchmal täglich, manchmal auch in größeren Abständen), das Wichtigste dabei, ist nicht zu vergessen:
Es geht um die Regulation. Das Qi reguliert sich in der Stille. Jede – jede! – Qigongübung ist die Richtige, die einen in die Stille führt.
Das Qi bedarf keiner Intervention, man muss es nicht im Körper lenken, man darf es nicht im Körper lenken, man muss es auch nicht mobilisieren und gegen das Coronavirus in die Schlacht führen. Man muss ihm nur ermöglichen, sich auf natürliche Art zu bewegen und auf natürliche Art zu organisieren. Sich selbst-zu-organisieren.
Doch dafür bedarf es der rechten Umstände:
Der psychischen Umstände – in erster Linie Stille, Ruhe, Entspannung - in unserer Gruppe im digitalen Zeitalter ein Versuch der Quadratur des Kreises, wie sich schon gezeigt hat.
Der rechten körperlichen Umstände: wieder Entspannung, Lösen von Verhärtungen, all das, um die innere Qi-Umgebung zu verändern. Daher auch die Wichtigkeit der diätetischen Hinweise, die Kerry gibt (bei denen sie ohnehin sich sehr an hiesige kulturelle Umstände anzupassen sucht).
Die innere Qi-Umgebung zu regulieren, dadurch erfolgt Heilung, dadurch erfolgt auch die Prävention. Und diese Regulation müssen wir alle immer wieder lernen, immer wieder von neuem lernen.
Heilung durch Regulation. Gesundheit durch Regulation. Dieses Wissen ist uns so fern und so fremd, dass wir es nicht einmal zu identifizieren vermögen, wenn es uns in die Augen starrt. Selbst Jahrzehnte an Erfahrung mit Qigong heißen nicht unbedingt, dass man den anfangs zitierten Satz versteht und diesen im Leben umzusetzen vermag:
Still und leer, dem folgt das wahre Qi. Essenz und Geist innen bewahrt, woher sollen dann Krankheiten kommen?
Es wird der chinesischen Medizin vorgeworfen, mit einem vorwissenschaftlichen Konzept zu arbeiten. Die ganz konkreten Ergebnisse, die dieser Medizin möglich sind und in der modernen Welt nicht einmal zur Kenntnis genommen werden (auch in dieser Coronavirusepidemie: die wichtige Rolle der chinesischen Medizin wird in den Medien nicht berichtet), erweisen dies als primitive Polemik.
Die Medizin des Qi, formuliert über mehr als zwei Millennia in China ist eine Medizin der Zukunft, die sich heutigen wissenschaftlichen Vorstellungen als noch nicht greifbar erweist. Es ist meine tiefste Überzeugung, die sich aus all dem nährt, was ich von meinen chinesischen Lehrern gelernt und erfahren habe, dass die Chinesische Medizin (wie auch Qigong) eine moderne und menschliche, dem tatsächlichen Funktionieren des menschlichen Körpers entsprechende, und in mancher Hinsicht realere, wirklichere Medizin ist als die moderne naturwissenschaftliche Medizin.
Und konkret für uns, in einer bedrohlichen Situation wie der jetzigen: Die chinesische Medizin und Qigong geben uns die Mittel in die Hand, um gesund zu bleiben. Und die wichtigsten Mittel sind: Stille, Ruhe und innere Leere.
Wir posten auf diesem Blog Übungen und auch andere Inhalte, als Hilfe zur Unterstützung der Gesundheit. Man kann versuchen, diese Inhalte umzusetzen, oder man kann sich zumindest gedanklich damit auseinandersetzen. Was ich hier schreibe, dient in erster Linie dem notwendigen Setzen des Kontexts. Je mehr man diesen versteht, desto mehr wird man auch verstehen, mit dem, was wir hier reinstellen, umzugehen.
Das Qi entspringt der Stille. Das Yang, die lebendige warme Bewegung des Lebens, hat ihren Ursprung im Yin, in der Stille, im Nachgeben, im Nicht-Streiten, in der Freiheit von Gedanken und Vorstellungen, in der inneren Leere.
All die Übungen des Qigong lehren einen, dies zu verwirklichen. Damit man zu diesem findet:
Still und leer, dem folgt das wahre Qi. Essenz und Geist innen bewahrt, woher sollen dann Krankheiten kommen?