Auf diesem Blog versuchen wir auf verschiedenste Arten und Weise auf die Wichtigkeit der Regulation hinzuweisen. Gesundheit ist gleichbedeutend mit funktionierender Regulation des Qi. Gesundheit ist die natürliche Bewegung des Qi, ist dessen natürliches Funktionieren.
In seinem Kommentar zum Daodejing sagt Song Changxing, ein daoistischer Meister des 17.Jahrhunderts, dieses:
„Bevor ein Holzblock gespalten wird, kann er jede Gestalt annehmen. Sobald er gespalten und zu einem Quader geformt wurde, kann er nicht mehr rund werden. Ist er gebogen, kann er nicht begradigt werden. Laozi lehrt, nicht gespalten zu werden. Was gespalten ist, kann nicht mehr zur ursprünglichen Natur zurück."
Und Wang Bi, der berühmteste Kommentator des Laozi, spricht:
"Nur wenn man die Leere als Tugend nimmt, können Handlungen mit dem Weg übereinstimmen."
Die natürliche Regulation hat zu tun mit körperlichen Strukturen und deren Funktionen, die China eben in der Terminologie des Qi beschrieben hat und immer noch beschreibt, und sie hat auch zu tun mit den seelischen und geistigen Bereichen des Menschen (und deren Qi-Funktionen) zu tun. Die Qigong-Theorie spricht aus und betont, dass es vor allem dieser seelisch-geistige Aspekt ist, der für die Regulation, also für die Gesundheit, entscheidend ist.
Im zweiten Kapitel seines Buches denkt der daoistische Philosoph Zhuangzi über den Körper nach, über „die hundert Knochen, die neun Körperöffnungen, die sechs Organe“ und fragt, wem unter diesen sich das Ich am nächsten fühlt, wer unter ihnen den anderen beherrscht und wer vom anderen kontrolliert wird, und ob sie über sich einen wahren Herrscher haben?“ Im Prinzip ist dies eine rhetorische Frage: Die daoistische Antwort ist ja und nein gleichzeitig. Ja, als es etwas Ordnendes und Regulierendes gibt. Nein, als da kein Herrscher ist, sondern eine organisierende Funktion, die natürlich ist, von-selbst-so oder aus-sich-selbst-so, wie der chinesische Ausdruck wörtlich lautet.
Die Regulation erfolgt nicht im normalen Bewusstsein. Es ist nicht möglich, die Lebensprozesse bewusst zu steuern. Es ist zwar möglich, diese zu beeinflussen, doch ist die große Frage, ob bewusstes Beeinflussen im Sinne der Regulation wirken kann. Im Allgemeinen wird dies von der Seite des Daoismus verneint, es wird auch meist von Seiten des Qigong verneint. Die eigentliche Regulation erfolgt vielmehr in einer tieferen Schicht des Geistes, die dem Bewusstsein nicht zugänglich ist. Darum die Fruchtlosigkeit des Bemühens, das Qi zu steuern. Doch heißt das nicht, dass Qigong zu üben grundsätzlich fruchtlos und vergeblich ist. Ganz im Gegenteil, sobald man „seine Anstrengungen den Grundlagen widmet, dann kann man über den Weg sprechen.“
Natürlich ist Qigong zuerst einmal intentionales und bewusstes Tun, doch ist dies nicht das Entscheidende. Wirkungen beginnen sich erst „wirklich“ zu manifestieren, wenn durch die Bewegung Ruhe und in weiterer Folge innere Stille entstehen. Diese sich einstellende innere Stille ist die zu verstehende Wurzel, sie ist es, die den Weg zu Regulation und Gesundheit weist.
Laozi sagt im 16. Kapitel des Daodejing: „Rückkehr der Wesen zur Wurzel heißt Stille. Stille heißt Wiedererlangung des Lebens. Wiedererlangung des Lebens heißt Dauer.“
Wang Bi kommentiert dies: „Sobald sie zur Wurzel zurückkehren, erreichen die Wesen Stille. Darum spricht der Text von Stille. Sobald sie die Stille erreicht haben, kehren sie zurück zu ihrer ursprünglichen Lebensanlage. Darum spricht der Text von Rückkehr zum Leben. Sobald die Wesen zu ihrer ursprünglichen Lebensanlage zurückgekehrt sind, erlangen sie das Dauernde (die ewige Essenz) ihrer inneren Natur und Lebensanlage. Darum spricht der Text vom Ewigen oder Dauernden.“
Und die Zeilen „Das Äußerste an Leere erreichen, das Tiefste an Stille bewahren“ kommentierend, sagt Wang Bi: „Die Leere zu erreichen ist das Äußerste für die Wesen, die Stille zu bewahren ist ihr Innerstes. Die Stille zu bewahren ist der Wesen wahre Regulation.“
Laozi schrieb als Philosoph, Wang Bi als ein Kommentator schrieb ebenfalls als Philosoph. Ich nehme hier auf sie Bezug, um auf bestimmte Prinzipien und Gedanken hinzuweisen, die die Chinesische Medizin und das Qigong mit der chinesischen Philosophie gemeinsam haben. Der wichtigste Gedanke, der ja auch schon im Satz „Still und leer, dem folgt das wahre Qi“ zu Ausdruck gebracht worden ist, ist dieser:
Innere Stille und Leere sind die Grundlage der Regulation und der Gesundheit. Das menschliche Leben in seiner Komplexität, physisch und psychisch, ist nur in der Stille und inneren Leere mit den Kräften der Natur verbunden. Diese Kräfte sind unendlich kreativ, sie sind lebensgebend, ordnend und regulierend. All die Theorien um Wuji (das Grenzenlose), Taiji (die Große Einheit), um Yin, Yang, die Fünf Phasen, die Acht Trigramme und 64 Hexagramme sind Versuche, diese kreativen, selbst-organisierenden, von selbst ordnenden, lebensspendenden Eigenschaften der Natur in ihrer Dynamik zu fassen.
„Himmel heißt Dao. Dao heißt fortwährende Dauer.“
Wang Bi meint hierzu: „Sobald man sein Vermögen mit dem des Himmels verbindet (wie es im Kommentar zum Buch der Wandlungen vom Großen Mann heißt) und die Allgegenwart des Weges verkörpert, dann fürwahr erreicht man den Punkt der äußersten Leere und des Nicht-Seins.
„Den Weg zu besitzen heißt ewige Dauer. Sobald man die äußerste Leere und das Nicht-Sein durchdringt und die Dauer der Wesen erlangt, dann erlangt man auch als Gipfel, dass man nicht erschöpft werden kann.“
Ich bin schon seit ein paar Tagen am Überlegen, wie konkret per Blog und Video dieses Ruhig-Still- und Leerwerden kommuniziert werden kann. Ein Foto oder Video beim ruhigen Sitzen würde wahrscheinlich eher für Erheiterung sorgen. Doch vielleicht ist mit diesen Gedanken erst einmal der erste Schritt getan. Zusätzlich zu den bewegten Übungen braucht es einfach auch die Qigong-Meditation. Kein Yang ohne Yin, und in einer gewissen Hinsicht gibt es ein Primat des Yin.
Bewegung entsteht aus der Stille, das warme Yang-Qi kann nur durch das Yin zirkulieren, wahre Kraft entspringt dem Nachgeben und der Weichheit. Qigong-Übungen sind Mittel zur Stille, aus der sich wiederum die echte, wirkliche Bewegung des Qi als Ausdruck des Lebens und seiner formenden Kräfte erhebt. Ist dies erreicht, dann ist die Übung nicht mehr so wichtig.
Als praktische Anleitung möchte ich hier nur sagen: Alles gilt. Es gibt natürlich spezifische Techniken, aber man kann die Dinge auch einfach angehen und sich nach bewegten Qigong-Übungen zumindest ein paar Minuten hinsetzen. Sich hinsetzen, ohne den Anspruch auf Ausschaltung der Gedanken. Einfach nur ruhig sitzen, auf ganz gewöhnliche Art und Weise. Damit ist schon viel getan, oder genauer gesagt nicht-getan. All diese Gedanken, die ich oben entwickelt habe, sind letztlich Fußnoten zu dem, was auf Chinesisch Wuwei 无为 heißt, Nicht-Tun.
„Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.“ Dies zu erreichen, ist die hohe Kunst des Qigong. Und je näher man dem Nicht-Tun kommt, desto mehr werden sich auch die positiven gesundheitlichen Auswirkungen des Qigong manifestieren, die wir in diesen pandemischen Zeiten so nötig haben.
Um zum Abschluss Zhuangzi zu zitieren:
„Die Hasenfalle existiert wegen des Hasen. Sobald der Hase gefangen wurde, kann man die Falle vergessen. Worte existieren wegen des Sinns. Sobald man den Sinn verstanden hat, kann man die Worte vergessen. Wo kann ich jemanden finden, der Worte vergessen hat, damit ich mit ihm sprechen kann? "