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Sunday, May 31, 2020

Chinesisches Puppentheater

Heute kein Posting zu Qigong, sondern zur Auflockerung ein kurzes chinesisches Schattentheaterstück - Die Maus und die Katze - und dazu eine chinesische Kurzdokumentation über das Schattentheater eines Dorfes in der Nähe des Huashan. Der Huashan ist der westliche der Fünf Heiligen Berge Chinas, und liegt nicht weit entfernt von Xi'an, der alten Hauptstadt Chinas.

Die Doku ist auf Chinesisch, mit englischen Untertiteln, und man bekommt ein bisschen einen Eindruck von dieser uralten Tradition, die in der Moderne mit dem  Überleben zu kämpfen hat.

Zu Beginn der Dokumentation sieht man kurz eine wild anmutende Musiktruppe. Das sind Bauern aus einem Dorf dieser Gegend. Ihre Musik (Huayin Laoqiang 华阴老腔) wurde früher nur hinter dem Schattenspielvorhang gespielt wurde, als Begleitung des Schattenspiels.

Erst in den letzten Jahren traten sie auch unabhängig vom Schattentheater auf, und sie erlangten internationale Bekanntheit, als die weltberühmte Pipa-Virtuosin Wu Man mit ihnen in Amerika und Australien auftrat (das auch, um ihnen auf diese Art in China mehr Wertschätzung zu verschaffen).

Hier vorerst einmal das harmlose kleine Spiel von Katze und Maus und die Doku über das Schattentheater aus Shaanxi:






In China gibt es eine wunderbare und äußerst reichhaltige Puppentheater-Tradition, die, was in der chinesischen Dokumentation nicht erwähnt wird, in einer engen Beziehung zum Daoismus steht. Das Theater ist ursprünglich nicht für die Unterhaltung der Menschen gedacht, sondern die Aufführungen dienen bei Tempelfesten der Unterhaltung der Götter.

Das Puppentheater hat wichtige sakrale Funktionen. Aufführungen werden zur Danksagung an die großen Mächte des Himmels und der Erde abgehalten, bei Begräbnissen, sie haben eine exorzistische Funktion, als übelwollende Dämonen und Geister durch die Puppen vertrieben werden und noch einiges mehr.

Wenn wir von Tempeln hören, dann denken wir oft an Klöster, oder an daoistische oder buddhistische Gemeinschaften, die dort zuhause sind. Das sind Tempel aber nicht. Tempel sind keine Klöster. Und nur sehr selten ist ein Tempel ein daoistischer oder buddhistischer Tempel (es gibt sie schon, aber eben nur selten). Tempel sind vielmehr heilige Orte, die Gottheiten (oft lokalen) geweiht sind. Und es gibt eine Unzahl an Tempeln. Vor der kommunistischen Revolution, trotz all der Attacken und Zerstörung, die sich gegen die traditionelle Kultur richtete (diese begannen nicht erst in der Volksrepublik, sondern schon viel früher, gegen Ende der Kaiserzeit) gab es in China eine Tempeldichte von einem Tempel pro ca. 400 Einwohnern. Und heute, im kommunistischen, säkularen China, nach all dem, was in den letzten 130 Jahren passiert ist, wird diese Zahl schon wieder fast erreicht.

Tempel werden üblicherweise von den Handwerkergilden betrieben oder von den lokalen Gemeinschaften (Dorf, Stadtviertel, Straße etc.) und dienen vielen Zwecken, geistigen, religiösen, kulturellen, praktischen. Einerseits wird die lokale Geschichte dort überliefert, die jungen Leute lernen diese dort kennen. In den Theateraufführungen bei den Festen wird die lokale Geschichte (die in vielen Aspekten auch heilige Geschichte ist) immer von neuem durchlebt. Tempel dienen rituellen Zwecken. Die Führer der Gemeinschaften laden Spezialisten ein, daoistische Priester oder buddhistische Mönche, oder beide, um zu bestimmten Anlässen Rituale abzuhalten, Opferrituale, Reinigungsrituale, Rituale für die verwaisten Seelen (das sind diejenigen, die eines vorzeitigen Todes gestorben sind), Beerdigungsrituale etc. In den Tempeln werden junge Leute als Medien ausgebildet, um als Mittler zu dienen zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Götter und Dämonen. Aber es geht auch um alltägliche Dinge. Die jährlich gewählten Tempelvorsteher beschließen, wer in der Gemeinschaft finanzielle Unterstützung braucht, oder sie planen gemeinschaftliche Projekte wie Straßen- oder Brückenbau. Ich schreibe hier frei von der Leber weg, es fehlt sicher noch einiges in dieser Aufzählung.

Auf jeden Fall ist das ein Aspekt des chinesischen Lebens, der bei uns nicht so bekannt ist. Ein sehr lebendiger Aspekt. Ich habe in Taiwan studiert, einem durch und durch modernen Land, dort sind diese Traditionen noch sehr lebendig. Wie in Hongkong, wie in Singapur. Man nimmt diese Dinge nur nicht so leicht wahr, weil wir, wenn es um religiöse oder geistige Inhalte geht, von dem ausgehen, was es bei uns gibt und vor allem, in welcher Form es sich bei uns präsentiert. In China schaut Religion oft sehr profan aus, darum wird sie oft nicht als das erkannt, was sie eigentlich ist, wie bei den Theateraufführungen oder den großen Prozessionen, bei denen es laut und hitzig zugeht, mit viel Lärm, Krawall und Spaß.

Zurück zum Theater. Es ist in erster Linie für die Götter da. Die Götter werden unterhalten, und es gibt eine Reihe von rituellen Funktionen der Schauspiele.  Ein Puppenmeister aus Singapur meint, dass heutzutage zwar bei den Aufführungen oft nur wenig Publikum anwesend sei, was man aber nicht sehen könne, seien die Scharen der Götter, die zu den Aufführungen kämen. Dafür sei das Theater da, und für diese werde er die Tradition auch weiterführen, auch wenn das Interesse der gewöhnlichen Leute abnehme.

Was ich hier geschrieben habe, sind eigentlich nur ein paar zerstreute Bemerkungen an einem regnerischen Sonntag. Zur besseren Schilderung, was das Puppenthater in der chinesischen Kultur bedeutet, möchte ich hier einen kurzen Ausschnitt aus Kristofer Schippers „Corps Taoiste“ übersetzen:

Daoistische Meister geben manchmal Vorstellungen als Puppenspieler. Die von ihnen aufgeführten Marionetten-Stücke werden von manchen als das älteste Theater Chinas angesehen. Die Bande zwischen Religion und Drama sind vielfältig. Wir haben gesehen, wie diese auf die Bühne gebrachte heilige Geschichte einen Teil der religiösen Festivitäten darstellt. Tatsächlich waren vor nur 100 Jahren professionelle Theatertruppen in China eine Seltenheit; üblicherweise waren die Zeit und der Ort, Vorstellungen zu sehen, bei Festen, auf Freiluftbühnen die vor den Tempeln aufgebaut wurden. Auch heute, dort in China, wo die Religion offen praktiziert wird, gibt es kein richtiges Fest ohne Theater.

Das Theater hat eine liturgische Funktion, wobei die Vorstellungen in zwei Teile geteilt werden, von denen der erste rein rituell ist. Die „Parade der Götter“ oder „Glückverheißendes Spiel“ genannt, besteht dieser aus einer Anzahl kurzer, aufeinanderfolgender, kleiner Stücke: Der Himmlische Hof; das Bankett der Götter (mit dem Affenkönig, der die Pfirsiche der Königinmutter des Westens stiehlt); die Tochter des Himmelskaisers und der fromme Dong Yong; das göttliche Paar als Eltern des Gottes der Musik; und schließlich der Göttliche Amtsträger, der kommt, um der Gemeinschaft seine Glückwünsche zu übermitteln.

Erst nach diesen Vorspiel beginnt die Aufführung der historischen Stücke, die für den Anlass ausgesucht wurden. Diese Stücke stellen zwar kein Ritual dar, aber immer gibt es eine Verbindung zur Religion. So ist z. B. der Schauspieler, der den Herrn Guan im Epos der Drei Reiche darstellt, bestimmten diätetischen und sexuellen Einschränkungen unterworfen. Und so wie es sich ziemt für einen Repräsentanten der Göttlichen Verwaltung, spricht diese Figur ausschließlich im offiziellen Mandarin, selbst dann, wenn das Stück selbst im Dialekt oder in einer Regionalsprache aufgeführt wird.

Die religiöse Rolle ist beim von den Meistern aufgeführten Marionettentheater sogar noch mehr ausgeprägt als beim gewöhnlichen Theater mit menschlichen Schauspielern. Puppen werden selten nur für die Show geholt; ihre Macht ist eine solche, dass sie als unschätzbare Hilfe im Kampf gegen böse Einflüsse angesehen werden. Man ruft eine Theatertruppe, um im Falle von Katastrophen wie Bränden, Überschwemmungen, Dürren oder Epidemien diese Einflüsse zu exorzieren. Truppen kommen auch, um neu gebaute Häuser und Tempel zu reinigen oder um wichtige Opfergaben, entweder für die Gottheiten oder für die verwaisten Seelen, zu heiligen. Das ist möglich, weil die Puppen die Götter nicht nur darstellen: sie sind die Götter.

In der Regel besteht ein Marionettenensembe aus 36 Körpern und 72 Köpfen. Zusammen ergibt das 108, die Zahl, die mit der Gesamtheit der Konstellationen korrespondiert. DIe Puppen stellen deshalb die Essenz des Universums dar. Bevor ein Stück beginnt, werden die Puppen auf dieselbe Weise geweiht wie die Götterstatuen und Ahnentafeln. Sie werden dadurch mit der spirituellen Kraft der Götter durchtränkt, die sie repräsentieren. So furchteinflößend ist ihre Macht, dass niemand zuzuschauen wagt, wenn sie die Dämonen mit Gesängen und Tänzen verscheuchen oder unsichtbare Teufel mit Miniaturwaffen attackieren. Das Orchester spielt, der Meisterpuppenspieler rezitiert heilige Formeln, die Puppen bewegen sich, aber der Platz vor der Bühne bleibt leer und die gewöhnlichen Leute bleiben zuhause, hinter geschlossenen Türen, aus Angst, dass die Dämonen in ihrem Zuhause Zuflucht nehmen könnten, oder sogar in ihren Körpern.

Die Bühne - Bretter und Leinwand - ist ein heiliger Bereich. Rückwärts gibt es einen Altar für den Verehrung der Puppen, die von den Clowns, den mächtigsten unter ihnen, repräsentiert werden. In den vier Ecken der Bühne rufen talismanische Symbole, in heiligen Schriftzeichen auf gelbe Papierbänder geschrieben, die Schutzgottheiten an, dass sie kommen und die Bühne umgeben mögen. Ein fünftes Symbol, vom Meisterpuppenspieler getragen, korrespondiert mit dem Zentrum des heiligen Bereiches. Hier auf der Bühne, im Herzen des Mikrokosmos, steht er und bildet die Hauptachse. Er ist der Vermittler zwischen den Sphären der Götter und der Menschen, der unsichtbare Meister, der die Puppen (vor allem die Clowns) die exorzistischen Gesten ausführen lässt, Gesten, die zu anderen Anlässen von ihm selbst oder von den von ihm geleiteten Medien ausgeführt würden.

All dies ist verknüpft: die Struktur, die die Beziehung zwischen Puppenmeister und Puppe beherrscht - zwischen dem einen, der im Schatten der die Fäden zieht und dem anderen, der die Mitte der Bühne einnimmt und während der Dauer der Show die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht - ist dieselbe Struktur, die sich in der Beziehung zwischen Meister und Medium findet, zwischen Menschen und Göttern. Die Götter sind die Puppen. Die Statuen in den Tempelnischen haben oft bewegliche Glieder, gleich den in Prozessionen auftretenden Figuren wie „Weiße Unbeständigkeit“ und „Schwarze Unbeständigkeit“. Sie sind vollkommen ausgestattet, mit Unterwäsche, Schuhen, Röcken und Hüten, Fächern und Szeptern. Sie können umherbewegt und an ihren Geburtstagen an Tische gesetzt werden, um richtige Festmähler zu erhalten. In diesem Spiel spielen die Menschen mit den Göttern, und der Tempel wird zu einem großen Puppenhaus.

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