Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Thursday, May 28, 2020

Qigong und Chinesische Medizin - grundlegende Prinzipien

Zur allgemeinen Information. Die Zeit vergeht, wir sind jetzt schon in der 11. Woche dieser unserer Initiative. Kerry und ich werden noch einen Monat weitermachen, also bis Ende Juni. Die Lage hat sich zur Zeit zwar ziemlich entspannt, doch das ändert nichts an der Wichtigkeit der Inhalte. Mit dem Covid-19-Virus müssen wir doch vermutlich noch lange Zeit leben. 

Ich möchte mich hier wieder einmal auf unseren Lehrer Prof. Lin Zhongpeng berufen. Ich zitiere ihn immer wieder, stellt er doch seit Jahrzehnten eine der wichtigsten theoretischen Stimmen des Qigong dar. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit erhielt Qigong 1979 von der chinesischen Staatsführung die Zulassung, öffentlich unterrichtet und praktiziert werden zu können, er leitete von 1982 bis 1999 das Qigong College for Advanced Studies in Beijing, die einzige unabhängige Ausbildungsinstitution  in China, und er war es, der zusammen mit Dr. Deng Tietao die chinesische Staatsführung umstimmte und erreichte, dass die Chinesische Medizin in der SARS-Epidemie zum Einsatz gebracht wurde und den entscheidenden Beitrag zur raschen Beendigung der Epidemie leisten konnte.

In den Vorträgen, die er im Rahmen unserer Qigong-Fortbildungswochen in Innsbruck hielt, hatte Prof. Lin immer wieder betont, wie wichtig es sei zu verstehen, dass die Chinesische Medizin und Qigong bei Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten mit einem ganz anderen Ansatz arbeiten als die westliche naturwissenschaftliche Medizin. Die gängige westliche Metapher ist der Kampf: der Krankheitserreger muss entweder bekämpft und getötet werden (Bakterien und Viren), oder es muss etwas aus dem Organismus herausgeschnitten werden. „Cut it or weed it“, sagt man auf Englisch. 

Nicht so in der Chinesischen Medizin und im Qigong. Krankheiten bzw. Krankheitserreger werden nicht bekämpft, es werden vielmehr Beziehungen innerhalb eines Systems in Ausgleich gebracht. Es geht um Anpassung und Ordnung. Chinesische Medizin und Qigong verstehen den Organismus als eine Ganzheit, als ein komplexes Netzwerk innerer Aktivitäten und Beziehungen (das ist das Qi). Eine Ganzheit, die in ein weiteres Umfeld, in eine weitere Ganzheit eingebettet ist (einerseits der Ort an dem man lebt, mit seinem Klima, seinem Wetter und all den anderen spezifischen Qualitäten eben dieses Ortes, andererseits auch die Gesellschaft, in der man lebt. Beide repräsentieren wiederum bestimmte Aspekte des Qi). Dieses Umfeld ist wiederum in das große Ganze der Erde (des Planeten) eingebettet. Und so weiter, bis man beim Dao als dem größten Zusammenhang angelangt ist. 

Wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, sind es natürlich die engeren Beziehungsfelder, auf die man sich konzentriert, also das Qi im Inneren des Organismus und das Qi des Umfelds. Diese Beziehungsfelder werden analysiert, um herauszufinden, wo das System von seinem geordneten Funktionieren, von seiner geordneten Aktivität abgewichen ist. Die äußerst komplexe Kunst der Diagnostik der Chinesischen Medizin kommt hier ins Spiel. Die korrekte Diagnose gibt vor, wie vorgegangen werden muss, um das System wieder in Gleichgewicht zu bringen (wie das bewegte Beziehungsgefüge des Qi zurechtgerückt werden kann). Stimmt die Diagnose, dann findet das Qi zu seinem Funktionieren zurück, Krankheiten bessern sich und verschwinden. Eine naturwissenschaftliche Analyse eines Krankheitserregers ist hierbei nicht nur nicht notwendig, sondern wäre gar nicht hilfreich, da sie ja auf einem anderen Referenzsystem beruht.

In seinen Vorträgen hatte Prof. Lin die große Stärke der Chinesischen Medizin thematisiert, nämlich  qualitativ beschreiben zu können, wie die individuelle Gesundheit beschaffen ist bzw. wie sich im Krankheitsfall das individuelle Funktionieren des Qi ändert (beides leistet die Chinesische-Medizin-Diagnose) und wie der Organismus durch das Ordnen der Qi-Aktivitäten die nötige Kraft entwickeln kann, von selbst mit einer Krankheit fertig zu werden, sie also entweder kontrollieren oder vollkommen loswerden zu können.

Damals, vor 17 Jahren, hatte er auch vorausgesagt, dass sich einmal eine Situation ergeben würde wie die, mit der wir es jetzt zu tun haben, dass nämlich ein Virus zirkulieren würde, bei dem die naturwissenschaftliche Medizin keine oder nur begrenzte Möglichkeiten der Therapie haben würde. In so einem Fall war und ist es der große Vorteil der Chinesischen Medizin, dass sie augenblicklich reagieren kann und nicht erst auf die Antwort der Forschung (Impfung, Entwicklung einer Therapie) warten muss.

Damit kein Missverständnis entsteht, ich bin in keinster Weise gegen die naturwissenschaftliche Medizin eingestellt und schreibe hier nicht gegen sie an. Ich mache nur ein paar grundsätzliche Aussagen zu Chinesischer Medizin und Qigong und versuche zu zeigen, dass deren Potential viel größer ist als gemeinhin angenommen und sie auch in der modernen Welt einen sinnvollen Platz einnehmen könnten. Dazu muss man aber Vorurteile beiseitelegen und sie aus ihren eigenen theoretischen Hintergründen zu verstehen suchen.

In den chinesischen Medien ist in den letzten Jahren immer wieder die Zahl 321 gefallen. Die Chinesen sind sehr geschichtsbewusst: 321 ist die Zahl der Epidemien, die sich in den letzten 2000 Jahren in China ereignet haben und aufgezeichnet wurden. Jede dieser Epidemien wurde mittels der Chinesischen Medizin beendet. Und nicht nur das, nach jeder großen Epidemie entstand ein medizinischer Klassiker, geschrieben von Ärzten wie Zhang Zhongjing 张仲景 (150-219): Shanghan Zabing Lun 伤寒杂病论 (Diskussion über die kälteinduzierten Krankheiten); Li Dongyuan 李东垣 (1180-1251) und Luo Tianyi 罗天益 (1220-1290); Wu Youke 吴又可 (1582-1652): Theorie der Wärmekrankheiten; Ye Tianshi 叶天士 (1667–1747): Diagnostik der Vier Schichten Wei 卫, Qi 气, Ying 营, Xue 血; Wu Jutong 吴鞠通 (1758-1836): Dreifache-Erwärmer-Diagnostik. Die genannten sind nur einige wenige Ärzte unter vielen.

Die Epidemien führten nicht nur dazu, dass sich der Kanon der Chinesischen Medizin Kompendium um Kompendium erweiterte, alle diese Ärzte entwickelten auch Kräuterrezepturen, die in den damaligen Epidemien zum Einsatz kamen, Rezepturen, die auch heute noch aufgegriffen und mit den notwendigen Adaptionen und Modifikationen verwendet werden. Dr. Deng Tietao meinte einmal: Die Chinesische Medizin ist eine Medizin der Gelehrten. Es geht darum, den Gedankenprozess zu verstehen, durch den eine Rezeptur erstellt wird. Versteht man diesen, dann kann man auch 1800 Jahre alte Rezepturen in einem zeitgenössischen Kontext erfolgreich zur Anwendung bringen. So ist es auch dieses Jahr geschehen. Manche unter den in den letzten Monaten in China verwendeten Rezepturen gehen auf Zhang Zhongjing zurück, andere stammen von Wu Youke und Wu Jutong. Und diese Rezepturen waren in der Behandlung des Covid-19-Virus äußerst erfolgreich, der Staatsrat der Volksrepublik spricht in seinen öffentlichen Verlautbarungen von einer über 90%en Wirksamkeit der Behandlungen. Diese Wirksamkeit hat nun auch dazu geführt, dass für die Chinesische Medizin, die in China zwar im Verfassungsrang steht, von offizieller Seite aber nicht respektiert (weil nicht „wissenschaftlich“) und meist behindert wird, vor ein paar Wochen eine neue, ihren eigenen Kriterien gemäße Administrationsstruktur geschaffen wurde. Manche gehen sogar so weit zu sagen, dass der phänomenale Erfolg der Chinesischen Medizin in der Covid-19-Pandemie zu ihrer Wiedergeburt in China geführt habe.

Zurück zu Prof. Lin und seinen Aussagen zu Chinesischer Medizin und Qigong. Man muss sich bewusst machen, was man tut, wenn man Qigong übt oder zum Arzt für Chinesische Medizin geht. Es geht nicht um die Bekämpfung einer Krankheit, sondern um die Ordnung des Qi, um die Regulierung des Systems und seiner Aktivitäten, um das Gleichgewicht von Yin und Yang (auch wenn dieser Ausdruck etwas unglücklich ist, geht in ihm doch verloren, dass es um die Yin- und Yang-Qualitäten der Qi und seiner Aktivitäten geht und nicht darum, dass man so und so viele Teile Yin und Yang auf die Waage legt und austariert).

Ordnung bzw. Regulierung heißt, dem Qi zu seiner natürlichen Qualität, seinem natürlichen Fluss und seinem natürlichen Rhythmus zu verhelfen. Der natürliche Fluss bedeutet einen Prozess geordneter Aktivität, der auch bei sich wandelnden Qualitäten des Umfelds stabil zu bleiben vermag. Die Qualitäten des Raums (wo man sich befindet, an welchem Ort, unter welchen Umständen) und der Zeit (Tag, Monat, Jahr, himmlischer Stamm - tiangan 天干, irdischer Ast -dizhi 地支, Jahreszeit, Wetter etc.) wandeln sich; Regulierung heißt, dass der Organismus inmitten dieses allgemeinen Wandels stabil bleibt, indem sich sein Qi an die äußeren Bedingungen anpasst. 

Eine Behandlung mittels Chinesischer Medizin hilft dabei, sozusagen von außen. Qigong hilft ebenfalls, die Methode basiert ja auf denselben Zusammenhängen, doch die Wirkung entsteht von innen. Da man es selbst ist, der übt, kommt noch ein wesentlicher Aspekt von Yin und Yang dazu: der von Körper und Geist, sichtbarer Materie und unsichtbarem Qi. Das Verhältnis und die wechselseitige Regulierung von Geist und Körper ist von entscheidender Bedeutung im Qigong. Der Körper ist Yin (greifbar, Substanz), der Geist ist Yang (ungreifbar, Funktion). Beide sind Qi und stellen die einander gegenüberliegenden Pole eines Kontinuums dar. Darum heißt es: Yin cheng xing, yang hua qi. 阴成形, 阳化气. Yin wird zu Form, Yang transformiert zu Qi.

Die Regulierung im Qigong muss demgemäß beide Ebenen einbeziehen, die körperliche wie auch die geistige. Darum sind auch Kerrys Texte über die Drei Prinzipien des Übens so wesentlich. Auf der körperlichen Ebene erfolgt die Regulierung durch Entspannung, Lockerung und Bewegungen, auf der geistigen durch Ruhe, Stille und Meditation. Und es gibt auch eine Ebene dazwischen, über die Körper und Geist kommunizieren (unter anderem Inhalt der Übungen der Heilenden Laute): die innere Bewegung des Atems und des Qi. 

Was die drei Prinzipien betrifft, gibt es eine klare Hierarchie: das körperliche Tun und die Bewegung des Atems/Qi sind der geistigen Regulierung untergeordnet, sie dienen dem Erreichen der inneren Stille und Leere. 

Sie sind deshalb untergeordnet, weil das geordnete Funktionieren des Qi nicht gemacht werden kann. Es ist ein natürlicher Prozess, dem man die Hindernisse aus dem Weg räumt, der dann aber zugelassen werden muss. Der Prozess geschieht ziran 自然 - von selbst oder aus-sich-selbst. Die Instanz, auf der das natürliche Funktionieren des Organismus beruht, ist nicht der bewusste Geist, sondern der Zustand des inhaltslosen Gewahrseins, der tiefsten Stille und Leere. Im Qigong wird dieser Yuanshen 元神 genannt - ursprünglicher Geist.

Um es anders zu formulieren: Die Bewegungsabläufe im Qigong, die Atemübungen und die Meditationstechniken zielen darauf ab, tief in die Stille und Leere einzutauchen. Zhi xu ji, shou jing du 至虚极, 守静笃, heißt es bei Laozi: „Den Gipfel der Leere erreichen, die tiefste Stille bewahren.“ Hat man sich diese Stille und Leere erübt, dann erlangt das Qi die Kraft, sich von selbst zu ordnen. Die natürliche Ordnung und das natürliche Funktionieren des Qi sind am Ende nicht das Ergebnis eines Tuns (das Tun braucht man vorher, beim Üben und Atmen, und zwar jahrelanges Tun), sondern des Nicht-Tuns (also dessen, was sich ohne Zutun spontan ereignet). Wuwei er wu bu wei 无为而无不为 - „Nicht-Tun und nichts bleibt ungetan.“ Dies ist die höchste Ebene des Qigong, die sowohl einer stabilen Gesundheit entspricht als auch, im traditionellen chinesischen Verständnis, dem Zuhause-Sein im großen Sinnzusammenhang des Alls.

Doch wir brauchen nicht ehrfurchtsvoll zu diesen lichten Höhen hochzublicken. Auch wenn man sich nicht ganz so tief in die Stille und Leere findet, erweist sich Qigong im Alltag, im täglichen praktischen Üben für jeden, der die Methode ernst nimmt, als sehr hilfreich. Qigong wirkt von Anfang an, auch wenn man vielleicht nicht alle seiner Möglichkeiten realisiert. Fühlt man sich beim Üben wohl, wird man Übungen auch regelmäßig praktizieren und allmählich die Fähigkeit zu mehr Lockerheit, mehr Entspannung und mehr Ruhe entwickeln können. Damit beginnt sich die Gesundheit ganz von selbst zu verbessern. Aber nicht deswegen, weil man ein Problem oder eine Krankheit gezielt behandelt und beseitigt hat, sondern weil man die Fähigkeit des Organismus (des Qi) unterstützt und gestärkt hat, zum natürlichen ausgeglichenen Funktionieren zurückzufinden und in diesem dann auch zu verweilen (man könnte hier auch sagen: sich selbst zu heilen. Der Ausdruck "Selbstheilung" ist jedoch mit zu unklaren Vorstellungen befrachtet, darum habe ich hier anders formuliert). 

Aus oben Gesagtem geht auch hervor, was ich ganz zu Beginn einmal gemeint habe: jede Qigong-Übung hilft. Wir haben uns in diesen Wochen den Heilenden Lauten gewidmet, und all die anderen Inhalte um diese Übungen gruppiert. Aber natürlich kann man auch andere Übungen üben, wir kennen ja genug. Jede Übung ist sinnvoll, die einen in die Stille führt und das Qi dazu bringt, sich mehr und mehr von selbst zu bewegen und zu ordnen. Ich für mich persönlich übe die Heilenden Laute täglich, praktiziere aber auch regelmäßig das Qigong-Gehen, die Fanhuangong-Übungen sowie diverse Massagen. Die Qigong-Meditation ist in diesen Wochen zu kurz gekommen, durch die Arbeit am Blog bin ich einfach zu müde. 

Um nochmals an den Anfang zurückzukommen. Kerry und ich werden mit dem Blog noch einen Monat weitermachen. Es gibt noch weitere Inhalte, die wir auf diesem Wege weitergeben möchten. Nicht nur um in diesen Covid-Zeiten bei besserer Gesundheit zu sein, um sich nicht anzustecken, oder, wenn es wirklich passieren würde, einen besseren Verlauf der Krankheit zu haben. In den Spitälern in China, in denen die westliche Medizin gemeinsam mit der Chinesischen Medizin zum Einsatz kam, ist es fast nie passiert, dass sich die Krankheitsverläufe von Patienten verschlechtert hätten. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen 2003 während der SARS-Epidemie.

Also nicht nur darum. Sondern auch deshalb, weil die Covid-19-Pandemie eigentlich eine Kleinigkeit ist gegenüber den großen Veränderungen auf unserer Erde, die sich vor allem durch den sich immer mehr beschleunigenden Klimawandel abspielen. Um die Gesundheit des Menschen inmitten dieses Wandels aufrechterhalten zu können, werden die Chinesische Medizin und Qigong in Zukunft noch viel mehr und dringender gebraucht werden als jetzt während der Covid-19-Pandemie. 

Wenn man mehr vom theoretischen Hintergrund der Chinesischen Medizin und des Qigong versteht, dann wird man vielleicht auch allmählich fähig, die Beziehungen wahrzunehmen (und sie auch denken zu können), die den Menschen mit der Natur und die Menschheit mit dem ganzen Planeten verbinden. Diese veränderte Wahrnehmung und dieses veränderte Denken wären dann nicht allein das Ergebnis eines intellektuellen Prozesses, sondern resultierten vor allem aus dem Erleben des lebendigen Körpers. Aus einem Wahrnehmen der Welt durch die Lebendigkeit des Körpers (des Qi), wodurch sich auch der Blick auf die Wirklichkeit verändert. 

Um eine Zukunft zu haben, brauchen wir beides: eine andere Art, den Körper zu erleben und mit ihm in der Welt zu sein, und eine daraus resultierende, das allgemeine Handeln anleitende Erkenntnis der Beziehungen und Gemeinsamkeiten, durch die der Menschen, auch wenn er es nicht wahrhaben will, mit der Natur und dem ganzen Planeten verbunden ist.

Ich glaube, jeder, der sich etwas tiefergehender mit Qigong und Chinesischer Medizin beschäftigt, leistet auf seine Art einen Beitrag zu einer solchen Zukunft, in der sich die Beziehung von Mensch und Natur nicht destruktiv, sondern konstruktiv und sinnvoll gestaltet.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...