Die Übungen der Heilenden Laute basieren auf der alten chinesischen Philosophie der Einheit zwischen Natur und Mensch. Tianren heyi 天人合一 – So nennt sich diese Philosophie: „Himmel und Mensch sind eins“, man kann auch übersetzen „Natur und Mensch sind eins“.
Die alten chinesischen Texte sind voll mit Beschreibungen, was das im Einzelnen bedeutet.
„Der Himmel gibt uns die Fünf Qi, die Erde versorgt uns mit den Fünf Geschmäckern. Die Fünf Qi treten durch die Nase ein und werden in Herz und Lunge gespeichert, sie ermöglichen den Farben zu leuchten und der Stimme laut zu sein und klar. Die Fünf Geschmäcker treten durch den Mund ein und werden in Magen und Eingeweiden gespeichert, sie nähren die Fünf Qi und die Körperflüssigkeiten und geben uns Kraft.“
Die Idee dahinter ist klar, das menschliche Leben ist untrennbar mit dem Leben der Natur verbunden. Verliert der Mensch diese Verbindung, verliert er die Beziehung zu
Atem und Nahrung, die die Natur dem Menschen zu jeder Zeit zur Verfügung stellt. Der Verlust der Beziehung zum lebendigen Atem und zu den nährenden Aspekten der Natur heißt Verlust der Harmonie, und da die Harmonie von Himmel und Erde, Yang und Yin die Gesundheit ausmacht, auch Verlust der Gesundheit.
Wir verwenden die sechs Laute in einer bestimmten alten Aussprache, die sich von derjenigen, die die meisten von uns schon kennen, etwas unterscheidet. Hier ist es nicht wichtig, mehr dazu zu sagen, ich werde das aber schon noch tun.
Die Laute üben wir in dieser Reihenfolge:
呬 He-ii für die Lunge
噓 Hsü für die Leber
呼 Hu für die Milz
吹 Tschu-eii oder Tsu-eii für die Niere
呵 He-a für das Herz
嘻 Hsi oder Shi für den Dreifachen Erwärmer
Hier ist die Übersicht, im alten Korrespondenz-System der Fünf Phasen, wie man sich durch das Üben in den großen Zusammenhang der Natur hineinbegibt, und je tiefer im Qigong-Zustand, auch in die Natur integriert und mit ihr kommuniziert.
Der Laut 呬 He-ii entspricht der Lunge (肺 Fei), der Phase Metall (金 Jin), dem Ton Shang 商 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Westen (西 Xi) und der Jahreszeit Herbst (秋 Qiu).
Der Laut 噓 Hsü-a entspricht der Leber (肝 Gan), der Phase Holz (木Mu), dem Ton Jiao 角 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Osten (東 Dong) und der Jahreszeit Frühling (春 Chun).
Der Laut 呼 Hu entspricht der Milz (脾 Pi), damit der Phase Erde (土 Tu), dem Ton Gong 宮 der alten chinesischen Tonskala, keiner Himmelsrichtung, sondern der Mitte (中 Zhong) und der Jahreszeit Spätsommer (長夏 Changxia), oder in einer anderen Auffassung den 18 Tagen am Ende jeder Jahreszeit.
Der Laut Tschu-eii oder Tsu-eii entspricht der Niere (腎 Shen), damit der Phase Wasser (水 Shui), dem Ton Yu 羽 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Norden (北 Bei) und der Jahreszeit Winter (冬 Dong).
Der Laut 呵 He-a entspricht der Phase Feuer (火 Huo), dem Ton Zheng 徵 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Süden (南 Nan) und der Jahreszeit Sommer (夏 Xia).
Der Laut Hsi oder Shi entspricht ebenfalls der Phase Feuer (火 Huo), etc.
Dies entspricht dem größtmöglichen Zusammenhang, der für den Menschen auf der Erde möglich ist. Himmel und Erde sind nicht nur Oben und Unten, sie stellen ein körperlich-geistiges Kraftfeld dar (an dem sich der Mensch innerlich ausrichtet, ausrichten könnte), das unendliche Möglichkeiten bietet. Die körperliche Ausrichtung an diesem Kraftfeld fördert die Gesundheit des Menschen, seine Ganzheit, die seelische und geistige Ausrichtung - ebenso wichtig - betreffen seine ursprüngliche Verbundenheit mit der Natur und allen ihren Wesenheiten, sie betreffen die mögliche Verwirklichung (auch persönliche Verkörperung) des Sinnes, wie Richard Wilhelm das chinesische Wort Dao 道 -Weg übersetzt und die Teilhabe an der Kraft des Ganzen, am Leben, wie Richard Wilhelm das chinesische Wort De 德 – Tugend übersetzt.
Tugend (De 德) heißt Erlangen (de 得), ein Wortspiel, das sich schon in den alten chinesischen Texten findet. Wer sich am Himmel ausrichtet, an der Macht des Numinosen, des Urbeginns und der schöpferischen Bilder, und an der Erde, der Macht des Aufnehmens, des Verwirklichens und Konkretisierens, ihrer nährenden und bergenden Macht, wer sich also an diesen Mächten ausrichtet, der findet seinen Weg (sein Dao 道) und dem wird Kraft (De 德 Tugend) zuteil, eine innere Kraft, durch die sich der große Zusammenhang, der Sinn des Ganzen im individuellen Leben verwirklicht und äußert.
Übungen wie die Sechs Heilenden Laute basieren auf diesen Gedanken des Zurückfindens zur Natur und der innerlichen Ausrichtung an dem Kraftfeld, das durch den Himmel, die Erde und die Himmelsrichtungen gebildet wird.
Natürlich kann man die Übungen rein als therapeutische Qigong-Übungen verstehen, und in diesen pandemischen Zeiten auch als wichtige Übungen der Vorbeugung, da sie ja auf sehr gezielte Art das Funktionieren unserer Atmung das der Organe und des Immunsystems verbessern können. Doch erst dann, wenn man die Übungen in den eigentlich gemeinten weiteren Hintergrund stellt, wird man ihren Gehalt erst wirklich zu verstehen beginnen.
Und ich meine: dann werden sich die ganz persönlichen, konkreten, erwünschten Wirkungen auf die Gesundheit viel eher und tiefgehender einstellen.