Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Wednesday, January 27, 2021

Ein paar Bemerkungen zur Methode der Entspannungsübungen

Die moderne Geschichte des Qigong setzt Ende der 1940er-Jahre an, als durch Liu Guizhen 刘贵珍 das Neiyanggong 内养功 - das das Innere nährende Qigong - den Weg in die Öffentlichkeit fand, schnell an Popularität gewann und in den 1950er und -60er-Jahren fester Bestandteil des Therapie-Programms in den chinesischen Qigong-Sanatorien wurde. 

Fangsonggong stellt eine weitere der großen und wichtigen ursprünglichen Schulen des Qigong dar und kam in dieser Zeit ebenfalls in den diversen therapeutischen Qigong-Einrichtungen zum Einsatz. Beide Methoden erwiesen sich als so wirksam, dass sie zusammen mit dem Ehrennamen nanbei shuangyu 南北双玉 - nord-südliche doppelte Jade - bedacht wurden.

Im letzten Video habe ich das Fangsonggong nur sehr vereinfacht vorgestellt, ist die Methode bei aller Einfachheit doch sehr umfangreich mit einer Vielzahl von Übungen, simplen Bewegungen, Atem- und Entspannungsanweisungen, Methoden der Konzentration und Visualisation etc.  - Manche Teilnehmer Kerrys und meiner Kurse haben mit dem Songtong yangxinfa 松通养心法 - der Methode des Entspannens und Öffnens, und des Nährens des Herzens - schon eine der Übungen aus dem Fangsonggong besser kennengelernt.

Ich will hier nur ein paar Aspekte dieser Methode auflisten:

1. Fangsonggong gehört zu den Stille-Übungen des Qigong, stellt eine wichtige Vorbereitung für Übungen in Bewegung dar, und ist auch eine wichtige Ergänzung des bewegten Qigong. 

2. Beim Qigong-Üben muss man immer auch Konstitution, Gesundheitszustand und körperliche Verfassung des Einzelnen berücksichtigen, es ist nicht so, dass jeder auf die gleiche Art und Weise üben kann. Im allgemeinen gilt: weniger ist mehr. Natürlich braucht es ein gewisses Mindestmaß, aber zwanzig bis dreißig Minuten Qigong im Tag sind meist ausreichend, um einen positiven Übungseffekt erzielen zu können. Positiver Übungseffekt heißt: das Qi wird bewegt, die körpereigene Regulation gefördert und gesundheitsfördernde regenerative Prozesse werden in Gang gebracht.

Zwanzig bis dreißig Minuten Qigong sind ausreichend, einen längeren Zeitraum auf einmal zu üben, wird für manche zuviel sein. Um die Regulationsprozesse anzuregen, ist es wichtig das Qi ausreichend zu stimulieren,  doch übertreibt man, führt es dazu, dass sich das gesunde Qi erschöpft und man der positiven Wirkungen der Übung beraubt wird. Auf welche Art man am besten übt, hängt also vom individuellen Gesundheitszustand oder, besser gesagt, vom individuellen Qi-Muster ab. 

 Das gilt auch für das Verhältnis Bewegung und Ruhe. Wenn das Qi geschwächt ist, kann man nicht nur bewegtes Qigong üben, es braucht auch den Ausgleich durch die Stille. Dazu gehören der Schlaf, die Qigong-Meditation (die wiederum ein eigenes Kapitel darstellt), und dazu gehören eben auch die Fangsonggong-Übungen.

3. Die Fangsonggong-Übungen haben den Vorteil, dass sie auf viele verschiedene Arten geübt werden können, im Gehen, im Stehen, im aufrechten Sitzen, im Angelehnt-Sitzen und auch im Liegen. 

4. Typisch ist, dass man sich auf bestimmte Körperareale konzentriert (wie immer: sehr behutsam, mit nur leichter Konzentration) und mittels eines vorgestellten Lautes (song 松 - entspannen) dieses Areal öffnet und durchlässiger macht für die Bewegung des Qi. Die Areale können Bahnen sein, wie im Video, oder einzelne Bereiche, je nachdem, worauf die Übung abzielt.

5. Für jemanden, der regelmäßig Qigong übt, ist es wichtig, zumindest ein paar solche Übungen zu kennen. Einerseits sind dies Vorbereitungsübungen. Ganz einfach: je entspannter man ist, desto besser und freier kann sich das Qi bewegen. Welche Art von Qigong man auch übt, wenn man nicht locker ist, entspannt und offen, werden einem die positiven Wirkungen des Qigong nur eingeschränkt zuteil, und es können sich auch Nebenwirkungen in Form eines gewissen Unwohlseins einstellen. Darum ist es wichtig, eine gute Grundlage für das Qigong-Üben zu haben. Die Fangsonggong-Übungen vermitteln diese Grundlage.

6. Andererseits können diese Übungen zu Qigong-Zuständen sehr fortgeschrittenen Niveaus hinführen, gleich denen, die durch Meditation erreicht werden können. Darum sind dieserart Übungen auch für diejenigen sehr zu empfehlen, die sich schon lange Zeit mit Qigong beschäftigen. 

7. Qigong zielt auf die Selbstregulationsfähigkeit des Organismus ab, diese soll unterstützt und zu ihrem bestmöglichen Funktionieren gebracht werden. Mit anderen Worten: der Organismus besitzt eine Funktion der Selbstregulation und Selbstorganisation, die aller Gesundung, Regeneration und Heilung zugrunde liegt. Qigong-Übungen heilen und regenerieren nicht direkt, doch die sich durch Entspannung und Ruhe einstellende Bewegung des Qi verbessert die Selbstregulation und Selbstorganisation. Gesundung und Regeneration sind die Folge davon.

8. Es gibt verschiedene Ebenen des Song 松- des Gelöstseins, Entspanntseins, Offenseins, Durchgängigseins. 

Die erste Ebene ist die der entspannten Stille. Diese ist mit ein wenig regelmäßigem Üben für jeden erreichbar, und wird sicher als sehr angenehm erlebt, lernt man doch die durch Stress hervorgerufenen Spannungen zu vermindern und den Körper in einer lebendigen Weichheit kennenzulernen, die der Alltag sonst nicht zulässt. Dies genügt für viele, hat man damit doch ein gewisses Gegenmittel gegen den alltäglichen Stress, und kennt dann auch eine gute und einfache ruhige Ergänzung zum bewegten Qigong.

Doch kann man die Übung auch weiterentwickeln, zu einem Zustand der entspannten Offenheit und freien Zirkulation von Qi und Blut, wie zum Beispiel durch die oben erwähnte songtong yangxinfa-Übung.

Und es kann noch weiter gehen, zu einem Zustand der innerlich leeren Entspanntheit, gekennzeichnet durch die Absenz von Gedanken und eine Reihe von körperlichen und auch geistigen Erlebnissen, wie sie sich sonst erst in tiefer Meditation einstellen.

9. Und abschließend noch ein Satz, der all das oben Gesagte beinhaltet, umfasst und erweitert: Entspannung ist das Herz des Qigong, sie schafft den Raum für all den natürlichen Wandel und all die natürlichen Transformationen des Lebens, und vermittelt eine Ahnung von der Unermesslichkeit und Grenzenlosigkeit des universalen Qi-Feldes. 

Dies sind nur ein paar „hingestreute“ Bemerkungen, um anzudeuten, dass diese Art des Qigong-Übens zwar sehr simpel aussieht, doch tatsächlich sehr tiefgehend ist und wohl wert, auf die eine oder andere Art in die eigene Praxis integriert zu werden.

Ich werde noch ein oder zwei weitere Videos zum Thema machen, in der Hoffnung, die Thematik vertiefen und ein wenig mehr von den Möglichkeiten dieses einfachen, lockeren, ruhigen und entspannten Übens vermitteln zu können .

















Ren Xun 任询 (1133-1204): Grasschrift-Kalligraphie des Zeichens song 松

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...