Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Wednesday, March 17, 2021

Einfaches Taiji zur Förderung der Gesundheit - Zwei Stehübungen

Der zweite Teil des Taiji-Sets zur Rehabilitation und Förderung der Gesundheit besteht aus drei Übungen: zwei ruhigen Stehhaltungen und einer Übung des ruhigen Sitzens, als das komplementäre ruhige Yin zum bewegten Yang.

Mit den beiden Übungen im Stehen ist der entscheidende Abschnitt der Übungsfolge erreicht, und spätestens jetzt wird auch das rechte Verständnis der Übungen wichtig. Es wäre zu simplistisch, die gesamte Folge von Bewegungen und ruhigen Haltungen nur als ein aus didaktischen Gründen vereinfachtes Taiji zu verstehen, wenn man gar Vergleiche mit traditionellen Taiji-Formen anstellt, dann bewegen sich die Gedanken überhaupt in die falsche Richtung.

Die Einfachheit ist wichtig bei dieser Übungsfolge, doch das Wesentliche ist, dass sie in ihrer speziellen Zusammenstellung das Äquivalent einer medizinischen Kräuterverschreibung darstellt. Darum habe ich ganz zu Beginn erwähnt, dass diese Übungen schon vor 17 Jahren in der SARS-Epidemie (begleitet von einer medizinischen Studie) und natürlich auch diesmal in der SARS-Covid-Pandemie zur Prävention, zur unterstützenden Behandlung, vor allem bei Lungenentzündungen und Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, sowie zur Rehabilitation zum Einsatz kamen. 

Jedes Element der Übungsfolge ist wichtig, bewusst gewählt und hat eine spezielle Funktion im Ganzen. Und es ist mit dem Stehen, dass die medizinische Wirkung (die Qi-Wirkung der Kombination der Bewegungen und ruhigen Haltungen) ihren Höhepunkt erreicht. Das Stehen wirkt, um im Idiom chinesischer Kräuterverschreibungen zu sprechen, als einer der „Herrscher" der Übungsfolge (hat also die wichtigste Rolle im Ganzen), während andere Abschnitte, wie weitere Kräuter einer Verschreibung, als „Minister" unterstützend oder harmonisierend wirken. 

Hier ist ein kurzes Video, in dem ich die beiden Stehübungen zeige.


Bei der ersten Übung hält man die Hände auf Brusthöhe. Die Handflächen sind zum Akupunkturpunkt Qimen 期门 (Leber 14, unterhalb der Brustwarzen zwischen 6. und 7. Rippe) gerichtet. Man konzentriert sich aber nicht direkt auf den Punkt, sondern stellt nur zu Beginn des Stehens eine geistige Verbindung zwischen Händen und Punkt her. Nur zu Beginn, man denkt nicht dauernd daran.

Qimen ist der Sammlungspunkt (muxue 募穴) des Lebermeridians und überhaupt ein sehr spezieller Punkt für das Leber-Qi. Tagtäglich kreist das Qi, befördert durch den Atem, in einer speziellen Reihenfolge durch die Meridiane, wobei es in 24 Stunden 50 Zyklen beschreibt (25 Zyklen durch die Yang-Meridiane und 25 Zyklen durch die Yin-Meridiane). Dieser tägliche Kreislauf erreicht im Leber-Meridian mit Qimen seinen Endpunkt, bevor sich das Qi weiter zum Lungenmeridian bewegt und der Zyklus durch den Körper von neuem beginnt. 

Durch die Haltung wird also der Kreislauf des Qi durch den ganzen Körper gefördert. Die direkte Wirkung auf Qimen (das Qi der Hände kommuniziert ja mit dem Punkt) fördert auch den freien und ungehinderten Fluss des Lungen-Qi, und motiviert das Yang-Qi der Oberfläche, den schützenden Aspekt des Qi (weiqi 卫气) und damit den Qi-Aspekt des Immunsystems.

Weiters ermöglicht die spezielle Aktivierung dem Leber-Qi die freie Bewegung durch den Dreifachen Erwärmer (Sanjiao 三焦), wodurch Stagnationen und Blockaden des Qi in Lunge und generell Oberkörper aufgelöst werden können. (Im Falle einer Infektion befinden sich diese ja in diesem Bereich.) Auflösen heißt, dass das Leber-Qi die Blockaden durchbricht und eine therapeutisch wichtige Qi-Bewegung hinaus- und hinunter erzeugt. Das kann sich für eine Weile auch unangenehm anfühlen, Druck und Spannungen können erlebt werden oder auch eine übermäßige Hitze. Da man nicht so lange steht, nur ein paar Minuten, ist das nicht so schlimm. Sind einmal die Stagnationen aufgelöst, verschwinden etwaige unangenehme Körperempfindungen und das Stehen wird sehr angenehm.

Bei der zweiten Übung hebt man die Hände, dreht die Handflächen vor der Brust (Akupunkturpunkt Tanzhong 膻中 Konzeptionsgefäß 17) nach außen und oben, und hebt weiter, bis die Hände „den Himmel tragen".

Damit öffnet man die Kehle (als das Tor des Qi), die Brust, die Lungen, das Konzeptionsgefäß (renmai 任脉) und auch all die Sammlungspunkte (muxue) der Organe. Das "Tragen des Himmels" intensiviert die Verbindung mit dem Yang-Qi der Natur (besonders, wenn man draußen übt), und bewegt das Qi sehr stark auf und ab. Die intensivierte Verbindung mit Himmel und Erde ist gleichbedeutend mit der Unterstützung der eigenen Qi-Prozesse (des zhengqi 正气, der Orthopathie, des rechten, geradläufigen Funktionierens aller Qi-Prozesse) durch das Qi der Natur (ziran zhi qi 自然之气).

Bei beiden Haltungen wird als zusätzliche Hilfe für die gerade beschriebenen Prozesse auch die Atmung geübt. Man atmet durch die Nase, ruhig und natürlich, und versucht die Atmung möglichst langsam, ausgewogen und fein werden zu lassen.

Beide Haltungen werden ca. 2-5 Minuten lang geübt (man kann auch ein wenig länger stehen). Zum Abschluss jeweils die Hände zu den Körperseiten senken und die Füße zusammenstellen.

Das Kleine geht hin, das Große kommt her - Ein Übungsvideo

Der Friede: Das Kleine geht hin, das Große kommt her. Heil! Gelingen! Auf diese Weise vereinigen sich Himmel und Erde, und alle Wesen kommen...