Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Thursday, May 28, 2020

Qigong und Chinesische Medizin - grundlegende Prinzipien

Zur allgemeinen Information. Die Zeit vergeht, wir sind jetzt schon in der 11. Woche dieser unserer Initiative. Kerry und ich werden noch einen Monat weitermachen, also bis Ende Juni. Die Lage hat sich zur Zeit zwar ziemlich entspannt, doch das ändert nichts an der Wichtigkeit der Inhalte. Mit dem Covid-19-Virus müssen wir doch vermutlich noch lange Zeit leben. 

Ich möchte mich hier wieder einmal auf unseren Lehrer Prof. Lin Zhongpeng berufen. Ich zitiere ihn immer wieder, stellt er doch seit Jahrzehnten eine der wichtigsten theoretischen Stimmen des Qigong dar. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit erhielt Qigong 1979 von der chinesischen Staatsführung die Zulassung, öffentlich unterrichtet und praktiziert werden zu können, er leitete von 1982 bis 1999 das Qigong College for Advanced Studies in Beijing, die einzige unabhängige Ausbildungsinstitution  in China, und er war es, der zusammen mit Dr. Deng Tietao die chinesische Staatsführung umstimmte und erreichte, dass die Chinesische Medizin in der SARS-Epidemie zum Einsatz gebracht wurde und den entscheidenden Beitrag zur raschen Beendigung der Epidemie leisten konnte.

In den Vorträgen, die er im Rahmen unserer Qigong-Fortbildungswochen in Innsbruck hielt, hatte Prof. Lin immer wieder betont, wie wichtig es sei zu verstehen, dass die Chinesische Medizin und Qigong bei Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten mit einem ganz anderen Ansatz arbeiten als die westliche naturwissenschaftliche Medizin. Die gängige westliche Metapher ist der Kampf: der Krankheitserreger muss entweder bekämpft und getötet werden (Bakterien und Viren), oder es muss etwas aus dem Organismus herausgeschnitten werden. „Cut it or weed it“, sagt man auf Englisch. 

Nicht so in der Chinesischen Medizin und im Qigong. Krankheiten bzw. Krankheitserreger werden nicht bekämpft, es werden vielmehr Beziehungen innerhalb eines Systems in Ausgleich gebracht. Es geht um Anpassung und Ordnung. Chinesische Medizin und Qigong verstehen den Organismus als eine Ganzheit, als ein komplexes Netzwerk innerer Aktivitäten und Beziehungen (das ist das Qi). Eine Ganzheit, die in ein weiteres Umfeld, in eine weitere Ganzheit eingebettet ist (einerseits der Ort an dem man lebt, mit seinem Klima, seinem Wetter und all den anderen spezifischen Qualitäten eben dieses Ortes, andererseits auch die Gesellschaft, in der man lebt. Beide repräsentieren wiederum bestimmte Aspekte des Qi). Dieses Umfeld ist wiederum in das große Ganze der Erde (des Planeten) eingebettet. Und so weiter, bis man beim Dao als dem größten Zusammenhang angelangt ist. 

Wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, sind es natürlich die engeren Beziehungsfelder, auf die man sich konzentriert, also das Qi im Inneren des Organismus und das Qi des Umfelds. Diese Beziehungsfelder werden analysiert, um herauszufinden, wo das System von seinem geordneten Funktionieren, von seiner geordneten Aktivität abgewichen ist. Die äußerst komplexe Kunst der Diagnostik der Chinesischen Medizin kommt hier ins Spiel. Die korrekte Diagnose gibt vor, wie vorgegangen werden muss, um das System wieder in Gleichgewicht zu bringen (wie das bewegte Beziehungsgefüge des Qi zurechtgerückt werden kann). Stimmt die Diagnose, dann findet das Qi zu seinem Funktionieren zurück, Krankheiten bessern sich und verschwinden. Eine naturwissenschaftliche Analyse eines Krankheitserregers ist hierbei nicht nur nicht notwendig, sondern wäre gar nicht hilfreich, da sie ja auf einem anderen Referenzsystem beruht.

In seinen Vorträgen hatte Prof. Lin die große Stärke der Chinesischen Medizin thematisiert, nämlich  qualitativ beschreiben zu können, wie die individuelle Gesundheit beschaffen ist bzw. wie sich im Krankheitsfall das individuelle Funktionieren des Qi ändert (beides leistet die Chinesische-Medizin-Diagnose) und wie der Organismus durch das Ordnen der Qi-Aktivitäten die nötige Kraft entwickeln kann, von selbst mit einer Krankheit fertig zu werden, sie also entweder kontrollieren oder vollkommen loswerden zu können.

Damals, vor 17 Jahren, hatte er auch vorausgesagt, dass sich einmal eine Situation ergeben würde wie die, mit der wir es jetzt zu tun haben, dass nämlich ein Virus zirkulieren würde, bei dem die naturwissenschaftliche Medizin keine oder nur begrenzte Möglichkeiten der Therapie haben würde. In so einem Fall war und ist es der große Vorteil der Chinesischen Medizin, dass sie augenblicklich reagieren kann und nicht erst auf die Antwort der Forschung (Impfung, Entwicklung einer Therapie) warten muss.

Damit kein Missverständnis entsteht, ich bin in keinster Weise gegen die naturwissenschaftliche Medizin eingestellt und schreibe hier nicht gegen sie an. Ich mache nur ein paar grundsätzliche Aussagen zu Chinesischer Medizin und Qigong und versuche zu zeigen, dass deren Potential viel größer ist als gemeinhin angenommen und sie auch in der modernen Welt einen sinnvollen Platz einnehmen könnten. Dazu muss man aber Vorurteile beiseitelegen und sie aus ihren eigenen theoretischen Hintergründen zu verstehen suchen.

In den chinesischen Medien ist in den letzten Jahren immer wieder die Zahl 321 gefallen. Die Chinesen sind sehr geschichtsbewusst: 321 ist die Zahl der Epidemien, die sich in den letzten 2000 Jahren in China ereignet haben und aufgezeichnet wurden. Jede dieser Epidemien wurde mittels der Chinesischen Medizin beendet. Und nicht nur das, nach jeder großen Epidemie entstand ein medizinischer Klassiker, geschrieben von Ärzten wie Zhang Zhongjing 张仲景 (150-219): Shanghan Zabing Lun 伤寒杂病论 (Diskussion über die kälteinduzierten Krankheiten); Li Dongyuan 李东垣 (1180-1251) und Luo Tianyi 罗天益 (1220-1290); Wu Youke 吴又可 (1582-1652): Theorie der Wärmekrankheiten; Ye Tianshi 叶天士 (1667–1747): Diagnostik der Vier Schichten Wei 卫, Qi 气, Ying 营, Xue 血; Wu Jutong 吴鞠通 (1758-1836): Dreifache-Erwärmer-Diagnostik. Die genannten sind nur einige wenige Ärzte unter vielen.

Die Epidemien führten nicht nur dazu, dass sich der Kanon der Chinesischen Medizin Kompendium um Kompendium erweiterte, alle diese Ärzte entwickelten auch Kräuterrezepturen, die in den damaligen Epidemien zum Einsatz kamen, Rezepturen, die auch heute noch aufgegriffen und mit den notwendigen Adaptionen und Modifikationen verwendet werden. Dr. Deng Tietao meinte einmal: Die Chinesische Medizin ist eine Medizin der Gelehrten. Es geht darum, den Gedankenprozess zu verstehen, durch den eine Rezeptur erstellt wird. Versteht man diesen, dann kann man auch 1800 Jahre alte Rezepturen in einem zeitgenössischen Kontext erfolgreich zur Anwendung bringen. So ist es auch dieses Jahr geschehen. Manche unter den in den letzten Monaten in China verwendeten Rezepturen gehen auf Zhang Zhongjing zurück, andere stammen von Wu Youke und Wu Jutong. Und diese Rezepturen waren in der Behandlung des Covid-19-Virus äußerst erfolgreich, der Staatsrat der Volksrepublik spricht in seinen öffentlichen Verlautbarungen von einer über 90%en Wirksamkeit der Behandlungen. Diese Wirksamkeit hat nun auch dazu geführt, dass für die Chinesische Medizin, die in China zwar im Verfassungsrang steht, von offizieller Seite aber nicht respektiert (weil nicht „wissenschaftlich“) und meist behindert wird, vor ein paar Wochen eine neue, ihren eigenen Kriterien gemäße Administrationsstruktur geschaffen wurde. Manche gehen sogar so weit zu sagen, dass der phänomenale Erfolg der Chinesischen Medizin in der Covid-19-Pandemie zu ihrer Wiedergeburt in China geführt habe.

Zurück zu Prof. Lin und seinen Aussagen zu Chinesischer Medizin und Qigong. Man muss sich bewusst machen, was man tut, wenn man Qigong übt oder zum Arzt für Chinesische Medizin geht. Es geht nicht um die Bekämpfung einer Krankheit, sondern um die Ordnung des Qi, um die Regulierung des Systems und seiner Aktivitäten, um das Gleichgewicht von Yin und Yang (auch wenn dieser Ausdruck etwas unglücklich ist, geht in ihm doch verloren, dass es um die Yin- und Yang-Qualitäten der Qi und seiner Aktivitäten geht und nicht darum, dass man so und so viele Teile Yin und Yang auf die Waage legt und austariert).

Ordnung bzw. Regulierung heißt, dem Qi zu seiner natürlichen Qualität, seinem natürlichen Fluss und seinem natürlichen Rhythmus zu verhelfen. Der natürliche Fluss bedeutet einen Prozess geordneter Aktivität, der auch bei sich wandelnden Qualitäten des Umfelds stabil zu bleiben vermag. Die Qualitäten des Raums (wo man sich befindet, an welchem Ort, unter welchen Umständen) und der Zeit (Tag, Monat, Jahr, himmlischer Stamm - tiangan 天干, irdischer Ast -dizhi 地支, Jahreszeit, Wetter etc.) wandeln sich; Regulierung heißt, dass der Organismus inmitten dieses allgemeinen Wandels stabil bleibt, indem sich sein Qi an die äußeren Bedingungen anpasst. 

Eine Behandlung mittels Chinesischer Medizin hilft dabei, sozusagen von außen. Qigong hilft ebenfalls, die Methode basiert ja auf denselben Zusammenhängen, doch die Wirkung entsteht von innen. Da man es selbst ist, der übt, kommt noch ein wesentlicher Aspekt von Yin und Yang dazu: der von Körper und Geist, sichtbarer Materie und unsichtbarem Qi. Das Verhältnis und die wechselseitige Regulierung von Geist und Körper ist von entscheidender Bedeutung im Qigong. Der Körper ist Yin (greifbar, Substanz), der Geist ist Yang (ungreifbar, Funktion). Beide sind Qi und stellen die einander gegenüberliegenden Pole eines Kontinuums dar. Darum heißt es: Yin cheng xing, yang hua qi. 阴成形, 阳化气. Yin wird zu Form, Yang transformiert zu Qi.

Die Regulierung im Qigong muss demgemäß beide Ebenen einbeziehen, die körperliche wie auch die geistige. Darum sind auch Kerrys Texte über die Drei Prinzipien des Übens so wesentlich. Auf der körperlichen Ebene erfolgt die Regulierung durch Entspannung, Lockerung und Bewegungen, auf der geistigen durch Ruhe, Stille und Meditation. Und es gibt auch eine Ebene dazwischen, über die Körper und Geist kommunizieren (unter anderem Inhalt der Übungen der Heilenden Laute): die innere Bewegung des Atems und des Qi. 

Was die drei Prinzipien betrifft, gibt es eine klare Hierarchie: das körperliche Tun und die Bewegung des Atems/Qi sind der geistigen Regulierung untergeordnet, sie dienen dem Erreichen der inneren Stille und Leere. 

Sie sind deshalb untergeordnet, weil das geordnete Funktionieren des Qi nicht gemacht werden kann. Es ist ein natürlicher Prozess, dem man die Hindernisse aus dem Weg räumt, der dann aber zugelassen werden muss. Der Prozess geschieht ziran 自然 - von selbst oder aus-sich-selbst. Die Instanz, auf der das natürliche Funktionieren des Organismus beruht, ist nicht der bewusste Geist, sondern der Zustand des inhaltslosen Gewahrseins, der tiefsten Stille und Leere. Im Qigong wird dieser Yuanshen 元神 genannt - ursprünglicher Geist.

Um es anders zu formulieren: Die Bewegungsabläufe im Qigong, die Atemübungen und die Meditationstechniken zielen darauf ab, tief in die Stille und Leere einzutauchen. Zhi xu ji, shou jing du 至虚极, 守静笃, heißt es bei Laozi: „Den Gipfel der Leere erreichen, die tiefste Stille bewahren.“ Hat man sich diese Stille und Leere erübt, dann erlangt das Qi die Kraft, sich von selbst zu ordnen. Die natürliche Ordnung und das natürliche Funktionieren des Qi sind am Ende nicht das Ergebnis eines Tuns (das Tun braucht man vorher, beim Üben und Atmen, und zwar jahrelanges Tun), sondern des Nicht-Tuns (also dessen, was sich ohne Zutun spontan ereignet). Wuwei er wu bu wei 无为而无不为 - „Nicht-Tun und nichts bleibt ungetan.“ Dies ist die höchste Ebene des Qigong, die sowohl einer stabilen Gesundheit entspricht als auch, im traditionellen chinesischen Verständnis, dem Zuhause-Sein im großen Sinnzusammenhang des Alls.

Doch wir brauchen nicht ehrfurchtsvoll zu diesen lichten Höhen hochzublicken. Auch wenn man sich nicht ganz so tief in die Stille und Leere findet, erweist sich Qigong im Alltag, im täglichen praktischen Üben für jeden, der die Methode ernst nimmt, als sehr hilfreich. Qigong wirkt von Anfang an, auch wenn man vielleicht nicht alle seiner Möglichkeiten realisiert. Fühlt man sich beim Üben wohl, wird man Übungen auch regelmäßig praktizieren und allmählich die Fähigkeit zu mehr Lockerheit, mehr Entspannung und mehr Ruhe entwickeln können. Damit beginnt sich die Gesundheit ganz von selbst zu verbessern. Aber nicht deswegen, weil man ein Problem oder eine Krankheit gezielt behandelt und beseitigt hat, sondern weil man die Fähigkeit des Organismus (des Qi) unterstützt und gestärkt hat, zum natürlichen ausgeglichenen Funktionieren zurückzufinden und in diesem dann auch zu verweilen (man könnte hier auch sagen: sich selbst zu heilen. Der Ausdruck "Selbstheilung" ist jedoch mit zu unklaren Vorstellungen befrachtet, darum habe ich hier anders formuliert). 

Aus oben Gesagtem geht auch hervor, was ich ganz zu Beginn einmal gemeint habe: jede Qigong-Übung hilft. Wir haben uns in diesen Wochen den Heilenden Lauten gewidmet, und all die anderen Inhalte um diese Übungen gruppiert. Aber natürlich kann man auch andere Übungen üben, wir kennen ja genug. Jede Übung ist sinnvoll, die einen in die Stille führt und das Qi dazu bringt, sich mehr und mehr von selbst zu bewegen und zu ordnen. Ich für mich persönlich übe die Heilenden Laute täglich, praktiziere aber auch regelmäßig das Qigong-Gehen, die Fanhuangong-Übungen sowie diverse Massagen. Die Qigong-Meditation ist in diesen Wochen zu kurz gekommen, durch die Arbeit am Blog bin ich einfach zu müde. 

Um nochmals an den Anfang zurückzukommen. Kerry und ich werden mit dem Blog noch einen Monat weitermachen. Es gibt noch weitere Inhalte, die wir auf diesem Wege weitergeben möchten. Nicht nur um in diesen Covid-Zeiten bei besserer Gesundheit zu sein, um sich nicht anzustecken, oder, wenn es wirklich passieren würde, einen besseren Verlauf der Krankheit zu haben. In den Spitälern in China, in denen die westliche Medizin gemeinsam mit der Chinesischen Medizin zum Einsatz kam, ist es fast nie passiert, dass sich die Krankheitsverläufe von Patienten verschlechtert hätten. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen 2003 während der SARS-Epidemie.

Also nicht nur darum. Sondern auch deshalb, weil die Covid-19-Pandemie eigentlich eine Kleinigkeit ist gegenüber den großen Veränderungen auf unserer Erde, die sich vor allem durch den sich immer mehr beschleunigenden Klimawandel abspielen. Um die Gesundheit des Menschen inmitten dieses Wandels aufrechterhalten zu können, werden die Chinesische Medizin und Qigong in Zukunft noch viel mehr und dringender gebraucht werden als jetzt während der Covid-19-Pandemie. 

Wenn man mehr vom theoretischen Hintergrund der Chinesischen Medizin und des Qigong versteht, dann wird man vielleicht auch allmählich fähig, die Beziehungen wahrzunehmen (und sie auch denken zu können), die den Menschen mit der Natur und die Menschheit mit dem ganzen Planeten verbinden. Diese veränderte Wahrnehmung und dieses veränderte Denken wären dann nicht allein das Ergebnis eines intellektuellen Prozesses, sondern resultierten vor allem aus dem Erleben des lebendigen Körpers. Aus einem Wahrnehmen der Welt durch die Lebendigkeit des Körpers (des Qi), wodurch sich auch der Blick auf die Wirklichkeit verändert. 

Um eine Zukunft zu haben, brauchen wir beides: eine andere Art, den Körper zu erleben und mit ihm in der Welt zu sein, und eine daraus resultierende, das allgemeine Handeln anleitende Erkenntnis der Beziehungen und Gemeinsamkeiten, durch die der Menschen, auch wenn er es nicht wahrhaben will, mit der Natur und dem ganzen Planeten verbunden ist.

Ich glaube, jeder, der sich etwas tiefergehender mit Qigong und Chinesischer Medizin beschäftigt, leistet auf seine Art einen Beitrag zu einer solchen Zukunft, in der sich die Beziehung von Mensch und Natur nicht destruktiv, sondern konstruktiv und sinnvoll gestaltet.

Wednesday, May 27, 2020

Zhu Heting 朱鶴亭 - Atemübungen

Heute einmal etwas ganz anderes, etwas, das ich schon seit längerem posten wollte: Ein kurzes Video auf Chinesisch, in dem der 93jährige daoistische Arzt Zhu Heting 朱鶴亭 seine Übungsmethode zur Covid 19-Vorbeugung zeigt.

Das Video ist nur auf Chinesisch, darum gebe ich hier eine kurze Zusammenfassung:

Zu Beginn spricht Zhu Heting von der vom Neuen Coronavirus hervorgerufenen Lungenentzündung und wie wichtig es sei, sich zur Vorbeugung mit der Atmung zu beschäftigen. Die chinesische Medizin als ein System traditionellen Wissens, das über unzählige Generationen überliefert und weitergegeben wurde, verfolgt bei einer epidemischen Erkrankung wie der Neuen Coronavirus-Pandemie die Strategie, das Qi des Organismus zu stärken und damit dem Virus das Eindringen zu erschweren, indem die Funktion der Lungen verbessert und die Atmung gekräftigt wird.

In seinen Übungen, die er dreimal täglich ausführt, konzentriert sich Zhu Heting demgemäß auf die Lungen.

Die Akupunkturpunkte, die in seiner Übungspraxis wichtig sind, sind: Tanzhong 膻中 (Brustmitte) und Zhongfu (der erste Punkt des Lungenmeridians, seitlich oben an der Brust unterhalb des Schlüsselbeins) sowie das Dantian mit den drei Punkten Shenque 神阙 (Nabel), Guanyuan 关元 (drei Zoll unter dem Nabel), Zhongji 中极 (ein Zoll über dem Schambein). Im Video zeigt er auf die Punkte. Ein Zoll entspricht der eigenen Daumenbreite, drei Zoll der Breite der vier aneinandergelegten Finger (Zeige-, Mittel-, Ringfinger und kleiner Finger)

Konkret übt Zhu Heting folgendermassen: In der Früh stellt er sich hin, mit dem Gesicht nach Osten, und macht folgende Bewegungen:

Er hebt die Arme, führt sie zur Seite, während er einatmet, dann legt er die Hände auf die Brustmitte und massiert.

Als zweites werden die Hände nach vorne bewegt, zur Seite, nach oben, nach unten usw. (man sieht ja ohnehin, was er tut, darum brauche ich hier ja nicht alle Bewegungen zu schildern). Die Bewegung ist immer mit der Atmung koordiniert: Wenn er hu-shi sagt (man sieht die Zeichen 呼吸 eingeblendet), heißt es einatmen, wenn er tu-qi 吐气 sagt, ausatmen.

Als drittes kommt ein ähnlicher Ablauf, mit mehr Kraft ausgeführt, bei dem auf die Brustmitte und auf das Dantian geschlagen wird, dann kommen wieder Bewegungen in alle Richtungen. Wieder: Wenn er hu-shi 呼吸 oder hsi 吸 sagt, heißt es einatmen, wenn er tu-qi 吐气 sagt, ausatmen.

Und schließlich sind dann noch ein paar weitere ruhig ausgeführte Bewegungen.

Wie gesagt, ich wollte dies schon des längeren posten. Ich glaube, dass doch viele von uns interessiert sind, einem alten Arzt beim Üben zuzuschauen, und eigentlich ist der Videoclip gut genug gemacht, dass man die Übungen auch selbst ausprobieren könnte.



Tuesday, May 26, 2020

Qigong-Selbstmassage: Daling 大陵 und Shenmen 神门

Dies ist eine weitere der Massagen, die uns die daoistische Meisterin Jia Laoshi vor Jahren als Teil ihres Übungsprogramms gezeigt hat. Auch in chinesischen Spitälern wird diese Massage unterrichtet.

Daling 大陵 heißt "Großer Hügel", es ist der 7. Punkt des Kreislaufmeridians, in der Mitte der Handgelenksquerfalte gelegen. 

Seine Qi-Wirkungen sind: Vor allem wird Hitze gesenkt. Der Punkt wird beschrieben als das Herz-Qi kühlend, das Magen-Qi harmonisierend, Wind zerstreuend, Hitze ausleitend. Weil es sich um einen Punkt des Kreislaufmeridians handelt, hat er eine wichtige Schutzfunktion für Brust und Herz. Der Punkt ist ein wichtiger Punkt gegen Stress, deshalb ist es für jeden gut, ihn regelmäßig zu massieren.

Shenmen 神门 bedeutet "Tor des Shen", "Tor des Geistes". Der Punkt liegt in der Handgelenksfalte an der Kleinfingerseite, in einer Vertiefung neben dem Erbsenbein (os pisiforme).

Seine Qi-Wirkungen sind: das Herz-Qi stützend, Hitze kühlend, das Yang senkend, die Qi-Bahnen öffnend, beruhigend, und wieder, sehr wichtig: er hilft gegen Stress.

Die Massage ist einfach (siehe Videoclip): Die Handwurzeln gegeneinander schlagen. 36 x

Diese Massage wird auch zusammen mit der Massage der Baxie-Punkte unterrichtet, als Hilfe bei Herzproblemen, bei Beklemmungsgefühlen in der Brust, bei Taubheitsgefühlen und zur Unterstützung des Kreislaufs in den Händen, aber auch zur Stimmungsaufhellung und Beruhigung. Beide Punkte helfen gegen Stress.



Ich habe sogar einen kurzen Clip von damals gefunden, als Jia Laoshi uns in dieser Massage unterrichtet hat.


Zum Mitüben: Regulierung des Atems & Heilende Laute

Eine halbe Stunde Qigong:

Übungen zur Regulierung von Atem und Qi, gefolgt von den Heilenden Lauten.


Sunday, May 24, 2020

Stille Berge - Die fotografischen Tuschebilder von Lang Jingshan 郎静山

Heute ein Beitrag mit den wunderbaren Bildern des Fotografen Lang Jingshan (1892-1995, manchmal auch Long Chin-san geschrieben), der einen prägenden Einfluss auf die chinesische Kunstfotografie hatte.

Lang Jingshan war einer der ersten Fotojournalisten Chinas, begann sich nach Gründung der „China Photography Association“ mit Kunstfotografie zu beschäftigen, und war der erste, der in China ein Album mit Aktfotografien veröffentlichte.

Berühmt wurde er durch die von ihm entwickelte Technik der „Zusammengesetzten Fotografie“ (Jijin Sheying 集锦 摄影), durch die er ein Werk von Landschaften, Stillleben und Porträts im Stil traditioneller chinesischer Tuschemalerei schaffen konnte

Nach der Gründung der Volksrepublik ging Lang mit der nationalchinesischen Regierung nach Taiwan. Er war über Jahrzehnte Direktor der China Photography Association Taiwan und lehrte seinen Fotografie-Stil bis zu seinem Tod 1995.

Er war Mitglied der Royal Photographic Society und wurde 1980 von der Photographic Society of America als einer der zehn weltweit wichtigsten Fotografen bezeichnet.

Die „stillen Berge“ oben sind die Übersetzung seines Namen Jingshan 静山. Jing 静 bedeutet still,  Shan 山 bedeutet Berg.

Hier ist der Link zum Eintrag über ihn auf der Website "Photography of China": Lang Jingshan

Saturday, May 23, 2020

Ein Plädoyer für das Rasten

Ich möchte noch einmal auf das Thema Rasten zurückkommen, hat es doch direkt mit dem fundamentalen Inhalt all der Postings dieser Wochen zu tun, nämlich mit der Regulation des Qi. 

Auf der Regulation des Qi basiert das Gleichgewicht von Yin und Yang, welches wiederum die Basis der funktionierenden Gesundheit darstellt. Eines ist dabei wichtig zu verstehen, darum das Plädoyer für das Rasten: Das regulative Tun darf das Qi selbst nicht erschöpfen. 

Wenn man nicht genügend rastet, sich also nicht die Atempausen gönnt, immer im Tun ist, zu wenig isst und zu wenig schläft, dann kann man das Qi nicht einfach dadurch regulieren, dass man noch zusätzlich Übungen macht. Ich meine das nicht als apodiktische Regel, natürlich macht es oft sehr wohl Sinn, zu viel Sitzen (vor allem Arbeit im Sitzen) durch Bewegung auszugleichen, oder zu viel geistige Arbeit durch ein Tun, bei dem man auf den Körper oder körperliche Abläufe konzentriert ist. Doch ist es auch sehr wichtig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann Ruhe und Rast nötig und wichtiger sind als jedes Tun, wann Nichtstun angebracht ist oder schlichtweg Schlaf, mehr und ausreichender Schlaf.

Das Qi regeneriert sich in der Stille. Dies gilt nicht nur für Übungen, sondern auch und vor allem für den Schlaf. Die Yang-Funktionen des Körpers werden erschöpft, wenn man sich keinen Schlaf gönnt, da sich das Yang ja aus dem Yin regeneriert und nur aus dem Yin regenerieren kann. 

Immer nur im Tun und wach zu sein, das Bedürfnis nach Ruhe zu mißachten oder nach Beendigung des einen Tuns statt auszurasten einfach nur die Art der Aktivität zu ändern, das verletzt das Yin und entwurzelt das Yang. Das Yang kommt in einen Zustand des Exzesses, es wird schwerer und schwerer, seine Aktivität einzuhegen, während das Yin mehr und mehr verletzt und vermindert wird. Das lodernde Feuer des Yang verbrennt sozusagen das Yin. Man kann es auch so ausdrücken: Für den Organismus nutzlose Aktivität macht sich nicht nur selbständig, sondern untergräbt auch und schädigt die eigene gesunde Konstitution. Man verliert dadurch nicht nur die Fähigkeit, ruhig zu sein und Ruhe zuzulassen, sondern überschreitet andauernd die körperlichen und psychischen Grenzen. Beide, Körper und Psyche sind Aspekte des Qi, das dann, überfordert und erschöpft, nicht mehr geordnet funktionieren kann.

Bei einem solchen Zustand der Erschöpfung kann Qigong natürlich sehr hilfreich sein, doch vor allem Üben braucht es zuerst die Ruhe. Und zwar die Ruhe im Sinne des Rastens und Atemholens. Dies nicht zu beachten, heißt im Qigong: einen leeren Topf auf das Feuer stellen, mit einem leeren Topf kochen. Es kommt nicht nur nichts dabei heraus, möglicherweise geht sogar der Topf kaputt. 

Im Großen Lernen des Konfuzius heißt es: „Wenn man zur Ruhe kommt, so gibt es Festigkeit; hat man Festigkeit, gibt es Stille; hat man Stille, gibt es Frieden; hat man Frieden, kann man bedenken; kann man bedenken, so kann man erlangen.“ Diese Passage hat ursprünglich mit der Selbst-Kultivierung des Edlen zu tun, sie wurde aber auch immer wieder als Anleitung zur Lebenspflege gedeutet. 

Und in dieser Deutung bedeutet es: Zuerst ausruhen, bis man ausgerastet ist. Erst dann kann man die Fähigkeit zur Ruhe erwerben, zum Eintreten in den Ruhezustand des Qigong und zur Meditation. Die Ruhe kann dann weiter und weiter vertieft werden, bis sie ganz fest und stabil geworden ist. Dann ist auch der Zustand des Friedens möglich, ein Zustand solch tiefer innerer Stille und Klarheit, dass er durch äußere Einflüsse nicht mehr verlorengeht.

Diese tiefe Stille stellt die am tiefsten gehende Regulation des Qi dar. Der Begriff des Wuwei 无为, des Nicht-Tuns, das nichts ungetan lässt, meint diese Ebene. Für uns in unseren Lebensumständen und auch in unseren Gewohnheiten ist dies vielleicht nicht oder nur sehr schwer erreichbar. Doch muss man ja nicht mit dem Ideal des Nicht-Tuns beginnen, dieses stellt doch letztlich die Kulmination eines sehr langen Prozesses des Einswerdens mit den schöpferischen Mächten von Himmel und Erde und des Einklangs mit dem Dao dar. 

Man kann es ja auch anders angehen, auf eine Art, die jedem sehr wohl möglich ist:  Einfach zu lernen nichts zu tun. Nichts Zielgerichtetes zu tun. Zu spielen. Zu rasten. Zu schlafen. Sich lange Atempausen zu gönnen. Und dann, erst nachdem man gerastet und dem Qi seine Regeneration ermöglicht hat, dann kann man durch Qigong-Übungen allmählich tiefer gehen, tiefere Zustände der Entspannung und Ruhe und Stille entwickeln, und dem Organismus helfen, zu seiner eigenen schöpferischen Ordnung (die unter anderem auch die eigene Gesundheit ist) zu finden, die gleichzeitig Spiegel ist und Ausdruck eines Universum, das selbst dadurch charakterisiert ist, dass es beständig schöpferisch ist. Auf Chinesisch: shengsheng buxi 生生不息 - Leben erzeugend ohne Unterlass.

Friday, May 22, 2020

Selbstmassage - Massage der „Tigermäuler"

Hier eine weitere aus der Reihe der Baxie-Qigong-Massagen:

Die Massage der Hukou 虎口 Tigermäuler. Die Hände werden mit der Daumen- und Zeigefingerseite gegeneinander geschlagen. 36x oder öfter.

Damit werden einerseits wieder die zwischen Daumen und Zeigenfinger liegenden Baxie-Punkte stimuliert, und zusätzlich der gleich danebenliegende Hegu 合谷 - Punkt („Vereinte Täler“ - der vierte Punkt des Dickdarm-Meridians). 

Der Hegu-Punkt ist  sowohl in der Akupunktur als auch im Qigong einer der wichtigsten Akupunkturpunkte. Prof. Cong unterrichtete in seinen Seminaren sehr oft die Massage des Hegu, einfach durch kreisförmige Massage des Punktes mit dem Daumen, 24x in die eine Richtung, 24x in die andere, und zitierte dabei gern den aus der Ming-Dynastie stammenden „Gesang der Vier Haupt-Akupunkturpunkte,“ in dem es heißt: 

Yan mian hegu shou 颜面合谷收 - (Krankheiten im) Gesicht behandelt man durch Hegu. 

Krankheiten im Gesicht bedeutet Probleme der Augen, der Nase, des Munds, Zahnweh, Kopfweh und einiges mehr. 

Die Qi-Funktionen des Hegu-Punkt sind vielfältig: er zerstreut Wind, öffnet die Oberfläche, öffnet die Qi-Bahnen, stärkt und verteilt das Lungen-Qi und stabilisiert das Abwehr-Qi.

Ich will hier wieder nicht zu sehr auf Details eingehen. Wichtig ist weniger die Theorie, als das generelle Verständnis, dass es nie schaden kann, diesen Punkt regelmäßig zu stimulieren.

Durch das Gegeneinanderschlagen der „Tigermäuler“, oder auch durch kreisförmiges Massieren mit dem Daumen, wie oben erwähnt.


Zur Lokalisierung des Hegu: Am einfachsten ist, Daumen und Zeigefinger aneinanderzulegen. Am höchsten Punkt des dadurch entstehenden Muskelbauchs ist der Punkt. Die anatomische Beschreibung wäre: in der Mitte des zweiten Mittelhandknochens (radiale Seite) in einer Vertiefung. Oder man schaut auf das Foto unten. Bei dieser Art der Massage muss man nicht so genau sein, die Daumenoberfläche ist ja groß. Wenn man sich nach dem Foto richtet, erwischt man den Punkt ziemlich sicher.


Thursday, May 21, 2020

Heilende Laute - ein längeres Video zum Mitüben

Hier ist nun ein längeres Video, zum Mitüben gedacht, mit allen sechs Übungen der Heilenden Laute. 

Traditionellerweise praktiziert man diese so, dass jeder Laut 6x wiederholt wird. So habe ich es über den Daumen gepeilt im Video gemacht. Allerdings habe ich nicht mitgezählt, vielleicht sind es manchmal auch 5x oder 7x, in dem Fall bitte ich um Nachsicht. :) Gemeint sind jedenfalls 6 Wiederholungen pro Laut.



Tuesday, May 19, 2020

Chrysanthemenblüten und Goji-Beeren

Ein Tee zur Beruhigung der Leber, zum Nähren des Nieren-Yin und zur Klärung der Augen

Dies ist ein einfacher, traditioneller, medizinischer Tee aus China, zubereitet aus getrockneten Chrysanthemenblüten und Goji-Beeren. Er kann täglich während der heißen Sommermonate als warmes Getränk getrunken werden, um den Körper zu beleben und zu nähren.

Zutaten:

5g   Chrysanthemi Flos (Ju Hua 菊花)
2g   Lycii Fructus (Gou Qi Zi 枸杞子)
1/2  Liter Wasser

Zubereitung:

Chrysanthemenblüten und Goji-Beeren in eine Teekanne geben, die 1/2 Liter Flüssigkeit fasst. Das Wasser zum Kochen bringen, über die Kräuter gießen und 10 - 15 Minuten ziehen lassen.

Die Kräuter lässt man in der Kanne, während man den Tee trinkt. Man kann den Tee dann noch ein oder zwei weitere Male (oder sogar öfter) aufgießen, immer mit kochendem Wasser. Man belässt die Kräuter auch weiterhin in der Teekanne.

Man kann den Tee auch zuckern, mit etwas weißem Zucker. Dies macht man, um die medizinischen Eigenschaften des Tees anzupassen, damit in der heißen Jahreszeit durch Schwitzen verlorengegangene Körperflüssigkeit wieder aufgefüllt wird, oder dann, wenn man sich durstig und dehydriert fühlt. In diesem Fall ist es wichtig, dass man den weißen Zucker nicht durch einen anderen Süßstoff ersetzt.

Eigenschaften und Wirkung:

Das Qi von Chrysanthemenblüten hat folgende medizinische Eigenschaften: es ist sowohl süß als auch bitter im Geschmack, weist eine kühle bis leicht kalte Temperatur auf und gelangt in die Bahnen des Lungen- und Leber-Qi. Da es sich um ein bitteres, leichtes und aromatisches Kraut handelt, kann es nach oben schweben oder aufsteigen, um Hitze oder übermäßiges Yang-Qi im Oberkörper und im Kopf zu beseitigen. 

Da es sich auch um ein süßes Kraut handelt, das über die Qi-Bahnen der Leber und der Lunge in den Körper gelangt, kann es durch diese Bahnen auf- und absteigen - es tonisiert und kühlt das Leber-Qi gleichermaßen (welches empfindlich auf die hohe Sommerhitze reagiert) und leitet die Hitze aus, die sich nachteilig auf das Qi sowohl der Lunge als auch der Leber auswirkt. Durch die Assoziation des Leber-Qi mit den Augen ist es besonders effektiv bei der Beseitigung von Hitze und Reizungen der Augen.

Das Qi der Goji-Beeren ist süß im Geschmack, von neutraler Temperatur und gelangt in die Qi-Bahnen von Lunge, Leber und Niere. Wie ich bereits in einem früheren Posting erwähnt habe, handelt es sich um ein spezielles Heilkraut. Es wird als Tonikum für das Jing- oder Essenz-Qi bezeichnet, da es den Yin-Aspekt der Nieren und Lungen sowie den Blutaspekt der Leber anreichert. Gou Qi Zi ist ein Kraut, das, da es das Essenz-Qi so stark nährt, das Qi der Augen besonders nährt und klärt.

Wenn Chrysanthemenblüten und Goji-Beeren regelmäßig als Tee getrunken werden, dann unterstützen und nähren sie gemeinsam die Qi-, Blut- und Yin-Aspekte des Körpers, helfen der Lunge, die Sommerhitze zu zerstreuen, sie nähren und klären die Augen und lindern durch Hitze verursachte Irritationen, welche das Yang-Qi zum Steigen bringen und die Sinnesorgane stören. 

Bei uns bekommt man Goji-Beeren und Chrysanthemenblüten in Apotheken, die chinesische Heilkräuter verkaufen. Diese sind von höchster Qualität und reguliert, um sicherzustellen, dass sie sauber und ohne Verunreinigungen oder Toxine sind. Die Kräuter in chinesischen Läden werden nicht auf Pestizide getestet, und man kann von ihnen nur abraten! Gleiches gilt für den Kauf von abgepacktem Chrysanthementee online oder in anderen Geschäften.

Monday, May 18, 2020

Tiaoxin 调心 - Regulation des Herzens (des Geistes)

Der Weg des Großen Lernens besteht darin, die klare Tugend zu klären, die Menschen zu lieben und im höchsten Guten zur Ruhe zu kommen.

Wenn man zur Ruhe kommt, so gibt es Festigkeit; hat man Festigkeit, gibt es Stille; hat man Stille, gibt es Frieden; hat man Frieden, kann man bedenken; kann man bedenken, so kann man erlangen.

Die Dinge haben ihre Wurzeln und Zweige, die Angelegenheiten haben Ende und Anfang. Erkennt man, was früher kommt und was später, so nähert man sich dem WEG… (Aus Konfuzius - Das Große Lernen) 

Das zweite der drei Grundprinzipien für den Eintritt in den sogenannten „Qigong-Zustand“ beschreibt eine sich im ganzen Menschen entfaltende tiefe Entspannung, eine Entspannung also nicht nur des Körpers (der Yin 阴 ist), sichtbare und substanzielle Form der Existenz, sondern auch von Geist und Seele (vom Qi her gesehen Yang 阳), die die nicht sichtbare, nicht substanzielle Aktivität und Inspiration der menschlichen Existenz umfassen.

Regulation des Herzens (des Geistes)

Wenn man den Körper reguliert, beginnt man bereits, auch das Herz-Qi zu regulieren. Die Entspannung auf der tiefsten physischen Ebene bezieht sowohl den Atemmechanismus als auch den Herzrhythmus ein und führt zu einem gleichmäßigeren Fluss von Atem und Blut, ideal für die Bedürfnisse des Körpers. Ist man lockerer und entspannter während des Qigong-Übens, dann werden sowohl Puls als auch Blutdruck besser und je nach Notwendigkeit reguliert. Ist der Puls normalerweise zu schnell ist, wird er sich verlangsamen. Ist der Blutdruck normalerweise zu hoch oder zu niedrig ist, wird er sich auf einen gesünderen Wert einstellen. Dies stellt den spürbaren Effekt der Regulierung des Yang-Qi des Herzens dar: Kreislauf, Pulsfrequenz und Blutdruck beginnen sich an den entspannteren körperlichen Zustand anzupassen.

Dies ist der physische Aspekt der Regulierung des Herz-Qi. Die Regulierung des Geistes, also der nicht-physischen Aspekte des Herz-Qi, seiner Denk- und Gefühlsaspekte, bedeutet, dass man in einen zutiefst ruhigen Zustand eintritt, in eine weite und stabile innere Stille, die von keinerlei äußeren Sinnesimpulsen (visuelle Eindrücke, Geräusche, Gerüche, auch Wetter oder Raumtemperaturen) beeinflusst wird. Die innere Aktivität mentaler Bilder, von Gefühlen oder emotionalen Reaktionen und der ständige, chaotische Strom der Gedanken verlangsamen sich, während sich Klarheit und Leichtigkeit in Geist und Herz einstellen.

Vor allem anderen entsteht durch die geistige Ruhe ein Gefühl der Weite des Raums und die Erfahrung von Zeitlosigkeit. Gedrängt auf einem unbequemen Platz in einem vollen Zug sitzend, kann man das Gefühl haben, sich allein auf einer stillen Berggwiese zu befinden, eine Reise von Stunden kann sich wie Minuten anfühlen, Geräusche von Maschinen und Gespräche von Leuten können in die Ferne rücken oder kommen und gehen, ohne einen Eindruck zu hinterlassen, ohne dass man aus diesem vertieften und verfeinerten Zustand herausfällt. Dies ist die Essenz des sogenannten „Qigong-Zustands“, und selbst der kürzeste Moment des Eintritts in diesen heißt die Fähigkeit zu üben und kultivieren, das Leben zu nähren.

Im eröffnenden Satz des Konfuzius zugeschriebenen „Großen Lernens“ gibt es drei Begriffe: Ding 定, Jing 静, An 安“, die wörtlich übersetzt bedeuten: fest, ruhig, friedlich. Im Großen Lernen wird beschrieben, wie man Schritt für Schritt die eigene wahre menschliche Natur in Übereinstimmung mit Himmel und Erde entwickeln könnte. Stabilität, Ruhe, Frieden sind drei dieser Schritte: Ding 定 bedeutet ruhige Festigkeit und Stabilität, Jing 静 vertiefte Stille, und An 安 einen Zustand des Friedens.

Letzterer (An 安 - Frieden) ist im normalen Alltag wahrscheinlich schwer erreichbar, besonders in diesen unsicheren Zeiten. Aber innere Festigkeit, Stabilität und Ruhe, die den Zugang ermöglichen zu Weite und Stille des Qigong-Zustands, kann man durch Qigong sicher entwickeln.

Saturday, May 16, 2020

Dong Hong-Oai 單雄威 - Fotografische Landschaftsmalerei

Heute kein Posting über Qigong, sondern eines über den Fotografen Don Hong-Oai 單雄威 und die aus seiner inneren Vision geborenen Landschaften.

Don Hong-Ooai wurde 1929 in Guangzhou, China geboren, verbrachte dann aber einen großen Teil seines Lebens in Saigon, Vietnam, wo er eine Ausbildung zum Fotografen machte und seine spezielle Technik der Landschaftsfotografie entwickelte. Nach dem Vietnamkrieg flüchtete er nach Kalifornien, wo er in einer kleinen Dunkelkammer in San Franciscos Chinatown seine Fotos erstellte und vom Verkauf seiner Werke lebte. Erst in den letzten Jahren seines Lebens wurde er entdeckt. Er starb 2004.

Seine Bilder sind geistige Bilder im Stil traditioneller chinesischer Malerei, Kompositionen, handgefertigt durch die Kombination dreier Negative für Vordergrund, Mitte und Hintergrund des jeweiligen Bildes.

Hier sind zwei Links, einer zu einem Blogeintrag und einer zu einem Youtube-Video mit Werken von Don Hong-Oai:



Friday, May 15, 2020

Tiaoshen 調身 - Regulation des Körpers

Einer von drei Texten von Kerry über die drei grundlegenden Prinzipien des Qigong:

Diese Notizen beziehen sich zwar konkret auf das Üben der Liu Zi Jue - Heilenden Laute, da dies die hauptsächliche Methode ist, auf die wir uns in diesen pandemischen Zeiten zum Schutz der Gesundheit konzentrieren, doch gelten die folgenden Inhalte nicht nur für diese eine Qigong-Methode oder nur für Qigong-Anfänger, sondern betreffen das Üben aller Arten von Qigong, ob still oder in Bewegung, und jedes Niveau des Übens. Im Qigong ist es immer so, dass die einfachsten Methoden und grundlegendsten Anweisungen die tiefgehendsten sind, und man immer wieder konsequent zu diesen zurückfinden muss, unabhängig davon, wie fortgeschritten man ist, wie viele Methoden oder Übungs-Formen man gelernt oder welche Erfahrungen man schon gemacht hat.

Es gibt drei Grundprinzipien, die einem ermöglichen, in den sogenannten Qigong-Zustand einzutreten. Diese Prinzipien beachtet man bei allen Qigong-Methoden. Je tiefer man in den Qigong-Zustand findet, desto stärker und freier fließt das Qi, und desto offener wird man als Organismus für die Feinheiten dieses Flusses und die durch ihn ausgelösten Empfindungen.

Das erste der drei Prinzipien ist:

Tiaoshen 調身 - Regulation des Körpers

Bevor man zu üben beginnt, egal, ob es eine bewegte Übung ist oder eine Übung im Stehen, Sitzen oder Liegen, ist es wichtig, körperlich tief entspannt zu sein. Wenn man im Qigong von Entspannung spricht, dann meint man nicht nur den Körper, sondern in erster Linie das Qi selbst. Entspannung heißt, das Qi zu öffnen und ihm zu ermöglichen, im Körper besser zu fließen, den Körper besser zu durchdringen und alle Bereiche des Körpers zu erreichen. 

Natürlich findet Entspannung zunächst auf einer relativ oberflächlichen Ebene des Körpers statt, auf der Ebene der Sehnen, der Muskeln und des Bindegewebes. Dort beginnt man, davon geht man aus, und dann versucht man, die Entspannung noch tiefer gehen zu lassen, was mehr Übung erfordert.

Bewegt man sich von der Oberfläche nach innen, lösen sich auch die Spannungen in den großen Gelenken, in Schultern, Hüften, Knien, und im Weiteren auch in den kleineren Gelenken, im Kiefer, in den Ellbogen, Handgelenken, Sprunggelenken und in allen Abschnitten der Wirbelsäule von der Schädelbasis bis zum Kreuzbein.

Wenn man den Körper dermaßen scannt und entspannt, von der äußersten bis hin zur innersten Ebene, von den größten bis zu den kleinsten Gelenken, dann ist es am besten, oben zu beginnen und nach unten zu gehen - vom Kopf zum Hals und zu den Schultern, zu den Armen, Händen und Fingern, die Brust und den oberen Rücken hinunter, zum Bauch und zum unterem Rücken, zu Hüften, Becken und Gesäß, und dann die Beine hinunter zu den Füßen und Zehen.

Indem man lernt, auch die kleinsten Gelenke zu entspannen, lockern sich spürbar auch Bereiche des Gesichts und der Kopfhaut. Das Entspannen der winzigen Gelenke der Finger und Zehen, des Steißbeins und der Wirbelsäule ermöglicht einen volleren und offeneren Fluss von Qi und Blut, von den Fingerspitzen und Zehen zu Gesicht, Kopf, Gehirn, und durch den ganzen Körper.

Unsere lebenswichtigen Organe befinden sich alle nahe der Wirbelsäule. Daher ist es besonders wichtig, diese Fähigkeit der Entspannung und Lockerung zu entwickeln, damit die Wirbel und auf einer tieferen Ebene das Rückenmark keine Spannung halten (hier wird es besonders offensichtlich, dass ich vom Qi spreche: es geht um den Qi-Fluss im Rückenmark). Selbst bei Grunderkrankungen wie z.B. Arthritis, oder bei Rücken- oder Gelenkverletzungen ist es möglich, diese Tiefenentspannung zu erreichen, die den Fluss von Qi und Blut öffnet und die gesamte Körperstruktur stärkt.

Der Körper reagiert auf jede Spannung, auf äußere und auf innere (durch Gefühle oder Gedanken) - wenn man eine feste Faust macht, erzeugt dies Spannung im übrigen Körper; steife Schultern oder ein fester Kiefer erzeugen Spannung; wenn man sich beim Qigong-Üben zu sehr um perfekte Bewegungen bemüht; in tiefere Positionen geht, als die Muskeln gewohnt sind; oder wenn man sich in irgendeiner Weise dazu drängt, die körperlichen Grenzen zu überschreiten, immer dann erzeugt man Spannung. Und jede körperliche Spannung spiegelt sich in Psyche und Geist wider und umgekehrt. Wenn man mit einem Hammer auf den eigenen Daumen schlägt, wird die Reaktion sowohl körperlich sein wie auch emotional. Wenn man glaubt, Kälte nicht aushalten zu können, dann ziehen sich die Schultern zusammen, der Körper spannt sich und man friert buchstäblich ein.

Der Körper ist Form, fest und sichtbar. Es stellt die Struktur der Existenz dar, einer Existenz, welche im großen Bogen durch alle Lebensphasen eine Entwicklung durchläuft und sich dabei stetig wandelt. Der Geist und die Emotionen sind unsichtbar, ohne Form und Substanz. Gedanken und Gefühle bewegen sich schnell, sie kommen und gehen, verbinden unsere äußere mit der inneren Existenz, transformieren und erschaffen die wahrgenommene Wirklichkeit. Geist und Körper arbeiten zusammen, um die tiefsten Ebenen der menschlichen Existenz mit den äußersten Grenzen der physischen Form zu integrieren.

Der Teil unserer Existenz, der sowohl sichtbar als auch unsichtbar ist und sowohl eine physische als auch nicht-physische Qualität hat, ist der Atem. Er ist Luft, er ist feucht, er regt die Zirkulation von Qi und Blut im ganzen Körper an, er bewegt Qi und Blut, er entsteht, wenn wir geboren werden, und hört auf, wenn wir sterben.

Wenn man also lernt, wie es für das Üben von Qigong erforderlich ist, sich auf den tiefsten Ebenen zu entspannen, dann ist es wichtig, dies mittels des Atems zu tun. Man lässt den Atem Spannungen im Körper und im Geist lösen. Indem man auf natürliche Weise atmet, leicht und mühelos, in einem gleichmäßigen und kontinuierlichen Fluss zwischen Ein- und Ausatmen, und sich dabei die Zeit nimmt, alle großen und kleinen, innersten und äußersten Körperbereiche zu entspannen, entwickelt man die eigenen Qigong-Fähigkeiten.

Die Regulierung des Körpers ist ein wesentlicher erster Schritt der Qigong-Übungspraxis. Sie ist aber auch eine nützliche Methode für den Alltag - entspannt im Körper zu bleiben bedeutet sicherzustellen, dass man sich wohl fühlt, egal in welcher Situation, und die körperliche Energie nicht damit verschwendet, Spannungen im Körper aufrechtzuerhalten. Sich im Körper wohl zu fühlen heißt sich auch psychisch, geistig wohler fühlen zu können, was sicherlich der Gesundheit hilft und der Fähigkeit, das Leben zu genießen!

Wednesday, May 13, 2020

Die Sechs Übungen der Heilenden Laute - Video

Hier ist nun ein Video mit der Folge aller sechs Übungen der Heilenden Laute, in der alten Aussprache:

Lunge - hei (sprich hee-ii)
Leber - xu (sprich hsüü)
Milz - hu
Niere - chui (sprich tschueeii)
Herz - he (sprich (he-aa)
Dreifacher Erwärmer - xi (sprich hsii)


Tuesday, May 12, 2020

Qigong und Taiji in Spitälern in China

Heute habe ich getan, was ich schon länger vorhatte, und weiteres Video-Material aus chinesischen Spitälern zusammengesucht, auf denen man Ärzte oder Pfleger zusammen mit Patienten traditionelle Übungen ausführen sieht: Taijiquan, Wuqinxi (das Spiel der Fünf Tiere), Baduanjin (Die Acht Ballen Brokat) und andere mehr. 

Aus den offiziellen Verlautbarungen der Regierung, aus Artikeln in chinesischen Presse und auch aus den Berichten der Patienten selbst geht klar hervor, dass diese nicht-medikamentösen Behandlungen eine wichtige Rolle in der Behandlung von COVID-Patienten gespielt haben: 

Die Behandlung wurde effektiver (egal, ob schulmedizinisch oder TCM), es konnte Verschlechterungen des Krankheitszustandes entgegengewirkt werden, Patienten berichteten nach den Übungen von einer deutlichen Verbesserung der Symptome, die Beziehung und das Vertrauensverhältnis zwischen medizinischem Personal und Patienten sowie der Patienten untereinander wurde gefestigt... 

Nicht nur zur Behandlung, auch zur Vorbeugung sind diese Art der Übungen (Taiji und Qigong) sehr gut geeignet. Wie auch auf einer der Pressekonferenzen des Chinesischen Staatsrats angemerkt wurde: Chinesische Kräutermedizin sei sehr effektiv in der Vorbeugung, aber auch das Üben traditioneller Körpertechniken habe eine so gute Wirkung, dass man ohne Einnahme von Kräuterverschreibungen effektiv Vorbeugung betreiben könne. 

Darauf hat vor Jahren ja schon unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng hingewiesen: Krankheitserreger entstehen laufend neue; der Vorteil der chinesischen Medizin ist, dass sie durch diese hervorgerufene Krankheiten behandeln kann, ohne auf die naturwissenschaftliche Analyse des Erregers und die Entwicklung eines Gegenmittels warten zu müssen. Die TCM hat das diagnostische und therapeutische Arsenal, auch neue epidemische Erkrankungen behandeln zu können. Ebenso Qigong: Genau wie die TCM kämpft es nicht gegen einen Krankheitserreger, sondern reguliert das Qi. Es ist aufgrund der Regulation, dass das Qi des Krankheitserregers nicht eindringen kann. Durch Qigong wird eine innere Qi-Umgebung geschaffen, die einen schlicht und einfach weniger angreifbar macht. 

Die westliche Medizin bekämpft den Erreger, die chinesische Medizin und Qigong kümmern sich nur insofern um den Erreger, als sie dessen Qi-Charakteristika identifizieren, in der Therapie geht es dann jedoch um die Regulation des Systems. Die westliche Behandlung konzentriert sich auf die isolierte Einzelheit (das Virus), die chinesische Behandlung kümmert sich um das Umfeld, das Milieu, das Beziehungsgeflecht. Dies wird bei uns nicht verstanden, wenn man der chinesischen Medizin archaisches Denken und archaische Methoden vorwirft oder sie in die Esoterik-Ecke stellt, da Yin, Yang und Qi keine naturwissenschaftlichen Konzepte sind, oder wenn man behauptet, ohne tatsächliches Wissen und ohne Verständnis der Wirkmechanismen, dass diese Methoden nicht wirken können. 

Hier jedenfalls ein paar Videos, die in Krankenhäusern gedreht wurden, in denen kombiniert mit Schulmedizin und TCM behandelt wurde, oder sogar ausschließlich mit TCM, wie im Fangcang-Spital in Wuhan.

Wuhan: 


Quzhou:


Hefei:


Wuhan:


Wuhan:


Wuhan:


Wuhan:


Guangzhou:


Fujian:


Monday, May 11, 2020

Heilende Laute - Mundpositionen

Wir sind jetzt schon in der neunten Woche dieser unserer Initiative, und wir werden diesen Blog auch weiterhin für diejenigen, die Interesse haben, weiterführen.

Ich glaube, dass TCM- und Qigong-Inhalte viel zu wichtig sind, als sich nur kurz in der ärgsten Krise damit zu beschäftigen. Sie fehlen in der öffentlichen Diskussion über das Virus, sie sind nicht Teil der öffentlichen Gesundheitsstrategien, sie sind, um es auf den Punkt zu bringen, bei uns undenkbar. Undenkbar, obwohl es sich um ein klar und rational organisiertes Wissen handelt, das auch in der modernen Welt einen Platz hat und sich in ihr bewähren kann. Nicht nur sich bewähren kann, sondern vor allem auch Anstöße geben könnte, um sowohl das Denken als auch die Vorstellung von Wissenschaft zu erweitern. Mehr dazu anderntags.

Heute möchte ich wieder auf ein paar für das Üben der Heilenden Laute wichtige Details eingehen.

Die Bewegungen, die wir mit den Lauten kombinieren, orientieren sich am Meridian-System. Durch die Bewegungen hilft man der Aktivierung des Qi in den entsprechenden Funktionskreisen, also den Organen und zugehörigen Meridianen. Die Details dazu schriftlich zu beschreiben, ist etwas umständlich, damit warten wir am besten, bis wieder normale Qigong-Stunden stattfinden können oder bis ich, was ich schon seit längerem vorhabe, über Zoom Stunden abhalten werde.

Hier sind die Mundpositionen bei der Ausatmung. Es gilt immer noch: Nicht zu genau sein! Das Prinzip der Natürlichkeit ist sehr wichtig. 

Der He-ii-Laut für die Lunge: Man öffnet den Mund einen Spalt, zieht die Mundwinkel zur Seite und lässt den Unterkiefer ein wenig sinken. 

Der Hsüü-Laut für die Leber: Den Mund nur einen Spaltbreit öffnen, dabei die Mundwinkel etwas nach hinten ziehen. Durch diesen Spalt ausatmen.

Der Huu-Laut für die Milz: Die Lippen runden. Wie durch einen Schlauch ausatmen.

Der Tschueeii-Laut für die Nieren: Den Mund nur einen Spalt öffnen. Die Mundwinkel etwas nach innen ziehen ziehen. Vorne an den Lippen entsteht etwas Spannung.

Der He-aa-Laut für das Herz: Den Mund halb öffnen, die Zunge ist unten im Mund und die Wangen etwas nach hinten ziehen.

Der Hsii-Laut für den Dreifachen Erwärmer: Eine Mundposition wie beim Lächeln. Genau so wie Mile-Fo 弥勒佛, der Maitreya-Buddha im Foto links.

Ich weiß schon, dass damit nicht alle Unklarheiten und Unsicherheiten ausgeräumt sind. Aber ich hoffe und denke schon, dass früher oder später, vor allem durch die eigene Übungserfahrung, die Atmung für jeden immer klarer und leichter und wirkungsvoller werden wird. Das Qi-Immunsystem baut sich ja auch nicht von heute auf morgen auf, sondern wird dadurch stärker, dass man über einen längeren Zeitraum Bewegung, Atmung, Lebensstil, Ernährung etc. auf eine natürliche und nicht bemühte Art und Weise in den Alltag einbaut.

So ist es auch mit der Atmung und den Heilenden Lauten. Die Theorie macht nur Sinn, wenn man sie über die Praxis umzusetzen versucht. Und es sind die Schwierigkeiten, die man hat, die einen weiterbringen. Durch Antworten kommt man nicht weiter, abgesehen davon, dass es auch unmöglich ist, gleich die Antworten zu haben. Weiter kommt man nur durch Fragen. Aber gleich die rechten Fragen zu haben, ist auch nicht einfach, können die rechten Fragen doch nur durch die Praxis kommen.

Während ich das schreibe, kommt mir ein wunderbares Zitat des Philosophen Xunzi über das Lernen in den Sinn. Er schreibt zwar nicht über Qigong, aber das Zitat eignet sich hervorragend dafür: 

„Das Lernen des Edlen tritt ein durch sein Ohr, heftet sich an seinen Geist, breitet sich durch seine vier Gliedmaßen aus und zeigt sich in seinen Handlungen. Sein geringstes Wort, seine kleinste Bewegung kann dann als ein Vorbild dienen. Das Lernen des Gemeinen tritt durch sein Ohr ein und kommt aus seinem Mund wieder heraus. Mit einem Abstand von nur 4 Zoll zwischen Ohr und Mund, wie kann er lange genug davon Besitz ergreifen, dass es seinen sieben Fuß großen Körper veredeln könnte?“

Sunday, May 10, 2020

Xunzi 荀子 - Das Wasser

Aus dem Buch Xunzi  荀子 (Meister Xun - 3. Jh. v. Chr.)

Konfuzius 孔子 betrachtete einmal einen ostwärts fließenden Strom. Zigong 子貢 wandte sich an Konfuzius und fragte: "Warum fühlt der Edler, wenn er einen großen Fluss sieht, die Notwendigkeit, ihn zu betrachten*?" 

Konfuzius antwortete: "Ach! Wasser - überall versorgt es alle Lebewesen überall, aber es handelt nicht; darin gleicht es der Tugend. Sein Strömen geht in Richtung des Niedrigen und Tiefen, ob gewunden oder gerade, folgt es diesem Prinzip; darin gleicht es der Gerechtigkeit. 

Sein rauschendes Strömen wird nie vermindert oder erschöpft: darin ähnelt es dem Weg. Schafft man ihm eine Öffnung durchzufließen, antwortet es darauf wie ein hallendes Echo und rauscht furchtlos durch hundert Faden tiefe Abgründe; darin ist es wie Mut. 

Fließt es in ein Becken, wird es sicher einen ebenen, ausgewogenen Zustand erreichen; darin gleicht es den Vorbildern. 

Es füllt aus, ohne einen Nivellierstab zu brauchen; darin gleicht es dem Aufrechten. 

Weich und anpassungsfähig dringt es in das Feinste ein; darin gleicht es dem Urteilen. 

Alles was in es hineingeht und herauskommt, wird erneuert und gereinigt; darin gleicht es der verwandelnden Kraft des Guten. 

Windet und wendet es sich auch zehntausend Male, es wird mit Sicherheit nach Osten fließen**; darin gleicht es dem Willen. 

Darum wird der Edle, wenn er einen großen Strom sieht, ihn sicher betrachten. 

*wie im Deutschen hier im Doppelsinn: anschauen und Betrachtungen anstellen
**alle Flüsse in Zentral-China fließen nach Osten

Dieses traditionelle Guqin-Stück heißt Liushui 流水 – Fließendes Wasser. 


In dieser Aufnahme von Guan Pinghu 管平湖, einem der wichtigsten Guqin-Künstler des letzten Jahrhunderts, ist Liushui 流水 seit 1977 auf der Voyager-Raumsonde in die Tiefen des interstellaren Raums unterwegs.


Saturday, May 9, 2020

Tianren heyi 天人合 - Die Einheit von Mensch und Natur

Die Übungen der Heilenden Laute basieren auf der alten chinesischen Philosophie der Einheit zwischen Natur und Mensch. Tianren heyi 天人合一 – So nennt sich diese Philosophie: „Himmel und Mensch sind eins“, man kann auch übersetzen „Natur und Mensch sind eins“.

Die alten chinesischen Texte sind voll mit Beschreibungen, was das im Einzelnen bedeutet. 

„Der Himmel gibt uns die Fünf Qi, die Erde versorgt uns mit den Fünf Geschmäckern. Die Fünf Qi treten durch die Nase ein und werden in Herz und Lunge gespeichert, sie ermöglichen den Farben zu leuchten und der Stimme laut zu sein und klar.  Die Fünf Geschmäcker treten durch den Mund ein und werden in Magen und Eingeweiden gespeichert, sie nähren die Fünf Qi und die Körperflüssigkeiten und geben uns Kraft.“ 

Die Idee dahinter ist klar, das menschliche Leben ist untrennbar mit dem Leben der Natur verbunden. Verliert der Mensch diese Verbindung, verliert er die Beziehung zu 
Atem und Nahrung, die die Natur dem Menschen zu jeder Zeit zur Verfügung stellt. Der Verlust der Beziehung zum lebendigen Atem und zu den nährenden Aspekten der Natur heißt Verlust der Harmonie, und da die Harmonie von Himmel und Erde, Yang und Yin die Gesundheit ausmacht, auch Verlust der Gesundheit.

Wir verwenden die sechs Laute in einer bestimmten alten Aussprache, die sich von derjenigen, die die meisten von uns schon kennen, etwas unterscheidet. Hier ist es nicht wichtig, mehr dazu zu sagen, ich werde das aber schon noch tun.

Die Laute üben wir in dieser Reihenfolge:

呬   He-ii für die Lunge
噓   Hsü für die Leber
呼   Hu für die Milz
吹   Tschu-eii oder Tsu-eii für die Niere
呵   He-a für das Herz
嘻   Hsi oder Shi für den Dreifachen Erwärmer

Hier ist die Übersicht, im alten Korrespondenz-System der Fünf Phasen, wie man sich durch das Üben in den großen Zusammenhang der Natur hineinbegibt, und je tiefer im Qigong-Zustand, auch in die Natur integriert und mit ihr kommuniziert. 

Der Laut 呬 He-ii entspricht der Lunge (肺 Fei), der Phase Metall (金 Jin), dem Ton Shang 商 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Westen (西 Xi) und der Jahreszeit Herbst (秋 Qiu). 

Der Laut 噓 Hsü-a entspricht der Leber (肝 Gan), der Phase Holz (木Mu), dem Ton Jiao 角 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Osten (東 Dong) und der Jahreszeit Frühling (春 Chun). 

Der Laut 呼 Hu entspricht der Milz (脾 Pi), damit der Phase Erde (土 Tu), dem Ton Gong 宮 der alten chinesischen Tonskala, keiner Himmelsrichtung, sondern der Mitte (中 Zhong) und der Jahreszeit Spätsommer (長夏 Changxia), oder in einer anderen Auffassung den 18 Tagen am Ende jeder Jahreszeit. 

Der Laut Tschu-eii oder Tsu-eii entspricht der Niere (腎 Shen), damit der Phase Wasser (水 Shui), dem Ton Yu 羽 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Norden (北 Bei) und der Jahreszeit Winter (冬 Dong). 

Der Laut 呵 He-a entspricht der Phase Feuer (火 Huo), dem Ton Zheng 徵 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Süden (南 Nan) und der Jahreszeit Sommer (夏 Xia). 

Der Laut Hsi oder Shi entspricht ebenfalls der Phase Feuer (火 Huo), etc.

Dies entspricht dem größtmöglichen Zusammenhang, der für den Menschen auf der Erde möglich ist. Himmel und Erde sind nicht nur Oben und Unten, sie stellen ein körperlich-geistiges Kraftfeld dar (an dem sich der Mensch innerlich ausrichtet, ausrichten könnte), das unendliche Möglichkeiten bietet. Die körperliche Ausrichtung an diesem Kraftfeld fördert die Gesundheit des Menschen, seine Ganzheit, die seelische und geistige Ausrichtung - ebenso wichtig - betreffen seine ursprüngliche Verbundenheit mit der Natur und allen ihren Wesenheiten, sie  betreffen die mögliche Verwirklichung (auch persönliche Verkörperung) des Sinnes, wie Richard Wilhelm das chinesische Wort Dao 道 -Weg übersetzt und die Teilhabe an der Kraft des Ganzen, am Leben, wie Richard Wilhelm das chinesische Wort De 德 – Tugend übersetzt. 

Tugend (De 德) heißt Erlangen (de 得), ein Wortspiel, das sich schon in den alten chinesischen Texten findet. Wer sich am Himmel ausrichtet, an der Macht des Numinosen, des Urbeginns und der schöpferischen Bilder, und an der Erde, der Macht des Aufnehmens, des Verwirklichens und Konkretisierens, ihrer nährenden und bergenden Macht, wer sich also an diesen Mächten ausrichtet, der findet seinen Weg (sein Dao 道) und dem wird Kraft (De 德 Tugend) zuteil, eine innere Kraft, durch die sich der große Zusammenhang, der Sinn des Ganzen im individuellen Leben verwirklicht und äußert.

Übungen wie die Sechs Heilenden Laute basieren auf diesen Gedanken des Zurückfindens zur Natur und der innerlichen Ausrichtung an dem Kraftfeld, das durch den Himmel, die Erde und die Himmelsrichtungen gebildet wird.

Natürlich kann man die Übungen rein als therapeutische Qigong-Übungen verstehen, und in diesen pandemischen Zeiten auch als wichtige Übungen der Vorbeugung, da sie ja auf sehr gezielte Art das Funktionieren unserer Atmung das der Organe und des Immunsystems verbessern können. Doch erst dann, wenn man die Übungen in den eigentlich gemeinten weiteren Hintergrund stellt, wird man ihren Gehalt erst wirklich zu verstehen beginnen. 

Und ich meine: dann werden sich die ganz persönlichen, konkreten, erwünschten Wirkungen auf die Gesundheit viel eher und tiefgehender einstellen.

Friday, May 8, 2020

Selbstmassage: der Houxi 後溪 – Akupunkturpunkt

Heute möchte ich eine weitere simple Massage vorstellen, die des Houxi 後溪 – Akupunkturpunkts.

Das ist ein überaus wichtiger Punkt, durch den vor allem den nachteiligen Auswirkungen auf den Körper entgegengewirkt werden kann, die durch eine sitzende Lebensweise entstehen. Wenn man längere Zeit in derselben Haltung verharrt, wie z.B. beim Lernen oder einem Job vor dem Computer, dann wird Druck auf den Dumai 督脉 (das Lenkergefäß – den zentralen Meridian, der vom Steißbein über die Mitte des Rückens bis zum Kopf verläuft) ausgeübt. Da der Dumai das Yang-Qi des ganzen Körpers regiert, wird durch eine statische Haltung mit den damit einhergehenden Verspannungen das Yang-Qi unterdrückt.

Dies wirkt sich mit der Zeit nicht nur auf die Wirbelsäule aus (der Mangel an Yang-Qi erlaubt einem nicht, sich aufrecht zu halten), sondern auch auf die Immunlage und die geistige Energie. Überanstrengung bei geistiger Arbeit entsteht in erster Linie aus der Beeinträchtigung und Unterdrückung des Yang-Qi.

Auch die Augen brauchen die Yang-Energie, eine Übermüdung der Augen oder Fehlsichtigkeit entwickeln sich dann, wenn das Yang-Qi die Augen nicht erreichen und nähren kann.

All diese Probleme können durch den Houxi-Punkt adressiert werden. Houxi ist der dritte Punkt des Dünndarm-Meridians. Er ist leicht zu finden, wie ich im Videoclip unten zeige: macht man eine lockere Faust, dann bildet sich auf der Kleinfingerseite der Faust eine kleine Spitze. Dort ist der Punkt.

Besonders wichtig bei Houxi ist, dass er der Verbindungspunkt zum Dumai (Lenkergefäß) ist, d.h. durch ihn kann das Yang-Qi des ganzen Körpers erreicht werden. Seine Funktionen sind vielfältig: Er zerstreut Wind-Hitze, leitet Herz-Feuer aus, entkrampft den Bewegungsapparat, öffnet den Dumai und macht ihn durchgängig, hilft bei Problemen der Hals- und Lendenwirbelsäule, schärft die Augen, klärt das Bewusstsein, stärkt das Yang.

Wenn man ihn regelmäßig stimuliert, bessern sich Probleme mit der Wirbelsäule und den Augen, man fühlt sich weniger gestresst, ärgert sich weniger und hat mehr geistige Energie zur Verfügung.

Die Massage ist leicht: die lockeren Fäuste mit der Kleinfingerseite gegeneinander schlagen. Locker, nicht zu fest. Immer wieder, wenn es einem einfällt, ein paar Minuten lang.


Thursday, May 7, 2020

Selbstmassage: Die Zehn Zerstreungspunkte (Shi Xuanxue 十宣穴)

Hier eine weitere sehr gute Massage zur Erhaltung der Gesundheit: Die Massage der Zehn Xuan-Punkte (shi xuanxue 十宣穴).

Xuan 宣 heißt auflösen, zerstreuen; man kann also übersetzen: die zehn Zerstreungs-, Auflösungs- oder Drainagepunkte. Wie bei den Ba-Xie-Punkten handelt es sich um Punkte außerhalb der Meridiane. Lokalisiert sind sie an den Fingerspitzen.

In den kurzen Videoclips unten zeige ich zwei einfache Arten, sie zu massieren: Indem man entweder mit den Fingerspitzen gegeneinander klopft oder indem man mit dem Daumennagel die Fingerspitzen eine nach der anderen drückt.

Dauer der Massage: am besten ein paar Minuten.

Regelmäßig im Alltag angewandt, hat diese Massage eine sehr gute regulative Wirkung auf das Qi. Ihre Funktion ist, Hitze zu klären, also heißes Qi, Feuer oder externe pathogene Faktoren auszuleiten und den Geist zu wecken.

Sie aktiviert den Fluss des Qi und schützt innerlich, öffnet den Körper aber auch nach außen. Immer dann, wenn es darum geht, Hitze oder Feuer auszuleiten, geht man ganz nach außen zu den Extremitäten, hier in diesem Fall zu den Fingerspitzen. In der alten Qi-Theorie wird ja auch beschrieben, dass die Finger- und Zehenspitzen der Ort sind, an dem das Qi der Natur in den Körper eintritt und sich dort zu einem immer mächtigeren Fluss entwickelt.

Hier sind die beiden Video-Clips:



Diese Massage kann auch gut mit der Massage der Ba-Xie-Punkte kombiniert werden.

Wednesday, May 6, 2020

Ein Rezept zum Nähren von Nieren-Qi und Blut

“Qi wei xue zhi shuai, xue wei qi zhi mu 气为血之帅血为气之母”. Übersetzt bedeutet das: „Das Qi ist der Kommandant des Bluts, das Blut ist die Mutter des Qi“.

Dies ist eine der grundlegendsten Lektionen, die ein TCM-Arzt lernen muss, um die wechselseitige Beziehung von Qi und Blut zu verstehen. Auf den ersten Blick ist das ein einfaches Konzept, das besagt, dass zuerst das Qi bewegt werden muss, um das Blut in Zirkulation zu bringen, und dass zuerst das Blut genährt werden muss, damit dass Qi genährt wird. In der Praxis erfordert es ein differenziertes Verständnis dafür, welcher Aspekt der Gesundheit eines Menschen zuerst behandelt werden muss, um Gleichgewicht zu erzeugen. Muss zuerst etwas bewegt, gelöst oder verteilt werden, um dann die Ressourcen aufzubauen? Oder ist zunächst vermehrt ein Nähren und Tonisieren notwendig, um die Aktivierung der Lebensprozesse zu ermöglichen?

Das sind die Fragen, die ein TCM-Arzt bei der Diagnose des Gesundheitszustands einer Person beantworten muss, um anschließend eine effektive Behandlungsstrategie für die Wiederherstellung des Gleichgewichts festzulegen. Im täglichen Leben, wenn wir versuchen, gesund zu bleiben und im Gleichgewicht, ist es immer wichtig, darauf zu achten, dass Bewegung und Nähren Hand in Hand gehen, ebenso wie Aktivität und Ruhe, auf physischer und auch auf mentaler Ebene.

Um das Yang-Qi der Niere zu tonisieren, ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin eine Strategie zum Nähren des essenziellen Yin-Aspekts des Organismus nötig, d.h. dass die Wirkung der Rezeptur in das Qi-System des Bluts eindringen muss. Man kann das Yang-Qi nicht auf einfache Weise stärken; vielmehr müssen die wärmenden, aktivierenden Aspekte einer Rezeptur für das Yang-Qi der Nieren durch tonisierende Substanzen für das Blut und das Yin-Qi ausgeglichen werden. Die folgenden beiden Rezepte der chinesischen Diätetik (eines mit Rindfleisch, eines vegetarisch) basieren auf dieser Strategie. Durch eine Kombination aus Zutaten, die das Blut nähren und das Qi bewegen – mit besonderem Fokus auf dem Nieren-Qi –, sind diese Rezepte für alle Altersgruppen und Gesundheitszustände geeignet.

Das traditionelle Rezept wird mit Rindfleisch zubereitet, das als wirkungsvollste „blutbildende“ Zutat gilt, um das Yang-Qi der Niere zu tonisiseren. Für Qigong-Praktizierende und in der TCM im Allgemeinen wird jedoch geraten, weniger Fleisch zu essen als im Zuge eines normalen westlichen Speiseplans. Dieses Rezept ist für zwei Personen mit nur 100 g Fleisch pro Portion.

Für alle, die sich strikt vegetarisch ernähren, entspricht ein Gericht mit schwarzen Bohnen, Grünkohl, Tofu, frischem Ingwer, Sesamöl, frischem Koriander, Gojibeeren, Soyasauce und Shaoxing-Wein (d.h. Reiswein oder Sherry) diesem Rezept (wobei Frühlingszwiebeln nicht dabei sind). Ich arbeite gerade an einem derartigen Rezept, hatte aber noch keine Zeit, es zu testen. Wer jedoch Erfahrung mit pfannengerührten Speisen hat, kann selbst mit der Zubereitung eines eigenen Tonikums für das Yang-Qi der Nieren experimentieren!

Rindfleisch, Frühlingszwiebel und Ingwer, kurz gebraten, zum Nähren von Nieren-Qi und Blut

Zutaten:

200 g Rindersteak (oder anderes mageres Rindfleisch), in sehr dünne Streifen geschnitten
5 Frühlingszwiebeln, in 5 cm lange Stücke geschnitten (weiße und grüne Teile)
30 g frischer Ingwer, geschält und in dünne Scheiben geschnitten
1 gehackte Knoblauchzehe
1 Esslöffel Gojibeeren (5 Minuten in kaltem Wasser eingeweicht)
2 Teelöffel schwarzer Sesam (ersatzweise weißer Sesam)
Öl zum Braten (Rapsöl oder anderes Speiseöl)

Marinade für das Rindfleisch:

Eine Prise Salz
½ Teelöffel Zucker
½ Teelöffel Sojasauce
½ Teelöffel frischer Ingwer, gerieben
1 Esslöffel chinesischer Shaoxing-Wein (oder trockener Sherry oder Weißwein)
1 Teelöffel Maisstärke
1 Esslöffel Pflanzenöl (Raps- oder Erdnussöl)

Gewürze:

Eine Prise Salz
½ Teelöffel Zucker
1 Esslöffel chinesischer Shaoxing-Wein (oder trockener Sherry oder Weißwein)

Zubereitung:
  • Alle Zutaten für die Marinade in einer Schüssel mischen, das Rindfleisch dazu geben, 15 Minuten marinieren.
  • Wok oder Pfanne stark erhitzen, 2 Teelöffel Öl hineingeben, warten, bis es zu rauchen beginnt. Rasch das Rindfleisch (ohne Marinade) hinzufügen und 30 Sekunden flott pfannenrühren. Das Rindfleisch aus der Pfanne nehmen und auf einen Teller geben. Überschüssiges Speiseöl abgießen.
  • Die Pfanne (oder den Wok) mit 1 Esslöffel Öl erhitzen und sobald es raucht schnell Frühlingszwiebeln, Knoblauch, Ingwer und Gewürze hinzufügen. Zügig rühren und ca. 1 Minute braten.
  • Das Rindfleisch wieder in den Wok geben, die Goji-Beeren und den schwarzen Sesam hinzufügen und bei starker Hitze 30 Sekunden pfannenrühren.
  • Herd abdrehen und sofort servieren.
Dieses Gericht wird am besten mit einer Beilage aus braunem Reis, Hirse, Amaranth oder Buchweizen serviert. Auch dunkelgrünes Gemüse wie einfacher, gedünsteter Grünkohl, Mangold oder Brokkoli eignet sich als Beilage. Die Beilagen vor dem pfannengerührten Gericht zubereiten.

Schwarze Sesamkörner und Goji-Beeren sind in der TCM ebenfalls spezielle medizinische Substanzen und werden üblicherweise in diätetischen Rezepten verwendet, die als Tonikum für das Jing- oder Essenz-Qi wirken. Wenn diese beiden Zutaten nicht erhältlich sind, kann man sie auch weglassen. Schwarzer Sesam kann durch normalen Sesam ersetzt werden, der ein gutes Tonikum für das Qi ist.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...