Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Monday, May 11, 2020

Heilende Laute - Mundpositionen

Wir sind jetzt schon in der neunten Woche dieser unserer Initiative, und wir werden diesen Blog auch weiterhin für diejenigen, die Interesse haben, weiterführen.

Ich glaube, dass TCM- und Qigong-Inhalte viel zu wichtig sind, als sich nur kurz in der ärgsten Krise damit zu beschäftigen. Sie fehlen in der öffentlichen Diskussion über das Virus, sie sind nicht Teil der öffentlichen Gesundheitsstrategien, sie sind, um es auf den Punkt zu bringen, bei uns undenkbar. Undenkbar, obwohl es sich um ein klar und rational organisiertes Wissen handelt, das auch in der modernen Welt einen Platz hat und sich in ihr bewähren kann. Nicht nur sich bewähren kann, sondern vor allem auch Anstöße geben könnte, um sowohl das Denken als auch die Vorstellung von Wissenschaft zu erweitern. Mehr dazu anderntags.

Heute möchte ich wieder auf ein paar für das Üben der Heilenden Laute wichtige Details eingehen.

Die Bewegungen, die wir mit den Lauten kombinieren, orientieren sich am Meridian-System. Durch die Bewegungen hilft man der Aktivierung des Qi in den entsprechenden Funktionskreisen, also den Organen und zugehörigen Meridianen. Die Details dazu schriftlich zu beschreiben, ist etwas umständlich, damit warten wir am besten, bis wieder normale Qigong-Stunden stattfinden können oder bis ich, was ich schon seit längerem vorhabe, über Zoom Stunden abhalten werde.

Hier sind die Mundpositionen bei der Ausatmung. Es gilt immer noch: Nicht zu genau sein! Das Prinzip der Natürlichkeit ist sehr wichtig. 

Der He-ii-Laut für die Lunge: Man öffnet den Mund einen Spalt, zieht die Mundwinkel zur Seite und lässt den Unterkiefer ein wenig sinken. 

Der Hsüü-Laut für die Leber: Den Mund nur einen Spaltbreit öffnen, dabei die Mundwinkel etwas nach hinten ziehen. Durch diesen Spalt ausatmen.

Der Huu-Laut für die Milz: Die Lippen runden. Wie durch einen Schlauch ausatmen.

Der Tschueeii-Laut für die Nieren: Den Mund nur einen Spalt öffnen. Die Mundwinkel etwas nach innen ziehen ziehen. Vorne an den Lippen entsteht etwas Spannung.

Der He-aa-Laut für das Herz: Den Mund halb öffnen, die Zunge ist unten im Mund und die Wangen etwas nach hinten ziehen.

Der Hsii-Laut für den Dreifachen Erwärmer: Eine Mundposition wie beim Lächeln. Genau so wie Mile-Fo 弥勒佛, der Maitreya-Buddha im Foto links.

Ich weiß schon, dass damit nicht alle Unklarheiten und Unsicherheiten ausgeräumt sind. Aber ich hoffe und denke schon, dass früher oder später, vor allem durch die eigene Übungserfahrung, die Atmung für jeden immer klarer und leichter und wirkungsvoller werden wird. Das Qi-Immunsystem baut sich ja auch nicht von heute auf morgen auf, sondern wird dadurch stärker, dass man über einen längeren Zeitraum Bewegung, Atmung, Lebensstil, Ernährung etc. auf eine natürliche und nicht bemühte Art und Weise in den Alltag einbaut.

So ist es auch mit der Atmung und den Heilenden Lauten. Die Theorie macht nur Sinn, wenn man sie über die Praxis umzusetzen versucht. Und es sind die Schwierigkeiten, die man hat, die einen weiterbringen. Durch Antworten kommt man nicht weiter, abgesehen davon, dass es auch unmöglich ist, gleich die Antworten zu haben. Weiter kommt man nur durch Fragen. Aber gleich die rechten Fragen zu haben, ist auch nicht einfach, können die rechten Fragen doch nur durch die Praxis kommen.

Während ich das schreibe, kommt mir ein wunderbares Zitat des Philosophen Xunzi über das Lernen in den Sinn. Er schreibt zwar nicht über Qigong, aber das Zitat eignet sich hervorragend dafür: 

„Das Lernen des Edlen tritt ein durch sein Ohr, heftet sich an seinen Geist, breitet sich durch seine vier Gliedmaßen aus und zeigt sich in seinen Handlungen. Sein geringstes Wort, seine kleinste Bewegung kann dann als ein Vorbild dienen. Das Lernen des Gemeinen tritt durch sein Ohr ein und kommt aus seinem Mund wieder heraus. Mit einem Abstand von nur 4 Zoll zwischen Ohr und Mund, wie kann er lange genug davon Besitz ergreifen, dass es seinen sieben Fuß großen Körper veredeln könnte?“

Sunday, May 10, 2020

Xunzi 荀子 - Das Wasser

Aus dem Buch Xunzi  荀子 (Meister Xun - 3. Jh. v. Chr.)

Konfuzius 孔子 betrachtete einmal einen ostwärts fließenden Strom. Zigong 子貢 wandte sich an Konfuzius und fragte: "Warum fühlt der Edler, wenn er einen großen Fluss sieht, die Notwendigkeit, ihn zu betrachten*?" 

Konfuzius antwortete: "Ach! Wasser - überall versorgt es alle Lebewesen überall, aber es handelt nicht; darin gleicht es der Tugend. Sein Strömen geht in Richtung des Niedrigen und Tiefen, ob gewunden oder gerade, folgt es diesem Prinzip; darin gleicht es der Gerechtigkeit. 

Sein rauschendes Strömen wird nie vermindert oder erschöpft: darin ähnelt es dem Weg. Schafft man ihm eine Öffnung durchzufließen, antwortet es darauf wie ein hallendes Echo und rauscht furchtlos durch hundert Faden tiefe Abgründe; darin ist es wie Mut. 

Fließt es in ein Becken, wird es sicher einen ebenen, ausgewogenen Zustand erreichen; darin gleicht es den Vorbildern. 

Es füllt aus, ohne einen Nivellierstab zu brauchen; darin gleicht es dem Aufrechten. 

Weich und anpassungsfähig dringt es in das Feinste ein; darin gleicht es dem Urteilen. 

Alles was in es hineingeht und herauskommt, wird erneuert und gereinigt; darin gleicht es der verwandelnden Kraft des Guten. 

Windet und wendet es sich auch zehntausend Male, es wird mit Sicherheit nach Osten fließen**; darin gleicht es dem Willen. 

Darum wird der Edle, wenn er einen großen Strom sieht, ihn sicher betrachten. 

*wie im Deutschen hier im Doppelsinn: anschauen und Betrachtungen anstellen
**alle Flüsse in Zentral-China fließen nach Osten

Dieses traditionelle Guqin-Stück heißt Liushui 流水 – Fließendes Wasser. 


In dieser Aufnahme von Guan Pinghu 管平湖, einem der wichtigsten Guqin-Künstler des letzten Jahrhunderts, ist Liushui 流水 seit 1977 auf der Voyager-Raumsonde in die Tiefen des interstellaren Raums unterwegs.


Saturday, May 9, 2020

Tianren heyi 天人合 - Die Einheit von Mensch und Natur

Die Übungen der Heilenden Laute basieren auf der alten chinesischen Philosophie der Einheit zwischen Natur und Mensch. Tianren heyi 天人合一 – So nennt sich diese Philosophie: „Himmel und Mensch sind eins“, man kann auch übersetzen „Natur und Mensch sind eins“.

Die alten chinesischen Texte sind voll mit Beschreibungen, was das im Einzelnen bedeutet. 

„Der Himmel gibt uns die Fünf Qi, die Erde versorgt uns mit den Fünf Geschmäckern. Die Fünf Qi treten durch die Nase ein und werden in Herz und Lunge gespeichert, sie ermöglichen den Farben zu leuchten und der Stimme laut zu sein und klar.  Die Fünf Geschmäcker treten durch den Mund ein und werden in Magen und Eingeweiden gespeichert, sie nähren die Fünf Qi und die Körperflüssigkeiten und geben uns Kraft.“ 

Die Idee dahinter ist klar, das menschliche Leben ist untrennbar mit dem Leben der Natur verbunden. Verliert der Mensch diese Verbindung, verliert er die Beziehung zu 
Atem und Nahrung, die die Natur dem Menschen zu jeder Zeit zur Verfügung stellt. Der Verlust der Beziehung zum lebendigen Atem und zu den nährenden Aspekten der Natur heißt Verlust der Harmonie, und da die Harmonie von Himmel und Erde, Yang und Yin die Gesundheit ausmacht, auch Verlust der Gesundheit.

Wir verwenden die sechs Laute in einer bestimmten alten Aussprache, die sich von derjenigen, die die meisten von uns schon kennen, etwas unterscheidet. Hier ist es nicht wichtig, mehr dazu zu sagen, ich werde das aber schon noch tun.

Die Laute üben wir in dieser Reihenfolge:

呬   He-ii für die Lunge
噓   Hsü für die Leber
呼   Hu für die Milz
吹   Tschu-eii oder Tsu-eii für die Niere
呵   He-a für das Herz
嘻   Hsi oder Shi für den Dreifachen Erwärmer

Hier ist die Übersicht, im alten Korrespondenz-System der Fünf Phasen, wie man sich durch das Üben in den großen Zusammenhang der Natur hineinbegibt, und je tiefer im Qigong-Zustand, auch in die Natur integriert und mit ihr kommuniziert. 

Der Laut 呬 He-ii entspricht der Lunge (肺 Fei), der Phase Metall (金 Jin), dem Ton Shang 商 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Westen (西 Xi) und der Jahreszeit Herbst (秋 Qiu). 

Der Laut 噓 Hsü-a entspricht der Leber (肝 Gan), der Phase Holz (木Mu), dem Ton Jiao 角 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Osten (東 Dong) und der Jahreszeit Frühling (春 Chun). 

Der Laut 呼 Hu entspricht der Milz (脾 Pi), damit der Phase Erde (土 Tu), dem Ton Gong 宮 der alten chinesischen Tonskala, keiner Himmelsrichtung, sondern der Mitte (中 Zhong) und der Jahreszeit Spätsommer (長夏 Changxia), oder in einer anderen Auffassung den 18 Tagen am Ende jeder Jahreszeit. 

Der Laut Tschu-eii oder Tsu-eii entspricht der Niere (腎 Shen), damit der Phase Wasser (水 Shui), dem Ton Yu 羽 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Norden (北 Bei) und der Jahreszeit Winter (冬 Dong). 

Der Laut 呵 He-a entspricht der Phase Feuer (火 Huo), dem Ton Zheng 徵 der alten chinesischen Tonskala, der Himmelsrichtung Süden (南 Nan) und der Jahreszeit Sommer (夏 Xia). 

Der Laut Hsi oder Shi entspricht ebenfalls der Phase Feuer (火 Huo), etc.

Dies entspricht dem größtmöglichen Zusammenhang, der für den Menschen auf der Erde möglich ist. Himmel und Erde sind nicht nur Oben und Unten, sie stellen ein körperlich-geistiges Kraftfeld dar (an dem sich der Mensch innerlich ausrichtet, ausrichten könnte), das unendliche Möglichkeiten bietet. Die körperliche Ausrichtung an diesem Kraftfeld fördert die Gesundheit des Menschen, seine Ganzheit, die seelische und geistige Ausrichtung - ebenso wichtig - betreffen seine ursprüngliche Verbundenheit mit der Natur und allen ihren Wesenheiten, sie  betreffen die mögliche Verwirklichung (auch persönliche Verkörperung) des Sinnes, wie Richard Wilhelm das chinesische Wort Dao 道 -Weg übersetzt und die Teilhabe an der Kraft des Ganzen, am Leben, wie Richard Wilhelm das chinesische Wort De 德 – Tugend übersetzt. 

Tugend (De 德) heißt Erlangen (de 得), ein Wortspiel, das sich schon in den alten chinesischen Texten findet. Wer sich am Himmel ausrichtet, an der Macht des Numinosen, des Urbeginns und der schöpferischen Bilder, und an der Erde, der Macht des Aufnehmens, des Verwirklichens und Konkretisierens, ihrer nährenden und bergenden Macht, wer sich also an diesen Mächten ausrichtet, der findet seinen Weg (sein Dao 道) und dem wird Kraft (De 德 Tugend) zuteil, eine innere Kraft, durch die sich der große Zusammenhang, der Sinn des Ganzen im individuellen Leben verwirklicht und äußert.

Übungen wie die Sechs Heilenden Laute basieren auf diesen Gedanken des Zurückfindens zur Natur und der innerlichen Ausrichtung an dem Kraftfeld, das durch den Himmel, die Erde und die Himmelsrichtungen gebildet wird.

Natürlich kann man die Übungen rein als therapeutische Qigong-Übungen verstehen, und in diesen pandemischen Zeiten auch als wichtige Übungen der Vorbeugung, da sie ja auf sehr gezielte Art das Funktionieren unserer Atmung das der Organe und des Immunsystems verbessern können. Doch erst dann, wenn man die Übungen in den eigentlich gemeinten weiteren Hintergrund stellt, wird man ihren Gehalt erst wirklich zu verstehen beginnen. 

Und ich meine: dann werden sich die ganz persönlichen, konkreten, erwünschten Wirkungen auf die Gesundheit viel eher und tiefgehender einstellen.

Friday, May 8, 2020

Selbstmassage: der Houxi 後溪 – Akupunkturpunkt

Heute möchte ich eine weitere simple Massage vorstellen, die des Houxi 後溪 – Akupunkturpunkts.

Das ist ein überaus wichtiger Punkt, durch den vor allem den nachteiligen Auswirkungen auf den Körper entgegengewirkt werden kann, die durch eine sitzende Lebensweise entstehen. Wenn man längere Zeit in derselben Haltung verharrt, wie z.B. beim Lernen oder einem Job vor dem Computer, dann wird Druck auf den Dumai 督脉 (das Lenkergefäß – den zentralen Meridian, der vom Steißbein über die Mitte des Rückens bis zum Kopf verläuft) ausgeübt. Da der Dumai das Yang-Qi des ganzen Körpers regiert, wird durch eine statische Haltung mit den damit einhergehenden Verspannungen das Yang-Qi unterdrückt.

Dies wirkt sich mit der Zeit nicht nur auf die Wirbelsäule aus (der Mangel an Yang-Qi erlaubt einem nicht, sich aufrecht zu halten), sondern auch auf die Immunlage und die geistige Energie. Überanstrengung bei geistiger Arbeit entsteht in erster Linie aus der Beeinträchtigung und Unterdrückung des Yang-Qi.

Auch die Augen brauchen die Yang-Energie, eine Übermüdung der Augen oder Fehlsichtigkeit entwickeln sich dann, wenn das Yang-Qi die Augen nicht erreichen und nähren kann.

All diese Probleme können durch den Houxi-Punkt adressiert werden. Houxi ist der dritte Punkt des Dünndarm-Meridians. Er ist leicht zu finden, wie ich im Videoclip unten zeige: macht man eine lockere Faust, dann bildet sich auf der Kleinfingerseite der Faust eine kleine Spitze. Dort ist der Punkt.

Besonders wichtig bei Houxi ist, dass er der Verbindungspunkt zum Dumai (Lenkergefäß) ist, d.h. durch ihn kann das Yang-Qi des ganzen Körpers erreicht werden. Seine Funktionen sind vielfältig: Er zerstreut Wind-Hitze, leitet Herz-Feuer aus, entkrampft den Bewegungsapparat, öffnet den Dumai und macht ihn durchgängig, hilft bei Problemen der Hals- und Lendenwirbelsäule, schärft die Augen, klärt das Bewusstsein, stärkt das Yang.

Wenn man ihn regelmäßig stimuliert, bessern sich Probleme mit der Wirbelsäule und den Augen, man fühlt sich weniger gestresst, ärgert sich weniger und hat mehr geistige Energie zur Verfügung.

Die Massage ist leicht: die lockeren Fäuste mit der Kleinfingerseite gegeneinander schlagen. Locker, nicht zu fest. Immer wieder, wenn es einem einfällt, ein paar Minuten lang.


Thursday, May 7, 2020

Selbstmassage: Die Zehn Zerstreungspunkte (Shi Xuanxue 十宣穴)

Hier eine weitere sehr gute Massage zur Erhaltung der Gesundheit: Die Massage der Zehn Xuan-Punkte (shi xuanxue 十宣穴).

Xuan 宣 heißt auflösen, zerstreuen; man kann also übersetzen: die zehn Zerstreungs-, Auflösungs- oder Drainagepunkte. Wie bei den Ba-Xie-Punkten handelt es sich um Punkte außerhalb der Meridiane. Lokalisiert sind sie an den Fingerspitzen.

In den kurzen Videoclips unten zeige ich zwei einfache Arten, sie zu massieren: Indem man entweder mit den Fingerspitzen gegeneinander klopft oder indem man mit dem Daumennagel die Fingerspitzen eine nach der anderen drückt.

Dauer der Massage: am besten ein paar Minuten.

Regelmäßig im Alltag angewandt, hat diese Massage eine sehr gute regulative Wirkung auf das Qi. Ihre Funktion ist, Hitze zu klären, also heißes Qi, Feuer oder externe pathogene Faktoren auszuleiten und den Geist zu wecken.

Sie aktiviert den Fluss des Qi und schützt innerlich, öffnet den Körper aber auch nach außen. Immer dann, wenn es darum geht, Hitze oder Feuer auszuleiten, geht man ganz nach außen zu den Extremitäten, hier in diesem Fall zu den Fingerspitzen. In der alten Qi-Theorie wird ja auch beschrieben, dass die Finger- und Zehenspitzen der Ort sind, an dem das Qi der Natur in den Körper eintritt und sich dort zu einem immer mächtigeren Fluss entwickelt.

Hier sind die beiden Video-Clips:



Diese Massage kann auch gut mit der Massage der Ba-Xie-Punkte kombiniert werden.

Wednesday, May 6, 2020

Ein Rezept zum Nähren von Nieren-Qi und Blut

“Qi wei xue zhi shuai, xue wei qi zhi mu 气为血之帅血为气之母”. Übersetzt bedeutet das: „Das Qi ist der Kommandant des Bluts, das Blut ist die Mutter des Qi“.

Dies ist eine der grundlegendsten Lektionen, die ein TCM-Arzt lernen muss, um die wechselseitige Beziehung von Qi und Blut zu verstehen. Auf den ersten Blick ist das ein einfaches Konzept, das besagt, dass zuerst das Qi bewegt werden muss, um das Blut in Zirkulation zu bringen, und dass zuerst das Blut genährt werden muss, damit dass Qi genährt wird. In der Praxis erfordert es ein differenziertes Verständnis dafür, welcher Aspekt der Gesundheit eines Menschen zuerst behandelt werden muss, um Gleichgewicht zu erzeugen. Muss zuerst etwas bewegt, gelöst oder verteilt werden, um dann die Ressourcen aufzubauen? Oder ist zunächst vermehrt ein Nähren und Tonisieren notwendig, um die Aktivierung der Lebensprozesse zu ermöglichen?

Das sind die Fragen, die ein TCM-Arzt bei der Diagnose des Gesundheitszustands einer Person beantworten muss, um anschließend eine effektive Behandlungsstrategie für die Wiederherstellung des Gleichgewichts festzulegen. Im täglichen Leben, wenn wir versuchen, gesund zu bleiben und im Gleichgewicht, ist es immer wichtig, darauf zu achten, dass Bewegung und Nähren Hand in Hand gehen, ebenso wie Aktivität und Ruhe, auf physischer und auch auf mentaler Ebene.

Um das Yang-Qi der Niere zu tonisieren, ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin eine Strategie zum Nähren des essenziellen Yin-Aspekts des Organismus nötig, d.h. dass die Wirkung der Rezeptur in das Qi-System des Bluts eindringen muss. Man kann das Yang-Qi nicht auf einfache Weise stärken; vielmehr müssen die wärmenden, aktivierenden Aspekte einer Rezeptur für das Yang-Qi der Nieren durch tonisierende Substanzen für das Blut und das Yin-Qi ausgeglichen werden. Die folgenden beiden Rezepte der chinesischen Diätetik (eines mit Rindfleisch, eines vegetarisch) basieren auf dieser Strategie. Durch eine Kombination aus Zutaten, die das Blut nähren und das Qi bewegen – mit besonderem Fokus auf dem Nieren-Qi –, sind diese Rezepte für alle Altersgruppen und Gesundheitszustände geeignet.

Das traditionelle Rezept wird mit Rindfleisch zubereitet, das als wirkungsvollste „blutbildende“ Zutat gilt, um das Yang-Qi der Niere zu tonisiseren. Für Qigong-Praktizierende und in der TCM im Allgemeinen wird jedoch geraten, weniger Fleisch zu essen als im Zuge eines normalen westlichen Speiseplans. Dieses Rezept ist für zwei Personen mit nur 100 g Fleisch pro Portion.

Für alle, die sich strikt vegetarisch ernähren, entspricht ein Gericht mit schwarzen Bohnen, Grünkohl, Tofu, frischem Ingwer, Sesamöl, frischem Koriander, Gojibeeren, Soyasauce und Shaoxing-Wein (d.h. Reiswein oder Sherry) diesem Rezept (wobei Frühlingszwiebeln nicht dabei sind). Ich arbeite gerade an einem derartigen Rezept, hatte aber noch keine Zeit, es zu testen. Wer jedoch Erfahrung mit pfannengerührten Speisen hat, kann selbst mit der Zubereitung eines eigenen Tonikums für das Yang-Qi der Nieren experimentieren!

Rindfleisch, Frühlingszwiebel und Ingwer, kurz gebraten, zum Nähren von Nieren-Qi und Blut

Zutaten:

200 g Rindersteak (oder anderes mageres Rindfleisch), in sehr dünne Streifen geschnitten
5 Frühlingszwiebeln, in 5 cm lange Stücke geschnitten (weiße und grüne Teile)
30 g frischer Ingwer, geschält und in dünne Scheiben geschnitten
1 gehackte Knoblauchzehe
1 Esslöffel Gojibeeren (5 Minuten in kaltem Wasser eingeweicht)
2 Teelöffel schwarzer Sesam (ersatzweise weißer Sesam)
Öl zum Braten (Rapsöl oder anderes Speiseöl)

Marinade für das Rindfleisch:

Eine Prise Salz
½ Teelöffel Zucker
½ Teelöffel Sojasauce
½ Teelöffel frischer Ingwer, gerieben
1 Esslöffel chinesischer Shaoxing-Wein (oder trockener Sherry oder Weißwein)
1 Teelöffel Maisstärke
1 Esslöffel Pflanzenöl (Raps- oder Erdnussöl)

Gewürze:

Eine Prise Salz
½ Teelöffel Zucker
1 Esslöffel chinesischer Shaoxing-Wein (oder trockener Sherry oder Weißwein)

Zubereitung:
  • Alle Zutaten für die Marinade in einer Schüssel mischen, das Rindfleisch dazu geben, 15 Minuten marinieren.
  • Wok oder Pfanne stark erhitzen, 2 Teelöffel Öl hineingeben, warten, bis es zu rauchen beginnt. Rasch das Rindfleisch (ohne Marinade) hinzufügen und 30 Sekunden flott pfannenrühren. Das Rindfleisch aus der Pfanne nehmen und auf einen Teller geben. Überschüssiges Speiseöl abgießen.
  • Die Pfanne (oder den Wok) mit 1 Esslöffel Öl erhitzen und sobald es raucht schnell Frühlingszwiebeln, Knoblauch, Ingwer und Gewürze hinzufügen. Zügig rühren und ca. 1 Minute braten.
  • Das Rindfleisch wieder in den Wok geben, die Goji-Beeren und den schwarzen Sesam hinzufügen und bei starker Hitze 30 Sekunden pfannenrühren.
  • Herd abdrehen und sofort servieren.
Dieses Gericht wird am besten mit einer Beilage aus braunem Reis, Hirse, Amaranth oder Buchweizen serviert. Auch dunkelgrünes Gemüse wie einfacher, gedünsteter Grünkohl, Mangold oder Brokkoli eignet sich als Beilage. Die Beilagen vor dem pfannengerührten Gericht zubereiten.

Schwarze Sesamkörner und Goji-Beeren sind in der TCM ebenfalls spezielle medizinische Substanzen und werden üblicherweise in diätetischen Rezepten verwendet, die als Tonikum für das Jing- oder Essenz-Qi wirken. Wenn diese beiden Zutaten nicht erhältlich sind, kann man sie auch weglassen. Schwarzer Sesam kann durch normalen Sesam ersetzt werden, der ein gutes Tonikum für das Qi ist.

Tuesday, May 5, 2020

Selbstmassage - Ba Xie 八邪

Mit diesem Posting beginnen wir einfache praktische Methoden der Selbstmassage zu zeigen. Einfache und doch sehr spezielle Methoden, die Kerry und ich ursprünglich bei unserer Lehrerin Jia Laoshi 贾老师 in Beijing gelernt haben. Wie ich inzwischen gesehen habe, wurden auch im Rahmen der Coronavirus-Pandemie Patienten in den Spitälern in dieser oder ähnlichen Methoden unterrichtet.

Jia Laoshi meinte, diese simplen Massagen seien Teil daoistischen Trainings, und erklärte, dass solche Techniken dazu verwendet werden, das Qi der inneren Organe zu stärken und den Körper vor allem auf die Methoden des stillen Sitzens vorzubereiten. Für Kerry und mich fühlte es sich damals etwas eigentümlich an, den langen Weg nach China zu machen und dann während unseres ganzen Aufenthalts in Beijing mit Jia Laoshi fast ausschließlich solche äußerst einfachen Methoden zu praktizieren. Aber sie bestand darauf und meinte, dass diese für den Fortschritt im Qigong unabdingbar seien.

Wie es so oft ist, man lernt etwas und obwohl es eigentlich einfach ist und kaum Zeit in Anspruch nimmt, praktiziert man es kaum. So ging es jedenfalls mir. Erst nach einer ziemlichen Zeit habe ich diese Übungen wieder aufgenommen. Als ich dann versucht habe, mehr darüber herauszufinden, habe ich bemerkt, dass ähnliche Übungen generell in China als Teil der Gesundheitsvorsorge unterrichtet werden und dass sie auch Teil des Übungs-Repertoires bekannter Qigong-Schulen sind. Frau Guo Lins Finger- und Handübungen gehören zum Beispiel dazu. Diese sind Frau Jias Übungen sehr ähnlich, manche von uns kennen diese inzwischen, in Innsbruck habe ich sie schon unterrichtet.

Die meisten der Übungen, die ich hier in der WhatsApp-Gruppe zeigen will, sind Massage-Übungen durch Klopfen. Theoretisch gibt es nicht viel zu verstehen, man tut die Dinge einfach. Es braucht keine spezielle Vorbereitung, man kann dabei sitzen oder stehen. Natürlich ist es besser, den Oberkörper aufrecht zu halten. Locker bleiben, und nicht zu viel Kraft verwenden.

Hier heute die erste Übung. Massiert (durch Klopfen) werden insgesamt acht Akupunkturpunkte, die außerhalb der Meridiane liegen. Die Punkte heißen Ba Xie 八邪 - Die Acht Übel. Xie 邪 - Übel steht für Xieqi 邪气 krankheitsverursachendes Qi. Durch Massage der Punkte kann Xieqi aus dem Körper befördert werden. Konkret: Hitze wird geklärt, toxisches Qi, Wind, pathogenes Qi werden beseitigt, Schmerzen werden gelindert. (Toxisch, pathogen, Wind, Hitze, all dies sind keine Alltags- sondern TCM-Begriffe.) Auf konkrete Symptome, die durch diese Punkte behandelt werden, brauchen wir hier nicht einzugehen, unser Ansatz ist hier nicht therapeutisch, sondern die Punkte zu Regulation und Prävention einzusetzen und auch zur Unterstützung der Qigong-Praxis.


Die Punkte liegen zwischen den Knöcheln am Handrücken, wenn man eine lockere Faust macht, findet man sie am Übergang zwischen rotem und weißem Fleisch.

Die Massage erfolgt, indem man die Finger spreizt und die Hände mit verschränkten Fingern gegeneinander klopft. Nicht zu sanft klopfen, aber auch nicht zu hart, so, dass man den Impuls deutlich spürt.


Durch das Verschränken der Finger erreicht man 6 der acht Ba-Xie-Punkte, die restlichen zwei (zwischen Daumen und Zeigefinger) massiert man mit derselben Methode, indem man den Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger (hukou 虎口auf Chinesisch - Tigermaul) gegeneinander klopft.

Man schlägt mit den Händen 36x gegeneinander, oder 50x oder 100x. Die genaue Zahl ist nicht so wichtig

Das ist alles. Sehr simpel, sehr effektiv, man kann das einmal im Tag oder öfter machen, wann immer es einem einfällt. Wie immer, je regelmäßiger, desto besser.

Massage der Ba-Xie-Punkte - Video:




Monday, May 4, 2020

Tuna 吐納 - Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen

Hier noch weitere Informationen und Instruktionen, um die Übungen der Heilenden Laute korrekt und wirkungsvoll zu praktizieren.

Die Heilenden Laute gehören zu einer Art von Übungen, die auf Chinesisch Tuna 吐納 genannt werden. Tuna ist die Abkürzung für Tugu Naxin 吐故納新 – Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen, also Übungen zum Ausatmen und Ausstoßen der Aspekte des Qi, die alt sind, verbraucht, trüb, krank, und das Einatmen des unverbrauchten, lebendigen, gesunden Qi der Natur.

Die Geschichte dieser Methoden möchte ich hier nur kurz streifen, sie können jedenfalls, wie schon erwähnt, mehr als zwei Jahrtausende zurückverfolgt werden. Beim daoistischen Philosophen Zhuangzi 莊子 (4. Jh. v. Chr) finden sie Erwähnung, ebenso in den bei Mawangdui 馬王堆 ausgegrabenen medizinischen Texten (2. Jh. v. Chr.) , eine Passage im Laozi 老子 nimmt auf zwei der Laute Bezug, beim konfuzianischen Denker Wang Chong 王充 (27-100) werden sie ebenfalls angeführt. Und in den weiteren Jahrhunderten von der Jin-Zeit bis zu den Sechs Dynastien und der Tang-Dynastie wurden diese Übungen zu einem eigenständigen therapeutischen System weiterentwickelt.

- Teilweise in einem daoistischen Kontext: der schon mehrmals in anderen Postings angesprochene Tao Hongjing 陶弘景 und die Shangqing 上清 - Schule des Daoismus gehört dazu, aus dieser Tradition stammt auch der Klassiker des Gelben Hofes (Huangtingjing 黃庭經), auf den Hu Yin 胡愔, daoistische Priesterin und Ärztin, in ihrem eigenen Werk über das Tonisieren bzw. Reduzieren des Qi der Organe Bezug nimmt.

Einem Werk, das einen langen Titel trägt: Huangting Neijing Wuzang Liufu Buxie Tu 黃庭內景五臟六腑補瀉圖 (Karte des Stärkens und Reduzierens der Fünf Zang- und Sechs Fu-Organe gemäß der Schrift des Inneren Strahlens des Gelben Hofes). Hu Yin legt darin auf sehr nüchterne und klare Art therapeutische Prinzipien für die Übung der Heilenden Laute dar, Prinzipien, die auch heute noch befolgt werden. Und natürlich gehört auch der „König der Medizin“ erwähnt, der berühmte Daoist und Arzt Sun Simiao 孫思邈 (7. Jh.) mit seinem Werk Qianjin Fang 千金方 (Rezepte im Wert von Tausend Unzen Gold), in dem ebenfalls die Heilenden Laute behandelt werden.

- Teilweise in einem von vornherein medizinischen Kontext: dazu gehört das verlorengegangene Yangsheng Yaoji 養生要集 (Wesentliche Prinzipien zur Pflege des Lebens), dessen therapeutische Inhalte unter anderem von Chao Yuanfang 巢元方, Leibarzt des Kaisers und Direktor der Medizinischen Akademie des Hofes der Sui-Dynastie, im Jahre 610 in seinem monumentalen „Diskurs über Ursprünge und Symptome der Krankheiten“ übernommen wurden.

- Teilweise in einem buddhistischen Kontext: wie bei Zhi Dun 支盾 oder Zhi Daolin 支道林 (4. Jh.) und seinem Daolin Shesheng Lun 道林攝生論 (Diskussion über das Nähren des Lebens).

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt, ich will hier, wie gesagt, nicht detailliert auf die Geschichte der Übungen eingehen, sondern nur einen allgemeinen Eindruck vermitteln, dass wir es mit der Methode der Heilenden Laute mit einer schon vor 1500 Jahren weit verbreiteten Methode zu tun haben, die damals sowohl mündlich als auch schriftlich überliefert wurde.

In der Zeit von der Tang-Dynastie (7.-9.Jh) bis heute entstanden eine Vielzahl an weiteren Werken zu diesen Übungen, ich werde manche davon an anderer Stelle erwähnen.

Doch zurück zum Begriff Tuna „Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen“, um den es mir hier heute geht. Die Übungen der Heilenden Laute als Übungen zur Heilung und Stärkung der inneren Organe gehören zu dieser Kategorie von Qigong-Übungen, sie wirken genau durch dieses Prinzip.

Der Organismus stellt im chinesischen Verständnis ein komplexes Geflecht von Strukturen, Funktionen und Beziehungen dar, die mittels des Konzepts und der Theorie des Qi beschrieben werden. Die Übungen der Heilenden Laute machen nur vor diesem Hintergrund Sinn (auch wenn man tatsächlich beim Üben fast nichts über die Theorie wissen muss).

Beim Üben wird durch die Ausatmung Xieqi 邪气 (pathogenes Qi) aus den Organen und den entsprechenden Meridianen entfernt. Dies ist ein Prozess des Reduzierens oder Ausleitens – Xiefa 瀉法 auf Chinesisch. Man darf jedoch mit dem Reduzieren nicht übertreiben, während des Übens muss es mit der Methode des Stärkens oder Tonisierens - Bufa 補法 auf Chinesisch - ausgeglichen werden.

Das ist einer der Gründe, warum man die Laute nur denkt und nicht laut ausspricht. Sie laut auszusprechen wäre ein zu starker reduzierender Impuls. Dadurch würde man auf Dauer das Qi erschöpfen, was vermieden werden muss. Jedes Ausatmen braucht folglich den Ausgleich und die Ergänzung durch ein ruhiges und langes Einatmen.

Konkret: Man atmet ruhig und lange aus, während man sich einen der Laute vorstellt, und dann erfolgt eine ebenso ruhige und lange Einatmung. Nirgendwo in diesem Prozess des Aus- und Einatmens sollte man in Atemnot kommen oder physische Druckgefühle entwickeln. Wenn man das Gefühl hat, dass die Atmung nicht mehr gelöst und ruhig und einfach ist, dann ist es wichtig, innezuhalten und die Atmung zu regulieren (d.h. man lässt sie sich beruhigen und zu ihrem natürlichen Fluss zurückkehren), bevor man wieder weiter macht.

Dies ist einfach gesagt, doch braucht es Geduld und langes Üben, bis man dies auch nur so halbwegs zu verkörpern imstande ist. Doch tut man dies nicht, wird man bei den Übungen keine wirklichen Fortschritte machen können und die therapeutischen Wirkungen werden sehr an der Oberfläche bleiben.

Man kann es an den chinesischen Zeichen ablesen. Jedes chinesische Schriftzeichen enthält ein sogenanntes Radikal, ein Wurzelzeichen (unter dem es auch im Wörterbuch auffindbar ist – es gibt insgesamt 214 Radikale). Das Zeichen Tu 吐 (ausatmen) und auch die Heilenden Laute selbst schreiben sich alle mit demselben Radikal kou 口 (Mund). Am Zeichen erkennt man also, dass durch den Mund ausgeatmet wird.

Das Zeichen Na 納 (aufnehmen) hingegen schreibt sich mit dem Radikal si 糹, welches Seide bedeutet. Dieses Zeichen Seide ist von alters her vor allem im Daoismus mit der Vorstellung der Atmung assoziiert, einer Atmung fein und lang wie ein Seidenfaden.

Im 6. Kapitel des Laozi heißt es:

Xuanpin zhi men shi wei tiandi gen 玄牝之門是謂天地根 „Das Tor des dunklen Tierweibchens ist die Wurzel von Himmel und Erde.“ In einem der ältesten Kommentare zum Laozi merkt Heshang Gong 河上公, der Alte vom Flussufer, dazu an: „Wurzel heißt Ursprung. Durch das Tor von Nase und Mund kommt und geht der mit Himmel und Erde verbundene Atem des Ursprungs.“

Mian mian ruo cun 綿綿若存 „Seidenfaden um Seidenfaden, wie anwesend“, heißt es weiter bei Laozi. Heshang Gong vermerkt hierzu: “Der durch Nase und Mund fließende Atem soll fein sein wie Seide, so wie anwesend und doch nicht anwesend. Also so fein, dass man nicht erkennen kann, ist da ein Faden oder nicht.“

Yongzhi buqin 用之不勤 „Verwendet es ohne Mühe”, so schliesst Laozi das Kapitel. Und Heshang Gong spricht es klar aus: “Auf freie und gelöste Art und Weise soll der Atem verwendet werden, nicht hastig und bemüht.”

Ich habe anderntags gemeint, dass wir mit den Heilenden Lauten noch ganz am Anfang sind. Wir kennen jetzt die Bewegungen und die Laute, aber sie zu kennen, heißt ja nur, dass man endlich zu praktizieren beginnen kann. Auf lockere, etwas schlampige, entspannte Art und Weise. Das ist vorerst einmal das Wichtigste.

Doch gibt es mit der Zeit noch vieles Notwendige zu ergänzen. Dies werde ich in der nächsten Zeit tun. Ergänzen in Bezug auf die Bewegungen, die Laute, die Mundpositionen, die Reihenfolge der Laute, mögliche Abwandlungen der Übungen und die Atmung selbst.

Was ich oben gesagt habe, klingt simpel, ist aber eines der wichtigsten und wesentlichsten Dinge:

Während des Übens sollte sich die Atmung möglichst frei anfühlen. Wenn man das Gefühl hat, dass es in der Brust oder beim Zwerchfell drückt, oder wenn man sich bemühen muss, die Atmung hinzukriegen, oder man nur ein paarmal ruhig atmen kann und dann plötzlich kommt ein starker Einatem-Reflex, dann atmet man noch nicht richtig. All dies zeigt, dass man noch zu sehr unter Spannung steht und zu sehr im absichtlichen Tun ist. Doch die nötige Resonanz in den Organen und den zugehörigen Meridianen stellt sich erst dann ein, wenn der Körper gelöst ist, die Atmung frei und ohne Mühe erfolgt und wenn man sich in einem Zustand der inneren Ruhe und Stille befindet.

Um all dies allmählich zu erreichen, ist es in erster Linie wichtig, immer wieder Pausen zu machen, Pausen, die dazu dienen, dass sich der Atem beruhigen kann, man bewusst dort loslassen kann, wo durch das Üben Spannungen entstanden sind, und man die nötige Ruhe nicht verliert.

Man kann sich mit allem Zeit lassen. Je ruhiger und entspannter man ist und je selbstverständlicher und freier die Atmung sich anfühlt (und daran bemisst man es: am eigenen Gefühl, an der eigenen Wahrnehmung), desto mehr werden sich die Wirkungen der Übungen auf die Organe und damit auf das Qi des ganzen Organismus einstellen.


Saturday, May 2, 2020

Rujing 入靜 - Versenkung in die Stille

Hier ein paar Bemerkungen zu Rujing, zur Versenkung in die Stille während des Übens. Im Qigong dreht sich alles um die Stille. Qigong zu üben, heißt zu lernen, dass das Qi der Stille entspringt bzw. durch Stille zu seiner natürlichen Ordnung zurückfinden kann. Demgemäß stellt die Versenkung in die Stille – Rujing –einen der zentralen Inhalte des Qigong dar. Ru 入 bedeutet eintreten, Jing 静 bedeutet Ruhe oder Stille. Um die innere Ruhe und Stille zu erreichen, verwendet man spezielle Methoden, bestimmte Haltungen, das Regulieren des Atems, bestimmte Atemtechniken, die Rezitation von Worten oder Formeln, die Konzentration auf Bewegungsabläufe oder auf Körperbereiche wie z.B. das Dantian, den Blick auf die Nasenspitze wie in Zhu Xis Betrachten des Atems usw. usf.

All diese Methoden ordnen und beruhigen das ungeordnete Fluktuieren der Gedanken, und sie entspannen, körperlich und geistig. Schon einen nur leicht vertieften Ruhezustand erlebt man als angenehmen Zustand höherer innerer Ordnung. Wird man durch regelmäßige Übung fähig, tiefer in die Stille einzutreten und für länger darin zu verweilen, dann können auch besondere Wirkungen hervorgerufen werden. Vorbeugung oder Heilung von Krankheiten gehören dazu, aber auch eine bessere Konzentrationsfähigkeit, kreativeres Denken oder ein stabiles emotionales Gleichgewicht werden durch die Stille gefördert.

Ob man schnell oder langsam ruhig zu werden vermag, ob tief oder nur oberflächlich, hat damit zu tun, wie man mit Übungen umgeht, und mit der Zeit, die man dem Üben widmet. Das Eintreten in die Stille als die Fähigkeit zur geistigen Sammlung fällt ja nicht jedem leicht, in erster Linie braucht es Geduld und vor allem Regelmäßigkeit. Es fällt einem wahrscheinlich leichter, wenn man versteht, dass das Eintreten in die Stille immer in direktem und engem Zusammenhang steht mit den möglichen positiven Ergebnissen der Qigong-Praxis. Eine tiefe Versenkung in die Stille bedeutet hohe therapeutische Wirksamkeit, nicht still werden zu können, heißt weniger gute Wirkungen.

Es ist generell besser, sich an nur wenige Qigong-Übungen zu halten. Jede Qigong-Übung, die ihren Namen verdient, hat therapeutische und andere vorteilhafte Wirkungen, welche sich jedoch erst langsam im Verlauf des Übungsprozesses einstellen, und nur dann, wenn man sich nicht auf Äußerlichkeiten konzentriert. Durch Übungen wird das Qi bewegt und reguliert, selbst durch ein simples Ausführen der Bewegungen, doch der eigentliche Gehalt und die eigentliche Wirkung entfalten sich dann, wenn man die Ruhe in der Bewegung findet. Und genau dazu sind Qigong-Übungen da, einen die Ruhe in der Bewegung entdecken zu lassen. Dort, in der inneren Ruhe regeneriert, reguliert und ordnet sich das Qi von selbst.

Man kann natürlich mehr als eine Übung zugleich üben (dies gilt für Qigong-Übungen in Bewegung), doch viele Übungen zu üben heißt, dass sich Wirkungen langsamer einstellen. Und bei der Qigong-Meditation darf man sich ohnehin nur an eine Methodik halten. Im Rahmen dieses „pandemischen Projekts“ haben wir jedenfalls mit den Übungen der Heilenden Laute und dem Sitzen in Stille eine potentiell sehr wirkungsvolle Übungspraxis. Und je mehr man sich in diese vertieft, desto mehr wird man ein Gefühl für die Übungen entwickeln, auch ein Verständnis für die Übungsdetails entwickeln, und die Wirkungen werden sich einstellen. Mit der Zeit, nach langer Praxis, wird man bemerken, dass sich das Qi anders verhält als am Anfang, und man wird Bewegungen des Qi wahrnehmen, die man vorher noch nie zuvor gespürt hat.

Vertiefen heißt schlicht und einfach regelmäßig tun. Mamahuhu de ku lian 馬馬虎虎得苦練 sagt man auf Chinesisch, nachlässig und ungenau fleißig üben (ich übersetze hier wörtlich, nicht dass es nötig wäre, aber so bleibt einem dieser wichtige Satz leichter im Gedächtnis: Auf Pferd-Pferd-Tiger-Tiger-Art bitter üben).

Während der unzähligen Seminare in den zehn Jahren, in denen ich für Prof. Cong übersetzte, kam dieser Satz wieder und wieder: Nachlässig üben und ungenau! Nur dann kann sich das Qi auf ausgewogene Art entfalten. Wenn Prof. Cong Fragen zur Übungspraxis beantwortete oder mit mir Probleme besprach, die Seminarteilnehmer beim Üben hatten, war dies meist sein Resümee: „Yong yi tai zhong 用意太重 - Zuviel Genauigkeit, zuviel Konzentration, zuviel Denken, zuviel Ehrgeiz, zuviel Wünschen und Wollen.“ Was gleichbedeutend ist mit: Man versucht das Qi zu kontrollieren anstatt auf die natürliche Tendenz des Qi zur Ordnung zu vertrauen. Natürlich braucht man Übungen, um das Qi zu wecken, zu bewegen und zu regulieren, doch ist wichtig, dann „der Schlange keine Beine zu machen“ (um eine chinesische Redensart anzuführen), also zu übertreiben und Unnötiges, Unnatürliches hinzuzufügen.

Wirkungen entstehen aus dem Eintreten in die Stille, alles was diese unterbricht, stört die Regulation des Qi. Dieses Unterbrechen und Stören der Regulation ist der häufigste Grund, warum manche selbst nach Jahren und Jahren der Praxis kaum Fortschritte machen. Einfach zu tun, ohne viel über die Übungen zu reflektieren, ist ein ebenso wichtiger Aspekt des Eintretens in die Stille wie das Beruhigen der Gedanken. Bei Prof. Cong habe ich gelernt, wie wichtig das ist. Ein erfahrener Qigong-Lehrer kann bei jedem Schüler erkennen, ob er durch Denken versucht, einen Prozess zu kontrollieren, der in erster Linie auf der Aufgabe von Kontrolle beruht, und damit das Qi und dessen Wirkungen blockiert.

Ich belasse es heute bei dem. Anderntags mehr zu diesem Thema, das ich ja schon zu Beginn angeschnitten habe, beim „wahren Qi, das der Leere entspringt“, ein Thema, zu dem es noch sehr viel zu sagen gibt und das im Zentrum einer jeden Qigong-Ausbildung stehen sollte.

Friday, May 1, 2020

Wogu 握固 - Greifen und Festigen

Eine Frage, die mir gestern gestellt wurde, hat mich zu diesen paar Bemerkungen über ein Bewegungsdetail unserer Heilenden-Laut-Übungen motiviert.

Es geht um die Fäuste, die für einen kurzen Moment gemacht werden, während man einatmet und die Hände zu den Hüften bringt.

Die Fäuste werden nämlich so geformt, dass die Daumen innen sind und locker von den anderen Fingern umschlossen werden. Für einen kurzen Moment. (In den ersten Videos war mir die Situation beim Filmen neu, und ich musste mich auf zu viele Dinge konzentrieren, die mit dem Qigong selbst nichts zu tun hatten, dementsprechend war ich abgelenkt und habe manchmal vergessen, die Daumen zu umgreifen.)

Diese Handhaltung heißt wogu 握固 - Greifen und Festigen und stellt eine sehr alte, oft verwendete daoistische Gesundheitsmethode dar. 

Schon im Daodejing des Laozi wird die Handhaltung erwähnt. Dort heißt es vom Neugeborenen: Seine Knochen sind wohl schwach und seine Sehnen weich, doch vermag es fest zu greifen (wogu).
Ge Hong, berühmter Daoist der Jin-Dynastie, beschreibt in seinem Werk Baopuzi (Der den unbehauenen Block umarmende Meister) die Methode des "Festen Greifens und des Bewahrens des Einen - wogu shouyi 握固守一". 

Chao Yuanfang, Hofarzt der Sui-Dynastie, erwähnt die Handhaltung im Zhubing Yuanhoulun (Diskussion von Ursprung und Symptomen der Krankheiten): "Die Hände fest halten wie die eines Babys und das Qi nicht entkommen lassen." 

Das Greifen kann unser aufrechtes Qi stärken, sodass es pathogenem Qi von außen widerstehen kann. "Gibt es das aufrechte Qi im Inneren, kann pathogenes Qi nicht eindringen", heißt es im Inneren Klassiker des Gelben Kaisers. 

Auch im heutigen Qigong wird diese Methode noch verwendet und hochgeschätzt, da sie einfach und sehr effektiv ist:

Auch wenn man draußen unterwegs, bei kaltem, feuchten nebligem Wetter, kann man die Fäuste schließen, um das Zheng-Qi (das aufrechte Qi) zu schützen, oder auch in einer Umgebung, in der man potentiell Krankheitserregern ausgesetzt ist. 

Die Handhaltung festigt und schützt Nieren-Qi, Nieren-Jing und Nieren-Wasser, sie nährt das Yin, senkt das Feuer, und sorgt für bessere Zirkulation von Qi und Blut. Das Yang-Jing wird gestärkt, darum kann man auch in kaltem Winterwetter mittels „Greifens und Festigens“ die Füße wärmen. 

Es ist die Fülle des Leber-Qi, die dem neugeborenen Baby ermöglicht, weich zu sein und doch einen festen Griff zu haben. Leber und Niere haben in der Chinesischen Medizin „denselben Ursprung“, darum kann diese spezielle Faust sowohl beruhigen (was mit den psychischen Qi-Funktionen von Lunge und Leber zu tun hat) als auch die Nieren stärken.

Wednesday, April 29, 2020

Heilende Laute - Übung für die Niere

In der Traditionellen Chinesischen Medizin hat die Niere als Organ (Shen Zang 肾脏) eine einzigartige Stellung, da sie sowohl die Yin 阴-Basis der substanziellen Existenz darstellt als auch die grundlegende Yang 阳-Antriebskraft der aktiven Existenz, d.h. aller Lebensaktivitäten.

Die wichtigste Yin-Funktion des Nieren-Qi ist, dass es das Jing 精, d.h. das Essenz-Qi, enthält bzw. speichert, das der Mensch im Moment der Zeugung erwirbt und das ausschlaggebend ist für sein Entwicklungspotenzial auf allen Ebenen. Dieses Essenz-Qi ist ein Erbe der Vorfahren; es entfaltet sich langsam während des ganzen Lebens, besonders deutlich aber bei entscheidenden Lebensereignissen wie Geburt, Pubertät oder bei Beginn und Ende des weiblichen Menstruationszyklus‘ (in der chinesischen Medizin werden diese als „Tore“ verstanden, die man zu bestimmten Zeiten des Lebens durchschreitet).  Das Jing determiniert die Fähigkeit eines Menschen, physische oder psychische Traumata zu verarbeiten und auch die Art und Weise, wie man altert und bei schwindenden Ressourcen würdevoll den Alterungsprozess bis hin zum Tod durchlebt. Es zeigt sich sowohl in der Yin-Substanz als auch in der Yang-Funktion: im physischen Körper als Stärke der Knochen, als Funktionieren von Gehirn und Nervensystem, als Schärfe des Gehörs und als Fähigkeit zur Fortpflanzung. Mental und physisch ist es die Antriebskraft, der Funke, um Ideen und körperliche Bewegung in Gang zu setzen, um zu arbeiten, Kinder zu zeugen, künstlerisch tätig zu werden usw.

Wie ich bereits im Text über die Methode für das Milz-Qi erwähnt habe, ist die Milz die Grundlage der erworbenen Gesundheit, die Milz verarbeitet die Nahrung, die für das tägliche Überleben notwendig ist, das Yang-Qi der Milz transformiert die Nahrung in verschiedene Aspekte der täglich benötigten Qi-Energie. Es ist jedoch das zugrunde liegende, essenzielle Yang-Qi der Nieren, das das Qi der Milz (und aller anderen Organe) „zündet“ und sie dazu motiviert, ihre Funktion auszuüben. Aus diesem Grund wird das Yang der Niere auch als Xiang Huo 相火, als „Minister-Feuer“ bezeichnet – es stellt das Feuer dar, das es braucht, um während der gesamten Lebenszeit alle Funktionen am Laufen zu halten und die verschiedenen Qi-Funktionen zu motivieren, die in der Zeit zwischen zwei Herzschlägen, zwischen dem Ein- und Ausatmen, geschehen. Es ist nicht nur die Antriebskraft für diese Funktionen, sondern es ermöglicht auch, dass Dinge zur Reife kommen, dass sich Zyklen von Aktivitäten vollenden und dann wieder neu beginnen können, immer und immer wieder. 

Die Qualität und die Quantität des Jing sind endlich, vorbestimmt zum Zeitpunkt der Zeugung, und es ist nicht ersetzbar. Der Fokus aller traditionellen chinesischen Gesundheitspraktiken, wie Medizin, Qigong, Kampfkünste und sogar der Religion, ist es, das Essenz-Qi zu bewahren und es nicht zu vergeuden. Das Ziel ist ein reicher Vorrat an Jing für den Fall, dass es notwendig wird, auf alle Ressourcen zurückzugreifen, um extreme* Situationen oder Krankheiten zu überstehen. Das Jing wird im Laufe des Lebens langsam und von selbst verbraucht; es durch extreme Verhaltensweisen oder Gewohnheiten zu verschwenden, bedeutet, die Lebenszeit und/oder -qualität zu beeinträchtigen.

Obwohl das Jing nicht reproduzier- oder ersetzbar ist, kann man es mit einem großzügigen Vorrat an Qi stärken und absichern; Qi, das man sich durch Atmung, Ernährung, Übungen, Schlaf und - am wichtigsten – durch eine Beruhigung der überaktiven Geistestätigkeit erwirbt. So sorgen normale, tägliche Gewohnheiten einerseits für gesunde Organe, feste Muskulatur und eine gute Energieversorgung; sie sind andererseits aber auch dafür verantwortlich, ob oder ob nicht das vorhandene Reservoir an Essenz-Qi angezapft werden muss. 

Die Methoden der Heilenden Laute sorgen in jeder Lebensphase für ein besseres Gleichgewicht. Der spezielle Schwerpunkt der Methode für das Nieren-Qi ist das Zusammenziehen der Qi-Kraft an dem Ort, wo es gebraucht wird: im Bereich des Dantian 丹田 und der Nieren, wo das Jing gespeichert wird, und im unteren Rücken, wo sich das Mingmen 命门, das „Lebenstor“ öffnet und den Yang-Qi-Fluss der Nieren in den tiefsten Schichten des Körpers stimuliert. Es hilft dabei, „überschüssiges Feuer“ von oben (von Herz und Geist) nach unten zu bringen und „überschüssige Kälte“ (aufgrund eines schwachen Yang-Qi der Milz oder eines generellen Erschöpfungszustandes) unten aufzuwärmen.

Ein Hinweis zum Abschluss: Um all das zu erreichen, ist es notwendig, die Methoden der Heilenden Laute für das Qi regelmäßig zu üben, auf entspannte Art und Weise, in positiver Stimmung, mit ruhigem Geist und sanfter, feiner Atmung. Und die Methode für das Nieren-Qi sollte ganz besonders entspannt geübt werden. Es ist wichtig, das Qi nicht zu erschöpfen, während man versucht, es aufzubauen. Dies bedeutet auf natürliche Weise, ohne geistige oder körperliche Anspannung, zu üben, bei der sinkenden Bewegung (wenn man in die Knie geht) und auch nicht bei Dauer und Häufigkeit der Ausführung der Übung die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten. Das bringt Freude am Üben und den größten Nutzen!

* "Extrem" ist in der TCM alles, was die Gesundheit aus dem Gleichgewicht bringen kann: äußere Umstände oder Krankheitserreger, innerer Druck oder Begierden, unangemessene oder übermäßige Nahrungsaufnahme, Sport, Arbeit oder sexuelles Verhalten. Es betrifft außerdem auch alles, das zu plötzlich, zu stark oder zu lang anhaltend auftritt (wie Wetter, Viren, erzwungener Isolation usw.).

Tuesday, April 28, 2020

TCMconnect online - TCM-Beratung in besonderen Zeiten

Seit heute ist TCMconnect online, eine Initiative meines Studienkollegen MMag. Erich Stöger, Sinologe und Pharmazeut, zusammen mit den österreichischen Gesellschaften für TCM und dem Dachverband für TCM & verwandte Gesundheitslehren Österreichs, die sich zusammengeschlossen haben, um TCM-Unterstützung in pandemischen Zeiten anzubieten.

Dass die TCM auch bei uns in der Pandemie eine wichtige Rolle spielen könnte, habe ich ja schon öfter thematisiert. Bei all der Arbeit, die der Blog macht, komme ich leider gar nicht nach, die vielen Daten aus China zu sichten und zusammenzufassen, die die erfolgreiche Rolle der TCM sowohl bei der Vorbeugung als auch der Behandlung von COVID-19 dokumentieren, und mehr darüber zu berichten.

Jedenfalls ist dies eine wichtige und sehr sinnvolle Initiative zur Hilfe und Unterstützung für COVID-Patienten und Menschen aus den Risikogruppen. Die Pandemie ist bei uns zur Zeit ja unter Kontrolle, doch alles kann sich sehr schnell wieder ändern, und leider gehört die TCM trotz ihrer dokumentierten Erfolge nicht zu den therapeutischen Modalitäten, die in der Pandemiebekämpfung zum Einsatz kommen. In Österreich nicht, wie es konkret in den Nachbarländern aussieht, weiß ich nicht. In Italien war es zumindest so, dass das von China nach Italien entsandte Ärzteteam ­- es war das erste Mal, dass China auch TCM-Spezialisten ins Ausland schickte, um bei der Bekämpfung von COVID-19 zu helfen - die italienischen Mediziner von den Vorbeuge- und Behandlungsstrategien der TCM, durch Kräutermedizin, Akupunktur, Massage und Qigong, informierten, wie Zhang Boli berichtet, Rektor der Tianjin Universität für Traditionelle Chinesische Medizin, Leiter eines des nach Wuhan entsandten TCM-Teams und einer der wichtigsten TCM-Experten in der Pandemiebekämpfung.

„Die Kombination von TCM und westlicher Medizin hat zu bedeutenden Erfolgen bei Chinas Bemühungen zur Bekämpfung der Epidemie geführt“, betont Yang Junchao, Vizepräsident des Provinz-Spitals für TCM Zhejiang und einer der beiden TCM-Experten im nach Italien gereisten Ärzteteam. „Wir werden Chinas Erfahrungen in der Bekämpfung der Epidemie an Italien weitergeben."

Viele im Ausland lebende Chinesen nutzen die TCM zu COVID-19-Vorbeugung und auch zur Behandlung. Ein Beispiel: Im Landkreis Wencheng in Wenzhou in der Provinz Zhejiang, (von dort kommen sehr viele der in Österreich lebenden Chinesen) hat 40 WeChat-Gruppen eingerichtet, um Gesundheitsberatungsdienste für Auslandschinesen anzubieten, die aus dem Landkreis stammen. Jede WeChat-Gruppe hat fast 500 Mitglieder. (WeChat ist die am meisten genutzte Social-Media-App in China, ohne WeChat geht in China gar nichts.)

In jeder der WeChat-Gruppen gibt es einen TCM-Arzt, und alle Chinesen aus Übersee aus dem Landkreis Wencheng können in den WeChat-Gruppen um ärztliche Beratung bitten. Die Mitglieder der WeChat-Gruppen können ihre Symptome beschreiben, auch Ergebnisse von Labortests sowie Bilder des Zungenbelags hochladen und ärztlichen Rat einholen, der sowohl auf TCM als auch auf westlicher Medizin basiert.

Ein anderes Beispiel: Die Vereinigung der heimgekehrten Überseechinesen in der ostchinesischen Provinz Jiangsu hat die Online-Ordination des TCM-Spitals der Provinz Jiangsu eingerichtet, zur Unterstützung der im Ausland wohnhaften Chinesen und des weltweiten Kampfs gegen die Pandemie.

Laut Wu Wenzhong, Vizedirektor des Provinz-Spitals für TCM der Provinz Jiangsu, ist die Telefonnummer der Online-Ordination inzwischen zu einer internationalen Hotline geworden, da immer mehr Patienten Videoanrufe aus anderen Ländern tätigen, um medizinische Beratung für COVID-19 zu suchen.

Und es gibt noch viele weitere Beispiele. Auch aus Europa: In Budapest wird seit Ende Februar von einem chinesischen Arzt in zwei Budapester Bezirken täglich kostenlos Kräutermedizin zur Verfügung gestellt. Die Rezeptur basiert auf den Richtlinien für die TCM-Diagnose und –Behandlung der Neuen Coronavirus-Pneumonie, die von der Chinesischen Nationalen Gesundheitskommision veröffentlicht wurde.

Und jetzt gibt es bei uns in Österreich die TCMconnect-Initiative. Sie bietet Beratung und Behandlung durch TCM-Ärzte an, Konsultationen erfolgen über Videoschaltung, TCM-Heilmittel, falls benötigt, können durch mit der Plattform verbundene Apotheken zum Patienten nach Hause geliefert werden, und man kann sich auch zur Teilnahme an einer Anwendungsbeobachtung melden, was die Behandlungskosten reduziert.

Die Plattform ist seit heute online.

Genaueres auf der Website. Hier der Link: TCMconnect online

Weiteres zu den Sechs Heilenden Lauten

Zu den Sechs Heilenden Lauten gibt es noch sehr viel zu sagen. Wie ich schon in einem der früheren Beitrag erwähnt habe, ist es eine sehr alte Tradition. Im 6. Jahrhundert beim daoistischen Meister Tao Hongjing 陶弘景 wurde diese Tradition schriftlich formuliert, darüber hinaus sind diese Übungen auch noch in einer Reihe anderer alter Werke verzeichnet, unter anderem im Zhubing Yuanhoulun 諸病原候論 (Diskussion von Ursprung und Symptomen der Krankheiten) von Chao Yuanfang 巢元方, Hofarzt des Kaisers der Sui-Dynastie (581-618) und Vorstand der Medizinischen Akademie am Kaiserhof.

Prof. Lin Zhongpeng 林中鵬 in seinem systematischen Qigong-Unterricht im College for Advanced Qigong Studies in Beijing hat sich viel auf dieses Werks bezogen und mich immer wieder auf dessen Wichtigkeit aufmerksam gemacht, da es nicht nur die Ätiologie und Symptomatik der damals bekannten Krankheiten zum Inhalt hat, sondern auch einen Leitfaden zur Therapie darstellt, einer Therapie, die wie nie vorher und nachher im imperialen China ausschließlich mittels Qigong-Methoden erfolgte.

- Kurze Nebenbemerkung: Das College for Advanced Qigong Studies war für fast 20 Jahre die entscheidende und auch die einzige unabhängige (d.h. soweit in China möglich außerhalb des Einflusses der kommunistischen Partei stehende) Institution zur Ausbildung von Qigong-Spezialisten. Es wurde 1989 geschlossen, im Jahr, in dem Qigong in China aufgrund politischer Gründe de facto verboten wurde. -

Nicht nur im Zhubing Yuanhoulun des frühen 7. Jahrhunderts findet man die Sechs Laute, Methoden zur Elimination von Krankheiten mittels Lauten findet man sieben Jahrhunderte früher auch bei Zhuangzi 莊子 erwähnt, es finden sich zwei der Laute im Daodejing 道德經 des Laozi 老子 (spätestens 4. Jahrhundert v. Chr.) wie auch in zweien der alten Kommentare zum Buch des Laozi (dem des Heshanggong 河上公, des Alten vom Fluss und dem Xiang’Er 想爾), im Yinshu 引書 (dem Buch des Streckens), einem Manuskript aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert, werden therapeutische Laute erwähnt, und auch im Quegu shiqi 卻穀食氣 (Enthaltung von Getreide und Einnahme von Qi), einem der bei den Ausgrabungen von Mawangdui 馬王堆 entdeckten Texte, ebenfalls aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert. Und das sind bei weitem noch nicht alle Quellen.

Dies ist einer der für unser Verständnis wichtigen Punkte: diese Methoden sind keine Methoden daoistischer Meditation, sondern sie sind und waren immer therapeutische Methoden. Sie wurden über mehr als zwei Jahrtausende tradiert, auf verschiedene Weise systematisiert und sind bis heute Teil der daoistischen als auch der buddhistischen Tradition, Teil des Qigong und auch Teil der nicht-medikamentösen Methoden der Chinesischen Medizin.

Nan Huaijin 南懷瑾, einer der berühmten traditionellen Lehrer des letzten Jahrhunderts, der neben Buddhismus auch daoistische Gesundheitstechniken unterrichtete, drückt es in einem seiner Vorträge sehr simpel aus: „Unterschätzt die Methode der Sechs Wunderbaren Tore (so nennt er die Heilenden Laute) nicht. Wenn man sich unwohl fühlt, verhilft einem diese Methode zu Wohlsein. Und wenn man die Methode wirklich meistert, wird man sich einer hervorragenden Gesundheit erfreuen und kaum mehr erkranken. Diese Laute sind äußerst wirksam.“

Ich werde in der nächsten Zeit noch einiges dazu schreiben, bis jetzt sind wir mit den Übungen ja erst ganz am Anfang. Doch obwohl ganz am Anfang, können wir uns doch allmählich in den Bewegungsabläufen zurechtfinden, auch die Laute kennen wir nun (zu denen gibt es noch viel zu sagen), und man kann zumindest einmal beginnen zu üben. Die eigene Praxis und Erfahrung ist immer sehr wichtig, auch ganz am Anfang, sie ist die Basis, um im Weiteren überhaupt etwas zu haben, das man vertiefen kann, und um mit vertiefenden Inhalten etwas anfangen zu können.

Hier abschließend noch ein traditionelles Lehrdicht für die Sechs Laute:

Der Gesang zur Vertreibung der Krankheiten in den vier Jahreszeiten (四季祛病歌 Siji qubing ge).

Ich habe die Laute so hineingeschrieben, wie wir sie zur Zeit üben (und wie gesagt, die Laute und ihre Aussprache, das ist noch ein ganz eigenes Thema für die Zukunft).

春噓明目木扶肝
夏至呵心火自閑
秋呬定收金肺潤
腎吹惟要坎中安
三焦嘻卻除煩熱
四季常呼脾化餐
切忌出聲聞於耳
其功尤勝保神丹

Im Frühling atme hsü für klare Augen, sodass das Holz die Leber stützt,
Trifft der Sommer ein, so atme ha, damit das Feuer des Herzens sich beruhigt,
Im Herbst atme heeii, das Metall zu sammeln und die Lungen zu befeuchten,
Für die Nieren atme tsuei zur Befriedung des Wassers.*
Das hsi des Dreifachen Erwärmers vertreibt bedrückende Hitze,
Zu allen Jahreszeiten atme oft hu, sodass die Milz die Nahrung transformiert.
Vermeide unbedingt, laut auszuatmen, die Ohren dürfen den Atem nicht hören.
Hervorragend ist diese Übung, sie bewahrt das göttliche Elixier.

*wörtlich : zur Befriedung von Kan. Kan 坎 ist eines der Acht Tigramme des Buchs der Wandlungen, bedeutet Wasser und ist mit den Nieren assoziiert.

Monday, April 27, 2020

Heilende Laute - Übung für die Nieren

Hier ist die nächste der Heilenden-Laut-Übungen, mit dem Laut für die Nieren bzw. das Nieren-Qi.

Wie auch bei den anderen Übungen: Durch den Mund ausatmen, der Laut wird nur vorgestellt.

Der Laut für die Niere ist: Tschuii. In der modernen chinesischen Umschrift wird der Laut chui geschrieben und tschue-ii ausgesprochen, die alte Aussprache ist mehr tschue-iii. Die drei iii heißen einfach, dass man den vorgestellten Laut länger ausdehnt.

Wenn man alle der Heilenden-Laut-Übungen zusammen übt, dann in folgender Reihenfolge:

Lunge - Leber - Milz - Niere - Herz - Dreifacher Erwärmer


Friday, April 24, 2020

Das TCM-Konzept der Feuchtigkeit (Shi 湿)

Wir werden hier noch ein wenig mehr das Thema Feuchtigkeit (Shi 湿) behandeln, da es für die Gesundheit so ungemein wichtig ist. Covid 19 wird als Wärmekrankeit wenyi 瘟疫 eingestuft, beim pathogenen Qi von Covid 19 handelt es sich um ein Feuchtigkeits-Toxin (shidu 湿毒). Um sich zu schützen, ist es vor allem wichtig zu verstehen, was Feuchtigkeit verursacht, und damit versteht man dann auch, wie man sie allmählich reduzieren kann.

In der chinesischen Medizin sagt man:

Qian han yi chu, yi shi nan qu 千寒易除一湿难去 - Tausendfache Kälte kann man leicht loswerden, doch von einfacher Feuchtigkeit kann man sich schwer befreien.

Die Hauptgründe für Feuchtigkeit sind:

• Bewegungsmangel und übermäßiges Sitzen verlangsamen den Qi-Fluss und führen auf lange Sicht zur Erschöpfung des Yang, so dass der Körper Feuchtigkeit nicht auf natürliche Weise loswerden kann.

• Unzureichender Schlaf. Wenn man den ganzen Tag beschäftigt ist, keine Pausen macht, Abend mit Aktivitäten füllt und zu wenig schläft, dann wird das Qi der Milz erschöpft und es beginnt sich Feuchtigkeit anzusammeln.

• Wenn man zu viel oder alles isst, nach Lust und Laune, und eine Tendenz zu starken Geschmäckern hat, dann beeinträchtigt dies die Funktion von Milz und Magen und verursacht Feuchtigkeit.

• Übermäßige Konzentration, den ganzen Tag am Computer sitzen, ständig geistig beschäftigt und am Denken sein, all dies ist auch eine Belastung für Milz und Magen und schwächt das Milz-Qi.

• Ängste, Sorgen und emotionaler Stress wirken auf das Qi wie jedes andere Trauma, erschöpfen die Jing-Essenz und bringen die Antriebskraft der Nieren aus dem Gleichgewicht. Das Nieren-Yang muss dann überbeansprucht werden, um das Yang der Milz zu unterstützen.

• Übermäßiges Trinken von Alkohol erzeugt Feuer und stört die Regulierung des gesamten Organismus.

Alle oben genannten Dinge, in normalem Ausmaß und in der Routine eines normalen täglichen Lebens, bringen einen gesunden Menschen nicht unbedingt aus dem Gleichgewicht. Aber diese Zeiten sind extrem, wir stehen alle auf die eine oder andere Weise psychisch und physisch unter Druck, und da müssen wir verstehen, wie man potentiellen gesundheitlichen Problemen - generellen gesundheitlichen Problemen und natürlich vor allem dem Covid 19-Virus - entgegenwirken kann.

Was für uns hier die Hauptsache ist: Alles was Feuchtigkeit verursacht, passiert zwischen Magen und Milz, dem Yang der Milz und dem Yang der Nieren. Deren Funktionen müssen geschützt und unterstützt werden, durch all die verschiedenen Methoden, die wir bisher im Zusammenhang dieses Blogs besprochen haben. Deren Funktionen zu schützen heißt darüber hinaus etwas noch Wichtigeres, und zwar, dass wir dann das Jing 精 schützen, die Essenz, die den Aspekt des Qi darstellt, der für unser Leben und unsere Gesundheit am grundlegendsten ist.

In diesem Zusammenhang ist es auch keine schlechte Idee, Kerrys ersten Beitrag für diesen Blog "Chinesische Medizin und das neue Coronavirus" noch einmal aufzusuchen. Vielleicht wird ihre “Was tun und was vermeiden” - Liste etwas verständlicher.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...