Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Thursday, December 31, 2020

Als Neujahrsgruß die „Drei Freunde des Winters"

Ich wollte vor dem Jahreswechsel noch ein Übungsvideo machen, aber es ging sich bei bestem Willen nicht aus. Karl Valentin hat es am besten ausgedrückt: „Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch endlich wieder ruhiger“. So fühle auch ich. Wenn es nach dem Jahreswechsel wieder ruhiger ist, dann gibt es endlich wieder den Raum und die Zeit, Qigong-Inhalte zu posten.

Hier jedenfalls als Neujahrsgruß ein berühmtes Bild aus der Song-Dynastie, das drei vornehme Freunde zeigt. Es handelt sich um die „Drei Freunde des Winters“ (sui han san you 歲寒三友): Kiefer (song 松), Pflaume (mei 梅) und Bambus (zhu 竹). 

Sie werden so genannt, weil sie durch die Fülle ihrer Lebenskraft der Kälte des Winters widerstehen. 

Die Kiefer steht für die Langlebigkeit. Der Bambus verweist auf die innere Leere, er ist biegsam, bricht nicht und zeigt solcherart vor, wie man sich schwierigen Umständen anpassen kann. Die Pflaume blüht inmitten des Schnees und verkündet als erste das Kommen des Frühlings. 

Diese Qualitäten und diese Fülle an innerer Kraft können wir in diesen Zeiten gut brauchen, das Bild ist darum Kerrys und mein Neujahrswunsch an alle.

Das Bild wurde von Zhao Mengjian 趙孟堅 (1199-1264) gemalt und hängt im National Palace Museum in Taipei.



Sunday, December 20, 2020

Die Wiederkehr des Lichts

Morgen kehrt mit der Wintersonnenwende das Licht zurück. Die Wiederkehr des einen Yang heißt es auf Chinesisch, yi yang lai fu 一阳来复. 

Im tiefsten Yin, der tiefsten Stille, der tiefsten Dunkelheit wird der Keim des einen Yang geboren, der im Verlauf des nächsten halben Jahres wächst und erstrahlt. 

Dies stellt auch das Grundprinzip des Qigong dar: durch die tiefe innere Stille wird das Yang-Qi geboren, das sich dann im Körper ausbreitet und diesen verwandelt.

Entspannung und Ruhe sind darum das Um und Auf im Qigong, sie stellen die Yin-Qualitäten dar, die die natürliche innere Bewegung des warmen lebensspendenden Yang erst ermöglichen.

In Irland befindet sich nicht weit von Dublin eine 
Brú na Bóinne genannte Ansammlung von neolithischen Kultstättenein, darunter das 5200 Jahre alte Ganggrab (Passage Tomb) Newgrange. Dieses ist so ausgerichtet, dass der erste Strahl der Morgensonne am Tag der Wintersonnenwende durch eine Öffnung über den Eingang in den Gang fällt und das Innere des Grabes erreicht.

Diese Wiederkehr des Lichts kann man in einem Livestream des Office for Public Works der Irischen Regierung miterleben, der morgen in der Früh und auch noch am Morgen des 22.12. um 8.45 UTC (entsprechend 9.45 MEZ) ausgestrahlt wird.

Hier der Link. Je nach Browsereinstellungen muss man unter Umständen bestimmte Cookies erlauben, dann funktioniert der Livestream. Zuerst „Please change your cookie preferences to see this content“ anklicken, dann unter „Allow“ die zwei Cookie-Kästchen abhaken und schließlich auf „Save preferences“ klicken.


Monday, December 14, 2020

Ein Text von Kerry: Das Yin während der Zeit des Neumondes sammeln

Heute ist der 14. Dezember, und ungefähr zu der Zeit, zu der ich anfange, diesen Text zu schreiben, geht der Neumond auf. Die drei Tage des Neumonds stellen eine Zeit besonderer Yin-Qualität dar, sie sind die Zeit des Monats, in der der Qi-Ausdruck des Yin am stärksten ist.

Yin-Yang im harmonischen Gleichgewicht (yinyang tiaohe 阴阳调和) lautet die Definition von Gesundheit in der Traditionellen Chinesischen Medizin. Dieser Begriff des harmonischen Gleichgewichts ist sehr umfassend, er bezieht sich gleichermaßen auf das Universum, auf unseren Planeten, auf die Natur und auf den Menschen. In all diesen Zusammenhängen bedeutet der Begriff „harmonisch“ dasjenige Zusammenspiel der Qi-Prozesse, zur richtigen Zeit und am richtigen Ort, das angemessen und nötig ist, um die Integrität des Ganzen zu gewährleisten - der Person, des Planeten, des Sonnensystems usw. Einfach gesagt, es dreht sich alles immer um Yin und Yang, ihr beständiges, regelmäßiges Fluktuieren und Interagieren.

Die Mitternacht ist die Zeit des größten Yin im Tageslauf, der Neumond bezeichnet den Zenith des Yin-Qi im Monatslauf, und im Winter erreicht der Yin-Aspekt des Qi seine Fülle und das Yin-Qi gelangt mit der Wintersonnenwende an seinen Höhepunkt.

Für jemanden, der Qigong praktiziert, stellen die Umschlagpunkte von Yin oder Yang eine Gelegenheit dar, „mit dem Strom zu schwimmen“ und sich dem Fluss der transformativen Qi-Bewegung anzuvertrauen. Mit anderen Worten, man kann die Übungspraxis nutzen, um die Qi-Essenz des Körpers zu festigen und zu regulieren. Das Üben von Qigong zu diesen bestimmten Zeiten bringt einen in Resonanz mit den universellen Rhythmen, das Qi des Menschen reagiert dann mit den stärksten Yin- oder Yang-Eigenschaften des Qi der Natur und integriert sich mit ihnen.

Das Qi fließt während der Zeiten des größeren Yin nach unten und innen, zur Festigung und Stärkung. Man kann dies als eine Art schwere Stille fühlen, vielleicht fühlt man sich auch geerdeter, oder einfach schläfriger! Das Qi nach unten fließen zu lassen, so wie man guten Wein in ein leeres Gefäß gießt, bedeutet, die eigenen tiefsten Schichten zu nähren, als Vorbereitung auf die bevorstehenden Veränderungen. Es ist eine Zeit, in der man sich auf die größere Kraft des Yin stützt, um nachzugeben und empfänglich zu sein. In der nächsten Phase der jährlichen Qi-Prozesse, wenn das Yin abnimmt und das Yang zu steigen beginnt, wird die aktive Energie, die es braucht, um motiviert und kreativ zu bleiben, dann durch eben das unterstützt, was während der Zeit des größeren Yin gesammelt wurde.

Ich schreibe dies als Ermunterung und Anregung für alle. Heute Abend und in den nächsten zwei Tagen, wenn die spezielle Yin-Energie des Neumondes noch am stärksten ist, aber eigentlich auch in den weiteren Tagen, da ja die Wintersonnenwende naht, all dies sind besonders gute Zeiten, um das Yin-Qi zu sammeln. 

Alle Arten von Qigong-Methoden sind dafür geeignet. Es gibt natürlich spezielle Methoden für diese Kulminationszeiten von Yin und Yang, die von Meistern verschiedener Traditionen angewendet werden, aber wir brauchen diese nicht. Die Prinzipien des Qigong bleiben ohnehin immer die gleichen - es ist in der Stille, dass sich das Qi sammelt, und es ist durch Entspannung, Weichheit und Offenheit, dass sich das Qi bewegt.

Die Übungen der letzten Monate sind gut dafür. Die „Leichten und Unbeschwerten Übungen“ ( die das Qi öffnen, glätten und weich machen), die Sechs Heilenden Laute (die das Qi klären und öffnen), ruhiges Atmen, Meditation oder Massage (die das Qi beruhigen und besänftigen), durch all diese Formen der Qigong-Praxis kann man das Yin sammeln und das Qi nähren und motivieren.

Damit kann man das regelmäßige, tägliche Üben zu eine Art Verjüngungspraxis machen, zu etwas, das uns gleichermaßen erdet und motiviert und die Harmonie von Yin und Yang zum Ausdruck bringt.

Sunday, December 13, 2020

Weitere Songs of Comfort

Ein weiteres musikalisches Zwischenspiel. Ich bin in den letzten Tagen einfach nicht dazu gekommen, das angekündigte Video mit allen "Unbeschwerten Übungen" zu drehen, darum hier ein paar weitere "Musikstücke of Comfort":

Eine etwas eigenwillige Mischung, aber warum nicht...

Als erstes "Gebet" von Ernest Bloch. Dieses Video hat Yo-Yo Ma gestern im Rahmen seiner Songs of Comfort auf YouTube gestellt.  

Beim zweiten Video handelt es sich um ein Tiny Desk Concert, das Yo-Yo Ma vor zwei Jahren für National Public Radio (NPR) gegeben hat.

Im dritten Video spielt Wu Man 吴蛮, Mitglied von Yo-Yo Ma's Silkroad Ensemble, auf der Pipa 琵琶 ihre von buddhistischer Musik des 9. Jahrhunderts inspirierte Eigenkomposition "Night Thoughts".

Dann das Lied "Blewu" der togolesischen Sängerin Bella Bellow, vorgetragen als "Song of Comfort" von Yo-Yo Ma zusammen mit Angelique Kidjo, und schließlich noch einmal Angelique Kidjo, mit einer Proben-Aufnahme des "Indépendance Cha Cha" von Le Grand Kallé, als sehr persönliche Hommage an den kamerunischen Saxophonisten Manu Dibango, der heuer im März in Paris am Coronavirus verstorben ist.





Wednesday, December 9, 2020

Die sechste "Leichte und Unbeschwerte Übung"

Hier ist nun die sechste der Unbeschwerten Übungen, ähnlich einfach und leicht zu lernen wie die anderen. 

Die Bewegung besteht aus einem Heben und Senken, Öffnen und Schließen, damit orientiert sie sich an den Grundrichtungen des Qi, fördert und unterstützt die Qi-Bewegung in all diese Richtungen und reguliert vor allem die Qi-Aktivitäten der inneren Organe.

Wenn man diese Übung länger übt, dabei immer ruhiger und entspannter wird und sich die tiefe Versenkung in den Qigong-Zustand erlaubt, dann kann und wird sich das Qi besser ordnen.

Diese höhere und stabilere Ordnung des Qi führt zu einer stabileren Gesundheit, wahrscheinlich auch zu einer besseren Laune (braucht jeder heutzutage dringend) und zu einem generellen Gefühl des Wohlbefindens (brauchen wir auch dringend).


Sunday, December 6, 2020

Songs of Comfort - Lieder des Trostes

Heute ein etwas anderes Posting, mit drei kurzen Songs of Comfort, gespielt von Yo-Yo Ma. 

Yo-Yo Ma hatte im März, zu Beginn der Pandemie, die Idee zur Initiative #SongsofComfort, in der er das Publikum bat, unter diesem Titel Videos mit Musik oder auch anderen Inhalten zu posten, die dann auch vom öffentlichen Sender PBS veröffentlicht würden. Mir war das im März entgangen, sonst wäre das schon früher auf diesen Blog gekommen. Yo-Yo Ma's Aufruf stieß auf große Resonanz, in den vergangenen Monaten haben unzählige Menschen Videos auf die diversen sozialen Medien gestellt.

Ich übersetze hier aus Yo-Yo Ma's Interview mit PBS (das ganze Interview kann man unter diesem Link ansehen bzw. nachlesen):

„Nun, ich war im Büro und wir unterhielten uns, und da hatte ich die spontane Idee etwas zu tun, das in dieser Zeit den Bedürfnissen der Menschen dient. Musik hat mich irgendwie immer getröstet. Musik ist das, was ich tue und das Beste, was ich anbieten kann. Ich weiß, viele Menschen haben ein Wissen und tun damit alles, was ihnen möglich ist. Und hier ist etwas, was ich tun kann. …

Als ich 19 war, hatte ich einen Lehrer, der sagte: Yo-Yo, du hast deine Stimme noch nicht gefunden. Ich sagte, ok, und hörte nicht auf, nach meiner Stimme zu suchen. 

Meine Stimme, denke ich, besteht darin, die Bedürfnisse anderer herauszufinden und sie dann zu repräsentieren. Und so geht es überall, wo ich hinkomme, immer darum, herauszufinden, was die Menschen denken, fühlen, wie sie über sich selbst in der Welt denken.

Etwas zu finden, das die Menschen brauchen, und dann tatsächlich etwas Tröstliches anzubieten, so würde ich meine Arbeit definieren. …

Es ist erstaunlich, was schon geschieht, dass z.B. vor ein paar Tagen Leute von der Mayo Clinic etwas gepostet haben, zwei Ärzte haben etwas gesungen, der Leadsänger einer Rockband, Mashrou Leila im Libanon, hat einen Song eingespielt, und zwei Frauen, aus Irland und Deutschland, sangen synchron, über diese schwierige Zeiten…

Die Idee ist, dass Musik etwas für alle ist. Es ist nicht, dass die Musiker Musik machen, sondern sie macht etwas für uns. 

Ein Virus ist etwas, das sich weltweit verbreitet. Es kennt keine Grenzen und keine Mauern. Und Musik ist etwas, das tatsächlich nach innen schaut und auch keine Grenzen kennt. Wenn wir ausdrücken können, was sich in unserem Inneren befindet und dies zeigen können, dann stellt dies den Beginn eines tieferen gegenseitigen Verständnisses dar.

Wir sammeln, was persönlich ist, was wahr ist, was vertrauenswürdig ist, was Gemeinschaft ist, weil Gemeinschaft nichts ist, wenn sie nicht auf Vertrauen gründet.

Und sagt man etwas durch Musik, dann möge es besser wahr sein, weil es sonst nicht zu kommunizieren vermag.“

Hier drei der Songs of Comfort, die Yo-Yo Ma seit März veröffentlicht hat:




Friday, December 4, 2020

Übung zur Unterstützung des Lungen-Qi

Hier ist eine spezielle Übung für die Lunge, generell zur Unterstützung des Lungen-Qi, hilfreich auch bei Infektionen der Lunge, Husten, Asthma, Atemnot. 

Wie ich im Video zeige, man beschreibt langsame Kreise mit den Daumen. Zuerst nach außen, dann nach innen. Die Richtungen folgen der im Qigong üblichen Reihenfolge: zuerst reduzieren (ableiten), dann tonisieren. 

Zuerst die Kreise mit den Daumen, also mit dem Lungen-Meridian, dann als nächstes mit dem Zeigefinger (Dickdarm-Meridian, dem Yang-Pendant zum Lungenmeridian). 

Dann die beiden Yuji 鱼际 - Punkte (lokalisiert am Daumenballen) reiben und mit den Daumenballen unterhalb des Schlüsselbeins, neben dem Schultergelenk, massieren (im Video sieht man das hoffentlich gut genug). 

Dort befinden sich zwei Punkte des Lungen-Meridians (Zhongfu 中府 und Yunmen 云门), deren Stimulation den ersten Teil der Übung komplementiert.

Die Übung kann im Stehen, Sitzen und auch Liegen ausgeführt werden.

Je regelmäßiger solche Übungen gemacht werden, desto wirksamer. Das heißt aber auch, dass man sich beim Üben nicht anzustrengen braucht, nicht anstrengen soll. Die Wirkung entsteht nicht durch ein einmaliges, intensives Tun, sondern durch die Regelmäßigkeit des ruhigen und entspannten Übens.


Wednesday, December 2, 2020

Die fünfte "Leichte und unbeschwerte Übung"

Nach den zwei Videos mit Prof. Cong-Übungen sind wir wieder zurück bei den "Leichten und Unbeschwerten Übungen.

Das Video ist wieder zum Mitüben gedacht. Zuerst kommt die fünfte Bewegung, und dann alle fünf Bewegungen zusammen.

Die Übungen sind sehr einfach, damit fällt es einem sicher auch leichter, abzuschalten, locker und ruhig zu werden. Man muss sich nicht mit komplizierten Bewegungsabläufen herumschlagen, sondern kann sich gleich auf das Wesentliche konzentrieren. Und das heißt in erster Linie: sich geistig zu sammeln und ruhig zu werden. Die Bewegungen können etwas ungenau ausgeführt werden, ist doch das viel Wesentlichere die Ruhe. Solange man in sich in ein gewisses Maß an Ruhe findet, wird die Übung wirken.

Wichtig ist, die Yin-Yang-Dynamik des Qi zu verstehen. Yin und Yang wurzeln ineinander, d.h. das Yang entsteht dann, wenn das Yin am größten ist und umgekehrt, das Yin entsteht, wenn das Yang seinen Höhepunkt erreicht hat. Beim Üben heißt dies: das Yang entsteht aus dem Yin, die Bewegung entsteht aus der Ruhe, das warme, lebendige Yang-Qi bewegt sich und breitet sich aus, wenn man körperlich entspannt ist, wenn man weich und fein atmet, und wenn man die Gedanken fahren lässt und ruhig ist.

Im Yijing 易经 (dem Buch der Wandlungen) wird dies durch das Hexagramm 24, Fu 复 die Wiederkehr, dargestellt.

Fu 复

 

Das Zeichen zeigt eine ungebrochene Yang-Linie, die unter den fünf gebrochenen Yin-Linien in das Zeichen eintritt. Es verbildlicht damit, in Entsprechung zur Wintersonnenwende, den Prozess der Wiederkehr des Lichts zur Zeit des tiefsten Dunkels, der Bewegung in der tiefsten Stille, des Yang im tiefsten Yin.

"Die Wiederkehr. Gelingen. Ausgang und Eingang ohne Fehl." So heißt es unter anderem im Urteil des Zeichens.

In seinem Kommentar dazu meint Richard Wilhelm: "Nach einer Zeit des Zerfalls kommt die Wendezeit. Das starke Licht, das zuvor vertrieben war, tritt wieder ein. Es gibt Bewegung. Diese Bewegung ist aber nicht erzwungen. Das obere Zeichen Kun hat als Charakter die Hingebung. Es ist also eine natürliche Bewegung, die sich von selbst ergibt. Darum ist die Umgestaltung des Alten auch ganz leicht. Altes wird abgeschafft, Neues wird eingeführt, beides entspricht der Zeit und bringt daher keinen Schaden. ... Die Wiederkehr ist im Naturlauf begründet. Die Bewegung ist kreisförmig. Der Weg ist in sich geschlossen. Darum braucht man nichts künstlich zu überstürzen. Es kommt alles von selber, wie es an der Zeit ist. Das ist der Sinn von Himmel und Erde."

Und im Weiteren meint er: "Im Winter ist die Lebenskraft – symbolisiert durch das Erregende, den Donner – noch unter der Erde. Die Bewegung ist in ihren ersten Anfängen. Darum muß man sie durch Ruhe kräftigen, damit sie nicht durch vorzeitigen Verbrauch sich verläuft. Dieser Grundsatz, die wieder einsetzende Kraft durch Ruhe erstarken zu lassen, gilt von allen entsprechenden Verhältnissen. Die wiederkehrende Gesundheit nach einer Krankheit, die wiederkehrende Verständigung nach einer Entzweiung: alles muß im ersten Anfang zart und schonend behandelt werden, damit die Wiederkehr zur Blüte führt."

Dies sind philosophische Gedanken, sie beschreiben aber auch, was beim Qigong-Üben wesentlich ist:

Wird man still, bewegt sich das Qi. Bewegt sich das Qi, braucht es kein weiteres Tun, sondern ein Lassen. Im Lassen ergibt sich alles von selber, wie es an der Zeit ist. Indem das Qi seine Bahnen und seine Ordnung findet, findet der Körper Wege und Möglichkeiten zur Regeneration. 

Dies sind für uns ungewohnte und eigentlich provokative Gedanken, in der chinesischen Philosophie, in den Künsten der Lebenspflege, in der chinesischen Meditation und im Qigong sind sie jedoch grundlegend.

Ich zitiere noch einmal Laozi: Wu wei er wu bu wei 无为而无不为 - Nicht-Tun und nichts bleibt ungetan. 自然 Von-selbst-so, das ist das Wirken des Dao, und, wie Richard Wilhelm anmerkt, das ist der Sinn von Himmel und Erde.

Sunday, November 29, 2020

Tiao Qi 调气 - Das Qi und den Atem regulieren

Eine weitere Übung von Prof. Cong zur Aktivierung der Handmeridiane und zur Regulierung des Qi. 

Die Bewegung ist für niemanden von uns etwas Neues, es ist das Öffnen und Heben, Schließen und Senken, das wir oft zu Beginn der Stunden machen.

Es kommt hier jedoch noch etwas dazu. Während man hebt und senkt, öffnet und schließt, richtet sich die Aufmerksamkeit in einer bestimmten Reihenfolge auf die Finger. 

Während des Öffnens auf die kleinen Finger (Herz- und Dünndarm-Meridian), während des Hebens auf Zeige- und Ringfinger (Dickdarm- und Dreifacher-Erwärmer-Meridian), während des Schließens auf die Daumen (Lungen-Meridian) und während des Senkens auf die Mittelfinger (Kreislauf-Meridian). 

Yi dao qi dao 意到气到 - Wohin sich die Aufmerksamkeit richtet, dorthin gelangt das Qi. 

Die entspannte Aufmerksamkeit, die sich während des Übens in geregelter Abfolge auf die Finger richtet, aktiviert das Qi in den entsprechenden Meridianen. In der Stille des Qigong-Zustands geht der Impuls dann weiter und wirkt sich regulierend auf die entsprechenden Qi-Organe aus. 

Als Prof. Cong 1988 auf Einladung des Wissenschaftsministeriums nach Österreich kam, unterrichtete er neben den uns bekannten Übungen wie dem Yuanminggong, dem Fanhuangong und den diversen Gehübungen auch einfache Übungen zur Aktivierung der Meridiane und Regulation des Qi der Organe. Diese ist eine davon. 

Wichtig: nicht zu viel konzentrieren. Ruhe, Lockerheit, Entspannung sind Leitworte des Qigong, die nicht nur für den Körper, sondern auch für Atem und Aufmerksamkeit, Konzentration und Vorstellung gelten.


Thursday, November 26, 2020

In der Bewegung die Stille suchen

Lang, lang ist es her. Neulich hat mir mein Bruder zwei Fotos von Prof. Cong und mir geschickt. Die Fotos wurden in Südtirol gemacht, ich glaube 1994 in Meran (ganz sicher bin ich mir nicht). 













Jedenfalls habe ich die Bilder gleich zum Anlass genommen, ein Qigong-Video mit Prof. Cong- Übungen zu produzieren, zuerst einfachen Übungen zur Qi-Regulierung (das habe ich für meine Stunden ja ganz von ihm übernommen), gefolgt von den Taiyi Yuanminggong 太乙元明功-Übungen. 

"In der Bewegung die Stille suchen", das war einer der Leitsätze von Prof. Cong, daher auch der Name der heutigen Übungssequenz.



Tuesday, November 24, 2020

Mehr Wildnis!

Letzten Samstag fand im Rahmen der Europäischen Literaturtage 2020 ein Gespräch zwischen dem deutschen Biologen Andreas Weber mit Ariadne von Schirach über das Thema „Mehr Wildnis!“ statt. Wen es interessiert: man kann die Veranstaltung auf YouTube nachschauen. Der Link dazu findet sich unten.

Ich fand die Diskussion sehr wichtig und anregend, und obwohl Qigong oder die Chinesische Medizin nicht thematisiert wurden, sind manche Bezüge sehr offensichtlich.

Im Gespräch wurde betont, wie wichtig es sei, anders denken und fühlen zu lernen, nämlich auf eine Art, die von der Lebendigkeit der Welt ausgeht, um Lösungen für die drängenden Probleme und Bedrohungen finden zu können, der sich die Menschheit heute gegenüber sieht. 

Anders ausgedrückt: es sei wichtig, animistisch denken zu lernen, also ein Denken wiederaufleben zu lassen und einzubeziehen, das die Welt nicht als eine Welt der unbelebten Objekte sieht, sondern versteht, dass wir in einem Beziehungsgeflecht lebendiger Subjekte zuhause sind.

Doch gerade dies ist auch die Erfahrung des Qigong, darum übt man Qigong: um die eigene Lebendigkeit und die Beziehung mit der Lebendigkeit der Welt zu erleben. Immer dann, wenn man Qigong übt, auch wenn es einem nicht bewusst ist, begibt man sich in den lebendigen Bezug zur Welt und kommuniziert als lebendiges Subjekt mit allem, was lebendig ist.

Dies ist ein ganz anderer Ansatz in Bezug auf die Gesundheit, als wir gewohnt sind. Und nicht nur ein anderer gesundheitlicher Ansatz, sondern auch eine andere Art, sich in der Welt zu verorten.

Die Welt ist im alten Verständnis der Chinesen ein lebendiges Gewebe, ein Gewebe von Energien, unendlich schöpferisch, in stetem Wandel, in steter Transformation und steter Kommunikation begriffen. Sheng sheng bu yi 生生不已 - Leben hervorbringend ohne Ende, lautet der Ausdruck. Dieses Gewebe, an dem der Mensch teilhat, ist nicht geschaffen im biblischen Sinn, es ist nicht Ergebnis eines ursprünglichen Aktes, eines fiat lux. Es entsteht ziran 自然 - aus sich selbst so, von selbst so. Alles entsteht und entfaltet sich von selbst, aus sich selbst, ohne von einem göttlichen Willen gelenkt zu sein.

Und eben dieses „ziran 自然“, dieses Von-Selbst-So, liegt der Gesundheit zugrunde, meint es doch die sich im Organismus äußernde schöpferische Bewegung der Welt, die sich entfaltende natürliche und lebenserzeugende Bewegung des Qi. Durch das Üben versucht man dieser teilhaftig zu werden. Und dazu braucht es kein Tun, kein Denken, sondern die Stille. Erst die Stille erlaubt den heilenden Kräfte des Qi zu wirken, und nicht nur dies, sie ermöglicht auch eine andere Beziehung zur Welt. 

Natürlich üben viele Qigong einfach so, weil es sie freut und sie sich dabei wohl fühlen. Und manche meinen auch, sich im Sinne der modernen Leistungsgesellschaft selbst optimieren zu müssen, hip- und zen-like mittels alten esoterischen Wissens. Aber vielleicht macht doch manche die Erfahrung des Qigong nachdenklich, und erlaubt ihnen, zu einer anderen Einstellung und einem anderen Verhalten zu finden, in der man die Welt (und auch sich selbst) nicht mehr als Objekt behandelt, sondern als lebendiges kommunizierendes Subjekt.

Die Gesundheit wird es einem vermutlich danken, ist sie doch im Verständnis des Qigong ein Prozess, der sich von selbst entfaltet und einen in das allumfassende Gewebe des Lebens integriert. Qigong zu üben heißt, still zu werden, um die Möglichkeiten dieses Prozesses nicht zu stören. Als ich in einem der Beiträge der letzten Zeit Laozi zitiert habe: Wuwei er wu bu wei 无为而无不为 - Nicht-tun und nichts bleibt ungetan, und hinzugefügt habe, das sei etwas worüber sich nachzudenken lohne, da habe ich unter anderem dies gemeint.

Um meinen alten Lehrer, den Philosophen Arnold Keyserling zu paraphrasieren: Wahres Wissen geht von der Stille aus, von der Bewusstseinsebene aus ist das Subjekt nicht zu erreichen. Es zu erwecken, erfordert ein anderes Streben als die Wissenschaften und ein anderes Wissen. In allen Überlieferungen wird dieses als Weisheit bezeichnet. 

Qigong kann einen der vielen Wege dazu darstellen.


Sunday, November 22, 2020

Die vierte "Leichte und Unbeschwerte Übung"

Für den Sonntagmorgen, zuerst die vierte der Unbeschwerten Übungen, und danach die ersten vier Übungen zusammen, alles mit etwas zusätzlichem Qigong-Ezzes.


Friday, November 20, 2020

Ein Abendtee

Mandelmilchtee zum Stärken des Wei-Qi 卫气 (Yang-Abwehr-Qi), Bewegen des Xue 血 (Blutaspekt des Qi), Beruhigen des Xin-Shen 心神 (Herz-Qi und Geist).

Dieser Tee besteht aus bei uns gängigen und häufig verwendeten Zutaten, die aber auch alle in der klassischen Materia Medica der Chinesischen Medizin enthalten sind. 

Die Kombination dieser spezifischen medizinischen Zutaten stärkt nicht nur das Immunsystem und schützt vor grippeähnlichen Winterviren, sondern erwärmt auch das Qi und fördert die Durchblutung, wodurch Herz-Qi und Geist beruhigt werden. Auf diese Weise fördert die Rezeptur den tiefen und erholsamen Schlaf, welcher für die Wiederherstellung und den Schutz der Gesundheit von entscheidender Bedeutung ist.

Zutaten:

2 Tassen Mandelmilch
½ TL Kurkuma
¼ TL Zimtpulver
Eine Prise gemahlener schwarzer Pfeffer
1 Scheibe frischer Ingwer
1 TL roher Honig

Anleitung:
  • Alle Zutaten außer dem Pfeffer mit einem Mixer (oder mit einem Schneebesen) glatt rühren.
  • In einen kleinen Topf geben und bei schwacher Hitze unter ständigem Rühren ca. 5-10 Minuten erhitzen, bis die Flüssigkeit heiß ist. Schließlich den Pfeffer hinzufügen und gut umrühren. 
Den Tee warm trinken, aber nicht mehr als einmal pro Tag. Es ist am besten, wenn man den Tee abends vor dem Schlafengehen trinkt, aber in diesen pandemischen Zeiten kann es, wenn man sich schon am Nachmittag erschöpft fühlt, auch vor dem Nachmittagsschlaf sein.

Thursday, November 19, 2020

Ein Nachmittagstee

Dieser Tee ist das Äquivalent zu den „Freien und unbeschwerten Übungen“, er befreit das Qi, erlaubt dem klaren Yang aufzusteigen, beruhigt das Herz und wirkt gegen den durch den Lockdown hervorgerufenen Stress. 


Der Tee wirkt allgemein entspannend und stimmungsaufhellend, und hilft auch speziell gegen Reizbarkeit, Ungeduld, bitteren Geschmack im Mund und blockierte Verdauung (z.B. durch zu viel Sitzen im Lockdown). 

Der Tee hat neutrale Temperatur, d.h. er macht das Qi weder zu warm noch zu kühl, wirkt regulierend und ist für jeden geeignet


1 EL gelbe Chrysanthemenblüten
1 EL Kamillenblüten
1 TL Rosenblüten (oder Jasminblüten)
1 TL getrocknete Minzblätter oder 1 EL frische Minze
ca. 1 L Wasser
Honig, optional
4 dünne Scheiben frische Birne, optional

Zubereitung: 
  • Alle Zutaten (auch die Birnenscheiben) in eine Teekanne geben. Mit kochendem Wasser aufgießen und 20 Minuten lang ziehen lassen. 
  • Den Tee abgießen und die Birnenscheiben zum Essen herausnehmen. Vor dem Trinken den Tee leicht erwärmen und nach Belieben mit Honig süßen.
Es ist wichtig, dass Teekräuter und -blüten aus biologischem Anbau stammen.

Wednesday, November 18, 2020

Ein Morgentee: Pu'er (普洱茶 pu'ercha)

Wenn man noch nie hochwertigen Pu'er-Tee oder verwandte Tees getrunken hat, wird man den Tee als Überraschung erleben. Pu’er hat einen etwas erdigen Geschmack, er hebt die Stimmung und entspannt. Er enthält natürlich Koffein, doch stimuliert (hebt) er das Qi nur langsam.
 
Er unterstützt die Aufwärtsbewegung des klaren Yang-Qi und die Zirkulation des Lungen-Qi, und er weckt das Verdauungs-Qi. Dadurch, dass Pu’er-Tee das Qi reguliert und inmitten dieser stressigen pandemischen Zeiten auf den Tag vorbereitet, kann man sich gleichzeitig lebendig und ruhig fühlen.

Pu'er stammt aus der Provinz Yunnan und wird sowohl von den Chinesen als auch von den Tibetern geliebt. Die Tibeter mischen ihn normalerweise mit Yak- oder Kuhmilch und/oder Butter; die Chinesen brauen und trinken ihn als einfachen Tee und sich sich einig, dass Pu’er bemerkenswerte medizinische Eigenschaften besitzt.

Es gibt sowohl grünen, weißen als auch roten Pu’er, „rohen“ und „gereiften“ (also fermentierten), verkauft als loser Blatt-Tee oder gepresst als Teeziegel oder Teekuchen.

Bei uns ist meist nur der rote (schwarze) Pu’er als Blatt-Tee erhältlich, man findet ihn in Teegeschäften oder im Bioladen. In China ist er ein Kennerartikel, und ein guter, gealterter, gereifter Tee kann sehr teuer sein. 

Für unsere Zwecke ist gut genug, was wir in einem seriösen Biogeschäft finden können! Der Tee wird immer noch alle von mir beschriebenen medizinischen Eigenschaften haben und gut schmecken. 

Um dem Qi einen zusätzlichen Schub zu geben, kann man den Tee mit den chinesischen roten Datteln (Hong Zao 红枣) zubereiten, die ich schon in anderen Rezepten auf unserem Blog erwähnt habe. Dazu kocht man zuerst ein oder zwei rote Datteln 10 Minuten lang in Wasser, dann gießt man den Tee mit dem Wasser (inklusive der Datteln) auf. Wenn man möchte, kann man die Datteln nach dem Trinken des Tees essen.  

Eine weitere Variante ist, zusätzlich zu den Datteln ein paar Goji-Beeren hinzuzufügen (Zubereitungsart gleich wie beim Pu'er mit Datteln).

Sunday, November 15, 2020

Die ersten drei "Leichten und Unbeschwerten Übungen"

Qigong am Sonntag Vormittag: zuerst die dritte der leichten und unbeschwerten Übungen, und dann die ersten drei alle zusammen.

Das "Leichte" und das "Unbeschwerte" brauchen wir, es ist traurig, dass Österreich nun die höchste Neuinfektionsrate weltweit hat, doppelt so viel wie die USA, die ja wohl eines der Musterbeispiele katastrophalen Corona-Managements darstellen.




Darum Übungen wie diese. Leicht und unbeschwert, das ist weit mehr als nur lockerwerden und entspannen, damit man die Krise und den Lockdown besser übersteht. 

Übungen wie diese stellen ein im medizinischen Sinn vorbeugendes Programm dar. Bei reguliertem Qi reduziert sich das Risiko der Ansteckung. Wir haben in Österreich leider nicht eine niederschwellige Möglichkeit, Qigong mit vorbeugenden TCM-Rezepturen zu verbinden, wodurch, wie China vorgezeigt hat, Infektionen effektiv unterbunden werden können.

Doch können wir Qigong üben und verstehen, dass das Qi zu regulieren (nicht nur durch Qigong und TCM, auch durch Ernährung und generellen Lebensstil) eine der wichtigsten Maßnahmen zur Infektions-Prävention ist. Warum das funktioniert, darüber habe ich im Frühjahr schon geschrieben, und ich werde das in der nächsten Zeit auch wieder tun. 

Wenn ich nur an Einzelheiten aus meinem persönlichen Umfeld denke, z.B. was ich von meinem Bruder höre, wo in dem Spital in Tirol, in dem er arbeitet, sich mehr und mehr Personal ansteckt und in den letzten Tagen eine ganze Station geschlossen werden musste, wenn ich höre, dass auf der Intensivstation der Neurochirurgie in Innsbruck, wo mein Vater im Frühjahr nach seiner Hirnblutung operiert wurde, nun ausschließlich Covid-Patienten liegen und kein einziger neurochirurgischer Fall, wenn ich daran denke, was Kerrys behandelnde Ärztin ihr schon im Oktober geschildert hat, dass im Innsbrucker Landeskrankenhaus tagtäglich auf irgendwelchen Stationen Krise herrscht und laufend improvisiert werden muss, um den Betrieb am Laufen zu halten, wenn ich daran denke, dass wir nun auch schon Covid-Fälle in der engeren Familie haben und allein in der letzten Woche mehr als 10 Freunde als K1-Kontakt in Quarantäne mussten, dann kann ich nicht umhin, an die bei uns vergebenen Chancen der Vorbeugung durch TCM zu denken. 

Mir ist vollkommen bewusst, dass, wenn man die TCM oder noch schlimmer, Qigong erwähnt, und über den unglaublichen Erfolg Chinas in der Bekämpfung und Kontrolle der Pandemie spricht, vornehmlich auf Unglauben stößt, als naiv belächelt wird, als esoterischer Spinner oder von manchen auch als Verteidiger der chinesischen Autokratie mit ihren Menschenrechtsverletzungen gesehen wird, kurz, ich weiß, dass das bei uns aus vielerlei Gründen kein Thema ist und leider kein Thema sein wird. Trotzdem spreche ich es hier an.

In China wurde während der Pandemie das Krankenhauspersonal mittels TCM-Vorbeuge-Rezepturen geschützt, mit hervorragendem Erfolg, es gab unzählige Spitäler und andere medizinische Einrichtungen, in denen sich weder Ärzte noch Krankenschwestern und Pfleger angesteckt haben. Der Vorschlag von Mag. Stöger zusammen mit den österreichischen TCM-Ärzten, Ähnliches in Österreich zu tun, um den Infektionsdruck von den Spitälern zu nehmen, im Februar dem Gesundheitsministerium übermittelt, hat bis heute keine Reaktion zur Folge gehabt.

Bei uns wird manchmal in Nebensätzen berichtet, dass die Pandemie in China unter Kontrolle ist. Tatsächlich ist sie für den Durchschnittsbürger seit einem halben Jahr vorbei. Bei uns wird, man kann nur sagen: fahrlässigerweise, nie dargestellt, woraus das chinesische Gesamtpaket der Pandemiebekämpfung bestanden hat. Es wird immer so getan, als ob die Maßnahmen, die China gesetzt hat, nur in einer Diktatur funktionieren können. TCM und Qigong haben jedoch keine Kompatibilitätsprobleme mit demokratischen Systemen, und ausgerechnet darüber, dass und wie die TCM den entscheidenden Beitrag zur erfolgreichen Eindämmung und Kontrolle des Virus geleistet hat, wird nicht berichtet.

Ich bin in stetem Kontakt mit meinen chinesischen Freunden, natürlich auch mit unseren Qigong-Lehrern, und sehe, dass in China das Leben wieder seine ganz normalen Gänge geht. Schon im Sommer gab wieder Massenevents in Wuhan, z.B. das HOHA Water Electrical Musical Festival. Der innerchinesische Tourismus blüht, vor einem Monat, anlässlich des chinesischen Nationalfeiertags, waren über 600 Millionen Menschen unterwegs. Bei uns wird hin und wieder über lokale Ausbrüche berichtet, wie über den in Qingdao. Ausbrüche dieser winzigen Dimension wären bei uns ein Traum, in Qingdao handelte es sich um 12 Fälle, in der Folge wurden binnen weniger Tage 9 Millionen Leute getestet, und damit die Weiterverbreitung verhindert. (Die Gesamtzahl der Tests für Österreich für das ganze Jahr liegt bei ca. 2,5 Millionen.)

Die Neuansteckungsrate pro Million Einwohner beträgt in China 0,1, in Österreich mit dem gestrigen Tag 995,1.

Doch mehr dazu ein anderes Mal. Es ist einfach traurig, dass eine billige und effektive Hilfe im Corona-Management, die auch nicht im Widerspruch zu den bei uns getroffenen und zu treffenden Maßnahmen steht, nicht einmal ignoriert wird.

Darum zurück zu Qigong, zurück zum Weichen, Langsamen, Sanften, zurück zu Stille und Entspannung und zur Öffnung gegenüber den schöpferischen Kräften der Natur.

Hier die „Einfachen und Unbeschwerten Übungen 1 bis 3:


Thursday, November 12, 2020

Die dritte "Unbeschwerte Übung" und eine weitere Massage zur Unterstützung des Lungen-Qi

Hier ist ein weiteres Übungs-Video:

Zuerst mit der dritten der "Unbeschwerten Übungen" im Sitzen (ein Video mit der Übung im Stehen kommt natürlich noch), und darauf mit einer weiteren Akupunkt-Massage zur Stärkung des Lungen-Qi.

Der Punkt, um den es sich dreht, heißt Tanzhong (man findet oft auch: Shanzhong). Dieser ist Punkt 17 auf dem Konzeptionsgefäß (renmai 任脉), auch der obere Ozean des Qi (shang qihai 上气海) genannt, ein wichtiger Punkt nicht nur zur Stärkung des Qi der Lunge und des Herzens, sondern auch des Zong-Qi 宗气 (wörtlich des Ahnen-Qi, des Qi der Atmung) und des Qi des ganzen Körpers.

Monday, November 9, 2020

Einfache Massagen zur Unterstützung des Lungen-Qi

Neben den diversen Qigong-Übungen möchten wir auch weiterhin, wie im Frühjahr schon, verschiedene Möglichkeiten der Selbstmassage in das pandemische Übungsprogramm miteinbeziehen. 

Einer der Leitgedanken hierbei ist Einfachheit. 

Es hat keinen Sinn, komplizierte, lang dauernde Übungen zu posten, das erschwert es für jeden, die Dinge in den Alltag einzubeziehen und höchstwahrscheinlich ist es dann so, dass man die Inhalte zur Kenntnis nimmt, sie dann gleich wieder vergisst und nichts damit macht.

Darum Einfachheit. Und darum werden wir wieder Akupunkturpunkte vorstellen, die man ohne viel Aufwand einfach dann während des Tages massieren kann, wenn es einem gerade einfällt. Das kann zuhause sein, oder in der Arbeit, oder wenn man irgendwohin unterwegs ist, früh, mittags, abends. Wenn die Schwelle zum Tun niedrig ist, ist es viel wahrscheinlicher, dass man die Dinge auch macht und zu einer gewissen Regelmäßigkeit findet. Und damit die gewünschten Wirkungen erzeugt. 

Hier nun: 

Es gibt eine Reihe von Akupunkturpunkten, die man regelmäßig massieren sollte, zur Vorbeugung, um die Lungen zu schützen und das Lungen-Qi zu unterstützen.

Zwei dieser wichtigen und effektiven Punkte haben wir schon im Zusammenhang mit den Baxie-Übungen erwähnt.

Der erste wichtige Punkt zum Schutz der Lunge heißt Yuji (鱼际穴). Es ist der 10. Punkt des Lungenmeridians und befindet sich auf dem Daumenballen in der Mitte der Verbindung zwischen Daumenwurzel und Handgelenk.

Der Yuji-Punkt stellt im Qi-Mechanismus das Tor zur Lunge dar. Er wird häufig zur Behandlung und Linderung von Erkältungen angewendet und kommt vor allem bei Halsschmerzen zur Anwendung. Das Tor zur Lunge (also die Kehle) wird durch Yuji geöffnet, Schleim und Feuchtigkeit werden umgewandelt und ausgeschieden, Kopfschmerzen können behandelt werden usw. 

Wenn man Yuji zusammen mit Hegu (Dickdarm 4, siehe unten) massiert, kann man auch Asthmaanfälle wirksam lindern.

Wie ich im Video zeige, massiert man den Punkt ca. ein, zwei Minuten lang, entweder mit einem Finger, oder man legt die Hände ineinander und streicht mit dem Daumen der einen Hand über den Daumenballen der anderen Hand. Damit massiert man nicht nur den Punkt selbst, sondern erreicht den ganzen Verlauf des Lungenmeridians in der Hand.

Hegu (合谷穴), den vierten Punkt des Dickdarm-Meridians findet man, indem man Daumen und Zeigefinger aneinanderlegt. Am höchsten Punkt des dadurch entstehenden Muskelbauchs ist der Punkt. Die anatomische Lokalisierung ist: in der Mitte des zweiten Mittelhandknochens (an der Seite zum Daumen hin) in einer Vertiefung. Er ist einer der im Qigong wichtigsten Akupunkturpunkte und kommt dementsprechend oft zur Anwendung.

Die Qi-Funktionen des Hegu-Punkt sind vielfältig: er zerstreut Wind, öffnet die Oberfläche, öffnet die Qi-Bahnen, stärkt und verteilt das Lungen-Qi und stabilisiert das Abwehr-Qi, alles Funktionen, die jetzt in der Pandemie zur Vorbeugung wichtig sind.

Man massiert den Punkt am besten mit dem Daumen, entweder ein, zwei Minuten pressen oder kreisförmig in beiden Richtungen massieren.


Friday, November 6, 2020

Regulierung des Atems und die "Unbeschwerten Übungen"

Hier ist ein Video zum Mitüben, für Anfänger wie auch für Fortgeschrittene geeignet, zuerst mit ein paar Bewegungen zur Regulierung des Atems und des Qi, gefolgt von den ersten beiden der "Leichten und unbeschwerten Übungen".

Eine kurze Anmerkung dazu:

Beim Qigong-Üben sind Genauigkeit oder Bemühung nicht nötig, meist sogar kontraproduktiv. Man kann beim Üben ruhig nachlässig und etwas schlampig sein. Gute Qigong-Übungen sind ohnehin einfach und leicht zu merken, und wirken auch, wenn man es nicht so "gut" oder "schön" macht.

Wir sind ohnehin so vielem Stress ausgesetzt, da braucht man sich beim Qigong nicht noch zusätzlich zu bemühen und unnötig unter Druck zu setzen.

Qigong wirkt nicht durch Genauigkeit, Anstrengung oder Bemühung, sondern durch das Loslassen und durch den während des Übens erzeugten Zustand tieferer Ruhe und Entspannung. Vielleicht fällt einem das Loslassen und Ruhigwerden anfangs nicht so leicht, aber dafür ist das Üben ja da. 

Übt man halbwegs regelmäßig und überfordert sich dabei nicht, dann stellen sich Ruhe und Entspannung ganz sicher ein. Ist man ruhig und entspannt, dann fließt das Qi ungehindert und harmonisch, mit all den positiven Auswirkungen auf die Gesundheit. 

Entspannt, ruhig, natürlich, dies sind Grundprinzipien und Leitgedanken beim Qigong-Üben. Solange man beim Qigong loslässt und ruhig wird, macht man alles richtig. 


Monday, November 2, 2020

Die Unbeschwerten Übungen im Sitzen und Liegen


Kerry hat ein Video gedreht, als Ergänzung zum Video der ersten „freien und unbeschwerten Übung“. 

Das Video ist zwar auf Englisch, man kann den Bewegungen sicher auch bei mangelnden Englischkenntnissen folgen. Für diejenigen, die es brauchen, übersetze ich hier, was Kerry im Video spricht:

Dies ist eine Variante der vorgestern veröffentlichten ersten Xiaoyaogong-Übung im Sitzen und Liegen für diejenigen, für die das Üben im Stehen aufgrund von von Verletzung oder Krankheit zu anstrengend oder nicht möglich ist, und auch für diejenigen, die aufgrund von Müdigkeit und Erschöpfung eine Alternative zum Üben im Stehen brauchen.

Wenn man krank ist, ist es im Allgemeinen so, dass das Qi in der Mitte blockiert, dort, wo sich die lebenswichtigen Organe befinden. Der Fluss zu den Extremitäten ist vermindert, man merkt dies daran, dass man sich schwächer fühlt, man bekommt vielleicht kalte Hände und Füße oder auch Krämpfe, es mag sein, dass sich die Klarheit der Gedanken vermindert, dass man Kopfweh entwickelt, Schwindel usw. 

Dies kommt daher, dass sich die Hauptaktivität des Qi auf die für den Organismus wesentlichsten Organe und Bereiche konzentriert: auf Herz, Lungen, Nieren, Leber, Verdauung, damit die Lebensaktivitäten geordnet weitergehen können und der Organismus sich schrittweise erholen kann, bis die Gesundheit und der gesunde Fluss des Qi in alle Richtungen wieder hergestellt ist.

Wenn man die Übung im Sitzen machen möchte: ideal ist das Sitzen mit verschränkten Beinen, so wie Kerry im Video. Es ist auch möglich, auf einem Sessel zu sitzen, in diesem Fall etwas weiter vorne auf dem Sessel, sodass der Rücken frei ist und die Bewegung des Qi nicht behindert wird.

Um die Übung auszuführen, macht man es sich im Sitzen bequem, legt die Hände auf die Beine und lässt den Atem für eine kurze Weile fließen, solange, bis sich ein Gefühl der inneren Ruhe einstellt. Durch die Nase atmen, Einatmung und Ausatmung nur durch die Nase. 

Daraufhin entspannt man sich. Man entspannt den Körper schrittweise und geht ihn durch, vom Kopf über Hals und Nacken zu den Schultern, zu den Armen, Ellbogen, Händen, Fingern, dann geht es zu Brust und Bauch, zu oberem und unterem Rücken, zu den Hüften, den Beinen bis zu den Füßen und Zehen.

Als legt man die Hände übereinander auf den Bauch, man versucht zu spüren, wie sich die Wärme der Hände auf den Bauch überträgt, während der Atem fließt und sich die Bauchdecke hebt und senkt. 

Man kann dies solange tun, wie man möchte, es führt zu tiefer Entspannung, verankert den Geist in den Körper und erzeugt einen angenehmen Zustand der Ruhe.

Dann kann man mit der Bewegung beginnen, ganz gleich so wie beim Üben im Stehen. Man hebt die Hände auf Schulterhöhe, die Handflächen sind eher nach unten gerichtet, und senkt sie dann wieder auf den Bauch. 

Man atmet dabei ruhig durch die Nase, im eigenen Rhythmus. Vielleicht entwickelt sich die Atmung auch so, dass das Heben dem Einatmen und das Senken dem Ausatmen entspricht, man forciert dies aber nicht.

Die Augen sind geschlossen, man kann sie auch offen lassen, in diesem Fall richtet man den Blick etwas nach vor und hinunter, ohne konkret etwas anzusehen.

Man ist sich bewusst, dass der Körper zwischen Himmel und Erde ausgerichtet ist. Die Wirbelsäule ist aufrecht, das Kinn wird leicht nach innen genommen.

Wenn man nur diese eine Übung macht, wiederholt man die Bewegung zumindest 9, 10 Mal. Man kann aber auch viel länger üben, solange, wie man möchte. Auch kann man die Bewegung sehr langsam ausführen, vor allem wenn man länger übt, stellt sich ein Gefühl der Leichtigkeit, Einfachheit, Mühelosigkeit ein, dem sich zu überlassen sehr angenehm ist. Die Bewegungen werden dann wahrscheinlich sehr langsam werden.

Das Gesicht entspannen, den Kiefer, ruhig atmen.. Heben, das Qi steigt, senken, das Qi bewegt sich nach innen.. Ein fortwährendes Ausdehnen und Zusammenziehen.

Zum Beenden der Übung werden die Hände auf den Bauch gelegt. Die Konzentration richtet sich dorthin, wo sich die Hände befinden. Man denkt an das Qi, das ins Zentrum zurückkehrt, ins Dantian, den Speicher aller Lebensenergie.

Man lässt die Hände dort eine Weile liegen, bis man spürt, wie die Nieren, der Bauch, auch die Hände und die Füße wärmer werden.

Zum Abschluss die Hände reiben, dann das Gesicht, den Hinterkopf, die Ohren, über den ganzen Kopf streichen, dann die Nierengegend massieren, und schließlich die Hände auf den Bauch legen. 

Wenn man sich in letzter Zeit nicht wohl gefühlt hat und das Qi in der Mitte blockiert, ist es gut, auch noch mit den Händen über den Bauch zu kreisen, langsam und konzentriert, in konzentrischen Kreisen zuerst nach außen und dann in Gegenrichtung nach innen.

Ist man zu schwach zum Sitzen, kann man die Übung auch im Liegen machen, so wie Kerry im Video zeigt. Man kann flach im Bett liegen, oder Kopf und Oberkörper durch Polster stützen. 

Hauptsache es ist bequem. Im Liegen versucht man, ganz loszulassen. man stellt sich vor, man liegt auf der Erde oder noch besser auf Sand, und man überlässt sich dem Zug der Schwerkraft nach unten.

Sobald man sich wohl fühlt, beginnt man und führt die Übung so aus, wie oben schon beschrieben. Im Video sieht man ja gut, wie man dies tut.

Auch wenn man nicht krank ist, ist dies eine sehr angenehme Art zu üben. Auch vor dem Schlafengehen ist die Übungsvariante im Liegen sehr geeignet.

Die Unbeschwerten Übungen und ein Grundprinzip der Yin-Yang-Theorie

Hier ein kurzer Text von Kerry über die „Leichten und unbeschwerten Übungen“ und ein Grundprinzip der Yin-Yang-Theorie:

Die Yin-Yang-Theorie der TCM beschreibt, wie sich das Leben (das Qi) in vier Richtungen (hinauf und hinab, hinein und hinaus) bewegt und dadurch den nötigen Raum für die Integration und Transformation aller Lebensprozesse schafft - im Menschen, in der Natur, im ganzen Universum.

Die 4 Bewegungsrichtungen stellen komplementäre Polaritäten dar, zwei Paare, die nicht getrennt werden können. Es gibt kein Heben ohne Senken, keine Kontraktion ohne Ausdehnung, keine Bewegung nach innen ohne eine nach außen. Atmet man ein, drückt das Zwerchfell nach unten, während sich die Brust hebt und der Bauch ausdehnt. Atmet man aus, steigt das Zwerchfell, während die Brust sinkt und sich der Bauch zusammenzieht.

Alle Qi-Prozesse unseres Körpers sind auf diese Weise koordiniert. Wird die Bewegung in die vier Richtungen nicht beeinträchtigt oder gehemmt, dann können wir unseres Gesundseins sicher sein. Es existiert dann der notwendige Raum für die Gesundheit, der Raum, den Qi, Blut, Atem und Geist brauchen, um kontinuierlich durch alle Aspekte unseres Seins strömen können.

Dies ist Teil des TCM-Verständnisses der Bedeutung von „ungehindert“, „ungebunden“, „frei“ und „leicht“ (xiaoyao 逍遥 auf Chinesisch) als natürlicher Qualitäten des Lebens.

Beim Üben der Unbeschwerten Übungen richtet man sich zuerst zwischen Himmel und Erde aus, entlang der vertikalen Achse der Wirbelsäule. Der Geist wird ruhig, während man durch die Nase ein- und ausatmet. Die Handflächen ruhen auf dem Unterbauch, um diesen zentralen Speicher alles gesunden Potentials zu aktivieren und ein Gefühl der Wärme im „Dantian“ oder „Meer des Qi“ hervorzurufen.

Dies öffnet die Grenzen unseres Seins hin zu einem anderen Raum und einer anderen Zeit, die sich entspannt, grenzenlos und still anfühlen. Ein Raum, in dem alles passieren kann, in dem alles möglich ist. Ein Raum, in dem das Leben fließen kann, natürlich und ohne Behinderung.

Während der Übung, um diesen Fluss des Lebens zu unterstützen und nicht zu stören, bewegt man sich langsam und koordiniert in den vier Richtungen - der Atem strömt ein und aus, der Körper steigt und sinkt, die Arme öffnen und schließen. Je mehr man sich entspannt, desto mehr beruhigt sich der Geist. Die geistige Ruhe ermöglicht die freie Bewegung des Qi, so dass es nähren kann und festigen, transformieren und verfeinern. Dies wiederum führt zu weiterer Entspannung und einem tiefen Gefühl des Wohlbefindens.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man das Qi wahrnehmen kann, dieses Wohlbefinden ist eine davon. Es ist die Verkörperung des Ausdrucks „xiaoyao“ „frei, unbeschwert, ungebunden und einfach“ , es ist das, was diese Übung und Qigong im Allgemeinen so schön und wohltuend macht.

Saturday, October 31, 2020

Die unbeschwerten Übungen

Hier nun, nach der langen Pause, wieder einmal ein Übungsvideo, mit der ersten von sechs Übungen aus einer Folge, genannt „Die freien, leichten, unbeschwerten Übungen“. Diese Übungen lernte ich, wie schon die Sechs Heilenden Laute in der ursprünglichen Form, durch Prof. Lin Zhongpeng vom Qigong College in Peking kennen.

Die Bewegungen sind sehr einfach und leicht zu erlernen, geeignet sowohl für Anfänger als auch für diejenigen, die schon viel Qigong-Erfahrung besitzen. Und ich glaube, gerade jetzt in der Pandemie können diese Übungen sehr hilfreich sein, eben, weil sie so einfach und leicht zu erlernen und gut mit den uns bekannten Übungen kombinierbar sind, weil sie tiefe Ruhe und Entspannung zu vermitteln vermögen sowie ein gutes und stabiles Fundament für die Gesundheit durch den aus dem Üben resultierenden kraftvollen Fluss von Qi und Blut.

Leichtigkeit und Unbeschwertheit, dies sind Grundprinzipien des Daoismus, so beginnt auch das klassische Buch „Zhuangzi“ mit dem Kapitel über das „leichte, unbeschwerte Wandern“ , von Richard Wilhelm als „Wandern in Muße“ übersetzt.

Die Muße ist uns ja heute in Österreich offiziell verordnet worden, jetzt gilt es, sie in etwas Sinnvolles, etwas der Entspannung, der inneren Ruhe und der Gesundheit Zuträgliches zu verwandeln.

Das unbeschwerte Wandern in Muße verkörpert eine Reihe von Qualitäten, die charakteristisch sind für den Daoismus und wesentlich für das Qigong-Üben. Es sind dies die Qualitäten von Klarheit und Stille (qingjing 清净), Natürlichkeit (ziran 自然), Nicht-Tun (wuwei 无为), Weichheit und Harmonie (rouhe 柔和).

Im Qigong findet man in den Zustand des „unbeschwerten Wanderns“ durch Verständnis und Befolgen der sogenannten „Drei Grundprinzipien“ song 松 - Entspannung, jing 静 - Stille, Ruhe, ziran 自然 - Natürlichkeit. Diese dienen nicht nur als wichtige und wesentliche Anleitung für alles Üben, sie sind vor allem auch dafür da, in die richtige innere Einstellung zu finden, in eine weite und offene innere Verfasstheit, die einen der Bedrücktheit und Stagnation enthebt und damit erst die möglichen Wirkungen des Übens zur Entfaltung bringt.

Wenn ich von Bedrücktheit und Stagnation spreche, dann meine ich hier das Qi, das bedrückt, blockiert und zum Stagnieren gebracht wird. Zur Zeit erleben wir das Bedrückende als von außen kommend, aber wenn es dann in einem drinsitzt und drückt, dann bedrückt und behindert es konkret die natürliche Bewegung von Qi und Blut, es führt zu Schmerzen und Unwohlsein, physisch wie auch psychisch, zu inneren Spannungen, Unsicherheiten, Ängsten usw., und es wird einem schwer, sich daraus zu befreien.

Darum diese Übungsfolge. Heute machen wir nur eine der sechs Übungen, eine simple Bewegung, um den Atem zu regulieren, das Qi im Dantian zu stärken und die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Qi und Blut besser fließen können, dass alle Bereiche des Körpers besser mit Qi und Blut versorgt werden können.

Immer dann, wenn durch das Üben Qi und Blut bewegt werden, stellen sich positive, therapeutische Effekte ein. Die Bewegungsabläufe, die konkreten Übungen sind hierfür wichtig, doch wichtiger sind das innerlich Weit-und-Offen-Werden, die Beruhigung des fortwährenden inneren Gedankenflusses und das Loslassen.

Song, jing, ziran, Entspannung, Ruhe und Natürlichkeit - dies bedeutet auch das Vertrauen zu haben, das alles wieder werden kann, dass sich die Dinge fügen können; der Organismus besitzt die Fähigkeit der Selbstregulation, er vermag, gesund und ganz zu werden und auch gesund und ganz zu bleiben, ist diese Fähigkeit auch bei jedem zu einem gewissen Ausmaß blockiert.

Das ist so wichtig bei den alten Methoden des Yangsheng 养生 , des Nährens der Vitalität. In ihnen ist das Wissen tradiert, wie die Fähigkeiten des Organismus zur Selbstregulation unterstützt werden können, durch die stärkere Bewegung der Körperenergien und den Ausgleich der Yin- und Yangaspekte des Qi.

Für das konkrete Üben heißt dies:

Nicht auf Anstrengung setzen, sondern auf Weichheit, nicht auf das Bemühen, sondern auf Entspannung, und darüberhinaus Geduld zu haben und das unbedingte Vertrauen, dass sich die Dinge zum Besseren fügen können, dass durch die Bewegung des Qi sich die Gesundheit allmählich verbessert.

Wu wei er wu bu wei 无为而无不为 „Nicht-Tun und nichts bleibt ungetan“, dies ist ein Satz, über den es sich nachzudenken lohnt.

Hier ist das Video:


Friday, June 26, 2020

Vorläufig letztes Posting: Übung zur Stärkung des Körpers im Kampf gegen die Epidemie

Dies ist der vorläufig letzte Tag unserer Jia You! - Initiative, wir schließen sie mit einem Video ab. Ich hatte schon viel früher vor, dieses Video zu posten, konnte es aber nur im chinesischen Netz finden und wollte niemandem das Navigieren durch Seiten voller chinesischer Schriftzeichen zumuten. Doch neulich habe ich entdeckt, dass das Video inzwischen auch auf Youtube hochgeladen wurde und damit leicht zugänglich ist.


Dies ist der letzte Tag unserer Initiative, wir schließen sie mit einem Video ab. Ich hatte schon viel früher vor, dieses Video zu posten, konnte es aber nur im chinesischen Netz finden und wollte niemandem das Navigieren durch Seiten voller chinesischer Schriftzeichen zumuten. Doch neulich habe ich entdeckt, dass das Video inzwischen auch auf Youtube hochgeladen wurde und damit leicht zugänglich ist.

Im Video wird eine Qigong-Methode vorgeführt, die ‚Übung zur Stärkung des Körpers im Kampf gegen die Epidemie‘ kangyi qiangsheng gong 抗疫强身功, welche vom Team um Prof. Fang Min 房敏 an der Universität für Traditionelle Chinesische Medizin Shanghai speziell für die Covid-19-Pandemie entwickelt wurde. Vielleicht erinnern sich manche an Prof. Fang Min, ich hatte ihn schon in einem früheren Beitrag über die nicht-medikamentösen Therapiemodalitäten der TCM erwähnt und ihn mit dieser Aussage zitiert:

"Obwohl traditionelle chinesische Übungen die Übertragungswege des neuen Coronavirus nicht blockieren und eine durch das Neue Coronavirus ausgelöste Lungenentzündung alleine nicht wirksam behandeln können, kann ihre aktive Anwendung auf der Grundlage herkömmlicher Behandlungen die kardio-pulmonale Funktion von Patienten verbessern, zur Förderung der Lebensqualität und der Immunregulierung beitragen sowie einen positiven Einfluss auf die psychische Gestimmtheit von Patienten ausüben, bei gleichzeitiger positiver Wirkung auf Prävention, Behandlung und Rehabilitation von Grunderkrankungen…

… Wir glauben, dass die nicht-medikamentösen Therapiemodalitäten der traditionellen chinesischen Medizin so früh wie möglich bei Prävention, Behandlung und Rehabilitation der Covid 19-Pneumonien angewendet werden sollten, um ihre synergistischen Eigenschaften und Vorteile voll auszuschöpfen, als hilfreicher Beitrag zur Seuchenbekämpfung gemeinsam mit der westlichen Medizin."

In der Übung zur Stärkung des Körpers im Kampf gegen die Epidemie werden unter anderen Elemente aus dem Yijingjing 易筋经, den Heilenden Lauten 六字诀, dem Shaolin Qigong 少林内功 und dem Taijiquan 太极拳 kombiniert, um das Zheng-Qi 正气 und die Körperkonstitution zu stärken, die Funktionen von Herz und Lungen zu verbessern, die Muskeln zu kräftigen, die inneren Organe zu regulieren sowie psychologische Unterstützung zu bieten.

Die Ausführenden im Video sind Prof. Fang Lei 方磊, Prof. Yao Pei 姚斐 und Dr. Sun Pingping 孙萍萍.

Auf vielen der Videoclips aus denjenigen chinesischen Spitälern, in denen die TCM zum Einsatz kam, erkennt man dieses Video auf Bildschirmen im Hintergrund. Es wurde überall in China verbreitet und zu Therapie und Vorbeugung verwendet. Die Methode richtet sich in erster Linie an Covid-19-Patienten mit einer Lungenentzündung leichten und normalen Verlaufs, an Patienten, die nach einer Covid-Infektion aus dem Krankenhaus entlassen wurden und an alle, die zuhause Vorbeugung betreiben wollen.

Das Video ist gut gemacht, auch ohne Sprachkenntnisse kann man mitüben. Es werden zwar in einem durch Instruktionen auf Chinesisch gegeben, die beschreiben aber eben genau die Bewegungsabläufe, die man sieht. Und keine Sorge, dies ist eine vollkommen sichere Methode, man kann nichts falsch machen. Selbst wenn man etwas missversteht, wird das Üben immer noch eine gute Wirkung haben. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, werde ich diese Methode in der Zukunft ohnehin einmal in allen Details durchbesprechen.

Wir posten dieses Video nicht, um zu den Übungen, wie wir in den letzten Monaten behandelt haben, noch eine weitere hinzuzufügen. Natürlich kann jeder, der Interesse hat, auch diese Übung zu seinem Übungsrepertoire hinzufügen. Und jeder, der eine gewisse Erfahrung mit Qigong hat, wird sich leicht damit zurechtfinden. Mir geht es vielmehr darum, zu zeigen, dass die Prinzipien, auf der diese Vorbeugungs- und Behandlungsmethode beruht, auch den Methoden zugrundeliegt, die wir in den letzten Monaten verwendet haben.

Das Grundprinzip ist: fuzheng quxie 扶正祛邪. Das aufrechte Qi unterstützen, um pathogenes Qi abwehren bzw. loswerden zu können. Dies geschieht durch die im Video gezeigte Methode, durch die Übungen, die wir vorgestellt haben (die Heilenden Laute, die Massagen, die Yuanminggong-Übungen) und auch durch andere traditionelle Qigong-Übungen. Darum habe ich schon ganz zu Beginn gemeint: jede Qigong-Übung, mit der man sich wohlfühlt und die man darum regelmäßig praktizieren kann, ist die richtige. Wichtig ist die regelmäßige Praxis, der regelmäßig wiederkehrende Regulationsimpuls ist es, der die notwendigen Veränderungen im Qi-Gefüge herbeiführt.

Ich betone hier noch einmal: Qigong und TCM bekämpfen keine Krankheit. Sie regulieren, das heißt sie ordnen das Qi, bringen Zustände des Ungleichgewichts wieder ins Gleichgewicht, vermindern Zustände des Exzesses, stärken bei Zuständen der Erschöpfung von Qi und Blut , senken, was zu weit oben ist, heben, was zu weit unten ist, kühlen, was zu heiß, wärmen, was zu kalt, trocknen, was zu feucht und befeuchten, was zu trocken ist. Das alles ist Regulation. Jede gute Qigong-Übung macht genau dies: sie fördert und unterstützt die Regulation.

Ein gesunder Organismus reguliert sich von selbst, das gesunde Qi reguliert sich von selbst. Ein Organismus mit reguliertem Qi wird mit Krankheiten von selbst fertig. Das wäre der Idealzustand, doch oft ist die Selbstregulation, aus unterschiedlichen Gründen, blockiert. Darum braucht es dann die Intervention durch TCM, Qigong und Meditation. Diese sind Methoden, diese Fähigkeit des Organismus zu Selbstregulation und Selbstheilung wieder herzustellen.

Gesundheit und Heilung basieren auf der Selbstregulation, die wiederum auf dem starken Zheng-Qi beruht, dem geordneten Verhaltens eines starken, gut funktionierenden Qi. Diesen simplen Satz haben wir in den vergangenen Monaten von verschiedenen Seiten zu beleuchten, zu erklären und in Methoden zu übertragen versucht:

- In bewegte Qigong-Übungen. Diese sind vor allem dazu da, das Qi zu bewegen, damit sich das Qi harmonisch und ausgeglichen entwickelt. Je besser das Gleichgewicht des Qi, desto besser die Regulation und desto stabiler die Gesundheit.

- In ruhige Qigong-Übungen, das Sitzen in Stille. Das Qi muss sich regenerieren können, durch Schlaf, Rasten und Pausen, und auch durch das stille Sitzen. Ein pathogenes Qi kann das Zheng-Qi überwältigen, wenn man durch Müdigkeit und Erschöpfung geschwächt ist. Ruhiges Sitzen wirkt dem entgegen und hilft, das erschöpfte Qi zu regenerieren.

- Durch gezielte Massagen. Die Massagen, die wir gezeigt haben, konzentrieren sich vor allem auf den Lungenmeridian und/oder dienen der Behebung von Qi-Zuständen der Hitze und Feuchtigkeit, die einen anfälliger für das Virus machen, und helfen der Zirkulation des Abwehr-Qi.

- Durch diätetische Hinweise. Diese sind wichtig, weil man gezielt den Qi-Eigenschaften des Virus entgegenwirken kann. Das Virus ist ein feuchtes Pathogen, es gehört zur Kategorie der Wärme-Epidemien und attackiert Lunge und Milz. Darum ist es so wichtig, falls das eigene Qi zu Feuchtigkeit und Hitze tendiert, dem entgegenzuwirken. Dies kann durch die Übungen und Massagen geschehen, aber sehr wirksam eben auch durch die Diätetik. Diätetische Prinzipien umzusetzen, ist nicht leicht, wir hoffen, dabei im Bereich des Simplen und Praktikablen geblieben zu sein.

- Durch theoretische Erklärungen. Qigong kann man ohne Theorie üben, keine Frage. Allerdings hilft das theoretische Verständnis der Praxis, sogar sehr. Man kann es ja langsam angehen. Wenn man sich unsere verschiedenen Ausführungen zur Qigong- und TCM-Theorie hin und wieder durchliest, wird man allmählich besser zu verstehen beginnen, was es heißt, in Qi-Begriffen zu denken und das eigene Verständnis von Qi zur praktischen Anwendung zu bringen.

Ich hoffe, dass die Inhalte, die wir gepostet haben, hilfreich waren und sein werden. Den Blog werde ich auch noch längere Zeit im Netz lassen. Die Pandemie ist ja noch nicht zu Ende, mit dem Virus werden wir vermutlich noch lange leben müssen, da möchten wir die Inhalte noch länger zugänglich lassen. Irgendwann werde ich den Blog dann an eine andere Adresse übersiedeln.

Wie es im Herbst wird, werden wir sehen. Hoffentlich können Qigong-Stunden und -Seminare ganz normal „analog“ stattfinden, wenn notwendig, gehen wir mit Qigong aber wieder online, vielleicht mit Live-Qigong-Übungsstunden (diesmal war mir dies aufgrund technischer Probleme nicht möglich).

Der Youtube-Kanal bleibt, und ich habe vor, dort auch weiterhin Videos zu veröffentlichen. Nicht mehr so regelmäßig, doch immer wieder.

Allen, die uns und unsere Initiative unterstützt haben, möchten Kerry und ich unseren herzlichsten Dank aussprechen. Wir wünschen allen Gesundheit und einen - trotz allem - schönen Sommer!


Hier sind Kerrys abschließende Bemerkungen:

As Árpád and I come to the end of our initial “Jiayou!” Project to support our qigong community of students, TCM practitioners, nurses, doctors, friends, and family during these first months of the Covid-19 pandemic, I would like to say a few words to help consolidate and clarify what this initiative has, and will continue to provide all of us.

Whether you followed all the way through, read and tried all the methods, advice, recipes, poems, philosophy, TCM explanations, art, and music is not the point (although, hopefully you did dip your toes into the “well of qi” at the heart of our project!). Our, and your intentions have more effect on the qi and a better quality of life than you might think. Where you direct your gaze can define the scope of your life; it can be either limited and partitioned or expansive and integrated, become tighter and feel more burdensome or become untangled, looser and feel lighter. It takes no explanation to get the gist of what might be a more nourishing, more comfortable, more natural and inclusive gaze. That is the reality of health, of directing the gaze first inward, in order to realign and open the flow of qi in the body, and then engaging outwardly with all of life in a more harmonious, easy way.

None of us could ever really know what the next seconds of life brings, let alone the next years. The pandemic has brought this into focus, grabbed our attention in ways that none of the other man-made warnings of social, political, and climatic upheavals of the last decades have done. During the initial protective phase of isolation, of staying at home, and of caring for others while protecting ourselves by literally keeping our breath, its moisture and its potential as a carrier of life and death to ourselves, masking the gateways and thoroughfares of mouth and nose, we had no choice but to become still. As the curtains of containment lowered, our almost constant gaze outward to what was our “normal” lives of working, socializing, shopping, travelling, etc, naturally took a turn.

The transition of this abrupt change of focus was an important part of the Jiayou Project - using qigong as a way to regulate the body, breath and mind, to look inward, past the arising confusion of uncertainties and fears, to feel connected with what is essential. In terms of Chinese medicine, this is how you protect your health from the ravages of “normal” life, live to your potential, and age with grace.

The pandemic means our vulnerabilities are exposed, and we all have to balance that with trying to move forward, to be able to work, provide a living and enter into community life with the energy and creativity needed to adapt. In a broader sense, this is what everything we have put together for the Jiayou group is in aid of; it is a support to nourish life, what the Chinese call Yangsheng. Having the intention to nourish life is the beginning, and it directs the qi in a positive way. Giving body to those intentions is the physical practice of qigong, and will keep your health regulated, no matter what the next seconds, months or years bring us!

Best wishes to you all. We will certainly pick up the thread of our intentions and teach more in the future.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...