Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Friday, April 17, 2020

Pingxin 平心 - Das Befrieden des Herzens

Eine TCM-Erklärung für das Herz kommt noch. Ich möchte hier etwas anderes ansprechen, nämlich dass man mit dem Wort Herz (xin 心) quasi direkt im Herz des Qigong angelangt ist.

Xin heißt nämlich auch Geist oder Seele, und xiuxin 修心, den Geist oder die Seele zu kultivieren, meint all die meditativen Techniken des Qigong. Das Herz befrieden, durch Stille und Ruhe ist das absolute Zentrum, die Mitte (auch xin 心) allen Tuns im Qigong.

"Von alters her waren Reichtum und Ruhm nichts als ein flüchtiger Traum; unter den Unsterblichen gab es keine, die nicht die Bücher studiert hätten."

Dies ist ein chinesischer Spruch, der bedeutet, dass weltlicher Erfolg und hohe Position unwirklich sind wie die Gebilde eines Traums. Nur die Heiligen Weisen und Unsterblichen wissen um die Methoden zur Pflege der Lebenskraft, doch selbst sie brauchen dazu ein Leben des Studiums der daoistischen  Schriften.

Und was die Methoden zur Pflege der Lebenskraft betrifft, so wird gesagt, dass keine das Befrieden des Herzens (pingxin 平心) übertrifft.

In diesem Sinn habe ich ein paar Gedichte übersetzt, die dieses Befrieden des Herzens zum Thema haben. Gedichte des exzentrischen Mönchs Han Shan 寒山, der vor gut 1200 Jahren auf dem Kalten Berg (Han Shan 寒山) im Süden Chinas lebte und überall auf dem Berg auf Felswänden seine Gedichte hinterließ, Gedichte mit stark buddhistischem und manchmal auch daoistischem Flair. Nach seinem Tod wurden diese dann gesammelt und herausgegeben, und haben bis in unsere Tage ihre Anziehungskraft bewahrt. Hier sind ein paar dieser Gedichte, als Motivation für das ruhige Sitzen, ruhige Atmen, Beruhigen des Herzens, Beruhigen des Geistes...

時人尋雲路
雲路杳無蹤
山高多險峻
澗闊少玲瓏
碧嶂前兼後
白雲西復東
欲知雲路處
雲路在虛空

Die Menschen der Welt suchen nach dem Wolken-Weg,
doch dunkel ist dieser, ohne eine Spur.
Hoch sind die Berge, die Abgründe oft felsig und steil,
In die weiten Täler fällt kaum ein Schimmer Sonne.
Grüne Wände vor mir und auch hinter mir,
Weiße Wolken im Westen und dann wieder im Osten.
Möchtest du wissen, wo der Wolkenpfad liegt?
Dort ist er, in der Leere des Himmels.

閑遊華頂上
日朗晝光輝
四顧晴空裡
白雲同鶴飛

Gemächlich erstieg ich den Gipfel des Huading,
Heiter war der Tag, die Morgensonne strahlte.
Ein klarer Himmel streckte sich nach allen Seiten.
Weiße Wolken begleiteten die Kraniche im Flug.

閑自訪高僧
煙山萬萬層
師親指歸路
月掛一輪燈

Ich machte mich auf, einen weisen Mönch zu besuchen,
Unzählige Berggipfel ragten auf im Dunst.
Der Meister selbst wies mir den Weg zurück,
Ein rundes Licht hing der Mond am Himmel.

一住寒山萬事休
更無雜念掛心頭
閒書石壁題詩句
任運還同不繫舟

Auf dem Kalten Berg finden all meine Sorgen ein Ende,
Keine wirren Gedanken bedrängen das Herz.
Müßig beschreibe ich Felswände mit Versen,
Im Fluss des Lebens treibend wie ein unvertäutes Boot.

Das „unvertäute Boot“ ist ein Zitat aus dem Zhuangzi: Die Schlauen mühen sich ab, die Weisen sorgen sich, doch die Unfähigen suchen nichts. Sie essen sich satt und treiben ziellos dahin, wie ein unvertäutes Boot.


    Hanshan 寒山 und Shide 拾得 (Shide heißt Findling)

Thursday, April 16, 2020

Heilende Laute - Übung für das Herz

Hier ist die nächste der Heilenden-Laut-Übungen, mit dem Laut für das Herz bzw. das Herz-Qi. 

Wie auch bei den anderen Übungen: Durch den Mund ausatmen und den Laut nur in der Vorstellung aussprechen. 

Der Laut für das Herz ist: He-a oder Ha, so wie ich es auch im Video sage, irgendwo zwischen He und Ha. (So ganz genau muss man dabei nicht sein, auch in China gibt es Varianten bei der Aussprache des Lautes.)

Wenn man alle bisherigen Übungen zusammen übt, dann in der Reihenfolge: Lunge, Leber, Milz, Herz, Dreifacher Erwärmer.



Wednesday, April 15, 2020

Weiteres zu den Übungen der Sechs Heilenden Laute

Ich habe schon andernorts erwähnt, dass die Übungen der Sechs Laute sehr alt sind und bis in die Zeit der Qi- und Liang-Dynastien zu Tao Hongjing 陶弘景 (456–536), Patriarch der Shangqing-Schule des Daoismus (des Daoismus der Höchsten Klarheit), zurückverfolgt werden können. Wahrscheinlich noch weiter, gibt es doch sowohl bei Laozi als auch bei Zhuangzi Passagen, die auf eine Verwendung solcher Atemmethoden hindeuten.

Weiter unten habe ich einen Teil eines Kapitels aus dem Yangxing Yanming Lu 养性延命录 (Aufzeichnungen zur Pflege der inneren Natur und Verlängerung des Lebens) von Tao Hongjing übersetzt. Dies ist einer der frühesten Texte, in denen die Sechs Laute, die eigentlich sechs Ausatmungen sind, beschrieben sind.

Jedem der sechs Laute entspricht ein chinesisches Schriftzeichen mit einer Bedeutung. Ich schreibe diese in der Übersetzung dazu, sind diese Bedeutungen doch auch wichtig für das Verständnis der Übungen.

Die Laute haben sich in den letzten 1500 Jahren verändert, in der Übersetzung weiter unten verwende ich die moderne chinesische Aussprache. Diese ist: xu für die Leber, sprich shü; chui für die Nieren, sprich tschue-i; hu für die Milz, sprich hu; si für die Lungen, sprich sss; he für das Herz, sprich he-a; xi für den Dreifachen Erwärmer, sprich shi.

Wie wir die Übungen zur Zeit üben, in den Videos auf diesem Blog entsprechen sie der alten lokalen Aussprache. Diese ist: hei für die Lunge, sprich he-i; ci für die Nieren, sprich tss (Die anderen bleiben gleich).

Die alte Aussprache kann man gut rekonstruieren, anhand alter Reimwörterbücher und auch anhand zeitgenössischer buddhistischer Texte, die ja aus dem Sanskrit ins Chinesische übersetzt wurden und damit Hinweise geben auf die damalige Aussprache bestimmter Zeichen.

Die gesundheitlichen Wirkungen sind belegt, egal, welche der Aussprachen man verwendet.

Natürlich ist bei solch alten daoistischen Texten manches in einer für uns sehr fremden Art und Weise formuliert, vieles ist auch nicht mehr zeitgemäß. Doch kann man immer noch zu verstehen suchen, was das Wesentliche ist, um dieses zu übernehmen und es dann durch die Praxis zu überprüfen. Dazu braucht man ein möglich weites und umfassendes Referenzsystem, um dies auf sinnvolle Weise tun zu können. Meines stammt aus der Sinologie sowie aus der Ausbildung, die ich während Jahrzehnten durch chinesische Qigong-Fachleute erhalten konnte und aus meiner Erfahrung im Qigong-Unterricht. Kerrys Referenzsystem ist die chinesische Medizin, vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung im Unterricht für das TCM-College Ireland, ihrer eigenen Ordination in Dublin und ihrer Arbeit als TCM-Ärztin während vieler Jahre, in verschiedenen Abteilungen chinesischer Spitäler, sowie unter Prof. Xia Shuangquan in Guangzhou im Kontext des medizinischen und klinischen Qigong.

Dies hilft uns beiden enorm bei der Beurteilung von Qigong-Methoden, es hilft beim Lesen der alten Texte, und es hilft, Oberflächlichkeiten oder auch Fehler zu vermeiden. Und wir können uns gegenseitig korrigieren bzw. ergänzen. Ich schildere natürlich auch TCM-Zusammenhänge, die Berührungsfläche der TCM mit Qigong ist ja sehr groß, aber bin kein TCM-Arzt, und ich könnte niemanden behandeln. Umgekehrtes gilt für Kerry bezüglich all der Inhalte, die nur auf Chinesisch zugänglich und durch eine sinologische Ausbildung verständlich sind.

Die Übungen der Heilenden Laute werden seit 1500 Jahren tradiert. Dass Übungen so lange überliefert werden, hat mit ihrer Wirksamkeit zu tun, die bis heute unbestritten ist. Gerade gestern, als ich auf chinesischen Seiten nach wissenschaftlichen Artikeln bezüglich Lungenerkrankungen und Qigong-Therapie gesucht habe, ist mir wieder eine Arbeit untergekommen, die die klinische Wirksamkeit der Heilenden-Laut-Übungen in der Therapie von COPD (chronic obstructive pulmonary disease - Chronische obstruktive Lungenerkrankung) beschreibt.

In einer globalen Notfallssituation wie der Covid-19-Pandemie sind diese Übungen jedenfalls als individuelle Gesundheits-Maßnahme sehr geeignet.

Allerdings möchte ich hier betonen: Man muss solche Übungen „nach Hause üben“, also wirklich meistern. Die Regelmäßigkeit ist essentiell. Wirkungen im Qi stellen sich schon auch gleich beim ersten Üben ein, aber das regelmäßige Tun ist ungleich effektiver und tiefergehend. 

Wie immer im Qigong braucht es die Verbindung von Körper, Atem und Aufmerksamkeit. Aus deren Zusammenspiel erst entstehen die Wirkungen. Die Aufmerksamkeit bzw. Konzentration ermöglicht einem, während des Übens in den für Qigong typischen meditativen Zustand zu gelangen, der das Qi regeneriert. Die Atmung ist der Motor für die Bewegung des Qi. Die Bewegungen leiten und kanalisieren den Fluss des Qi.

Der Vorteil der Übungen der Heilenden Laute ist das bewusste Einbeziehen der Atmung. Die Funktion der Lunge ist, das Qi zu bewegen. Qigong, ohne zu atmen, ist kein Qigong, oder ein in seiner Wirksamkeit nur sehr reduziertes Qigong. In meinen Kursen beobachte ich, dass die Atmung bei vielen der am meisten vernachlässigte Aspekt des Übens ist. Bewegungsabläufe werden mehr oder weniger rasch gelernt, auch die Versenkung in einen Zustand der Ruhe fällt niemandem wirklich schwer. Aber geatmet wird oft sehr wenig. Und das nimmt dem Qigong sehr viel an Möglichkeiten.

Wie die Atmung im Qigong gehandhabt wird, kann viele Formen annehmen:

Es kann heißen, eine feine, ruhige, lange, langsame Atmung zu entwickeln, ohne eine spezielle Technik, so wird es vor allem in der Qigong-Meditation gehandhabt.

Es kann heißen, bestimmte Atemtechniken zu verwenden, die das Qi auf spezielle Weise beeinflussen: das Ein-Ein-Ausatmen beim Qigong-Gehen ist ein Beispiel dafür, es ist eine Technik, die (auch lebensbedrohende) Stagnationen des Qi auflösen kann.

Es kann heißen, mittels gesungener Laute das Qi zu beeinflussen (im Qigong-Gehen gegen Krebs und chronische Krankheiten der Frau Guo Lin gibt es da eigene Übungen).

Oder es kann heißen, gezielt verschiedene Funktionen des Qi zu beeinflussen (Funktionen, die einen klaren Organbezug haben), wie eben bei den Übungen der Heilenden Laute.

Die Übungen der Heilenden Laute sind also nicht nur zur Zeit wichtig, um das eigene Zheng Qi (das aufrechte Qi als Ausdruck der Gesundheit und Immunabwehr) zu stärken, sondern sie bieten, über den Weg der Atmung, auch eine Möglichkeit, die Qigong-Praxis weiter zu entwickeln und zu vertiefen.

Und das heißt eben auch: sie wirksamer zu machen.

Hier nun Ausschnitte aus Tao Hongjings Yangxing Yanming Lu:

Das Fuqi Jing 服氣 經 (Der Klassiker der Aufnahme von Qi) sagt: Das Dao (der Weg) ist das Qi. Wenn man das Qi schützt, erlangt man den Weg. Erlangt man den Weg, erreicht man lange Dauer.
Geist ist Essenz. Durch den Schutz der Essenz wird der Geist leuchtend. Wird der Geist leuchtend, erreicht man ein langes Leben.

Die Essenz ist der Fluss des Blutes in den Gefäßen und der numinose Geist, der die Knochen schützt. Verliert man die Essenz, werden die Knochen spröde. Werden die Knochen spröde, dann stirbt man. Darum heißt das Praktizieren des Weges die Essenz zu schätzen

Wenn man das Qi kreisen lässt, atmet man durch die Nase ein und durch den Mund aus.

Solcherart sanft zu praktizieren, das nennt man den Langen Atem. Es gibt eine Art des Einatmens und sechs Arten des Ausatmens.

Die eine Art von Einatmen heißt xi 吸 (Inhalation).

Die sechs Arten des Ausatmens sind chui 吹 (wörtlich: blasen), hu 呼 (wörtlich: ausatmen), xi 唏 (wörtlich: schluchzen), he 呵 (wörtlich: schnauben), xu 噓 (wörtlich: seufzen) und si 呬 (wörtlich: verschnaufen). Diese alle sind Methoden des Langen Atems, um Qi auszustoßen.
Die Atmung gewöhnlicher Menschen besteht in ursprünglicher Zählweise aus einem Ausatmen und einem Einatmen.

Um die Methode des Langen Atems und Ausstoßens von Qi zu praktizieren:

Wenn das Wetter kalt ist, verwendet man chui, wenn das Wetter heiß ist, verwendet man hu.

Wenn man Krankheiten lindern und heilen möchte, verwendet man chui, um Hitze auszuleiten; hu, um Wind zu zerstreuen; xi, um Ärger zu vertreiben; he, um das Qi sinken zu lassen; xu, um Stagnationen aufzulösen; si, um Erschöpfung zu beseitigen. Normale Menschen, wenn sie erschöpft sind, sollten öfter xu und he praktizieren...

Das Mingyi Lun 明醫論 (Diskurse berühmter Ärzte) sagt:

Es liegt an den Fünf Ermüdungen, dass Krankheiten auftreten. Die ersten beiden Organe, die von den Fünf Ermüdungen beschädigt werden, sind Herz und Niere, sie werden von üblem Qi angegriffen und in der Folge erkranken alle Zang- und Fu-Organe.

Die Fünf Ermüdungen sind:

1. Ermüdungen des Willens
2. Ermüdungen des Denkens
3. Ermüdungen des Herzens (des Geistes)
4. Ermüdungen durch Sorge
5. körperliche Ermüdungen

Die Fünf Ermüdungen (wenn unbehandelt) erzeugen die sechs Erschöpfungen:

1. Erschöpfung des Qi
2. Erschöpfung des Bluts
3. Erschöpfung der Sehnen
4. Erschöpfung der Knochen
5. Erschöpfung der Essenz
6. Erschöpfung des Marks

Die sechs Erschöpfungen (wenn unbehandelt) verursachen die sieben Verletzungen.

Die sieben Verletzungen (wenn unbehandelt) verwandeln sich in die sieben Schmerzzustände.

Die sieben Schmerzzustände als Krankheiten, führen dazu, dass übles Qi (xie qi 邪氣 -pathogenes Qi) zunimmt und aufrechtes Qi (zheng qi 正氣 - gesundes Qi) sich verringert...

Das Entstehen von Krankheiten kann nicht getrennt von den Organen verstanden werden. Wer das Qi zirkulieren lässt, um Krankheiten zu heilen, muss die Krankheitsursache kennen. Wer sie nicht kennt, kann nicht heilen.

Herzkranke mit heißem oder kaltem Qi im Körper, können diese durch das Hu-Ausatmen und das Xi-Einatmen loswerden.
Lungenkranke mit Spannungszuständen in Brust und Zwerchfell, können diese durch die Xu-Atmung loswerden.
Milzkranke mit inneren Windzuständen im Oberkörper, mit Jucken, Schmerzen und Beklemmungen, können diese durch die Xi-Atmung loswerden.
Leberkranke mit Schmerzen in den Augen, mit Sorgen, Ängsten und Freudlosigkeit, können diese durch die He-Atmung loswerden.

Man atmet bei den oben genannten zwölf Methoden zur Regulation des Qi immer durch die Nase ein und stößt den Atem aus dem Mund aus. Man lässt das Geräusch des Atems die Laute chui, hu, xu, he, xi, si begleiten.

Wenn sich ein Patient dieser Methoden bedient, muss er sie respektvoll und achtsam ausführen. Es gibt keine Krankheit, die so nicht geheilt wird.

Dies ist also die wichtige Kunst der Heilung von Krankheiten und des Langen Lebens.

Tuesday, April 14, 2020

Die Funktionen von Milz- und Magen-Qi

Das Qi des Organismus stammt aus zwei Qi-Quellen. Die eine nennt man die angeborene (wörtlich vor-himmlische - xiantian 先天) Qi-Quelle, die andere die erworbene (nach-himmlische houtian 後天) Qi-Quelle. Das vor-himmlische Qi hat mit der Funktion der Nieren zu tun, das nach-himmlische Qi mit der Funktion von Milz und Magen.

Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃) haben also eine enorme Wichtigkeit für das gesamte Funktionieren des Qi. Ihre Funktionen können nicht getrennt werden. Sie repräsentieren die Yin-Bewegung der Erde, das Hinunterziehen, Aufnehmen und Nähren, und die Yang-Bewegung des Himmels, die dem Yin ermöglicht, aufzusteigen wie ein Dunst, der wärmt und alle Wachstumspotenziale aktiviert.

Die Milz (pi zang 脾脏) ist ein Yin-„Organ“, aber ihre Qi-Funktion ist Yang. Das Yang steigt nach oben, transformiert und verfeinert das Yin (mit der Unterstützung des Yang-Qi der Nieren). Es stützt und hält alles an Ort und Stelle (sowohl geistig als auch körperlich), so dass weder gedankliche Prozesse, die Yang sind, beeinträchtigt werden oder stagnieren noch Organe, die Yin sind, nachlassen oder sinken (Organvorfall, Bruch etc.). Solcherart schützt es die Integrität von Körper und Geist. Für diese Qi-Funktionen braucht die Milz eine kühle (keine kalte) und trockene (keine feuchte) Umgebung.

Der Magen (wei fu 胃腑) ist ein Yang-„Organ“, aber seine Haupt-Qi-Funktion ist Yin, weil er als Gefäß fungiert - er nimmt „Getreide und Flüssigkeiten“ im mittleren Jiao auf und vermischt und fermentiert sie, bis sie ein Brei sind. Kontrolliert vom Yang-Qi der Milz beginnt dann der Prozess der Trennung des „Klaren“ vom „Trüben“. Für diese Qi-Funktion ist eine warme (keine heiße) und feuchte (aber nicht sumpfige) Umgebung erforderlich.

Der Teil des Qi, der als rein oder klar (wie reines Quellwasser) angesehen wird, wird durch das Milz-Qi weiter verfeinert und transformiert und als eine Art Qi-Dunst zum oberen Jiao und zur Lunge transportiert, wo er auf das reine, saubere Qi der Luft (kong qi 空氣) trifft. Dort werden das gesamte Qi, das Blut und der Yin-Aspekt des Immunsystems, Nahrungs- oder Feldlager-Qi (ying qi 營氣) gebildet, und im ganzen Organismus verteilt.

Der Teil des Qi, der grob und trübe ist, wie der Schlick in einem Bach, der im ruhigen Wasser ein Sediment bilden kann, wird durch die Antriebskraft des Magen-Qi nach unten in den unteren Jiao und den Verdauungstrakt bewegt , wo es weiter verfeinert und in das Abwehr-/Wächter-Qi (wei qi 衛氣) umgewandelt wird. Dieser Yang-Aspekt des Immunsystems wird dann durch das Lungen-Qi im gesamten Organismus verteilt. Sobald diese Qi-Prozesse, also das Separieren, das Raffinieren und der Transport abgeschlossen sind, wird der aus Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten entstandene Abfall weiter nach unten bewegt und ausgeschieden.

Man sieht also deutlich, dass die Qi-Funktionen von Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃) nicht isoliert voneinander verstanden werden können. Sie stehen in einer Yin-Yang-Beziehung und arbeiten zusammen, um Tag für Tag das gesamte Qi zu ergänzen und wieder aufzufüllen, das wir für unsere Gesundheit benötigen.

Die Methode der Heilenden Laute für das Milz-Qi übersetzt dies in eine Form:

Zuerst wird die Mitte geöffnet, indem eine Hand nach oben und eine Hand nach unten bewegt wird und die Handflächen zur Erde bzw. zum Himmel gedreht werden. Anschließend werden Milz- und Magen-Qi in Schwingung gebracht und aktiviert, indem beim Ausatmen durch den Mund in der Vorstellung der Milz-Qi-Laut „hu“ ausgesprochen wird und die Lippen entsprechend geformt werden.

"Yin Yang Tiao He" (陰陽調和) Yin und Yang in ausgewogener Harmonie – das ist, was die Chinesen die Gesundheit nennen. Alle Qigong-Methoden sind Ausdruck von „Yin Yang Tiao He“ in allen Aspekten: Bewegung und Stille, den Richtungen nach innen und nach außen, nach oben und nach unten, beruhigend und aktivierend.

Die Methode für das Milz-Qi ist in der gesamten Abfolge der 6 Methoden der Heilenden Laute von zentraler Bedeutung. Das Milz-Qi steht in Beziehung zur Erde und bewegt sich von der Mitte aus, um das Reine zu heben, während das Magen-Qi sein Yang-Partner, den Abfall nach unten (und außen) bewegt. Auf diese Weise stellt es das tägliche Funktionieren des Organismus sicher.

Saturday, April 11, 2020

Zur Heilenden Laut-Übung für die Milz

Shengqi jiangzhuo 升清降浊 "Heben des Reinen" und "Senken des Trüben", mit diesen beiden Begriffen werden die Qi-Funktionen der Verdauung beschrieben, also des Qi von Milz (Pi 脾) und Magen (Wei 胃).

"Heben" bedeutet nicht nur eine Bewegung nach oben und außen, sondern impliziert auch, dass Substanzen, die für den Organismus wichtig sind, behalten und dem Körper zur Verfügung gestellt werden. Diese Substanzen werden als "reine" bezeichnet, eine andere Bezeichnung lautet "fein und subtil" (jingwei 精微), ohne dass definiert wird, was diese Substanzen genau sind, es können damit Nährstoffe gemeint sein, aber auch alles andere, was in diesem Qi-Prozess dem Körper zugutekommt.

"Die Milz regiert über das Heben", heißt es. Das bedeutet, dass die Milz nicht nur die "Getreide und Flüssigkeiten", also die Nahrung verdaut, sondern sie auch einen Prozess der Absorbtion, der Transformation und des Transports und der Verteilung in Gang setzt. Eben dieser "reinen, feinen, subtilen" Substanzen. Dieser Prozess geht nach oben, und zwar Richtung Lunge (nicht vergessen, wir sprechen hier von Qi-Prozessen). Geht nach oben, vom Zhong Jiao (中焦) dem Mittleren Erwärmer (wo Milz und Magen sind) zum Oberen Erwärmer (Shang Jiao 上焦), wo die Lungen sind.

Die Funktion des Magens des "Senkens des Trüben" hingegen geht nach unten: "Senken des Trüben".
"Senken" impliziert neben der Bewegung nach unten und außen auch die Ausscheidung derjenigen Substanzen, die unbrauchbar sind für den Organismus.

Die Funktionen des "Hebens des Reinen" und "Senkens des Trüben", also von Milz und Magen, sind aufeinander abgestimmt, eine Störung der einen Funktion wirkt sich auf die andere aus.

Ye Tianshi 叶天士 (1667–1747), berühmter Arzt und Begründer der Schule der "Wärmekrankheiten" (Wen Bing 温病) der Chinesischen Medizin - kurze Anmerkung hier: beim Covid 19-Virus handelt es sich um eine solche Wärmekrankheit, um ein warmes und feuchtes pathogenes Qi - Ye Tianshi also beschreibt die Funktionen von Milz und Magen einfach und klar: "Der Magen regiert die Aufnahme von Nahrung, die Milz regiert Umwandlung und Transport. Vermag die Milz zu heben, dann ist sie kräftig und gesund. Vermag der Magen zu senken, dann ist sein Funktionieren harmonisch."

Die Milz braucht eine trockene Umgebung. Darum ist es so wichtig, sie nicht auszukühlen. Man kann nicht einfach sagen, wir haben es hier mit einer Wärmeerkrankung zu tun, also kühlen wir das System und alles kommt in Ordnung. Wenn man zu kalt isst (also Salate, viel Obst, besonders ungünstig wären Orangen oder Orangenjuice...), dann schädigt man das Qi der Milz, schädigt das Yang der Milz, das so wesentlich ist für die Fähigkeit der Milz zu transformieren und zu transportieren. Und damit wird sich auch die innere Qi-Umgebung ändern, von trocken zu feucht, das Qi wird in Folge blockieren, die Funktion des Hebens wird blockiert, und irgendwann bricht das Qi der Milz ein, steigt also nicht, sondern fällt nach unten.

Alle Aspekte der Übung für die Milz sind wichtig. Einerseits der Laut, der in der Vorstellung ausgesprochen wird. Das Aussprechen der Organ-Laute wird als "reduzierende Methode" (Xiefa 泻法) verstanden, man will nicht zu stark reduzieren, darum das lautlose, geatmete Aussprechen der Laute. Darüberhinaus haben wir aber auch die Bewegung: die eine Hand hilft dem Qi der Milz nach oben, die andere Hand dem Qi des Magens nach unten, also in die Richtungen, die ihrem geordneten Funktionieren entsprechen. Und zusätzlich, beim Öffnen und Schließen, expandiert der Bauch und kontrahiert wieder, was ebenfalls der Funktion von Milz und Magen zugutekommt.

Diesen Bewegungsaspekt der Übung nennt man Daoyin (导引 Führen und Leiten, Leiten und Strecken), dem Qi durch äußere Bewegungsabläufe helfen, seine Funktionen wiederzugewinnen, wenn sie beeinträchtigt oder verlorengegangen sind bzw. sie generell zu stärken, um damit die Gesundheit auf ein höheres Niveau zu heben.

Man darf nie eindimensional denken. In den Qi-Funktionen ist immer alles mit allem auf irgendeine Art verbunden. Zu sagen, bei Verdauungsproblemen mache ich die Übung für Milz und Magen, und bei Atemproblemen mache ich die Übung für die Lunge, das wäre das Denken in nur einer Dimension.

Zum Beispiel: die Qi-Körperabwehr heißt Abwehr-Qi (Wei-Qi 卫气) und ist eine Funktion des Lungen-Qi. Das Wei-Qi zirkuliert auf und in der Haut, als starkes Yang-Qi und äußerste Verteidigungslinie. Zu glauben, es genüge, das Wei-Qi über die Lunge zu stärken, damit das Immunsystem gut funktioniert, heißt zu übersehen, dass das Wei-Qi auch eine innere Verbindung braucht, zum Ying-Qi, ein Begriff, der wörtlich "Feldlager-Qi" bedeutet. In der deutschen Übersetzung geht diese militärische Metapher verloren, meistens wird das Ying-Qi als Nahrungs-Qi übersetzt. Dieses Qi zirkuliert nicht in der Haut. Das Ying-Qi entsteht aus der Verdauung, in Milz und Magen und im Mittleren Erwärmer und zirkuliert mit dem Blut. Erst wenn Wei-Qi und Ying-Qi kommunizieren, wird die Immunabwehr besser funktionieren.

Man weiß vom Covid 19-Virus, dass sein pathogenes Qi als erstes und sehr rasch die Lungen attackiert. Die Übung für die Lunge ist da sehr wichtig, aber aufgrund der wechselseitigen Verknüpfung und Verbundenheit der Qi-Funktionen sind andere Übungen genauso wichtig. Man muss diese Verbindungen im Qi nicht wissen, man muss sie nur regelmäßig machen. Qigong wirkt durch Stille und Ruhe, also durch das Entspannen und die Ausschaltung der Gedanken, und andererseits durch den Daoyin-Aspekt der Übungen, der bei traditionellen Übungen eigentlich immer sehr durchdacht und entsprechend wirkungsvoll ist.

Friday, April 10, 2020

Heilende Laute - Übung für die Milz

Hier ist eine weitere der Heilenden Laut-Übungen, die Übung mit dem Laut für die Milz.

Dieser wird Hu ausgesprochen.

Wie bei den anderen Übungen: Ausatmen durch den Mund, den Laut vorstellen. Dabei werden die Lippen gerundet, wie wenn man eine Kerze ausblasen würde.

Hu, mit einem langen ruhigen Atemstrom durch die gerundeten Lippen.


Wenn man alle der bisherigen Heilenden Laut-Übungen zusammen übt, dann in dieser Reihenfolge: Lunge, Leber, Milz, Dreifacher Erwärmer.

Auf diese Art wird das Qi der Organe verbunden und die Wirkung geht weit über die der einzelnen Übungen hinaus. Unter anderen Wirkungen werden zwei Aspekte des Qi-Immunsystems zusammengebracht, das des Qi 气 und das des Bluts (血 Xue).

Das Aufsteigen des Klaren wird gefördert (des Klaren Yang 清阳 Qing Yang).

Das Zusammenspiel der Organe wirkt auch auf die Wasserwege, d. h. es wird adressiert, was in dieser Covid-19-Pandemie wichtig ist, nämlich dass die innere Feuchtigkeit nicht überhand nimmt und so dem heiß-feuchten Qi des Virus als Türöffner dient. 

Feuchte Hitze ist ja das Hauptproblem. Feuchte Hitze im Körperinneren, die einen verwundbar macht. Doch dann zu denken, dass man das Qi kühlen sollte, zum Beispiel durch kühlende Lebensmittel, wie Salat, Rohkost, Obst etc., wäre verfehlt. Das Qi der Milz darf nicht auskühlen, sonst wird das Problem noch schlimmer. Darum Kerrys Food-Medicine-Rezepte, und  darum diese Übungen, die das Zusammenspiel der Organe fördern und eben auch den Fluss des wärmenden Yang-Qi in all seinen verschiedenen Aspekten.

Wednesday, April 8, 2020

Zweierlei Fleisch mit Goji-Beeren (枸杞炒两片 Gouqi Chao Liang Pian)

Dies ist ein traditionelles Rezept, speziell für rekonvaleszente Menschen, für ältere Personen, die sich schwach fühlen und durch psychische Belastungen leicht ermüden, für Frauen in der Mitte der Schwangerschaft, die Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, und für alle diejenigen, die gestresst sind, weil ihre Augen beim Arbeiten und Studieren überbelastet werden - durch das Lesen oder Schreiben auf Computern, Smartphones, Notebooks usw.

Zutaten und Zubereitung dieses Rezepts sind dergestalt, dass man es einfach zuhause zubereiten kann. Es ist eine Variante eines Rezepts der klassischen chinesischen Medizin, das durch die Stärkung des Yin-Aspekts von Qi (气) und Blut (Xue 血) die Tonisierung des Yang-Aspekts des Ursprungs-Qi (元气 Yuan Qi) zum Ziel hat.

Die einzige Zutat aus der Kräutermedizin in diesem Rezept ist Gouqizi 枸杞子 (Lycii Fructus), im Westen als Goji-Beere bekannt. Sie ist eine der wenigen Substanzen der Arzneimittellehre, der zugeschrieben wird, „das Ursprungs-Yin (Yuan Yin 元阴) als Unterstützung für das Ursprungs-Yang (Yuan Yang 元阳 )zu tonisieren“ – mit anderen Worten: Sie ist ein Tonikum für das Essenz-Qi (Jing 精).

Alle anderen Zutaten unterstützen diese Wirkung. Sie sorgen für die Balance von Yin und Yang, nähren Qi und Blut und stellen das ursprüngliche Qi und die Essenz wieder her. Die Goji-Beeren sorgen dafür, dass die Wirkung des Rezepts in die Meridiane von Nieren, Leber und Lunge gelangt.

Zutaten:

200 g Hühnerbrust ohne Knochen (ohne Haut), in dünne Scheiben geschnitten
200 g weißer Fisch (Kabeljau, Schellfisch, Seezunge, Heilbutt, Seelachs, Dorsch - auch tiefgefroren, wenn kein frischer Fisch verfügbar ist), in dünne Scheiben geschnitten
100 g Spinat (tiefgefroren, wenn nicht frisch verfügbar), gehackt
50 g Goji-Beeren, 5 Minuten in Wasser eingeweicht
1 Frühlingszwiebel, in 3 cm lange Stücke geschnitten
4 Scheiben frischer Ingwer (geschält)
2 Esslöffel Raps- oder anderes Speiseöl

Marinade für das Huhn:

½ Teelöffel Salz
1 Teelöffel Zucker
1 Teelöffel Sojasauce
1 Esslöffel Weißwein (oder Sherry oder chinesischer Shaoxing Reiswein, wenn verfügbar)
1 Esslöffel Raps oder anderes Speiseöl
1 Esslöffel Speisestärke (Maizena)

Marinade für den Fisch:

½ Teelöffel Salz
1 Teelöffel Zucker
1 Teelöffel Sojasauce
1 Esslöffel Raps- oder anderes Speiseöl

Ein Prise gemahlener Pfeffer, weiß oder schwarz

Zubereitung:
  • Die Marinaden in zwei Schalen mischen; in der jeweiligen Marinade Huhn und Fisch ca. 5 Minuten marinieren.
  • Wok oder Bratpfanne heiß werden lassen, einen Esslöffel Speiseöl hinzufügen; wenn das Öl sehr heiß ist und zu rauchen beginnt, die Hälfte von Ingwer und Frühlingszwiebeln etwa 10 Sekunden lang braten, bis sie duften.
  • Das Hühnerfleisch ohne Marinade hinzufügen und ca. 3 Minuten in der Pfanne unter ständigem schnellem Rühren braten. Dann den Fisch hinzufügen und weitere 2 Minuten rühr-braten. Aus der Pfanne nehmen, auf einem Teller beiseite stellen.
  • Erneut einen Esslöffel Öl in Wok oder Pfanne erhitzen, bis das Öl zu rauchen beginnt, dann den restlichen Ingwer und die Frühlingszwiebel braten bis sie duften. Spinat hinzufügen (gefrorener Spinat muss nicht aufgetaut werden) und etwa 2 Minuten rühren. Dann die Goji-Beeren hinzufügen und mit ein paar Tropfen Sojasauce und einer Prise Salz würzen. Dabei noch ca. eine Minute weiter rühren, bis der Spinat fertig ist. Zum Schluss Fisch und Huhn dazugeben und noch einige Sekunden braten.
Sofort servieren.

Dazu passen Congee (Reisbrei) oder gekochter bzw. gedämpfter weißer Reis (weißer Basmati oder duftender Jasminreis aus Thailand). Hirse ist ebenfalls eine gute Wahl als Beilage für dieses spezielle Rezept.

Das Pfannenrühren ist eine sehr schnelle Kochmethode. Dabei sorgen Hitze und Öl dafür, die „fünf Geschmacksrichtungen“ und andere Qi-Eigenschaften in den Lebensmitteln zu versiegeln. Es ist ratsam, alle Zutaten vorzubereiten, um sie rasch in die Pfanne zu geben, sobald das Öl heiß ist.

Tuesday, April 7, 2020

Heilende Laute: Übungen für Lunge, Leber und San Jiao - Video

Zum Mitüben, ein Video, in dem die drei Laute für Lunge, Leber und San Jiao kombiniert sind:



Bai Yuchan 白玉蟾

Für diejenigen unter uns, die die Fanhuangong-Übungen kennen und üben:

Heute ist der Geburtstag von Bai Yuchan 白玉蟾, dem fünften Meister dieser Linienfolge des Daoismus.

Meister Shen, der Linienhalter des Fanhuangong, hat mir gerade dieses von Bai Yuchan gemalte Bild geschickt, das einen daoistischen Unsterblichen darstellt:


Auch für seine Kalligraphie war Bai Yuchan berühmt. Hier ist eines seiner kalligraphischen Werke:


Und schließlich habe ich auf YouTube ein Video gefunden, in dem ein Daoist vom Berg Gexian (Gexianshan 葛仙山) in der Provinz Jiangxi eines der Gedichte von Bai Yuchan singt. Das Gedicht heißt: Daoqing 道情 - 'Emotionen oder Gefühle des Dao' (ein im 12./13. Jahrhundert sehr populäres Genre von Gedichten).

Hier ist das Video:


Hier meine Übersetzung des Gedichtes:

白雲黄鶴道人家
一琴一劍一杯茶
羽衣常帶烟霞色
不染紅塵桃李花
常世人間笑哈哈
周遊四海你為啥
苦終受盡修正道
不染人間桃李花
常世人間笑哈哈
爭名奪利你為啥
不如回頭悟大道
無憂無慮神仙家
清淨無為是吾家
不染凡塵道根扎
訪求名師修正道
蟠桃會上赴龍華

Weiße Wolken, gelbe Kraniche, eines Daoisten Heim.
Eine Zither, ein Schwert, eine Kanne Tee.
Gekleidet in den Farben von Wolken und Dunst,
Unbefleckt vom roten Staub, wie Pfirsich- und Pflaumenblüten.
Die gewöhnlichen Menschen der Welt, sie lachen: ha ha,
wozu dein Wandern innerhalb der vier Meere?
Leid widerfuhr mir genug, nun kultiviere ich den wahren Weg,
Unbefleckt von der Welt, wie Pfirsich- und Pflaumenblüten.
Ihr lacht, ihr gewöhnlichen Menschen der Welt: ha ha,
doch wozu all euer Kampf um Reichtum und Ruhm?
Besser die Umkehr und das Erwachen zum Großen Weg,
zuhause ohne Kummer und Sorgen in der Unsterblichen Familie.
In Reinheit, Stille und Nicht-Tun bin ich daheim,
Unbefleckt vom Alltagsstaub und tief verwurzelt im Weg,
Berühmte Meister suche ich auf zur Unterweisung im rechten Weg,
Bis mich die Königinmutter des Westens zum Bankett der Unsterblichkeit lädt.

Regulation, Gesundheit und Stille

Auf diesem Blog versuchen wir auf verschiedenste Arten und Weise auf die Wichtigkeit der Regulation hinzuweisen. Gesundheit ist gleichbedeutend mit funktionierender Regulation des Qi. Gesundheit ist die natürliche Bewegung des Qi, ist dessen natürliches Funktionieren.

In seinem Kommentar zum Daodejing sagt Song Changxing, ein daoistischer Meister des 17.Jahrhunderts, dieses:

„Bevor ein Holzblock gespalten wird, kann er jede Gestalt annehmen. Sobald er gespalten und zu einem Quader geformt wurde, kann er nicht mehr rund werden. Ist er gebogen, kann er nicht begradigt werden. Laozi lehrt, nicht gespalten zu werden. Was gespalten ist, kann nicht mehr zur ursprünglichen Natur zurück."

Und Wang Bi, der berühmteste Kommentator des Laozi, spricht:

"Nur wenn man die Leere als Tugend nimmt, können Handlungen mit dem Weg übereinstimmen."

Die natürliche Regulation hat zu tun mit körperlichen Strukturen und deren Funktionen, die China eben in der Terminologie des Qi beschrieben hat und immer noch beschreibt, und sie hat auch zu tun mit den seelischen und geistigen Bereichen des Menschen (und deren Qi-Funktionen) zu tun. Die Qigong-Theorie spricht aus und betont, dass es vor allem dieser seelisch-geistige Aspekt ist, der für die Regulation, also für die Gesundheit, entscheidend ist.

Im zweiten Kapitel seines Buches denkt der daoistische Philosoph Zhuangzi über den Körper nach, über „die hundert Knochen, die neun Körperöffnungen, die sechs Organe“ und fragt, wem unter diesen sich das Ich am nächsten fühlt, wer unter ihnen den anderen beherrscht und wer vom anderen kontrolliert wird, und ob sie über sich einen wahren Herrscher haben?“ Im Prinzip ist dies eine rhetorische Frage: Die daoistische Antwort ist ja und nein gleichzeitig. Ja, als es etwas Ordnendes und Regulierendes gibt. Nein, als da kein Herrscher ist, sondern eine organisierende Funktion, die natürlich ist, von-selbst-so oder aus-sich-selbst-so, wie der chinesische Ausdruck wörtlich lautet.

Die Regulation erfolgt nicht im normalen Bewusstsein. Es ist nicht möglich, die Lebensprozesse bewusst zu steuern. Es ist zwar möglich, diese zu beeinflussen, doch ist die große Frage, ob bewusstes Beeinflussen im Sinne der Regulation wirken kann. Im Allgemeinen wird dies von der Seite des Daoismus verneint, es wird auch meist von Seiten des Qigong verneint. Die eigentliche Regulation erfolgt vielmehr in einer tieferen Schicht des Geistes, die dem Bewusstsein nicht zugänglich ist. Darum die Fruchtlosigkeit des Bemühens, das Qi zu steuern. Doch heißt das nicht, dass Qigong zu üben grundsätzlich fruchtlos und vergeblich ist. Ganz im Gegenteil, sobald man „seine Anstrengungen den Grundlagen widmet, dann kann man über den Weg sprechen.“

Natürlich ist Qigong zuerst einmal intentionales und bewusstes Tun, doch ist dies nicht das Entscheidende. Wirkungen beginnen sich erst „wirklich“ zu manifestieren, wenn durch die Bewegung Ruhe und in weiterer Folge innere Stille entstehen. Diese sich einstellende innere Stille ist die zu verstehende Wurzel, sie ist es, die den Weg zu Regulation und Gesundheit weist.

Laozi sagt im 16. Kapitel des Daodejing: „Rückkehr der Wesen zur Wurzel heißt Stille. Stille heißt Wiedererlangung des Lebens. Wiedererlangung des Lebens heißt Dauer.“

Wang Bi kommentiert dies: „Sobald sie zur Wurzel zurückkehren, erreichen die Wesen Stille. Darum spricht der Text von Stille. Sobald sie die Stille erreicht haben, kehren sie zurück zu ihrer ursprünglichen Lebensanlage. Darum spricht der Text von Rückkehr zum Leben. Sobald die Wesen zu ihrer ursprünglichen Lebensanlage zurückgekehrt sind, erlangen sie das Dauernde (die ewige Essenz) ihrer inneren Natur und Lebensanlage. Darum spricht der Text vom Ewigen oder Dauernden.“

Und die Zeilen „Das Äußerste an Leere erreichen, das Tiefste an Stille bewahren“ kommentierend, sagt Wang Bi: „Die Leere zu erreichen ist das Äußerste für die Wesen, die Stille zu bewahren ist ihr Innerstes. Die Stille zu bewahren ist der Wesen wahre Regulation.“

Laozi schrieb als Philosoph, Wang Bi als ein Kommentator schrieb ebenfalls als Philosoph. Ich nehme hier auf sie Bezug, um auf bestimmte Prinzipien und Gedanken hinzuweisen, die die Chinesische Medizin und das Qigong mit der chinesischen Philosophie gemeinsam haben. Der wichtigste Gedanke, der ja auch schon im Satz „Still und leer, dem folgt das wahre Qi“ zu Ausdruck gebracht worden ist, ist dieser:

Innere Stille und Leere sind die Grundlage der Regulation und der Gesundheit. Das menschliche Leben in seiner Komplexität, physisch und psychisch, ist nur in der Stille und inneren Leere mit den Kräften der Natur verbunden. Diese Kräfte sind unendlich kreativ, sie sind lebensgebend, ordnend und regulierend. All die Theorien um Wuji (das Grenzenlose), Taiji (die Große Einheit), um Yin, Yang, die Fünf Phasen, die Acht Trigramme und 64 Hexagramme sind Versuche, diese kreativen, selbst-organisierenden, von selbst ordnenden, lebensspendenden Eigenschaften der Natur in ihrer Dynamik zu fassen.

„Himmel heißt Dao. Dao heißt fortwährende Dauer.“

Wang Bi meint hierzu: „Sobald man sein Vermögen mit dem des Himmels verbindet (wie es im Kommentar zum Buch der Wandlungen vom Großen Mann heißt) und die Allgegenwart des Weges verkörpert, dann fürwahr erreicht man den Punkt der äußersten Leere und des Nicht-Seins.

„Den Weg zu besitzen heißt ewige Dauer. Sobald man die äußerste Leere und das Nicht-Sein durchdringt und die Dauer der Wesen erlangt, dann erlangt man auch als Gipfel, dass man nicht erschöpft werden kann.“

Ich bin schon seit ein paar Tagen am Überlegen, wie konkret per Blog und Video dieses Ruhig-Still- und Leerwerden kommuniziert werden kann. Ein Foto oder Video beim ruhigen Sitzen würde wahrscheinlich eher für Erheiterung sorgen. Doch vielleicht ist mit diesen Gedanken erst einmal der erste Schritt getan. Zusätzlich zu den bewegten Übungen braucht es einfach auch die Qigong-Meditation. Kein Yang ohne Yin, und in einer gewissen Hinsicht gibt es ein Primat des Yin.

Bewegung entsteht aus der Stille, das warme Yang-Qi kann nur durch das Yin zirkulieren, wahre Kraft entspringt dem Nachgeben und der Weichheit. Qigong-Übungen sind Mittel zur Stille, aus der sich wiederum die echte, wirkliche Bewegung des Qi als Ausdruck des Lebens und seiner formenden Kräfte erhebt. Ist dies erreicht, dann ist die Übung nicht mehr so wichtig.

Als praktische Anleitung möchte ich hier nur sagen: Alles gilt. Es gibt natürlich spezifische Techniken, aber man kann die Dinge auch einfach angehen und sich nach bewegten Qigong-Übungen zumindest ein paar Minuten hinsetzen. Sich hinsetzen, ohne den Anspruch auf Ausschaltung der Gedanken. Einfach nur ruhig sitzen, auf ganz gewöhnliche Art und Weise. Damit ist schon viel getan, oder genauer gesagt nicht-getan. All diese Gedanken, die ich oben entwickelt habe, sind letztlich Fußnoten zu dem, was auf Chinesisch Wuwei 无为 heißt, Nicht-Tun.

„Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.“ Dies zu erreichen, ist die hohe Kunst des Qigong. Und je näher man dem Nicht-Tun kommt, desto mehr werden sich auch die positiven gesundheitlichen Auswirkungen des Qigong manifestieren, die wir in diesen pandemischen Zeiten so nötig haben.

Um zum Abschluss Zhuangzi zu zitieren:

„Die Hasenfalle existiert wegen des Hasen. Sobald der Hase gefangen wurde, kann man die Falle vergessen. Worte existieren wegen des Sinns. Sobald man den Sinn verstanden hat, kann man die Worte vergessen. Wo kann ich jemanden finden, der Worte vergessen hat, damit ich mit ihm sprechen kann? "

Reis-Congee

Congee oder Zhou 粥 ist ein schlichtes, einfaches Gericht aus weißem Reis, der in Wasser lange gekocht wird, ähnlich einem suppenartigen Brei. Er ist ein Grundnahrungsmittel der Chinesen und wird gleichermaßen von Jung und Alt gegessen, zum Frühstück, als Heilmittel, Tonikum oder auch als Nachtjause nach einem feuchtfröhlichen Abend mit Freunden.

Als Gericht der chinesischen Diätetik ist er von größter Bedeutung, weil er mild im Geschmack und von der Temperatur her neutral ist, eine weich und dennoch feste Textur besitzt und sowohl die Yin-Säfte nährt als auch die Yang-Qi-Funktion der Umwandlung von „Getreide und Säften“ unterstützt.

Mit anderen Worten: Congee besitzt sehr spezifische medizinische Wirkungen, welche als „Harmonisierung der Mitte", „Tonisierung" des Magen- und des Milz-Qi“ und „Regulierung des Qi der Verdauung“ bezeichnet werden. Diese medizinischen Wirkungen sind der Schlüssel zur Wiedererlangung und Erhaltung der Gesundheit.

Congee ist ein Gericht mit hohem Nährwert. Er kann mit anderen diätetischen Rezepten kombiniert werden, um deren Wirkung zu moderieren oder zu unterstützen. Und er kann für sich allein gegessen werden, um körperliche „Zustände des Übermaßes“ zu mildern, wie z.B. die Nebenwirkungen einer Behandlung mit Chemo- oder Strahlentherapie oder die selbstverursachten Auswirkungen von exzessivem Trinken oder Essen. Er kann auch der Hauptbestandteil einer Mahlzeit sein. Auf welche Art und Weise man seine harmonisierenden, ausgleichenden Eigenschaften nutzt, wenn er zentrales Element einer Mahlzeit ist, hängt vom individuellen Gesundheitszustand oder dem Grad des gesundheitlichen Ungleichgewichts ab.

Als Frühstücksbrei wird Congee üblicherweise mit einigen kleinen Beilagen wie Kimchi oder anderem eingelegten Gemüse gegessen, vielleicht mit einem gekochten Ei oder einem Spiegelei, mit etwas gebratenem Gemüse oder anderen Resten … wie ein Frühstück mit verschiedenen „Tapas“!

Zutaten:

1 Tasse Reis
10 Tassen Wasser

Zubereitung:
  • Den Reis gründlich so lange mit frischem Wasser waschen, bis das Wasser klar ist.
  • Wasser und Reis in einen großen Kochtopf geben, zudecken und bei starker Hitze zum Kochen bringen.
  • Sobald das Wasser kocht, abdecken und die Temperatur auf sehr niedrig stellen. Zwei Stäbchen oder Messer über den Rand des Topfs legen, den Deckel darauf legen. So entsteht ein Spalt zwischen Topf und Deckel, durch den genügend Dampf entweichen kann, damit der Reis nicht überkocht und trotzdem nicht zu viel Wasser verdunstet.
  • Mindestens 45 Minuten oder auch länger kochen (abhängig von der Art des Reises, den man verwendet: Es ist wichtig, dass der Reis „zerfällt“, um eine cremige Konsistenz zu erzielen, zugleich soll er fest genug bleiben, um eine gewisse Textur zu haben). Gelegentlich umrühren und Wasser hinzu fügen, wenn der Reis beim Kochen zu viel Flüssigkeit aufnimmt.
Reiscongee oder Zhou als wichtiges Gericht der chinesischen Küche (jeder in China liebt Zhou) und auch als wichtiges diätetisches Gericht ist den meisten unter uns sicher fremd. Nur Reis und Wasser, in der simpelsten Variation auch noch ohne Salz, ist nicht unsere Vorstellung von Kulinarik oder aufbauendem Essen. Wer des öfteren oder länger in Asien war, der wird Reis-Congee allmählich schätzen lernen. Man muss eben lernen, das Einfache und vordergründig Fade zu schätzen.

„Wenn man vom Großen Dao spricht, wie fade ist es und ohne Geschmack", heißt es bei Laozi.

Jeder Geschmack bedeutet eine Einseitigkeit und hat damit eine spezifische Wirkung, den Hintergrund oder die Möglichkeit aller Wirkungen findet man aber in dem, was neutral ist und ohne Geschmack. Gerade durch die Abwesenheit des Geschmacks vermag sich das Qi in der Mitte zu verankern und in alle Richtungen zu kommunizieren. Im Qigong sind es die Bewegungen in den vier Richtungen, die wirken, der Urgrund aller Wirkung findet sich jedoch nicht in der Bewegung, die notwendigerweise einseitig ist, sondern in der Stille und inneren Leere.

„Still und leer, dem folgt das wahre Qi", wie es im Inneren Klassiker des Gelben Kaisers heißt.

In der chinesischen Kräutertherapie und auch Diätetik entspricht dem die Einseitigkeit des Qi der verwendeten Substanzen (Geschmack, Temperatur, Meridian-Assoziation usw.). Diese Einseitigkeit erzeugt Wirkungen, aber auch diese Wirkungen sind auf eine Mitte bezogen, die durch das Neutrale und Einfache konstituiert wird.

Aus diesen wenigen Gedanken kann man vielleicht erahnen, was wesentlich ist an einem so simplen und unaufgeregten Gericht wie in viel Wasser gekochtem Reis.

Yuan Mei 袁枚 (1716-1797), einer der großen Dichter und Autor eines der berühmtesten Kochbücher Chinas, des „Speisezettels des Sui-Gartens“, äußert sich folgendermaßen über Congee:

Konfuzius spricht: Der Edle widmet seine Anstrengungen den Grundlagen. Erst wenn die Grundlagen feststehen, kann man über den Weg, das Dao sprechen." Congee und Reis sind die Grundlagen einer Mahlzeit, all die begleitenden Speisen sind extra. Nur durch das solide Wissen um die Grundlagen kann man über den Weg sprechen. Wang Mang sagte: ‚Reis ist der Befehlshaber der hundert Arten von Fleisch und Fischgerichten.' Ich sage dazu: Reis ist die Grundlage der hundert Geschmäcker."..

Oft sieht man reiche Familien, die zwar viel von guten Gerichten hoher Qualität, jedoch nichts von Reis verstehen. Sie verdienen es ausgelacht zu werden, so wie sie sich um Bagatellen kümmern und die Grundlagen vergessen. …

Die Süße von Reis ist hundert anderen Geschmäckern überlegen. Wenn ein Liebhaber guten Reis serviert bekommt, dann kann er ihn ohne irgendwelche Zuspeisen genießen...

Sieht man Wasser, aber keinen Reis, ist es kein Congee. Sieht man Reis, aber kein Wasser, ist es auch kein Congee. Wasser und Reis müssen auf harmonische Weise eins werden, in Weichheit und Sämigkeit, dann erst können sie Congee genannt werden. Meister Yin Wenrui sagte: Es ist besser, dass die Leute auf den Congee warten anstatt dass der Congee auf die Leute wartet." Es steckt viel Wahrheit in diesem wohlbekannten Satz. Wenn man den Congee zu lange stehen lässt, dann verändert sich sein Geschmack und er wird trocken.

In letzter Zeit machen die Leute auch Enten-Congee, indem sie dieses stark schmeckende Fleisch beigeben, oder sie machen Acht-Schätze-Congee durch Hinzufügen von Nüssen und Früchten. Aber all dies lässt Congee seinen eigentlichen Geschmack verlieren. Möchte man wirklich etwas hinzufügen, dann Mungbohnen im Sommer und Hirse im Winter. Wenn die Fünf Getreide miteinander gepaart oder Dinge aus derselben Kategorie verbunden werden, dann vermeidet man, dem Congee zu schaden.

Ich war im Haus eines gewissen Inspektors zu Gast, der verschiedene Gerichte auftragen ließ, die ganz ordentlich waren. Reis und Congee waren jedoch so plump und unkultiviert zubereitet, dass ich mich zum Schlucken zwingen musste. Nachdem ich nach Hause zurückgekehrt war, wurde ich sehr krank. Ich scherze gern mit anderen und sage: Dieses Unglück wurde durch den heftigen Zorn der Gottheiten meiner Fünf Organe verursacht, es gab nichts, was ich dagegen tun hätte können."

Saturday, April 4, 2020

Zur Methode der Heilenden Laute für das Leber-Qi

Das Leber-Qi (Gan Qi 肝气) ist zuständig für die Harmonisierung, es ist der „General“, der alle die verschiedenen Qi- und Blutzyklen des Körpers koordiniert, so dass das System reibungslos funktioniert, in einem sich alle 24 Stunden wiederholenden ununterbrochenen Fluss.

Die Übung des Heilenden Lautes für das Leber-Qi, ganz speziell, fördert die Bewegung der Yang- und Yin-Aspekte unseres Immunsystems zur korrekten Zeit durch jeden der zwölf Meridiane und die mit ihnen assoziierten Organe.

In der TCM besteht das Immunsystem aus einem Yang-Aspekt, der als Abwehr-Qi/Wächter-Qi bezeichnet wird (Wei Qi 卫气) und einem Yin-Aspekt genannt Nahrungs-Qi/Feldlager-Qi (Ying Qi 营气).

Das Abwehr-Qi ist der stärkste Yang-Aspekt unseres Qi. Wenn der Körper von außen durch ein Virus angegriffen wird, kommt das Abwehr-Qi zuerst an den Poren der Haut zum Einsatz, um "die Oberfläche zu öffnen" und Pathogene mit dem Schweiß auszutreiben.

Das Feldlager-Qi ist der äußerste Yin-Aspekt des Qi. Es fließt mit dem Blut durch alle Gefäße und Organe, unterstützt und stärkt das Abwehr-Qi von innen und übernimmt den Kampf gegen eindringende Krankheitserreger, wenn diese die erste Verteidigungslinie durchbrochen haben.

Qi (und Blut) zirkulieren unablässig Tag und Nacht durch den Körper. Die TCM beschreibt jedoch einen Zyklus, der durch jedes Ein- und Ausatmen erzeugt wird, und auch das Qi auf und ab bewegt.

Ein kompletter Zyklus durch die Meridiane dauert 270 Atemzüge. 50 solcher Zyklen (25 Zyklen durch die Yang-Meridiane und 25 Zyklen durch die Yin-Meridiane) ergeben zusammengenommen den Qi-Fluss während der 24 Stunden von Tag und Nacht.

Die harmonisierende, in Fluss bringende und das Qi ausbreitende Funktion der Leber reguliert diese Zyklen, die mit dem ersten Atemzug beim Aufwachen beginnen. Ein Zyklus beginnt im Lungen-Meridian und endet im Leber-Meridian, und dann beginnt der nächste Zyklus wieder im Lungen-Meridian, wobei sich beim Ein- und Ausatmen das Qi auf- und abbewegt.

Während des Tages (der Yang-Zeit) fließt das Qi in den Meridianen durch den Körper, so dass man geistig und körperlich aktiv sein kann. Während der Nacht (der Yin-Zeit), wenn man schläft und der Geist ruhig ist, fließt das Qi zu den inneren Organe, füllt sie wieder auf und bereitet so die Aktivität des nächsten Tages vor.

Bei der Übung des Heilenden Lautes für das Leber-Qi sind es sowohl Laut als auch Körperbewegung, die das Qi „ausbreiten“ und die Begrenzungen von Brust und Mitte öffnen, um Platz zu schaffen für den freien Fluss von Atem, Blut und Emotionen. Dies wiederum harmonisiert alle körperlichen Aktivitäten, sodass sie reibungslos und geordnet funktionieren, und verleiht Körper und Geist Leichtigkeit und Behaglichkeit.


Abbildung des Leber-Meridians

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥 - Sorgfältige Ausführungen zu den 14 Meridianen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca. 1304-1386).

Thursday, April 2, 2020

Heilende Laute - Übung für die Leber - Video

Hier nun eine weitere der Liuzijue-Übungen: die Übung mit dem Heilenden Laut für das Qi der Leber.

Zuerst versucht man sich den Bewegungsablauf zu merken, sodass man sich beim Üben nicht zuviel konzentrieren muss und, das ist immer das Wichtigste, sich in den Qigong-Ruhezustand versenken kann.

Der Laut für die Leber ist "shüü" . Man findet ihn meistens als "xu" geschrieben aber das ist die Pinyin-Romanisation des Chinesischen- Am Schriftbild erkennt man als Laie nicht die Aussprache.

Also: "xu" geschrieben, mit der Aussprache "shüü". Der Laut wird, wie bei den anderen Liuzijue-Übungen, nicht ausgesprochen, sondern nur vorgestellt.

Die Mundposition ist wichtig. Die Lippen nur einen Spalt öffnen, die Mundwinkel etwas zur Seite ziehen, durch diesen schmalen, breiten Spalt erfolgt die Ausatmung.

Zu Beginn der Übung, beim Öffnen, wenn die Hände zur Seite bewegt werden: Durch die Nase einatmen und den Brustkorb (die Rippen) weiten.

Beim Schließen: Durch die Nase ausatmen, den Brustkorb wieder enger machen.

Beim Einatmen, wenn die lockeren Fäuste zur Hüfte kommen, bleibt man nicht ganz aufrecht, sondern beugt den ganzen Oberkörper ein wenig (diese Bewegung ist klein und nicht so deutlich sichtbar).

Beim Ausatmen durch den Mund, wenn man sich den Laut Shüü vorstellt, weitet man den Körper wieder.

Die Drehung zur Seite hat eine wichtige Funktion. Es werden zwei sehr wichtige Akupunkturpunkte des Lebermeridians aktiviert: Zhangmen 章门 und Qimen 期门, der 13. und 14. Punkt des Lebermeridians, Mu-Punkte 募穴von Milz und Leber.

Mu-Punkte sind Punkte, an denen sich das Organ-Qi sammelt und in die Brust fließt. Die Stimulation dieser Punkte wirkt, ganz allgemein gesagt, regulativ auf Leber- und Milz-Qi und die mit ihnen verbundenen Funktionen.


Wednesday, April 1, 2020

Traditionelle chinesische "nicht-medikamentöse" therapeutische Methoden

Während der Covid-19-Pandemie kamen sowohl in Wuhan in der besonders betroffenen Provinz Hubei als auch in anderen Teilen Chinas die sogenannten "nicht-medikamentösen traditionellen Methoden" (so heißen Taiji und Qigong im therapeutischen Kontext) zum Einsatz, entweder in Verbindung mit westlicher Schulmedizin, mit chinesischer Kräutermedizin, oder auch in Verbindung mit beiden.

All diese traditionellen Methoden zeigten gute Resultate, sowohl in der Prävention als auch in der Therapie und Rehabilitation.

Unter den verschiedenen Übungen, die in Ergänzung zur konventionellen Therapie durch das medizinische Personal unterrichtet und mit den Patienten praktiziert wurden, finden wir (ohne dass ich hier den Anspruch auf Vollständigkeit erhebe):

  • Das Liuzijue (die Heilenden Laute, also Übungen, wie sie hier auf diesem Blog schon gepostet wurden)
  • Sehr vereinfachte Versionen des Taijiquan, um Patienten das sofortige Üben zu ermöglichen 
  • Auszüge aus dem Wuqinxi (dem Spiel der Fünf Tiere) 
  • Die Baduanjin-Übungen (Die Übungen der Acht Brokate, als Ganzes oder in Teilen) 
  • Auf Basis klinischer Erfahrungen und Forschung eigens zusammengestellte Übungen, wie z.B. die „Übung zur Pflege der Lunge“ für Patienten in einem leichten Stadium der Coronavirus-Infektion
  • Eine von Prof Zhang Wenchun von der Universität für Chinesische Medizin der Provinz Jiangxi zusammengestellte Übung sowohl zur Prävention als auch zur Behandlung der Coronavirus-Infektion.
  •  Die „Übung zur Kräftigung des Körpers im Kampf gegen die Epidemie“, in der Elemente fast aller oben genannten Übungen kombiniert wurden. Diese Übung erwies sich als überaus populär unter den Patienten. Entwickelt wurde sie im Yueyang-Krankenhaus für die kombinierte Anwendung von Westlicher und Chinesischer Medizin in Shanghai, der in China einzigen Institution zur klinischen Erforschung nicht-medikamentöser Methoden.

Professor Fang Min, Leitender Arzt und Vorstand des oben erwähnten zur Hochschule für Chinesische Medizin gehörigen Yueyang-Krankenhauses, auch Vorstand der Abteilung für Akupunktur und Tuina-Massage sowie Vorstand des Shanghaier Instituts für Akupunktur- und Meridianforschung, äußert sich folgendermaßen zu den aktuellen Erfahrungen mit den traditionellen Bewegungs- und Atemmethoden:

"Traditionelle chinesische medizinische Methoden (also Übungen wie Baduanjin, Yijinjing, Taijiquan, Wuqixi und Liuzijue u.a.), als Vertreter einer nicht-medikamentösen Therapie, finden in der Prävention und Behandlung von Atemwegs- und verwandten Erkrankungen weite Anwendung.

Unser Team für traditionelle Übungsmethoden ist imstande, in der Zusammenarbeit mit Ärzten in den Abteilungen für Atemwegserkrankungen, Infektionskrankheiten, Intensivmedizin und Rehabilitation zeitgerecht zielgerichtete Übungsmethoden entsprechend der tatsächlichen epidemischen Situation zu entwickeln, und diese mittels moderner Kommunikationstechnologie verfügbar zu machen, für den Fernunterricht von Patienten und zur Ausbildung von Therapeuten.

Die Methoden können bei Gesunden, bei Menschen in Quarantäne, bei positiv diagnostizierten Patienten mit leichtem, mittlerem, schwerem oder kritischem Verlauf, bei Patienten in der Rehabilitation und auch beim medizinischem Personal angewendet werden. Es lassen sich nicht nur die körperliche Verfassung verbessern, eine Vielzahl von Beschwerden und negative Emotionen lindern, sondern es kann auch das Risiko von Kreuzinfektionen und damit der Druck auf das Medizinsystem vermindert werden. 

Für die weitere Entwicklung der traditionellen chinesischen Medizin, für die Prävention und Bekämpfung der Covid 19-Pneumonie, und um die speziellen Charakteristika und Vorteile der traditionellen chinesischen Medizin in vollem Umfang nutzen zu können, glauben wir, dass es auch wichtig ist, aus den Erfahrungen in der Epidemieprävention und -kontrolle zu lernen, als sowohl während des Ausbruchs der H1N1-Influenza als auch des Ausbruchs von SARS die traditionelle chinesische Medizin gemeinsam mit der westlichen Medizin zum Einsatz kam.

Die Methoden der traditionellen chinesischen Medizin können über 2000 Jahre zu den Methoden des Daoyin (des Führen und Streckens) zurückverfolgt werden. So erwähnt das Huang Di Neijing (Der Innere Klassiker des Gelben Kaisers) diejenigen, die Daoyin und Massage praktizieren. In den Ausgrabungen von Mawangdui fand sich eine Seidenrolle mit Abbildungen früher therapeutischer Übungen. Diese frühen Übungen der traditionellen chinesischen Medizin entstanden wahrscheinlich aus der Imitation von Tierbewegungen, verbunden mit der Erwartung, dass sie den Körper stärken und sogar die Unsterblichkeit herbeiführen können. 

Traditionelle chinesische traditionelle Methoden wurden und werden bis heute weitergegeben. Durch die moderne Wissenschaft haben wir ein neues Verständnis ihrer Funktionen und Möglichkeiten gewonnen. Studien haben bestätigt, dass das Üben einer oder mehrerer Übungen allein oder auch die vernünftige Kombination verschiedener Übungen die Immunlage des Körpers verbessern, Krankheiten vorbeugen und positive Wirkungen in Bezug auf die Lungenfunktion erzielen kann. Übungen können zur Rehabilitation, zur Verbesserung der Lebensqualität, zur Regulierung von Emotionen und auch für andere gesundheitliche Zwecke eingesetzt werden. 

Zur Förderung traditioneller Methoden der chinesischen Medizin haben die Shanghai Universität für Traditionelle Chinesische Medizin und die Staatliche Generalverwaltung für Sport die maßgeblichsten und populärsten Übungsmethoden standardisiert.  Derzeit kommen sie in Sporthochschulen, Krankenhäusern der chinesischen Medizin, in Kliniken, Rehabilitations- und Massage-Instituten und anderen medizinischen Einrichtungen zur Anwendung. Weite Verbreitung finden sie auch durch nationale Fitness-Aktivitäten..."

"Obwohl traditionelle chinesische Übungen die Übertragungswege des neuen Coronavirus nicht blockieren und eine durch das Neue Coronavirus ausgelöste Lungenentzündung alleine nicht wirksam behandeln können, kann ihre aktive Anwendung auf der Grundlage herkömmlicher Behandlungen die kardio-pulmonale Funktion von Patienten verbessern, zur Förderung der Lebensqualität und der Immunregulierung beitragen sowie einen positiven Einfluss auf die psychische Gestimmtheit von Patienten ausüben, bei gleichzeitiger positiver Wirkung auf Prävention, Behandlung und Rehabilitation von Grunderkrankungen.

Entsprechend der tatsächlichen Situation der Epidemie kann die chinesische Behörde für Traditionelle Methoden die Erfahrung von Ärzten an der vordersten Behandlungsfront mit den nationalen Richtlinien zur medizinischen Prävention und Epidemiekontrolle sowie modernen Kommunikationstechnologien kombinieren, um auf schnellste Weise einen zielführenden, wirkungsvollen, praktikablen und leicht zu verbreitenden Plan zur Epidemiebekämpfung zu entwickeln und zu formulieren, um damit auch schrittweise die Forschung bezüglich der Anwendung traditioneller chinesisch-medizinischer Übungen zur Vorbeugung, adjuvanten Therapie und Rehabilitation bei Coronavirus-Pneumonien voranzutreiben.

Gleichzeitig können in Kombination mit Big Data und künstlicher Intelligenz die erzielten Verbesserungen von kardio-pulmonaler Funktion und Immunfunktion in verschiedenen Populationen in Echtzeit bewertet, die beste Dosis-Wirkungs-Beziehung gefunden und die Methode dann weiter optimiert werden.

Wir glauben, dass die nicht-medikamentösen Therapiemodalitäten der traditionellen chinesischen Medizin so früh wie möglich bei Prävention, Behandlung und Rehabilitation der Covid 19-Pneumonien angewendet werden sollten, um ihre synergistischen Eigenschaften und Vorteile voll auszuschöpfen, als hilfreicher Beitrag zur Seuchenbekämpfung gemeinsam mit der westlichen Medizin."

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...