Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Tuesday, May 5, 2020

Selbstmassage - Ba Xie 八邪

Mit diesem Posting beginnen wir einfache praktische Methoden der Selbstmassage zu zeigen. Einfache und doch sehr spezielle Methoden, die Kerry und ich ursprünglich bei unserer Lehrerin Jia Laoshi 贾老师 in Beijing gelernt haben. Wie ich inzwischen gesehen habe, wurden auch im Rahmen der Coronavirus-Pandemie Patienten in den Spitälern in dieser oder ähnlichen Methoden unterrichtet.

Jia Laoshi meinte, diese simplen Massagen seien Teil daoistischen Trainings, und erklärte, dass solche Techniken dazu verwendet werden, das Qi der inneren Organe zu stärken und den Körper vor allem auf die Methoden des stillen Sitzens vorzubereiten. Für Kerry und mich fühlte es sich damals etwas eigentümlich an, den langen Weg nach China zu machen und dann während unseres ganzen Aufenthalts in Beijing mit Jia Laoshi fast ausschließlich solche äußerst einfachen Methoden zu praktizieren. Aber sie bestand darauf und meinte, dass diese für den Fortschritt im Qigong unabdingbar seien.

Wie es so oft ist, man lernt etwas und obwohl es eigentlich einfach ist und kaum Zeit in Anspruch nimmt, praktiziert man es kaum. So ging es jedenfalls mir. Erst nach einer ziemlichen Zeit habe ich diese Übungen wieder aufgenommen. Als ich dann versucht habe, mehr darüber herauszufinden, habe ich bemerkt, dass ähnliche Übungen generell in China als Teil der Gesundheitsvorsorge unterrichtet werden und dass sie auch Teil des Übungs-Repertoires bekannter Qigong-Schulen sind. Frau Guo Lins Finger- und Handübungen gehören zum Beispiel dazu. Diese sind Frau Jias Übungen sehr ähnlich, manche von uns kennen diese inzwischen, in Innsbruck habe ich sie schon unterrichtet.

Die meisten der Übungen, die ich hier in der WhatsApp-Gruppe zeigen will, sind Massage-Übungen durch Klopfen. Theoretisch gibt es nicht viel zu verstehen, man tut die Dinge einfach. Es braucht keine spezielle Vorbereitung, man kann dabei sitzen oder stehen. Natürlich ist es besser, den Oberkörper aufrecht zu halten. Locker bleiben, und nicht zu viel Kraft verwenden.

Hier heute die erste Übung. Massiert (durch Klopfen) werden insgesamt acht Akupunkturpunkte, die außerhalb der Meridiane liegen. Die Punkte heißen Ba Xie 八邪 - Die Acht Übel. Xie 邪 - Übel steht für Xieqi 邪气 krankheitsverursachendes Qi. Durch Massage der Punkte kann Xieqi aus dem Körper befördert werden. Konkret: Hitze wird geklärt, toxisches Qi, Wind, pathogenes Qi werden beseitigt, Schmerzen werden gelindert. (Toxisch, pathogen, Wind, Hitze, all dies sind keine Alltags- sondern TCM-Begriffe.) Auf konkrete Symptome, die durch diese Punkte behandelt werden, brauchen wir hier nicht einzugehen, unser Ansatz ist hier nicht therapeutisch, sondern die Punkte zu Regulation und Prävention einzusetzen und auch zur Unterstützung der Qigong-Praxis.


Die Punkte liegen zwischen den Knöcheln am Handrücken, wenn man eine lockere Faust macht, findet man sie am Übergang zwischen rotem und weißem Fleisch.

Die Massage erfolgt, indem man die Finger spreizt und die Hände mit verschränkten Fingern gegeneinander klopft. Nicht zu sanft klopfen, aber auch nicht zu hart, so, dass man den Impuls deutlich spürt.


Durch das Verschränken der Finger erreicht man 6 der acht Ba-Xie-Punkte, die restlichen zwei (zwischen Daumen und Zeigefinger) massiert man mit derselben Methode, indem man den Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger (hukou 虎口auf Chinesisch - Tigermaul) gegeneinander klopft.

Man schlägt mit den Händen 36x gegeneinander, oder 50x oder 100x. Die genaue Zahl ist nicht so wichtig

Das ist alles. Sehr simpel, sehr effektiv, man kann das einmal im Tag oder öfter machen, wann immer es einem einfällt. Wie immer, je regelmäßiger, desto besser.

Massage der Ba-Xie-Punkte - Video:




Monday, May 4, 2020

Tuna 吐納 - Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen

Hier noch weitere Informationen und Instruktionen, um die Übungen der Heilenden Laute korrekt und wirkungsvoll zu praktizieren.

Die Heilenden Laute gehören zu einer Art von Übungen, die auf Chinesisch Tuna 吐納 genannt werden. Tuna ist die Abkürzung für Tugu Naxin 吐故納新 – Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen, also Übungen zum Ausatmen und Ausstoßen der Aspekte des Qi, die alt sind, verbraucht, trüb, krank, und das Einatmen des unverbrauchten, lebendigen, gesunden Qi der Natur.

Die Geschichte dieser Methoden möchte ich hier nur kurz streifen, sie können jedenfalls, wie schon erwähnt, mehr als zwei Jahrtausende zurückverfolgt werden. Beim daoistischen Philosophen Zhuangzi 莊子 (4. Jh. v. Chr) finden sie Erwähnung, ebenso in den bei Mawangdui 馬王堆 ausgegrabenen medizinischen Texten (2. Jh. v. Chr.) , eine Passage im Laozi 老子 nimmt auf zwei der Laute Bezug, beim konfuzianischen Denker Wang Chong 王充 (27-100) werden sie ebenfalls angeführt. Und in den weiteren Jahrhunderten von der Jin-Zeit bis zu den Sechs Dynastien und der Tang-Dynastie wurden diese Übungen zu einem eigenständigen therapeutischen System weiterentwickelt.

- Teilweise in einem daoistischen Kontext: der schon mehrmals in anderen Postings angesprochene Tao Hongjing 陶弘景 und die Shangqing 上清 - Schule des Daoismus gehört dazu, aus dieser Tradition stammt auch der Klassiker des Gelben Hofes (Huangtingjing 黃庭經), auf den Hu Yin 胡愔, daoistische Priesterin und Ärztin, in ihrem eigenen Werk über das Tonisieren bzw. Reduzieren des Qi der Organe Bezug nimmt.

Einem Werk, das einen langen Titel trägt: Huangting Neijing Wuzang Liufu Buxie Tu 黃庭內景五臟六腑補瀉圖 (Karte des Stärkens und Reduzierens der Fünf Zang- und Sechs Fu-Organe gemäß der Schrift des Inneren Strahlens des Gelben Hofes). Hu Yin legt darin auf sehr nüchterne und klare Art therapeutische Prinzipien für die Übung der Heilenden Laute dar, Prinzipien, die auch heute noch befolgt werden. Und natürlich gehört auch der „König der Medizin“ erwähnt, der berühmte Daoist und Arzt Sun Simiao 孫思邈 (7. Jh.) mit seinem Werk Qianjin Fang 千金方 (Rezepte im Wert von Tausend Unzen Gold), in dem ebenfalls die Heilenden Laute behandelt werden.

- Teilweise in einem von vornherein medizinischen Kontext: dazu gehört das verlorengegangene Yangsheng Yaoji 養生要集 (Wesentliche Prinzipien zur Pflege des Lebens), dessen therapeutische Inhalte unter anderem von Chao Yuanfang 巢元方, Leibarzt des Kaisers und Direktor der Medizinischen Akademie des Hofes der Sui-Dynastie, im Jahre 610 in seinem monumentalen „Diskurs über Ursprünge und Symptome der Krankheiten“ übernommen wurden.

- Teilweise in einem buddhistischen Kontext: wie bei Zhi Dun 支盾 oder Zhi Daolin 支道林 (4. Jh.) und seinem Daolin Shesheng Lun 道林攝生論 (Diskussion über das Nähren des Lebens).

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt, ich will hier, wie gesagt, nicht detailliert auf die Geschichte der Übungen eingehen, sondern nur einen allgemeinen Eindruck vermitteln, dass wir es mit der Methode der Heilenden Laute mit einer schon vor 1500 Jahren weit verbreiteten Methode zu tun haben, die damals sowohl mündlich als auch schriftlich überliefert wurde.

In der Zeit von der Tang-Dynastie (7.-9.Jh) bis heute entstanden eine Vielzahl an weiteren Werken zu diesen Übungen, ich werde manche davon an anderer Stelle erwähnen.

Doch zurück zum Begriff Tuna „Ausatmen des Alten und Aufnehmen des Neuen“, um den es mir hier heute geht. Die Übungen der Heilenden Laute als Übungen zur Heilung und Stärkung der inneren Organe gehören zu dieser Kategorie von Qigong-Übungen, sie wirken genau durch dieses Prinzip.

Der Organismus stellt im chinesischen Verständnis ein komplexes Geflecht von Strukturen, Funktionen und Beziehungen dar, die mittels des Konzepts und der Theorie des Qi beschrieben werden. Die Übungen der Heilenden Laute machen nur vor diesem Hintergrund Sinn (auch wenn man tatsächlich beim Üben fast nichts über die Theorie wissen muss).

Beim Üben wird durch die Ausatmung Xieqi 邪气 (pathogenes Qi) aus den Organen und den entsprechenden Meridianen entfernt. Dies ist ein Prozess des Reduzierens oder Ausleitens – Xiefa 瀉法 auf Chinesisch. Man darf jedoch mit dem Reduzieren nicht übertreiben, während des Übens muss es mit der Methode des Stärkens oder Tonisierens - Bufa 補法 auf Chinesisch - ausgeglichen werden.

Das ist einer der Gründe, warum man die Laute nur denkt und nicht laut ausspricht. Sie laut auszusprechen wäre ein zu starker reduzierender Impuls. Dadurch würde man auf Dauer das Qi erschöpfen, was vermieden werden muss. Jedes Ausatmen braucht folglich den Ausgleich und die Ergänzung durch ein ruhiges und langes Einatmen.

Konkret: Man atmet ruhig und lange aus, während man sich einen der Laute vorstellt, und dann erfolgt eine ebenso ruhige und lange Einatmung. Nirgendwo in diesem Prozess des Aus- und Einatmens sollte man in Atemnot kommen oder physische Druckgefühle entwickeln. Wenn man das Gefühl hat, dass die Atmung nicht mehr gelöst und ruhig und einfach ist, dann ist es wichtig, innezuhalten und die Atmung zu regulieren (d.h. man lässt sie sich beruhigen und zu ihrem natürlichen Fluss zurückkehren), bevor man wieder weiter macht.

Dies ist einfach gesagt, doch braucht es Geduld und langes Üben, bis man dies auch nur so halbwegs zu verkörpern imstande ist. Doch tut man dies nicht, wird man bei den Übungen keine wirklichen Fortschritte machen können und die therapeutischen Wirkungen werden sehr an der Oberfläche bleiben.

Man kann es an den chinesischen Zeichen ablesen. Jedes chinesische Schriftzeichen enthält ein sogenanntes Radikal, ein Wurzelzeichen (unter dem es auch im Wörterbuch auffindbar ist – es gibt insgesamt 214 Radikale). Das Zeichen Tu 吐 (ausatmen) und auch die Heilenden Laute selbst schreiben sich alle mit demselben Radikal kou 口 (Mund). Am Zeichen erkennt man also, dass durch den Mund ausgeatmet wird.

Das Zeichen Na 納 (aufnehmen) hingegen schreibt sich mit dem Radikal si 糹, welches Seide bedeutet. Dieses Zeichen Seide ist von alters her vor allem im Daoismus mit der Vorstellung der Atmung assoziiert, einer Atmung fein und lang wie ein Seidenfaden.

Im 6. Kapitel des Laozi heißt es:

Xuanpin zhi men shi wei tiandi gen 玄牝之門是謂天地根 „Das Tor des dunklen Tierweibchens ist die Wurzel von Himmel und Erde.“ In einem der ältesten Kommentare zum Laozi merkt Heshang Gong 河上公, der Alte vom Flussufer, dazu an: „Wurzel heißt Ursprung. Durch das Tor von Nase und Mund kommt und geht der mit Himmel und Erde verbundene Atem des Ursprungs.“

Mian mian ruo cun 綿綿若存 „Seidenfaden um Seidenfaden, wie anwesend“, heißt es weiter bei Laozi. Heshang Gong vermerkt hierzu: “Der durch Nase und Mund fließende Atem soll fein sein wie Seide, so wie anwesend und doch nicht anwesend. Also so fein, dass man nicht erkennen kann, ist da ein Faden oder nicht.“

Yongzhi buqin 用之不勤 „Verwendet es ohne Mühe”, so schliesst Laozi das Kapitel. Und Heshang Gong spricht es klar aus: “Auf freie und gelöste Art und Weise soll der Atem verwendet werden, nicht hastig und bemüht.”

Ich habe anderntags gemeint, dass wir mit den Heilenden Lauten noch ganz am Anfang sind. Wir kennen jetzt die Bewegungen und die Laute, aber sie zu kennen, heißt ja nur, dass man endlich zu praktizieren beginnen kann. Auf lockere, etwas schlampige, entspannte Art und Weise. Das ist vorerst einmal das Wichtigste.

Doch gibt es mit der Zeit noch vieles Notwendige zu ergänzen. Dies werde ich in der nächsten Zeit tun. Ergänzen in Bezug auf die Bewegungen, die Laute, die Mundpositionen, die Reihenfolge der Laute, mögliche Abwandlungen der Übungen und die Atmung selbst.

Was ich oben gesagt habe, klingt simpel, ist aber eines der wichtigsten und wesentlichsten Dinge:

Während des Übens sollte sich die Atmung möglichst frei anfühlen. Wenn man das Gefühl hat, dass es in der Brust oder beim Zwerchfell drückt, oder wenn man sich bemühen muss, die Atmung hinzukriegen, oder man nur ein paarmal ruhig atmen kann und dann plötzlich kommt ein starker Einatem-Reflex, dann atmet man noch nicht richtig. All dies zeigt, dass man noch zu sehr unter Spannung steht und zu sehr im absichtlichen Tun ist. Doch die nötige Resonanz in den Organen und den zugehörigen Meridianen stellt sich erst dann ein, wenn der Körper gelöst ist, die Atmung frei und ohne Mühe erfolgt und wenn man sich in einem Zustand der inneren Ruhe und Stille befindet.

Um all dies allmählich zu erreichen, ist es in erster Linie wichtig, immer wieder Pausen zu machen, Pausen, die dazu dienen, dass sich der Atem beruhigen kann, man bewusst dort loslassen kann, wo durch das Üben Spannungen entstanden sind, und man die nötige Ruhe nicht verliert.

Man kann sich mit allem Zeit lassen. Je ruhiger und entspannter man ist und je selbstverständlicher und freier die Atmung sich anfühlt (und daran bemisst man es: am eigenen Gefühl, an der eigenen Wahrnehmung), desto mehr werden sich die Wirkungen der Übungen auf die Organe und damit auf das Qi des ganzen Organismus einstellen.


Saturday, May 2, 2020

Rujing 入靜 - Versenkung in die Stille

Hier ein paar Bemerkungen zu Rujing, zur Versenkung in die Stille während des Übens. Im Qigong dreht sich alles um die Stille. Qigong zu üben, heißt zu lernen, dass das Qi der Stille entspringt bzw. durch Stille zu seiner natürlichen Ordnung zurückfinden kann. Demgemäß stellt die Versenkung in die Stille – Rujing –einen der zentralen Inhalte des Qigong dar. Ru 入 bedeutet eintreten, Jing 静 bedeutet Ruhe oder Stille. Um die innere Ruhe und Stille zu erreichen, verwendet man spezielle Methoden, bestimmte Haltungen, das Regulieren des Atems, bestimmte Atemtechniken, die Rezitation von Worten oder Formeln, die Konzentration auf Bewegungsabläufe oder auf Körperbereiche wie z.B. das Dantian, den Blick auf die Nasenspitze wie in Zhu Xis Betrachten des Atems usw. usf.

All diese Methoden ordnen und beruhigen das ungeordnete Fluktuieren der Gedanken, und sie entspannen, körperlich und geistig. Schon einen nur leicht vertieften Ruhezustand erlebt man als angenehmen Zustand höherer innerer Ordnung. Wird man durch regelmäßige Übung fähig, tiefer in die Stille einzutreten und für länger darin zu verweilen, dann können auch besondere Wirkungen hervorgerufen werden. Vorbeugung oder Heilung von Krankheiten gehören dazu, aber auch eine bessere Konzentrationsfähigkeit, kreativeres Denken oder ein stabiles emotionales Gleichgewicht werden durch die Stille gefördert.

Ob man schnell oder langsam ruhig zu werden vermag, ob tief oder nur oberflächlich, hat damit zu tun, wie man mit Übungen umgeht, und mit der Zeit, die man dem Üben widmet. Das Eintreten in die Stille als die Fähigkeit zur geistigen Sammlung fällt ja nicht jedem leicht, in erster Linie braucht es Geduld und vor allem Regelmäßigkeit. Es fällt einem wahrscheinlich leichter, wenn man versteht, dass das Eintreten in die Stille immer in direktem und engem Zusammenhang steht mit den möglichen positiven Ergebnissen der Qigong-Praxis. Eine tiefe Versenkung in die Stille bedeutet hohe therapeutische Wirksamkeit, nicht still werden zu können, heißt weniger gute Wirkungen.

Es ist generell besser, sich an nur wenige Qigong-Übungen zu halten. Jede Qigong-Übung, die ihren Namen verdient, hat therapeutische und andere vorteilhafte Wirkungen, welche sich jedoch erst langsam im Verlauf des Übungsprozesses einstellen, und nur dann, wenn man sich nicht auf Äußerlichkeiten konzentriert. Durch Übungen wird das Qi bewegt und reguliert, selbst durch ein simples Ausführen der Bewegungen, doch der eigentliche Gehalt und die eigentliche Wirkung entfalten sich dann, wenn man die Ruhe in der Bewegung findet. Und genau dazu sind Qigong-Übungen da, einen die Ruhe in der Bewegung entdecken zu lassen. Dort, in der inneren Ruhe regeneriert, reguliert und ordnet sich das Qi von selbst.

Man kann natürlich mehr als eine Übung zugleich üben (dies gilt für Qigong-Übungen in Bewegung), doch viele Übungen zu üben heißt, dass sich Wirkungen langsamer einstellen. Und bei der Qigong-Meditation darf man sich ohnehin nur an eine Methodik halten. Im Rahmen dieses „pandemischen Projekts“ haben wir jedenfalls mit den Übungen der Heilenden Laute und dem Sitzen in Stille eine potentiell sehr wirkungsvolle Übungspraxis. Und je mehr man sich in diese vertieft, desto mehr wird man ein Gefühl für die Übungen entwickeln, auch ein Verständnis für die Übungsdetails entwickeln, und die Wirkungen werden sich einstellen. Mit der Zeit, nach langer Praxis, wird man bemerken, dass sich das Qi anders verhält als am Anfang, und man wird Bewegungen des Qi wahrnehmen, die man vorher noch nie zuvor gespürt hat.

Vertiefen heißt schlicht und einfach regelmäßig tun. Mamahuhu de ku lian 馬馬虎虎得苦練 sagt man auf Chinesisch, nachlässig und ungenau fleißig üben (ich übersetze hier wörtlich, nicht dass es nötig wäre, aber so bleibt einem dieser wichtige Satz leichter im Gedächtnis: Auf Pferd-Pferd-Tiger-Tiger-Art bitter üben).

Während der unzähligen Seminare in den zehn Jahren, in denen ich für Prof. Cong übersetzte, kam dieser Satz wieder und wieder: Nachlässig üben und ungenau! Nur dann kann sich das Qi auf ausgewogene Art entfalten. Wenn Prof. Cong Fragen zur Übungspraxis beantwortete oder mit mir Probleme besprach, die Seminarteilnehmer beim Üben hatten, war dies meist sein Resümee: „Yong yi tai zhong 用意太重 - Zuviel Genauigkeit, zuviel Konzentration, zuviel Denken, zuviel Ehrgeiz, zuviel Wünschen und Wollen.“ Was gleichbedeutend ist mit: Man versucht das Qi zu kontrollieren anstatt auf die natürliche Tendenz des Qi zur Ordnung zu vertrauen. Natürlich braucht man Übungen, um das Qi zu wecken, zu bewegen und zu regulieren, doch ist wichtig, dann „der Schlange keine Beine zu machen“ (um eine chinesische Redensart anzuführen), also zu übertreiben und Unnötiges, Unnatürliches hinzuzufügen.

Wirkungen entstehen aus dem Eintreten in die Stille, alles was diese unterbricht, stört die Regulation des Qi. Dieses Unterbrechen und Stören der Regulation ist der häufigste Grund, warum manche selbst nach Jahren und Jahren der Praxis kaum Fortschritte machen. Einfach zu tun, ohne viel über die Übungen zu reflektieren, ist ein ebenso wichtiger Aspekt des Eintretens in die Stille wie das Beruhigen der Gedanken. Bei Prof. Cong habe ich gelernt, wie wichtig das ist. Ein erfahrener Qigong-Lehrer kann bei jedem Schüler erkennen, ob er durch Denken versucht, einen Prozess zu kontrollieren, der in erster Linie auf der Aufgabe von Kontrolle beruht, und damit das Qi und dessen Wirkungen blockiert.

Ich belasse es heute bei dem. Anderntags mehr zu diesem Thema, das ich ja schon zu Beginn angeschnitten habe, beim „wahren Qi, das der Leere entspringt“, ein Thema, zu dem es noch sehr viel zu sagen gibt und das im Zentrum einer jeden Qigong-Ausbildung stehen sollte.

Friday, May 1, 2020

Wogu 握固 - Greifen und Festigen

Eine Frage, die mir gestern gestellt wurde, hat mich zu diesen paar Bemerkungen über ein Bewegungsdetail unserer Heilenden-Laut-Übungen motiviert.

Es geht um die Fäuste, die für einen kurzen Moment gemacht werden, während man einatmet und die Hände zu den Hüften bringt.

Die Fäuste werden nämlich so geformt, dass die Daumen innen sind und locker von den anderen Fingern umschlossen werden. Für einen kurzen Moment. (In den ersten Videos war mir die Situation beim Filmen neu, und ich musste mich auf zu viele Dinge konzentrieren, die mit dem Qigong selbst nichts zu tun hatten, dementsprechend war ich abgelenkt und habe manchmal vergessen, die Daumen zu umgreifen.)

Diese Handhaltung heißt wogu 握固 - Greifen und Festigen und stellt eine sehr alte, oft verwendete daoistische Gesundheitsmethode dar. 

Schon im Daodejing des Laozi wird die Handhaltung erwähnt. Dort heißt es vom Neugeborenen: Seine Knochen sind wohl schwach und seine Sehnen weich, doch vermag es fest zu greifen (wogu).
Ge Hong, berühmter Daoist der Jin-Dynastie, beschreibt in seinem Werk Baopuzi (Der den unbehauenen Block umarmende Meister) die Methode des "Festen Greifens und des Bewahrens des Einen - wogu shouyi 握固守一". 

Chao Yuanfang, Hofarzt der Sui-Dynastie, erwähnt die Handhaltung im Zhubing Yuanhoulun (Diskussion von Ursprung und Symptomen der Krankheiten): "Die Hände fest halten wie die eines Babys und das Qi nicht entkommen lassen." 

Das Greifen kann unser aufrechtes Qi stärken, sodass es pathogenem Qi von außen widerstehen kann. "Gibt es das aufrechte Qi im Inneren, kann pathogenes Qi nicht eindringen", heißt es im Inneren Klassiker des Gelben Kaisers. 

Auch im heutigen Qigong wird diese Methode noch verwendet und hochgeschätzt, da sie einfach und sehr effektiv ist:

Auch wenn man draußen unterwegs, bei kaltem, feuchten nebligem Wetter, kann man die Fäuste schließen, um das Zheng-Qi (das aufrechte Qi) zu schützen, oder auch in einer Umgebung, in der man potentiell Krankheitserregern ausgesetzt ist. 

Die Handhaltung festigt und schützt Nieren-Qi, Nieren-Jing und Nieren-Wasser, sie nährt das Yin, senkt das Feuer, und sorgt für bessere Zirkulation von Qi und Blut. Das Yang-Jing wird gestärkt, darum kann man auch in kaltem Winterwetter mittels „Greifens und Festigens“ die Füße wärmen. 

Es ist die Fülle des Leber-Qi, die dem neugeborenen Baby ermöglicht, weich zu sein und doch einen festen Griff zu haben. Leber und Niere haben in der Chinesischen Medizin „denselben Ursprung“, darum kann diese spezielle Faust sowohl beruhigen (was mit den psychischen Qi-Funktionen von Lunge und Leber zu tun hat) als auch die Nieren stärken.

Wednesday, April 29, 2020

Heilende Laute - Übung für die Niere

In der Traditionellen Chinesischen Medizin hat die Niere als Organ (Shen Zang 肾脏) eine einzigartige Stellung, da sie sowohl die Yin 阴-Basis der substanziellen Existenz darstellt als auch die grundlegende Yang 阳-Antriebskraft der aktiven Existenz, d.h. aller Lebensaktivitäten.

Die wichtigste Yin-Funktion des Nieren-Qi ist, dass es das Jing 精, d.h. das Essenz-Qi, enthält bzw. speichert, das der Mensch im Moment der Zeugung erwirbt und das ausschlaggebend ist für sein Entwicklungspotenzial auf allen Ebenen. Dieses Essenz-Qi ist ein Erbe der Vorfahren; es entfaltet sich langsam während des ganzen Lebens, besonders deutlich aber bei entscheidenden Lebensereignissen wie Geburt, Pubertät oder bei Beginn und Ende des weiblichen Menstruationszyklus‘ (in der chinesischen Medizin werden diese als „Tore“ verstanden, die man zu bestimmten Zeiten des Lebens durchschreitet).  Das Jing determiniert die Fähigkeit eines Menschen, physische oder psychische Traumata zu verarbeiten und auch die Art und Weise, wie man altert und bei schwindenden Ressourcen würdevoll den Alterungsprozess bis hin zum Tod durchlebt. Es zeigt sich sowohl in der Yin-Substanz als auch in der Yang-Funktion: im physischen Körper als Stärke der Knochen, als Funktionieren von Gehirn und Nervensystem, als Schärfe des Gehörs und als Fähigkeit zur Fortpflanzung. Mental und physisch ist es die Antriebskraft, der Funke, um Ideen und körperliche Bewegung in Gang zu setzen, um zu arbeiten, Kinder zu zeugen, künstlerisch tätig zu werden usw.

Wie ich bereits im Text über die Methode für das Milz-Qi erwähnt habe, ist die Milz die Grundlage der erworbenen Gesundheit, die Milz verarbeitet die Nahrung, die für das tägliche Überleben notwendig ist, das Yang-Qi der Milz transformiert die Nahrung in verschiedene Aspekte der täglich benötigten Qi-Energie. Es ist jedoch das zugrunde liegende, essenzielle Yang-Qi der Nieren, das das Qi der Milz (und aller anderen Organe) „zündet“ und sie dazu motiviert, ihre Funktion auszuüben. Aus diesem Grund wird das Yang der Niere auch als Xiang Huo 相火, als „Minister-Feuer“ bezeichnet – es stellt das Feuer dar, das es braucht, um während der gesamten Lebenszeit alle Funktionen am Laufen zu halten und die verschiedenen Qi-Funktionen zu motivieren, die in der Zeit zwischen zwei Herzschlägen, zwischen dem Ein- und Ausatmen, geschehen. Es ist nicht nur die Antriebskraft für diese Funktionen, sondern es ermöglicht auch, dass Dinge zur Reife kommen, dass sich Zyklen von Aktivitäten vollenden und dann wieder neu beginnen können, immer und immer wieder. 

Die Qualität und die Quantität des Jing sind endlich, vorbestimmt zum Zeitpunkt der Zeugung, und es ist nicht ersetzbar. Der Fokus aller traditionellen chinesischen Gesundheitspraktiken, wie Medizin, Qigong, Kampfkünste und sogar der Religion, ist es, das Essenz-Qi zu bewahren und es nicht zu vergeuden. Das Ziel ist ein reicher Vorrat an Jing für den Fall, dass es notwendig wird, auf alle Ressourcen zurückzugreifen, um extreme* Situationen oder Krankheiten zu überstehen. Das Jing wird im Laufe des Lebens langsam und von selbst verbraucht; es durch extreme Verhaltensweisen oder Gewohnheiten zu verschwenden, bedeutet, die Lebenszeit und/oder -qualität zu beeinträchtigen.

Obwohl das Jing nicht reproduzier- oder ersetzbar ist, kann man es mit einem großzügigen Vorrat an Qi stärken und absichern; Qi, das man sich durch Atmung, Ernährung, Übungen, Schlaf und - am wichtigsten – durch eine Beruhigung der überaktiven Geistestätigkeit erwirbt. So sorgen normale, tägliche Gewohnheiten einerseits für gesunde Organe, feste Muskulatur und eine gute Energieversorgung; sie sind andererseits aber auch dafür verantwortlich, ob oder ob nicht das vorhandene Reservoir an Essenz-Qi angezapft werden muss. 

Die Methoden der Heilenden Laute sorgen in jeder Lebensphase für ein besseres Gleichgewicht. Der spezielle Schwerpunkt der Methode für das Nieren-Qi ist das Zusammenziehen der Qi-Kraft an dem Ort, wo es gebraucht wird: im Bereich des Dantian 丹田 und der Nieren, wo das Jing gespeichert wird, und im unteren Rücken, wo sich das Mingmen 命门, das „Lebenstor“ öffnet und den Yang-Qi-Fluss der Nieren in den tiefsten Schichten des Körpers stimuliert. Es hilft dabei, „überschüssiges Feuer“ von oben (von Herz und Geist) nach unten zu bringen und „überschüssige Kälte“ (aufgrund eines schwachen Yang-Qi der Milz oder eines generellen Erschöpfungszustandes) unten aufzuwärmen.

Ein Hinweis zum Abschluss: Um all das zu erreichen, ist es notwendig, die Methoden der Heilenden Laute für das Qi regelmäßig zu üben, auf entspannte Art und Weise, in positiver Stimmung, mit ruhigem Geist und sanfter, feiner Atmung. Und die Methode für das Nieren-Qi sollte ganz besonders entspannt geübt werden. Es ist wichtig, das Qi nicht zu erschöpfen, während man versucht, es aufzubauen. Dies bedeutet auf natürliche Weise, ohne geistige oder körperliche Anspannung, zu üben, bei der sinkenden Bewegung (wenn man in die Knie geht) und auch nicht bei Dauer und Häufigkeit der Ausführung der Übung die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten. Das bringt Freude am Üben und den größten Nutzen!

* "Extrem" ist in der TCM alles, was die Gesundheit aus dem Gleichgewicht bringen kann: äußere Umstände oder Krankheitserreger, innerer Druck oder Begierden, unangemessene oder übermäßige Nahrungsaufnahme, Sport, Arbeit oder sexuelles Verhalten. Es betrifft außerdem auch alles, das zu plötzlich, zu stark oder zu lang anhaltend auftritt (wie Wetter, Viren, erzwungener Isolation usw.).

Tuesday, April 28, 2020

TCMconnect online - TCM-Beratung in besonderen Zeiten

Seit heute ist TCMconnect online, eine Initiative meines Studienkollegen MMag. Erich Stöger, Sinologe und Pharmazeut, zusammen mit den österreichischen Gesellschaften für TCM und dem Dachverband für TCM & verwandte Gesundheitslehren Österreichs, die sich zusammengeschlossen haben, um TCM-Unterstützung in pandemischen Zeiten anzubieten.

Dass die TCM auch bei uns in der Pandemie eine wichtige Rolle spielen könnte, habe ich ja schon öfter thematisiert. Bei all der Arbeit, die der Blog macht, komme ich leider gar nicht nach, die vielen Daten aus China zu sichten und zusammenzufassen, die die erfolgreiche Rolle der TCM sowohl bei der Vorbeugung als auch der Behandlung von COVID-19 dokumentieren, und mehr darüber zu berichten.

Jedenfalls ist dies eine wichtige und sehr sinnvolle Initiative zur Hilfe und Unterstützung für COVID-Patienten und Menschen aus den Risikogruppen. Die Pandemie ist bei uns zur Zeit ja unter Kontrolle, doch alles kann sich sehr schnell wieder ändern, und leider gehört die TCM trotz ihrer dokumentierten Erfolge nicht zu den therapeutischen Modalitäten, die in der Pandemiebekämpfung zum Einsatz kommen. In Österreich nicht, wie es konkret in den Nachbarländern aussieht, weiß ich nicht. In Italien war es zumindest so, dass das von China nach Italien entsandte Ärzteteam ­- es war das erste Mal, dass China auch TCM-Spezialisten ins Ausland schickte, um bei der Bekämpfung von COVID-19 zu helfen - die italienischen Mediziner von den Vorbeuge- und Behandlungsstrategien der TCM, durch Kräutermedizin, Akupunktur, Massage und Qigong, informierten, wie Zhang Boli berichtet, Rektor der Tianjin Universität für Traditionelle Chinesische Medizin, Leiter eines des nach Wuhan entsandten TCM-Teams und einer der wichtigsten TCM-Experten in der Pandemiebekämpfung.

„Die Kombination von TCM und westlicher Medizin hat zu bedeutenden Erfolgen bei Chinas Bemühungen zur Bekämpfung der Epidemie geführt“, betont Yang Junchao, Vizepräsident des Provinz-Spitals für TCM Zhejiang und einer der beiden TCM-Experten im nach Italien gereisten Ärzteteam. „Wir werden Chinas Erfahrungen in der Bekämpfung der Epidemie an Italien weitergeben."

Viele im Ausland lebende Chinesen nutzen die TCM zu COVID-19-Vorbeugung und auch zur Behandlung. Ein Beispiel: Im Landkreis Wencheng in Wenzhou in der Provinz Zhejiang, (von dort kommen sehr viele der in Österreich lebenden Chinesen) hat 40 WeChat-Gruppen eingerichtet, um Gesundheitsberatungsdienste für Auslandschinesen anzubieten, die aus dem Landkreis stammen. Jede WeChat-Gruppe hat fast 500 Mitglieder. (WeChat ist die am meisten genutzte Social-Media-App in China, ohne WeChat geht in China gar nichts.)

In jeder der WeChat-Gruppen gibt es einen TCM-Arzt, und alle Chinesen aus Übersee aus dem Landkreis Wencheng können in den WeChat-Gruppen um ärztliche Beratung bitten. Die Mitglieder der WeChat-Gruppen können ihre Symptome beschreiben, auch Ergebnisse von Labortests sowie Bilder des Zungenbelags hochladen und ärztlichen Rat einholen, der sowohl auf TCM als auch auf westlicher Medizin basiert.

Ein anderes Beispiel: Die Vereinigung der heimgekehrten Überseechinesen in der ostchinesischen Provinz Jiangsu hat die Online-Ordination des TCM-Spitals der Provinz Jiangsu eingerichtet, zur Unterstützung der im Ausland wohnhaften Chinesen und des weltweiten Kampfs gegen die Pandemie.

Laut Wu Wenzhong, Vizedirektor des Provinz-Spitals für TCM der Provinz Jiangsu, ist die Telefonnummer der Online-Ordination inzwischen zu einer internationalen Hotline geworden, da immer mehr Patienten Videoanrufe aus anderen Ländern tätigen, um medizinische Beratung für COVID-19 zu suchen.

Und es gibt noch viele weitere Beispiele. Auch aus Europa: In Budapest wird seit Ende Februar von einem chinesischen Arzt in zwei Budapester Bezirken täglich kostenlos Kräutermedizin zur Verfügung gestellt. Die Rezeptur basiert auf den Richtlinien für die TCM-Diagnose und –Behandlung der Neuen Coronavirus-Pneumonie, die von der Chinesischen Nationalen Gesundheitskommision veröffentlicht wurde.

Und jetzt gibt es bei uns in Österreich die TCMconnect-Initiative. Sie bietet Beratung und Behandlung durch TCM-Ärzte an, Konsultationen erfolgen über Videoschaltung, TCM-Heilmittel, falls benötigt, können durch mit der Plattform verbundene Apotheken zum Patienten nach Hause geliefert werden, und man kann sich auch zur Teilnahme an einer Anwendungsbeobachtung melden, was die Behandlungskosten reduziert.

Die Plattform ist seit heute online.

Genaueres auf der Website. Hier der Link: TCMconnect online

Weiteres zu den Sechs Heilenden Lauten

Zu den Sechs Heilenden Lauten gibt es noch sehr viel zu sagen. Wie ich schon in einem der früheren Beitrag erwähnt habe, ist es eine sehr alte Tradition. Im 6. Jahrhundert beim daoistischen Meister Tao Hongjing 陶弘景 wurde diese Tradition schriftlich formuliert, darüber hinaus sind diese Übungen auch noch in einer Reihe anderer alter Werke verzeichnet, unter anderem im Zhubing Yuanhoulun 諸病原候論 (Diskussion von Ursprung und Symptomen der Krankheiten) von Chao Yuanfang 巢元方, Hofarzt des Kaisers der Sui-Dynastie (581-618) und Vorstand der Medizinischen Akademie am Kaiserhof.

Prof. Lin Zhongpeng 林中鵬 in seinem systematischen Qigong-Unterricht im College for Advanced Qigong Studies in Beijing hat sich viel auf dieses Werks bezogen und mich immer wieder auf dessen Wichtigkeit aufmerksam gemacht, da es nicht nur die Ätiologie und Symptomatik der damals bekannten Krankheiten zum Inhalt hat, sondern auch einen Leitfaden zur Therapie darstellt, einer Therapie, die wie nie vorher und nachher im imperialen China ausschließlich mittels Qigong-Methoden erfolgte.

- Kurze Nebenbemerkung: Das College for Advanced Qigong Studies war für fast 20 Jahre die entscheidende und auch die einzige unabhängige (d.h. soweit in China möglich außerhalb des Einflusses der kommunistischen Partei stehende) Institution zur Ausbildung von Qigong-Spezialisten. Es wurde 1989 geschlossen, im Jahr, in dem Qigong in China aufgrund politischer Gründe de facto verboten wurde. -

Nicht nur im Zhubing Yuanhoulun des frühen 7. Jahrhunderts findet man die Sechs Laute, Methoden zur Elimination von Krankheiten mittels Lauten findet man sieben Jahrhunderte früher auch bei Zhuangzi 莊子 erwähnt, es finden sich zwei der Laute im Daodejing 道德經 des Laozi 老子 (spätestens 4. Jahrhundert v. Chr.) wie auch in zweien der alten Kommentare zum Buch des Laozi (dem des Heshanggong 河上公, des Alten vom Fluss und dem Xiang’Er 想爾), im Yinshu 引書 (dem Buch des Streckens), einem Manuskript aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert, werden therapeutische Laute erwähnt, und auch im Quegu shiqi 卻穀食氣 (Enthaltung von Getreide und Einnahme von Qi), einem der bei den Ausgrabungen von Mawangdui 馬王堆 entdeckten Texte, ebenfalls aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert. Und das sind bei weitem noch nicht alle Quellen.

Dies ist einer der für unser Verständnis wichtigen Punkte: diese Methoden sind keine Methoden daoistischer Meditation, sondern sie sind und waren immer therapeutische Methoden. Sie wurden über mehr als zwei Jahrtausende tradiert, auf verschiedene Weise systematisiert und sind bis heute Teil der daoistischen als auch der buddhistischen Tradition, Teil des Qigong und auch Teil der nicht-medikamentösen Methoden der Chinesischen Medizin.

Nan Huaijin 南懷瑾, einer der berühmten traditionellen Lehrer des letzten Jahrhunderts, der neben Buddhismus auch daoistische Gesundheitstechniken unterrichtete, drückt es in einem seiner Vorträge sehr simpel aus: „Unterschätzt die Methode der Sechs Wunderbaren Tore (so nennt er die Heilenden Laute) nicht. Wenn man sich unwohl fühlt, verhilft einem diese Methode zu Wohlsein. Und wenn man die Methode wirklich meistert, wird man sich einer hervorragenden Gesundheit erfreuen und kaum mehr erkranken. Diese Laute sind äußerst wirksam.“

Ich werde in der nächsten Zeit noch einiges dazu schreiben, bis jetzt sind wir mit den Übungen ja erst ganz am Anfang. Doch obwohl ganz am Anfang, können wir uns doch allmählich in den Bewegungsabläufen zurechtfinden, auch die Laute kennen wir nun (zu denen gibt es noch viel zu sagen), und man kann zumindest einmal beginnen zu üben. Die eigene Praxis und Erfahrung ist immer sehr wichtig, auch ganz am Anfang, sie ist die Basis, um im Weiteren überhaupt etwas zu haben, das man vertiefen kann, und um mit vertiefenden Inhalten etwas anfangen zu können.

Hier abschließend noch ein traditionelles Lehrdicht für die Sechs Laute:

Der Gesang zur Vertreibung der Krankheiten in den vier Jahreszeiten (四季祛病歌 Siji qubing ge).

Ich habe die Laute so hineingeschrieben, wie wir sie zur Zeit üben (und wie gesagt, die Laute und ihre Aussprache, das ist noch ein ganz eigenes Thema für die Zukunft).

春噓明目木扶肝
夏至呵心火自閑
秋呬定收金肺潤
腎吹惟要坎中安
三焦嘻卻除煩熱
四季常呼脾化餐
切忌出聲聞於耳
其功尤勝保神丹

Im Frühling atme hsü für klare Augen, sodass das Holz die Leber stützt,
Trifft der Sommer ein, so atme ha, damit das Feuer des Herzens sich beruhigt,
Im Herbst atme heeii, das Metall zu sammeln und die Lungen zu befeuchten,
Für die Nieren atme tsuei zur Befriedung des Wassers.*
Das hsi des Dreifachen Erwärmers vertreibt bedrückende Hitze,
Zu allen Jahreszeiten atme oft hu, sodass die Milz die Nahrung transformiert.
Vermeide unbedingt, laut auszuatmen, die Ohren dürfen den Atem nicht hören.
Hervorragend ist diese Übung, sie bewahrt das göttliche Elixier.

*wörtlich : zur Befriedung von Kan. Kan 坎 ist eines der Acht Tigramme des Buchs der Wandlungen, bedeutet Wasser und ist mit den Nieren assoziiert.

Monday, April 27, 2020

Heilende Laute - Übung für die Nieren

Hier ist die nächste der Heilenden-Laut-Übungen, mit dem Laut für die Nieren bzw. das Nieren-Qi.

Wie auch bei den anderen Übungen: Durch den Mund ausatmen, der Laut wird nur vorgestellt.

Der Laut für die Niere ist: Tschuii. In der modernen chinesischen Umschrift wird der Laut chui geschrieben und tschue-ii ausgesprochen, die alte Aussprache ist mehr tschue-iii. Die drei iii heißen einfach, dass man den vorgestellten Laut länger ausdehnt.

Wenn man alle der Heilenden-Laut-Übungen zusammen übt, dann in folgender Reihenfolge:

Lunge - Leber - Milz - Niere - Herz - Dreifacher Erwärmer


Friday, April 24, 2020

Das TCM-Konzept der Feuchtigkeit (Shi 湿)

Wir werden hier noch ein wenig mehr das Thema Feuchtigkeit (Shi 湿) behandeln, da es für die Gesundheit so ungemein wichtig ist. Covid 19 wird als Wärmekrankeit wenyi 瘟疫 eingestuft, beim pathogenen Qi von Covid 19 handelt es sich um ein Feuchtigkeits-Toxin (shidu 湿毒). Um sich zu schützen, ist es vor allem wichtig zu verstehen, was Feuchtigkeit verursacht, und damit versteht man dann auch, wie man sie allmählich reduzieren kann.

In der chinesischen Medizin sagt man:

Qian han yi chu, yi shi nan qu 千寒易除一湿难去 - Tausendfache Kälte kann man leicht loswerden, doch von einfacher Feuchtigkeit kann man sich schwer befreien.

Die Hauptgründe für Feuchtigkeit sind:

• Bewegungsmangel und übermäßiges Sitzen verlangsamen den Qi-Fluss und führen auf lange Sicht zur Erschöpfung des Yang, so dass der Körper Feuchtigkeit nicht auf natürliche Weise loswerden kann.

• Unzureichender Schlaf. Wenn man den ganzen Tag beschäftigt ist, keine Pausen macht, Abend mit Aktivitäten füllt und zu wenig schläft, dann wird das Qi der Milz erschöpft und es beginnt sich Feuchtigkeit anzusammeln.

• Wenn man zu viel oder alles isst, nach Lust und Laune, und eine Tendenz zu starken Geschmäckern hat, dann beeinträchtigt dies die Funktion von Milz und Magen und verursacht Feuchtigkeit.

• Übermäßige Konzentration, den ganzen Tag am Computer sitzen, ständig geistig beschäftigt und am Denken sein, all dies ist auch eine Belastung für Milz und Magen und schwächt das Milz-Qi.

• Ängste, Sorgen und emotionaler Stress wirken auf das Qi wie jedes andere Trauma, erschöpfen die Jing-Essenz und bringen die Antriebskraft der Nieren aus dem Gleichgewicht. Das Nieren-Yang muss dann überbeansprucht werden, um das Yang der Milz zu unterstützen.

• Übermäßiges Trinken von Alkohol erzeugt Feuer und stört die Regulierung des gesamten Organismus.

Alle oben genannten Dinge, in normalem Ausmaß und in der Routine eines normalen täglichen Lebens, bringen einen gesunden Menschen nicht unbedingt aus dem Gleichgewicht. Aber diese Zeiten sind extrem, wir stehen alle auf die eine oder andere Weise psychisch und physisch unter Druck, und da müssen wir verstehen, wie man potentiellen gesundheitlichen Problemen - generellen gesundheitlichen Problemen und natürlich vor allem dem Covid 19-Virus - entgegenwirken kann.

Was für uns hier die Hauptsache ist: Alles was Feuchtigkeit verursacht, passiert zwischen Magen und Milz, dem Yang der Milz und dem Yang der Nieren. Deren Funktionen müssen geschützt und unterstützt werden, durch all die verschiedenen Methoden, die wir bisher im Zusammenhang dieses Blogs besprochen haben. Deren Funktionen zu schützen heißt darüber hinaus etwas noch Wichtigeres, und zwar, dass wir dann das Jing 精 schützen, die Essenz, die den Aspekt des Qi darstellt, der für unser Leben und unsere Gesundheit am grundlegendsten ist.

In diesem Zusammenhang ist es auch keine schlechte Idee, Kerrys ersten Beitrag für diesen Blog "Chinesische Medizin und das neue Coronavirus" noch einmal aufzusuchen. Vielleicht wird ihre “Was tun und was vermeiden” - Liste etwas verständlicher.

Porridge aus Nüssen, Bohnen und Gerste

Dies ist ein nährstoffreicher Porridge, der dem Blut, dem Leber-Yin, dem Nieren-Qi und dem Milz-Qi eine richtigen Schub gibt.

Ältere Menschen, kleine Kinder oder diejenigen, der sich von einer schweren Krankheit erholen, können eine kleine Menge (ca. 1½ Tassen) an den meisten Tagen zum Frühstück essen. Für gesunde Erwachsene reichen 1½ - 2 Tassen, einmal pro Woche, um die medizinische Wirkung zu erzielen.

Man kann dieses Rezept auch als Nachspeise zubereiten, indem man mehr Wasser hinzufügt - der Porridge schmeckt ziemlich süß, selbst wenn fast kein Zucker (oder anderer Süßstoff) dazugegeben wird. Wenn man den Porridge als Nachspeise isst, dann in einer kleineren Portion, in etwa eine Tasse.

Zutaten:

150g rote Kidneybohnen
50g Erdnüsse (roh, oder geröstet ohne Salz)
50g Cashewnüsse roh, oder geröstet ohne Salz)
50g Gerste (ungekocht)
1 Teelöffel brauner Zucker
1.5 Liter Wasser

Zubereitung:
  • Die getrockneten Kidneybohnen einweichen. Man macht dies, indem man die Bohnen zum Kochen bringt, dann den Herd gleich abdreht und die Bohnen ca. 2-3 Stunden einweichen lässt. Das Einweichwasser wegschütten. Alternativ kann man die Bohnen über Nacht bei Zimmertemperatur in einem Topf mit kaltem Wasser einweichen.
  • Nüsse und Gerste vor dem Kochen waschen.
  • 1½ Liter Wasser zum Kochen bringen. Nüsse, Gerste und eingeweichte Kidneybohnen dazugeben und das Wasser wieder zum Kochen bringen.
  • Die Temperatur reduzieren, den Topf zudecken und 30 Minuten bei niedriger Temperatur weiterkochen. Umrühren, die Temperatur noch weiter reduzieren und weiterköcheln, mindestens eine weitere Stunde (weiterhin zugedeckt) oder bis die Bohnen und Gerste ganz weich sind. Man muss den Porridge beim Kochen hin und wieder überprüfen und bei Bedarf umrühren.
  • Sobald Bohnen und Gerste weich sind, zerdrückt man die Mischung ein wenig in einer Pfanne, um alle Aromen miteinander zu verbinden. Den braunen Zucker hinzufügen, umrühren und für weitere 20 Minuten auf niedriger Stufe köcheln. Warm servieren.
Anmerkung:

Man kann auch Kidneybohnen aus der Dose verwenden. In diesem Fall kocht man die Gerste zuerst etwa 45 Minuten lang mit den Nüssen, solange, bis die Gerste weich ist. Dann kommen die Bohnen dazu. Bohnen aus Konservendosen müssen nicht gekocht werden. Man gibt sie einfach zur Gersten-Nuss-Mischung, zerdrückt alles, fügt Zucker hinzu und kocht alles 20 Minuten lang. Dies ist nicht so „qi-nahrhaft“ wie wenn man getrocknete Bohnen verwendet, aber es ist immer noch eine sehr nahrhafte Mahlzeit.

Wenn kein brauner Zucker verfügbar ist, kann man ihn durch Ahornsirup, Gerstenmalz oder weißen Zucker ersetzen.

Wenn man dieses Rezept als süße Dessertsuppe zubereitet, verwendet man mehr Wasser (um eine dünnflüssigere Konsistenz zu erreichen) und etwas mehr Zucker.

Thursday, April 23, 2020

Das aufrechte Qi stärken, um pathogenes Qi abzuwehren

Diese Initiative befindet sich nun schon in der sechsten Woche, darum hier ein paar Bemerkungen, zur Erinnerung, warum wir diesen Blog machen.

Covid 19 hat in Italien gewütet, Österreich und Deutschland sind bisher noch mit einem blauen Auge davongekommen. Doch wie immer die momentane pandemische Situation, alle Prognosen gehen davon aus, dass wir die nächsten ein, zwei Jahre mit dem Virus leben müssen. Die Bedrohung bleibt, und wie schnell die Situation kippen kann, konnte und kann man sehen in Italien und Spanien, in den USA, in England usw.

Mit dem Blog möchten wir zeigen, dass man für die eigene Gesundheit und ein Immunsystem, stärker als das Virus, etwas machen kann, und zwar mit einfachen Mitteln, klar und gezielt. Das ist umso wichtiger, als wir auf die Lösungen der Schulmedizin, Impfung und Arzneimittel gegen Covid 19, noch warten müssen. Auch Quarantäne, Ausgangsbeschränkungen und Social Distancing können auf die Dauer nicht aufrechterhalten werden, wäre doch der wirtschaftliche Schaden immens. So wie Kerry und mir, die wir de facto auf unbestimmte Zeit ohne Einkommen arbeitslos sind, geht es ja vielen. Und nicht nur um den wirtschaftlichen Schaden geht es, auch um den kulturellen und sozialen Schaden, um den möglichen Schaden an der Demokratie, und vieles mehr, das uns jetzt noch gar nicht so bewusst sein kann.

Darum diese Initiative eines Blogs mit TCM- und Qigong-Informationen in pandemischen Zeiten. Wir haben schon sehr viel gepostet, vielmehr, als ich dachte, dass wir in diesen Wochen produzieren könnten, mehr oder minder jeden einzelnen Tag. Mir ist klar, dass es viel Information ist, und ich hoffe, dass sie für die, die mit Qigong und TCM nicht vertraut sind nicht überwältigend wirkt, doch sie dies alles in Kerrys und meiner Meinung eine sehr wichtige und eine überaus notwendige Ergänzung zu all den Informationen und Leitlinien für die Pandemie, die uns über andere Kanäle erreichen.

In all dem, was wir posten, gibt es einen Faden, der alles verbindet. Einen einfachen Faden, der ein wichtiges Behandlungsprinzip der TCM darstellt und auch eines der wesentlichen Prinzipien des Qigong ist. Der Faden, der alles verbindet, heißt:

Fu zheng qu xie 扶正祛邪 - Das Aufrechte unterstützen, um das Üble auszutreiben. - Das Zheng-Qi (das aufrechte Qi) stärken, um pathogenes Qi abwehren zu können.

Bei einer Krankheit wie Covid 19 ist das ungemein wichtig. Schulmedizinisch gibt es kein Mittel gegen Covid 19, auch eine Impfung gibt es (noch) nicht. Doch die TCM hat sehr wohl Behandlungsmöglichkeiten, wobei in erster Linie die Kräuterverschreibungen zu nennen sind, die in den vom Nationalen Gesundheitsrat Chinas herausgegebenen Leitlinien für Diagnose und Behandlung der durch das Neue Coronavirus hervorgerufenen Pneumonie angeführt sind. Zu den Kräuterverschreibungen gehört z.B. Qingfei paidu tang 清肺排毒汤 – die "Abkochung zur Klärung der Lunge und Elimination von Toxinen", in der Pandemie in China großflächig zum Einsatz gebracht, eine Rezeptur, die, wie auch die letzte Woche vom Chinesischen Staatsrat im Rahmen einer Pressekonferenz veröffentlichten Zahlen zeigen, sich als äußerst wirksam erwiesen hat.

Es gibt kein Mittel gegen Covid 19, aber es gibt Behandlungsmöglichkeiten mittels der TCM für alle Stadien der Krankheit. Die Presse in den westlichen Ländern ignoriert diese Tatsache beharrlich. Dass die TCM in der Bekämpfung der Covid 19-Pandemie einen entscheidenden Beitrag geleistet hat, trotz der anfänglichen Zensur und der Behinderungsversuche von staatlicher Seite, dass dies auch in der chinesischen Presse ein Thema ist und die entsprechenden Fakten vom Staatsrat, dem höchsten Verwaltungsorgan der Volksrepublik, veröffentlicht und in internationalen Pressekonferenzen vorgestellt wurden, ist kein Thema, das von unseren Medienkorrespondenten in China aufgegriffen und bei uns berichtet wird.

Die TCM kann Covid 19 vorbeugen und behandeln, sie ist aber kein Mittel gegen das Virus. Wenn man diesen paradox klingenden Satz versteht, dann versteht man auch, was wir im Qigong machen und was wir mittels des Blogs zu erreichen suchen.

Die TCM bekämpft keine Krankheit, auch Qigong tut dies nicht. Die TCM reguliert, das heißt sie ordnet das Qi, bringt Zustände des Ungleichgewichts wieder ins Gleichgewicht, vermindert Zustände des Exzesses, stärkt bei Qi- oder Blut-Zuständen der Erschöpfung, senkt, was zu weit oben ist, hebt, was zu weit unten ist, kühlt, was zu heiß ist, wärmt, was zu kalt ist, trocknet, was zu feucht ist, befeuchtet, was zu trocken ist und so weiter und so fort. Das alles ist Regulation. Ein gesunder Organismus reguliert sich von selbst, das gesunde Qi reguliert sich von selbst. Der entscheidende Punkt ist: ein Organismus mit reguliertem Qi wird mit Krankheiten von selbst fertig. Man könnte dementsprechend sagen, dass das ganze unglaublich komplexe Gebäude der TCM, die gesamte chinesische Materia Medica, auch die nicht-medikamentösen Therapie-Modalitäten der TCM bis hin zu Qigong und Meditation, zeigen, wie die blockierte Selbstregulationsfähigkeit, sprich Selbstheilungsfähigkeit des Organismus deblockiert werden kann.

Auch wenn es nie so gesagt wird: Die TCM ist die Theorie der Fähigkeit zur Selbstregulation, zur Selbstheilung, welche also keinen schwammigen, esoterischen Begriff darstellt, sondern Ausdruck ist der funktionierenden Gesundheit, das heißt des geordneten Verhaltens eines funktionierenden Qi. Die TCM-Behandlungen von Covid 19 bekämpfen nicht das Virus, sondern sie verändern die innere Qi-Umgebung des Organismus derart, dass er mit dem Virus von selbst fertig werden kann. Wie ungemein erfolgreich dies ist, belegen die Zahlen aus China, auch wenn diese bei uns nicht einmal ignoriert werden.

Die Theorie der TCM ist keine naturwissenschaftliche Theorie. Dies ist sicher einer der Gründe, warum man sich mit ihnen nicht abgibt, und warum der TCM (ganz zu schweigen von Qigong) auch in China von wissenschaftlicher Seite große Skepsis bis Ablehnung entgegengebracht wird. Doch zu sagen, dass dies keine Wissenschaft ist, ist nur der Spiegel der eigenen Vorurteile. Es wäre vielmehr angebracht zu fragen, wie die so andere Wissenschaft der TCM funktioniert, die ein vollkommen rationales Wissensgebäude ist, mit klaren Diagnose-, Therapie- und Prognose-Modellen, die sich auch in der modernen Welt bewähren, wie man 2003 bei SARS sehen konnte und heuer bei der Covid 19-Pandemie, aber auch bei anderen Epidemien im modernen China, bei uns unbekannt, die durch die TCM erfolgreich beendet werden konnten.

Was wir also hier auf dem Blog machen: Sehr einfach, wir versuchen zu erklären, wie man mit einfachen Mitteln, die für jeden möglich und machbar sein sollen, das Qi effektiv regulieren und das Zheng-Qi stärken kann.

Fuzhen quxie 扶正祛邪 - das aufrechte Qi unterstützen, um pathogenes Qi abwehren bzw. loswerden zu können.

Dazu braucht es mehr als nur eine Zugangsweise. Die bewegten Qigong-Übungen sind eine davon. Jedes Üben heißt das Qi bewegen, und immer, wenn man das Qi bewegt, gibt man dem Qi die Möglichkeit, sich Richtung inBalance und Gleichgewicht zu entwickeln. Je mehr das Qi im Gleichgewicht ist, desto weniger Belastung für den Organismus, und desto weniger auch Belastung für das Qi selbst. Darüberhinaus gibt es die ruhigen Qigong-Übungen, also das Sitzen in Stille. Das Qi braucht nicht nur Bewegung, sondern auch Ruhe. Wenn das Qi erschöpft ist, muss es sich regenerieren können. Dies erfolgt durch den Schlaf, durch Rasten und Pausen, und am effektivsten, neben dem Tiefschlaf, durch die Versenkung in einen Zustand der tiefen inneren Stille. Durch das Sitzen in Stille, durch Zuwang 坐忘 Sitzen und Vergessen, wie es bei Zhuangzi heißt, durch Übungen der Stille, Jinggong 静功, wie diese Übungen von Chen Yingning bezeichnet wurden.

Dies ist auch im Zusammenhang mit Covid 19 wichtig. Das Virus ist ein feuchtes Pathogen (shi xie 湿邪), es gehört zur Kategorie der Wärme-Pestilenzen (wen yi 温疫) und attackiert Lunge und Milz, darum ist so wichtig, vor allem Qi-Zustände der Feuchtigkeit und im Weiteren der Hitze zu beheben. Aber das Tor für ein pathogenes Qi ist auch offen, wenn das Zheng-Qi 正气 (das aufrechte Qi) durch einen Zustand der Erschöpfung oder Leere (xu 虚 auf Chinesisch) geschwächt ist. Ruhiges Sitzen wirkt dieser pathologischen Leere entgegen, es hilft gegen die Erschöpfung des Qi.

Es braucht ein gewisses Verständnis, wie Nahrung und Lebensweise das Qi in seiner natürlichen Ordnung fördern bzw. wie sie das Qi durcheinanderbringen können. Darum Kerrys Food Medicine, darum die diätetischen Rezepte. Morgen oder übermorgen posten wir wieder eines. Ich habe den Satz schon einmal erwähnt: Yaoshi tongyuan 药食同源 Arznei und Nahrung haben de gleichen Ursprung. Die chinesische Diätetik ist hochentwickelt, mit ihrem Wissen um die Gesetzmäßigkeiten des Qi beruht sie auf denselben Prinzipien wie die TCM und Qigong. Kerry versucht mit ihren Rezepten allen einen möglichst einfachen, pragmatischen und praktikablen Zugang zu vermitteln.

Eine weitere Möglichkeit der Regulation bieten einfache Selbstbehandlungstechniken. Wir werden in der nächsten Zeit einige posten, Methoden, die man ohne viel Aufwand in den Alltag inkorporieren kann.

Und zu all dem praktischen Tun, dem Qigong-Üben, Meditieren, Essen, Massieren braucht es ein Verständnis dessen, was man tut und warum man es tut. Also mehr allgemeine, theoretische Texte, wie auch diesen hier.

Alles um - fuzhen quxie 扶正祛邪 - das aufrechte Qi zu unterstützen, um pathogenes Qi abwehren bzw. loswerden zu können.

Wednesday, April 22, 2020

Heilende Laute - Übung für das Herz

Xin Zang 心藏 wird das Herz auf Chinesisch genannt. Es ist das Organ des Herz-Qi, der Monarch der körperlichen, seelischen und geistigen Landschaft unserer Existenz.

Auf der körperlichen Ebene regiert das Yang-Qi des Herzens das „Xue 血“ (das Blut und den Qi-Aspekt des Blutes), und es erzeugt den Puls, indem es Blut – und Qi in Zusammenarbeit mit der Lunge - rhythmisch zirkulieren lässt und zu jedem Teil des Organismus bringt. Genau wie das Atmen findet dieser Kreislauf kontinuierlich statt, in jeder Sekunde des Lebens.

Die Zirkulation des Blutes ist jedoch nicht nur ein mechanischer Vorgang, und das Herz ist nicht nur ein Muskel, der Blut pumpt. Das Yang-Qi des Herzens steuert auch das natürliche Gleichgewicht zwischen körperlicher Bewegung und Ruhe, sodass man fähig ist, den Geist „auszuschalten“, um ein- und durchzuschlafen zu können und zu Beginn des Tages ausgeruht und erfrischt aufzuwachen.

Die Yin-Funktion des Herzens besteht darin, dass es „speichert“. Speichern heißt, dass es das Shen 神 - den Geist und das Herz als Sitz der Gefühle - bewahrt und schützt. Xinshen 心神, manchmal übersetzt als „Herz-Geist“, ist der mentale, gefühlsmäßige und spirituelle Aspekt des Qi, der alle Funktionen des Menschen und seine ganze Existenz belebt. Diese Belebung ist der Funke der Inspiration, der sich in allem zeigt, was man denkt, sagt und tut; sie äußert sich in der Fähigkeit, sich bewusst und mit klarer Absicht auszudrücken.

Xinshen 心神 spiegelt sich im Gesicht des Menschen, in seinen Augen, in seinem Ausblick auf die Welt, in seinen Bewegungen, Reaktionen und Stimmungen. Xinshen 心神 ist sein Innenleben und seine Reaktion auf die Außenwelt. Was die Gesundheit betrifft, so  sorgt Xinshen 心神 in erster Linie dafür, dass man während des gesamten Lebens die rechte Positionierung zwischen Himmel und Erde findet.

Xinshen 心神 ist die Fähigkeit, in Begegnungen und Beziehungen, unabhängig von der Situation, angemessen, mit Empathie und Verständnis zu reagieren; klar zu denken, mit einer Fähigkeit, enorme Mengen an Information nach Bedarf zu speichern, abzurufen und zu verwenden; die Fähigkeit, die Mitte einzunehmen und nicht zu handeln oder zu sprechen, ohne nachzudenken; und keine Dinge zu tun, die unnötig sind, auf irgendeine Weise unangemessen oder nicht hilfreich.

Vor allem ist Xinshen 心神 die Fähigkeit, ruhig zu bleiben und gelassen, umgeben von einem mentalen, emotionalen und spirituellen Raum, in den die Dinge ungestört eintreten können, einem Raum, der es ermöglicht, auf die richtige Art, zum richtigen Zeitpunkt auf zutiefst menschliche Art und in vollem Bewusstsein zu reagieren.

In Wirklichkeit spiegeln die größten Stärken jedoch auch die größten Schwächen wider. Das Herz-Qi in seiner Beständigkeit und Ruhe, das für die rechte Positionierung zwischen Himmel und Erde sorgt, wird durch Situationen des Übermaßes und auch durch emotionale oder physische Schocks oder Traumata leicht und plötzlich aus dem Gleichgewicht gebracht; auch wenn man sich in einem schlechten Gesundheitszustand befindet, bei fortwährendem Schlafmangel, einer chronischen Krankheit oder einem ungeregelten Lebensstil; oder aufgrund externer Faktoren von großer Intensität oder langer Dauer, wie z.B. der Isolation, den Unsicherheiten, Sorgen und Ängsten, die die derzeitige Pandemie mit sich bringt.

Die Regulierung des Geistes ist dasselbe wie die Regulierung des Herzens. Sie geschieht in der Stille, indem die Sinne nach innen gelenkt werden, um ein weites Feld innerer Klarheit und Licht zu schaffen, ungestört vom unaufhörlichen und unnötigen Geschwätz eines leicht abgelenkten Geistes. So findet man den Einklang mit der wahren inneren Natur und die Fähigkeit, in allen Situationen angemessen und menschlich zu handeln.

Die Methode des Heilenden Lautes für das Herz-Qi schafft die körperlichen Bedingungen, die es braucht, um dieses weite Feld zu öffnen:

Zunächst wird die Bahn des Herz-Qi durch das Öffnen und Schließen der Arme und Hände aktiviert. Dann weitet man durch Bewegung, Vorstellung und Atem die obere Brust und denkt den Laut „heaaah“, während man durch den Mund ausatmet. Das Gesicht wird etwas zum Himmel gewandt, die Hände bewegen sich nach oben. So wird überschüssiges „Feuer-Qi“ ausgeleitet, das den sog. „Palast des Geistes“, die komfortable Wohnstatt des Shen-Geistes, stören könnte.

Der Palast des Geistes stellt einen inneren sicheren Ort dar, er ist ein Zuhause für Herz und Verstand. Seine Funktion ist die Sicherstellung und Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes, das notwendig ist, um auf allen Ebenen, in allen Situationen und zu jeder Zeit natürlich und auf angemessene Art und Weise handeln zu können.

Als nächstes gehen die Hände hinter den Kopf und stützen ihn leicht an der Basis. Die Berührung der Finger aktiviert das Qi im Bereich des Hirnstamms. Kopf und Gesicht gehen ein wenig nach hinten, um die Meridiane im Bereich der Sinnesorgane und des Gehirns zu öffnen. Dabei wird buchstäblich das Qi des Geistes erweckt.

Der Abschluss der Übung für das Herz-Qi ist dann gleich wie bei den anderen Übungen der Heilenden Laute. Man führt das Qi zurück zum Bereich der Nieren - zu dem Bereich also, in dem sich das Essenz-Qi befindet - und konsolidiert es dort.

























Abbildung des Herz-Meridians (Hand-Shaoyin-Meridian) 

Aus dem Shisi Jing Fahui 十四经发挥 - Sorgfältige Ausführungen des Arztes Hua Shou 滑寿 (ca 1304-1386) zu den 14 Meridianen

Tuesday, April 21, 2020

Das Sitzen in Stille und die sich erhebenden Wolken

Hier noch zwei Nachträge zu den letzten Texten. Zwei Nachträge - ein Bild und ein Gedicht - zum Thema des Sitzens in Stille, die nicht erklären, sondern zur Intuition sprechen wollen.




Dieses Bild des Malers und Kalligraphen Mi Fu 米芾 (1051-1107) heißt „Turm der sich erhebenden Wolken“.

Die Kalligraphie rechts oben auf dem Bild stammt vom Kaiser Huizong der Song-Dynastie:

天降時雨山川出雲 - Der Himmel lässt den zeitlichen Regen fallen, Berge und Flüsse bringen die Wolken hervor.

Von den dargestellten Bergen und Wolken könnte man auch sagen, dass sie ein Bild der inneren Landschaft während der Qigong-Meditation vermitteln.









Der andere Nachtrag ist dieses Gedicht des Philosophen Zhu Xi:

聞道無餘事翛然百慮空
何心分彼我无地著穷通
昨日青衿子明朝白髮翁
天機元自爾不是故匆匆

Ich habe den Weg vernommen, nichts bleibt zu tun,
In einem Augenblick sind alle Ängste vergangen.
Wozu unterscheiden zwischen andren und mir,
Nichts widersetzt sich dem tiefen Erfassen der Dinge.
Der Jüngling von gestern, gekleidet in Grün,
Ist morgen ein Alter mit weißem Haar.
Das Geheimnis des Himmels, es ist, wie es ist,
Es braucht kein Eilen und Hasten.

Monday, April 20, 2020

Sitzen in Stille: Das „Betrachten des Atems“

Hier ist nun eine genauere Beschreibung der Übung des „Betrachtens des Atems“ .

Diese Methode des ruhigen Sitzen ist einfach und sehr wirkungsvoll und eine wichtige Ergänzung zum bewegten Qigong. Es war Prof. Lin Zhongpeng vom Chinese College for Advanced Studies in Beijing, der mich in den Details dieser Übung unterrichtet hat.

Das Wichtigste bei der Praxis des ruhigen Sitzens ist, tiefe geistige Ruhe einkehren zu lassen und die zufällig entstehenden Gedanken nicht zu beachten. Es ist das Yin, aus dem das Yang - die innere Bewegung, der warme, belebende Fluss des Qi - entsteht, es ist die tiefe Ruhe, die zu den tiefgreifenden Wirkungen des stillen Sitzens auf die Gesundheit führt.

Man setzt sich aufrecht auf einen Stuhl, ohne sich anzulehnen. Dies war und ist eine auch in China weitverbreitete Meditations-Haltung, und sie ist für die meisten Menschen die einfachste.

Die Hände werden auf Knie oder Oberschenkel gelegt. Man hält den Rücken gerade, aber nicht steif. Die Augen werden ganz oder halb geschlossen. Der Kopf ist aufrecht, der Blick ist leicht nach unten gerichtet.

Zuerst spürt man das Ein und aus des eigenen Atems. Mit der Zeit wird sich dieser beruhigen und feiner werden und langsamer. Wenn man auf diese Art sitzt, mit halbgeschlossenen Augen, ruhig atmet und den Blick nach unten richtet, ohne zu fokussieren, dann erscheint die Nasenspitze wie ein weißer Fleck. Man richtet die Aufmerksamkeit dorthin, und lässt sie in Folge weiter nach unten sinken, bis sie ungefähr auf Nabelhöhe angelangt ist. Die Aufmerksamkeit schwebt quasi vor dem Unterbauch, während man das Ein- und Ausströmen des Atems spürt.

Wenn man die Aufmerksamkeit verliert, bringt man sie wieder zurück zum Atem und vor den Unterbauch. Nur leicht konzentrieren, die Aufmerksamkeit bleibt während des ganzen Zeit des ruhigen Sitzen entspannt und gelöst.

Zu Beginn genügen fünf bis zehn 10 Minuten. Im Laufe der Zeit kann man natürlich auch länger sitzen.

Zum Abschluss hebt man die Hände langsam und legt die Handflächen auf die Augen, bis man spürt, dass man aus dem meditativen Zustand aufgetaucht und wach ist und klar.

Saturday, April 18, 2020

Ruhiges Sitzen – Qigong-Meditation

Um die Vitalität zu stärken und das Qi zu regulieren, gibt es verschiedene traditionelle chinesische Methoden.

Bei uns sind die diversen Bewegungsübungen, sowohl aus dem Taiji als auch aus dem Qigong sehr beliebt, und für viele auch gut verständlich. Alle diese kann man unter dem alten Begriff Daoyin 導引 zusammenfassen, als Übungen, die dem Qi in seiner natürlichen Bewegung helfen, indem der Körper bewegt wird.

Auch Atemübungen sind gut verständlich und nachvollziehbar, vor allem, wenn es sich um klassische Atemübungen handelt wie die Heilenden Laute. Tuna 吐納 ist die alte Bezeichnung dafür, Aufnehmen des Neuen (des unverbrauchten Qi der Natur) und Ausstoßen des Alten (des verbrauchten, trüben, kranken Qi).

Doch die höchste Kunst des Qigong liegt in der Meditation. Es gibt eine Fülle an Methoden, die fortgeschrittenen zeichnen sich durch äußerste Einfachheit aus. Bei ihnen ist keine Rede mehr von geistiger Führung des Qi, von der Konzentration auf Körperbereiche oder vom Kreisen des Qi entlang bestimmter Bahnen.

Einfachheit heißt schlicht: geistige Sammlung und Versenkung in die Ruhe. Die Wirkungen entstehen von selbst. Es sind Stille und Leere, die den Urgrund des Qi bilden, ja den Urgrund des Lebens darstellen. Findet man in diese Stille und Leere, dann verortet man sich am schöpferischen Anfang der Welt und es wird einem die kreative, heilende Kraft des Ursprungs zuteil. Man erlebt sich als Teil eines Prozesses, der auf Chinesisch shengsheng buyi 生生不已 genannt wird: Leben generieren ohne Ende.

Versenkung in die Stille und Leere – doch auch damit könnte man in die Irre gehen. Meditation darf nicht zu einem weltfremden Tun werden. Dies wurde von der konfuzianischen Schule des Stillen Sitzens betont, aus Sorge, dass die Konzentration auf die Leere und die Bemühung um Ausschaltung von Gedanken zum Selbstzweck würden, und der Mensch sich dem gewöhnlichen Leben und den Aufgaben des Alltags entfremden würde.

Durch Natürlichkeit hingegen und Wuwei 無為, Nicht-Tun, können sich die Dinge in aller Volkommenheit richten. Die klassische Passage findet in den Analekten des Konfuzius, wo es heißt: „Der Meister sprach: Wer durch Nicht-Tun das Reich in Ordnung hielt, war Shun. Was tat er? Er brachte sich selbst in Ordnung und wandte das Gesicht nach Süden, nichts weiter.“

Hier ist nun eine der alten Qigong-Meditations-Techniken: Der Name ist „Das Betrachten des Atems“.

Diese Methode stammt ursprünglich aus dem buddhistischen Surangama-Sutra , wo sie als das „ Beobachten der eigenen Nasenspitze“ die 14. der 25 aufgeführten Methoden darstellt. Sowohl der Dichter Su Dongpo 蘇東坡 (1037-1101) als auch der neokonfuzianische Philosoph Zhu Xi 朱熹 (1130-1200) haben die Methode übernommen, jedoch in einem etwas anderen Sinn als dem ursprünglich buddhistischen verwendet.

Bis heute ist diese Methode eine der wesentlichen, fortgeschrittenen Meditations-Techniken des Qigong, vor allem auch, weil sie von Chen Yingning 陳攖寧 (1880-1969) als Meditations- und Heilmethode befürwortet und unterrichtet wurde. Chen Yingning war als Laie der große Erneuerer, Säkularisierer und Modernisierer des Daosimus im 20. Jahrhundert, und er wird bis heute einer der einflussreichsten Spezialisten in den Künsten des Lebenspflege gesehen.

Zhu Xi hat diese Methode in seiner „Ermahnung zur Regulation des Atems“ aufgezeichnet. Sein Text ist ursprünglich sehr knapp, ich habe diesmal in meiner Übersetzung sehr paraphrasiert.

Tiaoxi Zhen 調息箴 - Ermahnung zur Regulation des Atems

鼻端有白,我其觀之。隨時隨處,容與猗移。靜極而噓,如春沼魚。動極而翕,如百蟲蟄。氤氳開闢,其妙無窮。誰其屍之,不宰之功。雲臥天行,非予敢議。守一處和,千二百歲。

“Das Weiß an der Spitze der Nase, ich betrachte es. Diese Methode kann überall und jederzeit angewendet werden, solange man sich friedlich fühlt und gelöst. Man soll nichts tun, das dem Körper nicht behagt.

Erreicht die Stille ihren Höhepunkt, ist es wie bei Fischen, die im Frühjahr an die Oberfläche der Wasser steigen und den Atem ausblasen. Erreicht die Bewegung ihren Höhepunkt, ist es wie bei Insekten, die in der Erde überwintern und ihre Energie innen bewahren.

Haben sich Meditation und Bewegung des Qi zu einem tiefen Stadium entwickelt, dann wird man in Nebel und Dunst erleben, wie sich das Qi von Himmel und Erde mit dem des Menschen vermischt, und sich das Schöpferische (Qian 乾) und das Empfangende (Kun 坤) öffnen und schließen. Die Wunder in all dem sind unerschöpflich.

Wer beherrscht dieses Geschehen? Es gibt keinen Herrscher, all dies geschieht aus sich selbst. Es ist wie in den Wolken zu liegen und dem Himmel zu folgen, wie könnte ich es in Worte fassen. Die Einheit zu bewahren und Wohnstatt zu nehmen in der Harmonie, über tausend Jahre mag das Leben dann währen.”

Ich werde in den nächsten Tagen noch ergänzende Bemerkungen und Erläuterungen dazu schreiben. Es ist zwar schon alles da in Zhu Xis Beschreibung, doch ist mir bewusst, dass es noch weitere Erklärungen braucht, damit man dann auch weiß, wie tun.

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...