Die Übung vom Ursprünglichen Licht heißt auf chinesisch: wudang taiyi yuanming gong 武当太乙元明功.
Es handelt sich um eine daoistische Übung, Teil der Wudang-Tradition. Der Wudang-Berg (wudang shan 武当山) war schon seit Ende der Han-Dynastie mit dem Daoismus assoziiert, ab der Yuan-Dynastie und besonders dann zu den Zeiten der Ming- und Qing-Dynastien wurde er zu einem wichtigen Zentrum des Daoismus.
Die Yuanminggong-Übungen stammen aus einer bestimmten Richtung der Wudang-Tradition genannt tiesongpai 铁松派 - Schule der Eisernen Kiefer.
Der Ursprung dieser Schule war zwar im Wudang-Gebirge, am Ende der Ming- und zu Beginn der Qing-Dynastie (17. Jh.) verlegte sie jedoch ihren Standort. Die diversen Kampfkunstschulen waren damals verwickelt in die Gewalt, die der Dynastiewechsel mit sich brachte und hatten starke Anti-Qing-Emotionen, waren die Qing doch Mandschus, für die Chinesen also barbarische Eroberer. Um diesen Wirren zu entkommen, und sich "fern der Welt des Staubes“ daoistischen Praktiken widmen zu können, übersiedelte die Schule in den Nord-Osten Chinas.
Prof. Cong hatte die Übungen bei Li Zhaosheng 李兆生, dem damaligen Stammhalter der Schule der Eisernen Pinie in 13. Generation gelernt und sie dann am TCM-College in Fuzhou unterrichtet, mit sehr guten therapeutischen Erfolgen.
Als er 1988 zum ersten Mal im Rahmen des wissenschaftlichen Austauschprojekts zwischen westlicher und chinesischer Medizin nach Österreich kam, hatte er diese Übungen im Gepäck und unterrichtete sie auf der Akademie für Ganzheitsmedizin, auf der pulmonologischen Station auf der Baumgartner Höhe, in einem mehrmonatigen Qigong-Intensivkurs für Jungärzte und in den vielen Kursen, die Dr. Gerhard Wenzel für Patienten und Interessierte in Schwarzach/St. Veit organisierte.
Prof. Lin Zhongpeng hat mir dann später erzählt, warum Prof. Cong gerade diese Übung schwerpunktmäßig unterrichtet hatte. Prof. Lin und die Qigong-Spezialisten seines Instituts hatten überlegt, ausgehend von den sowohl positiven als auch negativen Erfahrungen, die man in China seit der Popularisierung des Qigong gemacht hatte, welche Übungen sich am besten für den Unterricht im Westen eignen würden.
Übungen sollten einfach sein, leicht zu erlernen, und solide verankert in der alten Tradition der Qi-Übungen. Auch sollten sie frei von möglichen Nebenwirkungen sein, damit bezog sich Prof. Lin auf problematische Entwicklungen im chinesischen Qigong im Zusammenhang mit einer Reihe von zu der damaligen Zeit äußerst populären Übungen, wie z.B. dem Kranich-Qigong (鹤翔庄 hexiangzhuang), der Meditation des Kleinen Himmlischen Kreislaufs (xiao zhoutian 小周天) oder dem Qigong der Vorhimmlischen Natur (xiantian ziran gong 先天自然功). Und schließlich sollten, auch nicht selbstverständlich, die unterrichteten Übungen die Möglichkeit der Weiterentwicklung bieten; es sollte durch sie ein Fundament geschaffen werden, eine stabile Ordnung des Qi als Basis, um das eigene Qigong-Niveau auf korrekte Art entwickeln und heben zu können.
Die Yuanminggong-Übungen waren ein Ergebnis dieser Überlegungen, und Prof. Cong wurde dann beauftragt, sie bei uns zu unterrichten. Die anderen Übungen, die Prof. Cong damals als erster Qigong-Lehrer nach Europa gebracht hatte, habe ich ja schon in einem Posting von vor ein paar Tagen erwähnt. Abgesehen von den Gehübungen, die sogenanntes Neues Qigong (xin qigong liaofa 新气功疗法) darstellen, waren alle Übungen, die Prof Cong unterrichtet hatte, traditionelle Übungen mit daoistischem Hintergrund und einer langen Überlieferungslinie.
Yuanming 元明 als "ursprüngliches Licht" zu übersetzen, ist eigentlich nur ein Behelf.
Yuan 元 heißt Anfang, Beginn. Richard Wilhelm in seiner Goethe'schen Diktion hätte wie in seiner I Ging-Übersetzung gesagt: "Erhabenes Licht“, „erhaben“ im Sinne von „in den Anfängen sein“.
Taiyi 太乙, eine der Gottheiten des chinesischen Altertums, steht hier für das Dao selbst. Ming 明, das Licht, aus den Zeichen Sonne 日 und Mond 月 zusammengesetzt, verweist auf Yin und Yang.
Taiyi Yuanming Gong bedeutet also eigentlich:
Die Übung von ursprünglichem Yin und Yang des Großen Dao.
Wie angekündigt: ein Übungsvideo mit dem Taiyi Yuanming Gong 太乙元明功, einer traditionellen Qigong-Übung, die Prof. Cong damals unterrichtete, als er das erste Mal nach Österreich kam, und die er sehr schätzte.
Die Übung ist sehr einfach, den Bewegungsablauf hat man schnell gelernt. Vielleicht gibt es anfänglich noch ein paar Details, die einem unklar sind, doch braucht man sich keine Sorgen zu machen, auch schlampig und ungenau geübt, wird sich diese Übung sehr positiv auf die Gesundheit auswirken.
Genauigkeit beim Qigong-Üben ist nicht nur nicht wichtig, sondern oft sogar kontraproduktiv. Ist man zu sehr konzentriert ist und klebt an der Form, dann fällt es einem viel schwerer, in die Entspannung und Stille zu finden und ein harmonisches Qi zu entwickeln.
Das Wesentliche ist: dongzhong qiu jing 动中求静 - In der Bewegung die Ruhe suchen.
Das Yang entspringt dem Yin, die innere Bewegung des Qi entspringt der körperlichen Entspanntheit und der geistigen Stille. Das ist der wesentliche Punkt, um den alles Üben kreist.
Die Bewegung am besten sechs Mal ausführen ( öfter oder weniger oft geht natürlich auch), und am besten zwei Mal am Tag.
Alle bisher geposteten Massagen zusammen werden Baxie Cao 八邪操 genannt, wörtlich: Ba-Xie-Gymnastik oder Ba-Xie-Übungen.
Dieses Set wird Patienten in chinesischen Spitälern beigebracht als simple und, regelmäßige Praxis vorausgesetzt, effektive Methode zur Beschleunigung des Gesundungsprozesses sowie zur Vorbeugung.
Wie schon erwähnt, habe ich diese Massagen in nur wenig abgewandelter Form bei der daoistischen Meisterin Jia Ruijuan in Peking kennengelernt. Sie meinte, so simpel diese Übungen aussähen, so wichtig seien sie. Die Praxis solcher Übungen sei unabdingbar, um mit fortgeschrittenen Qigong-Inhalten etwas anfangen zu können.
Jede Massage wird 36x ausgeführt, dauert also nur kurz (und man muss sich nicht sklavisch an die Zahlen halten).
Man kann die Massagen im Sitzen, Stehen oder, noch besser, im Gehen ausführen.
Der Ausdruck Baxie 八邪 bezieht sich einerseits auf die Akupunkturpunkte auf dem Handrücken zwischen den Fingern, andererseits auf die sogenannten Acht Krankheitsursachen:
Feng 风 Wind
Han 寒 Kälte
Shu 暑 Sommerhitze
Shi 湿 Feuchtigkeit
Ji 饥 Hunger
Bao 饱 Übersättigung
Lao 劳 Erschöpfung
Yi 逸 Untätigkeit
Die Reihenfolge der Massagen ist folgende:
Die Baxie-Punkte 八邪穴 zwischen den Fingern
Die Tigermäuler Hukou 虎口 (die Baxie-Punkte zwischen Daumen und Zeigenfingern)
Die Hegu-Punkte 合谷穴
Die Yuji-Punkte 鱼际穴 an den Daumenballen
Die Kleinfingerseite der Hand mit dem Houxi-Punkt 后溪穴
Die Handwurzeln: Daling大陵穴 und Shenmen 神门穴
Die Laogong-Punkte 劳宫穴
Die Handrücken
Die Yangchi-Punkte 阳池穴
Die Fingerspitzen: Die zehn Xuan-Punkte 十宣穴
In die Hände klatschen (grad)
In die Hände klatschen (verschränkt)
Ich habe inzwischen eine Youtube-Playlist erstellt, die Massagen umbenannt und in die richtige Reihenfolge gebracht.. Hier ist der Link: Ba-Xie-Massage In den nächsten Tagen kommt noch ein Video dazu mit allen Massagen zusammen.
Hier sind nun die restlichen Massagen, die das ganze Set vervollständigen.
Massage der Yuji-Punkte (鱼际穴)
Mit den Handballen 36x locker gegeneinander schlagen. Die Yuji-Punkte befinden sich auf dem Lungenmeridian (Lu 10) und sind auf den Daumenballen gelegen.
Durch Stimulation dieser Punkte kann Hitze des Lungenfunktionskreises gekühlt werden, Schleim und Feuchtigkeit werden umgewandelt und ausgeschieden, Husten und Asthma können behandelt und die Atmung befreit werden
Stimulation der Akupunkturpunkte in den Händen
Auf zweierlei Weise in die Hände klatschen, 36x oder öfter.
In den Händen gibt es ein Vielzahl von Akupunkturpunkten (Meridianpunkte und Punkte außerhalb der Meridiane). Durch Klatschen werden diese aktiviert, der Fluss des Qi in den Meridianen wird gefördert, Yin-Kälte und trübes Qi werden ausgeleitet, die inneren Organe reguliert und gestärkt.
Massage der Laogong-Punkte (劳宫穴)
Mit der lockeren Faust gegen den Laogong-Punkt im Handzentrum schlagen.
Herz- und Kreislaufmeridian werden so stimuliert, die Massage wirkt gegen Erschöpfung, macht geistig wach und hilft der Konzentration.
Oskar Außerer vom Zentrum für die Dokumentation von Naturheilverfahren hat vor kurzem dieses alte Video bei sich zuhause gefunden und einen kurzen Ausschnitt auf Youtube gestellt. Es ist ein sozusagen "historischer" Videoclip, von einem Seminar aus dem Jahr 1995 mit Prof. Cong und mir als Übersetzer in Südtirol. Es gibt mehrere Stunden Materials, und Oskar hat mir versprochen, in Zukunft mehr davon auf Youtube zu posten, doch wird die Digitalisierung der ursprünglichen VHS-Bänder noch dauern.
Wie gesagt, es ist nur ein kurzes Video von Prof. Cong, wie er mit einigen Instruktionen zur Körperhaltung seinen Unterricht des Taiyi Yuanming Gong 太乙元明功 (der „Übungen des Erhabenen Lichts“, oder man könnte auch übersetzen, der „Übungen des Ursprungs des Lichts“) beginnt.
Ich nehme es heute als Anlass für ein kurze Plauderei über Qigong im Allgemeinen und unsere Übungen im Speziellen.
Diese sehr einfachen Übungen aus der Wudang 武当 - Tradition wurden von Prof. Cong sehr geschätzt und bei fast jedem Seminar unterrichtet, das er in den Jahren 1988 bis 1997 hielt.
Ich werde diese Aufnahme auch zum Anlass nehmen, ein Video dieser Übungen für Youtube zu produzieren. In den letzten Monaten, als ich so viel von den chinesischen Materialien gesichtet habe, die anlässlich der Covid-Pandemie im chinesischen Internet publiziert wurden, wurde mir wieder einmal bewusst, auf was für einem hohen Niveau Prof. Cong Yongchun und später auch Prof. Lin Zhongpeng damals Qigong unterrichtet hatten, und wieviel von den wesentlichen Inhalten des Qigong weder bei uns noch auch im heutigen China thematisiert werden. Oder schlichtweg nicht bekannt sind.
Damals war Qigong bei uns in den Anfängen. Prof. Lin Zhongpeng wusste, wie wichtig es sein würde, von Anbeginn die Essenz des Qigong zu vermitteln und sich nicht in Nebensächlichkeiten zu verlieren. In China hatte man mit der Popularisierung des Qigong in den 80er- und 90er-Jahren gemischte Erfahrungen gemacht. Einerseits wusste man schon vom medizinischen Wert und Wirksamkeit dieser alten Methoden und konzentrierte sich in der zu jener Zeit entstehenden Qigong-Forschung vor allem auf diesen Aspekt. Doch mehr und mehr entwickelte Qigong eine Eigendynamik, übertriebene Behauptungen wurden aufgestellt, viele Lehrer verkauften sich als Meister angeblicher geheim überlieferter Übungsformen oder betonten die quasi magischen außergewöhnlichen Fähigkeiten, die durch bestimmte Übungen geweckt werden könnten. Die zunehmende Vermarktung des Qigong tat noch ein weiteres dazu. Prof. Lin stand all dem sehr kritisch gegenüber und meinte schon in den 90er-Jahren, dass man ohne eine fundierte Ausbildung in dem weiten Feld des Qigong sehr schnell die Orientierung verlieren würde.
Er hatte Anfang der 80er-Jahre das „Chinese Qigong College for Advanced Studies“ in Peking gegründet, als Ausbildungsmöglichkeit vor allem für Qigong-Spezialisten. Natürlich kann jeder für sich privat Qigong üben, doch wenn man nicht definieren kann, was Qigong ist, wenn man dessen Geschichte nicht kennt, nichts über dessen Hintergründe (kulturell, philosophisch, medizinisch usw.) Bescheid weiß oder über den dem Qigong eigenen holistischen Denkansatz, dann bleibt das eigene Niveau notwendigerweise beschränkt. Und, was man auch bei uns beobachten kann: es macht einen anfällig für die Behauptungen und Versprechungen der vielen selbsternannten Meister und Großmeister. In aller Klarheit fundiert zu unterrichten und ein sachliches Verständnis des Qigong zu vermitteln, das war Prof. Lins Anliegen und machte ihn zum führenden Theoretiker des modernen Qigong in China. Sein enormes praktisches Können stellte er dabei immer „unter den Scheffel“.
Prof. Cong war Prof. Lins Mitarbeiter. Im Rahmen eines Projekts des österreichischen Wissenschaftsministeriums (Minister war damals Dr. Franz Kreuzer) wollte Prof. Georg König, einer der Pioniere der Akupunktur in Österreich und Präsident der österreichischen Akupunktur-Gesellschaft, im Jahr 1988 interessierte Ärzte und auch Patienten mit dem bei uns zu jener Zeit weithin unbekannten Qigong bekanntmachen. Prof. Lin entschied damals, für dieses Projekt Prof. Cong nach Österreich zu schicken und ihn mit dem Unterricht ganz bestimmter Qigong-Methoden zu betrauen.
Wie mir Prof. Lin später erklärte, war die Auswahl der Methoden wohldurchdacht und basierte auf den oben nur skizzenhaft geschilderten sowohl positiven wie auch negativen Erfahrungen, die man mit Qigong während der Zeit des „Qigong-Fiebers“ in den 80er-Jahren gemacht hatte.
Als wichtigste therapeutische Methode unterrichtete Prof. Cong das Qigong-Gehen, eine moderne Methode, von Frau Guo Lin 郭林 entwickelt, die mit großem Erfolg bei chronischen Krankheiten und Krebs zum Einsatz gebracht worden war. Prof. Cong hatte bei Han Qiusheng 韩秋生, einem der Schüler von Frau Guo Lin gelernt, der später seine eigene Qigong-Schule gründete. Prof. Cong unterrichtete in seinem ersten Jahr in Europa hauptsächlich Ärzte und Patienten, darum waren die verschiedenen Gehmethoden zur Stärkung des Qi der Nieren (qiang shen fa 强肾法), des Herzens (qiang xin fa 强心法), der Milz (qiang pi fa 强脾法), der Leber (qiang gan fa 强肝法 und der Lungen (qiang fei fa 强肺法) zusammen mit der Methode des Hebens und Senkens, Öffens und Schließens (shengjiang kaihe fa 升降开合法) zentrale Inhalte seiner Seminare.
Aber auch andere Übungen, mit denen Prof. Cong am Fujian College für Traditionelle Chinesische Medizin gute therapeutische Erfahrungen gemacht hatte, waren Teil des umfangreichen Unterrichts- und Übungsprogramms. Darunter waren die oben erwähnten Yuan Ming Gong 元明功 - Übungen, welche Prof. Cong von Li Zhaosheng 李兆生 gelernt hatte, die Fanhuanggong 返还功 - Übungen des daoistischen Meisters Shen Yuewu 沈岳武, Laozi’s Methode zur Kultivierung des Wirklichen (Laozi Xiuzhen Qigong 老子修真气功) und eine Reihe weiterer traditioneller Übungen.
Der Grundgedanke bei all diesen Übungen war: Um Qigong korrekt üben zu können, muss man verstehen, dass das Entscheidende das Eintreten in den qigong-spezifischen Ruhezustand ist. Das Qi gründet in der Stille, während des Übens ist nicht das korrekte Ausführen der Bewegungen entscheidend, sondern das Erlangen des Qi. Darin gleicht es der Akupunktur: ohne das Erlangen des Qi (deqi 得气) stellt Akupunktur nur oberflächliches Tun ohne den eigentlich möglichen therapeutischen Gehalt dar.
Darum ist es in erster Linie wichtig, in der Bewegung die Ruhe zu finden. Dafür eignen sich simple Bewegungsabläufe viel besser als komplexe. Die meisten traditionellen Qigong-Übungen sind deshalb sehr einfach, und entsprechend leicht zu erlernen. Misst man Bewegungen oder Formen (oder den blumigen Namen der Übungen) eine große Wichtigkeit bei, so „verwechselt man die Zweige mit dem Stamm“ (um einen chinesischen Ausdruck zu paraphrasieren).
Und auch die Konzentration, so wichtig sie beim Üben ist, ist dem Erreichen der Ruhe untergeordnet.
Ziran 自然 ist das entscheidende Wort, einer der chinesischen Ausdrücke, die man kennen sollte. Im modernen Chinesisch bedeutet der Ausdruck „Natur“, wörtlich heißt er: „Das, was von selbst so ist.“ „Was aus sich selbst so ist.“ Qigong übt man, um dieses „Von-selbst-so“ zu ereichen. Zu sagen, dass alle Wirkungen im Qigong von selbst entstehen, wäre übertrieben, natürlich „tut“ man etwas. Man führt Bewegungen aus, atmet, konzentriert sich. Doch steht all dieses Tun im Dienste der inneren Ruhe und Stille, aus welcher man wiederum „das Qi erlangt“.
Zhi xu ji, shou jing du 致虚极守静笃 - Die äußerste Leere erreichen, die tiefste Stille bewahren - dieses Laozi-Zitat enthält die Essenz dessen, was Qigong ausmacht. Das Qi entspringt der Stille, die Bewegung erhebt sich aus der Ruhe. Das Qi, einmal in Bewegung, organisiert sich von selbst, ordnet sich von selbst, heilt von selbst. Je weniger man zu den sich in der Ruhe ereignenden inneren Prozessen hinzufügt, desto wirksamer die Qigong-Praxis.
Ich erinnere mich noch gut, als mich Prof. Cong ermahnte (ich war damals wohl zu ehrgeizig): „Hör auf, dein Qi mit deinen Wünschen zu stören! Es ist ein Fehler, das Qi führen und leiten zu wollen. Wichtig ist allein die Stille, wenn sich das Qi dann bewegt, weiß es selbst um die natürlichen Bahnen. Du hingegen bildest dir ein, es zu wissen, tatsächlich bringst du mit deiner Einmischung das Qi nur durcheinander.“
Prof. Lin sagte dasselbe, und wenn man sich die Tradition ansieht, so findet man diese Aussage immer wieder. Im Fanhuangong heißt es: „Sich in die stille Kammer zurückzuziehen, um das Qi im Körper zu führen, ist sinnlos. Das Qi fließt von selbst. Das Qi durch die eigene Absicht zu bewegen, ist ebenso unnötig, wie sich einen zusätzlichen Kopf aufsetzen zu wollen.“
Aus diesem Grund nannte Chen Yingning 陈婴宁, der große Erneuerer des Daoismus im 20. Jahrhundert, seine Methode „Übung der Stille“ (jinggong 静功) und grenzte sich ab von Qigongtechniken der Manipulation von Qi. Auch er meinte, Heilung erfolge ausschließlich durch die Stille. Die Essenz der traditionellen Methoden könne durch zwei Ausdrücke gefasst werden: “Verbindung von Atem und Geist” (xinxi xiangyi 心息相依) sowie Sammlung des Geistes und Versenkung in die Stille” (shouxin rujing 收心入境).
In einem der ersten Postings habe ich über die mögliche Schutzwirkung von Qigong in diesen pandemischen Zeiten geschrieben, aber gleich betont, dass man nicht glauben müsse, eine spezielle Übung dafür zu benötigen. Wir haben uns in diesen Wochen und Monaten auf die Sechs Heilenden Laute konzentriert als eine der traditionell überlieferten Methoden, doch jede andere Methode, die man kennt, die einem liegt und die man gerne übt, und durch die man in die Stille findet, ist genauso gut geeignet.
Genauso gut geeignet, weil die Essenz des Qigong eben dieses ist:
Das Qi muss nicht gelenkt, geleitet und kontrolliert werden, es organisiert und ordnet sich von selbst. Der Wille zu Beeinflussung entstammt Schichten des Bewusstseins, die nicht in Berührung sind mit der grundlegenden Ganzheit des Lebens. Im Qigong sind Entspannung und Stille nicht zur Vorbereitung da, sondern wichtige und wesentliche Mittel zur Förderung und Unterstützung der natürlichen Ordnung des Qi.
Die Bewegung des Qi im Zustand der Stille entspricht der Selbstregulationsfähigkeit des Lebens, sie ist die Basis des natürlichen Potentials von Gesundheit und Gleichgewicht. Qigong zu üben, heißt also, dem Organismus zu helfen, die Fähigkeit zur Selbstregulation und damit die Anbindung an das lebende Universum (da Qi „lebendige Materie“ ist, kann man es im chinesischen Verständnis so nennen) wiederzufinden. Findet man an diesen Ursprung zurück, so wird sich das Qi besser entfalten, wird sich das Leben besser entfalten. Was als Gesundheit und Gleichgewicht möglich ist, stellt sich dann von selbst ein.
Diese Gedanken gingen mir heute durch den Kopf, als ich Prof. Cong in dem kurzen Videoauschnnitt von damals gesehen habe. Wie er immer wiederholte: Nicht das Kennen und Üben vieler Übungen ist im Qiqong wesentlich, sondern das Eintreten in den Zustand der Stille. In dieser Einfachheit und Schlichtheit ist das gesamte Potential zur Meisterung der Kunst des Nährens des Lebens (yangsheng 养生) enthalten.
Pilze aller Art sind eine wichtige Zutat von “Yangsheng”-Rezepten. Eine der im Westen bekanntesten asiatischen Sorten ist der Shiitake-Pilz; er verleiht Suppen, Eintöpfen und pfannengerührten Gerichten besonders viel Aroma.
Er besitzt starke medizinische Qi-Wirkungen Vor allem wegen seiner antikanzerogenen Eigenschaften ist er in den letzten Jahren Objekt vermehrter naturwissenschaftlicher Forschung sowohl in Asien als auch im Westen.
In diesem Rezept wird eine Mischung von frisch erhältlichen Pilzen verwendet. Es wäre am besten, wenn immer auch frische Shiitake-Pilze dabei sind. Sind diese nicht verfügbar, kann man auch zwei oder drei getrocknete, schwarze Shiitake-Pilze verwenden (vorher in warmem Wasser einweichen).
Dieses Rezept ist köstlich in seiner Kombination von Schweinefleisch, Tofu, Frühlingszwiebeln, weißem Pfeffer, Goji-Beeren und chinesischen roten Datteln.
Das Rezept besitzt eine Reihe wichtiger medizinischer Wirkungen: Es tonisiert Qi, Blut und Yin-Essenz, es beseitigt feuchte Hitze, stärkt das Nieren-Qi, harmonisiert das Leber-Qi und regt das Lungen-Qi an.
Natürlich kann dieses Rezept als vegetarische Variante ohne Schweinefleisch zubereitet werden.* Das verändert die Qi-Wirkung des Rezepts, es ist dann weniger nährend für das Blut, und es harmonisiert das Leber-Qi nicht.
Als vegetarische Variante ist es jedoch immer noch ein wirksames diätetisches Rezept mit sehr positiven Auswirkungen sowohl auf das Qi als auch die Essenz.
Das angeführte Rezept ist für zwei Personen gedacht.
Tofu-Schweinefleisch-Bällchen
Zutaten:
130 g mageres faschiertes Schweinefleisch
130 g Tofu (normaler weißer Tofu, kein Seiden-Tofu)
2 Frühlingszwiebeln, grüne Teile, fein gehackt
½ TL Salz
½ TL weißer Pfeffer
1 TL Sojasauce
¼ TL Zucker
Suppe:
1-2 TL Speiseöl
1 l kochendes Wasser
½ TL Salz
8 g Goji-Beeren
4 chinesische rote Datteln
250 g gemischte frische Pilze, in Stücke geschnitten
Man kann z.B. 50 g Shiitake-Pilze, 50 g weiße oder braune Champignons, 50 g japanische Enoki-Pilze, 50 g Austernpilze, 50 g japanische Matsutake-Pilze (die japanischen Pilze findet man oft in Bio-Läden oder asiatischen Geschäften) nehmen. Man kann grundsätzlich aber jede beliebige Pilzsorte verwenden, Steinpilze, Portobello oder was es eben gibt. Wenn man keine frischen Shiitake findet, kann man getrocknete verwenden (in Bio- oder Asienläden findet man sie leicht). Getrocknete Pilze vor dem Kochen mindestens 30 Minuten in warmem Wasser einweichen.
Zubereitung:
Das Faschierte in eine Schüssel geben. Den Tofu zuerst mit den Fingern zerkrümeln. Dieser Schritt ist wahrscheinlich etwas arbeitsaufwendig, je feiner man den Tofu zerbröselt, desto besser. Leider hat der bei uns erhältliche Tofu, außer wenn er von einer chinesischen oder japanischen Firma hergestellt ist, immer eine falsche Konsistenz.
Den Tofu dann gründlich mit dem Fleisch mischen, pressen und verkneten. Die gehackten grünen Teile der Frühlingszwiebel und die Gewürze (Salz, weißen Pfeffer, Sojasauce, Zucker) dazugeben. Alles weiter mischen (mit einer kreisförmigen Bewegung, die immer in eine Richtung geht), bis das Fleisch Fasern zeigt und die Masse eine festere, klebrigere Textur bekommt. Dann werden die Fleischbällchen beim Kochen nicht zerfallen und leicht und locker bleiben.
Die Masse in der Schüssel in zwei Hälften teilen, und dann jede Hälfte in weitere drei gleiche Teile teilen. Jeden Teil zu einem Bällchen formen. Das ergibt dann 6 Fleischbällchen.
Das Öl in einem Wok oder in einem großen Topf erhitzen, die Fleischbällchen vorsichtig in das Öl geben und bei mittlerer Hitze anbraten, bis sie außen bräunlich sind. Dabei die Bällchen vorsichtig hin- und herbewegen, bis die Oberfläche braun und versiegelt ist. Das dauert etwa 2 bis 3 Minuten, die Fleischbällchen müssen nicht vollständig gegart sein, es geht hauptsächlich darum, dass sie beim Kochen nicht zerfallen.
Das kochende Wasser in die Pfanne geben, den restlichen ½ TL Salz hinzufügen, ebenso die chinesischen roten Datteln. Zudecken und bei mittlerer Hitze 10-15 Minuten kochen.
Den Deckel abnehmen. Falls Fett an der Oberfläche schwimmt, dieses entfernen. Die Pilze hinzufügen und ohne Deckel kochen, bis die Pilze gar sind (ca. 5 – 10 Minuten). Am Ende die Goji-Beeren dazugeben.
Sofort servieren und genießen!
*Man könnte zum Beispiel Bällchen aus Tofu und geraspelten Karotten machen, mit etwas Maisstärke und einem Ei zur Bindung. Man muss halt ein wenig experimentieren. Die Suppe wird wegen der Pilze dann immer noch sehr gehaltvoll schmecken.
Diejenigen von uns, die in der Vergangenheit mit den Übungen der Sechs Heilenden Laute in Berührung gekommen sind, kennen die Laute höchstwahrscheinlich in dieser Version (ich schreibe sie hier in deutscher Lautschrift hin und nicht in standardisierter Umschrift aus dem Chinesischen):
Leber: hsü
Herz: he-a
Milz: hu
Lunge: sss
Niere: tschue-i
Sanjiao: hsi
Dass es eine Reihe von Varianten bei der Aussprache der Laute gibt, ist bei uns hingegen nicht so bekannt. (Auf die unterschiedlichen Daoyin-Bewegungen brauche ich hier nicht einzugehen, da die Laute ursprünglich nur als Atmung ohne Bewegungen praktiziert wurden. Die Bewegungen kamen später hinzu und sind entsprechend divers.)
Ich hatte es ja schon zu Anfang dieses Blogs erwähnt, dass wir die Laute in einer alten Aussprache üben, die dem Klangbild des Nanjing-Chinesisch von vor 1500 Jahren entspricht. Diese Variante ist Ergebnis der Arbeit am Forschungsinstitut für Qigong in Shanghai. Unser Lehrer Prof. Lin Zhongpeng ist mit den dortigen Spezialisten seit Jahrzehnten befreundet, er hat auch das Vorwort zu dem vom Forschungsinstitut verfassten Buch über die Heilenden Laute verfasst, und es war durch Prof. Lin und seinen Sohn Lin Hai, dass ich dann diese Übungen kennenlernte.
Die Version, die wir zur Zeit üben, ist folgende (mit Ausnahme der Niere, da habe ich tschue-i beibehalten):
Leber: hsü
Herz: he-a
Milz: hu
Lunge: he-i
Niere: tsss
Sanjiao: hsi
Es gibt darüberhinaus jedoch noch eine Reihe anderer Variationen:
Zur Zeit werden in China hauptsächlich die Heilenden Laute der Chinesischen Health Qigong Association propagiert, sozusagen die staatlich sanktionierte Form der Übungen. Im Unterschied zur traditionellen Übungsweise werden in der Version der Health Qigong Association die Laute nicht nur vorgestellt, sondern tonhaft ausgesprochen. Diese Version ist unter allen die jüngste, und ich erwähne sie hier nur quasi nebenbei. Die Laute sind folgende:
Leber: hsü
Herz: he-a
Milz: hu
Lunge: hsi
Niere: tschue-i
Sanjiao: hsi
In den letzten Jahrzehnten waren in China zwei Versionen am weitesten verbreitet: die von Ma Litang 马礼堂 und die von Nan Huaijin 南怀瑾.
Die von Ma Litang unterrichteten Laute sind folgende:
Leber: hsü
Herz: ke-a
Milz: hu
Lunge: hsia
Niere: tschue-i
Sanjiao: hsi
Den Laut für die Lunge hatte Ma Litang von sss zu hsia verändert, weil er auch Grubenarbeiter aus Kohlebergwerken unterrichtete. Der Laut hsia, dynamisch eingesetzt, erwies sich für deren besonders vom Kohlenstaub belastete Lungen als am wirksamsten.
Bis auf den doch sehr veränderten Laut der Lunge entspricht die Ma Litang-Version der ganz zu Beginn erwähnten Standard-Version.
Nan Huaijin 南怀瑾 , ein wichtiger und einflußreicher traditioneller Lehrer, hatte einen Ansatz gleich dem des Shanghaier Qigong-Instituts.
Die chinesische Sprache hat sich ja im Lauf der Jahrtausende in der Aussprache sehr verändert, das moderne Mandarin ist eine nordchinesische Sprache und entspricht ungefähr dem Peking-Dialekt.
Die Heilenden Laute sind jedoch viel weiter im Süden entstanden, in der Gegend des heutigen Nanjing. In Süd-China werden ganz andere Sprachen gesprochen. Die Schrift ist dieselbe, die Sprachen selbst sind ganz anders. So wird das Shanghai-Chinesisch in Peking nicht verstanden, das gilt auch für Kantonesisch, Minnan-Chinesisch (das in Fujian und Taiwan gesprochen wird), die Sprache der Hakka usw.
Die südchinesische Aussprache der Laute ist jedenfalls näher dran am ursprünglichen Klang. Dazu kommt noch, dass die südchinesischen Sprachen das Klangbild des alten Chinesisch zu einem gewissen Ausmaß bewahrt haben. Nan Huaijin meinte demgemäß: Übt die Laute nicht in der nordchinesischen Aussprache, verwendet die Aussprache der Hakka, des Kantonesischen oder des Minnan-Chinesischen. Seine Laute waren diese:
Leber: hoi
Herz: ho
Milz: hu
Lunge: si
Niere: tschue-i
Sanjiao: hi
Es gibt noch eine Reihe anderer Versionen, aber es ist nicht nötig, die jetzt alle aufzuzählen.
Im Praktischen sind für uns zwei Dinge wichtig:
Erstens: dass letztlich alle diese Varianten wirken. Vor allem in den 80er und 90er-Jahren wurde in China sehr ausführlich Qigong-Forschung betrieben, die therapeutische Wirksamkeit war eines der Forschungsthemen. Ma Litang, der als Arzt arbeitete, berichtete von sehr guten therapeutischen Ergebnissen, es gibt aber genügend Krankengeschichten, die die therapeutische Wirksamkeit auch bei den anderen Versionen der Heilenden Laute belegen.
Zweitens: auch wenn es nicht so wichtig ist, für welche der Lautvarianten man sich entscheidet, gibt es doch leichte Unterschiede, die beim Üben zum Tragen kommen. Wenn man die Ausatmung mit den älteren Lautvarianten übt, scheint es leichter zu sein, dies frei und entspannt zu tun. Bei der modernen Standardversion fällt einem dies in der Regel schwerer, man hat wegen der anderen Lautcharakteristik bald einmal das Gefühl, dass es bei der Ausatmung einen gewissen Widerstand gibt. Das spricht dann doch mehr dafür, die Übungen in unserer Variante oder in der von Nan Huaijin zu üben.
Wieder eine Massage aus der Reihe der Baxie-Qigong-Massagen:
Mit den Handrücken 36x gegeneinander klopfen, so wie im kurzen Video unten gezeigt.
Wie bei all diesen Massagen: Vorsicht! Keine Kraft verwenden, die Hände einfach locker gegeneinander klopfen lassen.
Da die Handrücken der Ort sind, wo sich Yin und Yang treffen, kann man durch regelmäßiges Massieren oder das Gegeneinanderklopfen der Handrücken Yin und Yang regulieren, die Meridiane öffnen und den Kreislauf verbessern. Die Massage hilft auch bei Problemen der Wirbelsäule, von der Halswirbelsäule bis hinunter zum Steißbein.
In diesem zweiten Video zeige ich eine ähnliche simple Massage: Das Gegeneinanderklopfen der Handgelenke. 36x. Damit wird der Yangchi 阳池 - Akupunkturpunkt stimuliert. Dieser Punkt wird unter anderem zur Regulierung des endokrinen Systems verwendet, der Massage wird eine gewisse vorbeugende Wirkung gegen Diabetes zugeschrieben.
Yangchi liegt an der Handwurzelquerfalte in einer Vertiefung zwischen Elle und Mittelhandknochen.
Wenn man so wie im Video gezeigt, mit den Handgelenken gegeneinander klopft, erwischt man den Punkt auf jeden Fall. Yangchi hat die wichtige Funktion, Hitze zu kühlen, Feuchtigkeit auszuleiten und die Qi-Bahnen durchgängig zu machen.
Yangchi (Teich des Yang) ist der 4. Punkt des Dreifachen Erwärmer-Meridians. Er hat auch die Bezeichnung: Wanneng Shenxue 万能神穴 - Allmächtiger göttlicher Punkt.
Der Schlüssel zur Integration von Körper und Geist, zum bewussten Erreichen eines Zustands tiefer Entspannung und zur Förderung eines stärkeren Qi-Flusses im Körper ist die Regulierung der Atmung.
Die meisten Qigong-Methoden betonen die „natürliche Atmung“. Dies bedeutet, dass man mit dem Atem auf natürliche Weise umgeht, ihn also nicht hemmt oder zwingt, komplizierte Techniken anwendet oder ihn auf irgendeine Weise leitet. Es bedeutet jedoch nicht, den Atem zu ignorieren.
Der natürliche Atem ahmt den Atem eines Baby im Schlaf nach. Beim Einatmen ist der Körper entspannt, der Bauch steigt, wenn die Luft einströmt. Beim Ausatmen bleibt der Körper entspannt und der Bauch fällt.
Früh schon im Leben, ab dem Zeitpunkt, an dem wir lernen zu gehen, beginnt sich die Atmung zu ändern - sie wird flacher, drückt nach oben, füllt die Brust und beschränkt sich oft nur auf den oberen Brustraum. Alltagsaktivitäten wie das Arbeiten am Computer, telefonieren, sich auf Aufgaben konzentrieren, die Wohnung putzen, selbst physisches Training - all dies und mehr kann dazu führen, dass man den Atem anhält, zu flach atmet, einen unregelmäßigen Atemrhythmus entwickelt, den Hals oder die Schultern zu fest hält, den Bauch verspannt usw.
Wenn beim Üben von Qigong Spannungen im Körper auftreten, oder wenn man sich anstrengt, dann ändert sich die Atmung, auch bei geistiger Anspannung oder bei emotionalen Reaktionen ändert sich die Atmung. Regelmäßiges Seufzen und Gähnen sind dann die Mechanismen des Körpers, um Emotionen, Körper und Atem zu regulieren. Es ist normal und ein gutes Zeichen, wenn solche Reaktionen des Körpers während des Übens (oft ist es am Anfang des Übens) auftreten, sie zeigen, dass der Körper beginnt, sich zu regulieren.
Wenn man die Heilenden Laute übt, versucht man einen Atem zu entwickeln, der leise ist, glatt und so fein, dass man ihn nicht hört. Der Atemrhythmus bei den Übungen der Heilenden Laute, so wie wir sie üben, ist:
Einatmen durch die Nase, Ausatmen durch die Nase, Einatmen durch die Nase, Ausatmen durch den Mund, während man sich den Laut vorstellt. Dann folgen noch einmal Einatmen und Ausatmen durch die Nase.
Bei jedem Laut sollte sich die Atmung natürlich anfühlen, man sollte keine Spannung und keinen Widerstand spüren. Man bemüht sich nicht und strengt sich nicht an. Man konzentriert sich auf den Atem - auf sehr entspannte Weise (keine starke Konzentration!) - und koordiniert ihn mit den Bewegungen. Im Verlauf der Zeit wird es einem mehr und mehr gelingen, den eigenen Rhythmus zu finden, einen angenehmen Rhythmus, von dem man sich leiten lassen kann, während man langsam die Bewegungen ausführt.
Bei Methoden wie den Heilenden Lauten ist es wichtig, sich die Zeit zu geben, die eigene Übungspraxis zu entwicklen, solange, bis man schließlich fähig wird, in einem langsamen Rhythmus mittels langer, feiner, frei fließender, ruhiger Atemzüge zu atmen. Ist man einmal dort angelangt, dann hat man sehr viel verwirklicht, was die mögliche Integration von Körper, Geist und Atem betrifft.
Beim Lernen und Üben der Heilenden Laute (und auch jeder anderen Qigong-Methode) orientiert man sich an den drei Grundprinzipien. Bevor man zu üben beginnt, gibt man sich als Vorbereitung ein paar Minuten, um den Körper (die Haltung), den Atem und den Geist (die Gedanken) regulieren, und versucht diese drei Regulierungen auch während des folgenden Übens nicht zu vergessen.
Das heißt, dass man Bewegungen nicht einfach nur mechanisch ausführt. Man führt einen Bewegungsablauf aus und reguliert dann wieder (macht eine Pause, entspannt sich, beruhigt den Atem, stillt die Gedanken). Dann fährt man mit dem nächsten Teil der Bewegungen fort. Merkt man beispielsweise beim Üben, dass Spannungen entstehen, oder hat man das Gefühl, dass die Übung zu anstrengend wird, dann hält man einfach inne und wartet, bis die Atmung wieder ganz natürlich ist. Dann macht man mit dem Üben weiter. Man versucht also immer wieder loszulassen, den Geist zu beruhigen und still zu werden. Solcherart lernt man, wie man sich tiefer und tiefer in den Qigong-Zustand versenken und damit die Wirksamkeit der Übungen verbessern kann.
Bei den drei Prinzipien ist die Entspannung ist der entscheidende Punkt. Es ist wichtig vor dem Üben locker zu sein und entspannt, und im Folgenden während des gesamten Übungsablaufs. Und man wird herausfinden, dass die drei Regulierungen - des Körpers, des Geistes und des Atems - eigentlich immer gleichzeitig auftreten. Es ist nicht möglich, den Körper ganz zu entspannen, ohne dass nicht auch der Geist zur Ruhe kommt und der Atem zu einem natürlicheren Kommen und Gehen findet.
Wenn man sich nicht anstrengt, dann arbeiten Körper, Atem und Geist in einem Zustand der Tiefenentspannung zusammen, der als „Qigong-Zustand“ bezeichnet wird. Das in diesem Zustand geschaffene Muster gesunder Selbstintegration trägt einen durch den Tag. Man fühlt sich körperlich besser, der Geist kann klar bleiben und konzentriert, das Atmen fällt leichter und wirkt vitalisierender. Dieses Muster entwickelt sich mit der Zeit zu einer Norm, zur Norm eines stabilen Gleichgewichts, welches dem gesunden Funktionieren des Körpers zugrunde liegt (d.h. das Qi funktioniert auf geordnete, natürliche Art und Weise) und das während des gesamten Lebens auch die eigene Kreativität inspirieren und motivieren wird.
Ein weiteres Video, wieder mit den Heilenden Lauten, allerdings in einer anderen Reihenfolge.
Die bisherige Reihenfolge der Übungen hat sich an der Xiangke 相克 - Ordnung der Fünf Phasen orientiert. Xiangke heißt gegenseitige Überwindung, die Reihenfolge der Phasen ist:
Metall Jin 金 - Holz Mu 木 - Erde Tu 土 - Wasser Shui 水 - Feuer Huo 火.
Jeder der Phasen ist ein Organ zugeordnet, daraus hat sich die bisherige Übungsfolge ergeben: Lunge- Leber - Milz - Niere - Herz - Dreifacher Erwärmer (der Dreifache Erwärmer ist hier nicht wirklich Teil der Ordnung, der wird in allen mir bekannten Sequenzen immer hinten angehängt).
Die Reihenfolge des heutigen Videos folgt der Xiangsheng 相生 - Ordnung der Fünf Phasen. Xiangsheng heißt gegenseitige Erzeugung, die Reihenfolge der Phasen ist:
Holz Mu 木- Feuer Huo 火 - Erde Tu 土 - Metall Jin 金 - Wasser Shui 水.
Daraus ergibt sich die Reihe: Leber - Herz - Milz - Lunge - Niere - Dreifacher Erwärmer (wieder hinten angehängt).
Von der Reihenfolge der gegenseitigen Überwindung wird gesagt: das ist die Reihenfolge zur Behandlung und Heilung von Krankheiten (Zhi bing 治病) .
Von der Reihenfolge der gegenseitigen Erzeugung heißt es: das ist die Reihenfolge des Nährens der Vitalität (Yangsheng 养生).
Wir haben jetzt schon seit mehr als zwei Monaten mit der Überwindungsfolge geübt, allmählich können wir zur Erzeugungsfolge der Sechs Laute übergehen. Wer möchte, kann aber sehr wohl auch noch länger bei der alten Art des Übens bleiben.
Dieses Rezept stammt von den Hui, einer Minderheit, die im Nordwesten Chinas zuhause ist. Dort wird in einer aus dem 13. Jahrhundert stammenden Tradition Gästen oder älteren Verwandten dieses nährende und belebende Getränk serviert, das aus acht Zutaten (Kräutern, Früchten, Blüten und Zucker) besteht. In der Qing-Dynastie wurde dieser Tee in ganz China berühmt, als er der Kaiserinwitwe Ci Xi 慈禧太后 von ihren Ärzten verschrieben wurde, zur Erhaltung eines jugendlichen Körpers und eines klaren, ruhigen Geistes.
Es gibt viele Modifikationen dieses kaiserlichen Tees. Ich habe das Rezept speziell für unsere Pandemiezeit adaptiert. Der Tee ist in dieser Form für jedes Alter und jeden Gesundheitszustand geeignet.
Der Zutaten, in diesem speziellen Verhältnis kombiniert, tonisieren das Herz-Qi, beruhigen den Geist (shen 神), tonisieren und regulieren das Milz-Qi, stärken das Lungen-Qi, entfernen Wind-Hitze-Pathogene aus der Lunge, nähren das Yin-Qi der Nieren, nähren das Leber-Yin und das Blut, unterdrücken Feuer, das aus Hitzeerschöpfung und Stress resultiert, klären die Sinne, klären die Augen und entspannen.
Der Acht-Schätze-Tee ist keine medizinische Kräuterverschreibung. Es ist ein traditionelles Tee-Rezept zur Unterstützung der Yangsheng-Praxis (Yangsheng 养生 heißt wörtlich „ das Leben nähren“), ideal für alle diejenigen, die ihre Gesundheit durch Methoden wie Qigong, Selbstmassage, Atmen, gesunde Ernährung und einen moderaten Lebensstil verbessern und schützen möchten.
Zutaten:
2g sang ye 桑叶 (Mori Folium, Maulbeerblätter)
2g ju hua 菊花 (Chrysanthemi Flos, Chrysanthemenblüten)
2g gou qi zi 枸杞子 (Lycii Fructus, Goji-Beeren)
1 hong zao 红枣 (Jujubae Fructus, Chinesische rote Datteln)
½ g ren shen 人参 (Ginseng Radix, Ginsengwurzel)
2g mei gui hua 玫瑰花 (Rosae rugosae Flos, Rosenknospen)
½ g chen pi 陈皮 (Citrii reticulatae Pericarpium, getrocknete Mandarinenschale)
1-2g Kristallzucker oder Kandiszucker
Die angegebene Menge entspricht der täglichen Tagesdosis.
Zubereitung:
Ginseng, Datteln und getrocknete Mandarinenschalen etwa eine halbe Stunde lang in einer kleinen Schüssel mit ein wenig kaltem Wasser einweichen. Das Wasser dann wegschütten.
Alle acht Zutaten in eine Teekanne geben, mit kochendem Wasser (ca. ½
Liter) aufgießen und 10 Minuten ziehen lassen. Man kann die Zutaten in der Teekanne lassen und den Tee dann auch noch ein zweites Mal aufgießen.
Hinweis: Bio-Goji-Beeren, Rosenknospen und Maulbeerblätter bekommt man auch in Bio-Geschäften oder Teehandlungen (in Österreich z.B. Sonnentor, Haas & Haas Teehaus oder Denn’s). Am besten kauft man aber Goji-Beeren, Ginseng, rote Datteln, Maulbeerblätter, getrocknete Mandarinenschalen etc. in einer Apotheke, die TCM-Kräuter führt.
Mir wurde dieser Artikel aus der Wiener Zeitung von Ende April zugeschickt, ein Artikel, der mir entgangen war. Immerhin, ein positiver Bericht über die kombinierte Therapie von Covid-19 mittels westlicher und chinesischer Medizin. Die zwei Links im Bericht hänge ich unten auch noch extra an, wer sich diese zwei Artikel durchlesen oder überfliegen möchte, kriegt auch als Nicht-Spezialist einen besseren Eindruck, wie von Seiten der chinesischen Medizin bei Covid-19 vorgegangen wurde und wird.
Trotzdem hinterlässt der Artikel bei mir gemischte Gefühle. Der erste Teil, in dem die bessere Wirksamkeit der Covid-Therapie bei einer Verbindung von westliche und chinesischer Medizin beschrieben wird, ist gut, und es ist auch gut, dass da zwei weiterführende Links angeboten werden.
Der zweite Teil bezüglich der Forschung nach natürlichen antiviralen Wirkstoffen stellt inhaltlich einen Bruch dar und gehört eigentlich nicht in den Artikel hinein. Auch wenn es vielleicht nicht so intendiert ist, wird das weitverbreitete Missverständnis bezüglich der chinesischen Phytotherapie gefördert, dass es um die chemischen Inhaltsstoffe der Pflanzen gehe.
Chinesische Kräuterrezepturen können jedoch so nicht verstanden werden. Eine Kräuterrezeptur kann nur aufgrund einer TCM-Diagnose (also einer Qi-Diagnose) erstellt und nur in Qi-Begriffen verstanden werden. Eine Rezeptur wird nicht über die chemischen Inhaltsstoffe definiert, sondern es geht um die Qi-Aktion der Kräuter, also darum, welche Qi-Eigenschaften sie haben, was sie im Organismus bewirken, wie sich ihre Qi-Eigenschaften synergistisch mit denen anderer Kräuter verbinden, auf welchen Qi-Bahnen (Meridianen) das Qi der verwendeten Kräuter in den Körper eintritt etc. etc.
Eine Rezeptur besteht immer aus mehreren Kräutern, die hierarchisch angeordnet werden. Manche der Kräuter "regieren" die Rezeptur, manche dienen als "Bote", um also den Effekt an einen bestimmten Ort im Körper zu bringen, manche dienen der Modifikation des Haupteffekts, manche dienen der Harmonisierung der Rezeptur usw. Auch macht es bei gleicher chemischer Zusammensetzung einen Unterschied, welchen Teil der Pflanze man verwendet. Und noch vieles mehr...
Eine Kräuterrezeptur manipuliert das Qi, aufgrund des medizinischen Verständnisses, welche Regulierung bei einem Patienten nötig ist, um den Organismus wieder zu einem harmonischen Qi-Geschehen zurückzuführen. Das heißt auch, dass bei der gleichen Krankheit je nach Patient unterschiedlich behandelt werden muss, zum Haareraufen für diejenigen, die auf kontrollierten Doppelblindversuchen zum Wirksamkeitsnachweis einer bestimmten Therapie bestehen.
Die chinesische Kräutertherapie ist ungemein schwierig und komplex, und sie anzuwenden braucht ein tiefgehendes Verständnis der TCM, ausreichende Praxis und vor allem die Fähigkeit, zu diagnostizieren, also die korrekte TCM-Diagnose erstellen zu können. Ohne Diagnose ist keine Therapie möglich.
Darum meine Bemerkung, dass der zweite Teil eigentlich nicht in den Artikel hineingehört. Er stellt einen Bruch im Bericht dar, und zeigt leider die grundlegenden Missverständnisse auf, die bezüglich der TCM existieren. Für mich in vieler Hinsicht auch nachvollziehbar. Die Wissenschaft des Qi (und eine solche haben die Chinesen) stellt unser Wissenschaftsverständnis doch vor große Herausforderungen.
Heute kein Posting zu Qigong, sondern zur Auflockerung ein kurzes chinesisches Schattentheaterstück - Die Maus und die Katze - und dazu eine chinesische Kurzdokumentation über das Schattentheater eines Dorfes in der Nähe des Huashan. Der Huashan ist der westliche der Fünf Heiligen Berge Chinas, und liegt nicht weit entfernt von Xi'an, der alten Hauptstadt Chinas.
Die Doku ist auf Chinesisch, mit englischen Untertiteln, und man bekommt ein bisschen einen Eindruck von dieser uralten Tradition, die in der Moderne mit dem Überleben zu kämpfen hat.
Zu Beginn der Dokumentation sieht man kurz eine wild anmutende Musiktruppe. Das sind Bauern aus einem Dorf dieser Gegend. Ihre Musik (Huayin Laoqiang 华阴老腔) wurde früher nur hinter dem Schattenspielvorhang gespielt wurde, als Begleitung des Schattenspiels.
Erst in den letzten Jahren traten sie auch unabhängig vom Schattentheater auf, und sie erlangten internationale Bekanntheit, als die weltberühmte Pipa-Virtuosin Wu Man mit ihnen in Amerika und Australien auftrat (das auch, um ihnen auf diese Art in China mehr Wertschätzung zu verschaffen).
Hier vorerst einmal das harmlose kleine Spiel von Katze und Maus und die Doku über das Schattentheater aus Shaanxi:
In China gibt es eine wunderbare und äußerst reichhaltige Puppentheater-Tradition, die, was in der chinesischen Dokumentation nicht erwähnt wird, in einer engen Beziehung zum Daoismus steht. Das Theater ist ursprünglich nicht für die Unterhaltung der Menschen gedacht, sondern die Aufführungen dienen bei Tempelfesten der Unterhaltung der Götter.
Das Puppentheater hat wichtige sakrale Funktionen. Aufführungen werden zur Danksagung an die großen Mächte des Himmels und der Erde abgehalten, bei Begräbnissen, sie haben eine exorzistische Funktion, als übelwollende Dämonen und Geister durch die Puppen vertrieben werden und noch einiges mehr.
Wenn wir von Tempeln hören, dann denken wir oft an Klöster, oder an daoistische oder buddhistische Gemeinschaften, die dort zuhause sind. Das sind Tempel aber nicht. Tempel sind keine Klöster. Und nur sehr selten ist ein Tempel ein daoistischer oder buddhistischer Tempel (es gibt sie schon, aber eben nur selten). Tempel sind vielmehr heilige Orte, die Gottheiten (oft lokalen) geweiht sind. Und es gibt eine Unzahl an Tempeln. Vor der kommunistischen Revolution, trotz all der Attacken und Zerstörung, die sich gegen die traditionelle Kultur richtete (diese begannen nicht erst in der Volksrepublik, sondern schon viel früher, gegen Ende der Kaiserzeit) gab es in China eine Tempeldichte von einem Tempel pro ca. 400 Einwohnern. Und heute, im kommunistischen, säkularen China, nach all dem, was in den letzten 130 Jahren passiert ist, wird diese Zahl schon wieder fast erreicht.
Tempel werden üblicherweise von den Handwerkergilden betrieben oder von den lokalen Gemeinschaften (Dorf, Stadtviertel, Straße etc.) und dienen vielen Zwecken, geistigen, religiösen, kulturellen, praktischen. Einerseits wird die lokale Geschichte dort überliefert, die jungen Leute lernen diese dort kennen. In den Theateraufführungen bei den Festen wird die lokale Geschichte (die in vielen Aspekten auch heilige Geschichte ist) immer von neuem durchlebt. Tempel dienen rituellen Zwecken. Die Führer der Gemeinschaften laden Spezialisten ein, daoistische Priester oder buddhistische Mönche, oder beide, um zu bestimmten Anlässen Rituale abzuhalten, Opferrituale, Reinigungsrituale, Rituale für die verwaisten Seelen (das sind diejenigen, die eines vorzeitigen Todes gestorben sind), Beerdigungsrituale etc. In den Tempeln werden junge Leute als Medien ausgebildet, um als Mittler zu dienen zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Götter und Dämonen. Aber es geht auch um alltägliche Dinge. Die jährlich gewählten Tempelvorsteher beschließen, wer in der Gemeinschaft finanzielle Unterstützung braucht, oder sie planen gemeinschaftliche Projekte wie Straßen- oder Brückenbau. Ich schreibe hier frei von der Leber weg, es fehlt sicher noch einiges in dieser Aufzählung.
Auf jeden Fall ist das ein Aspekt des chinesischen Lebens, der bei uns nicht so bekannt ist. Ein sehr lebendiger Aspekt. Ich habe in Taiwan studiert, einem durch und durch modernen Land, dort sind diese Traditionen noch sehr lebendig. Wie in Hongkong, wie in Singapur. Man nimmt diese Dinge nur nicht so leicht wahr, weil wir, wenn es um religiöse oder geistige Inhalte geht, von dem ausgehen, was es bei uns gibt und vor allem, in welcher Form es sich bei uns präsentiert. In China schaut Religion oft sehr profan aus, darum wird sie oft nicht als das erkannt, was sie eigentlich ist, wie bei den Theateraufführungen oder den großen Prozessionen, bei denen es laut und hitzig zugeht, mit viel Lärm, Krawall und Spaß.
Zurück zum Theater. Es ist in erster Linie für die Götter da. Die Götter werden unterhalten, und es gibt eine Reihe von rituellen Funktionen der Schauspiele. Ein Puppenmeister aus Singapur meint, dass heutzutage zwar bei den Aufführungen oft nur wenig Publikum anwesend sei, was man aber nicht sehen könne, seien die Scharen der Götter, die zu den Aufführungen kämen. Dafür sei das Theater da, und für diese werde er die Tradition auch weiterführen, auch wenn das Interesse der gewöhnlichen Leute abnehme.
Was ich hier geschrieben habe, sind eigentlich nur ein paar zerstreute Bemerkungen an einem regnerischen Sonntag. Zur besseren Schilderung, was das Puppenthater in der chinesischen Kultur bedeutet, möchte ich hier einen kurzen Ausschnitt aus Kristofer Schippers „Corps Taoiste“ übersetzen:
Daoistische Meister geben manchmal Vorstellungen als Puppenspieler. Die von ihnen aufgeführten Marionetten-Stücke werden von manchen als das älteste Theater Chinas angesehen. Die Bande zwischen Religion und Drama sind vielfältig. Wir haben gesehen, wie diese auf die Bühne gebrachte heilige Geschichte einen Teil der religiösen Festivitäten darstellt. Tatsächlich waren vor nur 100 Jahren professionelle Theatertruppen in China eine Seltenheit; üblicherweise waren die Zeit und der Ort, Vorstellungen zu sehen, bei Festen, auf Freiluftbühnen die vor den Tempeln aufgebaut wurden. Auch heute, dort in China, wo die Religion offen praktiziert wird, gibt es kein richtiges Fest ohne Theater.
Das Theater hat eine liturgische Funktion, wobei die Vorstellungen in zwei Teile geteilt werden, von denen der erste rein rituell ist. Die „Parade der Götter“ oder „Glückverheißendes Spiel“ genannt, besteht dieser aus einer Anzahl kurzer, aufeinanderfolgender, kleiner Stücke: Der Himmlische Hof; das Bankett der Götter (mit dem Affenkönig, der die Pfirsiche der Königinmutter des Westens stiehlt); die Tochter des Himmelskaisers und der fromme Dong Yong; das göttliche Paar als Eltern des Gottes der Musik; und schließlich der Göttliche Amtsträger, der kommt, um der Gemeinschaft seine Glückwünsche zu übermitteln.
Erst nach diesen Vorspiel beginnt die Aufführung der historischen Stücke, die für den Anlass ausgesucht wurden. Diese Stücke stellen zwar kein Ritual dar, aber immer gibt es eine Verbindung zur Religion. So ist z. B. der Schauspieler, der den Herrn Guan im Epos der Drei Reiche darstellt, bestimmten diätetischen und sexuellen Einschränkungen unterworfen. Und so wie es sich ziemt für einen Repräsentanten der Göttlichen Verwaltung, spricht diese Figur ausschließlich im offiziellen Mandarin, selbst dann, wenn das Stück selbst im Dialekt oder in einer Regionalsprache aufgeführt wird.
Die religiöse Rolle ist beim von den Meistern aufgeführten Marionettentheater sogar noch mehr ausgeprägt als beim gewöhnlichen Theater mit menschlichen Schauspielern. Puppen werden selten nur für die Show geholt; ihre Macht ist eine solche, dass sie als unschätzbare Hilfe im Kampf gegen böse Einflüsse angesehen werden. Man ruft eine Theatertruppe, um im Falle von Katastrophen wie Bränden, Überschwemmungen, Dürren oder Epidemien diese Einflüsse zu exorzieren. Truppen kommen auch, um neu gebaute Häuser und Tempel zu reinigen oder um wichtige Opfergaben, entweder für die Gottheiten oder für die verwaisten Seelen, zu heiligen. Das ist möglich, weil die Puppen die Götter nicht nur darstellen: sie sind die Götter.
In der Regel besteht ein Marionettenensembe aus 36 Körpern und 72 Köpfen. Zusammen ergibt das 108, die Zahl, die mit der Gesamtheit der Konstellationen korrespondiert. DIe Puppen stellen deshalb die Essenz des Universums dar. Bevor ein Stück beginnt, werden die Puppen auf dieselbe Weise geweiht wie die Götterstatuen und Ahnentafeln. Sie werden dadurch mit der spirituellen Kraft der Götter durchtränkt, die sie repräsentieren. So furchteinflößend ist ihre Macht, dass niemand zuzuschauen wagt, wenn sie die Dämonen mit Gesängen und Tänzen verscheuchen oder unsichtbare Teufel mit Miniaturwaffen attackieren. Das Orchester spielt, der Meisterpuppenspieler rezitiert heilige Formeln, die Puppen bewegen sich, aber der Platz vor der Bühne bleibt leer und die gewöhnlichen Leute bleiben zuhause, hinter geschlossenen Türen, aus Angst, dass die Dämonen in ihrem Zuhause Zuflucht nehmen könnten, oder sogar in ihren Körpern.
Die Bühne - Bretter und Leinwand - ist ein heiliger Bereich. Rückwärts gibt es einen Altar für den Verehrung der Puppen, die von den Clowns, den mächtigsten unter ihnen, repräsentiert werden. In den vier Ecken der Bühne rufen talismanische Symbole, in heiligen Schriftzeichen auf gelbe Papierbänder geschrieben, die Schutzgottheiten an, dass sie kommen und die Bühne umgeben mögen. Ein fünftes Symbol, vom Meisterpuppenspieler getragen, korrespondiert mit dem Zentrum des heiligen Bereiches. Hier auf der Bühne, im Herzen des Mikrokosmos, steht er und bildet die Hauptachse. Er ist der Vermittler zwischen den Sphären der Götter und der Menschen, der unsichtbare Meister, der die Puppen (vor allem die Clowns) die exorzistischen Gesten ausführen lässt, Gesten, die zu anderen Anlässen von ihm selbst oder von den von ihm geleiteten Medien ausgeführt würden.
All dies ist verknüpft: die Struktur, die die Beziehung zwischen Puppenmeister und Puppe beherrscht - zwischen dem einen, der im Schatten der die Fäden zieht und dem anderen, der die Mitte der Bühne einnimmt und während der Dauer der Show die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht - ist dieselbe Struktur, die sich in der Beziehung zwischen Meister und Medium findet, zwischen Menschen und Göttern. Die Götter sind die Puppen. Die Statuen in den Tempelnischen haben oft bewegliche Glieder, gleich den in Prozessionen auftretenden Figuren wie „Weiße Unbeständigkeit“ und „Schwarze Unbeständigkeit“. Sie sind vollkommen ausgestattet, mit Unterwäsche, Schuhen, Röcken und Hüten, Fächern und Szeptern. Sie können umherbewegt und an ihren Geburtstagen an Tische gesetzt werden, um richtige Festmähler zu erhalten. In diesem Spiel spielen die Menschen mit den Göttern, und der Tempel wird zu einem großen Puppenhaus.
Dies ist ein einfaches Rezept, für die Zeit, wenn das kühlere Frühlingswetter in die wärmeren Sommertage übergeht. Durch den Klimawandel ist es zu dieser Zeit bei uns oft zu trocken, oder das Wetter ändert sich häufig und wechselt zwischen ungewöhnlich kühl und ungewöhnlich heiß.
Das Qi des Körpers, insbesondere das Qi der Verdauung, kann in Übergangszeiten oder in Zeiten wechselhaften Wetters leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Durch den Klimawandel verstärkt sich dieser Effekt, als TCM-Ärztin kann ich dies seit Jahren beobachten.
Sowohl der Klimawandel als auch die Covid-19-Pandemie sind klassische Beispiele für ein Umfeld, das die TCM als „extrem“ und „unbeständig“ charakterisiert, und bei dem der Mensch sein Qi täglich regulieren und ausgleichen muss, um seine Gesundheit zu erhalten.
Diese medizinische Suppe befeuchtet und schützt das Yin. Besonders schützt sie die Lunge, befeuchtet Augen, Nase und Rachen, befreit den Körper von leichter Hitze, beruhigt und öffnet den Magen, und erzeugt einen gesunden Appetit. Von den Qi-Eigenschaften her gesehen ist die Suppe von neutraler Temperatur und von leicht süßlichem Geschmack.
Zutaten:
12g Kudzu (Ge gen 葛根 - puerariae radix)
2 Maiskolben, in 3-4 cm Scheiben geschnitten (tiefgefrorener Mais kann als Ersatz verwendet werden, siehe Bemerkung weiter unten)
9g Citri reticulatae Pericarpium - Chen Pi 陈皮 (getrocknete Mandarinenschale), 20 Minuten in kaltem Wasser eingeweicht
80g getrocknete rote Adzuki-Bohnen, über Nacht in kaltem Wasser eingeweicht
80g getrocknete grüne Mung-Bohnen, über Nacht in kaltem Wasser eingeweicht
2 Liter kaltes Wasser
Zubereitung:
Bohnen und Chen Pi abtropfen lassen und und zusammen mit den restlichen Zutaten und dem kalten Wasser in einen großen Topf geben.
Bei starker Flamme zum Kochen bringen, dann abdecken und auf kleine Flamme reduzieren. Etwa 2 Stunden (oder länger) köcheln lassen, langsam, bis die Bohnen vollständig weich und zerfallen sind und die Flüssigkeit so weit reduziert ist, dass die Suppe eine cremige Textur hat.
Die Suppe wird in China so gegessen, dass man die Maiskolbenstücke herausnimmt und die Maiskörner vom Kolben isst, während man die Suppe trinkt.
Die Suppe wird ohne Salz zubereitet und kann auch so gegessenwerden. Oder man salzt sie etwas, wenn sie fertig ist. Keine anderen Gewürze dazugeben!
Die Suppe schmeckt etwas süß, sodass sie sich auch als Nachspeise eignet. In diesem Fall kann man etwas Zucker hinzufügen.
Erklärung der Zutaten:
Kudzu wird in der japanischen Küche verwendet. In Asiengeschäften oder auch Bioläden ist Kudzu üblicherweise leicht erhältlich. Links ist ein Foto von Kudzu der Bio-Marke „Arche“, es gibt auch andere Marken. Kudzu ist nicht billig, aber es ist eben Medizin und man braucht nicht viel. Der chinesische Name ist Ge gen 葛根 und es ist ein wichtiges Kraut der Materia Medica. Es tritt in die Meridiane von Milz und Magen ein und „hebt das klare Yang-Qi“, damit kann es die in den Muskelschichten des oberen Rückens, der Schultern und des Nackens eingeschlossene Wärme lindern. Es unterstützt das Qi des Magens und erzeugt Körperflüssigkeiten, da es von Hitze befreit und den Durst lindert.
Beim Mais ist es am besten, die ganzen Kolben zu verwenden. Yin- und Yang-Aspekt des Qi werden so ausgewogener genährt, da gleichzeitig das Qi der Verdauung reguliert und genährt und die Lunge befeuchtet werden. Man kann als Ersatz auch tiefgefrorenen Mais nehmen, der ist immer noch eine gute Zutat, die das Yin tonisiert und die Qi-Wirkung des gesamten Rezepts unterstützt.
Chen Pi 陈皮, citri reticulatae pericarpium, sollte man von einer seriösen TCM-Apotheke kaufen, um sicherzustellen, dass es nicht verunreinigt ist und korrekt hergestellt wurde. Chen Pi ist eines der am häufigsten verwendeten Arzneimittel der chinesischen Materia Medica und wird häufig in Kräutergetränken und Suppen verwendet. Es gelangt in die Meridiane von Lunge, Milz und Magen, stärkt das Milz-Qi, fördert und reguliert den Fluss von Qi, trocknet Feuchtigkeit und transformiert Schleim.
Die rote Adzuki-Bohne ist eine unglaublich nahrhafte Zutat und ebenfalls Teil der chinesischen Materia Medica. Sie gelangt in die Meridiane von Herzen und Dünndarm und befreit von feuchten Ödemen und feuchten Hitzetoxinen. Sie fördert das Magen-Qi und lindert den Durst.
Die grüne Mung-Bohne besitzt in der Materia Medica eine ähnliche Wirkung wie die Adzuki-Bohne, da sie Sommerhitze klärt und Reizbarkeit und Durst lindert. Sie tritt in die Meridiane von Herz und Magen ein und wird häufig in Kräutertees, Suppen und Reis-Porridge verwendet. Traditionell wurden getrocknete Mungbohnen auch als Kissenfüllung verwendet, gut für Augen und Ohren und um durch „Wind“ hervorgerufene Kopfschmerzen zu behandeln.