Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie

Wednesday, May 19, 2021

Das innere Wetter - über das Qi-Klima der inneren Landschaft des Körpers

Innerer Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit - nei feng 内風, han 寒, Wärme 熱, shi 濕 - all dies sind Fachbegriffe der Traditionellen Chinesischen Medizin. In der TCM dreht sich alles um Qi, seine Eigenschaften und Funktionen. Wenn von innerem Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit die Rede ist, dann handelt es sich auch um Qi, und zwar um bestimmte Qualitäten oder Zustände des Qi, die im Körper erzeugt werden können, ohne dass man dem entsprechenden Wetter im Freien ausgesetzt gewesen wäre.

Im gesunden Organismus reguliert das Qi auf natürliche Weise das „innere Wetter“, das Körperklima. Funktioniert die Regulation, dann bleibt das Qi gemäßigt - es wird nicht zu heiß, nicht zu kalt, nicht zu feucht, nicht zu trocken, nicht zu klebrig, nicht zu nass - und es fließt frei und reibungslos - nicht zu turbulent, nicht zu ruckartig, nicht zu langsam - durch alle Yin- und Yang-Bereiche des Körpers.

Doch zu bestimmten Zeiten, durch manche Umstände, durch persönliche Angewohnheiten und durch den Zustand der eigenen Gesundheit können sich negative Einflüsse auf gewisse Aspekte des inneren Klimas oder Wetters ergeben, die den Qi-Fluss behindern und die Funktionen des Körpers stören. Bevor schon sich solche Störungen der Qi-Prozesse zu einem tatsächlichen Ungleichgewicht entwickeln, ist es möglich, diese inneren klimatischen Bedingungen in den verschiedenen Körperbereichen wahrzunehmen. Jeder, der regelmäßig Qigong praktiziert, kennt diese Wahrnehmungen, auch wenn er zum entsprechenden Zeitpunkt vielleicht nicht versteht, was es ist, das er fühlt. Es ist z.B. möglich, Kälte und Nässe an den Fußsohlen zu fühlen, während man an einem heißen Sommertag Qigong praktiziert, oder man spürt während des Qigongübens einen kühlen Wind im Rücken, oder hat kalte, frierende Hände, selbst dann, wenn man sich bei geschlossenen Fenstern in einem beheizten Raum befindet.

Dies ist es, worüber ich hier schreibe - Körperempfindungen, die dem Wetter gleichen und Hinweise auf das innere Klima geben und darauf, wie das Qi funktioniert, während es zu Ausgleich und Balance strebt. Diese sollten nicht verwechselt werden mit den ganz konkreten Empfindungen, die man hat, wenn man wetterempfindlich ist und sich bei schlechtem Wetter draußen aufhält (und man sich sorgt, dass Kälte, Feuchtigkeit oder Hitze von außen mit dem Wind in den Körper getrieben werden könnten - eine simplifizierte TCM-Erklärung dafür, wie man krank werden kann, wenn man dem Wetter ausgesetzt ist).

Beide Arten von Körperempfindungen (das „innere“ und das äußere Wetter) können manchmal unangenehm sein, aber erst durch ein Verständnis der natürlichen Transformationen des gesunden Qi kann man zwischen dem inneren Qi-Klima und den von außen stammenden Witterungseinflüssen zu unterscheiden lernen.

Der Körper ist ein großer funktionaler Zusammenhang des Qi, dieser kann metaphorisch als eine Landschaft betrachtet werden, die sich laufend verändert, je nach Tageszeit, Monat, Jahr, über den Verlauf des ganzen Leben. Das innere Klima des Qi bewegt und verändert sich mit der Landschaft, und es wandelt sich auch entsprechend dem Gleichgewicht der gesunden Qi-Prozesse. Die Struktur des Körpers und die inneren Organe sind die wichtigsten Aspekte der Landschaft, von der hier die Rede ist. Im Klima dieser Landschaft drücken sich all die Qi-Prozesse des lebendigen Organismus aus, deren ständige Anpassung und Modulation eben diese innere Landschaft erhalten.

Normalerweise sind wir im Alltag nicht so gut auf das innere Klima eingestimmt. Man fühlt sich im Allgemeinen wohl, oder wenn nicht, reagiert man automatisch und versucht etwas zu tun, was zu mehr Wohlbefinden führt. Ist einem kalt, zieht man sich einen Pullover über, fühlt man sich unbeweglich und steif, bewegt man sich oder verändert die Position, wird einem schwindlig, legt man sich hin, ist man gereizt, oder überhitzt und verschwitzt, fühlt man sich nach einer kühlen Dusche sicher besser.

Aber warum spürt man diese Empfindungen von Kälte, Schwindel, Hitze etc. überhaupt, wenn man relativ gesund ist, nicht dem Wetter ausgesetzt war und sich eigentlich zuhause wohl fühlen könnte?

Oft liegt es an dem, was man tut - wenn man zu lange sitzt, steht oder sich konzentriert, kann sich in verschiedenen Bereichen des Körpers Kälte manifestieren, wechselt man die Position nicht oft genug oder schläft nicht genug oder zu lange, kann sich Feuchtigkeit ansammeln, die Gelenke schmerzen dann oder fühlen sich steif an, da das Qi nicht stark genug fließt, um die Feuchtigkeit zu bewegen.

Schaut man zu lange auf digitale Bildschirme oder überlastet sich geistig, während man an einem Projekt arbeitet, kann dies das Yin-Qi überhitzen. Da das Shen-Qi 神氣 des bewussten Denkens - der Yang-Aspekt unserer Existenz -, im Yin-Qi verankert ist, wird es dann mangels Verankerung (und auch, weil die Augen „das Fenster des Shen Qi“ sind) wie ein turbulenter Wind aufsteigen und zu Schwindel führen. Überhitzt man Geist und Körper, indem man das Yang-Qi durch übermäßige geistige Arbeit und Konzentration in die Höhe treibt, und vergisst dann auch noch, genügend Wasser zu trinken, wird das heiße Yang-Qi nicht nur aufsteigen, sondern der durch es erzeugte innere Wind wird das Qi austrocknen und es brüchiger machen. Emotional verursacht dies dann mangelnde Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Reizbarkeit, körperlich kann es zu übermäßigem Schwitzen führen.

Dies sind nur einige wenige Beispiele für mögliche Qi-Reaktionen, verbunden mit dem inneren Klima, die jeder fühlen und normalerweise regulieren kann.

Darüber hinaus kann es während des Übens von Qigong und auch kurz nachher, sehr deutliche Empfindungen geben, die mit dem inneren Klima des sich entwickelnden gesunden Qi zusammenhängen. Durch alle Phasen des Qigong-Übens, vom anfänglichen Entspannen und Ruhigwerden, dem „Eintritt in den Qigong-Zustand“ bis zum Abschluss, wenn die Übung beendet wird und man in den „Normalzustand“ zurückkehrt, kann man das Wirken des Qi (die Transformationen des Qi) wahrnehmen, auf eine Art und Weise, wie man normalerweise nicht fühlt. Diese Empfindungen sind ein normales Phänomen der Qigong-Praxis, unterscheiden sich aber von den Empfindungen, die ich oben beschrieben habe.

Wenn man sich die Zeit nimmt, still zu werden, in den Qigong-Zustand eintritt (rujing 入静) und sich auf den Atem konzentriert, wird sich das Qi in der tiefen Entspannung von Körper und Geist wie eine sanfte, weiche, warme Brise bewegen, ungehindert, von innen nach außen, zum Kopf, zu den oberen Extremitäten, zum Rumpf, zu den unteren Extremitäten, durch alle Schichten von Gewebe, Muskeln, Knochen, Gefäßen und Organen. Diese warme Brise fühlt sich sehr angenehm an. Das innere Qi und der Atem verbinden sich dann und transportieren gesunde Feuchtigkeit, was zu weiterer körperlicher Entspannung führt und diese Prozesse weiter fördert. Fährt man mit dem Üben fort, egal, ob es sich dabei um eine stille oder eine bewegte Übung handelt, wird die warme, klärende Brise das gesunde Qi auf eine besondere und nachhaltige Weise verändern und erfrischen - ein Effekt, der nur durch das Üben von Qigong möglich ist. Dies ist übrigens einer der Gründe, warum Qigong in China traditionellerweise wichtiger als jede Art von Medizin angesehen wurde und wird, wenn es um den Schutz und die Wiederherstellung von Gesundheit geht.

Das Qi, das sich wie eine warme Brise durch den Körper bewegt, wird kühles, kaltes, auch feuchtes und nasses Qi an die Oberfläche und zu den Extremitäten bringen. Dies kann sehr rasch geschehen und sich sich wie kühle, über die Wirbelsäule laufende Wassertropfen anfühlen, die die Finger und Zehen kalt oder die Fußsohlen nass werden lassen etc.

Übt man Qigong regelmäßig über einen längeren Zeitraum, wird es zu weiteren Klärungen und Öffnungen kommen, dann, wenn das verfeinerte Qi die feinsten Durchgänge - alle Hohlräume und Körperbereiche - durchdringen kann. Hitze, Kälte und Feuchtigkeit - durch geistige Überbelastung, Überarbeiten, zu langes Sitzen etc. verursacht - werden vom Kopf in die Hände und Füße und durch die Haut nach außen geleitet. Dies kann zu vorübergehendem Juckreiz führen, zu feuchten Händen und Füßen, und zu Schwitzen in den Achselhöhlen, den Ellbogen und Kniekehlen. Sobald diese Reaktionen einsetzen, fühlt man sich leichter und kühler in Kopf und Körper, die Augen werden klarer, die Reizbarkeit vermindert sich und positive Gefühle der Freude können zusammen mit dem geklärten Qi entstehen. Das tägliche Üben ermöglicht einem, sich freier und freudiger zu fühlen, selbst in belastenden Zeiten wie diesen, in denen jeder unter starkem Druck steht.

Innere Landschaft, inneres Klima, inneres Wetter, dies sind klassische chinesische metaphorische Beschreibungen der inneren Qi-Umgebung, die verwendet werden, um die Wirklichkeit von Körper und Gesundheit als Qi zu verstehen. Durch das Üben von Qigong ist es möglich, diese Wirklichkeit sinnlich zu erfahren. Durch die Kunst des Qigong lernt man, die Qualitäten des Qi (eben dieses innere Klima) im eigenen Körper (in der inneren lebendigen Landschaft) zu fühlen und zu unterscheiden. Durch die Kunst der traditionellen chinesischen Medizin lernt man, die Qualitäten des Qi im Körper eines anderen zu fühlen und zu unterscheiden.

Und all die vielen Wege, auf denen man mehr von diesen Künsten lernt, zusammen mit den verschiedenen Modellen und Bezugssystemen, die man zum Verständnis braucht (den Theorien von TCM und Qigong), helfen einem, etwas über sich selbst und die Wirklichkeit zu lernen, die die Chinesen das Wahre Qi (Zhen Qi 真氣) nennen.

Monday, May 17, 2021

Eine Qigong-Übungsstunde

Es ist schon einige Zeit her, dass ich eine ganze Qigongstunde zum Mitüben gepostet habe. Heute ist es wieder einmal soweit.

Das heutige Video hat drei Abschnitte: 

  • Regulation des Qi mittels Öffnen, Schließen, Heben und Senken, entsprechend der Grundbewegungen des Qi im Körper: sheng 升 , jiang 降, chu 出, ru 入 - Bewegung nach oben, nach unten, nach außen und nach innen.
  • Daoyin des Qi mittels der ersten vier Weichen und entspannten Übungen.
  • Übungen der Heilenden Laute entsprechend der Jahreszeit: die Übung für das Qi der Leber (shaoyang 少阳 - junges Yang) mit dem Laut xu 嘘 (sprich: hsü) und die Übung für das Qi des Herzens (laoyang 老阳 - altes Yang) mit dem Laut he 哈 (sprich he-a).


Friday, May 14, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Vierte Übung

Hier ist die vierte der „Weichen und Entspannten Übungen".

Die Arme werden auf Schulterhöhe gehoben, dann dreht man den Körper zur Seite, bringt die Hände vor die Brust und drückt nach vorne. 

Einige Male nach links und rechts wiederholen. Beim Drehen werden die Arme entspannt gehalten, Schultern, Ellbogen, Handgelenke und Finger bleiben locker, beim Drücken entsteht etwas Spannung in den Armen. Die Kraft kommt von unten, sie entspringt bei den Füßen und wird von den Hüften nach oben übertragen.  

Diese Übung vermehrt die Kraft des inneren Qi, darüber hinaus wird der Daimai 带脉  - das Gürtelgefäß, i.e. der um die Hüften verlaufende Sondermeridian - aktiviert und reguliert, wodurch sich auch die Bewegung des Qi nach oben und unten verbessert. 

Wednesday, May 12, 2021

Jiangzaocha 姜枣茶 - Tee aus Ingwer und roten Datteln

Letztes Jahr haben wir einige traditionelle chinesische Rezepte gepostet, die der Harmonie des Qi in der heißen Jahreszeit helfen: Mungbohnensuppe, Suppe mit Kudzu und Mais und Chrysanthemen-Goji-Beeren-Tee.

Hier nun ein weiteres Rezept: Jiangzaocha 姜枣茶 - Tee aus Ingwer und roten Datteln

Wie ich schon im Posting zur Zeitperiode „guyu 穀雨 - Getreideregen" angesprochen habe, ist es in den Übergangszeiten des Jahres wichtig, dafür zu sorgen, dass sich das eigene Qi den wechselnden Bedingungen anpasst und seine Harmonie bewahrt. 

Es ist normal, dass sich im Winter und im Frühling kaltes (oder auch feuchtes) Qi im Körper ansammelt, jemand, der schon länger Qigong praktiziert, kann dies auch wahrnehmen. Wenn das Wetter heißer wird, öffnet sich der Körper, doch hat das Yang-Qi nach der kalten Jahreszeit oft nicht die nötige Kraft, um das angesammelte feuchte und kalte Qi loszuwerden.

Im „Inneren Klassikers des Gelben Kaisers“ heißt es :„Im Frühling und Sommer muss das Yang genährt werden“. Darum dieser Tee aus Ingwer und roten Datteln, er wirkt der Erschöpfung des Yang-Qi entgegen und unterstützt dessen Ausbreitung und Verteilung im Körper. Durch das gestärkte Yang kann kaltes und feuchtes Qi beseitigt werden, und der Organismus wird gut auf den Sommer vorbereitet. Man kommt besser durch die heißen Monate und fühlt sich im Juli und August viel wohler. Das heiße Wetter ist auch eine Belastung für das Qi von Milz und Magen, dem wirkt der Tee entgegen, indem er Milz und Magen tonisiert.

Der Tee schafft Raum für die Prozesse, durch die Kälte und Feuchtigkeit zerstreut und ausgeleitet werden, wärmt die Mitte, korrigiert das Qi, stellt das Yang wieder her, trocknet Feuchtigkeit, schützt den Magen, fördert die Verdauung, nährt das Blut und stärkt das Herz.


Rezept:

6 Chinesische rote Datteln (hongzao 红枣 Jujubae Fructus)
6g Goji-Beeren (gouqizi 枸杞子 Lycii Fructus)
6 Scheiben Ingwer, ungeschält
1/2 l Wasser

Zubereitung:

Die Datteln vor dem Kochen entkernen und zerkleinern, damit die Inhaltsstoffe besser herausgekocht werden können. Alle Zutaten einen Topf mit kaltem Wasser geben und zum Kochen bringen. Zehn bis fünfzehn Minuten köcheln lassen. 

Man kann auch eine größere Menge zubereiten und im Kühlschrank aufbewahren. Vor dem Trinken aufwärmen.

Bei chinesischen Kräuterrezepturen werden die Kräuter nicht gegessen. Das gilt auch hier, Datteln, Goji-Beeren und Ingwer auf keinen Fall essen!

Täglich können ein bis zwei Tassen getrunken werden, aber nur in der ersten Tageshälfte! Den Tee nachmittags und abends nicht trinken.

Jetzt in der Übergangszeit zum Sommer* ist der Tee für jeden geeignet. Diejenigen, denen sogar im Sommer leicht kalt ist, können den Tee auch bis zu Herbstbeginn trinken.

Ingwer bekommt man überall. Goji-Beeren und rote Datteln kauft man am besten in einer Apotheke, die TCM-Kräuter führt. Rote Datteln können nicht mit anderen Datteln ersetzt werden.


*Von lixia 立夏 - Sommerbeginn - bis zu rufu 入伏, dem ersten Tag der chinesischen Hundstage, d.h. von Anfang Mai bis ca. Mitte Juli.

Monday, May 10, 2021

Die Harmonie der sechs Richtungen - ein Übungsvideo

Ein weiteres Video aus dem Augarten, mit einer Übungssequenz von Prof. Cong, in der das Qi in alle Richtungen - hinauf und hinunter, nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten - bewegt und dadurch geordnet und reguliert wird.

Die sechs Raumrichtungen werden auf Chinesisch liuhe 六合 genannt, sie bedeuten den durch Himmel, Erde und die vier Himmelsrichtungen umfassten Raum (oder überhaupt das ganze Universum) und dessen innere Verbindungen, Beziehungen, Einflüsse und Wirkungen.

Das chinesische Wort für Universum verweist ebenfalls auf den durch sechs Richtungen bestimmten Raum, verwoben mit den Aspekten von Wandel und Zeit. Universum heißt auf Chinesisch yuzhou 宇宙. Im Shizi 尸子 (4. Jh. v. Chr.) wird yuzhou folgendermaßen definiert: yu 宇 bedeutet oben, unten und die vier Himmelsrichtungen, zhou 宙 bedeutet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Universum ist im chinesischen Verständnis eine in beständiger Entfaltung begriffene raum-zeitliche Manifestation des einen schöpferischen ursprünglichen Qi, es existiert in ihm nichts, das nicht lebendig wäre. Nicht nur ist alles lebendig, es steht auch alles in Beziehung. Ganying 感应 “Wirken und Antwort”, lautet der chinesische Ausdruck dafür (das sind die oben erwähnten Verbindungen, Beziehungen, Einflüsse und Wirkungen).

Qigong zu üben heißt sich in diesem lebendigen, schöpferischen Universum zu erleben, wobei einem die Orientierung an den Richtungen des Raums ermöglicht, sich in der Mitte zu verorten. In der lebendigen Mitte vermag man den schöpferischen Grund der Wirklichkeit zu erahnen (und vielleicht auch zu berühren), dessen Teil und Manifestation man als Mensch ist. Der schöpferische Urgrund, von so manchen chinesischen Künstlern beeindruckend und direkt dargestellt und vermittelt, stellt auch den Grund der eigenen Lebendigkeit dar.

Der konfuzianische Philosoph Zhang Zai 张载 (1020-1077) drückt dies in seiner berühmten West-Inschrift" so aus: „Qian 乾 - das Schöpferische, der Himmel - ist mein Vater, Kun 坤 - das Empfangende, die Erde - ist meine Mutter. Ich, dieses winzige Wesen, trage sie vermischt in mir und finde mich in ihrer Mitte. Das, was alles zwischen Himmel und Erde ausfüllt, ist mein Körper, das, was Himmel und Erde lenkt, meine innere Natur. Alle Menschen entstammen demselben Schoß wie ich, alle Wesen sind meine Gefährten…“

Der Philosoph Cheng Hao 程颢 (1032-1085), der in seiner Lehre diesen Gedanken der Einheit aller Wesen und Dinge folgte, meinte: „Der Schüler muss zuerst verstehen, was mit Menschlichkeit (ren 仁) gemeint ist. Derjenige, der menschlich ist, ist ohne Unterscheidung eins mit allen Wesen. … Im Dao gibt es nichts, das im Widerspruch dazu stehen würde, selbst das Wort „groß“ genügt nicht, dies zum Ausdruck zu bringen. Das Wirken von Himmel und Erde ist unser Wirken. Meister Meng (Mengzi 孟子) sagt, dass alle Dinge vollständig in uns sind. Darüber müssen wir nachsinnen, und wir müssen realisieren, dass dem wirklich so ist, wodurch sich eine Quelle immenser Freude auftut. Sinnen wir darüber nach und realisieren es nicht, dann gibt es zwei Dinge (Selbst und Nicht-Selbst), die im Gegensatz zueinander stehen. Selbst im Versuch der Vereinigung von Selbst und Nicht-Selbst bilden wir noch keine Einheit, wie könnte sich dann Freude einstellen? Die West-Inschrift hingegen ist der perfekte Ausdruck der Einheit. Wenn wir uns mittels dieser Idee kultivieren, dann gibt es weiter nichts zu tun. Wir müssen zwar etwas tun, und niemals innehalten und vergessen, aber dürfen auch nicht dem Wachstum helfen. Tun ohne die geringste Bemühung, das ist der Weg geistiger Kultivierung.“

Dies sind ursprünglich natürlich keine Texte zum Qigong, und doch gilt all dies auch für das Tun im Qigong: Es gibt eine innere Einheit der Dinge, die der eigenen Existenz zugrunde liegt. Diese gilt es zu entdecken, sich dieser zu erinnern und aus dieser zu handeln, doch immer vollkommen natürlich, ohne künstliches Streben und ohne Bemühung.

Die innere Instanz, auf die sich diese Texte beziehen, wird auf Chinesisch yuanshen 元神 genannt, „Ursprünglicher Geist“. In der nüchternen zeitgenössischen chinesischen Qigong-Sicht der Dinge wird der Ursprüngliche Geist als die Fähigkeit des Organismus zu Selbstorganisation und tief gehender Regulation verstanden, sozusagen die tiefste und innerste Instanz, durch die der Organismus immer wieder in sein Gleichgewicht und zu seiner Gesundheit findet. Dies ist sicher ein wichtiger Aspekt, besagt er doch, dass auch dann, wenn man Qigong zu rein gesundheitlichen Zwecken übt, es das Wesentlichste und Wichtigste ist, zu lassen, zu entspannen, zu reduzieren und diese (körperlich-geistige) innere Instanz nicht zu behindern, aus deren Wirken sich die Gesundheit immer wieder zu regenerieren vermag.

Man könnte dies auch die innere Instanz der Selbstheilung nennen, eine Funktion, die erst in Stille und vollkommener Natürlichkeit vollständig zu wirken beginnen kann. „Störe nicht mit deinem Normalbewusstsein den Ursprünglichen Geist!“, so drückte dies Prof Cong aus. Das innere Führen, Lenken und Leiten des Qi, die mit dem Qigong-Üben verbundenen Absichten, die Vorstellungen, die das Üben überfrachten und so vieles mehr, all dies kommt aus oberflächlichen Schichten des Bewusstseins, sozusagen aus einem falschen Zentrum, und hat nichts mit der inneren Mitte und dem Wirken des Ursprünglichen Geistes zu tun. Darum ist man im Qigong immer gut beraten, um es mit Laozi 老子 zu sagen, „täglich zu vermindern. Vermindern und weiter zu vermindern, bis man beim Nicht-Tun anlangt. Durch Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.“

Doch das Wirken des yuanshen 元神, des „Ursprünglichen Geistes“ geht über die körperliche Gesundheit, hinaus. So geht es in den obigen kurzen Textausschnitten nicht um die Regulation des Qi und die Gesundheit, sondern um das Verhältnis des Menschen zur Welt und um das Verständnis des Sinns und des eigenen Wesens. 

Dieses kann sich manchmal in einem die ganze Persönlichkeit umkrempelnden Erlebnis manifestieren. Lu Jiuyuan (1139-1193), einer der Begründer der neokonfuzianischen „Schule des Geistes“, las eines Tages in einem alten Buch (wohl dem oben erwähnten Shizi 尸子) und stieß auf die oben zitierte Passage mit der Erklärung des Begriffs Universum, yuzhou 宇宙: „Die vier Richtungen des Raums zusammen mit dem, was oben ist und unten, heißen yu 宇, was Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, heißt zhou 宙.“ Indem er dies las, erlebte Lu eine augenblickliche Erleuchtung und rief: „Das ist die Unendlichkeit. Mensch, Himmel und Erde und alle Wesen finden sich in dieser Unendlichkeit. Alle Angelegenheiten des Universums fallen in den Bereich meiner Pflicht, meine Pflicht schließt alle Angelegenheiten des Universums ein.“ Und bei einem anderen Anlass bemerkte er: „Das Universum ist mein Geist, mein Geist ist das Universum.“

Dies sind nur ein paar Gedanken zu einer simplen Qigong-Übung, um deren Rahmen einmal etwas weiter zu fassen. Die Übungen des heutigen Videos werden damit nicht komplizierter.


Friday, May 7, 2021

Einfache Massage zur Erhaltung der Gesundheit - Alle vier Übungen

Wir befinden uns seit schon über einem Jahr in einer Ausnahmesituation. Die Lage bei uns in Europa bessert sich zwar, doch ist ist sie immer noch angespannter als im Mai des letzten Jahres, und die Pandemie ist bei weitem noch nicht vorbei.

Der Untertitel des Studios der Weißen Wolken gilt immer noch: „Temporärer Blog mit Informationen zu Chinesischer Medizin und Qigong für die Zeit der Coronavirus-Pandemie“. So sind die vielen Inhalte zu verstehen, die diversen Übungen, angefangen bei den „Heilenden Lauten“ bis zu den derzeitigen „Weichen und Entspannten Übungen“, die Diätratschläge, die verschiedenen Massagen usw.

In China konnte die Pandemie durch die Kombination von westlicher mit traditioneller chinesischer Medizin rasch und effektiv beendet werden, im April letzten Jahres, nach einer Phase des strengen Lockdowns von 40 Tagen, war sie mehr oder minder vorbei. Auch die wenigen lokalen Ausbrüche danach waren durch die Kombination von raschen Lockdowns und kombinierter westlich-chinesischer Therapie rasch unter Kontrolle. Und beim bisher größten Wiederausbruch im Jänner in der Provinz Hebei kam dann aufgrund ihrer hohen Effektivität ausschließlich nur mehr die TCM zum Einsatz.

Was können wir daraus lernen? Ich bin kein Arzt, es wäre nicht seriös, würde ich die konkreten Kräuterrezepturen, die in China verwendet wurden und im Bedarfsfall immer noch eingesetzt werden, hier auflisten. Diese können und dürfen nur unter Aufsicht eines TCM-Arztes eingenommen werden. TCMconnect, die Initiative österreichischer TCM-Ärzte zur Covid-Prävention, Begleitung und Nachsorge ist die entsprechende Adresse hierfür. Hier ist noch einmal der Link zu TCMconnect.

Doch gibt es auch chinesische Corona-Behandlungsprotokolle jenseits der Kräutermedizin, auch diese haben für uns eine Relevanz und sind vielfach sehr praktikabel. Darum konzentriere ich mich hier auf dem Blog vor allem auf diese Qigong-, Diät- und Massage-Methoden.

Die „Selbstmassagen zur Erhaltung der Gesundheit“, zu denen ich schon ein paar Videos und Postings hier auf dem Blog gemacht habe, gehören z.B. zu den einfachen adjuvanten Corona-Behandlungsmethoden chinesischer Spitäler.

Auf Chinesisch heißt die Methode die „Massage der Acht Schwachstellen“ (ba xu 八虚). Xu 虚 heißt wörtlich leer, hier übersetzt man das Wort am besten als „erschöpft“,  „geschwächt" oder „schwach“. Im Numinose Achse" (Lingshu 灵枢) genannten Teil des Inneren Klassikers des Gelben Kaisers (Huangdi Neijing 黄帝内经) - im Kapitel „Pathogene Eindringlinge“ (Xieke 邪客) - findet sich die von mir schon in Teilen zitierte relevante Passage bezüglich der „Massage der Acht Schwachstellen“. 

Der Gelbe Kaiser fragt darin den Arzt Qi Bo: „Die Menschen haben acht Schwachstellen, was kann durch sie diagnostiziert werden?“ Qi Bo erwidert: „Krankheiten der inneren Organe“. Auf weiteres Nachfragen des Gelben Kaiser erkärt Qi Bo: „Pathogenes Qi, das Lunge und Herz angegriffen hat, sammelt sich in den Ellenbeugen, pathogenes Qi, das die Leber angegriffen hat, sammelt sich in den Achselhöhlen, pathogenes Qi, das die Milz angegriffen hat, sammelt sich in den Hüften, und pathogenes Qi, das die Niere angegriffen hat, sammelt sich in den Kniebeugen.

Die Acht Schwachstellen sind Angelpunkte, an denen die Gelenke gestreckt und gebeugt werden, es sind wichtige Orte, die vom Zhenqi (真气) durchflossen und von den Blutgefäßen durchzogen werden. Pathogenes Qi und Blut dürfen sich dort nicht verfangen oder stagnieren, sonst werden Meridiane, Sehnen und Gelenke verletzt. Die Bewegungsfähigkeit der Gelenke leidet in Folge und es kann zu Krämpfen kommen.“

Soweit das Lingshu. Im weiteren zitiere ich Dr. Xie Zhanqing 谢占清 vom Zweiten Krankenhaus für Integrative Westliche und Traditionelle Chinesische Medizin der Stadt Baoding in der Provinz Hebei:

„Die Massage der Acht Schwachstellen ist sehr vielseitig, einfache Erkältungen bis hin zu schweren Krankheiten können damit behandelt werden. Darüber hinaus ist sie auch eine sehr effektive Methode zur generellen Unterstützung der Gesundheit.

Xie zhi suo cou, qi qi bi xu 邪之所凑,其气必虚. Dies ist ein Leitsatz der TCM: „Wo sich pathogenes Qi sammelt, ist das (körpereigene) Qi notwendigerweise geschwächt."

Erschöpfung und Schwäche (xu 虚) sind wie das schwache Glied einer Kette. Bei einer Krankheit kommen meist innere und äußere Ursachen zusammen. Der Mangel an Zhengqi (正气 aufrechtes, gesundes Qi) ist die innere Ursache der Krankheit, das eingedrungene pathogene Qi (xieqi 邪气) stellt wiederum eine wichtige Bedingung dafür dar, dass sich eine Krankheit überhaupt manifestiert.

Das Coronavirus ist als heißes (manchmal auch kaltes) und feuchtes toxisches Qi qualifiziert. Um einer Coronainfektion vorzubeugen bzw. um diese zu behandeln, müssen die Verbreitung des pathogenen Qi kontrolliert und das gesunde, aufrechte Qi des Körpers verbessert werden.

Es ist das Yang des menschlichen Organismus, das die Hitze-, Kälte- und Feuchtigkeits-Pathogene des Coronavirus bekämpft, deshalb ist die Stärkung des Yang eine Schlüsselmaßnahme zur Corona-Vorbeugung, Behandlung und Rehabilitation.

Im „Yixiao Michuan" (医效秘传 „Geheime Überlieferung medizinischer Wirkungen") heißt es: „Bewegung erzeugt Yang, Ruhe erzeugt Yin". Darum ist die Klopfmassage der Acht Schwachstellen eine geeignete, bewegte (Yang), regulative Behandlung von durch das Coronavirus ausgelösten Lungenentzündungen.

Durch die Ellenbeuge verlaufen der Herz-, der Herzbeutel- und der Lungenmeridian. Ist der Fluss dieser drei Meridiane blockiert, entstehen unmerkliche Schädigungen an Herz und Lunge, was zu Erkrankungen dieser beiden Organe führt. Zerstreut man das stagnierende pathogene Qi (des Herzens und der Lunge) durch Klopfen der Ellenbeugen, dann kann sich das gesunde Qi erholen und das pathogene Qi findet keinen Ort mehr, sich festzusetzen.

Ein Prinzip der traditionellen chinesischen Medizin besagt: San fen zhi, qi fen yang 三分治,七分养 „Drei Teile Behandlung und sieben Teile Pflege“. Basierend auf diesem Prinzip wurde diese Massage zur unterstützenden Behandlung von Corona-Patienten ausgewählt.

Geklopft wird mit der leicht gewölbten Handfläche. Durch die Massage werden eine Reihe komplexer biochemischer Prozesse angeregt, durch die Giftstoffe aus den tiefen Körperschichten an die Oberfläche geholt und ausgeleitet werden. Dies verbessert die Immunantwort des Körpers und stabilisiert die Gesundheit.

Meine Patienten werden instruiert, gleich morgens nach dem Aufstehen die Acht Schwachstellen zu beklopfen, jede Stelle zumindest 30 Mal, und dies nach Möglichkeit während des Tages zu wiederholen. Sie lernen damit, selbständig pathogenes Qi auszuleiten und das gesunde Qi zu stärken. Mit der Zeit erzielen viele von ihnen gesundheitliche Wirkungen, die ihre Erwartungen und Vorstellungen bei weitem übertreffen."
 
Hier ist das schon angekündigte Video mit allen vier Selbstmassagen zur Erhaltung der Gesundheit.


Wednesday, May 5, 2021

Qigong im Grünen - Die ersten drei Weichen und Entspannten Übungen

Heute ist Lixia 立夏 - Sommerbeginn", einer der 24 Jieqi 节气, der 24 Stationen der Sonne im Jahreslauf (die Sonne steht heute genau am Nordost-Punkt der Ekliptik).

Der Morgen war schön genug, darum wurde das Studio der Weißen Wolken nach draußen verlegt, unter einen blauen Himmel ins Grün des Wiener Augartens, für ein Übungsvideo mit den ersten drei der Weichen und Entspannten Übungen.

Das Foto, das ich auch als Thumbnail für das Video verwendet habe, entstand anlässlich eines Besuchs bei Prof. Xia Shuangquan 夏双全, Kerrys Lehrer für Medizinisches und Klinisches Qigong. Es zeigt einen Teil des Kräutergartens der TCM-Universität Guangzhou.

 

Monday, May 3, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Dritte Übung

Hier ist die dritte der „Weichen und Entspannten Übungen".

Ein vorgestellter Ball aus Qi wird zwischen den Händen gehalten, zuerst nach links und rechts bewegt, und dann mit einer Hand gehoben, während die andere Hand nach unten drückt.

Durch diese Übung werden die Qi-Funktionen der inneren Organe, insbesondere das Qi von Niere, Milz und Magen, unterstützt und reguliert.

Das Ende des Videos ist etwas abrupt. Es gab kleinere Probleme, das plötzliche Ende war so nicht beabsichtigt. :)


Saturday, May 1, 2021

Einfache Selbstmassage zur Erhaltung der Gesundheit - Teil 4

Der vierte Teil der einfachen Selbstmassage zur Erhaltung der Gesundheit. Im Lingshu 靈書 heißt es  Befindet sich xieqi 邪氣 (pathogenes Qi) in den Nieren, so stagniert es in den Kniekehlen.“

Die Massage der Kniekehlen bringt nicht nur das stagnierende Qi in Bewegung, man stärkt auch das Qi der Nieren und kann Schmerzen im unteren Rücken behandeln. 

Man massiert ein paar Minuten lang. Man verwendet wieder die Handflächen beider Hände, um mittels leichten Klopfens oder Schlagens zu massieren. Die Wärme in den Handflächen hilft, die Meridiane durchgängig zu machen. Nicht zu stark klopfen oder schlagen, um die Haut nicht zu verletzen. 

In der Kniekehle befindet sich ein wichtiger Akupukturpunkt weizhong 委中 (der 40. Punkt des Blasenmeridians, in der Mitte der Kniekehle), der mittels der Massage stimuliert wird. Ein Merksatz von Qigong und TCM sagt: Bei Schmerzen im Rücken, suche weizhong." Sowohl akuter als auch chronische Rückenschmerzen können über diesen Punkt behandelt werden.

Bei all den vier Massagen gibt es auch einen zusätzlichen Effekt. Durch Verwenden der Handflächen werden die vielen Akupunkturpunkte der Hand sowie die sechs Handmeridiane (Lunge-, Herzbeutel-, Herz-, Dickdarm-, Dreifacher Erwärmer- und Dünndarm-Meridian) aktiviert, indirekt durch die Vernetzung der Bahnen und den Kreislauf des Qi durch den ganzen Körper auch die sechs Fußmeridiane (Milz-, Leber-, Nieren-, Magen, Gallenblasen- und Blasen-Meridian. Diese Massage wirkt somit lokal und auch als Behandlung für den gesamten Körper.

Wie bei den anderen Massagen braucht es nicht viel Aufwand, man massiert ein paar Minuten lang. Die Anfangsintensität der Massage sollte eher gering sein, mit der Zeit kann sie die etwas erhöht werden. Der Effekt stellt sich nicht sofort ein, bei regelmäßiger Massage wird er jedoch immer mehr spürbar. 


Wednesday, April 28, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Zweite Übung

Hier ist nun das Video mit der zweiten der „Weichen und Entspannten Übungen".

Die Übung orientiert sich an den vier Grundrichtungen der Qi-Bewegung (hinauf und hinab, hinein und hinaus). 

Durch das Öffnen, Heben, Schließen und Senken wird der notwendige innere Raum für die Qi-Prozesse geschaffen, sodass Qi und Blut, Atem und Geist (qixue 氣血, shenqi 神氣) ungehindert durch alle Aspekte des Seins fließen können. 

Das Qi wird bewegt, die Qi-Bahnen werden durchgängig, das klare Yang (qing yang 清陽) steigt, das trübe Yin (zhuo yin 濁陰) wird gesenkt. Das hieraus resultierende geordnete Funktionieren des Qi stellt die Basis der Gesundheit dar.

Tuesday, April 27, 2021

Jiang Luobo 酱萝卜 - Eingelegter Rettich

Über die Wichtigkeit von Congee oder Zhou als diätetisches Gericht haben wir schon geschrieben, und auch zwei Rezepte gepostet (hier und hier). 

Hier ist eine traditionelle Beilage dazu: Jiang luobo 酱萝卜 - Eingelegter Rettich.

Rettich ist ein wichtiges diätetisches Nahrungsmittel. Er unterstützt die Funktion der Lungen, wirkt befeuchtend (shengjin 生津), weitet die Mitte und stärkt die Funktion der Milz, wirkt Stagnationen im Verdauungstrakt entgegen, transformiert Schleim, und leitet innere Hitze aus. Wirkungen auf das Qi, die jeder von uns brauchen kann.


   Zutaten:

   250g weißer Rettich
   1 Teelöffel Salz
   1 Esslöffel Sojasauce
   ½ Teelöffel Zucker
   ½ Teelöffel Sesamöl
   Schwarzer Sesam
   Koriander (wer den nicht mag, kann Petersilie nehmen)


Zubereitung:

Den Rettich der Länge nach halbieren. Dann quer in sehr dünne halbmondförmige Stücke schneiden. In eine Schüssel geben und das Salz leicht einmassieren. 15 Minuten rasten lassen, dann unter kaltem Wasser abspülen und abtropfen.

Sojasauce und Zucker zum Rettich mischen. Zugedeckt zwei Tage im Kühlschrank lagern.

Vor dem Servieren den Rettich abseihen, d.h. die Marinade abtropfen lassen, die braucht es nicht mehr. Das Sesamöl untermischen, fertig.

Wenn man möchte, bestreut man den Rettich mit etwas schwarzem Sesam und gehacktem Koriander (oder Petersilie).

Monday, April 26, 2021

In Memoriam Kristofer Schipper

Der heutige Beitrag ist für diejenigen, die sich für den Daoismus interessieren. Ansonsten kann man ihn gerne auslassen.

Vor zwei Monaten ist der Sinologe Kristofer Schipper gestorben, einer der herausragendsten und berufensten Kenner des Daoismus, dessen Werk kann gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Es gibt wenige Menschen, die ich so sehr  bewundere, darum möchte ich heute einen Blogeintrag über ihn verfassen. 

Kristofer Schipper hatte in Paris bei den französischen Sinologen Rolf Stein und Max Kaltenmark studiert, letzterer einer aus einer Reihe französischer Gelehrter - Édouard Chavannes, Marcel Granet, Henri Maspero - die sich der Erforschung des Daoismus gewidmet hatten. Anfang der 60er-Jahre ging Professor Schipper nach Taiwan, um an der Academia Sinica zu studieren. Der Daoismus wird seit Jahrhunderten von den chinesischen Intellektuellen verachtet, so nimmt es nicht wunder, dass ihm an der Academia Sinica mitgeteilt wurde, dass der Daoismus nicht mehr existiere und der letzte Daoist gerade gestorben sei. Doch hatte Kristofer Schipper das Glück, in Tainan, im Süden Taiwans, der lebendigen Tradition zu begegnen und vor Augen geführt zu bekommen, dass die Überlieferungslinie tatsächlich ungebrochen war. Diese Begegnung änderte alles, was den Daoismus, seine Rezeption und sein Verständnis im Westen betraf. Damals, trotz über 100 Jahren Forschung, wusste man kaum etwas über den Daoismus - das gilt in vieler Hinsicht auch noch für unsere heutige Zeit. Um den Daoismus studieren zu können, traf Kristofer Schipper damals die Entscheidung, das Gewand des ausschließlich universitären Forschers abzustreifen und begann eine jahrelange Ausbildung beim daoistischen Meister Chen Rongsheng 陳榮盛, bis er schließlich zum Priester der Schule des Weges der orthodoxen Einheit (Zhengyidao 正一道) geweiht wurde.

Nach Europe zurückgekehrt, lehrte er in Paris an der École Française d'Extrême-Orient und der École Pratique des Hautes Études sowie an der Universität Leiden, war Leiter des Instituts des Hautes Études Chinoises am Collège de France, und unterrichtete auch an der Fuzhou University und am Zhangzhou College. Nach seiner Pensionierung zog er zusammen mit seiner Frau Yuan Bingling nach Fuzhou in China, wo er an der dortigen Universität die Library of the Western Belvedere (Xiguan cangshulou 西观藏书楼) gründete.

Seine Bücher „Le Corps Taoïste" und „La Religion de la Chine: La Tradition Vivante" sind bahnbrechende Werke, die leider nie auf Deutsch übersetzt wurden. Niemand vor ihm hatte es vermocht, den Daoismus und die chinesische Religion in dieser Klarheit, Tiefe und auch Empathie zu schildern. Sein ambitioniertestes Projekt, das Jahrzehnte in Anspruch nahm, war die Herausgabe eines historischen Begleiters (Historical Companion) zum Daoistischen Kanon, einer bis ins 5. Jh. zurückgehenden Sammlung von 1500 daoistischen Werken. In seiner heutigen Version wurde der Daoistische Kanon auf kaiserliche Anordnung in der Ming-Dynastie im 15. Jh. kompiliert. Der Umfang dieses Schrifttums ist ungeheuer. Den von Kristofer Schipper zusammen mit Franciscus Verellen verfassten Historical Companion habe ich zuhause, allein dieser umfasst über 1600 Seiten.

Es gibt auf Youtube einige sehenswerte Videos, in denen Kristofer Schipper über China, den Daoismus und auch seinen persönlichen Werdegang spricht. Die Videos sind auf Englisch, leider ohne deutsche Untertitel. Hier sind die Links: 










Hier ist ein Link zu einer Reihe von Nachrufen auf der Webseite der Society for the Study of Chinese Religions, verfasst von Schülern von Kristofer Schipper, selbst alle hervorragende Gelehrte des Daoismus:



Hier der Nachruf auf Kristofer Schipper in der New York Times: 



In China wurden an vielen Orten daoistische Begräbnis- und Übergangsritale abgehalten, das Fastenritual des Gelben Registers im Heling-Tempel auf dem Huotong-Berg in Fujian, weitere Rituale auf dem Longhu-Berg, Sitz der Himmelsmeister, im Xuanmiao-Tempel in Suzhou, im Tempel des Stadtgottes in Shanghai und im Dongyue-Tempel in Peking.

Dazu hier der Link zu diesen Ritualen auf einer daoistischen Webseite: Daoism.orgDie Seite befindet sich in China und ist natürlich in chinesischer Sprache, aber jedes Foto ist ein weiterer Link, der angeklickt werden kann, sodass man neben den Berichten auf Chinesisch einige Fotos von den vielen Ritualen sehen kann, die für Kristofer Schipper abgehalten wurden.

Der Sinologe John Lagerwey hat eine Aussage über den Daoismus getroffen, die auch von Kristofer Schipper stammen könnte (und vielleicht wirklich von ihm stammt, da sie ganz seinem Denken entspricht): „Der Daoismus ist die wirkliche Religion des chinesischen Volkes und lehrt uns, was es heißt, Mensch zu sein, oder besser, Mensch zu werden." 

Dazu meint Norman Girardot, Professor für Religion an der Lehigh University: „Eine der unausgesprochenen Lehren des Laozi, des Edlen Lao, und des ganzen Korpus daoistischer Offenbarung und Rituals, betrifft im Grunde und ganz einfach den Weg, wie man die ganz normale und gewöhnliche Menschlichkeit inmitten des alltäglichen Lebens wiedererlangen kann. Es ist diese wortlose Lehre, von der Kristofer Schipper so überzeugend spricht."

Kristofer Schipper selbst zitiert in seinem „Le Corps Taoïste" Zhuangzi, der sich fortwährend auf die Dimension des Alltagslebens bezieht und die Ergebnisse der vielen Wege des Daoismus so zusammenfasst: „Wer kann sich mit anderen zusammentun, ohne sich mit anderen zusammenzutun? Wer kann etwas mit anderen tun, ohne etwas mit anderen zu tun?“ Um der Welt in ihrem täglichen Verlauf folgen zu können, teilt uns Zhuangzi mit: „Um ein vollkommener Mensch zu werden, muss man sich mit anderen zusammentun, um von der Erde genährt zu werden, und man muss sich unter andere mischen, um sich am Himmel zu erfreuen.“

Und am Ende des Buches schreibt Kristofer Schipper:

„Große Perfektion ist wie Mangel“, sagt das Daodejing. Die Meisterung der Zeit, die demjenigen gehört, der sein Schicksals zu formen versteht, erlaubt ihm, im Inneren den Fluss und den Antrieb der Ewigkeit zu finden. Der Durchgang durch den Bruch im System, so einfach und natürlich, folgt keiner Formel, keiner Doktrin, keinem Rezept, und verlangt nicht mehr, als mit den Zeiten mitzuleben, ganz, verschlossen, versiegelt, vollständig wie ein Klumpen Erde, sich anderen zugesellend, um unsere irdische Nahrung und himmlischen Freuden zu suchen.

Bei den Festen, die abgehalten werden, um diese Freude zu feiern, versammeln sich die Kinder beim örtlichen Tempel, um die alten Balladen zu singen. Sie singen die Lieder der vier Jahreszeiten, vom Säen und Ernten, und von den Stunden des Tages und der Nacht. Das Repertoire beinhaltet immer auch ein Stück über die zehn Monde der Schwangerschaft. Es besingt die Verwandlungen des Embryo und die Nahrung, die die schwangere Mutter zu sich nimmt. Inmitten dieses Festes, das das Vergehen der Zeit bedeutet, erinnert dieses Lied an die andere Zeit, die vollständige, regressive Zeit der Mutter und ihres Kindes, in welcher das Leben der Welt transformiert und erneuert wird.

Dies ist es, was Zhuangzi inspiriert haben muss, den Daoismus als Religion ohne Doktrin zu beschreiben, ohne Dogma oder Institutionen, deren Überlieferung nicht der Weltgeschichte eingeschrieben ist. Für ihn gehört die Geschichte des Daoismus zur anderen Zeit und – nicht überraschend - richtet sie sich nach den Phasen der Verwandlungen der Eins, nach den neun Transformationen des Embryo in der Gebärmutter, den aufeinander folgenden Stadien des Zyklus, der vom Unsichtbaren zum Sichtbaren geht, welchen er natürlich in umgekehrter Folge beschreibt.

Es ist Nü Yu 女偊, die Bucklige, die im Buch Zhuangzi diese Geschichte der Verwandlung schildert. Gefragt, wann sie vom Dao erfahren habe, erwidert sie:

„Ich hörte es von Nachkommen der Kalligraphie,
der es vom Kind von Wiederholte-Rezitation gehört hatte,
der wiederum erfuhr es Vision-von-Licht.
Vision-von-Licht hatte es von Geflüsterte-Anleitung,
der hatte es wiederum von Harte-Lehre.
Harte-Lehre hatte es von Beliebtes-Lied,
Beliebtes-Lied von Dunkelheit,
Dunkelheit von Dreifache-Leere,
der es gehört hatte von
Vielleicht-ein-Anfang?“

(Zitate alle aus Kristofer Schipper „Le Corps Taoïste". Die Übersetzungen stammen von mir.)

Friday, April 23, 2021

Die Weichen und Entspannten Übungen - Erste Übung

Heute beginnen wir mit den „Weichen und Entspannten Übungen", einer Übungsfolge, die ich ebenfalls durch Prof. Lin Zhongpeng kennengelernt habe. Es handelt sich dabei um ein Set von acht traditionellen Daoyin 導引-Übungen, das - wie auch die „Leichten und Unbeschwerten Übungen" - sehr einfach, leicht zu erlernen und zu praktizieren ist und sehr gut mit den bisher auf dem Blog behandelten Übungen kombiniert werden kann.

Wie jedes gute Qigong führen diese Übungen in immer tiefere Zustände der Ruhe und Entspannung, öffnen die Qi-Bahnen, helfen der Zirkulation von Qi und Blut, stärken die Funktionen der inneren Organe und fördern Ordnung und harmonisches Funktionieren des Qi. Sie sind geeignet sowohl für Anfänger als auch für im Qigong weit Fortgeschrittene.

Prof. Lin meint zu diesen Übungen:

„Daoyin-Übungen war immer Teil der Praktiken chinesischer Gesundheitskultivierung. Sie wurden sowohl zur Krankheitsvorbeugung als auch zur Therapie verwendet, noch vor der Entwicklung von Akupunktur, Moxibustion und Kräutertherapie.

Schriftliche Aufzeichnungen zu Daoyin gehen zurück bis zu Zhuangzi 莊子 (4. Jh. v. Chr.), dem Lüshi Chunqiu 吕氏春秋 (Die Annalen des Lü Buwei - 3. Jh. v. Chr.), dem Huangdi Neijing 黄帝内經 (Der Innere Klassiker des Gelben Kaisers - 2. Jh. v. Chr.) und zu in den letzten Jahrzehnten bei Ausgrabungen entdeckten Dokumenten wie dem Yinshu 引書 (Das Buch des Streckens - ca. 200 v. Chr.) und der Daoyintu 導引圖 (Karte des Daoyin - 2. Jh. v. Chr.).

Die Methoden des Daoyin wurden über mehr als zwei Jahrtausende tradiert, und immer wieder erneuert und weiterentwickelt. Im 20. Jahrhundert erlangten sie unter dem Namen Qigong schließlich außerordentliche Popularität. Das profunde und umfassende theoretische System des Daoyin erforscht die Interaktion von Körper (jing 精 - Essenz, die materielle Basis des Lebens) und Geist (shen 神) sowie die Fähigkeit der Selbstorganisation des Organismus, und sucht nach Wegen, Harmonie und interne Koordination im komplexesten System dieser Erde - dem Menschen - zu erzeugen."

Hier zeige ich die erste Bewegung, zusammen mit der achten Bewegung, die den Abschluss der Folge bildet.


Wednesday, April 21, 2021

Einfache Taiji-Übungen zur Förderung der Gesundheit - Ruhiges Sitzen - Korrektur

Ein kurzer Nachtrag: Ich hatte nicht bemerkt, dass es beim Hochladen auf Youtube Probleme gegeben hatte und das Video mit dem Ruhigen Sitzen, der letzten der Einfachen Taiji-Übungen, nicht abgespielt werden konnte. 

Gestern habe ich es nochmals auf Youtube gestellt, hier ist der Link:

Das ursprüngliche Blogbeitrag war dieser hier:

Einfache Taiji-Übungen zur Förderung der Gesundheit - Ruhiges Sitzen

Tuesday, April 20, 2021

Guyu 穀雨 - Getreideregen

Ein paar Nachbemerkungen zum gestrigen Posting. Ich habe im gestrigen Video erwähnt, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für Pai Qi 排氣 - das Klären des Qi" sei.

Ich habe damit auf den heutigen Tag angespielt, der im chinesischen Kalender den Namen Guyu 穀雨 - Getreideregen" trägt. Es handelt sich um einen der 24 Jieqi 節氣, der 24 solaren Begriffe oder Qi-Knoten des Jahres. Ein jeder von ihnen ist durch eine bestimmte Qualität des Qi (des Klimas, des Wetters, der Atmosphäre) charakterisiert. 

„Guyu - Getreideregen" markiert das Ende des Frühlings (der nächste Qi-Knoten in ca. zwei Wochen ist dann schon Lixia 立夏 - Beginn des Sommers"). Das Wetter ist zu dieser Zeit zwar noch wechselhaft, doch das Yang-Qi wächst und steigt, das Yin-Qi wird weniger und weniger, die Kälte nimmt ab, Wärme und Feuchtigkeit nehmen zu. 

Es ist in dieser Zeit wichtig, dafür zu sorgen, dass das eigene Qi nicht von den atmosphärischen Einflüssen (Feuchtigkeit, Wärme, Kälte) verletzt wird. Zu dieser Jahreszeit fällt oft Regen, ist das eigene gesunde Qi nicht stark genug, dann kann das feuchte Qi der Jahreszeit in den Körper eindringen und Schmerzen in Schulter, Nacken und Gelenken verursachen. 

Die Feuchtigkeit kann aber auch anderweitig zu Problemen führen. Isst man in dieser Zeit zu viel und bewegt sich zu wenig, fällt es dem Körper schwer, das feuchte Qi zu transformieren, was die Verdauung beeinträchtigen wird. 

Die Aktivität des Leber- und Nieren-Qi sind zu dieser Zeit schwächer, das Herz-Qi ist hingegen aktiver. Darum ist es wichtig, Dinge zu tun, die einen freuen, Spaziergänge im Grünen, Musik hören, im Freien Qigong und Taiji praktizieren, alles, was die Brust weitet und die Stimmung hebt. Indem man die Psyche positiven Einflüssen aussetzt und weniger an Ärger, Sorgen und Ängste denkt, werden das Qi der Leber und das der Nieren unterstützt (und man kann vermeiden, dass das Qi der Leber blockiert und entgleist).

In China ist es die Zeit der ersten Tee-Ernte. Zu den positiven Wirkungen von Tee auf die Gesundheit brauche ich hier nicht viel zu sagen, die sind ja bekannt. Vielleicht dies: Tee kann helfen, das kalte Qi, das sich während des Winter im Körper gesammelt hat, auszuleiten und die Entfaltung des Yang-Qi im Körper zu fördern. Da Tee geistig erfrischt, wirkt er auch der Frühlingsmüdigkeit entgegen. 

Getreideregen" ist die Zeit des Übergangs von Frühling zu Sommer. Im Jahr sind alle Übergangszeiten kalendarisch der Milz zugeordnet, konkret die 15 Tage vor und nach dem jeweiligen Zeitpunkt. Das Qi von Milz und Magen ist zu dieser Zeit stark, es ist also ein guter Zeitpunkt, um das Qi durch bestimmte Nahrungsmittel zu kräftigen. Isst man zu dieser Zeit recht und achtet auf den Einklang mit dem Qi der Jahreszeit, dann fällt (dem Organismus, dem eigenen Qi) der Übergang in den Sommer leicht. 

Diverse Getreide sind sehr zu empfehlen, Hafer, Hirse, Gerste, auch verschiedenste Bohnen, schwarzer Sesam usw. Das Qi der Leber freut sich über grüne Blattgemüse wie z.B. Spinat. Der zunehmenden  Feuchtigkeit kann man durch Lebensmittel wie Gerste, weißer Rettich, Radieschen, Mungbohnen, Adzukibohnen, Hiobstränen, Mandarinenschale, Lotuswurzel, Sojasprossen usw. entgegenwirken.

Wir haben letztes Jahr einiges dazu geschrieben und auch Rezepte gepostet. All dies gilt immer noch, auf dem Blog können diese Beiträge unter diesen beiden Links gefunden werden:

Yangsheng-Rezepte 1 & Yangsheng-Rezepte 2 

Monday, April 19, 2021

Pai Qi und die Übung vom Ursprünglichen Licht

Kerry hat in ihrem Beitrag letzte Woche die „Pai Qi “ 排气 - Klären des Qi“ genannten Methoden des Qi-Austausches zwischen Mensch und Natur angesprochen, wichtige Übungen, durch die das Yingqi (营气 - das tiefe innere nährende Yin) mit dem Weiqi (卫气 - das schützende äußerste Yang) verbunden und die allgemeine Wirkung des Qigong konsolidiert und verstärkt wird.

Im heutigen Video nehme ich den Pai-Qi-Faden wieder auf.

In der Gesundheit geht es um die Beziehung zwischen Zheng und Xie, zwischen dem aufrechten, gesunden, natürlich fließenden und funktionierenden Qi (Zhengqi 正气) und den Qi-Aspekten, die die Ordnung des gesunden Qi beeinträchtigen und Krankheiten verursachen (Xieqi 邪气).

Zhengqi cun nei, xie bu ke gan 正气存内,邪不可干 „Die Kraft eines starken Zhengqi im Inneren lässt Xieqi nicht eindringen." Dies ist eines der Grundprinzipien sowohl der Chinesischen Medizin als auch des Qigong: das Zhengqi zu stärken und die Beziehung des Körpers mit der Natur zu regulieren, um mit der daraus resultierenden stabilen Gesundheit krankmachenden Einflüssen besser widerstehen zu können.

Die Passage aus dem Inneren Klassiker des Gelben Kaisers, aus der dieser Satz ursprünglich stammt, hat einen aktuellen Bezug, es geht darin nämlich um epidemisches Geschehen. Der Gelbe Kaiser fragt den Arzt Qi Bo, was zu tun sei, wenn während Epidemien Alt und Jung gleicherart erkranken und nicht gerettet werden können, worauf Qi Bo antwortet, dass man mit einem starken Zhengqi nicht erkranke, darüberhinaus gelte es, das giftige Qi (Duqi 毒气) zu vermeiden, welches durch die Nase in den Körper eindringe. Es brauche ein kräftiges Zhengqi, um solch toxisches Qi am Eindringen hindern zu können.

So einfach dies klingt, so klar ist die Aussage und so klar auch die Anleitung, was zu tun sei: Das Zhengqi gehört gestärkt. Wie dies zu geschehen hat, dafür besitzt die Chinesische Medizin sowohl die Theorien als auch die Verfahren, auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte.

Auch im Qigong weiß man, wie vorzugehen ist. Es braucht das Ruhigwerden (Rujing 入静 - Eintreten in die Stille), um die regulativen Prozesse des Körpers zu stimulieren, es braucht die feine Qigong-Atmung, um das innere Qi anzutreiben, und es braucht spezielle Bewegungsabläufe, um die Meridiane besser durchgängig zu machen, das Qi in bestimmte Bereich zu führen, stagnierendes Qi wieder in Fluss zu bringen und Einschlüsse von Xieqi aus dem Körper auszuleiten.

Letzteres heißt Pai Qi - Qi klären, austreiben, ausstoßen. Dies erfolgt meist mittels bestimmter Massagen, Bewegungs- oder Atemtechniken. Im Video zeige ich, dass es auch durch geistige Intention geschehen kann. Ich wollte dafür keine extra Übung verwenden, darum greife ich wieder auf die Yuanminggong-Übungen zurück. An der Übung selbst ändert sich nichts, es kommt nur für einen kurzen Moment der geistige Impuls hinzu, das Xieqi nach unten und aus dem Körper hinaus zu bewegen.

Äußerst wichtig: nicht zu viel konzentrieren. Aufmerksamkeit, Intention, Vorstellung, Konzentration - all das darf nicht zu stark werden. Dan 淡 ist der chinesische Ausdruck, mit dem die rechte Qualität der Aufmerksamkeit, Intention und Vorstellung während des Qigong-Übens beschrieben wird: dan bedeutet mild, leicht, fade, indifferent...


Saturday, April 17, 2021

Die Übungen der Kommunikation mit Himmel und Erde - ein weiteres Übungsvideo

Die Übungen der Kommunikation mit Himmel und Erde sind einfach, leicht zu erlernen und können ohne viel Zeitaufwand geübt werden. In den bisherigen Videos ging es um die Bewegungen, dies ist jedoch nur der erste in einer Hierarchie von vier wichtigen Aspekten und Stufen des Übens.

Im heutigen Video zeige ich, wie die Vorstellung mit der Bewegung zusammengeführt wird, und gehe damit auf den zweiten Aspekt ein. Wie die Vorstellung verwendet wird, ist überhaupt eines der wichtigsten Themen des Qigong. Prof. Lin Zhongpeng meinte dazu: Die Vorstellung kann einem großen, breiten Strom verglichen werden. Das Wasser des Stromes kann ein Boot tragen, es kann ein Boot jedoch auch zum Kentern bringen. Darum ist es so wesentlich, korrekt zu verstehen, wie man während des Qigong-Übens mit der Vorstellung umgeht.

Einige der diesbezüglich wichtigsten Punkte erkläre ich im Video, in einem zukünftigen Beitrag werde ich dann noch detaillierter auf das Thema eingehen.

Wednesday, April 14, 2021

Das Kleine geht hin, das Große kommt her - Ein Übungsvideo

Der Friede: Das Kleine geht hin, das Große kommt her. Heil! Gelingen! Auf diese Weise vereinigen sich Himmel und Erde, und alle Wesen kommen in Verbindung. Obere und Untere vereinigen sich, und ihr Wille ist gemeinsam. Innen ist das Lichte, außen das Schattige, innen der Edle, außen der Gemeine. Der Weg des Edlen ist im Wachsen, der Weg des Gemeinen im Abnehmen.

So der Urteilsspruch zu Tai 泰 (Der Friede), dem 11. Hexagramm des Buchs der Wandlungen, das durch die Übung des heutigen Videos verkörpert wird. Es ist eine sehr wesentliche Übung, durch die man einen der wichtigsten Inhalte des Qigong zu verstehen lernt.

Der Name der Übung lautet: Qian kun jiao tai 乾坤交泰 - Das Schöpferische und das Empfangende treffen einander in Frieden". Sie stammt aus dem Qigong des Laozi", einer Übungsfolge, auch Das Kultivieren des Wirklichen" genannt, die auf Inhalten des Daodejing und des Buchs der Wandlungen basiert. Prof. Cong hatte sie vor Jahren unterrichtet. 

Das ganze obige Urteil kann als Kommentar zur Qi-Bewegung der Übung gelesen werden, in der Yang und Yin auf eine solche Art und Weise in Bezug gebracht werden, dass alles fördert" oder zu „Heil" und „Gelingen" führt, um in der Sprache des Buchs der Wandlungen zu bleiben.

Kommunizieren Yin und Yang nicht, entsteht Gefahr. Die Trennung von Yin und Yang ist das Ende (d.h. der Tod) von Essenz und Qi", heißt es im Inneren Klassiker des Gelben Kaisers. Darum achtet man im Qigong darauf, Yin und Yang einander zu „verheiraten" und ihre Verbindung zu festigen. Dann kann das Xieqi (邪气 das pathogene Qi - das Kleine und Gemeine) weichen und das Zhengqi (正气 der Edle - das aufrechte Qi des funktionierenden Organismus) wachsen. Das Yang wird an zentraler Stelle sein und den Zusammenhalt des Ganzen schützen. Gesundheit ereignet sich als Folge.

Es ist das „innere Umstellen“, welches dies zuwege bringt. Das Yang, in seiner Bewegung nach oben und außen, kann sonst das Yin nicht treffen. Was oben ist, muss nach unten gebracht werden, was außen, nach innen. Dann erst vereinigen sich Himmel und Erde und alles Leben wird gefördert und entfaltet.

Das Zeichen entspricht dem Frühling, der Zeit, in der Himmel und Erde zu allgemeinem Blühen und Gedeihen zusammenwirken, darum hatte ich den Gedanken zu diesem Video und diesem Beitrag. Und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Qigong zu üben genau dieses heißt, nämlich die Begegnung von Himmel und Erde in der inneren Stille und Ruhe (auch eine mögliche Übersetzung von Tai 泰) immer wieder wirklich werden zu lassen, als eine Zeit des inneren Frühlings, der jederzeit, auch unabhängig von der tatsächlichen Jahreszeit, erlebt werden kann.


Monday, April 12, 2021

Ein paar verstreute Frühlingsgedanken

Frühling. Das Leben entfaltet sich. Alles wächst. Die Bäume knospen und ergrünen, Blütenduft erfüllt die Luft, überall zwitschern Vögel, während sie nach Nahrung suchen und Nester bauen. Doch ist der Übergang vom dunklen Winter zu den langen Tagen des lichten Sommers oft auch turbulent, mit raschen und plötzlichen Wechseln von Wind, Regen, Schnee, Sonne, mit Frosttemperaturen, die über Nacht sonniger Wärme weichen, und genauso plötzlich wieder zurückkehren.

Die Veränderungen in der Natur spiegeln sich im Körper und kommen in einer veränderten Qi-Bewegung zum Ausdruck. Im Frühling erwacht das Qi, es steigt und drückt nach oben und außen. Diesen Yang-Aspekt des Qi, kräftigend und stärkend, kann man schon in den frühen Stadien des jahreszeitlichen Übergangs spüren, dann, wenn sich im Körper empfundene Kälte oder Steifheit in Wärme oder Leichtigkeit verwandeln, wenn man durch einen plötzlichen Energieschub Erschöpfung und Langeweile überwindet, wenn sich die Stimmung hebt und wartende Möglichkeiten spürbar werden. All dies, obwohl wir alle natürlich weiterhin die Last und den Stress der schon mehr als ein Jahr dauernden globalen Krise zu tragen haben.

Der Frühling ist die Zeit, in der das Essenz-Qi (Jingqi 精气) das Qi öffnet, sein Erwachen  unterstützt, den Fluss von Qi 气 und Xue (Blut  und der Qi-Aspekt des Blutes) verbessert und sich mit dem kraftvollen Qi von Himmel und Erde verbindet, um Leben in all seiner Zartheit zu schaffen, zu erneuern und in seinen Transformationen zu schützen.

Beim Qigong-Üben ist es so, als würde man einen Frühjahrsputz halten und das Wohnzimmer auslüften ... Türen und Fenster werden weit geöffnet, um die abgestandene, staubige Luft mit frischer, lebendiger Luft zu ersetzen. Beim Üben kann das auf verschiedene Arten und Weisen geschehen, mittels spezieller Massagen (klopfen, streichen, vibrieren), durch bestimmte Methoden des Armschwingens, oder auch durch spezielle Atemtechniken. 

Diese „Pai Qi “ 排气 - Klären des Qi“ genannten Qigong-Methoden ermöglichen den umfassenden und raschen Qi-Austausch zwischen Mensch und Natur, wodurch alle transformativen Qi-Prozesse gestärkt werden. Praktiziert man Pai Qi als Abschluss des Übens, dann harmonisiert es den inneren Fluss des nährenden Yin-Qi mit dem äußeren Fluss des schützenden Yang-Qi. Die allgemeine Wirkung des Übens wird so konsolidiert und verstärkt. 

Ideal ist, wenn man frühmorgens Qigong draußen an der frischen Luft, in der Nähe von Bäumen oder in einem Park üben kann. In der Stadt ist dies nicht immer möglich. Das Qi der Natur ist jedoch überall, auch im eigenen Wohnzimmer. Das Wichtigste ist die frische Luft. Und die ist am besten nach einem Frühlingsregen, dessen feines Qi zusammen mit der feuchten und kühlen Luft sich leicht mit dem eigenen Qi verbindet und vermischt.

Es ist normal, wenn man im Frühling das Qi stärker spürt, wenn man also intensivere Qi-Wahrnehmungen hat. Zum Beispiel kann es sein, dass sich Hände und Füße während oder nach dem Qigong-Üben kühl oder sogar kalt anfühlen. Dies bedeutet, dass das Yang-Qi das im Körper befindliche abgestandene, kalte Qi, das den gleichmäßigen, leichtgängigen, schnellen Fluss des gesunden, warmen Qi blockiert, nach außen drückt. Oder man beginnt beim Üben oder auch später, wenn man sich nach dem Üben ausruht, leicht zu schwitzen - das kommt daher, dass sich das nährende Yin-Qi des Körperinneren mit dem schützenden Yang-Qi der Körperoberfläche harmonisiert. Dadurch fällt es dem Qi der Lunge leichter, die Poren zu öffnen und zu schließen, und die Haut beginnt besser zu atmen.

Das steigende Yang-Qi des Frühlings ist von Natur aus schöpferisch und warm, und gewinnt, während es 
dem Sommer zugeht, mehr und mehr an Kraft. Es steigt auf, drängt kräftig nach oben und außen und befördert die natürliche Transformation jedes Aspekts des Lebens. Ist man aufmerksam, lässt einen diese innere Bewegung eine engere Verbindung mit der Natur erleben, nicht nur draußen, auch zuhause. Ideen werden einem zufliegen, und die Gesundheit wird sich mit dem Qi heben und in Möglichkeiten des Tuns verwandeln.

Hoffentlich können wir in Zukunft wieder einmal einige von den speziellen Qigong-Methoden zeigen, durch die man auf engere und direktere Art mit der Natur zu kommunizieren lernt. Diese Art von Erfahrung ist inspirierend und belebend, und sie lässt eine Freude entdecken, die die Natur eigentlich immer bereit hält und die zu jeder Jahreszeit anders erlebt wird .. Noch ist Geduld vonnöten, aber es wird sich schon wieder die Gelegenheit ergeben. 

Wir wünschen allen einen schönen Frühling! 

PS: Die vier Kalligraphien zeigen alle das Zeichen: 春 Chun - Frühling. 

Asian Medicine and COVID-19

Asian Medicine ist eine multidisziplinäre Zeitschrift,   gerichtet an Forscher und Praktiker der asiatischen Medizin, in der wissenschaftlic...